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Samstag, 12. Oktober 2013

Zehnfache Freiheit - nicht gerade knallhart durchgesetzt - 18. Sonntag nach Tr., Reihe V

Text: Exodus (2. Mose) 20,1-17
Die Predigt habe ich eigentlich am 19. n. Tri, dem 6.10.13, gehalten. Durch die Kirchenvorstandswahl in unserer Landeskirche haben wir Erntedank vorgezogen und ich wollte gern mal wieder die Zehn Gebote predigen


Liebe Gemeinde!
Regeln, die nicht durchgesetzt werden, sind nichts wert. Oder? In Marburg erlebe ich unglaublich viele Fahrradfahrer, die garantiert älter als 12 Jahre sind und trotzdem auf dem Bürgersteig fahren. Jeden Tag sehe ich jede Menge Leute, die verbotenerweise mit dem Handy während des Autofahrens telefonieren oder, noch gefährlicher, sogar Mitteilungen schreiben. Und an Geschwindigkeitsbeschränkungen halte ich selbst mich ja vor allem dann, wenn ich weiß, dass da oft kontrolliert wird. Sonst kann’s bei mir auch sein, dass ich leicht mal zu schnell bin. Vom Kaugummiverbot in der Richtsbergschule will ich erst gar nicht reden. Regeln, die nicht knallhart durchgesetzt werden, nützen wenig. Sagt man wenigstens. Also: was nützen eigentlich die Zehn Gebote? Das werde ich tatsächlich immer wieder gefragt. Von Schülern genauso wie von Konfis, von jungen und alten Erwachsenen. Da hält sich doch sowieso keiner dran – ein Standardsatz meiner Neunt- und Zehntklässler. einem, der nicht an Gott glaubt, geht es doch sichtbar keinesfalls schlechter, jemandem, dem die Feiertage egal sind und der sonntags voll durcharbeitet auch nicht – geht doch in unserer modernen Gesellschaft auch nicht anders. Ehebruch??? Wen juckt denn das noch, schauen sie sich mal die Scheidungszahlen und die Wirklichkeit in vielen Familien an, Geklaut wird überall, und wenn’s das Paar Handschuhe aus der Firma ist oder die Steuer, die eigentlich der Allgemeinheit zusteht und die durch Tricks und Lügen nicht gezahlt wird. Okay, das mit den Eltern vielleicht… - aber wenn die zu mir nicht nett waren und das muss sowieso jeder selber wissen. Alles Beobachtungen, Aussagen, Meinungen, die ich nicht widerlegen kann, weil sie nicht so einfach falsch sind. Und wahrscheinlich können die meisten hier das wahrscheinlich noch aus eigener Erfahrung mit anderen Beispielen ergänzen. Nochmal: was nützen eigentlich die Zehn Gebote, außer dass sie als Lernstoff zum Auswendiglernen für Konfis gut sind, wenn sie ganz offensichtlich nicht mit Androhung von Gewalt oder Strafe durchgesetzt werden?
Die Zehn Gebote in der Form, wie die Bibel sie uns überliefert, sind ein mindestens dreifaches Angebot Gottes. Und kein Gesetzbuch. Sie sind einmal ein Angebot, in guter Beziehung zu Gott zu bleiben. Dann das Angebot, in guter Beziehung zu Mitmenschen zu leben. Als drittes das Angebot, frei zu bleiben. Und vielleicht fallen ja anderen hier im Gottesdienst noch ganz andere Gesichtspunkte und Angebote ein. Ich bin neugierig. Sagt’s mir, sagen sie’s mir ruhig – wenn ihr, wenn sie den Mut haben, ruhig während der Predigt, sonst gern auch nachher. Aber jetzt zu den drei Angeboten.
Das erste Angebot dieser zehn Gebote: eine gute Beziehung zu Gott. Wenn ich jetzt frage: wie fangen die Zehn Gebote an?, dann würden die meisten, die in Konfer gelernt haben, wohl antworten: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ Das ist das erste Gebot. Ja, das ist das erste Gebot. Aber so fangen die Zehn Gebote nicht ganz an. „Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland aus der Knechtschaft geführt habe“. Das ist sozusagen die Überschrift, unter der alles, was dann kommt, gehört und verstanden werden will. Die Zehn Gebote beginnen nicht mit Regeln und mit Verhaltensaufforderungen, nicht mit Verboten oder anderem. Sondern damit, dass Gott redet. Das Gespräch sucht, eine Beziehung herstellt. Es sind keine vom Himmel auf unerklärliche Weise gefallenen Worte, sondern Ausdruck einer Beziehung. Anrede, die auf Antwort und nicht auf blinden Gehorsam, der nicht nachdenkt und sich von dem, der die Regeln setzt losgelöst hat, zielt. Die Gebote sind keine Befehle, die einfach zu befolgen sind, ohne Nachdenken und ohne sie mit Leben zu füllen, sondern Angebote, wie der Mensch sinnvoll auf die von Gott ins Leben gerufene Beziehung, auf die von Gott geschenkte Freiheit antworten kann. Gott stellt sich vor. Er ist der, der die Menschen aus der Knechtschaft, aus der Sklaverei, aus dem Leben, in dem sie blind befolgen mussten,