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Sonntag, 22. Dezember 2013

Vorhang auf - Christvesper als Licherkirche am Heiligabend 2013



Hebr.6,19f. i.V. mit Rembrandt „Die Heilige Familie mit dem Vorhang“

Liebe Gemeinde!
Vorhang auf! Die Vorbereitungen sind zu Ende, jetzt darf das Wichtigste endlich gesehen werden. Es ist ein spannender Moment, wenn man sich zum Beispiel für einen anderen Menschen besonders schön macht – als Bräutigam oder als Braut oder einfach so, weil man etwas Schönes feiern will, wenn man sich Mühe gibt – „eine Minute noch, ich bin gleich so weit“ – und dann die Tür öffnet, den Vorhang der Umkleidekabine oder was auch immer zur Seite zieht und den Blick frei gibt. Wird der andere mit staunend offenem Mund und offenen Augen da stehen – oder wird er gleichgültig schauen? Wird es dem, für den man das macht, gefallen – oder wird er etwas zu kritisieren haben und vielleicht nur aus Höflichkeit schweigen. Vorhang auf – und dann gibt’s kein Zurück mehr. Vielleicht ist es bei manchen heute Abend zu Hause ähnlich, mit einem schön geschmückten Zimmer – was werden die, die mitfeiern, sagen, wenn die Tür aufgeht und sie es sehen? Oder mit Geschenken. Liebevoll ausgesucht und verpackt und wenn dann zwar nicht der Vorhang aufgeht, sondern das Geschenk ausgepackt wird, aber trotzdem dann der Inhalt zu erkennen ist und die Frage im Raum steht: Gefällt es? Vorhang auf! – genau das hat Rembrandt vor über 450 Jahren gemalt. Ich möchte Ihnen und Euch dieses Bild in diesem Jahr schenken, mit nach Hause geben. Zu Weihnachten. Vorhang auf für Weihnachten. Und was sehen wir, wenn wir den Vorhang öffnen, die Karte aufklappen? Weihnachten? Das soll Weihnachten sein?
Gut, manches mag am Licht heute Abend liegen. Da sieht man nicht so gut. Aber als dieses Bild gemalt wurde da gab es auch keine perfekten Lampen, wenn man es gegen Abend betrachtete, dann wird man nicht viel mehr gesehen haben, als jetzt zu sehen ist. Vorhang auf also – und das soll dann Weihnachten sein? Da fehlt doch alles, was Weihnachten ausmacht: die Engel, die Hirten, der Stall, der Ochs und der Esel, der Heiligenschein, nichts davon da. Stattdessen: eine gut angezogene Mutter, die ihr Kind liebevoll in den Arm nimmt. Ein Kind, gut genährt, gut angezogen, das ein wenig neugierig auf die schaut, die es vor dem Vorhang betrachten. Eine Katze, die sich an einem wärmenden Feuer kauert. Und wenn man ganz genau hinschaut, im Hintergrund kein primitives Strohlager, sondern ein Himmelbett auf der linken Seite und den Vater, der Holz hackt, auf der rechten Seite. Wäre nicht die Wiege, in der das Kind offensichtlich geschlafen hat, der hellste Ort auf dem Bild, würde die nicht die liebevolle Umarmung von Mutter und Kind den Fußboden heller erstrahlen lassen als das Feuer direkt daneben, niemand würde dann  auf die Idee kommen, dass es mit dieser Familie etwas ganz besonderes auf sich haben könnte. Deshalb hieß das Bild auch eine Zeit lang einfach „Die Holzhackerfamilie“ und nicht „Die Heilige Familie mit dem Vorhang“. So wenig Weihnachten! Oder doch: so viel Weihnachten. Der Vorhang ist weg, und wir sehen Gott, das Heiligste. Der Vorhang, der im Tempel Gott und Menschen trennte und hinter den nur einmal im Jahr der Hohepriester treten durfte. Hier in dem Bild steht der Vorhang dafür, dass wir den Blick auf Gott frei gemacht bekommen. Dass das Geheimnis Gottes nicht exklusiv für wenige Auserwählte an besonderen Tagen sichtbar ist, sondern alle Welt kann Gott sehen. Weihnachten feiern wir, dass Gott sich in dieser Welt zu erkennen gibt.
Und das so, dass er so ganz und gar Mensch wird, dass er gar nicht als Gott erkannt wird, schon gar nicht auf den ersten Blick. Es war und ist ja tatsächlich so, dass es alles andere als selbstverständlich ist, in Jesus Gottes Sohn, das Heil der Welt zu sehen. Es sind eben keine Äußerlichkeiten, die ihn unzweifelhaft erkennbar machen, sondern es ist das, was sich in der Begegnung mit ihm abspielt, es ist eine Beziehungs- und Glaubensfrage. Für mich drückt sich das in dem Bild ganz unnachahmlich aus. Der Glanz liegt zum einen in der Wiege, dem Ort, von dem aus das Kind aufgenommen wird. Er bleibt da, ein Ort göttlicher Gegenwart. Aber da, wo die Frau das Kind aufnimmt,

