Predigten und Gedanken aus der Thomaskirche auf dem Richtsberg in Marburg
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Samstag, 11. Januar 2014
Kannste knicken?! - Nein!, 1. Sonntag nach Epiphanias, 12.01.14, Reihe VI
Freitag, 5. Juli 2013
Mein Leben gehört mir!? - Freiheit ist das Einzige, was fehlt... - 6. n. Trinitatis, Reihe V, 07.07.2013
Samstag, 29. Juni 2013
Was bringt's denn überhaupt...? - Predigt am 30.06.2013
Freitag, 7. Juni 2013
Baby bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld - 2. Sonntag nach Trinitatis, Reihe V, 09.06.2013
Zu Beginn der Predigt gibt es Ausschnitte aus "Einmal um die Welt" von Cro zu hören
Freitag, 26. April 2013
Vorfreude ist die schönste Freude - oder: mach' deinen eigenen Remix - Kanate, 28.04.2013, Reihe V
Donnerstag, 28. März 2013
Gott ist verrückt, Glauben ist verrückt, Christen sind verrückt - Ostermontag 2013, Reihe V
Mittwoch, 2. Januar 2013
Wo viel Licht ist, ist viel Schatten - Epiphanias, 6.1.13, Reihe V
Samstag, 22. Dezember 2012
Gott bei der Arbeit... - 3. Advent (und auch am 4. gehalten) 2012, Reihe V
Freitag, 23. November 2012
Merkwürdig, sehr merkwürdig, dieses Leben - Ewigkeitssonntag, 25.11.2012, Reihe IV
Samstag, 11. August 2012
Alles gut?! - 10. Sonntag n. Tr. (Israelsonntag), 12.08.2012, Reihe IV
Liebe Gemeinde!
Am Ende wird alles gut! Genau das verspricht hier der Prophet, der Jesaja genannt wird, den Menschen, denen er lange vor unserer Zeit das gesagt hat, was ich eben vorgelesen habe. Die Stadt, die im Krieg zumindest teilweise zerstört wurde, wird wieder aufgebaut. Sie wird so etwas wie der Mittelpunkt der Welt, ein Anziehungspunkt für viele, viele Menschen, die sehen können, wie gut das Leben sein kann. Die Menschen in der Stadt werden in Frieden leben. Es gibt keine Ausbeutung mehr. Jeder wird mit seiner eigenen Arbeit genug zum Leben verdienen. Die Menschen in der Stadt werden erlöst sein. Die Stadt wird ein Vorbild für andere sein, alle werden die Stadt suchen wollen, weil man dort den Frieden mit Gott sehen und spüren kann. Am Ende wird alles gut! Aber wann wird das sein?
Ein Happy-End, das gibt’s ja mittlerweile höchstens noch in Filmen, die an der Grenze zum Kitsch stehen oder in wenigen Büchern. Wenn es im Film überhaupt ein Happy-End gibt, ahnt man doch meistens schon, dass das nur eine Durchgangsstation zu neuen Schwierigkeiten ist, eine kurze Pause, bevor in Teil 2, Teil 3 und Teil 4 neue große und kleine Katastrophen und Unglücke hereinbrechen. Am Ende wir eben nicht alles gut, zumindest nicht auf Dauer. Das lehren uns nicht nur Filme. Auch im wirklich gelebten Leben gibt es nicht für alles ein glückliches Ende. Auch Menschen, die ganz fest auf Gott vertrauen, werden krank, sterben manchmal einsam und mit Schmerzen. Auch Ehen von Menschen, die auf Gott vertrauen, können scheitern und nicht alle, die an Gott glauben, finden einen tollen Beruf oder sind richtig gute Schüler.
