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Samstag, 28. Juni 2014

Nur mal kurz die Welt retten - funktioniert leider so nicht... - 2. -sonntag nach Trinitatis, 29.06.2014

Text: 1. Korinther 9,16-23



Liebe Gemeinde!
„Mein Lohn ist, dass wenigstens einige gerettet werden!“ – So versteht Paulus das, was er ehrenamtlich und mit dem Einsatz seines ganzen Lebens tut. Er lässt sich seine Rettungstat nicht bezahlen.
Jetzt gibt es ja ganz viele Arten, Menschen zu retten. Ich denke an die Männer und Frauen, die sich ehrenamtlich in der Feuerwehr engagieren. Sie lassen sich aus- und fortbilden, haben sicher hoffentlich auch oft Spaß an ihrer Sache, aber es ist doch ihre Zeit, die sie einbringen und vor allem: Wenn es hart auf hart kommt, bei Unfällen, bei Bränden, dann geht es oft bis an den Rand der eigenen Körperkräfte und manchmal auch an den Rand dessen, was die eigene Seele ertragen kann. Ich denke an Menschen, die sich ehrenamtlich in der Nachbarschaftshilfe engagieren. Da geht es vielleicht nicht um körperliche Rettung, aber manchmal ganz einfach auch darum, Menschen vor der Einsamkeit zu retten oder davor, ein Leben fernab der vertrauten Heimat und Kontakte führen zu müssen. Oder es geht darum, eine Familie am Rand des Zusammenbruchs zu entlasten, weil jemand für die Kinder oder als Ansprechpartner da ist.
Ich denke an Menschen, die sich ehrenamtlich in der Begleitung von Sterbenden, in Hospizdiensten, in der Arbeit der Tafeln, in Deutschkursen für Flüchtlinge engagieren. Ich denke an Ärztinnen oder Krankenpfleger, die ihren Urlaub dafür opfern, in Ländern der sogenannten Dritten Welt Menschen, die sonst ohne medizinische Versorgung wären, zu helfen und Leben zu retten. Wie gesagt, es gibt viele Arten und Weisen, Leben zu retten. Und sehr, sehr viel geschieht, ohne dass die Menschen, die zu Lebensrettern werden, Geld dafür erwarten und bekommen. Ihnen nimmt man ihren Einsatz auch innerlich ab. Sie sind deshalb glaubwürdig, weil sie keinen sichtbaren Vorteil aus ihrem Einsatz ziehen.
Ja, Paulus hat recht: es erhöht die Glaubwürdigkeit, den Einsatz, weil man gepackt ist und nicht, weil man sich einen Vorteil erhofft, wenn kein Lohn im Spiel ist. Aber ich denke, dass Glaubwürdigkeit und Bezahlung nicht in unmittelbaren Zusammenhang stehen. Klar, können Sie jetzt sagen, sie müssen das so sehen. Pfarrer bekommen ja Geld für das, was sie tun. Und natürlich kann einen die gar nicht mal so schlechte Bezahlung dazu verführen, auch dann noch den Glauben an Gott öffentlich zu verkündigen und Kinder und Jugendliche zu unterrichten, wenn der eigene Glaube sich vielleicht verabschiedet hat und nur noch Hülle ist. Aber ich denke auch, dass andere, dass nicht nur eine Kirchengemeinde, sondern alle Menschen, denen man begegnet, das schnell merken würden. Glaubwürdigkeit hängt nicht in erster Linie an einer Bezahlung, sondern daran, dass Reden und Handeln und eigenes Leben in Einklang stehen und da haben andere schon ein Gespür für. Und ich will auch mal weg vom Blick auf den Pfarrer oder die Pfarrerin allein, wenn’s darum geht, das Evangelium zu predigen. So, wie es verschiedene Arten gibt, Leben zu retten – und davon ist die Verkündigung des Evangeliums eine Art – so gibt es auch verschiedene Arten, das Evangelium zu predigen. Aber was ist das eigentlich, das Evangelium?

Die Verkündigung des Evangeliums ist mehr, als Predigten und Ansprachen zu halten und in Bibelkreisen was Frommes zu erzählen. Das Evangelium zu predigen, das heißt, durch Worte und Taten Menschen zu helfen, eine gute Sicht auf ihr Leben zu gewinnen. Menschen sollen lernen, sich so zu sehen, wie Gott sie sieht: grundsätzlich

Samstag, 18. Mai 2013

Fischmarkt, Flatrate, Inklusion - Pfingsten 2013 (Reihe II statt Reihe V)

Text: 1. Korinther 12,4-11 (Pfingstmontag, Reihe II)

Predigt Pfingstsonntag 13, 18.05.13, Reihe II Pfingstmontag
Text: 1. Kor 12,4-11

Liebe Gemeinde!
Hamburg, Fischmarkt, bei Aal-Paul: „Kommen sie näher, kommen sie ran! Diese schöne Scholle hier gibt’s heute für nur 15 Euro! Und wissen sie was, ich pack ihnen für 15 Euro nicht nur die Scholle ein, heute gibt’s auch noch diese Heringe dazu! Und nur heute, und nur weil Feiertag ist, pack ich auch noch zwei leckere Räucherforellen dazu! Und, gute Frau, weil sie so schön lächeln, gibt’s dann noch den Räucheraal gratis! Kommen sie näher, kommen sie ran, nur heute hier beim Aal-Paul: Diese schöne Scholle und die Heringe und die Räucherforellen und den Räucheraal und hier und heute noch dazu eine Portion leckerer Nordseekrabben und das alles in einer Tüte und für nur 15 Euro! Sonst kostet allein schon die Scholle so viel! Greifen sie zu!“ Natürlich wissen die meisten, dass der Fischhändler schon vorher die Preise für alles kalkuliert hat und er mit den 15 Euro auf seine Kosten kommt und nichts zu verschenken hat. Aber es ist ein gutes Gefühl, ganz viel eingepackt zu bekommen und zu glauben, man bekäme dabei ganz viel geschenkt. Beim Telefonieren mit den heute üblichen Flatrates ist das ja ähnlich. Einmal bezahlt – und schon kann man so oft, wie man will, telefonieren, SMS schreiben und im Internet surfen und hat das Gefühl, ein Schnäppchen zu machen. Natürlich haben auch die Telefongesellschaften nachgerechnet. Damit wenige ein Schnäppchen machen, bezahlen viele eigentlich zu viel, aber es ist halt ein schönes Gefühl, ganz viel eingepackt zu bekommen. Obwohl wir eigentlich wissen, dass es nichts geschenkt gibt, nutzen wir das trotzdem mit dem Gefühl, etwas geschenkt bekommen zu haben.
Komischerweise scheint das aber dort, wo wirklich was verschenkt wird, gar nicht so gut zu funktionieren. Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth davon, wie viel der eine Gott verschenkt. Es gibt ganz viele und ganz unterschiedliche Begabungen, ganz viele und ganz unterschiedliche Ämter, die Menschen ausüben und ganz viele und unterschiedliche Kräfte und Möglichkeiten. Aber in allem wirkt der Geist des einen Gottes. In allem ist Gott selbst am Werk. Ganz viel wird eingepackt in die große Gemeinschaft der Menschen, die sich auf Jesus berufen und die auf Gott vertrauen – und manchmal habe ich bis heute den Eindruck, dass wir diese Megaflatrate, bei der wir wirklich profitieren und nichts draufzahlen, diese wirklich kostenlose Riesentüte mit allem, was man sich an Schönem vorstellen kann, gar nicht haben wollen. Zwei Haltungen begegnen mir oft bis heute. Die eine Haltung ist die: Was nicht so ist wie das, was ich selber habe, was ich kenne und was ich selber gut finde, ist nicht richtig und gehört nicht dazu. Das soll draußen bleiben, das will und brauche ich nicht. Da werden Möglichkeiten, Geschenke, Gaben, abgelehnt, weil sie anders sind, weil sie nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. Im Bild der Fischtüte hieße das, den Aal und die Krabben und den Hering vielleicht dem Fischhändler zurückzugeben, weil ich sie nicht mag, statt sie sich einpacken zu lassen und zu überlegen, ob ich vielleicht jemanden kenne, dem genau das schmeckt und der sich über genau dieses Geschenk freut oder es dringend braucht. Ich will nur das, was meinem Geschmack entspricht. Die Haltung gibt es auch im Glauben.
Die andere Haltung ist die, nicht auf das zu schauen, was ich habe, und damit dann was anzufangen, sondern immer zu glauben, das, was andere haben, wäre besser und richtiger. Im Bild der Fischtüte hieße das: der nächste Kunde bekäme vielleicht Lachs statt Krabben und Thunfisch statt Forelle eingepackt. Und auf einmal wollte ich unbedingt das andere, obwohl ich bis dahin mit meinem eigentlich ganz zufrieden war, weil das andere ja möglicherweise besser oder mehr Fisch ist.
Beides sind Haltungen, die eben nicht nur auf dem Fischmarkt möglich sind

