Beliebte Posts

Posts mit dem Label Reihe V werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Reihe V werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 22. November 2013

Wach bleiben - für die Liebe, die alles neu macht, Ewigkeitssonntag, 24.11.13, Reihe V

Text: Markus 13,31-37


Liebe Gemeinde!
Eine der schlimmsten Foltermethoden ist der dauerhafte Schlafentzug. Wer nicht zur Ruhe kommt, wer nicht wenigstens ein Minimum an Schlaf bekommt, der dreht irgendwann völlig durch. Eine Ahnung davon bekommt der, der nachts wachliegt, und alle Sorgen und Gedanken kommen wieder und wieder, Schlaf geht gar nicht mehr. Und das nicht nur tage-, sondern wochen-,  manchmal auch monatelang. Immer wieder: Wachsein, Wachsein, Wachsein, wo doch eigentlich Ruhe sein sollte, damit neue Kräfte wachsen können. Leer und verbraucht steht man schon morgens da – und abends dann wieder die Angst, keine Ruhe zu finden. Wachet! Oft genug ist es die Begegnung mit dem Tod, die Menschen nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Einsamkeit, weil einfach ein ganz wichtiger und lieber Mensch fehlt. Die Fragen, wie das jetzt alles ohne diesen Menschen weitergehen soll. Das Gefühl, nicht genug gegeben oder vielleicht auch nicht genug empfangen zu haben. Die Erinnerung an das Schöne oder an das Liegengebliebene zwischen Menschen, das keine Änderung mehr erfährt. Oder einfach nur ein Durcheinander im Kopf, Fragen, Fragen, Fragen, die der Tod aufgeworfen hat und die keine Antwort finden. Wachet! Vielleicht kommt dem einen oder der anderen, die heute hier im Gottesdienst ist, diese Aufforderung von Jesus wie Hohn vor. Zu frisch, zu intensiv sind vielleicht noch die Gedanken an den Menschen, von dem im zu Ende gehenden Jahr oder vor einiger Zeit Abschied genommen werden musste. Wachet!? – Du hast gut reden, das muss ich doch immer und immer wieder! Ich will endlich wieder ruhen können! So mag manche und mancher denken.
Ruhe finden. Ruhe in Frieden – das ist ein Wunsch, der oft Verstorbenen mitgegeben wird. Und gerade im Alten Testament, das ich so liebe, weil es so wunderbar ehrlich vom Menschsein erzählt, ist ganz oft davon die Rede, dass die Ruhe eine gute Gabe Gottes ist. Kehrt Jesus das hier etwa um? Widerspricht er dem Vater, der seinen Menschen Ruhe gönnen und schenken will, wenn er ruft: Wachet!? Ich glaube nicht, dass das ein Widerspruch ist, sondern dass es Wachheit im Sinne Jesu braucht, um Ruhe zu finden. Und mit dieser Wachheit, von der Jesus spricht, ist nicht das nächtliche Wälzen im Bett vor lauter Sorgen gemeint, sondern eine Aufmerksamkeit, die dabei hilft, auch die Momente der Ruhe und des Friedens zu finden.
Ruhe finden – nicht zuletzt heißt das auch: Loslassen können! Am Anfang mag es ein Trost sein, zu hören und zu glauben: „Wenn einer gestorben ist, dann lebt er in unseren Erinnerungen weiter!“ Aber wie ist das, wenn die Erinnerungen blasser werden? Töte ich dann den, der gestorben ist, erst richtig, mit jeder verblassenden Erinnerung ein bisschen mehr? Wie ist das mit den Menschen, die wegen ihrer Grausamkeit vielen, vielen Menschen über Jahrhunderte und Jahrtausende weg im Gedächtnis bleiben, wie Nero, Stalin, vor allem Hitler: haben die es verdient, ewig zu leben, während Millionen von Menschen, die im Stillen ihren Kindern, ihren Männern, ihren Frauen, ihren Nachbarn, Fremden gut getan haben, längst vergessen und damit, nach dieser Logik, richtig tot und ohne jede Chance sind? Wie ist das mit den Menschen, die ganz einsam gestorben sind? Vergisst Gott die auch, weil sich Menschen nicht mehr an sie erinnern? Ruhe finden, das heißt auch: Erinnerungen loslassen können. Weil eben nicht unsere Erinnerungen Grund dafür sind, dass Gott Sieger über den Tod ist und wir nur durch unsere Erinnerungen an andere darauf vertrauen dürfen, dass Menschen nicht in die absolute Beziehungslosigkeit, das absolute Nichts fallen, sondern weil Gottes Wort der Liebe und der Versöhnung, Mensch geworden in Jesus, Grund für die Hoffnung ist. Wir überfordern uns und stellen uns letztlich an Gottes Stelle, wenn wir glauben, wir müssten durch unsere Erinnerungen ewiges Leben produzieren. Ruhe finden heißt auch: Loslassen können, so schwer das im Einzelnen auch sein mag. Loslassen können und Gott überlassen, was sein ist, nämlich die Sorge um ein Leben, um Beziehungen, die jenseits unseres Denkens und Könnens liegen.

Freitag, 8. November 2013

Nervig geht am Besten???? - Drittletzter Sonntag d. Kirchenjahres, 10.11.2013, Reihe V

Text: Lukas 18,1-8 (gelesen aus der Basisbibel)


Liebe Gemeinde!
So ist es, oder? Die, die am lautesten schreien, am meisten nerven, die, die am unverschämtesten sind, die kriegen am Ende ihren Willen. Und selbst wenn man im Recht ist, bekommt man das, was einem zusteht, oft nur, wenn man hartnäckig ist und immer wieder und wieder nervt. Mit Versicherungen habe ich schon solche Erfahrungen gemacht. Mit unserer Kirchenleitung im Landeskirchenamt auch. Mit der Stadt, mit Kollegen, ganz oft. Und wahrscheinlich können viele auch eigene Erfahrungen erzählen. Schülerinnen und Schüler, die zurückhaltend sind, die glauben, sie würden auch durch ruhiges Arbeiten Aufmerksamkeit gewinnen, gehen leider viel zu oft unter und bei den Noten kommt am Ende der Störenfried, der sich in den letzten vier Wochen vor der Notenbesprechung einigermaßen zurückhält, oft besser weg, als derjenige, der immer da ist, aber im ganzen eben ruhig das macht, was gefordert wird. Kenne ich, ehrlich gesagt, auch aus der Erfahrung als Lehrer, der Noten geben muss, und ich bin nicht immer stolz auf meine Noten. Manchmal könnte man vielleicht auch denken, das Sprichwort „Ehrlich währt am längsten“ könnte auch umgeschrieben werden. „Penetrant und nervig geht am besten!“ oder ähnlich. Und die Aussage, dass brave Mädchen zwar in den Himmel, böse aber überall hin kommen, ist mehr als eine witzig gemeinte Aufforderung, mal mehr zu probieren. Wenn man sich ansieht, wie und über wen im Internet, im Fernsehen, in Zeitschriften berichtet wird, wie über Menschen geredet wird, wem Respekt gegeben wird, nicht nur von Jugendlichen, sondern von Menschen im sogenannten besten Alter, spiegelt dieser Satz leider viel zu viel egoistische und für mich wenig lebenswerte Wirklichkeit wider.
Und jetzt also auch in der Bibel, oder? Recht bekommt die Frau, die nervig ist, die dem Richter auf den Senkel geht und ihn dazu bringt, Angst vor Schlägen zu haben. Und das soll ein Gleichnis fürs Beten sein? Kriegt also auch bei Gott der seinen Willen, der ihn am meisten nervt, der sich vordrängelt?
Ich lese mir ja immer am Anfang der Woche durch, was am Sonntag als Predigttext dran ist. Als ich das gesehen habe, habe ich gedacht: das kann ich nicht predigen! Und dann fiel mir auf, dass sich da mal wieder viel zu schnell mit meiner Meinung und meinen Vorurteilen war und mal wieder nicht genau hingehört, oder in diesem Fall besser: gelesen, habe, was Jesus eigentlich sagt. Da ist mir wieder aufgefallen, dass es für Pfarrer genauso wie für Konfis, für Rentner genauso wie für Jugendarbeiter, für Lehrer genauso wie für Busfahrer wichtig ist, mal nachzudenken, wenn’s um Gott, um Jesus und den Glauben geht. Da hilft’s wenig, einfach mal kurz drüber zu gucken, was in der Bibel steht, zu sagen: kapier ich eh nicht, hat keinen Zweck, oder: ah klar, weiß Bescheid – nein, dann verpasst man ganz viel. Glauben, der mit der Bibel zu tun hat, der nicht bloß eine eigene Einbildung ist, der braucht auch Zeit, mal nachzudenken, kritisch zu sein, nicht gleich zu glauben, alles verstanden zu haben, auch mal hinter die Worte zu schauen und sich nicht mit den oberflächlichen Worten zufrieden zu geben und vor allem braucht Glauben auch das Hören, das Beten, die Bitte darum, das Gott einem beim Verstehen hilft.
Zurück zur Geschichte: Ich verpasse, habe ich gemerkt, ganz viel, wenn ich die Geschichte so verstehe, als ob es bei Gott genauso wäre wie bei diesem Richter und die Nervensägen am Ende die Belohnten sind und die Ruhigen als Deppen leer ausgehen. Jesus

Samstag, 26. Oktober 2013

YOLO - Du lebst, nur einmal, da kannst du mit Gott gehen - 22. Sonntag n. Tr., 27.10.13, Reihe V



 (Zürcher, im Gottesdienst tlw. eigene Übersetzung, angelehnt an Zürcher)