Am Ende wird alles gut?! – Da fällt einem mehr als ein Grund ein, vorsichtig zu sein und vielleicht auch zu den-ken: An dem Punkt hat sich der Prophet in der Bibel aber doch so ein bisschen geirrt. Vor allem dann, wenn man sich klar macht, welche Stadt es ist, die der Prophet da beschreibt und von der er so ein schönes Bild in der Zu-kunft entwirft. Es ist eine Stadt, die es heute noch gibt: Jerusalem. Heilige Stadt für Juden, Christen und Musli-me. Und seit Jahrtausenden eine Stadt, die auch für die Zerrissenheit der Menschen steht. Mehrfach wurden die Bewohner vertrieben und mit ihnen sollte der Glauben an Gott aus der Stadt getrieben werden. Im Jahr 70 wurde von den Römern der Tempel zerstört und etwas später wurde Juden verboten, die Stadt überhaupt zu betreten. Auch nach dem Ende der römischen Herrschaft war die Stadt immer wieder umkämpft, Zentrum grausamer Krie-ge, vor allem Muslime und Christen haben sich da durch Gewalt hervorgetan. Und heute? Bestenfalls herrscht in
Sonntag, 24. Juni 2012
Trösten - Johannistag (3.n.Tr.), 24.06.2012, Reihe IV
Liebe Gemeinde!
Wie viel Trost werden wohl in den nächsten Tagen Schülerinnen und Schüler brauchen? Es gibt mal wieder Zeugnisse. Und da bekommt man es schwarz auf weiß: gut in Mathe! Oder eben vielleicht doch nur ausreichend oder sogar mangelhaft. Sehr gut in Deutsch oder doch nur gerade so ausreichend oder sogar ungenügend. Du darfst weitermachen oder du wirst nicht versetzt, du genügst den Ansprüchen nicht. Und dann mache ich gerade bei den Schülern im 9. und 10. Schuljahr, die schon an Bewerbungen oder einen Schulwechsel denken müssen, die Erfahrung, dass sie unbedingt wissen wollen, wie ich ihr Arbeits- und Sozialverhalten beurteile, die Kopfnoten. Gut, sehr gut – oder doch nur ausreichend oder mangelhaft? Welcher Betrieb wird einen schon in eine Ausbildung über-nehmen, wenn einem bescheinigt wird, dass das Arbeitsver-halten gerade mal ausreichend war oder das Sozialverhalten nicht gut ist? Und dann kommt bei manchen noch das Gefühl dazu, ungerecht beurteilt worden zu sein. Nur weil man Widerworte gegeben hat, wird man schlechter beurteilt. Nur weil man MAAAAAAAAL die Hausaufgaben nicht hatte, bekommt man schlechtere Noten. Ob gerecht oder ungerecht: Manchmal braucht man sicher ganz schön viel Trost, wenn einem ein Zeugnis gegeben wird. Und wieviel Trost werden manche Eltern in diesen Tagen brauchen? Eltern, die Pläne und Hoffnungen für ihre Kinder und mit ihnen hatten, die merken, wie die Kinder leiden und nicht richtig wissen, wie sie ihnen helfen sollen. Eltern, die vielleicht auch merken: meinen Kindern scheint das völlig egal zu sein. Die machen sich nichts aus den Noten, denen ist ihre Zukunft egal, Hauptsache Spaß, was sollen wir da noch machen? Eltern, die sich schuldig fühlen, weil sie ratlos sind? Wie viel Trost wird nötig sein in der nächsten Zeit? Für Kinder und Eltern, für manche von uns in vielleicht ganz anderen Situationen, in denen wir merken: unser Leben würde als Note nicht gerade eine „1“ kriegen. Weil wir selber Sachen falsch gemacht haben, weil wir merken, dass unser Glauben, unsere Hoffnung, unsere Liebe an deutliche Grenzen gestoßen sind, weil uns das Leben mit seiner Härte eingeholt hat und Krankheit oder Tod, Arbeitslosigkeit oder Geldmangel einfach schwer zu ertragen sind?
„Tröstet, tröstet mein Volk“ – der Anfang von dem Predigt-text für heute scheint genau so gemacht worden zu sein, dass er in diese Zeugnistage hinein passt. Natürlich ist er das nicht. Die ersten, die das gehört haben, waren keine traurigen Schüler oder verzweifelten Eltern. Aber es waren Menschen, die merkten: das Zeugnis über mein Leben fällt eigentlich nicht besonders aus – und vielleicht hat das auch was mit mir zu tun und vielleicht hat das auch was damit zu tun, dass Gott eigentlich gute Wege zeigen wollte, die wir als Menschen nicht gegangen sind. Die Menschen, die als erste diese Trostbotschaft hörten, waren Menschen aus Israel, die vor gut 2500 Jahren nach einem verlorenen Krieg aus ihrer Heimat vertreiben wurden und sich im Land des Siegers, ungefähr im heutigen Irak neu ansiedeln mussten. Es ging ihnen nicht furchtbar schlecht, man darf sich das nicht als eine Art KZ vorstellen.
