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Samstag, 11. Januar 2014

Kannste knicken?! - Nein!, 1. Sonntag nach Epiphanias, 12.01.14, Reihe VI

Text: Jesaja 42,1-4


Liebe Gemeinde!
Moment, darf ich mal? Ich hab nicht so viel! Schon weit vor der Kasse ruft die Frau das durch den Laden. Und bevor überhaupt jemand antworten kann, hat sie sich an der Kasse schon vorgedrängelt. Ich hab’s echt eilig, mein Bus geht gleich! Lautstark macht sie sich bemerkbar, schon wieder einen Platz weiter vorn ergattert. Und dann steht das schüchterne Mädchen an der Kasse, in der Hand nur eine Dose Cola und einen Beutel Gummibären, sie ist still, hat gerade schon den alten Herrn mit den Krücken vorgelassen. Und eh sie sich’s versieht ist die laute Dränglerin, die auf dem Recht, ihren Bus zu kriegen, besteht, auch noch vor ihr. Mit fast vollem Korb. Mist, denkt das Mädchen. Jetzt komme ich nach der Pause doch zu spät in die Schule und krieg schon wieder Ärger mit Frau Schulze. Aber sie sagt nichts. Die Lauten kommen voran, die Drängler, die keine Rücksicht auf Verlust nehmen. Wer leise ist, zurücksteckt, vielleicht auch tatsächlich noch für andere, die kaum noch stehen können, Platz macht, wer Menschen in Not hilft und nicht vorbeigeht, wenn’s einem selber nichts bringt, der kommt nicht vorwärts. Der bleibt hintendran, nicht nur an der Supermarktkasse. Der wird geknechtet, der bleibt Knecht. So ist das Bild, so wird’s immer wieder erzählt und deshalb scheint es immer zu einem gängigen Lebensmuster zu werden, dass sich jeder das, von dem er glaubt, dass es ihm oder hr zustehen müsste, nimmt. Ohne Rücksicht auf Verluste eben. Soll doch jeder selber für sich sorgen. Und wenn dabei einer, der sowieso schon leidet, untergeht – selber Schuld. Ich zuerst – an der Supermarktkasse genauso wie im Umgang zum Beispiel mit Flüchtlingen aus Syrien. Millionen sind auf der Flucht. Der arme Libanon hat über 1 Million Flüchtlinge aufgenommen. Und das reiche Deutschland lässt sich dafür feiern, dass es maximal 10.00 Menschen aufnehmen will. Ich zuerst – auch im Umgang mit Menschen, die noch gar nicht da sind. Mit Rumänen und Bulgaren, denen erst einmal pauschal unterstellt wird, nur auf deutsche Sozialleistungen aus zu sein. Ich bin kein Romantiker, der glaubt, das deutsche Sozialsystem sei unendlich belastbar oder der glaubt, dass das Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen mit sehr unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen spannungsfrei möglich ist, wenn alle sich nur Mühe geben. Nein. Es gibt Probleme, es wird welche geben und Menschen sollen tatsächlich auch Verantwortung für sich und ihr Leben übernehmen und das, was sie können, auch selbst in die Hand nehmen. Aber das ist immer unterschiedlich viel und es geschieht mit ganz unterschiedlichen Begabungen oder Voraussetzungen. Ich bin kein Romantiker, ich bin Christ. Und als Christ höre ich auch das, was ein Prophet, dem der Name Jesaja gegeben wurde, als Gottes Wort weitergibt.
Von Gottes Knecht ist da die Rede, von dem, der von Gott gehalten wird , der Gottes Geist hat, der auserwählt ist und der das Recht zu den Völkern bringt, gerade auch zu den Menschen, die Gott gar nicht kennen. Knecht – das hört sich im Deutschen so abschätzig an. Knecht – das ist einer mit wenig oder keinen Rechten, einer der ganz

Freitag, 5. Juli 2013

Mein Leben gehört mir!? - Freiheit ist das Einzige, was fehlt... - 6. n. Trinitatis, Reihe V, 07.07.2013

Text: Jesaja 43,1-7
Liebe Gemeinde!
Mein Leben gehört mir! Zumindest in den Ferien oder im Urlaub! Kein Zwang mehr, zu einer bestimmten Zeit aufstehen zu müssen, sich auf etwas vorbereiten zu müssen, Aufgaben abarbeiten zu müssen, sich morgens immer zu rasieren oder was man sonst als manchmal lästige Pflicht empfindet. Mein Leben gehört mir! Endlich kann ich sein wie ich will! Mein Leben gehört mir – ein gern ausgesprochener und erst gemeinter Satz, wenn Eltern gerade älteren Jugendlichen oder gerade erwachsen gewordenen Kindern versuchen, Ratschläge mitzugeben und Richtungen aufzuzeigen, die denen, für die diese Ratschläge gedacht sind, nicht so ganz passen. Mein Leben gehört mir! Ein Satz, den ich auch von Erwachsenen immer wieder mal höre, wenn es um die Frage des Lebensendes geht. Mein Leben gehört mir – ich will darüber bestimmen, wann es Zeit ist, dass dieses Leben zu Ende geht, bevor Ärzte das Kommando übernehmen oder Schmerzen übermächtig werden. Mein Leben gehört mir! Ein Satz, den ich oft höre, wenn Erwachsene in der Mitte ihres Lebens zum Teil langjährige Beziehungen oder Ehen beenden. Mein Leben gehört mir – aber die Ferien oder der Urlaub gehen zu Ende, und dann? Mein Leben gehört mir – und dann sind da auch in den Ferien, auch im Urlaub, die Verwandten und Freunde, die man ja schon lange mal besuchen wollte, die Renovierungsaktion, die man sich vorgenommen hatte, der Garten,  der dringend auf Vordermann gebracht werden muss, der Schreibtisch, der nach Aufräumen schriet, die vielen schönen Dinge, die alle unternommen werden müssen, damit sich der Urlaub, die Ferien wirklich lohnen – und am Ende bleibt das Gefühl, dass man längst nicht alles geschafft hat. Mein Leben gehört mir – ich kann bestimmen, wann es zu Ende ist. Aber: hast du den Anfang bestimmt? Hast du es dir verdient oder gekauft? Was ist mit den Leuten, die eine Beziehung zu dir haben? Genau, mein Leben gehört mir – und was ist mit dem Menschen, der dir bis vor kurzem gut genug war, deine Launen zu ertragen, die Kinder durchzubringen, für dich was zu tun?
„Freiheit ist das einzige, was zählt – Freiheit ist das einzige, was fehlt“ – so endet ein Lied von Marius Müller-Westernhagen, das vor gut zwanzig Jahren überall in Deutschland rauf und runter gesungen wurde. Aber ist es wirklich Freiheit, einfach so zu sagen: „mein Leben gehört mir“? Bleibe ich da nicht gefangen in meinen Bildern, in meinen Wünschen, in meinen Vorstellungen, in mir selber? Wird das nicht unglaublich eng und am Ende unfrei, wenn ich nur mich und mein Leben sehe?
Mein Leben gehört mir? Oder wem? In dem Predigttext heute aus dem Buch Jesaja haben wir etwas von Gott gehört, das für mich zu dem Schönsten gehört, das in der Bibel steht: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Mein Leben gehört mir? Dein Leben gehört mir, sagt Gott. Manchem stellen sich vielleicht die Nackenhaare hoch. Das ist doch das Gegenteil