Liebe Gemeinde!
YOLO. Ich weiß nicht, wie viele Erwachsene wissen, was diese vier Buchstaben Y O L O bedeuten. Fast alle Jugendlichen werden es wissen. YOLO: You Only Live Once – Du lebst nur einmal. Du lebst nur einmal – und gemeint ist: zieh dein Ding durch. Nimm keine Rücksicht auf das, was die anderen sagen oder fordern, sondern sei du selbst – ein einzigartiger Mensch, der macht, was für ihn richtig ist. Und meistens ist damit gemeint: der macht, was ihn voranbringt, was ihm Spaß bringt, ohne sich dabei groß um die Folgen für andere zu kümmern. Vor ein paar Wochen habe ich auf facebook bei meinen Neuigkeiten den Eintrag einer mir gut bekannten Jugendlichen bei einem anderen gesehen: „Ich bewundere dich, weil du ohne Rücksicht auf die Meinung von anderen dein Ding voll durchziehst“. Und dieser Eintrag hatte ganz viele Likes, also ganz viel Zustimmung. YOLO. Damit es keine Missverständnisse gibt: es wird jetzt keine Strafpredigt für scheinbar ach so egoistische Jugendliche, über die ich mich mal in der Kirche beschweren will. Erstens kenne ich ganz viele Jugendliche, die durchaus nicht nur egoistisch sind. Zweitens erlebe ich immer wieder, dass gerade bei Jugendlichen Werte wie Freundschaft, Verlässlichkeit, auch Treue ganz hoch im Kurs stehen. Drittens glaube ich auch, dass Jugendliche oft nur viel direkter und unverblümter aussprechen, was wir Erwachsenen ihnen vorleben. Und wir haben eine Gesellschaft aufgebaut, in der nicht nur jeder für sich selbst Verantwortung hat, sondern in der immer mehr jeder nur für sich selbst sorgt. Im Großen ein aktuelles Beispiel: Deutschland wehrt sich ganz vehement dagegen, Flüchtlinge aus Afrika und Syrien in größerer Zahl aufzunehmen, obwohl das kleine und, im Vergleich zu Deutschland eher arme, EU-Land Malta in Beziehung zur Einwohnerzahl zur Zeit mehr als fünfmal so viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Ist doch deren Problem, das ist die nach außen getragene Haltung der deutschen Regierung. Wir geben nichts ab – weder an die Flüchtlinge noch an den europäischen Partner Malta.
Im kleineren Maßstab, in der Kirche: bei der Kreissynode vor drei Wochen bin ich mehrmals mitleidig belächelt und angefragt worden, wie dumm wir doch waren, unsere Kirchengemeinde Am Richtsberg zu bilden und nicht zwei Gemeinden zu bleiben. Andere Gemeinden, die sich geweigert haben, zusammenzugehen, stehen, was Gebäude angeht, zum Teil besser da. Dass es von der Sache her richtig ist, eine Kirchengemeinde Am Richtsberg zu haben und dass wir dadurch für alle Marburger Gemeinden etwas Entlastung geschaffen haben, spielt in den Augen derer, die mich angefragt haben, keine Rolle. „Ihr seid doch blöd, dass ihr nicht egoistisch gewesen seid“ – so ist der Grundgedanke. Von längst erwachsenen Menschen, die in der Kirche Verantwortung tragen und die in ihren Gemeinden und Arbeitsstellen für die Verkündigung der frohen Botschaft stehen.
YOLO. Mich wundert es, ehrlich gesagt, nicht, dass Jugendliche das genau so und mit dem Unterton, mit dem es meistens benutzt wird, sehen.
Was das alles mit dem Propheten Micha aus der Bibel zu tun hat, aus dessen Buch ich eben ein paar Verse vorgelesen habe, fragen sich manche vielleicht jetzt. Der Prophet Micha, der macht in seinem für uns ja uralten Buch auf dieses scheinbar moderne Phänomen aufmerksam. Das ICH im Mittelpunkt. Auch im Glauben an Gott. Was kann ICH tun, damit Gott MICH wieder mag, auch wenn ich eine Sünde begangen habe, Schuld auf mich geladen habe? Soll ich von meinem Besitz, von meinem Verdienst etwas Gott opfern, vielleicht sogar, das ist die schreckliche Pointe, mein erstgeborenes Kind, damit ICH

Samstag, 12. Oktober 2013

Geschwister, zur Ruhe, zur Freiheit! - 20. Sonntag n. Tr., 13.10.2013, Reihe V



Liebe Gemeinde!
Heute ist Elisabethmarkt. Verkaufsoffen in der Oberstadt, Innenstadtkirmes und rund um die Elisabethkirche ist auch ein Sozialmarkt, auf dem sich verschiedene soziale Einrichtungen und Projekte präsentieren. Unter anderem sind auch Doreen und ich mit dem Richtsberg- bzw. auja-Mobil unserer Kirchengemeinde da. Ein Glück, werden sicher manche sagen. Endlich mal wieder ein Sonntag im Herbst, an dem man nicht vor der Glotze hängen muss und sich langweilt, sondern wo man ein Ziel hat, wo was los ist. In der Schule und im Konfirmandenunterricht ist es seit vielen, vielen Jahren so, dass der Sonntag mit Abstand der langweiligste und unbeliebteste Wochentag ist, wenn ich über das Feiertagsgebot spreche. Gerade im Herbst, im Winter und bei schlechtem Wetter. Ruhe halten geht gar nicht – wie man auch an den Diskussionen über das Tanzverbot am Karfreitag sieht, die seit ein paar Jahren immer schärfer geführt werden. Das Problem, von dem Markus hier in seinem Evangelium erzählt, ist heute für die meisten wahrscheinlich völlig unverständlich. Und deshalb wird der Satz, den Jesus am Ende sagt, nämlich: „Der Sabbat, also der Ruhetag, ist für den Menschen gemacht worden und nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn, also Jesus selbst, auch Herr über den Sabbat“, gern viel zu einfach ausgelegt. Wenn die Leute überhaupt noch in die Bibel schauen und sich dafür interessieren, sagen sie es oft so: „Alle Regeln und Gebote sollen für die Menschen gut sein und nicht umgekehrt – und weil sowieso jeder am besten weiß, was für ihn gut ist, soll doch jeder selber sehen, wie er sich daran hält oder nicht. Schon Jesus akzeptiert doch keine Einschränkungen.“ Ich glaube aber, dass dieser Erklärungsversuch zu kurz greift. Ich glaube auch, dass nicht nur das Sabbatgebot, sondern jedes Gebot der Zehn Gebote nicht nur gut für den Menschen ist, sondern auch für ihn als Lebenshilfe gemacht ist. Und nicht umgekehrt die Menschen dazu da sind, Regeln möglichst genau zu befolgen. Aber der Schluss, das deshalb jeder selber wissen muss, was gut und richtig ist, greift zu kurz. Ich glaube, dass Jesus, in dem wir Gott sozusagen bei der Arbeit sehen, uns helfen will, zu erkennen, wozu Gebote gut sind und nicht, Gebote einfach streichen will. Es geht darum, den Sinn der Gebote zu verstehen und nicht die Erklärungsversuche von Menschen, ob das damals Schriftgelehrte und Pharisäer oder Hohepriester waren oder heute Theologie Professoren oder Pfarrer oder Relilehrer oder Menschen, die sich für besonders berufen halten sind, wichtiger zu nehmen als die Gebote selbst. Jesus, und in ihm Gott selbst, ist Herr über die Gebote, und nicht der Pharisäer, der Pfarrer oder der besonders berufene Christ mit seinen zusätzlichen Regeln, die er oft zur scheinbaren Erklärung aufstellt.
Wie gesagt, den Konflikt, den Markus in der Bibel beschreibt, den können wir kaum verstehen. Erstens: Unser Ruhetag ist, wenn überhaupt, der Sonntag und nicht der Sabbat, der von Freitagabend bis Samstagabend geht. Und zweitens: die ersten gut 300 Jahre ihrer Geschichte kamen Christen gut damit aus, am Sonntag zwar Gottesdienste zu feiern, aber nicht unbedingt Ruhe zu halten. Die Mehrheit lebte im römischen Umfeld und da war der Ruhetag nicht wichtig. Für die Christen, und das gilt eigentlich auch für Martin Luther und noch lange, lange nach ihm, war es sowieso nicht wichtig, Ruhe zu halten. Feiertagsgebot, das hieß: Man soll in den Gottesdienst gehen und in dieser Zeit nicht arbeiten. Komplett arbeitsfreie Ruhetage sind in christlich geprägten Gegenden dieser Welt eine sehr moderne Erfindung, die erst in der Zeit der Industrialisierung weniger von der Kirche als vielmehr von der Arbeiterbewegung durchgesetzt wurde.
Diejenigen, denen meine Predigten sowieso immer zu lang sind, die könnten jetzt sagen: Na, dann ist ja gut! Dann haben wir als Christen sowieso relativ wenig damit zu tun. Also tschüss,