Samstag, 3. März 2012
Ich hab keine Lust mehr! - Reminiszere, 04.03.2012, Reihe IV
Liebe Gemeinde!
Ich hab keine Lust mehr! In jedem Spätwinter werden mühsam Blumen vorgezogen. Die ersten Salatpflänzchen werden aufs Frühbeet vorbereitet und der Garten wird frühjahrsfit gemacht. Und noch ein bisschen mehr als unbedingt nötig. Gepflanzt wird, gegossen, Unkraut und Schädlinge werden bekämpft. Viel Liebe und Mühe wird reingesteckt. Und was kommt dabei raus? Nichts!!! Die blöden Blumen blühen nicht richtig, das Gemüse bleibt mickrig. Es lohnt sich nicht. Soll alles doch verwildern, mir egal. Ich hab keine Lust mehr! Wer ein bisschen Garten hatte oder Garten hat, kennt vielleicht genau diesen Frust. Er ist da, aber relativ harmlos, solange es um Pflanzen und Ernte geht.
Ich hab keine Lust mehr. Jeden Tag neu der Versuch, als Lehrer freundlich zu den Schülern zu sein. Geduld und Verständnis zu haben, wenn sie mal mies drauf sind. Ihnen zu helfen, wenn sie was nicht verstehen. Immer wieder und wieder. Telefonate mit Eltern, Besprechungen mit allen möglichen Leuten, Kontakte aufbauen, um Hilfen für die besonders Schwachen anbieten zu können. Und der Dank: Jeden Tag das gleiche Chaos in der Klasse, Respekt ist ein Fremdwort, Hausaufgaben werden nicht gemacht, Vorstellungsgespräche, die organisiert wurden, gar nicht besucht, jeder macht, was er will. Es reicht. Sollen die doch sehen, wo sie bleiben. Was interessiert mich ihr späterer Arbeitsplatz, was interessiert mich ihre Zukunft. Sollen die doch machen, was sie wollen, ich will meine Ruhe.
Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder decke ich meine Freundin, wenn sie keine Hausaufgaben hat, Schule schwänzt, Liebeskummer hat. Ich helfe ihr immer wieder. Und der Dank? So bald Leute auftauchen, die scheinbar cooler als ich sind, lässt sie mich links liegen, kennt mich nicht mehr, bis sie wieder heulend ankommt. Soll sie doch sehen, wo sie bleibt! Soll sie doch verrecken. Ich hab keine Lust mehr.
Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder habe ich es hin-genommen, dass mein Mann es mit der Treue nicht so genau nimmt. Ja, er liebt mich, er braucht mich, er ver-lässt mich nicht. Sagt er immer wieder. Aber er tut mir weh. Jedes Mal. Und erst recht, wenn er trinkt und sich nicht unter Kontrolle hat. Wenn er mich lächerlich macht und sich lächerlich benimmt. Tausendmal hat er Besse-rung versprochen. Und nichts hat‘s genützt. Ich habe kei-ne Lust mehr!
Wenn’s um MEHR als Pflanzen geht, wenn’s um Men-schen geht, um Liebe, um Zeit und Kraft, die in Bezie-hungen investiert wird, um Enttäuschungen, um Schuld, dann ist dieser Frust alles andere als harmlos.
Ich glaube, dass ganz viele diese Gefühle kennen. Zum Teil als diejenigen, die frustriert und enttäuscht wurden. „Ja, hör auf, du hast genug getan, überlass das alles mal sich selbst, wenn der oder die oder das es nicht anders kann und will, dann ist eben Ende der Fahnenstange! Sollen die doch sehen, wo sie bleiben und kaputtgehen.“ Ein Urteil, dem sich viele, ich oft genug auch, anschließen können. Und wie ist das auf der anderen Seite? Wenn man nicht enttäuscht wurde, sondern enttäuscht hat?