Samstag, 29. Juni 2013

Was bringt's denn überhaupt...? - Predigt am 30.06.2013

Text: Jesaja 40,28-31
Liebe Gemeinde!
Wie bekomme ich möglichst viel raus ohne einen allzu großen Einsatz zu bringen? Oder: wie bekomme ich so viel raus, dass sich mein Einsatz, meine Leistung auch auszahlt? Menschen denken und handeln oft genug nach diesen Fragen. Ich auch. Als Schüler habe ich in der Oberstufe die Fächer als Leistungskurse gewählt, in denen ich wenig lernen musste und doch mit ziemlicher Sicherheit gute Noten kriege. Bei dem einen, Mathe, war das klar, das lag mir einfach, bei dem anderen, Gesellschaftskunde, gab es einen Lehrer, bei dem ich wusste, dass ich gut mit ihm auskam. Die Wahl hat sich gelohnt, mein Abi war gut. Im Examen habe ich meine Hausarbeit in Kirchengeschichte geschrieben, das war das lernintensivste Fach, und so musste ich da keine weitere schriftliche Arbeit abliefern und konnte mich im Lernen auf was anderes konzentrieren, hat sich auch gelohnt. Deshalb kann ich auch meine Schüler verstehen, die bei den Notenbesprechungen der letzten Wochen für ihren Minieinsatz eine möglichst gute Note wollten. Ich habe einen Schüler, der ist von seinen schriftlichen Leistungen richtig gut, der könnte eine eins kriegen. Aber ihm reicht eine zwei oder drei, da kann er sich dann im Unterricht auf die faule Haut legen und er reißt es durch seine Hausaufgaben und Arbeiten trotzdem raus. Menschen handeln und denken sehr, sehr oft wirtschaftlich. Nicht nur Schüler, Studenten oder Kaufleute. Auch bei Spenden kann ich das beobachten. Manche Menschen spenden so, dass sich ihr Ansehen steigert. Sie spenden für das, was gerade „in“ ist und einen guten Ruf bringt. Oder sie fragen sich: Wo bringt meine Spende am meisten Effekt. Die Frage „Was bringt’s?“  gehört sehr, sehr oft zum Menschsein mit dazu. Auch in der Kirche, auch im Glauben.
Da soll’s ja immer wieder mal Konfis geben, die sich ausrechnen, wie hoch ihr Stundenlohn ist, das heißt, sie zählen den Wert der Geschenke, die sie erwarten oder dann bekommen zusammen und teilen ihn durch die Zahl der Konferstunden. Die wissen genau, was Konfer gebracht hat. Soll’s geben – obwohl in diesem Jahr ja alle aus totalem Interesse dabei sind. Und bis heute sind finanzielle Gründe der Hauptgrund dafür, aus der Kirche auszutreten. „Ich will erstmal nicht kirchlich heiraten, ich sterbe so schnell nicht, wozu soll ich für was bezahlen, was ich nicht in Anspruch nehme? Und wenn ich mal sterbe, dann ist es billiger, einen Trauerredner zu bezahlen, als mein Leben für einen Service zu bezahlen, der mir egal ist!“ Das höre ich oft. Menschen denken wirtschaftlich. Auch, wenn’s um den Glauben geht. Und so sehr ich mich über manches ärgere, im Grunde finde ich die Frage berechtigt. Es sind manchmal alte Menschen, die ich besuche, die mit einem Hauch von Verbitterung sagen: „Was hat’s mir eigentlich gebracht, an Gott zu glauben? Die Menschen, die mir mein Leben lang lieb und teuer waren, sind tot. Die Kinder und Enkel weit weg. Ich bin ziemlich allein und noch dazu fällt es fast jeden Tag schwerer, sich zu bewegen – oder gar: die Krankheiten sind nichtmehr zu ertragen!“ Und öfter sind es Jugendliche und junge Erwachsene, die mich fragen: „Was bringt’s mir eigentlich, wenn ich an Gott glaube? Menschen, die nicht an Gott glauben, werden nicht häufiger krank und haben in der Schule keine schlechteren Noten, im Gegenteil, vielleicht verdienen sie später sogar mal mehr Geld, weil sie keine Bedenken haben, sich auch unfair durchzusetzen!“
Es fällt mir manchmal schwer, darauf zu antworten. Wie gesagt, ich finde die Fragen nicht unberechtigt und ich kann sie verstehen. Wirtschaftliches Denken ist Teil unseres Lebens, Teil meines Lebens. Und schon für viele Beter der Psalmen im Alten Testament war es ein Problem, dass es Menschen, die nicht an Gott glauben, äußerlich offensichtlich nicht nur nicht schlechter, manchmal sogar deutlich besser geht als Menschen, die ihr Leben an dem orientieren, was sie als Grund ihres Daseins erfahren haben, an der Liebe Gottes zu den Menschen. Was bringt’s mir, an Gott zu glauben? Diese Frage ist fast so alt wie der Glauben an Gott.
Und die schönste Antwort seit langem hat mir eine Schülerin in der letzten Woche gegeben. Ich kenne sie gar nicht so gut, ich weiß aber, dass sie schon ein paar ziemlich traurige Erfahrungen gemacht hat, die mir bis jetzt, Gott sei Dank, erspart geblieben sind. Diese Schülerin hat, wortwörtlich kann ich es nicht wiedergeben, aber fast wörtlich, gesagt: „Das Vertrauen zu Gott kann unglaublich viel Kraft geben. Und so lange wir leben (und auch danach) ist er immer da. Er geht nicht einfach weg, sondern hilft uns, weiter zu kommen. Wenn wir ihm vertrauen, können wir einen Schritt vor den anderen setzen, und wir haben viel mehr Kraft, denn der Glaube an Gott ist der größte Kraftspender in den dunkelsten Zeiten.“ Und sie

Freitag, 7. Juni 2013

Baby bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld - 2. Sonntag nach Trinitatis, Reihe V, 09.06.2013

Text: Jesaja 55,1-5 (wird während der Predigt aus der Übersetzung "Die Bibel in gerechter Sprache" gelesen)
Zu Beginn der Predigt gibt es Ausschnitte aus "Einmal um die Welt" von Cro zu hören

Liebe Gemeinde!
„Baby, bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – Einmal um die ganze Welt als eine Rieseneinkaufstour mit einem Wandsafe, aus dem das Geld einfach so sprudelt. Purer Luxus im Überfluss. Das ist nicht gerade das, wozu Gott die Menschen eingeladen hat, zu einem grenzenlosen Luxusleben. Aber ich habe mir das Lied für diesen Gottesdienst nicht ausgesucht, um zu sagen: „Schaut mal da, die böse Welt, in der lauter falsche Werte vorgelebt werden! Wie gut, dass wir in der Kirche besser sind!“ Ich glaube nicht, dass man das so allgemein sagen kann. Ich habe das Lied aus zwei Gründen ausgesucht. Erstens hat es für mich, den Text mal gar nicht berücksichtigt, einen hohen Gute-Laune-Faktor. Ich höre morgens gern Radio und mir fällt das Wachwerden mit so einem Lied leichter. Und ich denke, dass man gar nicht genug Gute-Laune-Sachen im Gottesdienst haben kann. Glauben und Gottesdienst ist für mich nichts, was einem das Leben schwer macht, sondern einem das Aufstehen in jeder Hinsicht erleichtert und einem hoffentlich ein rundherum ein gutes Gefühl gibt. Und für mich drückt sich das auch in dem Predigttext aus, der für heute vorgesehen ist. Doch dazu gleich mehr. Zuerst noch der zweite Grund: Das Lied hält mir und vielen andere den Spiegel vor, wie wir mit Geld umgehen. „Mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – welche Rolle spielt Geld eigentlich? Im Moment dreht sich jede zweite Diskussion auch in der Kirche darum, dass das Geld immer knapper wird und hinten und vorne nicht reicht. Außerdem müssen sich nicht nur hier auf dem Richtsberg viele Menschen Sorgen ums Geld machen. Spätestens dann, wenn die Strom- oder Heizungsabrechnung kommt und ein saftiger Nachschlag wieder mal fällig wird. Diejenigen, die wenig haben, sorgen sich darum, wo das Nötigste herkommt. Diejenigen, die viel Geld haben, sorgen sich darum, wie sie noch mehr davon kriegen können. Und diejenigen, die irgendwo so in der Mitte sind, reden nicht gern darüber, wie viel sie verdienen oder auf dem Konto haben. Geld wird zu etwas ganz Besonderem gemacht. Oder ist es vielleicht auch in unserer Art zu leben. „Baby, bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – wenn man nur diese eine Zeile nimmt und mal den Rest von dem Text streicht und die Gute-Laune-Melodie übrigbehält, könnte das Lied für mich die Vertonung unseres heutigen Predigttextes aus der Bibel sein. Er steht beim Propheten Jesaja im 55. Kapitel:
Lesen: Jes 55,1-5 (Bibel in gerechter Sprache)
„Mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – denn dein sauer verdientes Geld brauchst du nicht für unnützes Zeug, das dir im Leben nicht weiter hilft, auszugeben. Du kriegst das, was du wirklich brauchst – Wasser und Brot sind Symbole dafür – völlig umsonst. Kauf ohne Geld. Und du kriegst nicht nur die Billigversion, das absolut Nötigste, sondern du kriegst den echten Überfluss an dem, was du für dein Leben wirklich brauchst – und auch hier sind Wein und Milch und Nahrhaftes, wörtlich steht da „fette Speisen“, auch wieder Symbole. Ohne Geld nicht im 1-Euro-Shop des Lebens, sondern im absoluten Lebens-Luxus-Kaufhaus einkaufen. Noch dazu  sich den Luxus nicht unrechtmäßig sich aneignen, also klauen, sondern hoch offiziell vom Chef persönlich geschenkt zu bekommen. Ein Traum, von dem der Prophet hier erzählt. Ein Traum – und zu schön, um wahr zu sein? Wenn man von teuren Schuhen, von Luxusurlaub oder Champagner bis zum Abwinken und

Freitag, 26. April 2013

Vorfreude ist die schönste Freude - oder: mach' deinen eigenen Remix - Kanate, 28.04.2013, Reihe V

