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Samstag, 28. Juni 2014

Nur mal kurz die Welt retten - funktioniert leider so nicht... - 2. -sonntag nach Trinitatis, 29.06.2014

Text: 1. Korinther 9,16-23



Liebe Gemeinde!
„Mein Lohn ist, dass wenigstens einige gerettet werden!“ – So versteht Paulus das, was er ehrenamtlich und mit dem Einsatz seines ganzen Lebens tut. Er lässt sich seine Rettungstat nicht bezahlen.
Jetzt gibt es ja ganz viele Arten, Menschen zu retten. Ich denke an die Männer und Frauen, die sich ehrenamtlich in der Feuerwehr engagieren. Sie lassen sich aus- und fortbilden, haben sicher hoffentlich auch oft Spaß an ihrer Sache, aber es ist doch ihre Zeit, die sie einbringen und vor allem: Wenn es hart auf hart kommt, bei Unfällen, bei Bränden, dann geht es oft bis an den Rand der eigenen Körperkräfte und manchmal auch an den Rand dessen, was die eigene Seele ertragen kann. Ich denke an Menschen, die sich ehrenamtlich in der Nachbarschaftshilfe engagieren. Da geht es vielleicht nicht um körperliche Rettung, aber manchmal ganz einfach auch darum, Menschen vor der Einsamkeit zu retten oder davor, ein Leben fernab der vertrauten Heimat und Kontakte führen zu müssen. Oder es geht darum, eine Familie am Rand des Zusammenbruchs zu entlasten, weil jemand für die Kinder oder als Ansprechpartner da ist.
Ich denke an Menschen, die sich ehrenamtlich in der Begleitung von Sterbenden, in Hospizdiensten, in der Arbeit der Tafeln, in Deutschkursen für Flüchtlinge engagieren. Ich denke an Ärztinnen oder Krankenpfleger, die ihren Urlaub dafür opfern, in Ländern der sogenannten Dritten Welt Menschen, die sonst ohne medizinische Versorgung wären, zu helfen und Leben zu retten. Wie gesagt, es gibt viele Arten und Weisen, Leben zu retten. Und sehr, sehr viel geschieht, ohne dass die Menschen, die zu Lebensrettern werden, Geld dafür erwarten und bekommen. Ihnen nimmt man ihren Einsatz auch innerlich ab. Sie sind deshalb glaubwürdig, weil sie keinen sichtbaren Vorteil aus ihrem Einsatz ziehen.
Ja, Paulus hat recht: es erhöht die Glaubwürdigkeit, den Einsatz, weil man gepackt ist und nicht, weil man sich einen Vorteil erhofft, wenn kein Lohn im Spiel ist. Aber ich denke, dass Glaubwürdigkeit und Bezahlung nicht in unmittelbaren Zusammenhang stehen. Klar, können Sie jetzt sagen, sie müssen das so sehen. Pfarrer bekommen ja Geld für das, was sie tun. Und natürlich kann einen die gar nicht mal so schlechte Bezahlung dazu verführen, auch dann noch den Glauben an Gott öffentlich zu verkündigen und Kinder und Jugendliche zu unterrichten, wenn der eigene Glaube sich vielleicht verabschiedet hat und nur noch Hülle ist. Aber ich denke auch, dass andere, dass nicht nur eine Kirchengemeinde, sondern alle Menschen, denen man begegnet, das schnell merken würden. Glaubwürdigkeit hängt nicht in erster Linie an einer Bezahlung, sondern daran, dass Reden und Handeln und eigenes Leben in Einklang stehen und da haben andere schon ein Gespür für. Und ich will auch mal weg vom Blick auf den Pfarrer oder die Pfarrerin allein, wenn’s darum geht, das Evangelium zu predigen. So, wie es verschiedene Arten gibt, Leben zu retten – und davon ist die Verkündigung des Evangeliums eine Art – so gibt es auch verschiedene Arten, das Evangelium zu predigen. Aber was ist das eigentlich, das Evangelium?

Die Verkündigung des Evangeliums ist mehr, als Predigten und Ansprachen zu halten und in Bibelkreisen was Frommes zu erzählen. Das Evangelium zu predigen, das heißt, durch Worte und Taten Menschen zu helfen, eine gute Sicht auf ihr Leben zu gewinnen. Menschen sollen lernen, sich so zu sehen, wie Gott sie sieht: grundsätzlich

Freitag, 6. Juni 2014

...mehr als ein Sommermärchen - Pfingstsonntag 2014, 08.06.14, Reihe IV

Nach langer Zeit mal wieder eine Sonntagspredigt: die erste in den Gemeinden meines Predigtauftrags in der Kirchengemeinde Dreihausen-Heskem, diesmal in Heskem und Roßberg. Und dann so ein Text... Das war nicht gerade mein Lieblingstext und es gibt sicher sehr viele "pfingstlichere" Texte!
Text: Römer 8,1+2+10+11 (Zürcher)


Liebe Gemeinde!
Wollen sie auch gern wissen, woran sie sind? Ich schon. Und ich glaube, viele wollen das. Ich habe das in der Schule erlebt. Obwohl ich jetzt seit 30 Jahren kein Schüler mehr bin, erinnere ich mich noch gut dran, dass mir Lehrer sehr lieb waren, die klare Ansagen gemacht und das dann auch durchgehalten und für alle gleich gehalten haben. Klare Ansage – klare Konsequenz. Im Guten wie im Schlechten. Und in den 20 Jahren, in denen ich selber unterrichtet habe, da habe ich auch gemerkt, dass Schülerinnen und Schüler einem nicht böse sind, wenn man klare Ansagen macht und die auch einhält. Wenn – dann. Und das für alle gleich. Ich erlebe das jetzt im Umgang mit Mitarbeitern, aber auch dann,  wenn es um Gesetze und Regeln geht. An die ich und andere sich im Alltag halten müssen. Wenn – dann: klare Aussage, das hilft, sich zurechtzufinden, das schafft Nachvollziehbarkeit und eine Form von Gerechtigkeit. Aber es zeigt Menschen dann auch ziemlich klar, was sie alles nicht können und nicht richtig machen. Und manchmal merkt man dann auch: So einfach ist das gar nicht, dass sich alles in Regeln fassen lässt. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß, an oder aus, 1 oder 0. Die Welt ist weniger digital, statisch, vorhersehbar, planbar, als wir manchmal denken oder es gern hätten. Leben ist bunter, vielfältiger. Und „Wenn – Dann“, das lässt einen manchmal dann mit der Frage dastehen: „Ja, wozu gehöre ich eigentlich? Trifft das jetzt auf mich zu oder nicht?“
„Wenn – dann…“ – das will Klarheit, Gerechtigkeit, Nachvollziehbarkeit herstellen. Aber manchmal lässt es mich und jeden, der mit solchen Aussagen konfrontiert wird, mit Fragen zurück. Nicht alles lässt sich regeln.
„Wenn – dann…“ – manchmal lädt das aber auch zum Träumen ein. „Wenn ich erstmal konfirmiert bin, dann darf ich endlich abends auf die Kirmes“  - einer der Träume meiner Jugend. Heute sieht es vielleicht anders aus. Aber: „Wenn ich erstmal volljährig bin…., wenn ich erstmal einen tollen Beruf habe und richtig Geld verdiene…, wenn die Kinder endlich groß sind…,  wenn das Haus erstmal abbezahlt ist, …; wenn ich erstmal im Ruhestand bin…“ – Träume, Hoffnungen, Wünsche – Gott sei Dank lässt sich das nicht ausrotten. Schwierig wird es dann, wenn sie den Blick auf die Wirklichkeit verstellen und einen dazu verleiten, die Gegenwart, das was jetzt zu tun und zu lassen ist, zu vernachlässigen.
„Wenn – dann…“ – klare Ansage, klares Gesetz, das Menschen auch in Frage stellt oder Anlass zum Träumen? Was meint wohl Paulus, wenn er mit einigen „Wenn – Dann…“s an die Gemeinde in Rom schreibt? Wir hören einige Verse aus dem 8. Kapitel des Briefes an die Römer:

Lesen: Röm  8,1+2+10+11, Zürcher Übersetzung

Ich glaube, dass Paulus hier beides zusammenbringt: die klare Orientierung, die einem zeigt, wo’s langgeht und hilft, die aber auch manchmal anstrengend ist, weil sie auch zeigt, was auch bei mir nicht gut ist, wo ich mich anfragen lassen muss, ob das, was ich mache, richtig ist – und die Sehnsucht nach einer guten Zukunft. Der Traum von einem Leben, das wirklich gut ist, das noch nicht da ist, das aber mehr als nur ein Traum ist. „Wenn – dann“ – es ist noch nicht so weit, aber es kommt.
Leben ist spannend. Da ist einmal die Spannung,

Montag, 31. März 2014

SKANDAL! Mehrheitsmeinung wird einfach ignoriert! Unlogik setzt sich durch!


Der folgende Text ist ein Beitrag für die Homepage des St.-Elisabeth-Vereins, Marburg

Undenkbar, dass solche Schlagzeilen hingenommen werden. Es kann nicht sein, dass einfach an der eindeutigen, und sei es nur selbst gefühlten, Mehrheit vorbei was gemacht wird! Das Auslösen eines Shitstorms ist das Mindeste, das nun folgt. Und bei Jauch und Maischberger, in der heute-show und den Talks in den Dritten Programmen, in Leitartikeln und Morgen-, Mittags- und Abendmagazinen würde ein Heer von mehr oder weniger anerkannten, selbsternannten und sonstigen Experten durchs mediale Dorf getrieben. Aber das alles bleibt aus, wenn’s um Ostern geht. Wir haben uns an die Ferien und Feiertage gewöhnt, eine willkommene Unterbrechung des Alltags. Schade nur, dass es am Karfreitag ein Tanzverbot gibt, das immer mehr ausgehöhlt und in Frage gestellt wird. Ostern –Zeit der Entspannung, des Urlaubs, Zeit zum Feiern, für Familie, Freunde, erste ausgedehnte Radtouren. Und sonst? War da was? Ach ja, in Konfer musste es ja auswendig gelernt werden. „Am dritten Tage auferstanden von den Toten“.

Und das ist doch der Skandal überhaupt, in jeder Hinsicht. Die Mehrheit der Menschen wollte den Tod, wollte das Opfer. Der unbequeme Versöhner, der konsequent auf Gerechtigkeit besteht und die auch vorlebt, der, der an die Ränder der Gesellschaft geht und menschengemachte Vorrechte in Frage stellt, der, der Gottes Liebe auch zu denen bringt, die in den Augen der Mehrheit nicht liebenswert sind, der muss und soll weg. Aber selbst der Tod kann hier nichts stoppen. Völlig unlogisch, völlig an den normalen Erfahrungen vorbei. Gott widerspricht dem, was Menschen für normal halten. Gott widerspricht der Perspektivlosigkeit. Gott widerspricht dem Diktat des „Das-war-doch-schon-immer-so“! Gott schafft Perspektiven für die ohne Perspektive. Ein Skandal! Gott richtet sich nicht nach dem Mainstream, nicht nach der Mehrheit, nicht nach dem „gesunden Volksempfinden“ und nicht nach dem, was die „Wutbürger“ fordern. Gottes Perspektive ist das Leben. Das Leben, das sich auch von allem, was es verneint, nicht unterkriegen lässt. Dem Leben, das am Ende verwandelt wird und Recht, Gerechtigkeit, Liebe ans Licht bringt.