Donnerstag, 26. Juli 2012

Von Huren und Freiheit - 8. Sonntag n. Trinitatis, 29.07.12, Reihe IV

Text: 1. Korinther 6,12-20
Liebe Gemeinde!


Also, zuerst einmal: liebe Männer! Geht nicht zu Huren, zu Prostituierten, ihr habt ja gehört, was in der Bibel steht! Und dann noch: liebe Frauen und Mädchen: Werdet nicht zu Huren, zu Prostituierten, ihr habt ja gehört, was Paulus da so in seinem Brief an die Leute in Korinth schreibt!

Amen.

Hier könnte die Predigt eigentlich aufhören, wenn man das, was Paulus vor fast zweitausend Jahren uns völlig fremden Menschen im heutigen Griechenland geschrieben hat, einfach so liest und wortwörtlich nimmt. Wenig überraschend, dass in der Kirche gesagt wird: Hurerei ist nicht unser Ding! Und wahrscheinlich doch zu Recht werden die allermeisten, die heute in Deutschland in Gottesdienste gehen und sich diese Lesung aus der Bibel anhören, zu Recht sagen: „Das betrifft mich nicht so wirklich!“ Wieso sollte ich also mehr zu diesem Abschnitt aus dem 1. Korintherbrief sagen als „Gut, wenn das bei euch und ihnen nicht so ist, passt auf, dass es nicht anders wird?“

Für mich hat das mehrere Gründe. Der banalste Grund ist, dass ich schließlich auch dafür bezahlt werde, Predigten zu halten und mir ein paar Gedanken zu machen und nicht zu schnell faul zu werden und mit bequemen kurzen Aussagen mich aus der Affäre zu ziehen. Aber das ist das Unbedeutendste. Wichtiger ist mir selber, dass wir uns als Christen auch mit Dingen beschäftigen, die wir gern von uns schieben. Jesus ist schließlich auch nicht vor den unbequemen Dingen davongelaufen. Er hat sich, das ist ganz gut überliefert, auch mit Huren unterhalten und hat ihnen Men-schenwürde zukommen lassen. Wir könnten natürlich sagen: „Das ist ein Bääh-Thema, mit dem wollen wir uns nicht beschäftigen!“ Aber das ist, glaube ich, nicht im Sinne von Jesus. Prostitution hat es immer schon gegeben und wird es immer geben, in christlichen und muslimischen und jüdischen Gesellschaften, in Gesellschaften, denen Religion egal ist, in reichen und armen Ländern. Daran ändert auch eine moralische oder religiöse Verurteilung nichts. Oft genug bleibt das moralische Urteil an den Frauen hängen: „Das sind schlechte Frauen, die sowas tun, mit denen gibt man sich im Alltag nicht ab!“ So denkt man oft genug, leise oder laut. Ich glaube aber, dass es im Sinne Jesu eher andersherum eine Frage nach den Männern sein sollte, die Nöte von Frauen ausnutzen: die Not, ein Kind oder eine Familie durchbringen zu müssen und keinen anderen Weg zu sehen, die Not, sich Drogen beschaffen zu müssen oder die Not, verraten und verkauft zu werden und unter Vorspiegelung falscher Versprechungen ihrer Rechte und ihrer Würde beraubt zu werden. Und da sind wir auch bei Paulus und bei dem Abschnitt, den ich eben vorgelesen habe. Und bei meinem wichtigsten Grund, doch noch weiter zu predigen. Paulus hält sich nicht bei moralischen Urteilen über die Frauen, Huren, Prostituierte auf, sondern er redet eigentlich zu den Männern, die diese Dienste in Anspruch nehmen. Es macht was mit euch,

Sonntag, 17. Juni 2012

Ziel: Liebe! - 2. Sonntag nach Trinitatis, 17.06.202, Reihe IV

Text: 1. Korinther 14,1-5+23-26 (NGÜ)
Liebe Gemeinde!


Menschen werfen vor Begeisterung die Arme in die Luft, rufen unverständliches Zeug, sind total aus dem Häuschen. Wer nichts damit zu tun hat glaubt, in einen Haufen Irrer geraten zu sein. Als ich selber ein paar Jährchen jünger war, möchte ich nicht wissen, was Leute gedacht haben, die mich bei einem Open-Air-Konzert gesehen haben, heute kann sowas vielleicht mal in Frankfurt im Waldstadion passieren. Und vielleicht passiert das ja mir oder anderen heute Abend um 22.30 Uhr hoffentlich, nach einem Sieg von Deutschland gegen Dänemark oder in 14 Tagen nach einem 4:3 nach Verlängerung im Endspiel der EM für Deutschland gegen Holland, die vorher die Spanier rausgeworfen haben. Begeisterung treibt Menschen dazu, manchmal nach außen ziemlich merkwürdige Dinge zu tun. Bei uns bringt man das mit Konzerten oder Sport in Verbindung, eigentlich nicht mit Kirche. In der Kirche flippt keiner begeistert aus. In Deutschland zumindest eher nicht. In anderen Kirchen, in Nord- und Südamerika oder in Afrika, findet man das öfter mal. Und vielleicht hat der eine oder die andere hier das schon mal persönlich erlebt oder zumindest im Fernsehen gesehen. Bilder von Menschen in Gottesdiensten, die begeistert die Hände nach oben reißen, die anfangen zu tanzen zu rufen, keine richtigen Sätze, sondern die so begeistert sind, dass es keine richtigen Worte für das gibt, was Gottes Geist in ihnen und durch sie macht. Ich glaube, hier im Got-tesdienst wären die allermeisten ziemlich verwundert, wenn jemand anfangen würde, so zu beten.