Text: Jesaja 12 (Zürcher)
Liebe Gemeinde!
Vorfreude ist die schönste Freude! Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen dieser Satz wahr zu sein scheint. Vor dem Urlaub. Wochenlang wird geplant, und jeden Tag steigt die Freude. Bald ist es soweit. Vorfreude. Und dann… - war die Hinreise so anstrengend, ist die Unterkunft nicht so, wie gedacht, ist das Wetter nicht so prickelnd, ist alles sowieso viel zu schnell vorbei. Weihnachten… - und dann hat’s nicht geschneit, ist es viel zu warm, waren die Geschenke nicht so passend… Das erste Wiedersehen mit alten Freunden nach langer Zeit – und dann merkt man, dass man sich nur noch wenig zu sagen hat, wird man dauernd auf die grauer gewordenen Haare oder den größer gewordenen Bauch angesprochen oder man muss sich ständig anhören, wie supertoll es bei den andere im Beruf läuft oder wie perfekt die Kinder sind. Klar, es läuft nicht immer so negativ. Gut so! Aber jeder kennt, glaube ich, aus eigener Erfahrungen solche Erlebnisse, bei denen die Vorfreude groß war – und dann schnell genug die Ernüchterung kam. Ich kenne das auch. Und trotzdem: immer wieder kommt Vorfreude auf, wenn die Hoffnung da ist, das bald etwas richtig Schönes passieren wird. Trotz aller Alltagserfahrungen, trotz allem, was im Moment schwer ist und was auch nicht so laufen wird, wie ich es mir ausmale: Vorfreude ist in jedem Fall eine schöne, manchmal auch die schönste Freude. Um Vorfreude geht es auch in den Versen aus dem Buch Jesaja, die heute als Predigttext vorgeschlagen sind.  Da heißt es: (Jesaja 12,1-6, Zürcher)
Möge dein Zorn sich wenden, dass du mich tröstest. Offensichtlich ist das im Moment noch gar nicht so. Offensichtlich gibt es im Moment vieles, was Gott als den, der zornig ist, der Leben schwer macht, erscheinen lässt. Und obwohl Gott nicht der liebe Gott ist, der schön brav macht, was die Menschen wollen, damit sie immer so weiter machen können und sich nichts ändern muss, obwohl Gott ganz offensichtlich den Menschen eine Menge zumutet, geht es dann vor lauter Vorfreude richtig stark weiter, so, als ob das alles schon längst passiert wäre. Die Hoffnung auf eine gute Zukunft mit Gott, die Vorfreude darauf, lässt die schwere Gegenwart nicht nur erträglich sein, sondern lässt sie gar nicht mehr so ins Gewicht fallen:  Sieh, Gott ist meine Rettung! Ich bin voll Vertrauen und habe keine Angst, denn meine Stärke und meine Kraft ist Gott, der HERR: Er war meine Rettung. In der Musik würde man vielleicht sagen, dass das, was wir hier haben, ein Remix ist. Ein Lied wird neu abgemischt, mit andere Instrumenten unterlegt, mit einem veränderten Rhythmus versehen, so dass es neu und frisch wirkt und ganz eigen, obwohl es manchmal schon ein paar Jährchen alt ist und es in der alten Version niemand mehr hören wollte. Hier wird auch ein Lied zitiert. Die Bibel erzählt, dass Miriam, die Schwester von Mose, es gesungen hat, nachdem die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten weggelaufen waren und die Armee des Pharaos am Schilfmeer vernichtet wurde, so dass der Weg in die Freiheit endgültig offen war. Mit fast genau den gleichen Worten hat Miriam gesungen, so wird es im 2. Buch Mose erzählt. Offensichtlich hat es den Menschen unglaublich viel Hoffnung gemacht, dass andere, lange vor ihrer Zeit, so begeistert Gott loben konnten, weil sie erfahren haben: Gott befreit uns. Gott hält auch in schweren Zeiten zu uns und er eröffnet uns Wege in die Freiheit. Und lange Zeit danach der Remix: Das gleiche Lied, aber neu, anders, frisch. So, dass es für heute, für die Gegenwart der Menschen, die Gott in einer neuen traurigen Situation brauchen, wirklich zu einem Lied wird, dass die Traurigkeit und das Böse zwar nicht ungeschehen macht, aber das frische Hoffnung weckt. Und Dankbarkeit trotz allem, was drum herum ist. Vorfreude ist die schönste Freude. Weil sie kraftvolle

Donnerstag, 28. März 2013

Gott ist verrückt, Glauben ist verrückt, Christen sind verrückt - Ostermontag 2013, Reihe V

Text: Jes 25,8+9
Liebe Gemeinde!
Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um an Gott zu glauben. Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um hoffen und predigen und glauben zu können: der Tod hat keine Macht mehr. Gott wird alle Tränen abwischen. Die, die ihr Vertrauen auf Gott setzen, haben Grund zum Jubeln, haben jede Menge Grund, fröhlich zu sein. Sind wir alle verrückt? Ich auf der Kanzel, dass ich das alles zu ihnen sage? Elena, die sich heute hat taufen lassen und die in drei Wochen konfirmiert wird? „Gott sagt: Ich will dich nicht verlassen noch von dir weichen“ hat sie sich als Taufspruch ausgesucht, wissen kann sie das nicht. Und sie weiß, dass im Leben manches schief gehen kann und sie weiß auch, dass sie nicht immer ein perfektes Leben lebt. Ich auch nicht. Sind wir verrückt? Sind sie alle verrückt, heute Morgen, Ostermontag, wo man ja auch viele andere Dinge machen könnte, im Gottesdienst zu sein und sich anzuhören: Gott hat den Tod auf ewig besiegt, die Tränen werden abgewischt und wir alle werden Grund zum Jubeln haben? Ja, ich bin verrückt. Und Elena ist verrückt. Und sie alle, die sie heute Gottesdienst mitfeiern sind es auch. Verrückt nicht im Sinn von geisteskrank. Sondern verrückt in dem Sinn, dass wir alle eben aus der Spur dessen gerückt sind, was im Alltag als normal angesehen wird, als unveränderlich. Wir sind verrückt, weil wir nicht nur auf das schauen, was uns das scheinbar so normale Leben vorgibt und dieser Spur folgen, sondern weil wir ein bisschen rechts, ein bisschen links neben der Spur stehen und auf anderes sehen, Neues entdecken, das Hoffnung wecken und wachhalten kann, da, wo der Alltag, das scheinbar so normale Leben, uns eigentlich zur Verzweiflung treiben müsste.
Der Tod hat keine Macht mehr, die Tränen werden abgewischt: das sind keine Hoffnungen, die unser Alltag machen oder wachhalten könnte. Und ein bisschen leben wir als Organisation Kirchen, lebe ich als Pfarrer ja auch davon, dass das noch nicht so ist. Not lehrt beten, sagt ein altes Sprichwort. Und Gott sei Dank suchen Menschen immer noch Beistand in der Kirche, in Gemeinden, bei Pfarrerinnen und Pfarrer, wenn der Tod im Alltag seine Macht beweist, wenn Tränen sich eben nicht einfach so mit dem nächsten Tempotaschentuch trockenen lassen. Ich denke da an Trauergottesdienste anlässlich von Amokläufen und großen Unglücksfällen, ich denke an die Einsätze als Notfallseelsorger bei schweren Unglücken und Selbstmorden, ich denke an die Beerdigungen von jungen Müttern und Vätern, aber auch an viele Beerdigungen, die man so leicht „normal“ nennt, weil jemand mit 75, 85 oder 90 Jahren stirbt. Der Kirche, der Pfarrerin, dem Pfarrer wird zugetraut, anlässlich des unsagbaren Leids Worte zu finden, die anderen fehlen. Trost zu spenden, wo man spürt: ich selber kann jetzt keinen Trost finden. Gerade bei Menschen, die nicht an fast jedem Sonn- oder Feiertag Gottesdienste in der Kirche mitfeiern, hängt die Erfahrung, dass Kirche und Glauben an Gott sinnvoll sein können und man, obwohl man Kirche eigentlich nur selten nutzt, doch noch dafür bezahlt, davon ab, dass Pfarrerinnen und Pfarrer sinnvolle Worte und Gesten und Handlungen nicht nur bei den schönen Momenten im Leben anbieten, sondern auch dann, wenn die Tränen kommen, sinnvoll begleiten können. Also bin ich als Pfarrer vielleicht sogar doppelt verrückt, weil ich nicht nur von einer Hoffnung rede, die neben dem liegt, was der Alltag „normal“ erscheinen lässt, sondern auch noch von einer Hoffnung die mich selbst und meinen Arbeitgeber am Ende überflüssig macht? Ja,