Und was heißt das heute? Wo ist heute dieser Skandal noch spürbar? Wo ist Ostern heute tatsächlich noch mehr als ein nettes Frühlingsfest? Für mich da, wo der Widerspruch gegen die Trostlosigkeit und den Tod, wo der Widerspruch, den Jesus hier lebt, laut wird. Dort, wo Partei ergriffen wird, wenn Menschen, jungen wie alten, ihre Perspektive gestohlen wird, sie stigmatisiert und an den Rand gedrängt werden. Dort, wo nicht die Lauten, die ihre Interessen am auffälligsten vertreten können, zuerst gehört und bedient werden, sondern wo aktiv auf die Leisen, Zurückhaltenden, Schüchternen, Verängstigten zugegangen wird. Dort, wo ich selber bereit bin, mich und meine Wege in Frage zu stellen, wo ich erkenne, dass ich Vergebung und einen Neuanfang brauche und mich nicht für besser halte. Dort, wo nicht die Perspektive des Todes, des Krieges, der Gewalt die Überhand gewinnt, sondern wo aus dem Sieg des Lebens Kraft wächst, der Logik des Todes zu widersprechen. Auch dort, wo ich nicht vorletzte Fragen nach der Befriedigung eigener Interessen, und seien sie auch noch so gut und gut gemeint, zu letzten Fragen über Leben und Tod hochstilisiere, sondern wo ich auch die Perspektive des anderen einnehmen kann und Wege zu einem guten Miteinander nicht durch Rechthaberei verbaue.

Ostern ist ein Skandal. Ostern widerspricht unserer Alltagslogik. Gott sei Dank!

Donnerstag, 6. März 2014

Macht macht stark - Predigt zur Einführung als Diakoniepfarrer in den Kirchenkreisen Kirchhain und Marburg


1. Samuel 2, 20:

Saul sprach zu David: Wo ist jemand, der seinen Feind findet und lässt ihn mit Frieden seinen Weg gehen? Der HERR vergelte dir Gutes für das, was du heute an mir getan hast!

 

Liebe Gemeinde!

Zwei Männer sind, im wahrsten Sinn des Wortes, zu Todfeinden geworden. Der eine, formal noch der Herrscher und Inhaber der Macht, klammert sich mit aller Gewalt an das, was er nicht mehr halten kann. Und wie das so ist. Je mehr seine Macht in Frage gestellt wird, desto härter und brutaler reagiert er. Seinen Herausforderer will er töten. Der andere, jung, aufstrebend, zunächst noch Freund des Machthabers, hat die Zeichen der Zeit erkannt, wird, darauf deutet alles hin, die Macht bekommen. Er steht in der Gefahr, getötet zu werden. Er stellt eine große Bedrohung für den Machthaber dar, der sich an das, was er hat, klammert. Und dann ergibt sich die Möglichkeit, den alten Machthaber loszuwerden. Er, der junge, aufstrebende hat es in der Hand, seinen Todfeind ein für allemal zu beseitigen. Und was macht er? Er lässt ihm das Leben. Er nutzt seine Macht nicht aus, er sinnt nicht auf Rache, er erweist sich gnädig. So ist es, nicht in der Ukraine in diesen Tagen, nicht in Südafrika zu Zeiten, als die Apartheid zu Ende ging, sondern im Alten Israel lange, lange vor unserer Zeit. Saul und David machen sich das Leben zur Hölle mit ihren Macht- und Verteidigungsansprüchen. Und David bricht, zumindest für einen Moment, aus der Spirale der Gewalt aus. Und in dieser Situation lesen wir eben den Satz in der Bibel, den ich eben vorgelesen habe. Vielleicht kann die Generation meiner Großväter, die den zweiten Weltkrieg als Soldaten miterlebt haben, so ein wenig ermessen, was diese Entscheidung von David bedeutet. Dem Feind, der einem selbst ans Leben will, das Leben zu schenken. Wahrscheinlich können Menschen in viel zu vielen Ländern der Erde, in denen Menschen wegen ihrer Religion oder ihrer Volkszugehörigkeit um ihr Leben fürchten müssen, oder Menschen in Ländern, in denen sich Mächtige mit Gewalt an ihre Macht klammern, wie Syrien oder der Ukraine, ein wenig ermessen, was das bedeutet, dem Feind, der das eigene Leben bedroht, Leben zu schenken, auch wenn man die Macht hat, es auszulöschen. Für die aller, allermeisten, die heute hier mitfeiern, ist das aber wohl, Gott sei Dank, keine Frage auf Leben und Tod.

Aber trotzdem ist es eine wichtige Frage: Wie gehe ich mit der Macht um, die mir über andere gegeben ist? Macht ist erst einmal nichts Böses. Viel zu oft wird Macht mit Gewalt gleichgesetzt. Oder Machtmissbrauch wird gleich mitgedacht oder mit vermutet. Dabei ist Macht eigentlich erst einmal eine Grundgegebenheit unseres Menschseins. Mit einem Lächeln, einem freundlichen Wort hat jeder von uns tatsächlich die Macht, das Leben eines anderen, der ihm begegnet, erst einmal, und sei es nur für wenige Minuten, schöner, lebenswerter zu gestalten. Was sich so banal anhört, auch im Umkehrschluss, dass wir mit mieser Laune oder einer schnell mal nebenbei rausgerutschten Beleidigung die Macht haben, einen anderen niederzudrücken, hat für mich viel tiefere Schichten.

Vor gut einer Woche habe ich Folgendes erlebt, dass nur auf den ersten Blick nichts mit Saul und David und Feindesliebe und Macht zu tun hat, auf den zweiten Blick aber ganz viel zeigen kann: Da sind zwei Frauen beim Mittagessen in der Tagesaufenthaltsstätte für Wohnungslose. Beide häufig da. Die eine schüchtern, zurückhaltend, schon älter, hat lange gebraucht, bis sie ihre Hilfsbedürftigkeit zugeben konnte, sich öffnen konnte. Die andere, eher raumfordernd, laut, ebenfalls mit vielen Problemen und einer schwierigen Lebensgeschichte, lässt durch offene und verdeckt verteilte Spitzen immer wieder deutlich werden, dass in ihren Augen die ältere Dame da nichts verloren hat und wenn sie schon da ist, sie gefälligst den Mund halten und sich anpassen soll. Was ist hier richtig, was ist hier diakonisches Handeln? Mitleid zu haben mit den Frauen und ihrer schweren Lebensgeschichte, zu beschwichtigen, zu sagen: „Ach, das muss man ja verstehen, die können ja auch nichts dafür, die wurden ja auch vom leben oder von anderen schlecht behandelt?“ Ich bin dankbar, dass die Mitarbeitenden in der Tagesaufenthaltsstätte sich nicht von dieser Form von Mitleid leiten lassen. Sie arbeiten mit ihrer Macht, die sei haben, durch ihre Ausbildung, ihre Kompetenz, auch ihre relative materielle Sicherheit. Sie verstecken ihre Macht nicht. Und sie arbeiten mit der lauten, stichelnden Frau. Sie machen sich mit ihr auf den Weg, damit sie lernen kann, anderen Raum zu geben, anderen das Leben zu gönnen und leichter zu machen, weil sie selbst erfahren kann, dass sie ernstgenommen wird und Raum hat. Sie helfen ihr, ihre Macht zu entdecken und bewusst und verantwortungsvoll damit umzugehen. Ein mühsamer, langer Weg mit manchen Rückschlägen. Aber ein richtiger Weg. Diakonisches Handeln ist für mich auch ein Handeln, das Menschen hilft, die ihnen eigene, von Gott gegebene Würde und Macht zu entdecken, wahrzunehmen, verantwortungsvoll damit umzugehen. Wie gehen Menschen miteinander um? Das ist für mich eine ganz zentrale Frage. Für mich ist das, was in der Geschichte von Saul und David als Gottes Wille deutlich wird und was sich dann in den Worten Jesu: „Liebt eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ zeigt, keine fromme pazifistische Überforderung. Für mich heißt das ganz einfach: Leben fördern und nicht Leben nehmen ist GottesWille für den Umgang von Menschen untereinander. Frieden, sozialer Frieden genauso wie Frieden als gewaltfreies Miteinander, hat am ehesten dort eine Chance, wo Menschen nicht um ihr Lebensrecht kämpfen müssen, sondern wo sie sich angenommen und aufgehoben wissen – in aller Unterschiedlichkeit. Auch in der Unterschiedlichkeit der Gaben und Möglichkeiten. Keiner muss alles könne und alles haben. Dem andere helfen, die Verantwortung und Macht, die er hat, zu entdecken und wahrzunehmen, das ist Diakonie – es geht eben nicht darum, anderen Verantwortung abzunehmen, auch wenn das manchmal der einfachere Weg zu sein scheint. Gott schenkt uns Menschen Verantwortung, füreinander, für das Leben. Diakonisches Handeln, eben nicht nur von Profis in Institutionen, Vereinen, Verbänden, sondern von jedem, der sich in der Nachfolge Jesu weiß, in Gemeinden und überall, heißt auch dazwischen zu gehen, wo dies schwer oder unmöglich gemacht wird. Und insofern gehört zu diesem diakonischen Umgang miteinander auch so etwas wie das Bewusstsein, die eigene Macht immer auch zu begrenzen und den Anspruch zu haben, sich überflüssig zu machen. Loslassen können, den anderen ein eigener Mensch sein lassen zu können – auch das ist ein Handeln im sinne Gottes, im Auftrag Jesu. Es geht in der Liebe, von der Jesus spricht, nicht um das große Gefühl, sondern darum, im anderen das Du mit eigenem Wert und eigenem Weg und eigenem Recht zu sehen. Menschen zu helfen, sich gegenseitig auf Augenhöhe zu begegnen – ich glaube, dass das ein wesentlicher  Auftrag ist, wenn wir unser Tun und Lassen in der Verantwortung vor Gott geschehen lassen. Und für mich liegt ein Anfang auch da, wo wir voneinander reden. Nicht erst da, wo wir mit der Waffe in der Hand anderen Leben nehmen oder Leben lassen können.  Wie reden wir voneinander? In den letzten Wochen bin ich, manchmal auch mit leicht spöttischem Unterton, öfter mal las „Chef“ angeredet worden. Gewöhnungsbedürftig. Aber tatsächlich bin ich auch der, der Verantwortung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat, der im Rahmen des rechtlich Möglichen Entscheidungen treffen kann, die andere ausführen. Macht wird dann schwierig, wenn sie verschleiert wird. Offenheit und Transparenz gehören dazu. Und da bin ich eher Chef als Freund. Und wie reden wir von den Menschen, die uns begegnen, die uns und unsere Angebote beanspruchen? Kunden? Klienten? Mandanten? Wenn wir nicht aus dem Blick verlieren, dass es sich in allem, was wir tun, um ein Miteinander von Menschen handelt, die sich um Gottes Willen auf Augenhöhe begegnen, dann ist es vielleicht sogar manchmal gut, distanzierter zu reden, weil Menschen auch das Recht haben, weniger von uns zu wollen, als wir ihnen zu geben bereit sind. Einfach nur einen Rat und nicht unsere ganze Liebe. Die bekommen sie hoffentlich dann woanders, die bekommen sie sicher von Gott. Es reicht, einander das Leben zu gönnen, zum Leben zu helfen. Keiner von uns ist allmächtig. Auch nicht in Bezug auf seine Liebesfähigkeit. Wir sind erlösungsbedürftig. Wir dürfen uns und die, die uns anvertraut sind, Gott und seiner Liebe anvertrauen. Unsere Macht ist begrenzt. Aber sie ist da. Und damit auch unsere Verantwortung. Füreinander. Gott sei Dank.