Samstag, 14. September 2013

Irgendwie geht das Leben weiter... - 16. So. n. Tr., 15.09.2013, Reihe V

Text: Lukas 7,11-17


Liebe Gemeinde!
Irgendwie geht das Leben weiter – zumindest für die Nachbarn und Bekannten. Für die Verwandtschaft. Natürlich macht der Tod traurig. Ein Nachbar fehlt, eine Freundin, die Nichte oder der Cousin. In den ersten Tagen und Wochen ist noch viel Besuch da, man geht hin, fragt, hilft – aber dann kommt der Alltag wieder. Die eigenen Anforderungen. Im Beruf, in der Schule, in der eigenen Familie. Die eigenen Sorgen. Ab und zu denkt man noch an den Tod. Aber das Leben geht weiter. Hin und wieder vielleicht noch mal eine Nachfrage, ein kurzes Telefonat, ein kurzer Besuch. Aber auch das wird meistens weniger. Kein böser Wille. Aber das Leben geht weiter. Für die, die leben. Die immer noch Familie und Freunde haben.
Das Leben geht weiter – auch für die Frau, die ihren Mann begraben musste und kurz darauf noch ihren einzigen Sohn verlor. Aber wie geht es weiter? Wenn das Miteinander gut war, ist es schon schlimm, den Menschen zu verlieren, mit dem man lange sein Leben geteilt und den man geliebt hat. Aber dann auch noch den einzigen Sohn zu verlieren… - bis heute gehört es zu den schlimmsten Alpträumen von Eltern, am Grab des eigenen Kindes stehen zu müssen. Das Leben geht weiter – am Anfang sicher noch mit Freunden, Verwandten, Nachbarn, die mal nachfragen, die aber weniger werden. Die die Trauer nicht mehr aushalten wollen, weil ihr Leben ja tatsächlich normal weiter läuft. Das Leben geht weiter. Aber wie? In den allermeisten Fällen nicht nur mit einer Lücke, sondern mit einem Loch, das wie ein schwarzes Loch ganz viel Energie, Freude, Lebenskraft in sich hineinzieht und nicht wieder rauslässt. So erlebe ich das vielfach heute.
Und zu der Zeit, in der das war, was Lukas hier in seinem Evangelium erzählt, war alles noch dramatischer. Der Witwe wurde nicht nur das Herz herausgerissen. Ihr Weg als Bettlerin war vorgezeichnet. Damals konnten Frauen keine Rechtsgeschäfte tätigen. Sie brauchten Männer, die für sie eintraten. Und die beiden Männer, die das konnten, waren weg. Der Ehemann und der einzige Sohn. Zu dem seelischen Schmerz kommt die Gewissheit, bis an das eigene Lebensende auf den guten Willen, die Almosen der anderen angewiesen zu sein. Und selbst für die wohlmeinendsten Nachbarn geht das Leben weiter und die verwaiste Witwe rückt aus dem Zentrum immer weiter an den Rand des Lebens.
Ich glaube, dass man das wissen und sich immer wieder klar machen muss, wenn man die Geschichte von der verwaisten Witwe, die Lukas für uns erzählt, hört. Zu leicht lassen wir uns nämlich von dem nach menschlichen Maßstäben unmöglichen Wunder der Totenerweckung ablenken und spekulieren darüber, wie das wohl gehen könne und je nach persönlicher Frömmigkeitsgeschichte verteidigen wir dieses Wunder oder wir geben den Kritikern Recht, die es aus Vernunftgründen ausschließen.
Und so verpassen wir dann das, was in dieser Begegnung für Jesus und auch für seinen Evangelisten Lukas im Mittelpunkt steht. Im Mittelpunkt steht da nicht das Wunder, sondern die verwaiste Witwe mit ihrer Not. Der Schlüsselsatz, der hilft, diese Geschichte zu verstehen, der steht genau in der Mitte. „Als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht!“ so übersetzt Martin Luther den Schlüsselsatz von Lukas.
Vier Beobachtungen:

Samstag, 7. September 2013

Schwache Helden - tolle Vorbilder 15. Sonntag nach Trinitatis, 08.09.2013, Reihe V

Text: Lukas 17,5+6


Liebe Gemeinde!
„Ich bin nur noch zornig und wütend“ – so endete die Mail eines Freundes aus Fulda, seit langem ein hochengagierter Christ. Zornig und wütend darüber, dass Gott es zulässt, dass ein junger Mann, ehemaliger Konfirmand von mir, mit 32 Jahren stirbt. Das allein wäre tragisch genug. Vor zwei Jahren starb die Mutter des jungen Mannes, gerade mal 49 Jahre alt, vor 7 Jahren der Vater, damals 48 Jahre alt. Alle drei waren elend lang krank. Übrig bleibt der Jüngste, gerade 26, ein guter Freund der Kinder meines Fuldaer Freundes, mir als Konfirmand und langjähriger Mitarbeiter ebenfalls sehr gut bekannt. In 7 Jahren drei Mal elendes Sterben in einer Familie, in der bisher niemand den 50. Geburtstag feiern konnte. Wie kann da der Glauben an einen guten, einen liebenden Gott, an Jesus, Freund der Menschen und Heiland, wieder wachsen? Stärke den Glauben! Ich denke, dass nicht nur mein Fuldaer Freund und der übriggebliebene junge Mann sich der Bitte der Apostel anschließen können, wenn sie überhaupt die Kraft dazu haben und nicht „Lass mich doch in Ruhe!“ sagen würden.
Stärke den Glauben – ich denke, dass vielen von uns diese Bitte auf den Lippen und im Herzen liegt. Bilder des Elends in der Welt, vom Krieg und Flüchtlingen in Syrien. Krankheit, am eigenen Leib zu spüren, die Leben schwer, manchmal unerträglich macht. Eltern, die so krank sind, dass sie sich im Moment gar nicht richtig um die Kinder kümmern können. Jugendliche, denen so Schlimmes passiert ist, dass sie sich im Leben nicht mehr zurecht finden und an der Seele richtig krank geworden sind, die dabei sind, sich selbst zu zerstören. Menschen die sagen: „Du mit deinem Jesus, du bildest dir doch was ein, Naturwissenschaften sind das einzig Wahre!“ Hohn und Spott. Oder erlebte Gleichgültigkeit, Lieblosigkeit. Stärke den Glauben! – Es ist im Alltag nicht immer leicht, Glauben zu finden und zu behalten. Glauben an Gott. Glauben an den Vater, den Schöpfer und Freund des Lebens. Glauben an Jesus, den Heiland und Erlöser. Glauben an den Heiligen Geist, der Kraft und Mut gibt, im Alltag zu lieben, zu hoffen.
Stärke den Glauben! – Es wäre super, wenn’s da ein Rezept, ein Zaubermittelchen, einen garantiert wirksamen Segen geben würde, der Zweifel und Fragen einfach wegpustet und Sicherheit gibt. Die Sicherheit, richtig zu liegen. Leider gibt’s das nicht. Und das gab’s auch nicht von Jesus direkt. Glauben ist kein Panzer um den Körper und die Seele, an dem alles Böse einfach abprallen würde und der einem ein starkes Superheldenleben garantieren könnte. Und das war er auch ganz offensichtlich für die Apostel nicht. Apostel, das sind diejenigen, die von Jesus selbst in die Welt, zu den Menschen geschickt werden und die den Auftrag haben, den Glauben an Gott und Jesus als Gottes Sohn zu verkünden, zu wecken, zu stärken. Und diese Leute, die Jesus selber kennen, ihn erleben und denen Jesus eine ganz entscheidende Aufgabe gibt und durch die wir alle letztlich ja erst den Glauben an Gott vermittelt bekommen haben, die brauchen Glaubensstärkung. Das sind also keine Superhelden, die immer einen superstarken Glauben ohne jede Anfechtung, ohne jede Frage, ohne jeden Zweifel gehabt hätten. Obwohl sie Jesus im wahrsten Sinne des Wortes direkt vor Augen gehabt haben, erfahren sie ihren eigenen Glauben nicht als etwas, das ständig nur toll ist und bergauf geht, sondern als etwas, das schwankt, müde werden kann, eben: Stärkung braucht, damit es weitergeht. Und mit diesen Leuten kann und will Jesus etwas anfangen. Und diese Leute haben das auf die  Reihe gekriegt – sonst würden wir heute ja nicht hier sitzen und nachdenken, beten, hoffen, feiern, glauben und lieben. Für mich ist das die schönste Einladung, Jesus zu vertrauen: diese Einladung, ehrlich zu sein. Nicht irgendwas Starkes vorspielen zu müssen, sondern auch Fragen, Zweifel und auch mal Wut und Zorn haben zu dürfen. Und trotzdem immer wieder eingeladen zu werden, zu glauben, zu vertrauen, zu hoffen und zu lieben. Glauben – und gerade auch die Einladung zum Glauben, die Mission, braucht keine weltfremden Superhelden,

Samstag, 24. August 2013

Richtig spenden? Achtung! Frömmigkeit! - 13. So. n. Tr., 25.08.2013, Reihe V

Text: Matthäus 6,1-4


Liebe Gemeinde!
Ist es nicht toll, wenn Stars und Prominente sich für gute Dinge einsetzen, wenn sie für krebskranke Kinder oder die Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen, oder Flutopfer oder andere, die finanzielle Hilfe nötig haben spenden, wenn das dann im Fernsehen kommt, in den Zeitungen und im Internet steht? Ist das nicht toll, wenn durch das Beispiel von diesen Menschen andere angeregt werden, ebenfalls für gute Sachen oder Menschen in Not zu spenden? Geld stinkt nicht, das ist ein altes Sprichwort. Wen sollte also interessieren, wo das Geld, das für was Gutes oder zur Linderung von Not gegeben wird, herkommt oder was der, der es gibt, sich dabei denkt? Wenn’s hilft, dann ist das doch schon gut genug! Warum soll man denn aus Spenden ein Problem machen? Man kann doch froh sein, wenn es Menschen gibt, die was geben!
Das finde ich auch! Und das nicht nur, weil wir als Kirchengemeinde auf Spenden angewiesen sind. Ohne Spenden könnten wir das Richtsbergmobil nicht fahren lassen, ohne Spenden gäbe es keine Seniorennachmittage und keine Möglichkeit, Kindern aus Familien mit wenig Geld Zuschüsse zu Konfirmandenfreizeiten oder anderen Dingen zu geben, so dass sie mitfahren und mitmachen können. Nur drei Beispiele. Es gibt doch genug Leute, die einfach zu geizig sind und nur an sich denken oder die dauernd denken, dass das Geld, das sie geben, vielleicht nicht richtig verwendet wird. Da kann man sich doch über jede Unterstützung freuen. Warum macht Jesus dann hier alles so kompliziert, wenn er was von der Unterstützung für die Armen, die es nötig haben erzählt? Soll ich denn ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich spende? Ist es etwa besser, nichts zu geben, aus lauter Angst davor, es aus den falschen Gründen zu tun und dann am Ende sozusagen von Gott noch eine auf den Deckel zu kriegen?
Das, was Jesus hier in der Bergpredigt sagt, hört sich nicht nur provozierend an, es ist es auch. Nicht wegen des merkwürdigen Bilds, das er benutzt. „Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut“ – wenn das so ist, ist man tatsächlich krank. Wenn ich meine Hände nicht koordinieren kann, gibt es Chaos.
Provozierend ist das, was Jesus hier sagt, weil Jesus, wie eigentlich immer, ganz knallhart von den Menschen her denkt, die in Not sind. Und weil er wieder einmal deutlich werden lässt, das der Glauben an ihn als Sohn Gottes Auswirkungen hat – nicht nur auf die innere Einstellung zu Gott und den Seelenfrieden, sondern auf das Denken und Handeln.
„Habt acht auf  eure Frömmigkeit“ – so beginnt die Rede von Jesus in der Übersetzung der Lutherbibel. Das ist nicht falsch. Aber das Wort, das hier in der griechischen Originalfassung steht, heißt auch noch: Gerechtigkeit. Frömmigkeit ist eben mehr als