Das ist eigentlich nichts anderes als die „von Gott einge-gebene Sprache“, von der Paulus redet, wörtlich schreibt er vom „Reden in Zungen“. Manche finden es schade, dass es das bei uns so selten gibt. Andere sind sicher ganz froh. Vom Glauben an Gott begeistert zu sein, ist etwas ganz tolles. Und ich bin froh, dass viele Menschen auf so unterschiedliche Art hier bei uns begeistert sind. Ich denke an

Freitag, 25. Mai 2012

Ihr seid nicht normal! - Pfingstsonntag, 27.05.2012, Reihe IV

Text: 1. Korinther 2,10-16

Liebe Gemeinde!


Sie sind nicht normal! Erwachsene, die an Gott glauben, die in Gottesdiensten, in Liedern, Lesungen und Predigten ihren Glauben stärken und sich vergewissern wollen – nicht normal! Jugendliche, die nach Gott fragen, die nach der Bedeutung von Jesus für ihr Leben fragen, die im Glauben an Jesus einen Gewinn für ihr Leben sehen – nicht normal! Klar, das Wort „normal“ ist schwierig. Was ist schon „normal“? Wir leben in einer Zeit, in der sehr viel möglich ist. Gott sei Dank wird niemandem in Deutschland mehr vorgeschrieben, was er zu glauben und welcher Kirche oder Religion er anzugehören hat. Ob ich in die Kirche gehe oder nicht, ob ich heirate oder nicht, Männer oder Frauen liebe, die Haare bunt färbe oder gern Anzüge trage – so ziemlich alles wird akzeptiert. Aber nicht alles ist normal. Vor allem nicht, an Gott so zu glauben, dass ich von ihm sagen kann: er hat sich wirklich in Jesus gezeigt. An eine höhere Kraft zu glauben, die irgendwo da ist und das Leben nicht weiter stört, das ist normal. Aber daran zu glauben, dass Gott sich in einem lebendigen Menschen offenbart hat, dass er sich den Außenseitern zugewandt hat, dass er gelitten hat, gestorben ist, den Tod besiegt hat, dass der Glaube an Gott auch im Alltag Konsequenzen hat, das ist nicht normal. Das stört. Wie gewaltig der Glauben an Gott stört, das haben mir in der letzten Woche zwei ganz unterschiedliche Ereignisse gezeigt. Einmal ist da eine Auseinandersetzung in Kassel. Eine katholische Kirche zeigt in einer Ausstellung eine menschliche Figur im Kirchturm, gut sichtbar in der Nähe der Weltkunstaustellung „documenta“, die demnächst eröff-net wird. Die Leiterin der documenta hat sich darüber beschwert. Sie fühle sich von der Figur bedroht, die Kir-che solle sich doch auf das zurückziehen, was sie könne, und das sei eben nicht Kunst. Was Kunst sei, sei auf ihrer documenta zu sehen. Außer der Arroganz und Intoleranz der Leiterin einer solchen Ausstellung wundert mich auch, dass es keine öffentlichen Proteste gegen diese Intoleranz gibt. Scheinbar ist es tatsächlich normal, dass der Glauben an Jesus Christus irgendwo an den Rand gehört, vielleicht geduldet beim Abschied aus dem Leben, aber auch dort bitte so, dass er nicht zu sehr stört, Kreuze in Friedhofshallen sind nicht mehr überall selbstverständlich oder gern gesehen.

Das andere Ereignis war ein Gespräch mit einer Vier-zehnjährigen. Sie erzählte mir von einer heftigen Diskus-sion im Kunstunterricht ihrer Klasse, in der es darum ging, ob und wie Gott dargestellt werden dürfe. Als sie in der Diskussion auch sagte, dass ihr der Glauben an Gott etwas bedeutet und sie es nicht richtig findet, dass er in manchen Serien im Fernsehen bösartig veralbert wird, sagten manche dann sehr abfällig: „Na, dann geh doch halt in die Kirche und lass uns in Ruhe“.

Nein, es ist wirklich nicht normal, an Gott zu glauben. Es ist nicht normal, darauf zu vertrauen, dass Gott da ist, auch wenn viele schlimme Dinge in der Welt und manchmal ja auch im eigenen Leben passieren. In einer Welt, in der „Opfer“ ein echtes Schimpfwort ist, ist es nicht normal, daran zu glauben, dass sich Gott ausgerechnet in einem Opfer zeigt und auf der Seite der Opfer steht. Es ist nicht normal, Liebe auch denen zu zeigen, die ganz anders sind, als ich es gern hätte. Es ist nicht normal, den Wert eines Menschen nicht an seiner Bildung oder seinem Vermögen zu messen, sondern im Menschen einen Wert an sich zu sehen. In jedem Menschen, weil ihm als Menschen die Liebe Gottes gilt.

Mittwoch, 4. April 2012

Wir sind viele! -Gründonnerstag, 05.04.2012, Reihe IV

Text: 1. Korinther 10,16-17
Liebe Gemeinde!


Ein idealer Abend, um miteinander zu feiern. Für mich zumindest. Nicht, weil wir hier in der Kirche heute besonders viele wären oder weil der Gottesdienst schöner als so viele andere ist. Sondern weil heute Abend auf der ganzen Welt in Gottesdiensten Abendmahl gefeiert wird. In Erinnerung daran, dass Jesus am Abend vor seinem Tod mit seinen Jüngern das Passahfest gefeiert hat. Ein Dankessen als Erinnerung daran, dass Gott sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Gott befreit. Ein schöner Anlass, zu feiern. Und an diesem Abend vor seinem gewaltsamen Tod, bei diesem bis heute für die Menschen jüdischen Glaubens so wichtigen Fest hat Jesus den Kelch mit Wein, aus dem gemeinsam getrunken wird, und das Brot, das geteilt wird, neu gedeutet: als Zeichen seiner lebendigen Gegenwart über seinen gewaltsamen Tod hinaus. Auch wenn heute vielleicht weniger Menschen in der Thomaskirche mitfeiern als an einem durchschnittlichen Sonntagmorgen: für mich ein idealer Abend, um zu feiern.

Mir wird an diesem Abend noch einmal ganz deutlich, dass unser Glauben uns in eine Geschichte stellt. Der Glauben an Gott, der Menschen befreit und der sich in Jesus zu erkennen gegeben hat, ist mehr als ein persönliches Ergriffensein, das unabhängig von mir belanglos wäre.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Das braucht man zum Glauben - 2. nach Epiphanias, 15.01.2012, Reihe IV

Text: 1. Korinther 2,1-10 (Neue Genfer Übersetzung)
Liebe Gemeinde!