Amen

Freitag, 17. Januar 2014

In der Muckibude - Abschied vom Richtsberg - 2. So nach Epiphanias, 19.01.2014

Text: Hebräer 12,12-19.21-25a (Basisbibel)
Meine letzte Predigt als Pfarrer auf dem Richtsberg



Liebe Gemeinde!
Ich möchte jetzt mal drei starke Männer und drei starke Frauen hier vorne bei mir haben. (Falls tatsächlich Leute nach vorn kommen: einfach mal fragen, warum sie gekommen sind; falls nicht: Traut sich keiner? War die Frage zu stark und ihr seid zu schwach? Kommen in den Gottesdienst nur schwache Gestalten? Okay, mal im Ernst: Vielleicht denken ein paar: eigentlich könnte ich schon gehen, aber ich will ja nicht vor so vielen Leuten als Macker da stehen oder als Angeber-Tussi. Und möglicherweise denken ganz viele: Ach, ich doch nicht, ich bin doch nicht stark, da gibt’s doch ganz andere. Und manche sind vielleicht zu faul aufzustehen. Man sitzt ja gerade so bequem. Und ich glaube auch, dass viele denken: Was heißt das eigentlich, stark sein? Bin ich das?)
Bei Männern geht das oft über Körperkraft oder die Fähigkeit, seinen Willen durchzusetzen. Das sind starke Typen. Manchmal vielleicht auch die, die ordentlich was vertragen, beim Trinken oder bei Pöbeleien. Wer viel Schlucken und gut austeilen kann, den halten viele für stark. Bei Frauen sind das manchmal die, die einen super bezahlten Job haben, immer absolut begehrenswert aussehen, gut gestylt, und dazu noch eine Familie mit vier Kindern managen. Oder manchmal auch durchaus kräftige Frauen, die aber mit Humor und Durchsetzungskraft was zeigen. Fitnessstudio, Muskeln, Erfolge, vielleicht auch noch Top-Stimme, musikalisch, durch nichts aus der Ruhe zu bringen, egal ob bei Männer oder Frauen: das ist stark. Und so sollen wir jetzt auch alle werden. Stärkt euch! Haben wir gerade aus der Bibel gehört. Also: ihr seid jetzt sozusagen in der geistlichen Muckibude, damit euch der Alltag nichts anhaben kann, damit ihr fit seid für… - ja, für was eigentlich?
Natürlich für’s Leben, für was denn sonst?! Aber was heißt das denn? Ich glaube nicht, dass echte Stärke an solchen Äußerlichkeiten wie tollen Muskeln oder einer nach Medienmaßstäben perfekten Figur auch nach dem dritten Kind abzulesen ist. Selbst am dicken Bankkonto und schönen Haus und ich glaube auch noch nicht mal an der Menge der Freunde und Bekannten lässt sich wahre Stärke ablesen. Wirklich stark ist der, der Schwäche nicht verstecken muss. Und das liebe ich an Gott, an Jesus, an der Bibel, dass es da nicht um irgendwelche absurden Superhelden geht, nicht um die Gesetze des Marktes, sondern um echtes Leben, das auch seine Macken hat. Der, der Schwäche zulassen kann, ist am Ende der, der das Leben gewinnt. So, wie es bei Jesus ist. Der kannte das Gefühl, am Ende zu sein. Der lief auch vor dem Sterben nicht weg, der hat sich nicht aus dem Leben rausgezaubert, sondern der lebt mit allen Konsequenzen, auch mit der Schwäche und dem Tod – und hat alles gewonnen. Liebe, die stärker als der Tod ist. Leben, das den ins Recht setzt, dem andere Unrecht tun. Leben auch für die, die sich selbst für zu schwach, zu klein, zu dumm halten. Stark ist der, der die Schwächen nicht verstecken muss. Macht die erschlafften Hände und die erlahmten Knie wieder stark!  Das rechnet ja schon mit Momenten der Schwäche. Auch im Glauben an Gott. Habt keine Angst davor! Weder bei euch noch bei anderen! Ich find‘s schön, was hier steht. Ihr  müsst nicht die sein, die immer strahlen. Ermutigt euch. Lasst keinen zurück! Achtet auf die, die nicht mitkommen! Sich selbst und andere stark machen! Für mich ist das eine der schönsten Beschreibungen dafür, was der Glauben an Gott eigentlich in diesem Leben, im Alltag, in dieser Welt soll. Ich habe in den knapp sechseinhalb Jahren als Pfarrer auf dem Richtsberg davon viel erlebt. Von dem, was es heißt, gestärkt zu werden. Nur ein paar Highlights aus meiner geistlichen Muckibude: die Seniorennachmittage. Meistens kamen gar nicht viele Leute zusammen. Wenn es nach der Marktlogik geht, eigentlich viel zu wenig Leute für den Aufwand. Aber ich fand es beeindruckend, wie Menschen, die ihr Kind oder ihren Ehepartner verloren haben, gerade hier wieder Mut gefasst haben. Das hat auch mir Kraft gegeben. Ich durfte Gott hier bei der Arbeit zugucken. Ganz

Samstag, 11. Januar 2014

Kannste knicken?! - Nein!, 1. Sonntag nach Epiphanias, 12.01.14, Reihe VI

Text: Jesaja 42,1-4


Liebe Gemeinde!
Moment, darf ich mal? Ich hab nicht so viel! Schon weit vor der Kasse ruft die Frau das durch den Laden. Und bevor überhaupt jemand antworten kann, hat sie sich an der Kasse schon vorgedrängelt. Ich hab’s echt eilig, mein Bus geht gleich! Lautstark macht sie sich bemerkbar, schon wieder einen Platz weiter vorn ergattert. Und dann steht das schüchterne Mädchen an der Kasse, in der Hand nur eine Dose Cola und einen Beutel Gummibären, sie ist still, hat gerade schon den alten Herrn mit den Krücken vorgelassen. Und eh sie sich’s versieht ist die laute Dränglerin, die auf dem Recht, ihren Bus zu kriegen, besteht, auch noch vor ihr. Mit fast vollem Korb. Mist, denkt das Mädchen. Jetzt komme ich nach der Pause doch zu spät in die Schule und krieg schon wieder Ärger mit Frau Schulze. Aber sie sagt nichts. Die Lauten kommen voran, die Drängler, die keine Rücksicht auf Verlust nehmen. Wer leise ist, zurücksteckt, vielleicht auch tatsächlich noch für andere, die kaum noch stehen können, Platz macht, wer Menschen in Not hilft und nicht vorbeigeht, wenn’s einem selber nichts bringt, der kommt nicht vorwärts. Der bleibt hintendran, nicht nur an der Supermarktkasse. Der wird geknechtet, der bleibt Knecht. So ist das Bild, so wird’s immer wieder erzählt und deshalb scheint es immer zu einem gängigen Lebensmuster zu werden, dass sich jeder das, von dem er glaubt, dass es ihm oder hr zustehen müsste, nimmt. Ohne Rücksicht auf Verluste eben. Soll doch jeder selber für sich sorgen. Und wenn dabei einer, der sowieso schon leidet, untergeht – selber Schuld. Ich zuerst – an der Supermarktkasse genauso wie im Umgang zum Beispiel mit Flüchtlingen aus Syrien. Millionen sind auf der Flucht. Der arme Libanon hat über 1 Million Flüchtlinge aufgenommen. Und das reiche Deutschland lässt sich dafür feiern, dass es maximal 10.00 Menschen aufnehmen will. Ich zuerst – auch im Umgang mit Menschen, die noch gar nicht da sind. Mit Rumänen und Bulgaren, denen erst einmal pauschal unterstellt wird, nur auf deutsche Sozialleistungen aus zu sein. Ich bin kein Romantiker, der glaubt, das deutsche Sozialsystem sei unendlich belastbar oder der glaubt, dass das Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen mit sehr unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen spannungsfrei möglich ist, wenn alle sich nur Mühe geben. Nein. Es gibt Probleme, es wird welche geben und Menschen sollen tatsächlich auch Verantwortung für sich und ihr Leben übernehmen und das, was sie können, auch selbst in die Hand nehmen. Aber das ist immer unterschiedlich viel und es geschieht mit ganz unterschiedlichen Begabungen oder Voraussetzungen. Ich bin kein Romantiker, ich bin Christ. Und als Christ höre ich auch das, was ein Prophet, dem der Name Jesaja gegeben wurde, als Gottes Wort weitergibt.
Von Gottes Knecht ist da die Rede, von dem, der von Gott gehalten wird , der Gottes Geist hat, der auserwählt ist und der das Recht zu den Völkern bringt, gerade auch zu den Menschen, die Gott gar nicht kennen. Knecht – das hört sich im Deutschen so abschätzig an. Knecht – das ist einer mit wenig oder keinen Rechten, einer der ganz

Dienstag, 24. Dezember 2013

In eigener Sache...

Die Predigt zum 2. Weihnachtstag 2013 ist die letzte, die ich als Gemeindepfarrer der Thomaskirche auf dem Richtsberg veröffentliche. Ab dem 1. Januar werde ich eine neue Stelle als Kreisdiakoniepfarrer für Marburg und Kirchhain antreten. Als "Funktionspfarrer" werde ich sehr viel seltener predigen dürfen. Am 12. Januar (1. Sonntag nach Epiphanias) vertrete ich mich sozusagen noch einmal selbst und am 19. Januar (2. Sonntag nach Epiphanias) werde ich mich offiziell verabschieden. Diese beiden Predigten werde ich, wie immer, veröffentlichen. Aber danach wird es imemr wieder größere Pausen geben. Ich möchte allen, die mich in diesem Blog in den vergangenen gut 5 1/2 Jahren begleitet haben, ganz herzlich danken. Ihnen und Euch allen wünsche ich gesegnete Weihnachten und ein gutes, behütetetes Jahr 2014!