Freitag, 16. August 2013

Sehhilfe - 12. Sonntag n. Tr., 18.08.2013



Liebe Gemeinde!
„Man sieht nur mit dem Herzen gut!“ – dieser Satz aus dem Buch „Der kleine Prinz“ wird so oft zitiert, dass man manchmal fast vergisst, wie erleichternd es ist, auch mit den Augen einigermaßen gut sehen zu können. Ich denke dabei an das, was mir unsere blinde Kirchenvorsteherin, Frau Brandenburger, über die Zeit erzählt hat, in der das Haus, in dem sie wohnt, renoviert wurde. Da war es oft schwer, den Weg zur Bushaltestelle zu finden, weil der normale Weg durch Bauarbeiten versperrt war oder da wurden die Mülleiner umgestellt, weil sie den Bauarbeitern im Weg waren und sie musste immer wieder Menschen finden, die ihr halfen, ihren Hausmüll richtig zu entsorgen. Manches ist leichter, wenn man nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit den Augen sieht. Mehrmals berichtet die Bibel davon, dass Jesus Menschen auch im wörtlichen Sinn die Augen geöffnet hat, so dass sie ihre Umwelt und ihr Leben auch mit den Augen wahrnehmen konnten. So wie in der Geschichte, die ich gerade vorgelesen habe. Aus Scheu davor, falsche Erwartungen zu wecken oder aus Scheu davor, von Wundern zu reden, die naturwissenschaftlich-medizinisch nicht zu erklären sind, wird manchmal ganz schnell über dieses ganz konkrete Öffnen der Augen hinwegerzählt. Es geht in jeder dieser Geschichten um mehr. Es geht darum, dass Menschen erkennen, welche Macht Jesus tatsächlich hat, es geht darum, dass Menschen erkennen, dass mit Jesus die neue, gerechte und gute Wirklichkeit Gottes wenigstens schon angebrochen ist. Es geht, um mit dem kleinen Prinzen zu reden, darum, mit dem Herzen zu sehen und Jesus als Gottes Sohn zu erkennen. Aber diese Geschichten sind mehr als nur symbolische Geschichten vom Auftrag oder der Macht Jesu oder der Wirklichkeit Gottes. Mir erzählen diese Geschichten, in denen Menschen zum Sehen kommen, auch davon, dass die neue Wirklichkeit Gottes, die mit Jesus anbricht, ganz konkrete Lebenserleichterungen bringt. Not wird wirklich gelindert und Menschen werden nicht auf später oder den Himmel vertröstet, sondern erfahren schon in diesem Leben ganz konkret, dass Gott Not nicht egal ist. Wenn wir glauben, dass wir als Christen in der Nachfolge Jesu leben, dann geht es eben auch darum, an ganz konkreter Not nicht vorbei zu gehen. Es kommt darauf an, sehen zu lernen. „Das kann ich doch von selbst“ werden sicher manche denken. Klar, die Sinneseindrücke, die über die Augen ans Gehirn geliefert werden, sind da, wenn organisch alles einigermaßen in Ordnung ist. Aber es kommt eben auch darauf an, die Bilder, die mir die Augen liefern, zu verstehen. Und dazu braucht es manchmal Zeit und Übung. Und auch davon erzählt die Geschichte von der Blindenheilung bei Markus.
Die Geschichte beginnt mit etwas sehr Schönem. Offensichtlich hat der Blinde

Freitag, 9. August 2013

Aber so schlimm bin ich nicht! - 11. Sonntag nach Trinitatis, 11.08.2013, Reihe V

Text: Lukas 7,36-50 (Basisbibel)



Liebe Gemeinde!
„Aber so schlimm bin ich nicht!“ – Vielleicht hat Simon genau das gedacht, als er gemerkt hat, wer die namenlose Frau ist, die sich an Jesus klammert, mit ihren Tränen und teurem Öl seine Füße benetzt und salbt, die ihn küsst und mit den Haaren wieder trocknet. Eigentlich ein Skandal. Zuerst einmal hat eine Frau in Männerrunden grundsätzlich nichts zu suchen. Gut, Jesus war da ein bisschen anders. Von Anfang an waren viele Frauen in seiner Nähe. „Ich bin doch ganz schön aufgeschlossen, dass ich den zu mir einlade“ – auch so hat Simon vielleicht gedacht. Seine Freunde hätten Jesus nicht eingeladen. Viel zu unkonventionell ging der mit den Regeln um. Aber Simon scheint aufgeschlossen und neugierig zu sein. Er ist Pharisäer, das heißt, dass er es mit seinem Glauben und mit Gottes Geboten wirklich ernst meint und sich bemüht, danach zu leben. Jesus stellt manches, was sich als Tradition eingebürgert hat, in Frage. Jesus befragt jedes Gebot danach, was wohl Gottes Wille dahinter ist. Den wenigsten Pharisäern gefällt das, aber Simon ist neugierig. Aber das mit der Frau geht zu weit. Nicht nur, dass eine Frau es wagt, die Männerrunde zu stören. Nicht nur, dass sie Jesus nicht nur berührt, sondern sogar küsst. Nein, diese Frau ist unterstes Niveau. So scheint es zumindest bekannt zu sein. Was sie im Einzelnen gemacht hat, wird nicht erzählt. Aber jeder kennt den schlechten Ruf. Und Jesus, der Prophet, der müsste das doch erst recht wissen. Gut, ich habe nicht immer meine Eltern so geliebt, wie sie es verdient hätten. Vielleicht habe ich auch mal die Unwahrheit gesagt. Und vielleicht war ich auch mal anderen gegenüber ungerecht zornig. Solche Dinge werden Simon vielleicht durch den Kopf gegangen sein. Aber so wie die bin ich nicht. Und deshalb wundert er sich, warum Jesus ausgerechnet die nicht zurückweist. Die namenlose Frau, von der alle wissen, wie schlimm sie ist.
Ich glaube, dass so ein bisschen Simon in vielen von uns steckt, auch in mir. Menschen versuchen oft, sich einzuordnen. Auch dann, wenn es um Gutsein, um Verfehlungen, um Schuld geht. „Gut, ich war nicht immer lieb, ich hab auch schon mal

Freitag, 12. Juli 2013

Zu wenig wird mehr als genug - 7. n. Tr., 14.07.2013, Reihe V



Liebe Gemeinde!
Wir setzen uns jetzt mal alle zusammen und jeder holt raus, was er hat und dann legen wir alles zusammen und teilen alles und dann hat nicht nur jeder von uns genug zum Leben, sondern wenn das alle machen, wird die ganze Welt erleben, wie viel Überfluss da ist und alle werden genug zum Leben haben.
Klar, die Wundergeschichte, die ich eben vorgelesen habe, die erzählt davon, dass ganz konkrete materielle Bedürfnisse von Menschen gestillt werden. Auch wenn in der Bibel der Satz zu finden ist: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes ausgeht“, ist es ein ganz wesentlicher Teil des Willens Gottes, der sich in den Worten von Jesus und den Worten der Propheten, Psalmen und Gesetze des Alten Testaments ausdrückt, das Menschen auch materielle Gerechtigkeit brauchen und die Sicherung grundlegender materieller Bedürfnisse wie Essen, Trinken, sichere Wohnung ein Grundrecht des Menschen ist. Klar, Jesus kümmert sich nicht nur um das seelische, sondern auch um das leibliche wohl der Menschen. Und klar, „Geben ist seliger als Nehmen“, auch das steht in der Bibel. Das alles ist richtig. Aber ich finde es trotzdem schade, wenn man die Wundergeschichte, die Lukas in seinem Evangelium, seiner frohen Botschaft für die Welt, weitererzählt, kleiner macht, als sie wirklich ist, weil man sie entweder zu sehr durch die Brille der Vernunft allein betrachtet oder zu sehr das wortwörtliche Wunder als alleinigen Maßstab dafür nimmt, wie man die Geschichte verstehen kann.
Da ist einmal die Vernunftbrille. Die lässt einen sehen: 5 Brote, 2 Fische, 5000 Leute, alles essen, 12 Körbe bleiben übrig – kann nicht funktionieren. Andererseits: die Bibel lügt ja nicht. Also versuchen manche zu erklären: natürlich hatten die Leute was dabei, aber keiner wollte es rausholen und teilen. Als die Leute das Beispiel der Jünger gesehen haben und sich in kleinen Gruppen zusammensetzten und Jesus dankte, da gingen ihnen die Herzen auf und sie teilten und es war mehr als genug. Jesus öffnet die Herzen, das ist das Wunder, Menschen teilen – und da, wo Menschen teilen, ist genug da. Vernünftig, möglich – aber in der Geschichte steckt viel mehr.
Da ist aber noch die andere Brille, die alles wortwörtlich nimmt. Jemand mit der Brille würde vielleicht sagen: Jesus hat das wirklich vermehrt, der Mensch muss sich um nichts kümmern, Jesus verwandelt die Welt in eine Art Schlaraffenland für die, die bei ihm sind. Die müssen sich, solange sie auf sein Wort hören, um nichts weiter kümmern. Aber die Geschichte ist keine Schlaraffenlandgeschichte. Nirgends in der Bibel ist davon die Rede, das Gott die Menschen aus der Verantwortung für das Leben entlässt.
Jesus ist viel mehr als einer, der Menschen dazu bringt, ihre Vernunft zu gebrauchen und viel, viel mehr als ein Wundertäter für manche Auserwählten. Die Geschichte, so, wie Lukas sie uns weitererzählt, erzählt noch viel mehr und kann noch viel mehr bedeuten.
Da ist einmal der Anfang der Geschichte. Ganz wichtig: das alles war so nicht geplant.