Was braucht man eigentlich, um an Gott glauben zu kön-nen? Einen guten Konfirmandenunterricht mit einem überzeugenden Pfarrer und tollen Mitarbeitern? Einen Prediger, der amüsant und geschliffen redet, so dass man ihm gern zuhört? Einen Religionslehrer, der einen begeistern kann? Eltern, die einem aus der Kinderbibel vorlesen und abends am Bett beten? Gottesdienste oder Missionsveranstaltungen mit toller Technik und abwechslungsreicher Gestaltung, so dass einem nie langweilig wird? Nachbarn und Freunde, die auch in schweren Zeiten und Krisen zu einem stehen, damit man seinen Glauben, falls schon einer da ist, nicht ganz ver-liert? Eine tolle Jugendgruppe oder einen guten Bibelkreis oder erfüllende Seniorennachmittage?

Alles schön, alles hilfreich. Und doch kann das alles völlig nutzlos sein. Um an Gott glauben zu können, braucht es vor allem ein Geschenk, über das kein Mensch, nicht der klügste Theologieprofessor, nicht der begabteste Pfarrer, nicht der glaubwürdigste Mitarbeiter und nicht der bekehrteste Christ Verfügungsgewalt hat: es braucht das, was in der Sprache der Bibel Gottes Geist heißt. Es braucht die Kraft, die einen im Inneren aufschließt, wachmacht, bereit macht. Es braucht die Kraft, die es schafft,
 Predigten, Unterricht, Gespräche und Begegnungen, das Lesen in der Bibel nicht nur als intellektuelles Gedankenspiel, nicht nur als netten Zeitvertreib oder kluge Anregung zu verstehen, sondern als eine Botschaft, die Leben stark macht, bereichert und vor allem zum Guten verändert. Als eine Botschaft, die nicht nur intellektuell bedenkenswert ist, sondern die mich wirklich meint. Mich. Heute. 2012.

Glauben ist ein Geschenk. Manchmal ist das schwer aus-zuhalten. Vielleicht als Konfi oder auch als älterer Mensch. Vielleicht sagt man dann: Ich will das eigentlich. Ich will an Gott glauben. Und man sucht nach Techniken, wie das klappen könnte. Und man merkt: so, wie ich mir das wünsche, funktioniert es nicht. Ich höre Gott nicht, wenn ich das will und wenn ich versuche, zu beten. We-der dann, wenn ich mit geschlossenen Augen und gefalte-ten Hände still da stehe, sitze oder liege noch dann wenn ich mit erhobenen Armen laut meine Anliegen vorbringe. Es funktioniert nicht, regelmäßig in den Gottesdienst zu gehen. Da finde ich Gott nicht, weil ich mich doch lang-weile. Es gibt keine Technik, damit Glauben funktioniert und wächst. Leider. Auch nicht für Pfarrer oder Prediger. Ob Predigten etwas bewirken, ob sich das Leben auch von nur einem einzigen, der eine Predigt hört, verändert, das hat kein Pfarrer, keine Pfarrerin im Griff. Weder ein tolles Examen noch zig Rhetorikkurse, die einem beibrin-gen, überzeugend und technisch gut zu predigen noch ei-ne mit Beamer, Band und modernster Technik ausgestat-tete rappelvolle Kirche bringen letztlich Menschen dazu, Gott zu vertrauen und ihr Leben aus seiner Kraft zu ge-stalten.

Ich merke gerade, wie blöd sich das jetzt anhört.