Mittwoch, 2. Januar 2013

Wo viel Licht ist, ist viel Schatten - Epiphanias, 6.1.13, Reihe V

Text: Jesaja 60,1-6
Liebe Gemeinde!
„Wo viel Licht ist, ist viel Schatten“ – ein Sprichwort, mehr nicht. Aber wie fast alle Sprichwörter und Lebensweisheiten hat es einen durchaus wahren Kern. Da, wo vieles in ein gutes Licht gerückt wird, da, wo vieles hell zu strahlen scheint, gibt es immer auch eine dunkle Seite. Etwas, das gern verborgen wird. Oder das, was an Schäden angeblich nicht zu vermeiden ist. Eindeutig gut, eindeutig im Licht stehen – das gibt es in dieser Welt nicht. Mich reizt der Bibeltext, der für den heutigen Tag als Predigttext vorgesehen ist, tatsächlich mal, nach den dunklen Seiten, nach den Schatten zu fragen. Es ist fast schon eine Überdosis Licht, die wir da abbekommen: Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir, so beginnt dieser Abschnitt aus dem Buch Jesaja. Schon wieder, wie zu Weihnachten auch, das hell strahlende Licht Gottes. Alles wird gut. Alles wird schön. Heute ist das letzte Fest im weihnachtlichen Festkreis. „Epiphanias“ heißt es. Wenn man diesen griechischen Namen ins Deutsche übersetzt, heißt das so viel wie „Erscheinung“ oder „Aufscheinen“. Gemeint ist, dass wir Christen feiern sollen, dass Gott in dieser Welt sichtbar geworden ist, dass etwas von seiner Herrlichkeit und von seinem Glanz in dieser Welt zu fassen ist. Deshalb der Predigttext. Und deshalb auch der beliebtere und bei den allermeisten Menschen auch bekanntere Name dieses Festes: Dreikönigstag. In Erinnerung an die drei gelehrten Männer aus dem Land des Sonnenaufgangs, von denen der Evangelist Matthäus erzählt. Die drei Gelehrten, die einen Stern sahen, in ihm die Ankunft eines besonderen Königs in dieser Welt sahen. Sie wussten nichts vom Gott Israels, von dem Gott, an den wir glauben. Sie machten sich auf, suchten im Palast. Dort fanden sie diesen König nicht. Aber sie entdeckten Gott als König der Welt in einem kleinen Kind, geboren in Bethlehem, dem sie wertvolle Geschenke mitbrachten. Gottes Herrlichkeit und Wirklichkeit wird in dieser Welt sichtbar: das erkennen die drei klugen Männer, die eigentlich an ganz andere Götter glaubten, aber in Jesus den wahren Gott sahen.  Davon erzählt eben auch auf andere Weise das Buch Jesaja. Und die, die in Jesus Gott erkannten, die bezogen dann diese Wort vom Licht auch auf ihn. Alles schön und gut. Aber mir manchmal auch ein bisschen zu gut. Die Feiertage sind vorbei, die Kerzen am Baum tauchen die Wirklichkeit vielleicht heute noch in ein etwas milderes Licht, aber dann geht der Alltag wieder los, spätestens doch nächste Woche, wenn auch die Weihnachtsferien vorbei sind.  Wie gesagt, wo viel Licht ist, ist viel Schatten. Wie recht hier der Volksmund hat, merke ich an der Schwelle zwischen Festtagen und Alltag ganz deutlich. Gerade auch an der Geschichte der drei Weisen aus dem Morgenland, dem Land des Sonnenaufgangs. Manche kennen sicher auch die Fortsetzung beziehungsweise das Ende der Geschichte: Aus Angst um seine eigene Herrschaft lässt König Herodes alle neu geborenen Jungen in Bethlehem töten. Jesus und seine Eltern können gerade noch rechtzeitig fliehen, weil ein Engel Josef im Traum erschienen ist. Aber zig Familien wurden ins Unglück gestürzt. Zig Jungen haben durch die Grausamkeit eines weltlichen Herrschers ihren ersten Geburtstag nicht erlebt.
Zwei dunkle Schatten wirft helle Licht für mich. Der erste dunkle Schatten: Warum hat Gott die anderen Familien nicht genauso vorgewarnt wie Josef, Maria und Jesus? Und der andere dunkle Schatten: Wie können Menschen nur so grausam sein und auf Befehl von wem auch immer einfach so kleine Kinder abschlachten?

Samstag, 22. Dezember 2012

Gott bei der Arbeit... - 3. Advent (und auch am 4. gehalten) 2012, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Manchmal ist es schön, anderen bei der Arbeit zuzusehen. Aber dabei gibt’s Unterschiede. Einmal gibt’s die bequeme Art. Ich lehne mich gemütlich zurück, lasse andere für mich arbeiten. Wenig Einsatz, bei dem möglichst viel für mich herauskommt. Faul sein soll sich schließlich lohnen. Diese Art von Zusehen meine ich nicht. Ich finde sie auf Dauer unmenschlich, weil sie unglaublich egoistisch ist und andere Menschen nicht als Menschen, sondern nur als Mittel zum Zweck sieht, die hoffentlich dumm genug sind, das Ganze nicht zu durchschauen. Es gibt aber auch eine andere Art von Zusehen. Die, bei der ich mir die Zeit nehme, genau hinzuschauen, was der andere macht. Weil es mich vielleicht interessiert, weil ich was daraus lernen kann, weil ich Anregungen für die eigene Arbeit finde, weil ich auch mal Zeit zur Ruhe finde. Diese Art, anderen bei der Arbeit zuzusehen, ist ganz wichtig und wertvoll. Wer immer nur für sich selbst arbeiten will, wer glaubt, immer nur aktiv sein zu müssen, der verlernt es auf Dauer, zu lernen, zu leben. Der bleibt in sich selbst gefangen und wird am Ende wirklich leer und hohl wie seine Arbeit vermutlich auch. Es ist zutiefst menschlich, hinschauen zu können, von der Arbeit der anderen für sich selbst zu lernen und das, was für das Eigene passt, mitzunehmen. Und genau das erleben wir hier in der ersten Hälfte von dem, was ich gerade als Predigttext vorgelesen habe. Dieser Abschnitt aus dem Prophetenbuch gibt uns einen Einblick in die himmlische Arbeit Gottes. Er lässt uns Gott sozusagen bei der Arbeit zuschauen. Natürlich kann jetzt ganz viel dagegen gesagt werden.
Zum Beispiel: „Pfarrer, warum redest du vom Himmel? Davon steht nichts in den Bibelworten. Und im Himmel fliegen Flugzeuge und da gibt es ferne Galaxien, aber dass Gott da wohnt, diese Vorstellung passt doch nicht in die heutige Zeit.“ Alles richtig. In der Schule waren Mathe und die Naturwissenschaften meine liebsten Fächer. Und trotzdem finde ich, dass Himmel als Bild für eine Art Wohnort Gottes aus vielen Gründen gut ist.  Erstens hat es was mit unserem normalen Leben zu tun, ohne das es das Gleiche wäre wie unser Leben hier auf der Erde. Zweitens können wir aus eigener Kraft nicht so einfach dahin. Trotz aller Forschung und aller Hilfsmittel bleibt es uns doch auch ein ganzes Stück weit entzogen. Und drittens lädt der Himmel einfach dazu ein, nach oben zu schauen, ihn zu betrachten. Gott will uns nicht niederdrücken, wir sollen nicht dauernd nach unten sehen, sondern er will uns aufrichten – auch das steckt für mich in diesem Bild. Und der Einwand, dass das so nicht wörtlich in dem steht, was ich aus der Bibel vorgelesen habe, ist nur die halbe Wahrheit. Oft wird gerade dieser Abschnitt aus dem Buch Jesaja so verstanden, als würde von Anfang der Mensch, der in besonderer, guter Beziehung zu Gott steht, angeredet. „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht der Herr“, oft wird das so verstanden, als sollte man als Mensch, der eine besondere Nähe zu Gott hat, loslegen und zu allen gehen, die man für trostbedürftig hält und sie am besten auf einmal trösten. Die Kinder ohne Eltern und die alleinlebenden Alten und die Leute in den Gefängnissen und die Kranken und die Trauernden und die und die und die und die und die auch noch. Vor lauter Trostbedürftigkeit kann einem ganz schwindlig werden und der Auftrag, da überall zu trösten, der würde auch den frommsten Christen und den gläubigsten Juden am Ende umhauen. Der Auftrag an den MENSCHEN, hier in der Gestalt des Propheten, der kommt in unserem Bibelabschnitt erst in der Mitte. Da heißt es „Es sprach eine Stimme: Predige!, und ICH sprach: Was soll ich predigen?“ Vorher gewährt uns diese Geschichte aus der Bibel einen Einblick in die HIMMLISCHE Arbeit Gottes. Natürlich kann man da fragen: „Aber mit wem redet Gott denn da?“