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Nach Hause kommen - Homecoming - Christmette 2010

Die Ansprache wurde inspiriert vom Predigttext der Reihe III, 2. Samuel 7,1-16, ohne dass dieser Text explizit auftaucht, von dem Bild "Der brennende Dornbusch" von Nicolas Froment, dass als Klappkarte verteilt wird und allen Strophen des Liedes "Stille Nacht"

Liebe Gemeinde!

Weihnachten heißt: Nach Hause kommen! Für ganz viele Menschen in einem nahezu wörtlichen Sinn. Zurückkom-men an den Ort der Kindheit, in das Haus, in dem man aufge¬wachsen ist. Wenn ein Gottesdienstbesuch dazuge-hört, dann möglichst in der Kirche, in der man schon als Kind war. Und wenn dieses örtliche nach Hause Kommen aus verschiedenen Gründen zu schwer oder nicht mehr möglich ist, dann heißt nach Hause kommen zu Weihnachten für andere, zu den Menschen zu kommen und mit den Menschen zu feiern, die ein Gefühl des Zuhauseseins schenken können. Weihnachten bringt weltweit Millionen Menschen in Bewegung. Und nicht die Weihnachtsflüchtlinge prägen das Bild auf den Bahnhöfen, Autobahnen und an den Flughäfen, sondern die Nachhausekommer. Dieses nach Hause kommen ist nicht immer einfach. Es treffen unterschiedliche Erwar-tungen aufeinander, nicht immer glücklich, es gibt Enttäuschungen. Aber es gibt auch viel Gelingen und Ge-borgenheit. In diesem Miteinander von Unterwegssein und nach Hause kommen, von enttäuschten Erwartungen, vom Festhalten an alten Erinnerungen und vom guten Gelingen von Begegnung und Zusammengehörigkeit bildet sich für mich der Sinn des Weihnachtsfestes, der Sinn dieser Nacht ab.