Sonntag, 4. Juli 2010

Das Kreuz mit dem Kreuz - 5. Sonntag nach Trinitatis, 04.07.2010, Reihe II

Text: 1. Korinther 1,18-25

Liebe Gemeinde!
Manche Menschen tragen ein Kreuz an einer Kette. Für die einen ist es bloß ein Modegag, für andere ein Bekenntnis ihres Glaubens, für andere ein Schutz vor Unglück und dem Bösen. In alten Horrorfilmen hat es geholfen, dem Bösen, dem Vampir, dem Dämon oder dem Satan ein Kreuz vorzuhalten – und schon ist er geflohen und hatte keine Chance mehr. Gegen dieses starke Zeichen kam auch das Böse nicht an. In den modernen Horror- und Gruselfilmen hilft selbst das Kreuz nicht mehr. Hat das Kreuz seine Kraft verloren? Nicht nur in schlechten Filmen, sondern auch im Leben? Ja, vielleicht ist es entzaubert worden. Ich finde das nicht schlimm, sondern eigentlich gut und richtig. So schön es wäre, wenn ein christliches Zeichen Zauberkräfte hätte oder Zauberkräfte verleihen würde – mit dem wofür das Kreuz steht und was Jesus wollte, hätte es nichts zu tun. Im Gegenteil. Wenn wir einem Zeichen solche Kraft und Macht geben, würden wir die Lebenskraft, die Gotteskraft, die Paulus hier in seinem Brief an die Korinther beschreibt und die im gekreuzigten Christus liegt, verlieren. Ich gebe es ja zu, das hört sich kompliziert an. Und ich gebe es auch zu: Paulus schreibt, dass die, die sich für schlau halten, das Wichtigste nicht verstehen. Aber vielleicht ist es doch nicht so kompliziert, wie es sich anhört. Genauso wenig wie es reicht, sich eine Dose Red Bull reinzuschütten, um fliegen zu können, oder ein Nutellabrot zu schmieren, um ein guter Fußballer zu sein, reicht es, sich ein Kreuz umzuhängen um wirklich aus der Liebe, die Gott uns schenkt, Kraft für das Leben zu bekommen und das Böse zu besiegen.
Paulus hat ein Problem in der Gemeinde in Korinth gesehen, das es bis heute gibt. Vielen, die sich irgendwie zur Gemeinde hielten und die an Gott glaubten, war das Kreuz irgendwie zu lächerlich. Die einen haben gesagt: „Was soll denn das mit dem Kreuz? Wir machen uns doch lächerlich, wenn wir anderen erzählen, dass Gott dort gewesen sein soll. Ausgerechnet im Tod, ausgerechnet bei der schlimmsten aller möglichen Strafen. Gott muss doch groß sein, er muss doch logisch handeln. die Philosophen und Wissenschaftler sollen uns doch nicht für verrückt halten. Wir dürfen uns mit sowas wie dem Kreuz nicht lächerlich machen!“ Studenten, Menschen mit Abitur, haben im vergangenen Jahr in der ganzen Stadt ein gekreuzigtes Schwein mit den Worten „Jesus, du Opfer“ an Wände gesprayt. Man kann sich für noch so schlau halten – aber gerade die, die sich für schlau halten, und es auf vielen Gebieten ja sind, provoziert das Kreuz bis heute.
Anderen aus der Gemeinde von Paulus ging es weniger darum, dass ihnen das zu unlogisch war und sie befürchteten, von den Klugen lächerlich gemacht zu werden. „Wir brauchen Wunder, die die Menschen sehen! Gott muss doch stark sein! Heilungen, Speisungen, Budenzauber, damit alle Respekt haben. Nicht so einen Schwächling am Kreuz! Vor dem hat doch keiner Respekt! Einer, der zeigt, wo’s lang geht, den wollen wir“. Zeichen, an denen man sich festhalten kann. Wunder, an denen man sieht, wie mächtig und stark Gott ist. Ja, ich glaube, dass wir, je nachdem, was unsere persönlichen Wünsche sind, beide gut verstehen können und beide kennen: Diejenigen, die immer alles logisch und wissenschaftlich erklärbar wollen, damit man sich ja nicht lächerlich macht und diejenigen, die sich nach dem starken, mächtigen, sichtbaren Gott sehnen. Dem Helden, der Respekt einflößt. Dem Gott, mit dem man vor anderen vielleicht auch angeben kann.
Beides kann doch nicht funktionieren. Was wäre das denn für ein Gott, der sich wissenschaftlich vollkommen erklären ließe? Ein Gott, der kleiner ist als die Philosophen, Physiker, Wissenschaftler, ein solcher Gott ist doch nichts anderes als eine nutzlose Spielerei. Ich glaube schon, dass man das Denken und die Vernunft nicht ausschalten und abgeben soll, wenn’s um den Glauben geht. Und ich glaube auch, dass einem die Wissenschaft helfen kann, Glauben besser zu verstehen. Aber Glauben, der in Wissenschaft aufgeht, ist kein Glauben. Und ich glaube auch, dass Gott Dinge wirklich werden lässt, die wir nur als Wunder bezeichnen können. Aber ein Glaube, der sich daran hängt, wird keinen Bestand haben. Wenn ich mich abhängig mache, dass das passiert, was ich mir wünsche, ob das eine Heilung oder was auch immer ist, auch so passiert, dann wird Gott der Sklave meiner Wünsche und taugt nicht als mein Erlöser.
Und genau darum geht es Paulus, wenn er betont, wie wichtig das Wort vom Kreuz, die Rede vom gekreuzigten Christus, der Glauben an das, was da geschehen ist, wirklich ist. Nicht das bloße Kreuz als Zeichen ist wichtig. Auch wenn es als Mensch manchmal gut tut, Zeichen zu haben, die einen an etwas erinnern. Dazu taugt das Kreuz, nicht als Vampirvertreiber und nicht als Unfallschutz gegen mangelnde Vorsicht.
Es geht um das, was am Kreuz geschehen ist. Gott macht sich klein. Er hält es aus, ganz unten zu sein, Opfer zu sein. Da, wo Menschen zu Opfern gemacht werden, ist Gott auf der Seite der Opfer. ganz klar. Das fängt da an, wo andere genauso beschimpft werden: „Du Opfer“. Da, wo Kinder misshandelt werden, wo Menschen ausgebeutet werden, wo geschlagen wird: Gott ist auf der Seite der Opfer. Auch dann, wenn die Täter ihn für sich in Anspruch nehmen wollen. Er macht das, so glaube ich, nicht, weil er nicht anders könnte, sondern weil er die Opfer ins Recht setzen will. Die Opfer bekommen die Würde, die ihnen von Menschen, von uns, abgesprochen wird. Gott macht sich klein, damit die, die von anderen klein gemacht werden, nicht länger übersehen werden oder sich klein fühlen müssen, sondern wissen dürfen: da ist einer auf meiner Seite. Da ist Liebe auch da, wo ich nur das Dunkel, vielleicht auch den Tod sehe. Das kann den Mut machen, frei zu werden. Innerlich, aber auch tatsächlich. Nicht umsonst hat gerade der Glauben an diesen Gott, der sich nicht mit den Mächtigen und Gewalttätigen verbündet, Sklaven in den USA die Kraft gegeben, für ihre Freiheit aufzustehen, gedemütigte Schwarze ermutigt, sich für ihre Rechte einzusetzen. Oder Christen, die in Diktaturen verfolgt werden oder wurden den Mut, durchzuhalten und nicht aufzugeben. Und auch anderen, denen immer wieder gesagt wurde, ihr seid nichts wert, zu klein, zu dumm, sich nicht damit zufrieden zu geben, sondern gegen Unrecht aufzustehen. Gott macht sich klein, damit die, die klein gemacht werden, Mut bekommen.
Das ist das eine. Das andere ist für mich, dass uns das Kreuz auch vor unser Versagen stellt. Es ist nicht ein blindes Schicksal, dass Jesus ans Kreuz geführt hat, sondern menschliches Versagen, menschliche Schuld. Intoleranz, Egoismus, Feigheit, der Wunsch, über anderen zu stehen und andere zu unterdrücken. Für mich zeigt das Kreuz und das an sich ja total ungerechte Leiden von Jesus, wozu wir Menschen sind, wozu auch ich fähig bin. Vielleicht kann man diese Botschaft vom Kreuz auch so zusammenfassen: „Sieh genau hin. Erschrick ruhig über das, was möglich ist, auch über diene Schuld. Aber ich will dich wieder zurecht bringen. Du brauchst dir keine Opfer zu suchen, damit du dich groß und stark fühlst. Ich will dir einen neuen Weg zeigen“. Die scheinbare Schwäche wird zur Stärke. Stark ist nicht der, der sich mit aller Kraft rächt, sondern der, der auf Rache verzichtet und Liebe gegen Gewalt setzt. Das führt zum Leben. Und deshalb bleibt die Botschaft vom Kreuz, das Wort vom Kreuz ja eben nicht beim Kreuz stehen, sondern sie endet mit dem neuen Leben. Ohne Ostern, ohne das neue Leben, das dem Erschrecken über die Folgen der Schuld folgt, wäre der Tod sinnlos gewesen. Das, was von Menschen für schwach, unlogisch, oder verachtenswert gehalten wird, der, der zum Opfer gemacht wird, das Verzichten, das Vergeben, das alles führt zu neuem Leben, das stärker ist als der Tod. Wer nur auf seinen Verstand vertraut, auf die Stärke, wer Rache statt Versöhnung fordert, der bleibt in der Logik der Welt gefangen, letztlich im Tod, in der Schuld.
Aber das Wort vom Kreuz führt zum Leben. Weil es unsere Logik wirklich durchkreuzt. Weil es kein Zauberzeichen, sonder ein Lebenszeichen ist. Weil es uns Mensch sein lässt. gebe Gott, dass wir die Kraft haben, dieses Wort vom Leben nicht nur zu hören, sondern im eigenen Leben fruchtbar werden zu lassen.
Amen

Freitag, 8. August 2008

Prüfungsangst? Nein, danke! - 12. Sonntag n. Trinitatis, Reihe VI

Wünsch dir was - Predigt: Braucht die Kirche ein Jenseits?
Text: 1. Kor 3,9-15

Liebe Gemeinde!