Freitag, 23. November 2012

Merkwürdig, sehr merkwürdig, dieses Leben - Ewigkeitssonntag, 25.11.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 65,17-25
Liebe Gemeinde!
Am Ende wird alles gut! Ja, so soll es sein! Am Ende das Gute: Frieden, ein Leben ohne Schrecken. Ein Leben ohne Tränen und Leid. Ein Leben, in dem jeder sich durch seine Arbeit prima ernähren kann. Ein Leben ohne sterbende Kinder und trauernde Eltern. Ein Leben, das einfach nur schön ist. Ein Leben! Und was ist bis dahin? Am Ende wird alles gut! Und davor?
Es ist ein merkwürdiger Sonntag, den wir heute feiern. Merkwürdig im wortwörtlichen Sinn. Wenn wir im Alltag dieses Wort „merkwürdig“ benutzen, dann meinen wir seltsame Phänomene, die wir nicht richtig erklären können. Aber wenn man das Wort wirklich wörtlich nimmt, dann heißt das soviel wie: „wert, dass man es sich merkt“ oder „wert, dass es bemerkt wird“. Und das, was merkwürdig ist, ist das, was den normalen Gang unseres Alltags durchbricht und was uns dazu bringt, einmal vom Alltagsgeschäft Pause zu machen, nachzudenken, sich zu wundern, zu staunen, sich zu ärgern – kurz: Gefühle und Gedanken zu investieren. Und so ist auch dieser Sonntag. Die allermeisten Bibeltexte, die für die Gottesdienste heute vorgesehen sind, erzählen von einer wunderbaren Welt, in der es traumhaft schön zugeht. Und manche, die heute hier den Gottesdienst mitfeiern, haben schon den nächsten Monat voller Vorfreude im Blick: in gut vier Wochen feiern wir Weihnachten. Und genau an diesem Sonntag mit den schönen Bibeltexten und gar nicht mal so weit weg von Weihnachten, erinnern wir an die Menschen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr beerdigt wurden. Wir werden es nach der Predigt wieder hören. Da waren viele Menschen dabei, die alt und nach einem erfüllten Leben starben. 90, manchmal auch 99 Jahre alt sind sie geworden. Für manche kam der Tod als eine Erlösung nach schwerer Krankheit. Einige starben wirklich im Vertrauen darauf, dass Gott auch nach dem Tod gutes Leben bereithält. „Es sollen keine Alten mehr da sein, die ihre Jahre nicht erfüllen!“ Ja, bei manchen war das so. Sie fehlen ihren Angehörigen, ganz sicher. Aber sie durften in Frieden gehen. Und dann waren auch die vielen anderen da. Menschen, die starben und Kinder hatten, die ihr Elternteil noch gebraucht hätten. In einem Fall wächst ein Kind auf, das seine Mutter nie kennenlernen wird. Eltern sind da, die zurückbleiben,

Samstag, 11. August 2012

Alles gut?! - 10. Sonntag n. Tr. (Israelsonntag), 12.08.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 62,6-12
Liebe Gemeinde!


Am Ende wird alles gut! Genau das verspricht hier der Prophet, der Jesaja genannt wird, den Menschen, denen er lange vor unserer Zeit das gesagt hat, was ich eben vorgelesen habe. Die Stadt, die im Krieg zumindest teilweise zerstört wurde, wird wieder aufgebaut. Sie wird so etwas wie der Mittelpunkt der Welt, ein Anziehungspunkt für viele, viele Menschen, die sehen können, wie gut das Leben sein kann. Die Menschen in der Stadt werden in Frieden leben. Es gibt keine Ausbeutung mehr. Jeder wird mit seiner eigenen Arbeit genug zum Leben verdienen. Die Menschen in der Stadt werden erlöst sein. Die Stadt wird ein Vorbild für andere sein, alle werden die Stadt suchen wollen, weil man dort den Frieden mit Gott sehen und spüren kann. Am Ende wird alles gut! Aber wann wird das sein?

Ein Happy-End, das gibt’s ja mittlerweile höchstens noch in Filmen, die an der Grenze zum Kitsch stehen oder in wenigen Büchern. Wenn es im Film überhaupt ein Happy-End gibt, ahnt man doch meistens schon, dass das nur eine Durchgangsstation zu neuen Schwierigkeiten ist, eine kurze Pause, bevor in Teil 2, Teil 3 und Teil 4 neue große und kleine Katastrophen und Unglücke hereinbrechen. Am Ende wir eben nicht alles gut, zumindest nicht auf Dauer. Das lehren uns nicht nur Filme. Auch im wirklich gelebten Leben gibt es nicht für alles ein glückliches Ende. Auch Menschen, die ganz fest auf Gott vertrauen, werden krank, sterben manchmal einsam und mit Schmerzen. Auch Ehen von Menschen, die auf Gott vertrauen, können scheitern und nicht alle, die an Gott glauben, finden einen tollen Beruf oder sind richtig gute Schüler.

Am Ende wird alles gut?! – Da fällt einem mehr als ein Grund ein, vorsichtig zu sein und vielleicht auch zu den-ken: An dem Punkt hat sich der Prophet in der Bibel aber doch so ein bisschen geirrt. Vor allem dann, wenn man sich klar macht, welche Stadt es ist, die der Prophet da beschreibt und von der er so ein schönes Bild in der Zu-kunft entwirft. Es ist eine Stadt, die es heute noch gibt: Jerusalem. Heilige Stadt für Juden, Christen und Musli-me. Und seit Jahrtausenden eine Stadt, die auch für die Zerrissenheit der Menschen steht. Mehrfach wurden die Bewohner vertrieben und mit ihnen sollte der Glauben an Gott aus der Stadt getrieben werden. Im Jahr 70 wurde von den Römern der Tempel zerstört und etwas später wurde Juden verboten, die Stadt überhaupt zu betreten. Auch nach dem Ende der römischen Herrschaft war die Stadt immer wieder umkämpft, Zentrum grausamer Krie-ge, vor allem Muslime und Christen haben sich da durch Gewalt hervorgetan. Und heute? Bestenfalls herrscht in

Sonntag, 24. Juni 2012

Trösten - Johannistag (3.n.Tr.), 24.06.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 40,1-8
Liebe Gemeinde!


Wie viel Trost werden wohl in den nächsten Tagen Schülerinnen und Schüler brauchen? Es gibt mal wieder Zeugnisse. Und da bekommt man es schwarz auf weiß: gut in Mathe! Oder eben vielleicht doch nur ausreichend oder sogar mangelhaft. Sehr gut in Deutsch oder doch nur gerade so ausreichend oder sogar ungenügend. Du darfst weitermachen oder du wirst nicht versetzt, du genügst den Ansprüchen nicht. Und dann mache ich gerade bei den Schülern im 9. und 10. Schuljahr, die schon an Bewerbungen oder einen Schulwechsel denken müssen, die Erfahrung, dass sie unbedingt wissen wollen, wie ich ihr Arbeits- und Sozialverhalten beurteile, die Kopfnoten. Gut, sehr gut – oder doch nur ausreichend oder mangelhaft? Welcher Betrieb wird einen schon in eine Ausbildung über-nehmen, wenn einem bescheinigt wird, dass das Arbeitsver-halten gerade mal ausreichend war oder das Sozialverhalten nicht gut ist? Und dann kommt bei manchen noch das Gefühl dazu, ungerecht beurteilt worden zu sein. Nur weil man Widerworte gegeben hat, wird man schlechter beurteilt. Nur weil man MAAAAAAAAL die Hausaufgaben nicht hatte, bekommt man schlechtere Noten. Ob gerecht oder ungerecht: Manchmal braucht man sicher ganz schön viel Trost, wenn einem ein Zeugnis gegeben wird. Und wieviel Trost werden manche Eltern in diesen Tagen brauchen? Eltern, die Pläne und Hoffnungen für ihre Kinder und mit ihnen hatten, die merken, wie die Kinder leiden und nicht richtig wissen, wie sie ihnen helfen sollen. Eltern, die vielleicht auch merken: meinen Kindern scheint das völlig egal zu sein. Die machen sich nichts aus den Noten, denen ist ihre Zukunft egal, Hauptsache Spaß, was sollen wir da noch machen? Eltern, die sich schuldig fühlen, weil sie ratlos sind? Wie viel Trost wird nötig sein in der nächsten Zeit? Für Kinder und Eltern, für manche von uns in vielleicht ganz anderen Situationen, in denen wir merken: unser Leben würde als Note nicht gerade eine „1“ kriegen. Weil wir selber Sachen falsch gemacht haben, weil wir merken, dass unser Glauben, unsere Hoffnung, unsere Liebe an deutliche Grenzen gestoßen sind, weil uns das Leben mit seiner Härte eingeholt hat und Krankheit oder Tod, Arbeitslosigkeit oder Geldmangel einfach schwer zu ertragen sind?