Freu dich - endlich! 2. Weihnachtstag 2014, Predigttext ohne Reihe



Text: Zefanja 3,14-17 (ohne Reihe)

Liebe Gemeinde!
Freude über Freude! Freu dich endlich! Du hast jeden Grund dazu! Freu dich, es ist Weihnachten! Freu dich, dass du ein Dach über dem Kopf hast! Freu dich über das gute Essen! Freu dich über die Verwandten, die Kinder, die Eltern, die Großeltern, die Freunde, über alle einfach, die du in diesen Tagen siehst, gesehen hast, sehen wirst! Freu dich über die Geschenke! Freu dich! Freu dich, dass morgen endlich mal kein Feiertag ist, dass morgen alles vorbei ist!
Mich erschlägt sie oft genug, die Aufforderung, mich zu freuen. Als ob man Freude mit einem Schalter anknipsen könnte! Ich freue mich über vieles, auch über Weihnachten. Ich freue mich, dass ich keine Not leiden muss, sondern, im Gegenteil, manchmal bei anderen ein bisschen Not lindern kann. Ich freue mich, dass ich mit ihnen Gottesdienst feiern kann und ich freue mich, dass wir gleich nach der Predigt das passende Lied zu dem Predigttext singen werden. Und worüber freuen sie sich? Worüber haben sie sich in den letzten Tagen gefreut? Oder hatten sie vielleicht wenig oder gar keinen Grund gefunden, sich zu freuen? Wie gesagt, Freude kann keiner befehlen. „Jetzt freu dich doch über das Geschenk von Tante Martha!“ – diese Aufforderung ist völlig sinnlos, wenn das Geschenk eben nicht den Geschmack trifft und man sich höchstens darüber freut, dass Tante Martha an einen gedacht hat. Wer Kinder hat oder sich an die eigene Kindheit erinnert, weiß vielleicht gerade davon in diesen Tagen ein langes Lied zu singen. Wie das ist, wenn man sich freuen soll und artig Danke sagen soll und einem gar nicht so recht danach ist. Freude kann man nicht befehlen. Und je mehr dann darauf bestanden wird, dass man sich doch eigentlich gefälligst freuen soll, desto mehr Widerstand kommt oft. Freude kann man nicht anknipsen.
Aber Freude kann man auch nicht ausknipsen, wenn sie da ist und echt ist. Das ist das tolle an ihr. Kurz vor Weihnachten hatte ich ein langes Gespräch mit einer jungen Frau. „Ich bin ein totaler Weihnachtsfreak und freu mich voll auf Weihnachten“ hat sie gesagt  – und dann hat sie mir erzählt, was ihr da alles wichtig ist. Und das waren nicht nur Geschenke, die Frau glaubt an Gott und ihr ist auch der Inhalt wichtig. Aber eben auch viele äußere Sachen. Auch, dass sie Weihnachten in ihrer Familie feiert. Und dann hat sie mir von ihrer Familie erzählt. Der Vater körperlich schwer krank, die Mutter psychisch krank. Und kurz vor der Scheidung. Der kleine Bruder, noch keine 18, ist seit vielen Jahren abhängig von Alkohol und Drogen und dadurch belügt, betrügt und bestiehlt er die ganze Familie. Und Weihnachten ist diese chaotische und kaputte Familie zusammen, Streit vorprogrammiert, und trotzdem freut sich die junge Frau. Freude kann man nicht verbieten und nicht ausknipsen.
Jauchze, Tochter Zion, frohlocke, Israel, sei fröhlich von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Alle Worte, die es in der hebräischen Bibel zur Beschreibung von Freude gibt, kommen in den Versen, die ich eben vorgelesen habe, vor, und in der deutschen Übersetzung ist das ja ähnlich. Tochter Zion, das steht mehr oder weniger für den Mittelpunkt der Welt. Der Zion, das ist der Berg, an dem alle Welt zusammenkommen wird, um Gott zu erkennen, um Frieden zu finden, um die Gerechtigkeit und Liebe zu erfahren, die Gott aller Welt schenkt. Zum Zion werden nicht nur die Menschen, die immer schon an Gott glaubten kommen, sondern auch die Menschen aus allen Völkern und Religionen, die guten Willens sind. Eine Hoffnung, die nicht erst durch Jesus in diese Welt gekommen ist, sondern die schon durch die Propheten wachgehalten wurde. Dabei ist der Zion kein beeindruckender Berg wie der Mount Everest oder der Watzmann. Er ist eher ein Hügel, gegen den selbst Vogelsberg und Rhön

Sonntag, 22. Dezember 2013

Vorhang auf - Christvesper als Licherkirche am Heiligabend 2013



Hebr.6,19f. i.V. mit Rembrandt „Die Heilige Familie mit dem Vorhang“

Liebe Gemeinde!
Vorhang auf! Die Vorbereitungen sind zu Ende, jetzt darf das Wichtigste endlich gesehen werden. Es ist ein spannender Moment, wenn man sich zum Beispiel für einen anderen Menschen besonders schön macht – als Bräutigam oder als Braut oder einfach so, weil man etwas Schönes feiern will, wenn man sich Mühe gibt – „eine Minute noch, ich bin gleich so weit“ – und dann die Tür öffnet, den Vorhang der Umkleidekabine oder was auch immer zur Seite zieht und den Blick frei gibt. Wird der andere mit staunend offenem Mund und offenen Augen da stehen – oder wird er gleichgültig schauen? Wird es dem, für den man das macht, gefallen – oder wird er etwas zu kritisieren haben und vielleicht nur aus Höflichkeit schweigen. Vorhang auf – und dann gibt’s kein Zurück mehr. Vielleicht ist es bei manchen heute Abend zu Hause ähnlich, mit einem schön geschmückten Zimmer – was werden die, die mitfeiern, sagen, wenn die Tür aufgeht und sie es sehen? Oder mit Geschenken. Liebevoll ausgesucht und verpackt und wenn dann zwar nicht der Vorhang aufgeht, sondern das Geschenk ausgepackt wird, aber trotzdem dann der Inhalt zu erkennen ist und die Frage im Raum steht: Gefällt es? Vorhang auf! – genau das hat Rembrandt vor über 450 Jahren gemalt. Ich möchte Ihnen und Euch dieses Bild in diesem Jahr schenken, mit nach Hause geben. Zu Weihnachten. Vorhang auf für Weihnachten. Und was sehen wir, wenn wir den Vorhang öffnen, die Karte aufklappen? Weihnachten? Das soll Weihnachten sein?
Gut, manches mag am Licht heute Abend liegen. Da sieht man nicht so gut. Aber als dieses Bild gemalt wurde da gab es auch keine perfekten Lampen, wenn man es gegen Abend betrachtete, dann wird man nicht viel mehr gesehen haben, als jetzt zu sehen ist. Vorhang auf also – und das soll dann Weihnachten sein? Da fehlt doch alles, was Weihnachten ausmacht: die Engel, die Hirten, der Stall, der Ochs und der Esel, der Heiligenschein, nichts davon da. Stattdessen: eine gut angezogene Mutter, die ihr Kind liebevoll in den Arm nimmt. Ein Kind, gut genährt, gut angezogen, das ein wenig neugierig auf die schaut, die es vor dem Vorhang betrachten. Eine Katze, die sich an einem wärmenden Feuer kauert. Und wenn man ganz genau hinschaut, im Hintergrund kein primitives Strohlager, sondern ein Himmelbett auf der linken Seite und den Vater, der Holz hackt, auf der rechten Seite. Wäre nicht die Wiege, in der das Kind offensichtlich geschlafen hat, der hellste Ort auf dem Bild, würde die nicht die liebevolle Umarmung von Mutter und Kind den Fußboden heller erstrahlen lassen als das Feuer direkt daneben, niemand würde dann  auf die Idee kommen, dass es mit dieser Familie etwas ganz besonderes auf sich haben könnte. Deshalb hieß das Bild auch eine Zeit lang einfach „Die Holzhackerfamilie“ und nicht „Die Heilige Familie mit dem Vorhang“. So wenig Weihnachten! Oder doch: so viel Weihnachten. Der Vorhang ist weg, und wir sehen Gott, das Heiligste. Der Vorhang, der im Tempel Gott und Menschen trennte und hinter den nur einmal im Jahr der Hohepriester treten durfte. Hier in dem Bild steht der Vorhang dafür, dass wir den Blick auf Gott frei gemacht bekommen. Dass das Geheimnis Gottes nicht exklusiv für wenige Auserwählte an besonderen Tagen sichtbar ist, sondern alle Welt kann Gott sehen. Weihnachten feiern wir, dass Gott sich in dieser Welt zu erkennen gibt.
Und das so, dass er so ganz und gar Mensch wird, dass er gar nicht als Gott erkannt wird, schon gar nicht auf den ersten Blick. Es war und ist ja tatsächlich so, dass es alles andere als selbstverständlich ist, in Jesus Gottes Sohn, das Heil der Welt zu sehen. Es sind eben keine Äußerlichkeiten, die ihn unzweifelhaft erkennbar machen, sondern es ist das, was sich in der Begegnung mit ihm abspielt, es ist eine Beziehungs- und Glaubensfrage. Für mich drückt sich das in dem Bild ganz unnachahmlich aus. Der Glanz liegt zum einen in der Wiege, dem Ort, von dem aus das Kind aufgenommen wird. Er bleibt da, ein Ort göttlicher Gegenwart. Aber da, wo die Frau das Kind aufnimmt,

Hände hoch, das ist ein Überfall! - Christvester mit Krippenspiel am Heiligabend 2013



Ansprache (kommt eigentlich nach dem Krippenspiel):
Hände hoch, das ist ein Überfall!
Wieso sehe ich jetzt niemanden, der die Hände hoch nimmt?  Habt ihr etwa keine Angst vor mir? Glaubt ihr etwa, dass ich das nicht ernst meine? Schade…
Nein, eigentlich gar nicht schade. Es ist doch schön, wenn niemand Angst haben muss. Und es ist auch schön, wenn Menschen, die eigentlich was Böses wollen, plötzlich ganz andere Dinge machen und merken, dass sie eigentlich gar nicht böse sein müssen, sondern dass es viel schöner ist, wenn Menschen sich verstehen und keiner mehr Angst vor dem anderen haben muss.
Klar, ich weiß, auch über 2000 Jahre, nachdem Jesus geboren worden ist, gibt es Räuber und Menschen, die anderen was Böses wollen. Aber genauso lange macht Gott auch Menschen das Angebot: auch wenn du noch so böse Gedanken und Pläne hattest und vielleicht auch schon mal schlimme Dinge in deinem Leben gemacht hast, habe ich dich lieb, bin ich auch für dich da, schicke ich dich nicht weg und gebe dir die Chance, dass du dich änderst.
Dass Menschen keine Angst mehr haben müssen, das ist für mich eigentlich ein ganz, ganz schöner Teil von Weihnachten. „Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die alle Menschen erleben werden“ – das ist das, was die Engel den Hirten sagen, die sich ja auch erst einmal total erschrecken. Keine Angst! Eine tolle Sache!
Ganz so ist es ja bis heute leider nicht. Auch Leute, die ganz fest an Jesus glauben und die mit viel Spaß seinen Geburtstag feiern, haben heute noch manchmal Angst. Manche vor echten Räubern. andere davor, im Dunkeln einzuschlafen. Andere davor, in der Schule schlechte Noten zu kriegen. Oder davor, arm zu werden oder immer arm zu bleiben. Davor, dass einen keiner lieb hat. Manchmal hat man auch Angst vor sich selbst, vor den bösen Gedanken, die man vielleicht hat oder davor, was richtig Schlechtes zu machen. Wahrscheinlich fällt euch allen noch viel mehr ein.
Deshalb finde ich es total wichtig, immer wieder Weihnachten zu feiern und zu hören: „Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst“. Nicht vor dir selber. Auch, wenn du wirklich mal was richtig Schlimmes gemacht hast, darfst du, wie die Räuber, zu Jesus kommen und dich ändern. Der schickt dich nicht weg. Hab keine Angst – auch nicht im Dunkeln. Auch wenn du niemanden siehst, ist Gott bei dir. Und auch nicht vor schlechten Noten. Für Gott bist du wichtig, auch wenn du nicht so toll rechnen oder schreiben kannst.
Gott hat sich klein gemacht, als Kind hat er sich gezeigt, damit niemand Angst haben muss, sondern damit alle sehen, dass er wirklich die Liebe ist. Und damit alle auch, wie die Räuber, das Angebot erkennen können, dass er uns macht:
Du brauchst keine Angst zu haben, du darfst zu mir kommen, ich habe dich lieb.
Genug geredet, lasst uns feiern. Ohne Angst. Denn Gott ist da. In dieser Welt. Heute. Und jeden Tag.
Amen.