Gott kommt nach Hause. „Er kam in sein Eigentum“, so beschreibt es Johannes in seinem Evangelium. Er will nicht der Gott sein, der fern von den Menschen ist, sondern: wo die Menschen sind, da will Gott sein, da ist er zu Hause. Gott kommt nach Hause. Im Kind in der Krippe, da lässt er sich finden. Aber er ist ein Gott, der immer wieder im Kommen ist. Auf einer Reise wird Jesus geboren. Nicht in einem festen Zuhause, das ein für allemal sein Haus wäre und in dem er verehrt wird. Unterwegs, ohne festes Zuhause, so ist Jesus. Wo wäre denn auch sein Zuhause? In Bethlehem, im Stall, den er mit seinen Eltern bald wieder verlassen hat? In Nazareth, wo er den größten Teil seiner Jahre auf dieser Welt zugebracht hat? Unterwegs bei den Menschen auf seiner Reise durch Galiläa, Samaria, Judäa? In Jerusalem, wo sich in Kreuz und Auferstehung vollendet, was in seiner Menschwerdung begann? Gott kommt nach Hause – und er bleibt doch der Gott ohne festes Zuhause, der Gott unterwegs. Unterwegs mit Menschen, unterwegs zu den Menschen. Gott bindet sich nicht an Orte, an denen er sich finden lässt, er bindet sich an Menschen. Gerade in der Heiligen Nacht ist mir das wichtig. Der Mensch gewordene Gott ist heute Nacht in der Thomaskirche nicht näher und nicht ferner als in der Elisabethkirche oder im Petersdom oder in der Geburtskirche in Bethlehem. Er ist unter der Brücke, die Obdachlosen wenigstens den Rest von einem Dach über den Kopf gibt, genauso nah wie in der Wohnung der Rentnerin, die über den Verlust des Mannes und des Sohnes und die kaputtgegangene Beziehung zu den Enkeln trauert. Gott kommt nach Hause – zu den Menschen. Wir können ihn nicht an einem Ort festbinden. Nicht sozialromantisch dort, wo große Not ist, aber auch nicht in der vollen Kirche mit gut inszenierter Kirchenmusik. Gott will bei uns Menschen sein. Das ist die Botschaft dieser Nacht. Und wie jedes nach Hause kommen, so trägt auch dieses die Möglichkeiten zu Enttäuschungen und zum Gelingen in sich. Gottes nach Hause kommen enttäuscht – im wahrsten Sinn des Wortes. Es befreit die Menschen von der Täuschung, dass Gott nur für besonders fromme und besonders perfekte Menschen da wäre. Es befreit von der Täuschung, dass Gott in Reichtum und Prunk zu verehren und zu finden sei. Es enttäuscht die Erwartung vom machtvollen König, der kommt, genauso wie die Erwartung vom bedingungslosen Kämpfer. Das Kind in der Krippe enttäuscht die Erwartung, dass Gott mir mein Leben abnimmt. Nein, es sagt durch sein Dasein zu uns: „Nimm mich an. Ich lebe nicht an deiner Statt, sondern du darfst und kannst mit mir gemeinsam leben.“ Die Hoffnung, dass mit dem Messias Gottes Reich gleich perfekt hergestellt wird und Schöpfer und Schöpfung in vollendeter Harmonie leben könnten, wird enttäuscht. Gottes Reich ist im Werden, so wie das Kind heranwächst und Geschichte hat und macht. Aber diese Enttäuschungen eröffnen Möglichkeiten, dass das Nachhause Kommen Gottes Gelingen schenkt. Leben, das heil wird, weil erfahren werden kann: auch da, wo Schuld ist, werde ich geliebt und wird Vergebung möglich. Krankheit schließt nicht von Menschlichkeit aus. Gerade im Blick auf Menschen mit Behinderungen ist mir das ganz wichtig in einer Zeit, in der „behindert“ eines der beliebtesten Schimpfworte unter jungen Menschen zu sein scheint. Das nach Hause Kommen Gottes schenkt Gelingen – dann, wenn auch ich spüren kann, dass die Wege und Umwege, die mein Leben hat, die Sackgassen, die Abbrüche von Gott begleitet sind. Weihnachten dürfen wir ganz bei uns sein, weil Gott ganz zu uns kommt. Nicht wir müssen ihm Häuser bauen, sondern er baut uns ein Haus. Kein Haus aus Ziegeln oder Beton. Ein lebendiges Haus. In der Bibel und ihrer Sprache bezieht sich Haus auf die Menschen, die dazugehören. Je-sus, das ist denen, die uns sein Leben überliefert haben, wichtig, Jesus gehört zum Haus Davids, dem Gott ewigen Bestand versprochen hat. Das Haus Davids, das wurde gleichbedeutend mit dem Volk des ersten Bundes, Israel, benutzt. Jesus schließt uns die Tür zu diesem Bund der Gnade und des Friedens auf, er nimmt uns mit hinein in dieses Haus. Gott baut uns ein Haus in dieser Nacht von Bethlehem, er schenkt uns ein Zuhause. Deshalb dürfen wir gerade in dieser Nacht zur Ruhe kommen, bei uns sein. Ich möchte ihnen und euch heute Nacht eine Karte mit einem Bild schenken, das für mich dieses Hineingenommensein, dieses Zuhause sein bei Gott und unterwegs sein in der Welt, den tiefen Sinn dieser Nacht ganz ungewöhnlich ausdrückt. Zu sehen ist erst einmal ein Hirte mit einer Herde und einem Engel. Aber dieser Hirte ist keiner vom Feld bei Bethlehem, sondern Mose. Wenn man die Karte aufklappt, sieht man einen brennenden Dornbusch. Die Bibel erzählt, dass Gott sich dort Mose offenbart hat. Ich werde dasein, als der ich da-sein werde, ICH-BIN-DA. Mit diesen Worten gibt sich Gott Mose zu erkennen. So soll Mose von Gott reden. Und da sein wird er als Kind in der Krippe, als Sohn der Maria, als Jesus. Das ist, so malt es der Künstler, das Zentrum des brennenden Dornbuschs. Jesus ist Gott auf dem Weg mit uns Menschen und zu uns Menschen. So, wie Matthäus in seinem Evangelium die Worte Jesajas aufnimmt, die in der aufgeklappten Karte zu lesen sind: Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. „Gott sucht unsere Wohngemeinschaft. Er prüft uns nicht, ob wir wert sind, ihn aufzunehmen. Es hängt nicht von uns ab, ob er bei uns einzieht.“ (Zitat: Anne- Kathrin Kruse, Christnacht, in: GPM 65/1, 53) Gott kommt zu uns, damit wir zu uns finden können. Gott baut uns ein Haus, ein Zuhause, nicht aus Steinen, sondern aus Menschen, aus Liebe, aus Gnade. Damit wir Ruhe finden, Kraft, Wege zu gehen, neue Wege. Für mich selbst drückt sich ganz viel von dem, was diese Nacht ausmacht, in dem Lied aus, das wir gleich und dann nach dem Segen singen Werden. „Stille Nacht, heilige Nacht“, das wohl bekannteste Weihnachtslied der Welt. Ich habe es lang für süßlichen Kitsch gehalten. Bis ich gelernt habe, dass wir Menschen auch ganz einfache Worte und Melodien brau-chen, mit denen Gott Herzen erreicht. Worte und Melo-dien, die vertraut sind, die ein Zuhause auf Zeit geben, aus dem ich aufbrechen darf und Wege gehen darf. Von Weihnachten in den Alltag. Und vor allem bis ich die Strophen entdeckte, die zu dem Lied gehören, die aber nicht im Gesangbuch stehen.