Freitag, 5. Juli 2013

Mein Leben gehört mir!? - Freiheit ist das Einzige, was fehlt... - 6. n. Trinitatis, Reihe V, 07.07.2013

Text: Jesaja 43,1-7
Liebe Gemeinde!
Mein Leben gehört mir! Zumindest in den Ferien oder im Urlaub! Kein Zwang mehr, zu einer bestimmten Zeit aufstehen zu müssen, sich auf etwas vorbereiten zu müssen, Aufgaben abarbeiten zu müssen, sich morgens immer zu rasieren oder was man sonst als manchmal lästige Pflicht empfindet. Mein Leben gehört mir! Endlich kann ich sein wie ich will! Mein Leben gehört mir – ein gern ausgesprochener und erst gemeinter Satz, wenn Eltern gerade älteren Jugendlichen oder gerade erwachsen gewordenen Kindern versuchen, Ratschläge mitzugeben und Richtungen aufzuzeigen, die denen, für die diese Ratschläge gedacht sind, nicht so ganz passen. Mein Leben gehört mir! Ein Satz, den ich auch von Erwachsenen immer wieder mal höre, wenn es um die Frage des Lebensendes geht. Mein Leben gehört mir – ich will darüber bestimmen, wann es Zeit ist, dass dieses Leben zu Ende geht, bevor Ärzte das Kommando übernehmen oder Schmerzen übermächtig werden. Mein Leben gehört mir! Ein Satz, den ich oft höre, wenn Erwachsene in der Mitte ihres Lebens zum Teil langjährige Beziehungen oder Ehen beenden. Mein Leben gehört mir – aber die Ferien oder der Urlaub gehen zu Ende, und dann? Mein Leben gehört mir – und dann sind da auch in den Ferien, auch im Urlaub, die Verwandten und Freunde, die man ja schon lange mal besuchen wollte, die Renovierungsaktion, die man sich vorgenommen hatte, der Garten,  der dringend auf Vordermann gebracht werden muss, der Schreibtisch, der nach Aufräumen schriet, die vielen schönen Dinge, die alle unternommen werden müssen, damit sich der Urlaub, die Ferien wirklich lohnen – und am Ende bleibt das Gefühl, dass man längst nicht alles geschafft hat. Mein Leben gehört mir – ich kann bestimmen, wann es zu Ende ist. Aber: hast du den Anfang bestimmt? Hast du es dir verdient oder gekauft? Was ist mit den Leuten, die eine Beziehung zu dir haben? Genau, mein Leben gehört mir – und was ist mit dem Menschen, der dir bis vor kurzem gut genug war, deine Launen zu ertragen, die Kinder durchzubringen, für dich was zu tun?
„Freiheit ist das einzige, was zählt – Freiheit ist das einzige, was fehlt“ – so endet ein Lied von Marius Müller-Westernhagen, das vor gut zwanzig Jahren überall in Deutschland rauf und runter gesungen wurde. Aber ist es wirklich Freiheit, einfach so zu sagen: „mein Leben gehört mir“? Bleibe ich da nicht gefangen in meinen Bildern, in meinen Wünschen, in meinen Vorstellungen, in mir selber? Wird das nicht unglaublich eng und am Ende unfrei, wenn ich nur mich und mein Leben sehe?
Mein Leben gehört mir? Oder wem? In dem Predigttext heute aus dem Buch Jesaja haben wir etwas von Gott gehört, das für mich zu dem Schönsten gehört, das in der Bibel steht: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Mein Leben gehört mir? Dein Leben gehört mir, sagt Gott. Manchem stellen sich vielleicht die Nackenhaare hoch. Das ist doch das Gegenteil

Freitag, 10. Mai 2013

Wir gehören doch zu den Guten, wir haben die Wahrheit! - Exaudi, 12.05.13, Reihe V

Text: Johannes 14,15-19
Liebe Gemeinde!
„Die Welt wird es nicht verstehen und nicht sehen können, aber ihr werdet die Wahrheit erkennen!“ Es ist alles andere als ungefährlich, was Jesus hier sagt. Mit dem Muster, dass die Welt schlecht ist, man selbst aber zu den Guten gehört und vor allem die Wahrheit im Gegensatz zu den anderen kennt, versuchen immer wieder und seit allen Zeiten Terroristen, Selbstmordattentäter, radikale Fundamentalisten, Amokläufer ihre Taten zu begründen. Das funktioniert eben nicht nur in manchen missverstandenen islamischen  Zusammenhängen so, das gibt es auch in Zusammenhängen, die sich christlich verstehen. Wir hier drinnen sind die Guten, die da draußen haben keine Ahnung und können, dürfen, müssen bekämpft werden. Mir  fällt das auch manchmal in Gesprächen über Moscheeneubauten oder die Umwidmung leerstehender Kirchengebäude auf. Selbst Menschen, die jahrelang außerhalb des Urlaubs, in dem sie vielleicht eine historisch wertvolle Kirche besichtigt haben, keine Kirche mehr von innen gesehen haben, rufen plötzlich dazu auf, sich gegen gefühlte Multikulti- und Islamisierungstendenzen zu wehren. Wir gehören doch zu den Guten, wir haben die Wahrheit!
Wir leben in der Welt! In einer Welt, die in manchem sicher ganz anders ist, als zu der Zeit, in der Jesus seinen Jüngern das mit auf den Weg gegeben hat oder der Evangelist, den wir als Johannes kennen, das aufgeschrieben hat. Wir leben in der Welt – und die Jünger Jesu, die Gemeinden der ersten Zeit lebten auch in der Welt. Wo denn auch sonst? Ich glaube auch nicht, dass Jesus hier oder anderer Stelle zur Flucht in eine Parallelwelt aufrufen will. Im Gegenteil. „Der Vater sendet euch einen – und jetzt wird es schwer, das Wort, das im Johannesevangelium hier überliefert ist, zu übersetzen – der Vater sendet euch einen Tröster, Beistand, Fürsprecher, der euch hilft, mitten in der Welt, in der ihr lebt, die Wahrheit zu sehen und in der Wahrheit zu bleiben und zu leben, die Wahrheit nicht zu verraten.“ Welche Wahrheit eigentlich und vor allem: was ist die Welt, in der wir doch Christen, und von der wir doch auch ein Teil sind?
Was ist die Welt? Jesus meint hier in erster Linie keinen Ort, der in seiner Position im Weltall definiert werden kann, sondern eine bestimmte Lebenseinstellung. Welt ist hier auch die Lebenshaltung, die sich selbst genügt, die sich ständig auf sich selbst bezieht. Und dazu gehört auch die Unfähigkeit, Schuld wirklich zu sehen und auch anzunehmen und so auch die Unfähigkeit, Vergebung anzunehmen und anderen zu vergeben. Bis heute leben wir oft in einer Kultur der permanenten Selbstentschuldigung, der ständigen Suche nach Ausflüchten, des Zeigens auf den oder die Anderen. Beispiel Steuern zahlen. Wer macht das schon gern? Wer nutzt da nicht gern legale Schlupflöcher, auch wenn sie vielleicht nicht richtig sind, oder vergisst einfach mal, was anzugeben, in der Hoffnung, dass es nicht auffällt. Sind ja nur kleine Beträge. Und außerdem: Unsere Steuergelder werden verschwendet. Da geht zu wenig in die Förderung von Familien mit Kindern, stattdessen wird zum Beispiel Amazon, der amerikanische Internetkonzern, für die Ansiedlung in Bad Hersfeld und bei Leipzig mit Millionen gefördert. Dafür zahl ich doch nicht!