Krippenspiel:

Der Kaiser, die Hirten und eine Räuberschar
Lied vor dem Krippenspiel: Seht, die gute Zeit ist nah (EG 18)
1. Szene: Am Hofe des Kaisers in Rom
Mitspieler: Augustus und sein Hofstaat und Erzähler/in
Augustus: Ich bin der große Kaiser Augustus und habe alle Macht der Welt. Und ich habe viele Minister und Ratgeber. Was mir fehlt, ist Geld in der Staatskasse. Liebe Minister und Rat­geber, habt ihr keine Idee?
Minister 1: Wir haben eine Idee, großer Kaiser. Mach doch mal eine Volkszählung, dann weißt du, wie viele Untertanen du hast.
Minister 3: Und dann kannst du von jedem Untertanen eine eigene Steuer verlangen.
Augustus: Wie soll das denn funktionieren?
Minister 2: Jeder Mann geht mit seiner Familie in die Stadt, in der er geboren wurde. Und dort lässt er sich in die Steuerlisten eintragen.
Augustus: Ihr seid wirklich gute Minister. Jetzt wird die Staatskasse wieder voll. Ich erlasse sofort einen Befehl, dass alle Menschen gezählt werden sollen.
Erzähler/in: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt gezählt würde. Und diese Zählung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich zählen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da mach­te sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Naza­reth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlecht Davids war, damit er sich zählen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.
Lied: Seht die gute Zeit ist nah (EG 18)
2. Szene: Herbergssuche
Mitspieler: Josef, Maria und Wirte (1-3)
Josef: Komm, Maria, bald sind wir in Bethlehem.

Samstag, 21. Dezember 2013

Mit Engeln auf Du und Du - 4. Advent, Dialogpredigt, Lukas 1,26-38



Eigentlich wäre ja was anderes dran, ich weiß. Aber bevor ich am 19. Januar aus der Gemeinde verabschiedet werde, wollte eine ehemalige Konfirmandin (mittlerweile ist sie 15) mit mir noch mal eine Dialogpredigt halten. Sie durfte sich den Text aussuchen und hat sich eben einen anderen aus den Perikopentexten für diesen Sonntag ausgesucht. Die Gedanken stammen tatsächlich von ihr. Deshalb an dieser Stelle noch mal vielen Dank an Melissa, die mich in den letzten zwei Jahren oft in Gottesdiensten unterstützt hat.
KB: Milli, bist du eigentlich schon mal einem Engel begegnet? Hat mit dir schon mal ein Engel geredet?
Milli: Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Ich habe noch nie so eine Erscheinung gehabt und Stimmen gehört. Glücklicherweise, sonst würde ich vielleicht denken, ich bin verrückt. So einem Engel, wie er oft gemalt wird, mit Flügeln und so, bin ich nie begegnet. Aber…
KB: Aber was?
Milli: Aber manchmal, da hatte ich das Gefühl, dass Gott ganz besonders nah bei mir ist und dass da Menschen sind, die mir was mitteilen wollen, was von Gott kommt.
KB: Aber woher wusstest du, dass das von Gott kam? Wenn du da keine richtigen Engel gesehen hast, dann kannst du dich doch auch getäuscht oder dir was eingebildet haben.
Milli: Klar, das könnte sein. Ich kann’s halt nicht wissen, so wie ich Vokabeln wissen kann oder die binomischen Formeln in Mathe. Aber ich konnte es spüren. Das kann ich nicht richtig erklären. Wenn ich mich mal zum Beispiel in der Schule richtig unwohl und allein gefühlt habe, weil ich dachte, ich hätte keine richtig gute Freundin, die zu mir hält, dann kam jemand, der mir weitergeholfen hat, der mir Mut gemacht hat. Und ich glaube, dass er mir von Gott einfach sagen wollte: Du bist nicht allein! Du bist was wert! So eine gute Botschaft halt von Gott. Und ich hab mal gelernt, dass Engel eigentlich „Botschafter“ heißt, wenn man es ins Deutsche übersetzt. Und vielleicht hab ich den dann gar nicht als Engel erkannt, weil er ganz normal aussah und er war ein Engel. Aber wie ist das denn mit dir?
KB: Mir geht’s da genauso wie dir. Engel mit Flügeln oder weiten weißen Gewändern hab ich bis jetzt nur auf Bildern gesehen. Aber manchmal merke ich auch, dass Gott mir durch andere eine Botschaft schickt. Manchmal sogar durch Menschen, die sich dagegen wehren würden, wenn ich ihnen sage, dass sie von Gott kommen. Anfang der Woche hat mir ein Schüler zum Beispiel, bei dem ich manchmal das Gefühl hatte, mit dem komm ich gar nicht klar, was total Nettes geschrieben, was mir Mut gemacht hat, weil ich im Moment manchmal schon ein bisschen die Krise kriege, wenn ich an das denke, was ich hier alles noch erledigen will und vor allem daran zweifle, ob ich das, was ab Januar kommt, auch gut mache. Ich glaube nicht, dass es einen objektiven Beweis für Engel gibt. Aber ich glaube, dass Gott uns Menschen immer wieder Botschaften gibt, auch durch Menschen, die er sich dafür aussucht. Wir müssen aber auch bereit sein, sie zu hören.
Milli: Ja, klar. Aber ist das mit den Engeln in Menschengestalt nicht ein bisschen zu wenig? Wenn ich die Geschichte vom Engel Gabriel und Maria, die wir eben gerade vorgelesen haben, mir anschaue, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass Gabriel so ein Engel war. Da muss doch noch mehr gewesen sein. Ich glaube, dass Gott auch Wege zu Menschen findet, die wir nicht verstehen und erklären können.
KB: Wenn das anders wäre, hieße es ja auch Wissen und nicht Glauben… - schlechter Witz. Im Ernst. Ich glaube auch, dass Gott da mehr Möglichkeiten hat, als wir uns vorstellen oder berechnen können. Aber ich stelle mir diese Art von Engel nicht so richtig körperlich vor, sondern als so eine Art Kraftfeld, wie ein Magnetfeld oder ein elektrisches Feld, etwas, was da ist, was einen zum Schwingen bringt oder Dinge bewirkt, aber eben nicht als objektive Gestalt zum Beispiel gemalt werden kann. Ich glaube, dass da ganz viel von der persönlichen Begegnung abhängt.
Milli: Aber Maria ist doch sicher mehr als einfach einem Kraftfeld begegnet. Und die Hirten bei Betlehem, von denen Lukas ja in seiner Weihnachtsgeschichte erzählt, doch auch. Das war doch mehr als ein reines Gefühl.
KB: Ja, schon. Aber ich glaube trotzdem, dass alles an der persönlichen Begegnung hängt. Egal, ob das, wie bei Maria, eine Eins-zu-Eins-Begegnung war oder wie bei den Hirten mehrere beteiligt waren. Für andere lässt sich das nicht objektiv beschreiben oder malen oder fotografieren. Das Entscheidende ist halt, dass ich, oder Maria oder die Hirten oder du im entscheidenden Moment einfach den Mut hast, das was dir begegnet, was du erlebst oder hörst als

Freitag, 6. Dezember 2013

Erlösung! - 2. Advent, 08.12.2013, "außerdem" Text der EKKW

Text: Lukas 1,57-66


Liebe Gemeinde!
„Der Tod war für ihn eine Erlösung.“ Immer wieder habe ich diesen Satz in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren bei Beerdigungsgesprächen gehört. Er muss nun nicht mehr leiden. Sie muss nun nicht mehr bei wachem Verstand miterleben, wie die Krankheit ihr jede Freiheit nimmt. Er liegt nun nicht mehr als wimmerndes Häufchen Elend im Bett eines Altersheims, wo er doch so stolz auf das eigene Haus und seine Körperkraft war. Sie muss nun nicht mehr die Schmerzen aushalten, die ihr der Krebs bereitet hat. Der Tod als Erlösung. Immer mal wieder. Immer mal wieder, wenn auch seltener, höre ich: „Der Tod war für uns eine Erlösung“. Jetzt müssen wir nicht mehr die Schreie in der Nacht hören, nicht mehr mitansehen, wie die geliebte Mutter uns fremd wird, nicht mehr im eigenen Haus gefangen sein, weil sich alles nur noch um die Pflege dreht. Erlösung, Freiheit. Hier oft sehr dramatisch, manchmal im Alltag viel weniger dramatisch.
In zwölf Tagen sind die Schülerinnen und Schüler erst einmal von dem Stress erlöst, gerade in der Adventszeit unheimlich viele Arbeiten schrieben zu müssen, Angst vor dem eigenen Nichtwissen zu haben und morgens früh aufstehen zu müssen. Und die Lehrer sind dann von motzigen, unmotivierten Schülern erlöst. Freiheit auf Zeit, ein Stück Erlösung, immerhin.
Erlösend ist es auch, wenn die Angebetete endlich „Ja“ sagt – oder der Angebetete. Frisch verliebt, man weiß nicht, wohin mit den Gefühlen, dann die Angst: „Liebt er, liebt sie mich auch? Blamiere ich mich, wenn ich meine Liebe gestehe?“ Nächte, schwitzige Hände – und dann: die Liebe ist gegenseitig! Eine Erlösung! Endlich frei von Angst und freie Fahrt für die Liebe. Welche Erlösung!
Und wir beten um Erlösung. Immer neu, immer wieder, manchmal auch ernsthaft und nicht nur, weil’s im Gottesdienst oder in Konfer gerade alle sprechen. „Erlöse uns von dem Bösen“. Mache uns frei, im Kopf, im Herzen, in den Händen, wirklich das Richtige zu tun. Lass uns so frei sein, unserem Egoismus ein Schnippchen zu schlagen. Hilf uns, so frei zu sein, nicht zu verzweifeln und nicht nur das Dunkle zu sehen. gib uns den Mut, zu handeln, wenn es nötig ist und etwas zu lassen, wenn es falsch ist. Mach uns frei. Zum Guten. Erlöse uns. Von dem Bösen.
Von einer Erlösung erzählt auch der Predigttext für heute. Lukas hat die Geschichte von der Geburt Johannes des Täufers aufgeschrieben. Und dabei erzählt er, wie Zacharias, der Vater von Johannes, erlöst wird.