Stille Nacht! Heilige Nacht! /Wo sich heut alle Macht /Väterlicher Liebe ergoß / Und als Bruder huldvoll um-schloß /Jesus die Völker der Welt! / Jesus die Völker der Welt!

Jesus als Bruder der Völker der Welt. Gott lässt sich nicht in ein Land einsperren, er ist nicht nur für mich, mein Volk da.

Stille Nacht! Heilige Nacht! / Die der Welt Heil gebracht, / Aus des Himmels goldenen Höh’n / Uns der Gnade Fülle läßt seh’n / Jesum in Menschengestalt! / Jesum in Men-schengestalt!

Die Fülle der Gnade, der Reichtum des Himmels wird im Menschen Jesus sichtbar. Gott kommt nach Hause, auf diese Welt, in diese Welt, damit wir Heimat finden. Heimat im Unterwegssein. Weihnachten bringt Menschen in Bewegung. Nachhause. Gebe Gott, dass wir Teil dieser Bewegung sein und bleiben dürfen. Gebe Gott, dass wir zu ihm und zu uns finden, dass wir unser Zuhause auf dem Weg finden. Gebe Gott, dass wir auch anderen helfen, die an der Bewegung zu verzweifeln drohen, die ein Zuhause suchen und doch keins finden, helfen, Nachhause zu kommen. Nachhause zu Gott, der in Jesus sein Zuhause bei uns hat. Amen.

Montag, 22. Dezember 2008

Männer am Rand und Kinder der Liebe - Christmette 2008


Mt 1,18-25

Liebe Gemeinde!

Josef, lieber Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein, Gott, der wird dein Lohner sein im Himmelreich der Jungfrau Sohn Maria. / Gerne, liebe Maria mein, helf ich dir wiegen dein Kindelein, Gott, der wird mein Lohner sein im Himmelreich der Jungfrau Sohn Maria.“

„Das ist doch mal wieder typisch“ würde er vielleicht denken, unser Josef, wenn er dieses Lied hätte hören müssen. „IHR Kind. Und was ist mit mir? Als ob ich nicht dazugehöre, ein Babysitter, mehr nicht! Als er erwachsen war, da hatten mich die Menschen noch nicht vergessen. Sohn des Zimmermanns, so haben sie ihn genannt. Ich war für ihn da. Habe ihn in dem, was ich konnte, ausgebildet. Ich wusste, dass er eines Tages seinen, Gottes Weg geht und nicht in meine Fußstapfen tritt. Und trotzdem war und blieb er immer mein Sohn. Der Sohn des Zimmermanns. Natürlich war er auch ihr Kind. Marien Sohn. Er war unser Kind. Doch dann haben mich die Menschen nach und nach vergessen. Sie schmückten seine Geburt immer mehr aus. Sie sangen von ihr, sie malten sie. Und wenn ich überhaupt noch vorkam, dann stand ich immer ein bisschen am Rand. Sie ließen mich alt aussehen. Da die junge wunderschöne Mutter. Und hier der Greis, der nicht der Vater, sondern der Opa sein könnte. Damit ja niemand auf die Idee käme, dass wir uns geliebt hätten. Maria und ich. Ich als Opa für’s Praktische! Dabei haben wir uns geliebt, Maria und ich. Er war, ist und bleibt unser Kind! Ein Kind der Liebe!“