Prüfungsangst. Ich weiß nicht, wer von ihnen und euch das kennt. Vor einer wichtigen Klassenarbeit, vor einer Prüfung morgens schon schweißnass aufzuwachen, nichts runterzukriegen, zittrig da zu sitzen und zu denken: Das schaffe ich nie, ich versage bestimmt. Ich hatte eine Mitschülerin, die war wirklich gut - aber sie hat drei Anläufe gebraucht, um die Theorieprüfung beim Führerschein zu bestehen. Vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, hat sie plötzlich nichts mehr machen können und versagt.

Cool und locker bleiben, wenn’s um Prüfungen und Beurteilungen geht, das können längst nicht alle. Wenn die Arbeit, wenn das Verhalten beurteilt wird, da ist einem nicht immer angenehm zumute. Das kann ja viele Konsequenzen haben. Für den Beruf, den man hat oder haben will, für die Schulbildung und damit auch für manche Chancen im Leben, für die Wahl des Partners oder der Partnerin fürs Leben. Für ganz vieles. Klar, wenn man etwas geschafft hat, wenn man gut beurteilt wird, vielleicht sogar besser, als man es erwartet hat, dann ist das ein wunderbares Gefühl. Aber wenn der Daumen nach unten ging, wenn das Ziel nicht erreicht wurde? Nicht gerade angenehm, so ein Gedanke!

Und wenn das schon bei Prüfungen so ist, die man wiederholen kann oder deren Ergebnis man später noch mal korrigieren kann, nach deren Ergebnis aber irgendwann keiner mehr fragt - wie zum Beispiel mein Abi oder mein Examen als Pfarrer ausgefallen ist, interessiert heute keinen mehr - wie ist das dann bei einer Prüfung, die ein allerletztes Gesamturteil über das Leben für alle Ewigkeit spricht? Paulus erzählt hier von so einer Prüfung. Am Ende wird’s ein Gericht geben, das Gott hält, so schreibt er. Und mit Feuer wird Gott prüfen, was der Mensch in seinem Leben aufgebaut hat. Und vieles wird verbrannt werden und nicht bestehen. Muss das sein, wenn man an Gott glauben will, so ein Drohen mit einem Gericht für die Ewigkeit? Brauchen wir überhaupt ein Jenseits, etwas, das außerhalb von unserem Leben liegt? Beweisen kann man das ja sowieso nicht. Lebt der Glaube von einer solchen Angst davor, am Ende seines Lebens für immer in ein großes Nichts zu fallen, in die Hölle zu kommen und vielleicht zu schlecht zu sein? Was wäre denn, wenn alle Menschen auf der Welt sagen würden: „Ich lebe hier und heute. Gericht, das interessiert mich nicht. Was nach diesem Leben kommt, dafür gibt’s doch keine Beweise, ich mache jetzt, was ich will und für mich für richtig halte.“ Eigentlich finde ich es traurig, wenn Menschen so denken. Nicht, weil dann mein Beruf vielleicht überflüssig wäre und ich mir einen neuen suchen müsste. Das wäre zu verschmerzen. Traurig ist, dass die Menschen dann Leben, Zukunft, Freiheit und Hoffnung verlieren, wenn sie sich selbst einsperren in die 40, 70, 90 oder 100 Jahre, die sie leben, in die Gedanken, die sie denken können, in die Fehler, die sie garantiert machen. Ich finde, es ist ein Geschenk, das unglaublich viel Freiheit schon in diesem Leben eröffnet, wenn ich nicht glaube, in diesem Leben alles leisten und können zu müssen, um ihm einen Sinn zu geben, sondern wenn ich darauf vertrauen kann, dass die Zukunft nicht mit meinem Tod aufhört. Wenn ich denke, dass nur mein Leben jetzt zählt, ICH würde dann verzweifeln. Ich sehe doch, was ich alles nicht schaffe. Wenn ich nur dran denke, was ich mir für die Sommerferien alles vorgenommen hatte: Büro aufräumen, viele Leute besuchen, Schule und Konfer gut vorbereiten - geschafft habe ich nur einen kleinen Teil. Die Ferien waren zu kurz. Sind sie aber jedes Jahr. Und wenn das im Kleinen schon so ist: wie ist das erst im Großen? Ich weiß nicht, ob 90 oder 100 Jahre reichen würden, um das Gefühl zu haben, am Ende des Lebens alles geschafft zu haben. Und wenn ich, wie Frau Huhn, die ich neulich zum Geburtstag besuchte, 105 werden würde: immer wäre noch was, was ich nicht geschafft habe. Und wenn ich auf das Chaos und die Probleme in der Welt gucke: nach jeder Antwort auf ein Problem haben sich fünf neue Probleme aufgetan, auf die es noch keine Antworten gibt. Selbst noch so kluge und wohlmeinende Politiker, Wirtschaftsbosse, Gelehrte oder engagierte Aktive kriegen die Welt nicht in den Griff. Einzelne Sachen kann man vor Ort sicher gut machen. Aber es bleiben immer und überall Reste, neue Probleme, vieles, was auch mit größter Anstrengung nicht fertig wird.

Die Zukunft hängt nicht von dir und dem, was du hast, kannst und bist ab, sondern die Zukunft ist dir geschenkt. Du hast Zukunft - über dein Leben, das du kennst, hinaus. Du verdankst dein Leben nicht dir selber, du musst es nicht allein leben und du darfst Hoffnung haben, auch über die Zeit, die du denken und wahrnehmen kannst hinaus. Du musst nicht alles allein und perfekt machen. Das ist die gute, die frohe Botschaft, die Paulus hier eigentlich weitergibt.