„Tröstet, tröstet mein Volk“ – der Anfang von dem Predigt-text für heute scheint genau so gemacht worden zu sein, dass er in diese Zeugnistage hinein passt. Natürlich ist er das nicht. Die ersten, die das gehört haben, waren keine traurigen Schüler oder verzweifelten Eltern. Aber es waren Menschen, die merkten: das Zeugnis über mein Leben fällt eigentlich nicht besonders aus – und vielleicht hat das auch was mit mir zu tun und vielleicht hat das auch was damit zu tun, dass Gott eigentlich gute Wege zeigen wollte, die wir als Menschen nicht gegangen sind. Die Menschen, die als erste diese Trostbotschaft hörten, waren Menschen aus Israel, die vor gut 2500 Jahren nach einem verlorenen Krieg aus ihrer Heimat vertreiben wurden und sich im Land des Siegers, ungefähr im heutigen Irak neu ansiedeln mussten. Es ging ihnen nicht furchtbar schlecht, man darf sich das nicht als eine Art KZ vorstellen.

Samstag, 3. März 2012

Ich hab keine Lust mehr! - Reminiszere, 04.03.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 5,1-7
Liebe Gemeinde!



Ich hab keine Lust mehr! In jedem Spätwinter werden mühsam Blumen vorgezogen. Die ersten Salatpflänzchen werden aufs Frühbeet vorbereitet und der Garten wird frühjahrsfit gemacht. Und noch ein bisschen mehr als unbedingt nötig. Gepflanzt wird, gegossen, Unkraut und Schädlinge werden bekämpft. Viel Liebe und Mühe wird reingesteckt. Und was kommt dabei raus? Nichts!!! Die blöden Blumen blühen nicht richtig, das Gemüse bleibt mickrig. Es lohnt sich nicht. Soll alles doch verwildern, mir egal. Ich hab keine Lust mehr! Wer ein bisschen Garten hatte oder Garten hat, kennt vielleicht genau diesen Frust. Er ist da, aber relativ harmlos, solange es um Pflanzen und Ernte geht.


Ich hab keine Lust mehr. Jeden Tag neu der Versuch, als Lehrer freundlich zu den Schülern zu sein. Geduld und Verständnis zu haben, wenn sie mal mies drauf sind. Ihnen zu helfen, wenn sie was nicht verstehen. Immer wieder und wieder. Telefonate mit Eltern, Besprechungen mit allen möglichen Leuten, Kontakte aufbauen, um Hilfen für die besonders Schwachen anbieten zu können. Und der Dank: Jeden Tag das gleiche Chaos in der Klasse, Respekt ist ein Fremdwort, Hausaufgaben werden nicht gemacht, Vorstellungsgespräche, die organisiert wurden, gar nicht besucht, jeder macht, was er will. Es reicht. Sollen die doch sehen, wo sie bleiben. Was interessiert mich ihr späterer Arbeitsplatz, was interessiert mich ihre Zukunft. Sollen die doch machen, was sie wollen, ich will meine Ruhe.


Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder decke ich meine Freundin, wenn sie keine Hausaufgaben hat, Schule schwänzt, Liebeskummer hat. Ich helfe ihr immer wieder. Und der Dank? So bald Leute auftauchen, die scheinbar cooler als ich sind, lässt sie mich links liegen, kennt mich nicht mehr, bis sie wieder heulend ankommt. Soll sie doch sehen, wo sie bleibt! Soll sie doch verrecken. Ich hab keine Lust mehr.


Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder habe ich es hin-genommen, dass mein Mann es mit der Treue nicht so genau nimmt. Ja, er liebt mich, er braucht mich, er ver-lässt mich nicht. Sagt er immer wieder. Aber er tut mir weh. Jedes Mal. Und erst recht, wenn er trinkt und sich nicht unter Kontrolle hat. Wenn er mich lächerlich macht und sich lächerlich benimmt. Tausendmal hat er Besse-rung versprochen. Und nichts hat‘s genützt. Ich habe kei-ne Lust mehr!


Wenn’s um MEHR als Pflanzen geht, wenn’s um Men-schen geht, um Liebe, um Zeit und Kraft, die in Bezie-hungen investiert wird, um Enttäuschungen, um Schuld, dann ist dieser Frust alles andere als harmlos.


Ich glaube, dass ganz viele diese Gefühle kennen. Zum Teil als diejenigen, die frustriert und enttäuscht wurden. „Ja, hör auf, du hast genug getan, überlass das alles mal sich selbst, wenn der oder die oder das es nicht anders kann und will, dann ist eben Ende der Fahnenstange! Sollen die doch sehen, wo sie bleiben und kaputtgehen.“ Ein Urteil, dem sich viele, ich oft genug auch, anschließen können. Und wie ist das auf der anderen Seite? Wenn man nicht enttäuscht wurde, sondern enttäuscht hat?

Freitag, 2. Dezember 2011

Sehnsüchtig hoffen - 2. Advent, 04.12.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 63,15-64,4
Liebe Gemeinde!


Manchmal gebe ich die Hoffnung auf, mit den Achtklässlern, die ich in Religion unterrichten muss, zurechtkommen und gut reden zu können. Und dann schaffen sie es doch, mich mit guten Einsichten und Fragen aus der totalen Hoffnungslosigkeit rauszuholen. Wenigstens für einen Moment. Hoffnung ist hier das Stichwort. In der letzten Stunde hatten wir uns mit dem Bibelvers „Nun aber bleiben Glauben, Hoffnung, Liebe, diese drei; die Liebe ist aber die Größte unter ihnen“ beschäftigt. Ich habe gedacht, dass gerade die Mädchen das genauso bestätigen. Aber die wollten das gar nicht einsehen. Die meisten sagten mir: „Aber die Hoffnung ist doch wichtiger. Um lieben zu können, brauche ich doch die Hoffnung, dass das funktioniert. Und ein Leben ohne Hoffnung ist doch mindestens so arm wie eins ohne Liebe. Wenn ich ohne Liebe lebe, dann kann ich doch wenigstens noch die Hoffnung haben, dass das anders wird.“ Die Diskussion ging noch weiter – aber mich hat aus vielen Gründen in dieser Woche die Frage nicht mehr losgelassen, welchen Wert die Hoffnung eigentlich hat. Und von welcher Hoffnung ich heute am 2. Advent ihnen und euch etwas erzählen soll.

Wie ein Geschenk kamen mir dann die Verse aus dem Buch Jesaja vor, die für heute als Predigttext vorgesehen sind. Schon die Form der Worte hat für mich viel mit dem zu tun, was ich in diesem Advent erlebe und gern weitersagen möchte. Da redet keiner, der gerade erzählt, wie toll alles bei ihm ist und wie super alles läuft, auch im Glauben, wie einfach es ist, an Gott zu glauben und wie sich dann alles von selbst zum Guten verändert. Da beten Menschen. Das, was da in der Bibel steht, was ich eben vorgelesen habe, das ist nichts andres als ein Gebet. Da beten Menschen, die Angst davor haben, dass ihnen die Hoffnung ganz wegbricht. Da reden Menschen zu Gott, die, in unsere Alltagssprache übersetzt, zu ihm sagen: „Du bist so weit oben im Himmel, so wunderbar und hast früher den Menschen, geholfen – wir merken im Moment aber gar nichts davon! Wir haben das Gefühl, dass du uns gar nicht mehr siehst und dass wir dich nicht erkennen können. Du bist doch unser Vater – aber das Gute, dass du unseren Vorfahren, Abraham und Jakob - Israel, geschenkt hast, das ist längst aufgebraucht. Zeige dich endlich wieder als der Gott, der die Welt verändert. Wir brauchen dich!“

Vielleicht ist ja in dem Moment noch nicht einmal wirklich Hoffnung da. Ich weiß es nicht. Hoffnung heißt ja, davon auszugehen, dass sich wirklich etwas ändern kann. Vielleicht ist es erst einmal nur die kleine Schwester der Hoffnung, die Sehnsucht, die da ist. Sehnsucht – für mich heißt das, dass eine Ahnung davon da ist,

Sonntag, 2. Oktober 2011

So perfekt - Erntedankfest 2011, Predigt und Anspiel von und mit Konfis, Reihe III

Natürlich ist auch hier die Überschrift geklaut - aber am Ende komm das Lied wirklich vor und wurde im Gottesdienst gespielt.
Text: Jesaja 58,7-11

Milena: Der Predigttext zum Erntedankfest steht in diesem Jahr beim Propheten Jesaja. Ich lese den 7. Vers aus dem 58. Kapitel:


Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen!