Freitag, 2. Dezember 2011
Sehnsüchtig hoffen - 2. Advent, 04.12.2012, Reihe IV
Liebe Gemeinde!
Manchmal gebe ich die Hoffnung auf, mit den Achtklässlern, die ich in Religion unterrichten muss, zurechtkommen und gut reden zu können. Und dann schaffen sie es doch, mich mit guten Einsichten und Fragen aus der totalen Hoffnungslosigkeit rauszuholen. Wenigstens für einen Moment. Hoffnung ist hier das Stichwort. In der letzten Stunde hatten wir uns mit dem Bibelvers „Nun aber bleiben Glauben, Hoffnung, Liebe, diese drei; die Liebe ist aber die Größte unter ihnen“ beschäftigt. Ich habe gedacht, dass gerade die Mädchen das genauso bestätigen. Aber die wollten das gar nicht einsehen. Die meisten sagten mir: „Aber die Hoffnung ist doch wichtiger. Um lieben zu können, brauche ich doch die Hoffnung, dass das funktioniert. Und ein Leben ohne Hoffnung ist doch mindestens so arm wie eins ohne Liebe. Wenn ich ohne Liebe lebe, dann kann ich doch wenigstens noch die Hoffnung haben, dass das anders wird.“ Die Diskussion ging noch weiter – aber mich hat aus vielen Gründen in dieser Woche die Frage nicht mehr losgelassen, welchen Wert die Hoffnung eigentlich hat. Und von welcher Hoffnung ich heute am 2. Advent ihnen und euch etwas erzählen soll.
Wie ein Geschenk kamen mir dann die Verse aus dem Buch Jesaja vor, die für heute als Predigttext vorgesehen sind. Schon die Form der Worte hat für mich viel mit dem zu tun, was ich in diesem Advent erlebe und gern weitersagen möchte. Da redet keiner, der gerade erzählt, wie toll alles bei ihm ist und wie super alles läuft, auch im Glauben, wie einfach es ist, an Gott zu glauben und wie sich dann alles von selbst zum Guten verändert. Da beten Menschen. Das, was da in der Bibel steht, was ich eben vorgelesen habe, das ist nichts andres als ein Gebet. Da beten Menschen, die Angst davor haben, dass ihnen die Hoffnung ganz wegbricht. Da reden Menschen zu Gott, die, in unsere Alltagssprache übersetzt, zu ihm sagen: „Du bist so weit oben im Himmel, so wunderbar und hast früher den Menschen, geholfen – wir merken im Moment aber gar nichts davon! Wir haben das Gefühl, dass du uns gar nicht mehr siehst und dass wir dich nicht erkennen können. Du bist doch unser Vater – aber das Gute, dass du unseren Vorfahren, Abraham und Jakob - Israel, geschenkt hast, das ist längst aufgebraucht. Zeige dich endlich wieder als der Gott, der die Welt verändert. Wir brauchen dich!“
Vielleicht ist ja in dem Moment noch nicht einmal wirklich Hoffnung da. Ich weiß es nicht. Hoffnung heißt ja, davon auszugehen, dass sich wirklich etwas ändern kann. Vielleicht ist es erst einmal nur die kleine Schwester der Hoffnung, die Sehnsucht, die da ist. Sehnsucht – für mich heißt das, dass eine Ahnung davon da ist,
Sonntag, 2. Oktober 2011
So perfekt - Erntedankfest 2011, Predigt und Anspiel von und mit Konfis, Reihe III
Text: Jesaja 58,7-11
Milena: Der Predigttext zum Erntedankfest steht in diesem Jahr beim Propheten Jesaja. Ich lese den 7. Vers aus dem 58. Kapitel:
Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen!