Lesen: Lk 1,57-66

 Zacharias wird erlöst. Er kann wieder sprechen, jubeln, danken, loben – und später vielleicht auch mal mit seinem Kind schimpfen, das sicher auch – aber er wird frei. Seine Zunge löst sich. Erlösung. Und die Leute drumherum, die Nachbarn, Verwandten, Freunde,  danach auch viele Fremde, überall in der Gegend, die sehen hier Gott am Werk. Wenn schon die Namensgebung eines Kindes so was auslösen kann, was muss das dann für ein Kind sein? Das kann nur mit Gott in Verbindung sein. Da sind sie sich einig. Und irgendwie ist ihnen das unheimlich. Aber der Reihe nach.
Wie kommt es überhaupt dazu, dass Zacharias seine Sprache verliert und kein Wort mehr rausbringt? Wieso braucht er überhaupt Erlösung? Zacharias war Priester. Ein guter, frommer Mann. Er und

Freitag, 22. November 2013

Wach bleiben - für die Liebe, die alles neu macht, Ewigkeitssonntag, 24.11.13, Reihe V

Text: Markus 13,31-37


Liebe Gemeinde!
Eine der schlimmsten Foltermethoden ist der dauerhafte Schlafentzug. Wer nicht zur Ruhe kommt, wer nicht wenigstens ein Minimum an Schlaf bekommt, der dreht irgendwann völlig durch. Eine Ahnung davon bekommt der, der nachts wachliegt, und alle Sorgen und Gedanken kommen wieder und wieder, Schlaf geht gar nicht mehr. Und das nicht nur tage-, sondern wochen-,  manchmal auch monatelang. Immer wieder: Wachsein, Wachsein, Wachsein, wo doch eigentlich Ruhe sein sollte, damit neue Kräfte wachsen können. Leer und verbraucht steht man schon morgens da – und abends dann wieder die Angst, keine Ruhe zu finden. Wachet! Oft genug ist es die Begegnung mit dem Tod, die Menschen nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Einsamkeit, weil einfach ein ganz wichtiger und lieber Mensch fehlt. Die Fragen, wie das jetzt alles ohne diesen Menschen weitergehen soll. Das Gefühl, nicht genug gegeben oder vielleicht auch nicht genug empfangen zu haben. Die Erinnerung an das Schöne oder an das Liegengebliebene zwischen Menschen, das keine Änderung mehr erfährt. Oder einfach nur ein Durcheinander im Kopf, Fragen, Fragen, Fragen, die der Tod aufgeworfen hat und die keine Antwort finden. Wachet! Vielleicht kommt dem einen oder der anderen, die heute hier im Gottesdienst ist, diese Aufforderung von Jesus wie Hohn vor. Zu frisch, zu intensiv sind vielleicht noch die Gedanken an den Menschen, von dem im zu Ende gehenden Jahr oder vor einiger Zeit Abschied genommen werden musste. Wachet!? – Du hast gut reden, das muss ich doch immer und immer wieder! Ich will endlich wieder ruhen können! So mag manche und mancher denken.
Ruhe finden. Ruhe in Frieden – das ist ein Wunsch, der oft Verstorbenen mitgegeben wird. Und gerade im Alten Testament, das ich so liebe, weil es so wunderbar ehrlich vom Menschsein erzählt, ist ganz oft davon die Rede, dass die Ruhe eine gute Gabe Gottes ist. Kehrt Jesus das hier etwa um? Widerspricht er dem Vater, der seinen Menschen Ruhe gönnen und schenken will, wenn er ruft: Wachet!? Ich glaube nicht, dass das ein Widerspruch ist, sondern dass es Wachheit im Sinne Jesu braucht, um Ruhe zu finden. Und mit dieser Wachheit, von der Jesus spricht, ist nicht das nächtliche Wälzen im Bett vor lauter Sorgen gemeint, sondern eine Aufmerksamkeit, die dabei hilft, auch die Momente der Ruhe und des Friedens zu finden.
Ruhe finden – nicht zuletzt heißt das auch: Loslassen können! Am Anfang mag es ein Trost sein, zu hören und zu glauben: „Wenn einer gestorben ist, dann lebt er in unseren Erinnerungen weiter!“ Aber wie ist das, wenn die Erinnerungen blasser werden? Töte ich dann den, der gestorben ist, erst richtig, mit jeder verblassenden Erinnerung ein bisschen mehr? Wie ist das mit den Menschen, die wegen ihrer Grausamkeit vielen, vielen Menschen über Jahrhunderte und Jahrtausende weg im Gedächtnis bleiben, wie Nero, Stalin, vor allem Hitler: haben die es verdient, ewig zu leben, während Millionen von Menschen, die im Stillen ihren Kindern, ihren Männern, ihren Frauen, ihren Nachbarn, Fremden gut getan haben, längst vergessen und damit, nach dieser Logik, richtig tot und ohne jede Chance sind? Wie ist das mit den Menschen, die ganz einsam gestorben sind? Vergisst Gott die auch, weil sich Menschen nicht mehr an sie erinnern? Ruhe finden, das heißt auch: Erinnerungen loslassen können. Weil eben nicht unsere Erinnerungen Grund dafür sind, dass Gott Sieger über den Tod ist und wir nur durch unsere Erinnerungen an andere darauf vertrauen dürfen, dass Menschen nicht in die absolute Beziehungslosigkeit, das absolute Nichts fallen, sondern weil Gottes Wort der Liebe und der Versöhnung, Mensch geworden in Jesus, Grund für die Hoffnung ist. Wir überfordern uns und stellen uns letztlich an Gottes Stelle, wenn wir glauben, wir müssten durch unsere Erinnerungen ewiges Leben produzieren. Ruhe finden heißt auch: Loslassen können, so schwer das im Einzelnen auch sein mag. Loslassen können und Gott überlassen, was sein ist, nämlich die Sorge um ein Leben, um Beziehungen, die jenseits unseres Denkens und Könnens liegen.

Montag, 18. November 2013

Lieber Gott, mach mich fromm... - Buß- und Bettag 2013, 20.11.13, Kampagnentext EKKW

Text: Matthäus 13,44-46


Liebe Gemeinde!
Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Wenn es abends schnell gehen sollte, habe ich als Kind manchmal so gebetet. Als ich dann älter wurde, auf den Schulabschluss zuging, während meines Studiums und noch lange danach fand ich das Gebet sehr seltsam. Eigentlich ist das Gebet theologisch völlig richtig. Lieber Gott, MACH mich fromm: Ich kann in mir selbst weder Glauben wirken noch mir Vergebung selbst herstellen. Glauben, Vergebung und auch die Fähigkeit, das Richtige zu sehen und entsprechend zu handeln, sind letzten Endes Gottes Werk. Und ein frommes Leben ist ein Leben, das sich von Gott getragen und gehalten weiß und sich im Handeln an dem ausrichtet, was Jesus vorgelebt und verkündigt hat. Theologisch ist es also völlig korrekt, Gott darum zu bitten, diese Frömmigkeit zu schenken, weil ich sie selber gar nicht herstellen kann. Und da das theologisch gesehen natürlich auch der Weg zur Auferstehung und zu einem Leben in unzerstörbarer Einheit mit Gott ist und weil Himmel dafür das gängige biblische Bild ist, ist auch der zweite Teil theologisch überhaupt nicht falsch. Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Amen. Und damit hat sich’s.
Und trotzdem habe ich Bauchschmerzen, bis heute, bei diesem Gebet. Weil es geradezu danach schreit, missverstanden zu werden und den Glauben an Gott, an Jesus, in dem Gott sich offenbart, sehr stark einengen kann. Es ist auch eine Frage der Betonung. Lieber Gott, MACH mich fromm – oder wird es nicht oft so gehört, gesprochen verstanden, wie ich es jetzt sage: Lieber Gott, mach MICH fromm, dass ICH in den HIMMEL komm.
Zwei Perspektiven im Glauben, die viel zu kurz greifen, drängen sich dabei in den Vordergrund. Die eine Perspektive ist die, Glauben und Frömmigkeit auf eine rein persönliche und individuelle Ebene zu verengen. Mach MICH fromm, dass ICH in den Himmel komm. Es geht um das eigene Seelenheil, um das eigene ewige Wohl, mehr nicht. Aber schon die Verkündigung der Propheten im Alten Testament und erst recht das Reden und Handeln Jesu lassen deutlich werden, dass ein Leben im Einklang mit Gott immer auch die Perspektive hat, dass Gerechtigkeit, Frieden und Lebensmöglichkeit für alle sein Wille ist. Heil ist in der Bibel ganz eng mit dem Wohl der Armen, Schutzbedürftigen, Unterdrückten verbunden. Religion ist Privatsache, das hat in der Öffentlichkeit und schon gar in der Politik nichts zu suchen. Das scheint heute allgemein gültiger Konsens zu sein. Aber so einfach ist das nicht. Natürlich ist es gut und angemessen und richtig, dass es keine Staatsreligion ist. Es ist gut, dass jedem Menschen freisteht, sich zu einer Religion, einer Glaubensgemeinschaft zu bekennen – oder auch nicht. Es ist gut, dass zum Beispiel die Vergabe von Arbeitsstellen in aller Regel nicht mehr daran hängen darf, ob jemand Evangelisch oder katholisch, Moslem oder Jude, Atheist oder Agnostiker ist. Insofern ist Religion natürlich Privatsache. Aber wenn ich mich zu Christus bekenne, wenn ich als Christ lebe, dann kann ich eigentlich in der Nachfolge nicht anders, weder als Einzelner noch als Gemeinschaft der Glaubenden, als Gemeinde vor Ort, als Landeskirche oder Bistum, als mich einzumischen, wenn Schwachen, Unterdrückten, Armen, Schutzbedürftigen ihr Recht und Gerechtigkeit verweigert werden. In seinen Ursprüngen ist der buß- und Bettag eigentliche in hochpolitischer Tag. Es ging nicht in erster Linie um persönliche Schuld und Buße, sondern es ging darum, als Gemeinschaft, als Kirche, die damals eben im Wesentlichen identisch war mit dem Staatsvolk, vor Gott zu treten und Schuld zu bekennen. Wie gesagt, ich finde es gut, dass es keine Staatskirche mehr gibt und keinen Glaubenszwang. Wichtig ist aber, und daran sollte uns der Buß- und Bettag erinnern, dass wir bei aller Freude über die individuelle Freiheit die Perspektive

Freitag, 8. November 2013

Nervig geht am Besten???? - Drittletzter Sonntag d. Kirchenjahres, 10.11.2013, Reihe V

Text: Lukas 18,1-8 (gelesen aus der Basisbibel)


Liebe Gemeinde!
So ist es, oder? Die, die am lautesten schreien, am meisten nerven, die, die am unverschämtesten sind, die kriegen am Ende ihren Willen. Und selbst wenn man im Recht ist, bekommt man das, was einem zusteht, oft nur, wenn man hartnäckig ist und immer wieder und wieder nervt. Mit Versicherungen habe ich schon solche Erfahrungen gemacht. Mit unserer Kirchenleitung im Landeskirchenamt auch. Mit der Stadt, mit Kollegen, ganz oft. Und wahrscheinlich können viele auch eigene Erfahrungen erzählen. Schülerinnen und Schüler, die zurückhaltend sind, die glauben, sie würden auch durch ruhiges Arbeiten Aufmerksamkeit gewinnen, gehen leider viel zu oft unter und bei den Noten kommt am Ende der Störenfried, der sich in den letzten vier Wochen vor der Notenbesprechung einigermaßen zurückhält, oft besser weg, als derjenige, der immer da ist, aber im ganzen eben ruhig das macht, was gefordert wird. Kenne ich, ehrlich gesagt, auch aus der Erfahrung als Lehrer, der Noten geben muss, und ich bin nicht immer stolz auf meine Noten. Manchmal könnte man vielleicht auch denken, das Sprichwort „Ehrlich währt am längsten“ könnte auch umgeschrieben werden. „Penetrant und nervig geht am besten!“ oder ähnlich. Und die Aussage, dass brave Mädchen zwar in den Himmel, böse aber überall hin kommen, ist mehr als eine witzig gemeinte Aufforderung, mal mehr zu probieren. Wenn man sich ansieht, wie und über wen im Internet, im Fernsehen, in Zeitschriften berichtet wird, wie über Menschen geredet wird, wem Respekt gegeben wird, nicht nur von Jugendlichen, sondern von Menschen im sogenannten besten Alter, spiegelt dieser Satz leider viel zu viel egoistische und für mich wenig lebenswerte Wirklichkeit wider.
Und jetzt also auch in der Bibel, oder? Recht bekommt die Frau, die nervig ist, die dem Richter auf den Senkel geht und ihn dazu bringt, Angst vor Schlägen zu haben. Und das soll ein Gleichnis fürs Beten sein? Kriegt also auch bei Gott der seinen Willen, der ihn am meisten nervt, der sich vordrängelt?
Ich lese mir ja immer am Anfang der Woche durch, was am Sonntag als Predigttext dran ist. Als ich das gesehen habe, habe ich gedacht: das kann ich nicht predigen! Und dann fiel mir auf, dass sich da mal wieder viel zu schnell mit meiner Meinung und meinen Vorurteilen war und mal wieder nicht genau hingehört, oder in diesem Fall besser: gelesen, habe, was Jesus eigentlich sagt. Da ist mir wieder aufgefallen, dass es für Pfarrer genauso wie für Konfis, für Rentner genauso wie für Jugendarbeiter, für Lehrer genauso wie für Busfahrer wichtig ist, mal nachzudenken, wenn’s um Gott, um Jesus und den Glauben geht. Da hilft’s wenig, einfach mal kurz drüber zu gucken, was in der Bibel steht, zu sagen: kapier ich eh nicht, hat keinen Zweck, oder: ah klar, weiß Bescheid – nein, dann verpasst man ganz viel. Glauben, der mit der Bibel zu tun hat, der nicht bloß eine eigene Einbildung ist, der braucht auch Zeit, mal nachzudenken, kritisch zu sein, nicht gleich zu glauben, alles verstanden zu haben, auch mal hinter die Worte zu schauen und sich nicht mit den oberflächlichen Worten zufrieden zu geben und vor allem braucht Glauben auch das Hören, das Beten, die Bitte darum, das Gott einem beim Verstehen hilft.
Zurück zur Geschichte: Ich verpasse, habe ich gemerkt, ganz viel, wenn ich die Geschichte so verstehe, als ob es bei Gott genauso wäre wie bei diesem Richter und die Nervensägen am Ende die Belohnten sind und die Ruhigen als Deppen leer ausgehen. Jesus