Freitag, 3. Mai 2013

Austauschen anstatt nur zu reden - Rogate, 05.05.2013, Reihe V

Text: Matthäus 6,7-15
Liebe Gemeinde!
„Beten heißt: mit Gott zu reden!“ – Ich bin schon froh, wenn im Konfirmandenunterricht oder in der Schule wenigstens das als Aussage kommt und das Gebet nicht völlig unbekannt ist. Und vor lauter Begeisterung, dass da so etwas wie eine Ahnung oder sogar eine tatsächliche Gebetspraxis ist, schließe ich dann oft noch an: „Ja, du kannst mit Gott wirklich reden, du kannst ihm alles sagen, was dir wichtig ist!“ Natürlich ist das alles nicht falsch und ist gut biblisch. Aber je älter ich werde, desto mehr denke ich, dass ich dadurch nicht nur Jugendliche auf der Suche nach ihrem eigenen Glauben, nach ihrem Zugang zu Gott, auf eine missverständliche Spur schicke. Jesus sagt hier ganz deutlich: ein Gebet braucht nicht viele Worte. Es gibt Christen, die sehr viele Worte beim Beten machen. Und manchmal scheint es mir so, als würden Menschen glauben, dass Anliegen von Gott eher wahrgenommen würden, wenn ganz viele Menschen mit möglichst vielen Worten sozusagen den Gebetsdruck pro Quadratmeter auf Gott erhöhen würden. Jesus sagt hier ganz klar: das braucht es EIGENTLICH gar nicht. Bevor ihr anfangt zu reden, weiß Gott schon, was ihr wollt. Vielleicht sollte ich, auch wenn es sich viel weniger griffig anhört, Konfis und Schülern eher sagen: „Beten heißt: sich mit Gott auszutauschen“. Zum Austausch gehört auch das Stillwerden, das Hinhören, den anderen zu Wort kommen zu lassen. Austausch mit Gott, Beziehungspflege, nicht Totlabern – für mich steckt das ganz Wesentlich auch in den wenigen Worten, die Jesus uns als Gebet geschenkt hat. Das Gebet, das Jesus den Menschen empfiehlt und das Christen auf der ganzen Welt verbindet und das uns auch mit denen verbindet, die vor uns schon auf Christus vertraut haben, das öffnet mit ganz wenigen Worten eine riesige Welt des Austausches, der lebendigen Gottesbegegnung.
Da ist die Anrede: „Unser Vater im Himmel“. Wobei die deutsche Übersetzung „Vater“ eigentlich auch schon falsche Bilder produzieren kann. Manche haben vielleicht das Bild eines sehr strengen, autoritären Vaters, der notfalls auch mal zuschlägt. Oder haben eigene Erfahrungen mit einem Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat und seine Verantwortung nicht wahrnimmt. Oder haben vielleicht gar keine Erfahrung mit einem Vater, weil er früh gestorben ist oder weil er durch den Beruf dauernd abwesend ist oder war oder sich einfach nicht gekümmert hat. Vater als bloßer Erzeuger oder als strenger Hüter der Tradition und der Regeln – Jesus benutzt eigentlich wörtlich ein ganz anderes Bild. „Papa, Paps, Vati, Dad“ – oder wie man auch immer den anredet, mit dem man zutiefst vertraut ist und dem man wirklich vertrauen kann. Gott nicht als den strengen Übervater oder den Schöpfer, der sich dann aber verabschiedet, sondern

Samstag, 13. April 2013

"Schatz, hast du mich lieb??" - von nervigen Fragen und klugen antworten Misericordias Domini, 14.04.2013, Reihe V

Text: Johannes 21,15-19 (Zürcher Bibel)
Liebe Gemeinde!
„Schatz, liebst du mich?“ – „Ja, klar“ – „Liebst du mich wirklich?“  - „Natürlich, das weißt du doch!“ – „Aber liebst du mich so richtig?“ – Wer als derjenige oder diejenige, der oder die gefragt wird, nicht schon bei der zweiten Frage die Augen gerollt hat, ist spätestens jetzt dem Wahnsinn nahe und kurz vor dem Ausrasten. Ich glaube fast jeder, der schon einmal die unglaublich schöne Erfahrung einer liebevollen Beziehung zu einem anderen Menschen gemacht hat, kennt diese oder ganz ähnliche Dialoge. Und zwar meistens von beiden Seiten. Als der, der so hartnäckig fragt oder als derjenige, der bei der dritten Frage genervt nicht mehr weiß, was er oder sie noch alles sagen soll. Ich glaube auch, dass diese Erfahrung relativ altersunabhängig ist. Von der ersten großen Liebe bis zur goldenen oder diamantenen Hochzeit nach vielen Ehejahrzehnten solche Gespräche schleichen sich ein. Eigentlich weiß ja fast jede und jeder, dass solche Gesprächsgänge wenig bis gar nichts bringen, außer vielleicht dem Gefühl der Gereiztheit. Über Liebe kann man schlecht reden, Liebe spürt man. Aber trotzdem: ich glaube, dass jede und jeder manchmal einfach Bestätigung braucht und sie auch durch solche Fragen sucht. Da kann es sein, dass so viel im Leben gerade schief läuft, dass in der Schule nichts passt oder in der Familie Streit ist oder im Beruf viel Stress ist oder eine Krankheit das Leben ganz schwer macht oder, oder, oder. Und da will ich an einem Punkt wissen, dass ich sicher bin. Dass ich neues Selbstvertrauen schöpfen kann. Als Mensch brauche ich einfach immer wieder mal Bestätigung.
Vielleicht ein bisschen seltener, aber auch nicht ganz unbekannt sind Fragen im Freundeskreis: „Hey, wir zwei sind doch dickere Freunde als ich mit dem Rest, oder?“ Oder auch in der Familie: „Mama, du hast mich doch lieber als Papa mich lieb hat, oder?“ Auch da steckt auf der Seite des Fragenden oft eine Menge Unsicherheit dahinter, manchmal aber auch der Versuch, einen Keil zwischen den, der gefragt wird und die anderen zu schieben. Und was soll man als Gefragter darauf antworten? „Klar, ich bin besser, liebevoller, verlässlicher als die anderen, als der andere?“ Es ist nicht immer leicht, der Versuchung zu widerstehen, sich gegen andere und auf Kosten von anderen in ein gutes Licht zu stellen und durch solche Fragen, Spielchen und Antworten zu profilieren. Genauso menschlich wie die Sehnsucht nach Bestätigung.
Und weil das alles so menschlich ist und so einen komischen Beigeschmack hat, kann man sich schon wundern, dass Johannes von so einem merkwürdigen Gespräch zwischen dem auferstandenen Jesus und Petrus erzählt. Hat Jesus das etwa nötig? Ist er so wenig selbstbewusst, dass er sich so Bestätigung holen muss? Will er einen Keil zwischen die Jünger treiben? Spielt er mit Petrus? Ich glaube, dass wir uns wirklich wundern müssen und wundern dürfen, wenn wir so scheinbarmenschliche Geschichten  dem Auferstandenen, in der Bibel lesen und nicht zu schnell einfach sagen: „Das ist alles doch anders gemeint!“ Die Bibel ist kein glattes Lesebuch, keine nette Lektüre für den entspannten Sommerurlaub am Meer im Liegestuhl, sondern sie ist interaktiv, wie es heute so schön heißt. Sie will anregen, Fragen zu finden, sich in Frage stellen zu lassen, Selbstverständliches nicht als selbstverständlich hinzunehmen und dabei Wahrheiten zu finden, die tiefer liegen, als es uns unsere mittlerweile oft auf oberflächliche Schönheit und oberflächliche Unterhaltsamkeit getrimmte Welt manchmal weismachen will. Die Bibel ist ein echtes interaktives Mitmachbuch, in dem es auch auf mich, meine Fragen, mein Leben ankommt. Und so ist es auch mit dieser Geschichte. Warum redet Jesus also so merkwürdig mit Petrus? Ich glaube, weil Jesus hier auch so ein interaktives Mitmachprogramm für Petrus

Dienstag, 26. März 2013

Weglachen ist auch keine Lösung - Ostersonntag 2013, Reihe V

Text: Johannes 20,11-18
Liebe Gemeinde!
Nach außen fröhlich und stark – wie es in mir drin aussieht, geht keinen was an. Es sind nicht nur Clowns und Komiker, die nach außen gute Laune verbreiten. Verkäuferinnen und Verkäufer sind erfolgreicher, wenn sie so handeln, und von Pfarrern, Lehrern, Ärzten wird eigentlich Ähnliches erwartet. Die eigenen Sorgen haben draußen zu bleiben, im Kontakt mit anderen soll Zuversicht und Positives ausgestrahlt werden. Auch in manchen Sinnsprüchen, die bei facebook gepostet werden und die das schon seit Jahrzehnten aus der Mode gekommene Poesiealbum ersetzen, wird eines deutlich: zeige deine Tränen nicht zu offen, andere könnten das als Schwäche auslegen und ausnutzen. Selbst in vielen kirchlichen Büchern, die der Vorbereitung auf Ostern dienen und mir als Pfarrer die Vorbereitung auf dieses Fest erleichtern sollen, war in den letzten 10,15 Jahren immer wieder von der Wiederentdeckung des angeblich altchristlichen Brauches vom Osterlachen die Rede, gepaart mit dem Hinweis, man sollte doch die Predigt entsprechend gestalten, dass genügend gelacht werden kann. Ich halte es da lieber mit dem Prediger Salomo, der vor langer Zeit klug feststellte: Alles hat seine Zeit. Das Lachen und das Weinen. Weinen, das das Lachen nicht kennt und verleugnet, wird unerträglich und falsch, weil es einen Teil der Wirklichkeit ausblendet. Aber auch ein Lachen, dass das Weinen nicht wahrhaben will, wird zu einem hohlen, manchmal verhöhnenden Lachen, weil es das Leben verleugnet. Ostern ist ganz gewiss ein Fest der Freude – weil wir feiern dürfen, dass das Leben stärker als der Tod ist, weil wir feiern dürfen, dass wir nicht an einen toten Gott, sondern an einen höchst lebendigen und gegenwärtigen Gott glauben.
Und trotzdem erzählt uns Johannes, der Evangelist, dass Maria aus Magdala, deren Leben von Jesus zum Guten verändert wurde, die eine enge Freundin von Jesus war, weint. Tränen gehören anscheinend auch zum Ostermorgen. Maria weint, weil sie nur ein leeres Grab findet. Das erzählt die Vorgeschichte zu dem Abschnitt, den ich eben als Predigttext vorgelesen habe. Wenigstens einen Ort der Trauer hätte sie gern gehabt. Den Leichnam als sichtbaren Beweis dafür, dass da mal was war, an Liebe, an Veränderung in ihrem Leben, an gutem Leben. Dass da mal was war und dass sie sich das nicht nur eingebildet hat. Sie sucht nach Beweisen für eine gute Vergangenheit, nach etwas, an dem sie sich festhalten kann – und sie findet das, was IST. Sie findet eine neue Gegenwart, einen neuen Aufbruch ins Leben. Ostern als Aufbruch ins Leben, Glauben an den lebendigen, auferstandenen Christus als Mittel zum Leben – aber nicht so und nicht dadurch, dass die Vergangenheit verneint wird oder die Trauer verleugnet werden muss, sondern dadurch, dass auch die Trauer ihren Raum und ihre Zeit haben darf. Neues Leben, neuer Glauben, neues Vertrauen kann nur dann und dort sein, wo vom Alten Abschied genommen werden durfte, wo eigene Schritte gegangen werden dürfen, die die Trauer verwandeln.
Wir müssen an Ostern nicht so tun, als sei unsere Welt oder unser Leben vollkommen. Ostern ist, wenn man das Johannesevangelium hier ernst nimmt, der Tag, an dem mitten im Weinen, mitten in der Trauer, die immer wieder ins Leben einbricht, auf Neues gehofft werden kann. Vielleicht steht Maria aus Magdala auch bis heute für Menschen, für uns. Für die Trauer um einen ganz wichtigen Menschen, der im Leben fehlt. Aber auch für die Trauer, die verlorengegangener Glauben, enttäuschte Hoffnung, zu Grabe getragene Träume verursachen. Der Jesus, den sie kannte, dem sie glaubte und vertraute, von dem sie erhoffte, dass er ihr Leben weiter verändert und zum Guten führt, der ist nicht mehr. Glauben in dieser Welt, Glauben in unserem Leben ist immer auch angefochtener Glauben.