Aber wie passt das zu der Rede vom Gericht? Macht es nicht Angst, wie am Anfang gesagt? Was ist, wenn ich zu ewiger Verdammnis verurteilt werde? Wenn Paulus heute leben würde und so reden würde, wie jüngere Menschen manchmal reden, dann würde er vielleicht sagen: Macht euch locker! Da werden nicht die Eintrittskarten für die besten Plätze im Himmel oder der Fahrschein in die Hölle verteilt. Da kommt die Wahrheit über das Leben raus. Da bleibt nur noch das übrig, was echt gut ist. Das andere wird keine Rolle mehr spielen und vernichtet. Paulus benutzt dafür das Bild vom Feuer, in dem vieles verbrannt wird. Ich finde das Bild gut. Feuer ist gefährlich, der Kontakt mit Feuer tut weh. Und so ist das auch mit der Wahrheit, gerade mit der Wahrheit über das eigene Leben. Es tut weh, vor Augen geführt zu bekommen, wo man versagt hat. Wo man anderen wirklich wehgetan hat. Es tut weh, sich eingestehen zu müssen, dass manches, was man für ganz toll hielt, nichts wert war. Wenn jetzt jemand sagt: „Jetzt hör mal auf, drumrum zu reden, sag doch mal als Pfarrer, was genau das ist, was zum Beispiel zu den Dingen gehört, die verbrannt werden, die nicht bestehen!“, dann muss ich ihn - oder sie - enttäuschen. Klar, Mord und Totschlag, Diebstahl und so was, das wäre einfach zu sagen. Aber die Wahrheit ist doch, dass das längst nicht alles ist. Es gibt vieles, was jedem Einzelnen von uns unglaublich wichtig ist, wo ich mir was aufbaue, was ich für toll halte - aber ob’s wirklich gut ist oder nicht doch andere in ihrem Leben behindert hat, ob’s mich nicht doch abhängig gemacht hat und blind für vieles andere - das kann und will ich manchmal gar nicht erkennen. Als Pfarrer bin ich da nicht weniger blind als viele andere auch. Es tut eben oft genug weh, sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen. Du wirst verändert aus diesem Prozess, aus diesem Gericht hervorgehen, nicht ohne Schrammen, aber du wirst das Ergebnis aushalten können, schreibt Paulus. Weil das Fundament stimmt und das eben bleibt, egal was an wenig Feuerfestem obendrauf steht. Deshalb muss unsere Perspektive weder die Angst vor dem Jenseits noch die Sehnsucht danach sein, weil wir entweder zu schlecht im Leben wären oder alles in der Gegenwart so schlecht wäre. Jesus Christus ist dieses Fundament. In ihm ist das, was über unseren immer begrenzten Horizont hinausgeht, mit unserem ganz konkreten Leben verbunden. Er hat als Mensch unter Menschen gelebt. In ihm hat Gott deutlich werden lassen, dass er nicht nur irgendwann vor aller Zeit mal die Welt und das Leben in Gang gesetzt hat und dann sich selbst überlassen hätte oder dass er am Ende dessen, was für uns zeitlich greifbar ist, über ewiges Wohl oder Wehe entscheidet, sondern dass hier und jetzt, in unserem Leben, Hoffnung besteht. Hoffnung, die uns handeln lässt. Hoffnung, die uns nicht ängstlich macht und nicht überfordert, sondern die uns die Angst nimmt. Für mich ist es eine große Hoffnung, dass es ein Gericht gibt, dass eben nicht egal ist, wie Menschen miteinander umgehen. Für mich ist es eine Hoffnung, dass sich herausstellt, was gut und was böse war. Und dass das Gute bleibt. Ich finde es schlimm, wenn das Böse, wenn Lüge, gnadenloser Egoismus und noch viel Schlimmeres triumphieren würden. Obwohl ich weiß, dass auch ich vor meine Lügen und vor meinen Egoismus gestellt werde und das weh tun wird. Aber ich weiß, dass ich das aushalten werde. Und ich weiß, dass ich schon jetzt anders handeln kann, auch wenn ich dabei immer wieder Fehler mache. Ich weiß, dass ich keine Angst vor Fehlern haben muss, sondern Freiheit zum Leben und Handeln gewinne. Nicht Gott oder die Kirche brauchen das Jenseits, sondern der Mensch. Weil er so eine Hoffnungsperspektive für das Leben im Diesseits gewinnen kann. Weil er so frei von Angst werden kann. Von der Angst, endgültig zu versagen. Von der Angst, selbst das vollkommene Leben abliefern zu müssen, von der Angst, nicht gut genug zu sein. Diese Freiheit kann die Augen öffnen für das, was trotz allem, was in der Welt und im eigenen Leben schief läuft, an Gutem schon da und schon möglich ist. Und diese Freiheit macht hoffentlich Lust, daran auch mitzuarbeiten. Die Zukunft kommt auch ohne mich und mein Tun. Aber ich kann und darf daran mitarbeiten - ohne vollkommen sein zu müssen. „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“. Weil er zum Leben anstiftet und frei macht. Jetzt, und nicht erst irgendwann und irgendwo.

Amen.

Mittwoch, 28. Mai 2008

Ballast auspacken! - Pfingsten 2008

Text: 1. Korinther 12,4-11

Liebe Gemeinde!

(Zu den Fragen die Betreffenden jeweils bitten, aufzustehen) Wer kann Russisch sprechen? Wer kann Englisch sprechen? Wer kann Französisch sprechen? Wer eine andere Sprache außer Deutsch? Wer spielt ein Musikinstrument? Wer ist einigermaßen sportlich? Wer kann kochen? Wer backt gern? Wer ist ganz gut im Gärtnern? Handwerklich geschickt?

Ich könnte jetzt noch lange weiterfragen, wahrscheinlich würden immer wieder welche aufstehen, wenn sie sich trauen. Wenn wir so als Gemeinde zusammenkommen, auch nur die paar Leute aus unserer Gemeinde, die gern und regelmäßig Gottesdienst feiern, dann sind schon viele Fähigkeiten, Gaben und Talente da. Als ich vor ein paar Monaten hier auf den Richtsberg gezogen bin und mich mit meinen Konfis unterhalten habe, da haben mir manche erzählt: „Wenn man auf einer weiterführenden Schule erzählt, dass man vom Richtsberg kommt, dann wird man oft schon ein bisschen komisch angeguckt und da denken dann manche: die können nicht viel!“ Und jetzt hier, in der Gemeinde, da tauchen dann viele verschiedene Dinge auf, die Menschen, alte und junge, wirklich gut können. Tolle Sache!

Manchmal wollen wir gar nicht wahrhaben, wie viel wir eigentlich können. Weil entweder wir selbst uns eine Art Rucksack packen oder wir für andere einen Rucksack packen. Da wird dann alles reingepackt, was es gibt, damit man möglichst perfekt ist. Als Mensch im Allgemeinen und als Christ in der Gemeinde. Der Rucksack ist übervoll und oft kaum zu tragen. Was da alles so drin ist! Man soll in der Bibel Bescheid wissen. Am Besten das Alte und das Neue Testament im Original lesen. Man soll künstlerisch begabt sein. Musikalisch. Handwerklich geschickt und hilfsbereit. Gut kochen können und gern backen. Musikalisch. Sportlich. Gut mit Geld umgehen…. Der Rucksack kann gar nicht groß genug sein. Es fällt einem immer noch was ein, was man können und machen sollte. Jetzt ist der Rucksack leer - und man kriegt das ganze Zeug gar nicht wieder rein. Muss man ja auch gar nicht! Gerade zu Pfingsten dürfen wir feiern, dass keiner alles haben und alles können muss, dass aber aus den vielen verschiedenen Einzelteilen und einzelnen Begabungen kein großes Chaos, sondern eine Gemeinschaft, die mit den ganzen Unterschieden, die sie hat, ein großes, buntes, zusammenhängendes Bild zeigt, dass von Gott so gewollt und sozusagen als buntes Bild gemalt worden ist. Paulus schreibt dazu im 1. Korintherbrief im 12. Kapitel:


Lesen 1. Kor 12,4-11

Es ist Gottes Geist, der die verschiedenen Einzelteile nicht zu einem zusammengewürfelten Chaos werden lässt. Er lässt ein, auf den ersten Blick vielleicht unübersichtliches, dann aber doch sehr schönes und buntes Bild entstehen. Es sind verschiedene Gaben - aber es ist ein Geist. Die Kraft Gottes, die Leben schafft, die Leben begleitet und erhält, diese Kraft bewirkt, dass jeder etwas kann. Es gibt keine Rangfolge von Gaben, die für eine Gemeinschaft von Glaubenden besonders wichtig oder angesehen sind. Leute, die sich gut in der Bibel auskennen sind wichtig. Und Leute, die gern anpacken auch. Das gehört zusammen. Nicht, weil einer alles können muss, sondern weil beides aus dem Geist Gottes entsteht und zu einer Gemeinschaft verbindet. Der, der sich gut in der Bibel auskennt, hat keinen Grund zu dem anderen zu sagen: „Dein Anpacken ist unwichtig, lern erstmal mehr in der Bibel“ und der, gern anpackt, keinen Grund zu sagen: „Du hast ja zwei linke Hände, lies lieber nicht so viel in der Bibel sondern tu was anständiges!“

Und so, wie es eben verschiedene Gaben gibt, gibt es auch verschiedene Aufgabenbereiche. Ämter nennt Paulus sie. „Es sind verschiedene Ämter, aber es ist ein Herr.“ Der Kirchenvorstand steht nicht über dem normalen Kirchenvolk, der Pfarrer nicht über dem Kirchenvorstand und der Bischof nicht über allem, und der Papst erst recht nicht. Es ist gut, dass es verschiedene Aufgabenbereiche gibt. Und es ist auch gut, dass man sich abspricht und klarmacht, wer für was Verantwortung hat. Und es ist auch nicht schlimm, wenn die einen viel und die anderen nicht so viel Verantwortung haben. Aber HERR ist nur einer. Vor ihm, vor Gott, durch dessen Geist wir leben, sind wir gleich wertvoll und gleich wichtig. Gerade weil wir unterschiedlich sind, unterschiedliche Aufgabenbereiche, Fähigkeiten und Verantwortungen haben. Eine alleinstehende Mutter, die mit viel Mühe für ihr Kind sorgt, ein älter gewordener Sohn, der sich um seine verwirrte und kranke Mutter kümmert - Warum sollten diese Ämter, wie Paulus sie nennt, diese Aufgabenbereiche, weniger wichtig sein als Pfarrer, Bischof oder Papst? Und bei dem allen gilt auch: Nicht jeder wird das Gleiche können. Auch die Kräfte und Möglichkeiten, etwas zu tun, sind nicht gleich. Gerade im Geist Gottes müssen wir uns immer wieder deutlich machen, dass Menschen gleich wichtig und gleich wertvoll sind, auch wenn sie alles andere als gleich sind. Sie sind nicht gleich stark, nicht zum Gleichen fähig, sie müssen und können auch nicht immer das Gleiche wissen, denken, fühlen und glauben. Wichtig ist, dass man die Ungleichheit nicht gegeneinander ausnutzt, sondern die ungleichen Fähigkeiten, die Gottes Geist schenkt, zusammenbringt und zusammen nützt. „In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller“, so drückt es Paulus aus. Und gerade im Bezug auf das Zusammenleben in der Gemeinde und auf Fähigkeiten, die eher geistliche und geistige sind, macht Paulus deutlich, dass es da im Sinne Gottes kein Oben und Unten, kein wichtig und unwichtig gibt. Dem einen ist’s gegeben von der Weisheit, dem anderen von der Erkenntnis zu reden. Weisheit, das hat viel mit praktischer Lebensklugheit zu tun, Erkenntnis eher mit Wissenschaft. Beides ist wichtig, aber keiner muss unbedingt beides zugleich sein, um wichtig zu sein. Erstaunlich finde ich, dass Paulus auch schreibt: „einem anderen ist Glaube gegeben in demselben Geist, einem andern die Gabe, gesund zu machen.“ Auch der glaube ist kein Verdienst langer und tiefschürfender Übungen, sondern ein Geschenk. Und scheinbar ist es auch für Gott in Ordnung, wenn nicht bei jedem und in jeder Lebenszeit der Glauben immer gleich stark und gleichgerichtet ist. Natürlich ist Glauben an Gott Grundvoraussetzung der christlichen Gemeinde. Aber es ist, auch im Sinn der verschiedenen Geistesgaben, völlig in Ordnung und für die Gemeinde belebend und bereichernd, wenn Menschen verschiedene Formen finden, ihren Glauben zu zeigen und zu leben. Dorns anders als Frau Eckhardt und Frau Brandenburger anders als Frau Oberländer. Manche sind eben auch im Glauben eine Art Vorbild, an dem sich andere orientieren können, andere haben andere gute Gaben. Wie vielleicht die Gabe, zur Gesundheit anderer beizutragen. Ich persönlich tue mich schwer, wenn es um Heilungen in Gottesdiensten geht. In vielen Pfingstgemeinden ist gerade das etwas Wichtiges: Das Menschen geheilt werden. Ich finde, dass Gebete ärztliche Kunst nicht ersetzen können und kein automatischer Gesundmacher da sind, wo Medikamente und Operationen versagen. Aber ich glaube auch, dass es wichtig ist, Gebet und Glaube nicht gering zu schätzen, wenn es ums gesund werden geht. Gerade die Aufzählung dieser Gabe des Gesundmachens als Geistesgabe macht auch deutlich, dass es Gott in seiner Leben schaffenden Kraft, dem Geist, nicht nur ums geistliche Wohl geht. Christliche Gemeinschaft ist immer auch dazu aufgerufen, sich mit den ganz konkreten Lebensumständen von Menschen zu befassen und sie, mit Gottes Hilfe, zu verbessern. Gottes Wille ist es, dass das Leben für alle gut wird.

Es geht nicht darum, mit seinen eigenen Gaben und Fähigkeiten möglichst zu glänzen, andere auszustechen und am Ende als der Beste, Angesehenste oder Größte dazustehen, sondern die eigenen Möglichkeiten zu entdecken und sie nicht nur für sich selbst, sondern für das Miteinander zu gebrauchen. Für ein Miteinander, das uns von Gott geschenkt ist. Du kannst was. Und mit dem, was du kannst, bist du wichtig. Das ist die Botschaft von Pfingsten. Du bist wichtig und wertvoll. Mit dem, was DU kannst. Und weil andere anderes können, musst du dich nicht für alles allein verantwortlich fühlen und es hängt auch nicht alles von dir allein ab. Es ist nicht schlimm, etwas nicht zu können. Es ist nur schlimm, zu glauben, nur dann gut zu sein, wenn man alles allein kann. Und es ist schlimm, wenn man aus Angst, nicht zu gelten, nur auf das schaut, was man nicht kann und darüber das übersieht, was man kann. Gottes Geist befreit zum Leben. Zum Leben als von Gott gewollter, geliebter Mensch. Mit ganz eigenen, wichtigen Fähigkeiten - und Lücken dabei. Zum Leben als Mensch in der Gemeinschaft mit anderen von Gott gewollten und geliebten Menschen, die in seinem Geist verbunden sind. Zum Leben als Mensch in Gemeinschaft mit Gott. Gehalten, gewollt auch da, wo eigene Fähigkeiten und eigene Kraft nicht reicht.

Amen