Samstag, 26. Oktober 2013

YOLO - Du lebst, nur einmal, da kannst du mit Gott gehen - 22. Sonntag n. Tr., 27.10.13, Reihe V



 (Zürcher, im Gottesdienst tlw. eigene Übersetzung, angelehnt an Zürcher)

Liebe Gemeinde!
YOLO. Ich weiß nicht, wie viele Erwachsene wissen, was diese vier Buchstaben Y O L O bedeuten. Fast alle Jugendlichen werden es wissen. YOLO: You Only Live Once – Du lebst nur einmal. Du lebst nur einmal – und gemeint ist: zieh dein Ding durch. Nimm keine Rücksicht auf das, was die anderen sagen oder fordern, sondern sei du selbst – ein einzigartiger Mensch, der macht, was für ihn richtig ist. Und meistens ist damit gemeint: der macht, was ihn voranbringt, was ihm Spaß bringt, ohne sich dabei groß um die Folgen für andere zu kümmern. Vor ein paar Wochen habe ich auf facebook bei meinen Neuigkeiten den Eintrag einer mir gut bekannten Jugendlichen bei einem anderen gesehen: „Ich bewundere dich, weil du ohne Rücksicht auf die Meinung von anderen dein Ding voll durchziehst“. Und dieser Eintrag hatte ganz viele Likes, also ganz viel Zustimmung. YOLO. Damit es keine Missverständnisse gibt: es wird jetzt keine Strafpredigt für scheinbar ach so egoistische Jugendliche, über die ich mich mal in der Kirche beschweren will. Erstens kenne ich ganz viele Jugendliche, die durchaus nicht nur egoistisch sind. Zweitens erlebe ich immer wieder, dass gerade bei Jugendlichen Werte wie Freundschaft, Verlässlichkeit, auch Treue ganz hoch im Kurs stehen. Drittens glaube ich auch, dass Jugendliche oft nur viel direkter und unverblümter aussprechen, was wir Erwachsenen ihnen vorleben. Und wir haben eine Gesellschaft aufgebaut, in der nicht nur jeder für sich selbst Verantwortung hat, sondern in der immer mehr jeder nur für sich selbst sorgt. Im Großen ein aktuelles Beispiel: Deutschland wehrt sich ganz vehement dagegen, Flüchtlinge aus Afrika und Syrien in größerer Zahl aufzunehmen, obwohl das kleine und, im Vergleich zu Deutschland eher arme, EU-Land Malta in Beziehung zur Einwohnerzahl zur Zeit mehr als fünfmal so viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Ist doch deren Problem, das ist die nach außen getragene Haltung der deutschen Regierung. Wir geben nichts ab – weder an die Flüchtlinge noch an den europäischen Partner Malta.
Im kleineren Maßstab, in der Kirche: bei der Kreissynode vor drei Wochen bin ich mehrmals mitleidig belächelt und angefragt worden, wie dumm wir doch waren, unsere Kirchengemeinde Am Richtsberg zu bilden und nicht zwei Gemeinden zu bleiben. Andere Gemeinden, die sich geweigert haben, zusammenzugehen, stehen, was Gebäude angeht, zum Teil besser da. Dass es von der Sache her richtig ist, eine Kirchengemeinde Am Richtsberg zu haben und dass wir dadurch für alle Marburger Gemeinden etwas Entlastung geschaffen haben, spielt in den Augen derer, die mich angefragt haben, keine Rolle. „Ihr seid doch blöd, dass ihr nicht egoistisch gewesen seid“ – so ist der Grundgedanke. Von längst erwachsenen Menschen, die in der Kirche Verantwortung tragen und die in ihren Gemeinden und Arbeitsstellen für die Verkündigung der frohen Botschaft stehen.
YOLO. Mich wundert es, ehrlich gesagt, nicht, dass Jugendliche das genau so und mit dem Unterton, mit dem es meistens benutzt wird, sehen.
Was das alles mit dem Propheten Micha aus der Bibel zu tun hat, aus dessen Buch ich eben ein paar Verse vorgelesen habe, fragen sich manche vielleicht jetzt. Der Prophet Micha, der macht in seinem für uns ja uralten Buch auf dieses scheinbar moderne Phänomen aufmerksam. Das ICH im Mittelpunkt. Auch im Glauben an Gott. Was kann ICH tun, damit Gott MICH wieder mag, auch wenn ich eine Sünde begangen habe, Schuld auf mich geladen habe? Soll ich von meinem Besitz, von meinem Verdienst etwas Gott opfern, vielleicht sogar, das ist die schreckliche Pointe, mein erstgeborenes Kind, damit ICH

Samstag, 12. Oktober 2013

Geschwister, zur Ruhe, zur Freiheit! - 20. Sonntag n. Tr., 13.10.2013, Reihe V



Liebe Gemeinde!
Heute ist Elisabethmarkt. Verkaufsoffen in der Oberstadt, Innenstadtkirmes und rund um die Elisabethkirche ist auch ein Sozialmarkt, auf dem sich verschiedene soziale Einrichtungen und Projekte präsentieren. Unter anderem sind auch Doreen und ich mit dem Richtsberg- bzw. auja-Mobil unserer Kirchengemeinde da. Ein Glück, werden sicher manche sagen. Endlich mal wieder ein Sonntag im Herbst, an dem man nicht vor der Glotze hängen muss und sich langweilt, sondern wo man ein Ziel hat, wo was los ist. In der Schule und im Konfirmandenunterricht ist es seit vielen, vielen Jahren so, dass der Sonntag mit Abstand der langweiligste und unbeliebteste Wochentag ist, wenn ich über das Feiertagsgebot spreche. Gerade im Herbst, im Winter und bei schlechtem Wetter. Ruhe halten geht gar nicht – wie man auch an den Diskussionen über das Tanzverbot am Karfreitag sieht, die seit ein paar Jahren immer schärfer geführt werden. Das Problem, von dem Markus hier in seinem Evangelium erzählt, ist heute für die meisten wahrscheinlich völlig unverständlich. Und deshalb wird der Satz, den Jesus am Ende sagt, nämlich: „Der Sabbat, also der Ruhetag, ist für den Menschen gemacht worden und nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn, also Jesus selbst, auch Herr über den Sabbat“, gern viel zu einfach ausgelegt. Wenn die Leute überhaupt noch in die Bibel schauen und sich dafür interessieren, sagen sie es oft so: „Alle Regeln und Gebote sollen für die Menschen gut sein und nicht umgekehrt – und weil sowieso jeder am besten weiß, was für ihn gut ist, soll doch jeder selber sehen, wie er sich daran hält oder nicht. Schon Jesus akzeptiert doch keine Einschränkungen.“ Ich glaube aber, dass dieser Erklärungsversuch zu kurz greift. Ich glaube auch, dass nicht nur das Sabbatgebot, sondern jedes Gebot der Zehn Gebote nicht nur gut für den Menschen ist, sondern auch für ihn als Lebenshilfe gemacht ist. Und nicht umgekehrt die Menschen dazu da sind, Regeln möglichst genau zu befolgen. Aber der Schluss, das deshalb jeder selber wissen muss, was gut und richtig ist, greift zu kurz. Ich glaube, dass Jesus, in dem wir Gott sozusagen bei der Arbeit sehen, uns helfen will, zu erkennen, wozu Gebote gut sind und nicht, Gebote einfach streichen will. Es geht darum, den Sinn der Gebote zu verstehen und nicht die Erklärungsversuche von Menschen, ob das damals Schriftgelehrte und Pharisäer oder Hohepriester waren oder heute Theologie Professoren oder Pfarrer oder Relilehrer oder Menschen, die sich für besonders berufen halten sind, wichtiger zu nehmen als die Gebote selbst. Jesus, und in ihm Gott selbst, ist Herr über die Gebote, und nicht der Pharisäer, der Pfarrer oder der besonders berufene Christ mit seinen zusätzlichen Regeln, die er oft zur scheinbaren Erklärung aufstellt.
Wie gesagt, den Konflikt, den Markus in der Bibel beschreibt, den können wir kaum verstehen. Erstens: Unser Ruhetag ist, wenn überhaupt, der Sonntag und nicht der Sabbat, der von Freitagabend bis Samstagabend geht. Und zweitens: die ersten gut 300 Jahre ihrer Geschichte kamen Christen gut damit aus, am Sonntag zwar Gottesdienste zu feiern, aber nicht unbedingt Ruhe zu halten. Die Mehrheit lebte im römischen Umfeld und da war der Ruhetag nicht wichtig. Für die Christen, und das gilt eigentlich auch für Martin Luther und noch lange, lange nach ihm, war es sowieso nicht wichtig, Ruhe zu halten. Feiertagsgebot, das hieß: Man soll in den Gottesdienst gehen und in dieser Zeit nicht arbeiten. Komplett arbeitsfreie Ruhetage sind in christlich geprägten Gegenden dieser Welt eine sehr moderne Erfindung, die erst in der Zeit der Industrialisierung weniger von der Kirche als vielmehr von der Arbeiterbewegung durchgesetzt wurde.
Diejenigen, denen meine Predigten sowieso immer zu lang sind, die könnten jetzt sagen: Na, dann ist ja gut! Dann haben wir als Christen sowieso relativ wenig damit zu tun. Also tschüss,

Zehnfache Freiheit - nicht gerade knallhart durchgesetzt - 18. Sonntag nach Tr., Reihe V

Text: Exodus (2. Mose) 20,1-17
Die Predigt habe ich eigentlich am 19. n. Tri, dem 6.10.13, gehalten. Durch die Kirchenvorstandswahl in unserer Landeskirche haben wir Erntedank vorgezogen und ich wollte gern mal wieder die Zehn Gebote predigen