Wie kannst du nur so ruhig bleiben? - Karfreitag 2013, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Schrecklich nüchtern erzählt der Evangelist Matthäus hier von einem unvorstellbaren Grauen. „Wie kannst du nur so ruhig bleiben“ könnte man ihm vielleicht zurufen. Grauen, Folter, Leid, Tod faszinieren nicht erst seit der Erfindung von Film und Fernsehen, des Internets und von PC-Spielen viele Menschen. Im Mittelalter und im Barock gibt es unglaublich blutrünstige Darstellungen der Kreuzigung Christi, monströse Darstellungen auch von Höllenqualen, die an naturalistischer Darstellung von Folter und Grausamkeit nichts vermissen lassen. Und heute, in einer Zeit, in der, befeuert durch Pseudo-Gesprächsrunden im auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht die nüchterne Analyse oder die Ruhe zum Nachdenken und Bedenken, sondern dass sich gegenseitige Niederbrüllen als Ausdruck wahrer Betroffenheit gefeiert wird und in der bei jedem Unglück möglichst die Betroffenen sich emotional völlig entblößt zu Schau stellen lassen müssen, verwirrt solche Nüchternheit. Ohne jede Sensationslust beschreibt der Evangelist Matthäus, wie die Entwürdigung des Opfers voranschreitet, wie dem Opfer die Sprache geraubt wird und in einem sprachlosen Schrei der Höhepunkt der Gewalt seinen Ausdruck findet. Ohne Lust an der Sensation erzählt der Evangelist Matthäus nüchtern und präzise von der Reaktion der Menschen, die mit dem Opfer konfrontiert werden. Aber gerade diese ungewöhnliche Nüchternheit, diese distanzierte Art, von Gewalt zu reden und Gewalt darzustellen, ist möglicherweise sehr viel hilfreicher als jeder pseudodokumentarische, ans Pornografische grenzende Versuch, das Grauen bis ins Letzte nacherlebbar zu machen. Die Entblößung des leidenden Körpers, der Emotionen, der Zwang zur Zurschaustellung der Verletzungen, der körperlichen und der seelischen, ist oft genug nur eine Fortsetzung dessen, was Matthäus hier so nüchtern  beschreibt.
Die Kleider werden Jesus genommen, andere bereichern sich noch an ihnen. Selbst sein Durst wird noch dazu benützt, die Macht der Folterer zu zeigen. Linderung hat er nicht zu erwarten.  Und es sind keine Monster, die ihn quälen. Keine Psychopathen mit verkorkster Kindheit, sondern Menschen, die ihre Arbeit tun. Und die, die vorbeigehen, die sich über sein Leid lustig machen, die ihn mit Spott überziehen, denen das Leid ganz offensichtlich Vergnügen bereitet, sind keine Soziopathen, die sich in irgendeiner Form für eingebildetes selbst erlittenes Unrecht an ihm oder an der Gesellschaft rächen wollen, sondern es ist, das legt die nüchterne Schilderung von Matthäus nahe, die gar nicht mehr schweigende Mehrheit. Ein Freitagsspaziergang der Musik- und Literaturliebhaber, der ehrlichen und fleißigen Arbeiter, der Hausfrauen und Beamten, der Rentner und Tagelöhner, die

Mitten in der Nacht wird Gott radikal - Gründonnerstag 2013, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Mitten in der Nacht. Eigentlich die ruhigste Zeit überhaupt. Die Zeit, in der das Rascheln einer Maus laut wie ein Orkan zu sein scheint. Mitten in der Nacht blöken die Lämmer, als sie geschlachtet werden. Mitten in der Nacht prasseln die Grillfeuer. Mitten in der Nacht besuchen sich Nachbarn. Mitten in der Nacht schleichen sich die Hausväter nach draußen und bestreichen die Türpfosten mit Blut. Mitten in der Nacht – die stillste Zeit des Tages wird geschäftig. Mitten in der Nacht bleiben die Sklaven munter. Und die Herren, die beunruhigt das nicht. Mitten n der Nacht schlafen sie in der Sicherheit, dass sich die Ordnung, die sie mit Gewalt aufrechterhalten, nicht ändern wird. Mitten in der Nacht sind sie ruhig. Aber ihre Nachtruhe ist trügerisch. Denn mitten in der Nacht wird Gott ganz radikal. Nicht ihr Gott, der Könige zu Göttern macht, sondern der Gott der Sklaven. Der Gott, der Freiheit und Gerechtigkeit fordert und schenkt. Mitten in der Nacht beginnt die Freiheit. Aber die Freiheit hat ihren Preis. Und der wird teuer mitten in der Nacht bezahlt.
Abenteuer beginnen oft in der Nacht. In der Nacht, die manches vor den Augen verbirgt. In der Nacht, in der das Erschrecken oft größer ist als am Tag. Und es ist ein Abenteuer, von dem uns in der Bibel erzählt wird. Sie erzählt uns von dem Abenteuer, Gott wirklich zu begegnen.  Und hier berühren sich unsere Geschichte, auf dem Richtsberg im Gottesdienst am Gründonnerstag 2013 und die Geschichte des Volkes Gottes, der Israeliten, der Juden, des Passamahls und dem Punkt, an dem dieses Fest der Feste der Juden in der Geschichte Gottes mit seinem Volk, seinen Menschen festgemacht wird. Sklaven waren sie in Ägypten, so erzählt es die Bibel. 430 Jahre lang. Seit Generationen hat wirklich keiner mehr eine lebendige Erinnerung daran, was Freiheit heißen könnte. Die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland hat 12 Jahre gedauert, die Unfreiheit im DDR-Sozialismus 40 Jahre, die Unterdrückung in Nordkorea dauert seit gut 60 Jahren an, die kommunistische Herrschaft in der ehemaligen Sowjetunion hat gut 70 Jahre gedauert. Die Hoffnung, dass etwas anders sein könnte, die gab es noch. Aber nach 430 Jahren?  Trotz aller Unfreiheit, trotz aller Unterdrückung, die vielleicht im Alltag oft gar nicht mehr zu spüren war, weil sie als unveränderlich und beinahe normal angesehen wurde, hielten die Menschen im Glauben an ihren Gott, der durch seinen Sohn lange nach dieser Zeit auch unser Gott wurde, fest. Und sie glaubten Mose und sie trauten Gott zu, auch nach 430 Jahren Unterdrückung und Unrecht, dass er ein Gott der Freiheit und der Gerechtigkeit ist. Ein Wunder. Nicht nur mitten in der Nacht, sondern jeden Tag, an dem die Menschen glaubten, vertrauten, neu. Ein Abenteuer, weil es keine

Sonntag, 10. März 2013

Ewiges Leben - mehr als nur ein Alptraum Lätare, 10.03.13, Reihe V

Text: Johannes 6,47-51
Liebe Gemeinde!
Ich weiß wirklich nicht, ob ewiges Leben etwas Schönes ist. In der Geschichte gab – und gibt – es immer wieder Menschen, die sich unsterblich machen wollten und machen wollen. Der römische Kaiser Nero, Karl der Große, Napoleon, Hitler oder Stalin, sie mögen als Beispiel für viele Kaiser, Könige, Politiker, Generäle stehen. Ja, die Erinnerung an sie, die sich selbst unsterblich machen wollten, die ewigen Ruhm ernten wollten, ist noch da. Auch nach Jahrzehnten, Jahrhunderten oder Jahrtausenden. Aber der Preis für diese Unsterblichkeit in den Geschichtsbüchern und der Erinnerung der Menschheit war bei allen der Tod tausender, später dann von Millionen von Menschen. Und das eigene Leben konnten auch sie um keinen einzigen Tag verlängern. Es gibt Verrückte, die lassen sich nach dem Tod einfrieren, weil sie hoffen, dass in hundert oder zweihundert Jahren die Forschung soweit ist, dass sie Tote wieder auferwecken kann und dann wollen sie ewig weiterleben. Aber um welchen Preis? Ewiges Leben – das kann ja mit 13, 14 oder Mitte zwanzig eine tolle Perspektive sein, wenn man gesund ist, wenn man glaubt, noch alle Möglichkeiten vor sich zu haben. Ewige Jugend – mit möglichst wenig eigener Verantwortung, mit möglichst viel, was einem andere abnehmen, mit ganz viel von dem, was einem als Schönheitsideal vorgegeben wird. Ich finde es erschreckend, wenn Gesichter nicht mehr das Leben widerspiegeln dürfen und Falten haben dürfen, sondern wenn man glaubt, mit Mitte 40 noch wie zwanzig aussehen zu müssen und sich auch so benehmen zu sollen. Ewiges Leben als ewige Jugend – für mich ein Alptraum. Keine Verantwortung, keine Zuwachs an Lebenserfahrung. Jugend ist etwas Wunderbares – wenn sie Jugend sein darf und kein Dauerzustand sein muss, wenn Jugendliche sich von Erwachsenen unterscheiden dürfen und nicht Erwachsene ewige Jugendliche spielen. Und ewiges Altern – das will doch auch keiner ernsthaft. Also: wie ist das mit dem ewigen Leben? Was Jesus hier verspricht – auf den ersten Blick finde ich das erst einmal ziemlich fragwürdig.  Und auf den zweiten Blick auch. Was heißt denn eigentlich „ewig“? Ewig heißt zuerst einmal, keinen Anfang und kein Ende zu haben, immer da zu sein. Logisch denken lässt sich das nicht. Wir können uns Unendlichkeit nicht vorstellen. Das ist etwas, was eigentlich nur Gott als Eigenschaft zukommt. Wenn Gott größer ist als alles, was wir denken können, dann ist er eben auch größer als alles, was wir an Möglichkeiten haben, von der Zeit zu reden und zu denken. Vor jedem Punkt, den wir uns vorstellen können, war er schon da und nach jedem Punkt, den wir denken können, wird er auch noch da sein. Ewig eben. Wenn Jesus sagt: „Wer glaubt, hat das ewige Leben“, dann hört sich das wirklich seltsam an. Nicht Mensch, sondern wie Gott sein wollen, das ist das, was die Bibel von Anfang an als Sünde bezeichnet. Sünde ist nicht zuerst das geklaute Armband oder das Fremdgehen,