Könnten das die Gedanken von Josef sein? Fragen können wir ihn nicht. Aber ich finde, dass es sich lohnt, Weihnachten nicht nur von Maria, den Hirten, dem Stall, den Engeln und dem Jesuskind her zu sehen. Matthäus blendet in seinem Evangelium das ganze Drumherum der Geburt zunächst aus. Mich hat das als 5-jährigen Knirps so irritiert, dass ich am Heiligabend in unserer vollbesetzten Dorfkirche aufstand und unserem damaligen Pfarrer ein protestierendes „Das stimmt so nicht“ entgegen rief, weil er mal nicht die Weihnachtsgeschichte nach Lukas vorgelesen hatte, sondern die nüchterne Schilderung von Matthäus und mich so meiner geliebten Engel und Hirten beraubte. Josef steht im Mittelpunkt - eine ganz normale Geburt. Das irritiert. Und lenkt vielleicht den Blick doch ein bisschen mehr als sonst darauf, dass es von Anfang an um Beziehungen geht, wenn Gott in diese Welt kommt, wenn er sich im Menschen Jesus erfahrbar macht. „Er war, ist und bleibt unser Kind! Ein Kind der Liebe!“ Ich glaube tatsächlich, dass Josef diese Sätze sagen könnte und dass Maria ihm wohl zugestimmt hätte.

Die Beziehung zu einem Kind hängt nicht in erster Linie von den Umständen der Zeugung oder der Geburt ab, egal wie natürlich oder übernatürlich-wunderbar sie gewesen sein mögen. Denn jedes Kind will und muss adoptiert werden. „Vater werden ist nicht schwer - Vater sein dagegen sehr“. Eines der wahrsten Sprichwörter. Im Blick auf jedes Kind, auch auf Josefs und Marias Kind Jesus. Zeugung ist die eine Sache. Viel wichtiger und schwerer ist es allerdings, das Kind als Teil des eigenen Lebens anzunehmen, hinzu zu erwählen, das Kind Teil des eigenen Lebens sein zu lassen. Nichts anderes bedeutet Adoption ja. Sich kümmern, sich sorgen, helfen - und dann, wenn es soweit ist, auch den eigenen Weg gehen lassen, so schwer das auch oft genug fällt. Auch Müttern ist das nicht automatisch mitgegeben. Eines der großen Tabuthemen sind Kindbettdepressionen. Viel verbreiteter als man denkt, die Schwierigkeit von Müttern, ihre Kinder anzunehmen. Und doch wird es vorausgesetzt. Dabei hatte selbst Maria ihre Zweifel und brauchte etwas, bis sie dem Kind, das sie erwartete, zustimmen konnte. Davon erzählt Lukas in der Geschichte, in der der Engel Maria die Geburt Jesu verkündigt.

Aber zurück zu unserem Josef. Gott hilft ihm, die Bibel erzählt: durch einen Traum, seine Vaterschaft anzunehmen. „Du wirst es schaffen. Du wirst dieses Kind als dein eigenes annehmen können und du wirst diesem Kind helfen können, der zu werden, der er ist: Retter, Erlöser der Menschen.“ So sagt es ihm im Traum der Engel. Und Josef vertraut und nimmt die Herausforderung an. Er ist es, der dem Kind, wie damals als Vater üblich, den Namen gibt: Jesus - Gott hilft! „Jesus ist unser Kind“ - Josef kann das mit jedem Recht sagen. Und auch: „Er ist ein Kind der Liebe!“ Als Josef wegen Marias Schwangerschaft verwirrt ist, geht es ihm nicht um seinen eigenen Ruf oder seine Zweifel. Maria soll nicht in Schanden gebracht werden. Er liebt sie, auch wenn er sich nicht sicher ist, ob das wirklich auf Gegenseitigkeit beruht. Das Vertrauen in die Botschaft, die Gott ihm zukommen lässt, lässt ihn auch zu seiner Liebe stehen, lässt die Liebe stark werden. Stärker als alle Zweifel und Ängste, die manchmal auch zur Liebe dazugehören. Gerade zu Weihnachten finde ich diesen Gesichtspunkt wichtig. Jesus als Mensch gewordene Liebe Gottes ist von Anfang an eng mit der Liebe zwischen Menschen verschränkt. Gottes Liebe zu den Menschen ist keine Liebe, die einfach so über Zweifel und Fragen hinweggehen würde. Sie überwindet diese nicht durch Verschweigen oder Plattmachen, sondern durch Vertrauen, Zuwendung, durch Zeit, die Liebe zum Wachsen braucht. Gott wird Mensch und gibt den Menschen Zeit und Gelegenheit, menschlich sein zu dürfen.