Praktisch gibt es so etwas nicht nur in großen Städten oder in fremden Ländern. Und das Ganze ist auch nicht nur etwas, was Erwachsene betrifft. Nur leider klappt das im Alltag nicht immer so, wie es in der Bibel steht. An drei Beispielen aus der Welt von Jugendlichen wollen wir Ihnen und euch das zeigen. Zwischen den kurzen Szenen gibt es Musik. „So perfekt“ heißt das Lied. In dem Lied geht es auch darum, dass manche gemobbt werden oder nicht alles können, dass man sich aber nicht irre machen lassen soll und dass man das, was man tut, richtig machen soll, denn nur dann kann die Welt perfekter werden:
1. Szene: 2 Mädels (Alina, Vikki) schauen auf eine dritte (Christina), die gerade Bier trinkt, lästern –
Alina: Boah, schau dir die da drüben mal an, die ist schon wieder total dicht!
Vikki: Wie eklig! Guck mal, wie die rumtorkelt! Die säuft jeden Tag, die stinkt schon in der Schule nach Schnaps!
Alina: Wenn sie überhaupt kommt! Die ist ja nie vor der 4. Stunde da.
Vikki: Und bis dahin schläft sie bestimmt in ihrer Kotze, so wie die aussieht, säuft und stinkt.
Christina: (kommt näher): Habt ihr mal…
Alina, Vikki: Hau ab, du stinkst!
2. Szene: Pause in der Schule, 2 (Christina, Ela) lästern über eine (Alina), die einfach nur da steht
Christina: Guck mal da drüben, die Caro, voll die Schlampe!
Ela: Die soll ja letztes Wochenende auf der Party bei Jannick die Sau rausgelassen haben. Die hat da echt mit Alex rumgemacht!
Sonntag, 11. September 2011
9/11 - böse Welt und gute Hoffnung, 12. n. Trinitatis, Reihe III
Liebe Gemeinde!
Bei vielen, die älter als 18 oder 20 sind, gehen heute die Gedanken 10 Jahre zurück. 11. September 2011, das Undenkbare geschieht. Flugzeuge werden entführt und in das World Trade Center, in das Pentagon, das amerikanische Verteidigungsministerium, gelenkt. Weit über 3000 Tote bringt dieser Tag direkt. Bilder, die sich ins Bewusstsein eingebrannt haben. Töne, die einem kaum aus dem Kopf gehen. Wenn ich an diese Zeit vor 10 Jahren denke, dann geht mir eine Toncollage nicht aus dem Kopf. Handygespräche von Menschen aus dem World Trade Center, in denen sie ihren Angehörigen erzählen, wie sehr sie lieben, kurz bevor die Häuser einstürzen und die Gesprächsteilnehmer umkommen, rein gemischt in das Lied „Angel“ der amerikanischen Liedermacherin Sara McLachlan. Weit über 3000 direkte Tote – und ungezählte Tote in der Folge in den Kriegen im Irak, in Afghanistan, durch Terroranschläge in London, Madrid, vielen Ländern Afrikas und Asiens, durch Folter und Hass. Heute vor 10 Jahren. Ein Tag, der die Welt böser und schlimmer gemacht hat. Nicht nur, weil ein paar von blindem Hass getriebene Terroristen durch eine mehr als zweifelhafte Auslegung des Korans Tod und Schrecken gebracht haben und ihre ganze Religion im Westen unter den völlig irrsinnigen Generalverdacht des Terrors gestellt haben. Sondern auch weil Menschen, die sich im christlichen Glauben verwurzelt fühlten oder fühlen, auf diesen Hass angesprungen sind .
In Gefängnissen nicht nur im Irak wurden Menschen gefoltert und gedemütigt, in Gefangenenlagern das Recht auf einen fairen Prozess außer Kraft gesetzt. Und Menschen, die irgendwie muslimisch aussehen oder arabische Namen haben, wurden und werden immer noch bei Sicherheitskontrollen eher scharf und unfreundlich behandelt. Die Beschimpfung von Muslimen im Internet ist genauso salonfähig geworden wie rassistische Parteien in unseren Nachbarländern. Muslime sind mit Sicherheit keine besseren Menschen. Es gibt dort auch viele Gestalten, die sehr, sehr zweifelhaft sind und die Hass anstacheln. Aber dürfen wir als Christen uns davon in unserer Hoffnung und in dem, was wir in der Hoffnung auf das, was Gott möglich macht, leben, irre machen lassen? Ich glaube nicht. Wer sich, ob als Politiker oder als einfacher Bürger, auf das christliche Abendland und christliche Werte beruft, der kommt an den wunderbaren Frie-denshoffnungen der Propheten, die uns auch mit den Juden und dem Volk Israel verbinden, nicht vorbei. Und deshalb finde ich es mehr als nur einen gelungenen Zu-fall, dass ausgerechnet heute, am 11. September 2011, so ein Text der von der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit, auf die hin wir leben, als Predigttext vorgesehen ist. Diese Hoffnung hat der Prophet Jesaja aufgeschrieben, sie steht in Kapitel 29 seines Buches:
Lesen: Jesaja 29,17-24
Augen und Ohren gehen auf, Menschen, denen Recht und Gerechtigkeit und ein das Überleben gut sicherndes Einkommen vorenthalten wurde, kommen zu ihrem Recht, Tyrannen und Unterdrücker werden beseitigt und das alles wird eine große Einladung dazu sein, Gott als wahren Herrn der Welt zu erkennen. Eine Einladung zum Glauben an Gott, die nicht durch Krieg
Sonntag, 14. August 2011
Frieden? - "Ich hau der Schlampe eine rein" - Frieden!, 8. n. Trinitatis, 14.08.11, Reihe III
Liebe Gemeinde!
Eine Welt ohne Krieg – wahrscheinlich hat es die nie ge-geben. Hier in Deutschland und in den meisten Ländern der EU kennen nur Rentner den Krieg aus eigenem Erle-ben, aber schon in Kroatien, Serbien, Bosnien und dem Kosovo vor unserer Haustür und erst recht in vielen Ländern in Asien und Afrika ist das ganz anders. Krieg und Gewalt gehörten oder gehören zum Alltag. Eine Welt ohne Gewalt, eine Welt in der sich Menschen aus allen Ländern, egal welche Religion sie haben und egal welchen Gott sie angebetet haben, von dem einen Gott zurechtweisen lassen und aus der Spirale der Gewalt – wie du mir, so ich dir, wenn du mich anmachst, dann kriegst du es doppelt zurück – ausbrechen und keiner mehr lernt, Krieg zu führen, eine Welt, in der keine Waffen mehr hergestellt werden und es nur noch darum geht, den Menschen angenehme Lebensbedingungen zu schaffen und die Menschen satt zu bekommen, eine solche Welt war ein Traum, ist ein Traum und wird es, solange ich lebe, vermutlich bleiben.
Ist es dann nicht völlig sinnlos
Samstag, 18. Juni 2011
Wenn Konfirmierte predigen... - Trinitatis, 19.06.11, Reihe III, English version available
Predigttext: Jesaja 6 (Gute Nachricht)
Liebe Gemeinde!
Es ist sicher sehr ungewöhnlich, dass nicht einer alleine, normalerweise der Pfarrer, hier vorne steht und eine Pre-digt hält, sondern dass eine Konfirmierte aus dem letzten Jahr mit da steht. Ich freue mich, dass Lisa so schnell „Ja“ gesagt hat, als ich sie gefragt habe, ob sie nicht mal mit mir zusammen predigen will.
Und ich frage mich mittlerweile, ob das wirklich eine gute Idee von mir war. Ich bin nervös. Heute sind fast alle neuen Konfis da, manche mit ihren Eltern. Und dann auch noch die Gäste aus Südafrika. Und die normale Gemeinde. Und dann auch noch der Predigttext von Jesaja. Ich habe ihn ausgesucht, weil ich fand, dass er ein schöner Dialog war. Aber als wir beide uns zusammengesetzt haben, da fiel mir erst mal gar nicht so viel ein, was man heute dazu sagen kann. Aber einen Rückzieher wollte ich dann doch nicht machen.
Warum denn nicht?
Ich hab’s schließlich versprochen.
Das stimmt, du bist wirklich zuverlässig. Als du noch jünger warst, konnte man sich beim Krippenspiel und im Kinderclub auf dich verlassen und als du selbst Konfi warst, da war das nicht anders. Bis auf die allererste Stunde, die du verpasst hast!
Aber danach war ich doch immer da! Und außerdem glaube ich an Gott. Und mir ist das wichtig. Und deshalb möchte ich auch gern anderen etwas davon erzählen. Obwohl ich mir überhaupt nicht sicher bin, ob ich das kann. Ich hab’s ja schließlich nicht studiert. Und ein perfekter Mensch mit einem perfekten Glauben bin ich ja auch nicht.
Und da sind wir schon mitten in diesem etwas komplizierten Bibeltext, der ausgerechnet für heute als Predigttext vorgeschrieben ist.
Dienstag, 18. November 2008
Schlagende Argumente - Predigt Buß- und Bettag 08, 19.11.08, Reihe VI
Liebe Gemeinde!
Ich kann mich nicht daran erinnern, als Kind von meinen Eltern zur Strafe wirklich geschlagen worden zu sein. Gott sei Dank! Bis auf eine einzige Ausnahme, an die ich mich noch gut erinnere. Was der Anlass war, weiß ich gar nicht mehr so genau, aber meine Mutter schimpfte mich nach allen Regeln der Kunst aus. Es war ein Vormittag, kurz vor dem Mittagessen, wohl in den Schulferien. Sie schimpfte und steigerte sich immer mehr hinein und ich fing an zu lachen. Je mehr sie schimpfte, desto mehr musste ich lachen. Sie konnte sich dann nicht mehr anders helfen, als den Kochlöffel zu nehmen. Mein Hinterteil war stabiler als der Löffel.
Dieses Erlebnis, das schon mehr als dreißig Jahre zurückliegt, hat in mir Skepsis geweckt. Die Skepsis, dass Wut und Zorn, und wenn sie auch noch so berechtigt sind, wirklich etwas ändern. Es ist manchmal gut, als Ventil für sich selbst, um keine Magengeschwüre zu kriegen, die eigene Wut und den eigenen Zorn nicht herunterzuschlucken, sondern raus zu lassen. Aber ob Schimpftiraden bei dem, der Auslöser meines Zorns ist, wirklich was ändern oder ob der Angeschrieene nicht vielmehr die Ohren auf Durchzug stellt, je mehr ich mich in diese Wut hineinbegebe? Ich weiß es nicht. Aber, wie gesagt, mein eigenes Beispiel macht mich skeptisch, ob Zorn wirklich viel ändert. Deshalb finde ich es auch schade, dass der Predigttext für den Buß- und Bettag heute so aufhört. Er besteht nur aus Anklagen. Klar, wenn das Motto für den Buß- und Bettag 2008 „Ehrlich“ ist, dann gehört auch das mit dazu. Es gehört mit dazu, dass wir als einzelne Christen, als Kirchengemeinde und als Kirche überhaupt nicht die Augen davor zu machen, dass sicher ganz vieles bei uns nicht in Ordnung ist. Der Prophet Jesaja beklagte sich vor langer Zeit darüber, dass viele ihren Glauben nur noch sozusagen äußerlich leben, dass er sich in schönen, aufwendigen Gottesdiensten und Feiern erschöpft, dass aber niemand danach schaut, wie es den Armen im Lande geht. Gottes Willen, so sagt es Jesaja hier, ist soziale Gerechtigkeit, ein Glauben, der auf der Seite der Armen ist und nicht eine Schauveranstaltung. Jetzt ist es heutzutage sicher leicht, viele Beispiele dafür zu finden, wo es armen Menschen nicht gut geht. Ich habe fast jeden Tag mit Menschen zu tun, deren Geld hinten und vorne nicht reicht. Durch die weltweite Berichterstattung im Fernsehen und in anderen Medien sind wir mit Armen und Rechtlosen weltweit verknüpft. Es gibt mehr Armut und Elend auf der Welt, als wir hier mit unseren Kräften lösen könnten. Und wenn wir mal ehrlich sind: so schlecht, dass wir als Kirche uns den Schuh anziehen müssten, bei uns hätten die Armen keinen Platz und wir würden nur eine christliche Festfassade aufrecht erhalten, sind wir als Kirche nicht. Kirchliche Werke, Diakonie oder Caritas, Brot für die Welt oder Misereor und ganz viele Einzelinitiativen helfen ganz entscheidend mit dabei, die Rechte der Armen und Unterdrückten nicht aus dem Blick zu verlieren. Gerade wir als Kirche, und damit meine ich wirklich wir, denn Kirche besteht ja aus ganz vielen einzelnen Christen in Marburg, in Omsk, weltweit, haben viel Grund, nicht in die billige Anklage einzustimmen: „Wir sind ja alle so schlecht und tun nichts!“ Natürlich kann man immer noch mehr tun und wird nie fertig werden. Wenn „ehrlich“ das Motto des Buß- und Bettags ist, dann heißt das auch, Mut zur Ehrlichkeit im positiven Sinn zu haben und sich nicht jeden Schuh anzuziehen, der einem hingehalten wird.