Freitag, 1. März 2013

Lückenbüßer, kein Rechthaber! so ist er nun mal, oder? - Okuli, 03.03.2013, Reihe V

Text: Jeremia 20,7-11

Liebe Gemeinde!
Ja, wenn es dir schlecht geht, dann denkst du an Gott. Wenn die große Liebe kaputt gegangen ist, dann denkst du: Gott, warum hast du da nichts gegen gemacht? Oder: Gott, lass mich wieder eine neue Liebe finden! Und wenn sie dann da ist? Dann ist Gott doch ganz weit weg! Wenn deine Mutter schwer an Krebs erkrankt ist und wenig Hoffnung da ist, wenn ein Kind missbraucht wird, wenn ein Irrer Amok läuft und unschuldige Menschen einfach so über den Haufen schießt, wenn du in der Schule kurz vorm Sitzenbleiben stehst, wenn du feststellen musst, dass dein Kind Drogen nimmt oder dein Mann fremdgeht, wenn du wieder mal die Bilder vom Krieg in Syrien siehst oder wenn sich jemand aus deiner Nachbarschaft umgebracht hat, wenn das Geld hinten und vorne nicht reicht, wenn du das Gefühl hast, keine Freunde zu haben, wenn alles um dich herum den Bach heruntergeht: dann denkst du an Gott. Dann denkst du: „Warum ich? Warum jetzt? Wieso ist Gott so ungerecht?“ Und sonst? Wenn es dir gut geht, wenn du glücklich bist, wenn alles einfach läuft? Wenn es Weihnachten wird, dann denkst du vielleicht an Gott, ja, man könnte ja mal wieder in die Kirche gehen, erste Reihe Krippenspiel oder die tolle Kirchenmusik in der E-Kirche. Und im Hochsommer? Auch da sind die Kirchen offen. Auch da werden Gottesdienste gefeiert. Wenn die Konfirmation kurz bevor steht, dann denkst du an Gott. Aber wie ist das ein halbes Jahr später? Keine Angst, ich will jetzt niemandem einreden, dass er nicht hierher gehören würde. Und ich will auch nicht in den gerade von Pfarrern oder von hoch engagierten Christen manchmal gemachten Vorwurf einfallen: „Wenn du wirklich an Gott glaubst, dann darf Gott kein Lückenbüßer sein! An schlechten Tagen zu glauben ist doch viel zu einfach, wahrer Glaube zeigt sich dann, wenn du Gott nicht vergisst, wenn es dir gut geht!“ Natürlich wäre es unglaublich schön, wenn das so funktionieren würde. Aber es steht mir nicht zu, Menschen ihren Zugang zu Gott zu verbieten. Und ganz oft finden Menschen Zugang zu Gott durch eine Leere, die sie in ihrem Leben spüren. Durch eine Lücke, die sich aufgetan hat. Gerade durch Jesus hat Gott ein für allemal deutlich gemacht, dass er sich nicht zu schade ist, der Lückenbüßer zu sein, derjenige, der genau dahin geht, wo Menschen Leere in ihrem Leben empfinden, wo eine Gerechtigkeitslücke sich auftut, wo vielleicht auch das Gefühl da ist: ich bin Gott egal, um mich kümmert er sich ja doch nicht. Genau dahin ist Jesus gegangen, wo dieses Gefühl ganz groß war. Dorthin, wo Menschen es schon längst aufgegeben hatten, nach Gott zu suchen und nach Gott zu fragen. Gott hat sich nicht als der Gott gezeigt, der stur auf seinem Tempelberg sitzt und darauf wartet, dass man zu ihm kommt und ihn verehrt, sondern er ist zu den Menschen hin gegangen, auch dahin, wo es weh tut, auch dahin, wo Ablehnung war.
Menschen wollen Recht haben, immer wieder. Sie empfinden es als Kränkung, wenn sie nicht das bekommen, was ihnen der eigenen Meinung nach zusteht. Menschen wollen Recht haben und die eigene Meinung, den eigenen Glauben bestätigt bekommen. Ich glaube, gerade in der heutigen Zeit ist das ein menschliches Grundgefühl. „Ich habe doch das Recht, in der Schule abzuschreiben oder Referate im Internet zu klauen, wenn der Lehrer das alles nicht so erklärt, dass ich es kapiere!“ „Ich habe doch das Recht, bei der Steuer zu betrügen, wenn der Staat meine Steuern nicht so ausgibt, wie ich es für sinnvoll halte!“ „Ich habe doch das Recht, Gott lächerlich zu machen, wenn der Papst,

Samstag, 16. Februar 2013

Da sitzt er in der Ecke und weint, der Versager - Invokavit, 20.02.13, Reihe V

Text: Lukas 22,31-34
Liebe Gemeinde!
Da sitzt er in der Ecke, der Mann. Ganz hinten, da, wo es richtig dunkel ist. Ganz allein. Hofft er wenigstens. Es soll ja nicht jeder sehen, wie er weint. Männer weinen nicht! Vor allem er nicht. Er ist es doch, der der Größte war. Er war näher dran als die anderen. Er fühlte sich stark. Ja, er war sogar bereit, zu sterben. Für die Wahrheit. Er war ein Mann, der es drauf hatte. Zu dem die anderen aufsahen. Mit viel Respekt. Die allermeisten jedenfalls. Und ein paar vielleicht auch mit ein wenig Neid. Aber: muss man sich nicht Neid erarbeiten? Auf jeden Fall fühlte es sich gut an, so nah dran zu sein. Am Zentrum. Und jetzt sitzt er in der Ecke. Und weint. Und denkt nach. „Ich bin’s eigentlich nicht mehr wert, weiterzuleben!“ Nicht zum ersten Mal in dieser Nacht geht ihm dieser Gedanke durch den Kopf. „Vielleicht wäre es besser, ich würde mir einen Strick nehmen. Wie der andere, der Verräter. Ich bin auch nicht besser.“ So denkt er. „Ich hatte so eine große Klappe. Und als es drauf ankam, da habe ich genkniffen. Aus Angst. Ich Feigling.“ So denkt er, wieder und wieder. Die anderen werden jeden Respekt vor ihm verloren haben. Und die, die sowieso schon ein bisschen neidisch waren, die werden ihn das spüren lassen. Das Versagen. Du Möchtegern. Du Besserwisser. Er hört schon ihre hämischen Kommentare in seinen Gedanken. Kann er überhaupt zurückgehen, bei ihnen bleiben? Sie waren doch seine Heimat. Er weint. Immer noch. Immer wieder. „Wäre es nicht doch besser, alles hinzuwerfen?“ So denkt er, wieder und wieder. Er ekelt sich vor sich selber. Schwächling. Feigling. Verräter. Immer schneller dreht sich alles in seinem Kopf um diese Worte. Und dann kommen ihm andere Worte in den Sinn. Seine Worte. wie war das nochmal? Hat er es nicht vorhergesehen? Was hat er nochmal gesagt? Immer deutlich sind sie in seinem Kopf. die Worte. Seine Worte:
Lesen: Lk 22,31-34
Ja, Petrus war nicht der starke Glaubensheld, für den er sich selbst gehalten hatte. Ja, Petrus hat in einem ganz wichtigen Moment versagt. „Jesus? Den kenne ich nicht, mit dem hatte ich noch nie was zu tun“ – aus Angst um sein eigenes Leben verrät er die Freundschaft mit Jesus, verrät er seinen eigenen Glauben. Ob Petrus sich so geschämt hat, dass er an Selbstmord dachte, das weiß ich natürlich nicht. Aber es ist nicht leicht, die Wahrheit über sich auszuhalten, wenn sie so hart zeigt: „Du bist ganz anders, als du es dachtest. Nicht so toll, wie du dachtest, nicht so stark. Sondern eigentlich en Schwächling und Feigling, der mit dem Mund schneller ist als mit dem Herzen.“ Faszinierend finde, wie Lukas davon erzählt, dass Jesus mit diesem Versagen nicht nur irgendwie rechnet, sondern wie er mit diesem Freundschaftsverrat umgeht. Jesus hätte ja auch sagen können: „Du wirst versagen, unsere Freundschaft verraten. Deshalb stell du dich schön hinten an und wenn es dann weitergeht mit dem glauben, dann darfst du zwar dabei sein, aber ganz hinten bitte schön. Da musst du dann erstmal beweisen, dass du dazugehörst, obwohl ich mich nicht auf dich verlassen kann.“ Wäre normal gewesen, so zu reagieren. Macht Jesus aber nicht. Er sagt, ich gebe das jetzt mal mit meinen Worten wieder: „Wenn du da durch bist,