Praktisch gibt es so etwas nicht nur in großen Städten oder in fremden Ländern. Und das Ganze ist auch nicht nur etwas, was Erwachsene betrifft. Nur leider klappt das im Alltag nicht immer so, wie es in der Bibel steht. An drei Beispielen aus der Welt von Jugendlichen wollen wir Ihnen und euch das zeigen. Zwischen den kurzen Szenen gibt es Musik. „So perfekt“ heißt das Lied. In dem Lied geht es auch darum, dass manche gemobbt werden oder nicht alles können, dass man sich aber nicht irre machen lassen soll und dass man das, was man tut, richtig machen soll, denn nur dann kann die Welt perfekter werden:

1. Szene: 2 Mädels (Alina, Vikki) schauen auf eine dritte (Christina), die gerade Bier trinkt, lästern –

Alina: Boah, schau dir die da drüben mal an, die ist schon wieder total dicht!

Vikki: Wie eklig! Guck mal, wie die rumtorkelt! Die säuft jeden Tag, die stinkt schon in der Schule nach Schnaps!

Alina: Wenn sie überhaupt kommt! Die ist ja nie vor der 4. Stunde da.

Vikki: Und bis dahin schläft sie bestimmt in ihrer Kotze, so wie die aussieht, säuft und stinkt.

Christina: (kommt näher): Habt ihr mal…

Alina, Vikki: Hau ab, du stinkst!





2. Szene: Pause in der Schule, 2 (Christina, Ela) lästern über eine (Alina), die einfach nur da steht

Christina: Guck mal da drüben, die Caro, voll die Schlampe!

Ela: Die soll ja letztes Wochenende auf der Party bei Jannick die Sau rausgelassen haben. Die hat da echt mit Alex rumgemacht!

Sonntag, 11. September 2011

9/11 - böse Welt und gute Hoffnung, 12. n. Trinitatis, Reihe III

Text: Jes 29,17-24

Liebe Gemeinde!

Bei vielen, die älter als 18 oder 20 sind, gehen heute die Gedanken 10 Jahre zurück. 11. September 2011, das Undenkbare geschieht. Flugzeuge werden entführt und in das World Trade Center, in das Pentagon, das amerikanische Verteidigungsministerium, gelenkt. Weit über 3000 Tote bringt dieser Tag direkt. Bilder, die sich ins Bewusstsein eingebrannt haben. Töne, die einem kaum aus dem Kopf gehen. Wenn ich an diese Zeit vor 10 Jahren denke, dann geht mir eine Toncollage nicht aus dem Kopf. Handygespräche von Menschen aus dem World Trade Center, in denen sie ihren Angehörigen erzählen, wie sehr sie lieben, kurz bevor die Häuser einstürzen und die Gesprächsteilnehmer umkommen, rein gemischt in das Lied „Angel“ der amerikanischen Liedermacherin Sara McLachlan. Weit über 3000 direkte Tote – und ungezählte Tote in der Folge in den Kriegen im Irak, in Afghanistan, durch Terroranschläge in London, Madrid, vielen Ländern Afrikas und Asiens, durch Folter und Hass. Heute vor 10 Jahren. Ein Tag, der die Welt böser und schlimmer gemacht hat. Nicht nur, weil ein paar von blindem Hass getriebene Terroristen durch eine mehr als zweifelhafte Auslegung des Korans Tod und Schrecken gebracht haben und ihre ganze Religion im Westen unter den völlig irrsinnigen Generalverdacht des Terrors gestellt haben. Sondern auch weil Menschen, die sich im christlichen Glauben verwurzelt fühlten oder fühlen, auf diesen Hass angesprungen sind .

In Gefängnissen nicht nur im Irak wurden Menschen gefoltert und gedemütigt, in Gefangenenlagern das Recht auf einen fairen Prozess außer Kraft gesetzt. Und Menschen, die irgendwie muslimisch aussehen oder arabische Namen haben, wurden und werden immer noch bei Sicherheitskontrollen eher scharf und unfreundlich behandelt. Die Beschimpfung von Muslimen im Internet ist genauso salonfähig geworden wie rassistische Parteien in unseren Nachbarländern. Muslime sind mit Sicherheit keine besseren Menschen. Es gibt dort auch viele Gestalten, die sehr, sehr zweifelhaft sind und die Hass anstacheln. Aber dürfen wir als Christen uns davon in unserer Hoffnung und in dem, was wir in der Hoffnung auf das, was Gott möglich macht, leben, irre machen lassen? Ich glaube nicht. Wer sich, ob als Politiker oder als einfacher Bürger, auf das christliche Abendland und christliche Werte beruft, der kommt an den wunderbaren Frie-denshoffnungen der Propheten, die uns auch mit den Juden und dem Volk Israel verbinden, nicht vorbei. Und deshalb finde ich es mehr als nur einen gelungenen Zu-fall, dass ausgerechnet heute, am 11. September 2011, so ein Text der von der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit, auf die hin wir leben, als Predigttext vorgesehen ist. Diese Hoffnung hat der Prophet Jesaja aufgeschrieben, sie steht in Kapitel 29 seines Buches:

Lesen: Jesaja 29,17-24

Augen und Ohren gehen auf, Menschen, denen Recht und Gerechtigkeit und ein das Überleben gut sicherndes Einkommen vorenthalten wurde, kommen zu ihrem Recht, Tyrannen und Unterdrücker werden beseitigt und das alles wird eine große Einladung dazu sein, Gott als wahren Herrn der Welt zu erkennen. Eine Einladung zum Glauben an Gott, die nicht durch Krieg

Sonntag, 14. August 2011

Frieden? - "Ich hau der Schlampe eine rein" - Frieden!, 8. n. Trinitatis, 14.08.11, Reihe III

Text: Jesaja 2,1-5

Liebe Gemeinde!


Eine Welt ohne Krieg – wahrscheinlich hat es die nie ge-geben. Hier in Deutschland und in den meisten Ländern der EU kennen nur Rentner den Krieg aus eigenem Erle-ben, aber schon in Kroatien, Serbien, Bosnien und dem Kosovo vor unserer Haustür und erst recht in vielen Ländern in Asien und Afrika ist das ganz anders. Krieg und Gewalt gehörten oder gehören zum Alltag. Eine Welt ohne Gewalt, eine Welt in der sich Menschen aus allen Ländern, egal welche Religion sie haben und egal welchen Gott sie angebetet haben, von dem einen Gott zurechtweisen lassen und aus der Spirale der Gewalt – wie du mir, so ich dir, wenn du mich anmachst, dann kriegst du es doppelt zurück – ausbrechen und keiner mehr lernt, Krieg zu führen, eine Welt, in der keine Waffen mehr hergestellt werden und es nur noch darum geht, den Menschen angenehme Lebensbedingungen zu schaffen und die Menschen satt zu bekommen, eine solche Welt war ein Traum, ist ein Traum und wird es, solange ich lebe, vermutlich bleiben.

Ist es dann nicht völlig sinnlos

Samstag, 18. Juni 2011

Wenn Konfirmierte predigen... - Trinitatis, 19.06.11, Reihe III, English version available

Während ihrer Konfirmandenzeit fragte mich eine Konfirmandin, ob sie denn auch mal predigen könne. Ich fand das nicht nur mutig, sondern wollte das in die praxis umsetzen. Trinitatis 2011 war der erste Termin, an dem es klappte. Den Predigttext durfte sich ide Konfirmandin selbst aussuchen, ich habe ihr alle Texte, die Trinitatis "dran" sind, und noch ein paar mehr Vorschläge gegeben. In zwei Sitzungen haben wir gemeinsam die Predigt vorbereitet und uns für eine Dialogpredigt entschieden. Es gibt eine englische Fassung, weil eine Partnerdelegation aus Südafrika zu Gast ist. Wir wechseln abschnittweise, ich beginne, dann kommt Lisa-Marie Kellermann. Und hier das Ergebnis:

Predigttext: Jesaja 6 (Gute Nachricht)

Liebe Gemeinde!

Es ist sicher sehr ungewöhnlich, dass nicht einer alleine, normalerweise der Pfarrer, hier vorne steht und eine Pre-digt hält, sondern dass eine Konfirmierte aus dem letzten Jahr mit da steht. Ich freue mich, dass Lisa so schnell „Ja“ gesagt hat, als ich sie gefragt habe, ob sie nicht mal mit mir zusammen predigen will.

Und ich frage mich mittlerweile, ob das wirklich eine gute Idee von mir war. Ich bin nervös. Heute sind fast alle neuen Konfis da, manche mit ihren Eltern. Und dann auch noch die Gäste aus Südafrika. Und die normale Gemeinde. Und dann auch noch der Predigttext von Jesaja. Ich habe ihn ausgesucht, weil ich fand, dass er ein schöner Dialog war. Aber als wir beide uns zusammengesetzt haben, da fiel mir erst mal gar nicht so viel ein, was man heute dazu sagen kann. Aber einen Rückzieher wollte ich dann doch nicht machen.