Der Sinn des Buß- und Bettags und auch der Sinn des Predigttextes für heute ist nicht, sich ständig klein und schlecht und vom Untergang bedroht zu fühlen. Im Gegenteil. Der Sinn ist es für mich, die Kraft zu haben oder zu bekommen, Stachel im Fleisch einer Gesellschaft, einer Weltordnung zu sein, in der Neid und gier als positive Antriebskräfte viel zu oft und viel zu lang hingenommen wurden. Stachel im Fleisch einer Weltordnung zu sein und zu bleiben, die Korruption für ein Kavaliersdelikt hält, die nichts dabei findet, dass nicht die Person und ihre Bedürfnisse entscheidend sind, sondern Beziehungen, Herkunft, äußeres Ansehen oft genug die Hauptrolle zu spielen scheinen.
Glaubwürdig können wir als Kirche im Großen, als Gemeinde vor Ort und als einzelner Christ aber nur dann sein, wenn wir tatsächlich auch ehrlich zu uns selbst sind. Wenn wir bereit sind, die Augen nicht vor dem zuzumachen, was auch bei uns nicht gut läuft. Wenn wir bereit sind, auch unsere Schuld zu sehen und einzugestehen. Es ist billig, die Welt anzuklagen, auf die Politiker, die Banker, die Wirtschaftsbosse oder wen auch immer zu verweisen, wenn ich nicht bereit bin, zuallererst mich selber anzuschauen. Erst dann kann es weitergehen. Aus diesem Grund finde ich den Buß- und Bettag und sein Anliegen wichtig und alles andere als überholt. Ich kann nur dann glaubwürdig für andere eintreten und anderen vors Schienbein treten, wenn ich zu mir selbst ehrlich bin und bereit bin, da, wo es nötig ist, mir auch vors Schienbein treten zu lassen, um von falschen Wegen abzukommen. Was gut an unserer christlichen Botschaft ist, was gut auch an der Botschaft Jesajas ist, ist, dass sie nicht beim Schimpfen und beim Aufzeigen von Versagen stehen bleibt. Bei Jesaja heißt es unmittelbar im Anschluss an unseren Predigttext: Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden. 19 Wollt ihr mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genießen. 20 Weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwert gefressen werden. Vergebung und Umkehr ist möglich. Im Prinzip richtet ihr euch selber, so verstehe ich hier Gottes Wort bei Jesaja: Wenn ihr umkehrt, wenn die Sache der Armen und Rechtlosen Platz in eurer Gesellschaft hat, dann werdet ihr die Güter eures Landes genießen können. Wenn ihr aber eine Gesellschaft bleibt, die auf Ausgrenzung, Gier und Neid baut, werdet ihr untergehen. Es ist nicht der Kochlöffel, nicht der Zorn, der das letzte Wort behält, sondern das nüchterne Aufzeigen der Möglichkeiten und Konsequenzen. Und das Vertrauen, dass ein ehrliches Anschauen auch der dunklen Seiten zu Veränderungen zum Guten führt. Für uns auch dadurch, dass wir durch Jesus Christus erfahren haben, dass uns auch Schuld nicht mehr endgültig von Gott trennt. Dass Vergebung und Neuanfang kein leeres Gerde, sondern lebendige Möglichkeit sind. Ich wünsche uns, dass wir auf diese Art einladend für die Welt sind. Indem wir vorleben, dass Ehrlichkeit und Umkehr möglich sind und nicht indem wir drohen und schimpfen und zetern. Amen