Liebe Gemeinde!
Regeln, die nicht durchgesetzt werden, sind nichts wert. Oder? In Marburg erlebe ich unglaublich viele Fahrradfahrer, die garantiert älter als 12 Jahre sind und trotzdem auf dem Bürgersteig fahren. Jeden Tag sehe ich jede Menge Leute, die verbotenerweise mit dem Handy während des Autofahrens telefonieren oder, noch gefährlicher, sogar Mitteilungen schreiben. Und an Geschwindigkeitsbeschränkungen halte ich selbst mich ja vor allem dann, wenn ich weiß, dass da oft kontrolliert wird. Sonst kann’s bei mir auch sein, dass ich leicht mal zu schnell bin. Vom Kaugummiverbot in der Richtsbergschule will ich erst gar nicht reden. Regeln, die nicht knallhart durchgesetzt werden, nützen wenig. Sagt man wenigstens. Also: was nützen eigentlich die Zehn Gebote? Das werde ich tatsächlich immer wieder gefragt. Von Schülern genauso wie von Konfis, von jungen und alten Erwachsenen. Da hält sich doch sowieso keiner dran – ein Standardsatz meiner Neunt- und Zehntklässler. einem, der nicht an Gott glaubt, geht es doch sichtbar keinesfalls schlechter, jemandem, dem die Feiertage egal sind und der sonntags voll durcharbeitet auch nicht – geht doch in unserer modernen Gesellschaft auch nicht anders. Ehebruch??? Wen juckt denn das noch, schauen sie sich mal die Scheidungszahlen und die Wirklichkeit in vielen Familien an, Geklaut wird überall, und wenn’s das Paar Handschuhe aus der Firma ist oder die Steuer, die eigentlich der Allgemeinheit zusteht und die durch Tricks und Lügen nicht gezahlt wird. Okay, das mit den Eltern vielleicht… - aber wenn die zu mir nicht nett waren und das muss sowieso jeder selber wissen. Alles Beobachtungen, Aussagen, Meinungen, die ich nicht widerlegen kann, weil sie nicht so einfach falsch sind. Und wahrscheinlich können die meisten hier das wahrscheinlich noch aus eigener Erfahrung mit anderen Beispielen ergänzen. Nochmal: was nützen eigentlich die Zehn Gebote, außer dass sie als Lernstoff zum Auswendiglernen für Konfis gut sind, wenn sie ganz offensichtlich nicht mit Androhung von Gewalt oder Strafe durchgesetzt werden?
Die Zehn Gebote in der Form, wie die Bibel sie uns überliefert, sind ein mindestens dreifaches Angebot Gottes. Und kein Gesetzbuch. Sie sind einmal ein Angebot, in guter Beziehung zu Gott zu bleiben. Dann das Angebot, in guter Beziehung zu Mitmenschen zu leben. Als drittes das Angebot, frei zu bleiben. Und vielleicht fallen ja anderen hier im Gottesdienst noch ganz andere Gesichtspunkte und Angebote ein. Ich bin neugierig. Sagt’s mir, sagen sie’s mir ruhig – wenn ihr, wenn sie den Mut haben, ruhig während der Predigt, sonst gern auch nachher. Aber jetzt zu den drei Angeboten.
Das erste Angebot dieser zehn Gebote: eine gute Beziehung zu Gott. Wenn ich jetzt frage: wie fangen die Zehn Gebote an?, dann würden die meisten, die in Konfer gelernt haben, wohl antworten: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ Das ist das erste Gebot. Ja, das ist das erste Gebot. Aber so fangen die Zehn Gebote nicht ganz an. „Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland aus der Knechtschaft geführt habe“. Das ist sozusagen die Überschrift, unter der alles, was dann kommt, gehört und verstanden werden will. Die Zehn Gebote beginnen nicht mit Regeln und mit Verhaltensaufforderungen, nicht mit Verboten oder anderem. Sondern damit, dass Gott redet. Das Gespräch sucht, eine Beziehung herstellt. Es sind keine vom Himmel auf unerklärliche Weise gefallenen Worte, sondern Ausdruck einer Beziehung. Anrede, die auf Antwort und nicht auf blinden Gehorsam, der nicht nachdenkt und sich von dem, der die Regeln setzt losgelöst hat, zielt. Die Gebote sind keine Befehle, die einfach zu befolgen sind, ohne Nachdenken und ohne sie mit Leben zu füllen, sondern Angebote, wie der Mensch sinnvoll auf die von Gott ins Leben gerufene Beziehung, auf die von Gott geschenkte Freiheit antworten kann. Gott stellt sich vor. Er ist der, der die Menschen aus der Knechtschaft, aus der Sklaverei, aus dem Leben, in dem sie blind befolgen mussten,

Freitag, 27. September 2013

Immer artig "Danke" sagen ;) - Erntedank mit Kurzanspiel der Konfirmanden, Predigt als Dialog mit Konfirmandin

Dieses Anspiel ist für meine Konfigruppe, die sich nicht so gern im Gottesdienst präsentiert und (noch) Angst hat, etwas falsch zu machen. Für die Predigt habe ich eine mutige Konfirmandin gewinnen könnnen.



Anspiel zur Predigt Erntedank 13

Requisite: ein Geschenkpäckchen

Jasmina und Julian stehen vor dem Altar, Jasmina hat das Päckchen in der Hand, schenkt es Julian, sagt dabei „Bittschön!“. Julian freut sich, sagt „Danke!“, legt das Päckchen hinter sich ab.

Julian grübelt, macht eine Geste, die ausdrückt Ich habe eine Idee. Nimmt das Päckchen, schenkt es Jasmina, sagt dabei „Bitteschön!“. Jasmina nimmt das Päckchen, schaut freundlich, sagt „Danke“ und legt es hinter sich ab.

Jasmina grübelt, nimmt das Päckchen, das Spiel mit „Bitteschön!“ und „Danke“ geht wieder von vorne los, beide schauen jetzt aber leicht genervt.

Julian macht eine Ärger- oder Wutgeste, die Jasmina nicht sehen kann, schnappt sich das Päckchen, das „Bitteschön!“ – „Danke“ Spiel geht in die nächste Runde.

Jasmina macht eine Verzweiflungsgeste, aber das Spiel geht wieder von vorne los.

Anita kommt langsam nach vorn.

Julian wird sauer, sagt ganz patzig „Danke!“ und will das Geschenk sofort zurückgeben

Anita greift ein, schnappt sich das Päckchen, sagt: „Das kann ich ja nicht mehr sehen! Evelina, komm mal her, schmeiß das Päckchen weg!“
Evelina kommt, nimmt das Päckchen, schmeißt es in der Sakristei in den Papierkorb.

Jasmina und Julian schauen verblüfft, sagen dann strahlend gemeinsam „Danke, Anita!“ und umarmen sie.

Alle gehen wieder an ihren Platz.


Predigt Erntedankfest 13
MELISSA:     Hast du das gesehen? Die waren ja mies drauf! Dabei sind Geschenke doch was Schönes! So, wie die zwischendurch dann „Danke“ gesagt haben, da hab ich doch gedacht, die bringen sich gleich um! Gut, dass da noch die ANITA gekommen ist und so ne gute Idee hatte!
KB:      Das kannst du laut sagen, MELISSA! Aber ich kann die JASMINA und die JULIAN auch gut verstehen. Manchmal will man vielleicht gar nicht „Danke“ sagen. Da nervt das einfach.
MELISSA:     Dass du dich als Pfarrer traust, so was zum Erntedankfest in der Kirche zu sagen! Du müsstest mir und allen anderen hier doch sagen, dass wir gefälligst dankbar sein sollen für unser Leben und das wir was zu essen haben und was zum Anziehen und …
KB:      MELISSA, bleib ruhig! Meinst du wirklich, dass das was bringt, wenn ich dir und allen anderen hier sagen würde: Jetzt sag aber dem lieben Gott schön „Danke!“? Ich glaube, das bringt gar nichts! Damit ich wirklich „Danke“ sagen kann, muss ich mich doch auch freuen. Und das kann ich niemandem befehlen.
MELISSA:     Aber ich kann doch auch Danke sagen, wenn ich mich nicht freue. Meine Tante, die schenkt mir immer so kratzige Pullover. Und da sag ich auch Danke, obwohl ich die Pullover blöd finde. Ich hab doch meine Tante ganz lieb und ich weiß, dass sie mich auch lieb hat, obwohl sie mir kratzige Pullover schenkt. Und deshalb sag ich Danke, weil ich denke, dass meine Tante sonst vielleicht traurig ist.
KB:      Ja, das kenne ich gut! Aber da siehst du doch auch: eigentlich willst du deiner Tante sagen: „Du, ich hab dich ganz lieb, auch wenn du meinen Pullovergeschmack nicht kennst.“ Und du sagst Danke, und deine Tante denkt vielleicht: „Prima, der MELISSA gefällt mein Geschenk!“ Deine Tante fühlt sich verpflichtet, dir immer wieder so was zu schenken, weil sie denkt, dir gefällt es und du fühlst dich verpflichtet, Danke zu sagen. Und vielleicht geht’s dir oder euch beiden dann mal wie der JASMINA und dem JULIAN. Dass ihr beide völlig genervt werdet.
MELISSA:     Aber was kann man da denn machen? Soll man denn gar nicht mehr Danke sagen?
KB:      Doch, das schon. JASMINA und JULIAN haben zum Schluss ja auch zu ANITA Danke gesagt. Sie waren wieder fröhlich, weil sie gemerkt haben, dass der ganze Zwang, Geschenke immer mit Danke und einem Gegengeschenk zu beantworten, blöd ist. Ein Geschenk ist dann ein Geschenk, wenn der, der schenkt, nichts erwartet und der, der das Geschenk bekommt, sich zu nichts verpflichtet fühlen muss. Und ANITA hat den beiden gezeigt: es geht doch auch ohne! Man kann sich auch ohne solche Geschenke gern haben.
MELISSA:     Soll ich dann meiner Tante sagen: „Schenke mir nichts mehr, ich habe dich trotzdem lieb“? Aber ich kriege doch gern Geschenke, nur nicht kratzige Pullover!
KB:      Wir Menschen sind schon manchmal ziemlich kompliziert, gell. Ich glaube, das musst du mit deiner Tante mal in Ruhe klar machen.
MELISSA:     Aber was hat das ganze denn jetzt mit dem Erntedankfest zu tun, das wir heute feiern? Da müssen wir doch dran denken, was Gott uns alles für unser Leben schenkt und dann bei ihm bedanken. Das müssen wir doch, weil’s uns so gut geht! Weißt du, wenn ich Bilder von Kindern aus Afrika oder so sehe, oder auch von hier, die fast nichts zu essen haben oder nur schmutzige und zerrissene Pullover, da muss ich doch dem lieben Gott danken, dass ich genug zu essen habe – und eigentlich auch, dass ich eine Tante habe, die mir Pullover schenkt. Auch wenn sie kratzig sind. Immerhin habe ich welche.
KB:      Musst du das wirklich?
MELISSA:     Hä, das versteh ich nicht!
KB:      Ich meine, musst du dich wirklich bei Gott bedanken? Wenn du das Gefühl hast, du musst das tun, dann ist es doch kein echtes Bedanken mehr. Ich finde so Tage eigentlich merkwürdig. Gott hat keinen von uns gefragt, ob er leben will. Er hat uns das Leben geschenkt. Klar. Aber manchmal gibt’s Momente, da kann ich nicht „Danke“ fürs Leben sagen. Da geht’s mir