Warum denn nicht?

Ich hab’s schließlich versprochen.

Das stimmt, du bist wirklich zuverlässig. Als du noch jünger warst, konnte man sich beim Krippenspiel und im Kinderclub auf dich verlassen und als du selbst Konfi warst, da war das nicht anders. Bis auf die allererste Stunde, die du verpasst hast!

Aber danach war ich doch immer da! Und außerdem glaube ich an Gott. Und mir ist das wichtig. Und deshalb möchte ich auch gern anderen etwas davon erzählen. Obwohl ich mir überhaupt nicht sicher bin, ob ich das kann. Ich hab’s ja schließlich nicht studiert. Und ein perfekter Mensch mit einem perfekten Glauben bin ich ja auch nicht.

Und da sind wir schon mitten in diesem etwas komplizierten Bibeltext, der ausgerechnet für heute als Predigttext vorgeschrieben ist.

Dienstag, 18. November 2008

Schlagende Argumente - Predigt Buß- und Bettag 08, 19.11.08, Reihe VI

Text: Jes 1,10-17

Liebe Gemeinde!

Ich kann mich nicht daran erinnern, als Kind von meinen Eltern zur Strafe wirklich geschlagen worden zu sein. Gott sei Dank! Bis auf eine einzige Ausnahme, an die ich mich noch gut erinnere. Was der Anlass war, weiß ich gar nicht mehr so genau, aber meine Mutter schimpfte mich nach allen Regeln der Kunst aus. Es war ein Vormittag, kurz vor dem Mittagessen, wohl in den Schulferien. Sie schimpfte und steigerte sich immer mehr hinein und ich fing an zu lachen. Je mehr sie schimpfte, desto mehr musste ich lachen. Sie konnte sich dann nicht mehr anders helfen, als den Kochlöffel zu nehmen. Mein Hinterteil war stabiler als der Löffel.

Dieses Erlebnis, das schon mehr als dreißig Jahre zurückliegt, hat in mir Skepsis geweckt. Die Skepsis, dass Wut und Zorn, und wenn sie auch noch so berechtigt sind, wirklich etwas ändern. Es ist manchmal gut, als Ventil für sich selbst, um keine Magengeschwüre zu kriegen, die eigene Wut und den eigenen Zorn nicht herunterzuschlucken, sondern raus zu lassen. Aber ob Schimpftiraden bei dem, der Auslöser meines Zorns ist, wirklich was ändern oder ob der Angeschrieene nicht vielmehr die Ohren auf Durchzug stellt, je mehr ich mich in diese Wut hineinbegebe? Ich weiß es nicht. Aber, wie gesagt, mein eigenes Beispiel macht mich skeptisch, ob Zorn wirklich viel ändert. Deshalb finde ich es auch schade, dass der Predigttext für den Buß- und Bettag heute so aufhört. Er besteht nur aus Anklagen. Klar, wenn das Motto für den Buß- und Bettag 2008 „Ehrlich“ ist, dann gehört auch das mit dazu. Es gehört mit dazu, dass wir als einzelne Christen, als Kirchengemeinde und als Kirche überhaupt nicht die Augen davor zu machen, dass sicher ganz vieles bei uns nicht in Ordnung ist. Der Prophet Jesaja beklagte sich vor langer Zeit darüber, dass viele ihren Glauben nur noch sozusagen äußerlich leben, dass er sich in schönen, aufwendigen Gottesdiensten und Feiern erschöpft, dass aber niemand danach schaut, wie es den Armen im Lande geht. Gottes Willen, so sagt es Jesaja hier, ist soziale Gerechtigkeit, ein Glauben, der auf der Seite der Armen ist und nicht eine Schauveranstaltung. Jetzt ist es heutzutage sicher leicht, viele Beispiele dafür zu finden, wo es armen Menschen nicht gut geht. Ich habe fast jeden Tag mit Menschen zu tun, deren Geld hinten und vorne nicht reicht. Durch die weltweite Berichterstattung im Fernsehen und in anderen Medien sind wir mit Armen und Rechtlosen weltweit verknüpft. Es gibt mehr Armut und Elend auf der Welt, als wir hier mit unseren Kräften lösen könnten. Und wenn wir mal ehrlich sind: so schlecht, dass wir als Kirche uns den Schuh anziehen müssten, bei uns hätten die Armen keinen Platz und wir würden nur eine christliche Festfassade aufrecht erhalten, sind wir als Kirche nicht. Kirchliche Werke, Diakonie oder Caritas, Brot für die Welt oder Misereor und ganz viele Einzelinitiativen helfen ganz entscheidend mit dabei, die Rechte der Armen und Unterdrückten nicht aus dem Blick zu verlieren. Gerade wir als Kirche, und damit meine ich wirklich wir, denn Kirche besteht ja aus ganz vielen einzelnen Christen in Marburg, in Omsk, weltweit, haben viel Grund, nicht in die billige Anklage einzustimmen: „Wir sind ja alle so schlecht und tun nichts!“ Natürlich kann man immer noch mehr tun und wird nie fertig werden. Wenn „ehrlich“ das Motto des Buß- und Bettags ist, dann heißt das auch, Mut zur Ehrlichkeit im positiven Sinn zu haben und sich nicht jeden Schuh anzuziehen, der einem hingehalten wird.

Der Sinn des Buß- und Bettags und auch der Sinn des Predigttextes für heute ist nicht, sich ständig klein und schlecht und vom Untergang bedroht zu fühlen. Im Gegenteil. Der Sinn ist es für mich, die Kraft zu haben oder zu bekommen, Stachel im Fleisch einer Gesellschaft, einer Weltordnung zu sein, in der Neid und gier als positive Antriebskräfte viel zu oft und viel zu lang hingenommen wurden. Stachel im Fleisch einer Weltordnung zu sein und zu bleiben, die Korruption für ein Kavaliersdelikt hält, die nichts dabei findet, dass nicht die Person und ihre Bedürfnisse entscheidend sind, sondern Beziehungen, Herkunft, äußeres Ansehen oft genug die Hauptrolle zu spielen scheinen.

Glaubwürdig können wir als Kirche im Großen, als Gemeinde vor Ort und als einzelner Christ aber nur dann sein, wenn wir tatsächlich auch ehrlich zu uns selbst sind. Wenn wir bereit sind, die Augen nicht vor dem zuzumachen, was auch bei uns nicht gut läuft. Wenn wir bereit sind, auch unsere Schuld zu sehen und einzugestehen. Es ist billig, die Welt anzuklagen, auf die Politiker, die Banker, die Wirtschaftsbosse oder wen auch immer zu verweisen, wenn ich nicht bereit bin, zuallererst mich selber anzuschauen. Erst dann kann es weitergehen. Aus diesem Grund finde ich den Buß- und Bettag und sein Anliegen wichtig und alles andere als überholt. Ich kann nur dann glaubwürdig für andere eintreten und anderen vors Schienbein treten, wenn ich zu mir selbst ehrlich bin und bereit bin, da, wo es nötig ist, mir auch vors Schienbein treten zu lassen, um von falschen Wegen abzukommen. Was gut an unserer christlichen Botschaft ist, was gut auch an der Botschaft Jesajas ist, ist, dass sie nicht beim Schimpfen und beim Aufzeigen von Versagen stehen bleibt. Bei Jesaja heißt es unmittelbar im Anschluss an unseren Predigttext: Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden. 19 Wollt ihr mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genießen. 20 Weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwert gefressen werden. Vergebung und Umkehr ist möglich. Im Prinzip richtet ihr euch selber, so verstehe ich hier Gottes Wort bei Jesaja: Wenn ihr umkehrt, wenn die Sache der Armen und Rechtlosen Platz in eurer Gesellschaft hat, dann werdet ihr die Güter eures Landes genießen können. Wenn ihr aber eine Gesellschaft bleibt, die auf Ausgrenzung, Gier und Neid baut, werdet ihr untergehen. Es ist nicht der Kochlöffel, nicht der Zorn, der das letzte Wort behält, sondern das nüchterne Aufzeigen der Möglichkeiten und Konsequenzen. Und das Vertrauen, dass ein ehrliches Anschauen auch der dunklen Seiten zu Veränderungen zum Guten führt. Für uns auch dadurch, dass wir durch Jesus Christus erfahren haben, dass uns auch Schuld nicht mehr endgültig von Gott trennt. Dass Vergebung und Neuanfang kein leeres Gerde, sondern lebendige Möglichkeit sind. Ich wünsche uns, dass wir auf diese Art einladend für die Welt sind. Indem wir vorleben, dass Ehrlichkeit und Umkehr möglich sind und nicht indem wir drohen und schimpfen und zetern. Amen