Josef zeigt von Anfang an, dass Gott Menschen nicht zwingen will oder an den Menschen vorbei irgendwie als Alien auf die Erde plumpst, sondern dass die Botschaft „Gott wird Mensch“ von Anfang an für den Menschen gedacht ist und den Menschen menschlich werden und sein lässt. „Er ist unser Kind“ - weil Josef dies sagen konnte, weil Josef und Maria der Mensch werdenden Liebe Gottes Raum gegeben haben, weil sie „unser Kind“ nicht als Besitz verstanden, sondern dieses Kind zum Menschen Jesus, zum Christus am Kreuz haben werden lassen, weil sie auch ihre eigenen Vorstellungen und Ängste von dem, was dieses Kind werden und machen und sein sollte, sein lassen konnten und ihm den Raum gegeben haben, dass zu werden was es ist, können auch wir mit Recht sagen: „Es ist unser Kind“. Gott ist auch für uns Mensch geworden, damit wir Liebe und Versöhnung erfahren, damit wir Vertrauen in die Liebe finden können, damit wir wachsen können - auf die Liebe hin. Gott setzt auf Beziehungen. Von Anfang an. Nicht auf blinden Gehorsam. So, wie wir es bei Josef erfahren dürfen. Gott lässt uns Menschen, Gott lässt Josef nicht alt aussehen - auch wenn er oft so dargestellt wird. Und Josef vielleicht zu Recht damit unzufrieden wäre. Ob er das auch mit dem Bild wäre, dass ich ihnen in dieser Nacht mitgeben möchte? Auch da hat er graue Haare und einen grauen Bart, aber sein Gesicht wirkt lebendig, lustig, liebenswert. Es ist ein Ausschnitt aus einem über 600 Jahre alten Altarbild in der Wildunger Stadtkirche, gemalt von Conrad von Soest. Eines der wenigen Bilder mit Josef im Vordergrund. Die Umstände der Geburt, klassisch dargestellt, treten ganz nach hinten. Wichtig sind die drei vorne. Maria, das Kind und Josef. Josef, der das Feuer anbläst. Josef, der den Schritt von Weihnachten in den Alltag geht. Josef, der erkennt, dass zum Alltag der Mensch gewordenen Liebe Gottes eben auch das Essen und Wachsen gehört. Josef, der Verantwortung übernimmt, damit das geschieht.

Gott wird Mensch. Ganz und gar. Mit Haut und Haaren. Und er sucht und findet Menschen, die diese Botschaft, die diese Liebe ins Leben lassen. In ihr eigenes und dadurch auch ins Leben von anderen. Gott ist mitten im Leben. Gott findet die Menschen. Mitten im Leben. Manchen noch, bevor sie ihn richtig gesucht haben. So wie Josef. Gott findet Menschen. In Liebe und durch die Liebe.
Und so drückt sich der Sinn von Weihnachten für mich nicht nur in dem Bild von Conrad von Soest aus, sondern auch in der folgenden Betrachtung zu diesem Fest und zur Menschwerdung Gottes:

Gott fährt in die Knochen
geht unter die Haut
wird Mensch

unter unauffälligen und schrillen
musterfamilien und beziehungschaoten
heiligen und teufeln
asketen und huren
bankiers und müllmännern

herzlich fröhlichen und abgrundtief traurigen
glaubenden und zweiflern
leg dein licht an wie ein kleid
such dich durch die nacht
du wirst gefunden

Du wirst gefunden! Ja, das ist Weihnachten. Du wirst gefunden. Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft…