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Freitag, 6. Juni 2014

...mehr als ein Sommermärchen - Pfingstsonntag 2014, 08.06.14, Reihe IV

Nach langer Zeit mal wieder eine Sonntagspredigt: die erste in den Gemeinden meines Predigtauftrags in der Kirchengemeinde Dreihausen-Heskem, diesmal in Heskem und Roßberg. Und dann so ein Text... Das war nicht gerade mein Lieblingstext und es gibt sicher sehr viele "pfingstlichere" Texte!
Text: Römer 8,1+2+10+11 (Zürcher)


Liebe Gemeinde!
Wollen sie auch gern wissen, woran sie sind? Ich schon. Und ich glaube, viele wollen das. Ich habe das in der Schule erlebt. Obwohl ich jetzt seit 30 Jahren kein Schüler mehr bin, erinnere ich mich noch gut dran, dass mir Lehrer sehr lieb waren, die klare Ansagen gemacht und das dann auch durchgehalten und für alle gleich gehalten haben. Klare Ansage – klare Konsequenz. Im Guten wie im Schlechten. Und in den 20 Jahren, in denen ich selber unterrichtet habe, da habe ich auch gemerkt, dass Schülerinnen und Schüler einem nicht böse sind, wenn man klare Ansagen macht und die auch einhält. Wenn – dann. Und das für alle gleich. Ich erlebe das jetzt im Umgang mit Mitarbeitern, aber auch dann,  wenn es um Gesetze und Regeln geht. An die ich und andere sich im Alltag halten müssen. Wenn – dann: klare Aussage, das hilft, sich zurechtzufinden, das schafft Nachvollziehbarkeit und eine Form von Gerechtigkeit. Aber es zeigt Menschen dann auch ziemlich klar, was sie alles nicht können und nicht richtig machen. Und manchmal merkt man dann auch: So einfach ist das gar nicht, dass sich alles in Regeln fassen lässt. Es gibt nicht nur schwarz oder weiß, an oder aus, 1 oder 0. Die Welt ist weniger digital, statisch, vorhersehbar, planbar, als wir manchmal denken oder es gern hätten. Leben ist bunter, vielfältiger. Und „Wenn – Dann“, das lässt einen manchmal dann mit der Frage dastehen: „Ja, wozu gehöre ich eigentlich? Trifft das jetzt auf mich zu oder nicht?“
„Wenn – dann…“ – das will Klarheit, Gerechtigkeit, Nachvollziehbarkeit herstellen. Aber manchmal lässt es mich und jeden, der mit solchen Aussagen konfrontiert wird, mit Fragen zurück. Nicht alles lässt sich regeln.
„Wenn – dann…“ – manchmal lädt das aber auch zum Träumen ein. „Wenn ich erstmal konfirmiert bin, dann darf ich endlich abends auf die Kirmes“  - einer der Träume meiner Jugend. Heute sieht es vielleicht anders aus. Aber: „Wenn ich erstmal volljährig bin…., wenn ich erstmal einen tollen Beruf habe und richtig Geld verdiene…, wenn die Kinder endlich groß sind…,  wenn das Haus erstmal abbezahlt ist, …; wenn ich erstmal im Ruhestand bin…“ – Träume, Hoffnungen, Wünsche – Gott sei Dank lässt sich das nicht ausrotten. Schwierig wird es dann, wenn sie den Blick auf die Wirklichkeit verstellen und einen dazu verleiten, die Gegenwart, das was jetzt zu tun und zu lassen ist, zu vernachlässigen.
„Wenn – dann…“ – klare Ansage, klares Gesetz, das Menschen auch in Frage stellt oder Anlass zum Träumen? Was meint wohl Paulus, wenn er mit einigen „Wenn – Dann…“s an die Gemeinde in Rom schreibt? Wir hören einige Verse aus dem 8. Kapitel des Briefes an die Römer:

Lesen: Röm  8,1+2+10+11, Zürcher Übersetzung

Ich glaube, dass Paulus hier beides zusammenbringt: die klare Orientierung, die einem zeigt, wo’s langgeht und hilft, die aber auch manchmal anstrengend ist, weil sie auch zeigt, was auch bei mir nicht gut ist, wo ich mich anfragen lassen muss, ob das, was ich mache, richtig ist – und die Sehnsucht nach einer guten Zukunft. Der Traum von einem Leben, das wirklich gut ist, das noch nicht da ist, das aber mehr als nur ein Traum ist. „Wenn – dann“ – es ist noch nicht so weit, aber es kommt.
Leben ist spannend. Da ist einmal die Spannung,

Sonntag, 6. Februar 2011

Und was bleibt im Alltag? Tauferinnerungsgottesdienst mit Konfirmanden, 06.02.11

Rollenspielszenen zu Römer12,9-18 (wurde in der Basisbibelübersetzung gelesen)


1. Negativ Musik: Kollegah - Fanpost

a) Vers 12: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet

Spieler A: Hi, wie geht’s?

Spieler B: Frag bloß nicht! Und selbst?

Spieler A: Alles Mist! Dieses Jahr bleib ich bestimmt sitzen. Und überhaupt: Wofür lohnt sich’s noch zu leben? Ist doch nur Chaos! In der Stadt laufen immer mehr Dro-gensüchtige rum. Und ständig gibt’s irgendwo ne Prügelei. Und die Welt brauchst du dir doch erst gar nicht anzugucken! Echt übel. Krieg und Hunger und Terror. Da hilft auch beten nichts mehr!

Spieler B: Das ist doch sowieso Quatsch! Vor zwei Wochen ist ein Kumpel von mir gestorben. Leukämie. Ich hab so gebetet, dass der wieder gesund wird. Nützt doch nichts. Und dann hat auch noch mein Freund mit mir Schluß gemacht. Und lauter Lügen über mich erzählt. Jetzt redet keiner mehr mit mir. Ich bin das Leben so satt.

Spieler A: Das kannst du laut sagen!

b) Vers 18: Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden

(Spieler A und Spieler B kommen auf Spieler C und Spieler D zu)

Spieler A: Guck mal, wer da steht! Die können was erleben!

Spieler C: Na ihr Schlampen, dass ihr euch noch hierher traut!

Spieler B: Halt die Klappe, sonst tret ich dir..

Spieler D: Passt bloss auf, Streber! Ihr habt uns verpfiffen. We-gen euch kriegen wir ne 6 in der Mathearbeit!

Spieler A: Brauchst ja nicht abschreiben! In Deutsch hast du’s bei den Hausaufgaben nicht zugegeben und mir ne 6 reingewürgt! Wie du mir, so ich dir!

Spieler C: Ja und, du kannst dir’s leisten. Ich schaff jetzt den Abschluss nicht und die Lehrstelle ist weg!

Spieler B: Nicht unser Problem!

Spieler C: Ein Wort noch und...

Spieler A: Ihr könnt ja doch nur drohen, Schlappschwänze:

Spieler D: Wart’s ab...

(Alle bauen sich so voreinander auf als würden sie gleich los-schlagen)



2. Positiv Musik: Silberfee - Freundschaft

a) Vers 12: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet

SpielerA: Hi, wie geht’s?

Spieler B: Frag bloß nicht! Und selbst?

SpielerA: Alles Mist! Dieses Jahr bleib ich bestimmt sitzen. Und überhaupt: Wofür lohnt sich’s noch zu leben? Ist doch nur Chaos! Und die Welt brauchst du dir doch erst gar nicht anzugucken! Krieg und Hunger und Terror. Da hilft auch beten nichts mehr!

Spieler B: Denk ich auch manchmal! Vor zwei Wochen ist ein Kumpel von mir gestorben. Leukämie. Ich hab so gebe-tet, dass der wieder gesund wird. Aber dann denk ich wieder: Hey, ich leb noch! Und beim Beten, da kann ich wenigstens mal meine Gedanken ordnen. Und was los-werden, ohne dass mich einer ständig unterbricht oder sein eigenes Zeug quatscht. Dann merk ich irgendwie: da hört doch einer zu!

Und dann krieg ich wieder Lust, was zu tun! Jammern zieht einen doch nur runter! Wenn wir nicht anfangen, dann ändert sich nie was!

SpielerA. Dein Optimismus ist klasse! Hätte ich auch gern. Aber irgendwo hast du Recht. Wir sind nicht allein und wir leben. Und wir können was machen, damit’s besser wird.

Spieler B: Das kannst du laut sagen!


b) Vers 18: Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden

(SpielerA und Spieler B kommen auf Spieler C und Spieler D zu)

SpielerA: Guck mal, wer da steht! Die können was erleben!

Spieler C: Na ihr Schlampen, dass ihr euch noch hierher traut!

Spieler B: Halt die Klappe, sonst tret ich dir..

Spieler D: Komm, lass sein!

SpielerA: Ja, ist gut. War blöd, dass wir euch beim Abschreiben verpfiffen haben!

Spieler C: Das wir euch in Deutsch hängengelassen haben, war ja auch nicht so toll.

Spieler B: Dann sind wir ja quitt.

SpielerA. Ich glaub, wir gehen uns für ne Weile besser aus dem Weg!

Spieler D: Wenigstens können wir wieder normal reden!

Spieler B: Ist ja schon mal ein Anfang!


Wie gesagt, liebe Gemeinde, über Musik kann man unter-schiedlicher Meinung sein. Auch darüber, ob die Musik, die sich zwei Konfirmandinnen für diese Szenen ausgesucht haben, in den Gottesdienst gehört. Es wird niemanden wundern, dass ich denke, dass es geht, sonst hätte ich es ja nicht gespielt. Gerade in einem Gottesdienst, in dem es um die Taufe geht. Das ganze Leben gehört in den Gottesdienst – denn die Taufe betrifft ja den ganzen Menschen. Sie ist nicht nur was für die schönen Tage. Durch die Taufe will Gott sichtbar machen: Du gehörst ganz zu mir, mit deinem ganzen Leben. Und dazu gehört auch die Erfahrung, dass das Leben nicht immer nur gut und schön und heil ist. Und auch die Erfahrung, dass ich als Mensch, auch als getaufter Mensch, daran nicht immer unschuldig bin gehört dazu. „Kann man halt nichts machen, so ist das Leben, so bin ich!“ – Ja, so könnte eine Antwort sein. Aber wenn ich so lebe, dann ist die Taufe wirklich sinnlos.

Sonntag, 14. November 2010

It's the Hope, Stupid... - Hoffnung ist (fast) alles?!, Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 14.11.2010, Reihe II

Text: Römer 8,18-25
Liebe Gemeinde!


Können Sie sich an die Zeit vor 35000 Jahren erinnern? Kleine Gedächtnishilfe: damals entstanden die allerersten Höhlenmalereien. Mitten in der Steinzeit. Lange her. Natürlich jenseits unserer Vorstellungskraft. Aber in 35000 Jahren wird das Plutonium, das heute als Atommüll aus unserem Stromverbrauch eingelagert wird, immer noch lebensgefährlich strahlen. Menschen haben letztes Wochenende gegen diesen Müll demonstriert. Allein der Polizeieinsatz hat so viel Geld gekostet, dass 1600 Familien, die Hartz IV bekommen, ein Jahr lang davon unterstützt werden könnten. Jeden Tag verschwinden Regenwaldflächen von der mehrfachen Größe Marburgs für immer. Jeden Tag sterben in Eritrea, Somalia und Äthiopien unzählige Menschen an Hunger und vermeidbaren Krankheiten, weil dort Krieg geführt wird. Christen im Irak werden immer häufiger bedroht und umgebracht, die Welt schaut staunend zu, auch wir Christen in sicheren Ländern. Auch 65 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der Massenvernichtung von Juden und Andersdenkenden gibt es immer noch genügend Menschen, die Menschen mit jüdischer Religion als Unglück für unser Volk ansehen und die sich mehr oder weniger heimlich einen neuen Hitler wünschen, der für Ordnung sorgt. Keine Angst, ich habe die Predigt nicht mit den Fernsehnachrichten, mit hart aber fair, Anne Will oder Menschen bei Maischberger verwechselt. Es geht nicht um politische Propaganda. Es geht nicht darum, dass ich als Pfarrer jetzt erst mal allen sagen will, was richtig und was falsch ist. Es geht um das Erbe, das Paulus uns mit dem hinterlassen hat, was er an die Gemeinde in Rom lange vor unserer Zeit geschrieben hat. Als Christ, noch dazu als Pfarrer, bekomme ich öfter mal zu hören: „Weißt du, die Bibel, das ist doch was für das Privatleben. Eigentlich gar nicht mehr aktuell. Fürs stille Kämmerlein und die seelische Erbauung in schlechten Zeiten vielleicht gut.“ Das, was Paulus im 8. Kapitel des Römerbriefs schreibt, hat aber mit Rückzug ins stille Kämmerlein und mit Beschränkung auf die eigene Seele rein gar nichts zu tun. Er macht den Blick ganz weit. Es geht eben nicht nur um mich und meine Seele, um meine Familie, meine Kirche oder mein Land, mein Volk. Mit Jesus hat Gott ein Zeichen der Hoffnung für die ganze Schöpfung aufgerichtet. Die Hoffnung, die Erlösung, die Liebe, macht vor den Grenzen, die wir immer wieder gern ziehen, nicht halt. Seine Liebe, die Erlösung durch ihn, ist maß- und grenzenlos. Gott nimmt die Welt, die Schöpfung in den Blick. Und als Christ, als Mensch, der sich zu Jesus bekennt, der auf ihn seine Hoffnung setzt, kann ich deshalb die Augen nicht vor der Welt zu machen. Der Theologieprofessor und Pfarrer Karl Barth soll vor ungefähr 90 Jahren mal sinngemäß gesagt haben: als Pfarrer, als Christ, muss ich immer die Bibel in der einen und die Zeitung in der anderen Hand haben. Heute würde man vielleicht sagen, mit einem Auge muss ich in die Bibel und mit dem anderen ins Internet und ins Fernsehen schauen. Es geht darum, dass ich die Welt sehe, wie sie ist, wahrnehme, was in der Welt los ist. Denn diese Welt ist Gottes Welt. Diese Welt ist es, der Gott Erlösung verspricht. Nicht meine kleine, private Welt, in der ich es mir so einrichte, dass es mir passt. Wer mit offenen Augen, Ohren und Herzen in der Welt unterwegs ist, der hört ganz bestimmt eine Menge von dem Seufzen der Schöpfung, der bekommt etwas mit vom ängstlichen Warten darauf, dass sich endlich mal was zum Guten ändert. Und das ist ja nicht nur bei anderen und irgendwo in der Welt so. Auch im eigenen Leben gibt es manches, was Angst macht. Ich erspare mir, euch und ihnen mal, Beispiele aufzuzählen. Gott sei es geklagt, viel zu viel ist da, wo Erlösung dringend nötig ist. Aber ich glaube, über alle ganz persönlichen Probleme und Angstmacher hinaus gibt es zwei, drei Dinge, die grundlegend Angst machen und die Paulus in diesen Versen aus dem Römerbrief auch anspricht.

Da ist einmal die Erfahrung der Vergänglichkeit. Leben in dieser Welt hat ein sichtbares Ende. Und von Menschen, die für mein Leben wichtig sind, muss ich immer wieder Abschied nehmen. Und zuletzt sicher auch von dem Wunsch, ewig jung und kraftvoll bleiben zu können und ohne Leid leben zu können. Nichts von dem, was Menschen sich in ihrem Leben aufbauen, bleibt ewig.

Zum anderen ist da, und das hängt mit der Erfahrung der Vergänglichkeit zusammen, das Erleben des Gefühls von Überforderung und auch Resignation. Von mir selbst kenne ich ganz gut den Gedanken: „Ich muss anpacken, ich muss selbst dafür sorgen, dass das was wird.“ Und dann merke ich doch mehr oder weniger schnell, dass ich eben nicht jedem das geben kann, was er braucht und mich nicht für jedes Problem, das dringend ist, einsetzen kann. Manche wollen vielleicht auch die Hilfe, die ich anbieten kann, gar nicht. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wer sich nicht von vornherein gegen alles abschirmt und sagt: das geht mich nichts an, der wird heute mit einer solchen Fülle von Nachrichten, Eindrücken und Möglichkeiten bombardiert, dass es er sich schnell ganz klein und ohnmächtig fühlt und sich dann doch aus Frust, nicht alles, was wichtig ist, tun zu können, zurückzieht. Paulus verabreicht uns aber durch das, was er hier im Römerbrief schreibt, eine Art Frustschutzmittel.

Erstens erwartet er nicht von Christen, dass sie Super-männer und Superfrauen sind, die sich für alles einsetzen und perfekt sind. Wir stehen als Christen in einer Reihe mit der ganzen Schöpfung, die auf die Erlösung wartet. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes, schreibt er. Zweitens ist die Offenbarung der Herrlichkeit, das Ende aller Leiden, die Vollendung zum Guten nichts, was Menschen herstellen können. Auch noch so gute Christen nicht. Wir alle unterliegen der Vergänglichkeit. Alles, was wir tun und lassen ist vorläufig, nicht ewig. Wo das verwechselt wird, wo Menschen sich anmaßen, allein die Welt zum Guten bringen zu können, ist Diktatur und Unterdrückung nicht weit. Gottesstaaten, Führerstaaten, der Sozialismus mit menschlichem Gesicht – alle Versuche, als Mensch vollkommenes Glück, und sei es auch nur für das eigene Volk oder die eigene Glaubensgemeinschaft, herstellen zu wollen, scheitern und führen zu Gewalt, Maßlosigkeit und Unterdrückung. In Nord-Korea und im Iran, in China, früher in der Sowjetunion, erst recht in Deutschland zur Zeit der Nazis, aber auch in dem Gottesstaat, der vor fast 500 Jahren in Genf eingerichtet wurde oder bei den Verfolgungen von sogenannten Ketzern oder Hexen. Wo Menschen Erlösung herbeizwingen wollen bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke. Heute, am Volkstrauertag, wird vielerorts an die Opfer solcher Unmenschlichkeit, von Krieg, Nazidiktatur und Stalinismus erinnert. Zu Recht. Damit wir nicht ver-gessen, wohin es führt, wenn Menschen sich an Gottes Stelle setzen. Und sei es manchmal auch angeblich im Namen Gottes. Nicht ich, nicht wir müssen letzte Erlösung schaffen. Der zweite Teil des Frustschutzmittels Römerbrief.

Der dritte Teil ist die Hoffnung, von der Paulus erzählt. Die Hoffnung, dass die Herrlichkeit Gottes alle Leiden überstrahlt, nicht ungeschehen, aber erträglich macht. Die Hoffnung, dass wir und mit uns die Welt durch Gott von allem Leiden, von aller Vorläufigkeit und Vergänglichkeit erlöst wird. Eine Hoffnung, die manchmal dem widerspricht, was sichtbar ist. Hoffnung als Widerspruch gegen das, was als normal, als unabwendbar hingestellt wird. Ein, wie ich finde, schöner Gedanke. Auch bei dem, was offene Augen einem alles zeigen: die ungelösten Fragen beim Atommüll, Gewalt und Leid in Kriegen, Verfolgungen wegen des Glaubens, Menschen, die glauben, andere zu Menschen zweiter oder dritter Klasse machen zu müssen. Hoffnung als Widerspruch gegen das Sichtbare. Paulus macht uns Mut, so zu hoffen. Wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. So schreibt es Paulus. Hoffnung. Nicht, weil wir Träumer sind, die ihre Augen vor der Wirklichkeit zumachen. Sondern weil wir wissen, dass die Wirklichkeit, die Gott schenken wird, mehr bringt als das, was wir kennen und uns vorstellen können. Hoffen, nicht, in dem wir unsere Hände in den Schoß legen oder mit Gewalt unsere Hoffnung durchsetzen. Sondern in dem wir uns für das Leben, das Gott bereit hält, einsetzen. Ohne dabei unseren Willen mit Gottes Willen zu verwechseln. Was in 35000 Jahren sein wird, wissen wir nicht. Aber wir können heute Hoffnung leben und so Zeichen für das Leben setzen.



Amen

Sonntag, 7. November 2010

Ich bin... - Wirklich? Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 7.11.2010, Reihe II

Predigttext: Römer 14,7-9
Eingangsdialog

Lisa: Wer bin ich?
Marcel: Na, Lisa natürlich!
Lisa: Das weiß ich selbst! Aber wer bin ich eigentlich?
Marcel: Du bist fast meine Nachbarin und die Tochter von Sabiene Kellermann.
Lisa: Ja, schon klar. Aber das reicht doch nicht! Ich bin doch mehr!
Marcel: Also gut, von mir aus: du bist die Schwester von Maurice und Raphael, du bist Schülerin der Martin-Luther-Schule, du bist Konfirmandin…
Lisa: Das weiß ich doch, aber da muss doch noch mehr sein! Wer bin ich denn wirklich?
Marcel: Also, da kann ich dir jetzt auch nicht weiterhelfen. Wer du bist, wer soll das denn wissen, wenn du das nicht weißt?

Liebe Gemeinde!

Spinnereien von Jugendlichen, Haarspaltereien, Kleinkram – so kann man das Gespräch von Lisa und Marcel abtun. Typisch Pubertät, nicht mehr richtig Kind, längst noch nicht erwachsen, irgendwo dazwischen, da ist man halt verwirrt und fragt sich so komisches Zeug, wer man denn nun ist. Ja, als Erwachsener, da muss man im Leben stehen und wissen, wer man ist. Aber weiß ich wirklich, wer ich bin? Der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der im Konzentrationslager saß, weil er ein Attentat auf Hitler vorbereitete und der von den Nazis umgebracht wurde, hatte da auch als Erwachsener so seine Zweifel. Er schrieb an einen Freund: Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Wer bin ich? Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! Klar, auch bei ihm könnte man sagen: der hat halt im Gefängnis zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt und das KZ hat ihn unsicher gemacht. Als Erwachsener weiß man, wer man ist. Kann man sagen. Man. Ich nicht. Zu vielfäl-tig ist das, was mich zu dem gemacht hat, der ich im Moment bin. Und meine Eltern nehmen mich anders wahr als meine Frau. Meine Schüler anders als die Menschen im Altersheim, die ich besuche. Und was denke ich über mich? An Tagen, an denen alles klappt und ich net-ten Menschen begegne oft, dass ich ein ganz guter Kerl bin. Aber leider gibt’s auch andre Tage. Mit dem Ich ist das doch so eine Sache. Keiner von uns kommt als unbe-schriebenes Blatt zur Welt. Nicht nur genetisch geben uns unsere Eltern etwas mit. Und die Umgebung, in die wir hineinwachsen, lässt uns auch nicht unberührt. Niemand kann was für seine Eltern. Und trotzdem steht schon eine Menge auf unserem Lebensblatt, wenn wir die ersten Atemzüge außerhalb des Mutterleibes machen. Eine Menge können wir dann selbst auf das Blatt unseres Le-bens schreiben. Aber es ist schlicht falsch, einfach zu sagen: jeder ist seines Glückes Schmied und hat sein Schicksal selbst in der Hand. Wer bin ich also? Dietrich Bonhoeffer hat eine Antwort gefunden: Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! Eine Antwort, die eigentlich schon viel älter ist als die fast 70 Jahre, die der Brief von Bonhoeffer an seinen Freund auf dem Buckel hat. Paulus schreibt nämlich in seinem Brief an die Gemeinde in Rom im 14. Kapitel: Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Ja, keiner lebt sich selber. Hört sich altmodischer an, als es ist. Keiner lebt, weil er das für sich selbst entschieden hätte, aus eigenem Antrieb und aus eigenem Willen. Und keiner lebt für sich allein. Binsenweisheiten. Aber es tut gut, sich immer mal wieder klar zu machen, dass es weder mein Verdienst noch meine Schuld ist, dass ich lebe. Und das alles, was ich tue oder lasse, auch Auswirkungen auf andere hat. Ich kann andere zum Lachen oder zum Weinen bringen, ich kann ihnen Gutes tun oder schaden. Selbst Gleichgültigkeit kann manchmal gut tun, wenn sie dem anderen zeigt: mach ruhig, was du für richtig hältst. Gleichgültigkeit kann aber auch schaden, weil eine eigentlich nötige Hilfe nicht geleistet wird. Keiner lebt sich selber – und keiner stirbt sich sel-ber. Scheinbar ganz banal: jeder Tod hat Auswirkungen auf das Leben von anderen, und sei es vielleicht auch nur dadurch, dass ein Platz in einem Seniorenheim frei wird, wenn keiner da ist, der wirklich trauert. Aber hinter beidem, hinter keiner lebt sich selber und hinter keiner stirbt sich selber steckt sehr, sehr viel mehr. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Dem Herrn leben, Gott zu leben, das heißt nicht, dass wir mit unserem Leben Gott dadurch eine Freude machen sollen, dass wir immer schön dass machen, wovon andere sagen, dass Gott es so will. Dem Herrn zu le-ben, das heißt, Gott die Ehre zu geben. Und zwar dadurch, dass wir unser Leben wirklich als unser Leben annehmen. Dadurch, dass wir die Verantwortung annehmen, die Gott uns für unser Leben gibt. Und dass wir daraufhin leben, der oder die zu werden, den oder die Gott in uns sieht. Typisch komplizierter Kling-Böhm-Satz, denken manche vielleicht mal wieder. Dem Herrn, also Gott, zu leben, das heißt erstmal, kein anderer sein zu wollen und Verantwortung für das Leben nicht abzuschieben. Eigentlich Trost und Freiheit. Ich bin was wert, auch wenn ich die Erwartungen meiner Eltern oder meiner Kinder, je nach Blickwinkel, nicht erfülle. Ich bin ein Christ, auch wenn ich nicht alles mache, von dem andere sagen, dass es unbedingt dazugehört. Wir leben nicht, um vor anderen gut da zu stehen, wir leben nicht, um von anderen geliebt zu werden, sondern um selbst zu lieben. Die Menschen und Gott. Wir leben, weil wir geliebt werden. Von Gott. Paulus schreibt seine Be-trachtung über das Leben und Sterben in einem ganz kon-kreten Zusammenhang. Ganz verkürzt könnte man sagen: es ging unter anderem darum, ob ich als Christ Fleisch essen darf oder nicht. Keiner von euch steht höher als der andere, schreibt Paulus dann. Jeder steht mit seinem Glauben und seinem Leben vor Gott. Jeder muss sich für sein Leben, für seinen Glauben verantworten. Gott schenkt uns Freiheit, und wenn du daraus ableitest, dass es keine Gebote über das Essen gibt, dann iss das Fleisch mit gutem Gewissen. Aber du hast es doch nicht nötig, andere zu provozieren. Wenn solche dabei sind, die sich dadurch angegriffen fühlen, dann halte dich ruhig auch mal zurück. Das sind doch alles vorletzte Dinge. Mach nichts wichtiger als es ist. Und wenn es für dich wichtig ist, kein Fleisch zu essen, dann akzeptiere auch, dass es für andere anders sein kann. Vor Gott muss sich der andere verantworten, nicht vor dir! Gelassenheit im Glauben, Gelassenheit im Umgang miteinander. Gelassenheit, nicht Gleichgültigkeit. Gelassenheit, aus der Liebe wachsen kann. Weil ich weder mich noch den anderen ständig umformen muss, sondern weil ich mich und mein Leben ganz Gott anvertrauen darf und weiß, dass der der andere das auch darf. Auch dann, wenn er ganz anders ist als ich. Ich glaube, dass diese Denkweise bis heute wichtig und leider immer seltener anzutreffen ist. Viel zu viel Energie wird aufs Rechthaben verschwendet und die fehlt dann beim rechten Handeln. Wer bin ich nun also? Da kann ich keine Antwort drauf geben. Niemanden. Denn die Frage kann nie abstrakt einfach so beantwortet werden. Immer nur in Beziehung. Wer bin ich – für mich, für meine Freunde, für meine Familie, für die Gemeinde, für den Menschen, der mir morgen früh begegnet? Und die Antworten werden ver-schieden ausfallen. Wer bin ich – am Ende lässt sich das nur von Gott beantworten. Niemand von uns überblickt sein Leben, sein Tun und Lassen, die Konsequenzen davon ganz und gar. Wer bin ich – ein Mensch. Dessen Leben einen sichtbaren Anfang und ein sichtbares Ende hat. Dessen Leben aber vor Gott und für Gott mehr ist als diese sichtbare Zeitspanne. Ein Mensch mit Freiheit und Verantwortung. Ein Mensch, der sich auf das verlassen darf, was Paulus auch schreibt: Dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über tote und Lebendige Herr sei. Gott lässt uns nicht im Tod, nicht in unserer Schuld stehen. Gott wird uns vor unser Leben, vor unsere Verantwortung, vor das Gelungene und vor die Schuld stellen. Wir werden die Konsequenzen sehen. Aber wir können sie tragen, weil Gottes Liebe, die er uns in Christus gezeigt hat, uns trägt. Wir können leben. Wir müssen dabei nicht ein anderer werden, sondern wir dürfen wir selbst werden. Weil Gott mein Leben will. Weil Gott mein Leben hält. Mein Leben. Und nicht ein fremdes Leben, das ich vorspiele, um anderen zu gefallen.
Amen

Sonntag, 26. September 2010

Keine Gebrauchsanweisung zum Glauben - 17. n. Trinitatis, 26.09.2010, Reihe II

Text: Römer 10,9-17
Übersetzung: Neues Leben



Liebe Gemeinde!

Eine kleine Reise in die Zukunft. Nicht besonders weit, nur bis zum 8. Mai 2011. Dann wird, so Gott will und wir leben, hier in der Thomaskirche der Konfirmationsgottesdienst gefeiert. Die Konfis, die dann da stehen, werden auf die Frage, ob sie an Gott glauben und ob sie bereit sind, mit Jesus Christus zu leben, mit „Ja“ antworten. Mit dem Mund bekennen sie. Klar, es wäre ja auch peinlich, wenn im wirklich allerletzten Moment das schöne Fest abgesagt werden müsste. Aber ob wirklich alle im Herzen glauben, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wie Paulus es als Grundvoraussetzung einer rettenden und guten Beziehung zu Gott beschreibt? Nicht nur manche Erwachsene, sondern auch Mitkonfirmanden sagen: „Der Sowieso macht‘s doch nur wegen der Geschenke!“ Oder: „Die Andrername macht’s nur, weil ihre Mutter das will und weil die Freundin auch dabei ist!“ Aber welcher Mensch kann schon ernsthaft ein Urteil über den Glauben eines anderen fällen? Wir sehen das Verhalten. Wir hören das, was Kinder, Jugendliche und Erwachsene sagen. Wir ziehen Schlüsse daraus. Wir bilden uns ein Urteil. Manchmal ist es sicher richtig. Manchmal ist es knapp und manchmal total daneben. Das liegt nicht nur daran, dass wir Menschen nie vollständig in einen anderen hineinsehen können und ihn wirklich gerecht und richtig beurteilen können. Das liegt nicht nur daran, dass wir alle unsere Grenzen haben und alle dazu neigen, andere nach dem zu beurteilen, was wir für uns als richtig erkennen. Es liegt vor allem, dass der Glauben an Gott keine mechanische und vorhersehbare Angelegenheit ist, sondern höchst lebendig. Glauben passiert im Leben. Und Leben ist kein Stillstand, sondern es wächst. Es verändert sich mit den Menschen, denen wir begegnen, mit den Erfahrungen, die wir machen. Dort, wo sich immer wieder so viel Neues ergibt, kann Glauben nicht vorhersehbar sein, sondern er entwickelt sich, er lebt. Weil wir Menschen leben, vor allem aber, weil wir an einen lebendigen Gott glauben. Glauben ist lebendig und dynamisch. Das ist das Eine. Das Zweite hängt damit zusammen. Glauben ist etwas zutiefst Persönliches. Im Glauben geht es um mich und Gott. Niemand kann mich vertreten, außer Jesus. Menschen können Spuren legen, können mir helfen, wenn ich müde werde, zweifle oder verzweifle, wenn ich nach einem Anfang suche. Eltern und Paten können bei der Taufe ganz ehrlich und mit bestem Gewissen versprechen, dass sie dem Kind helfen wollen, einen Weg zum Glauben zu finden. Und sie können in der Erziehung alles dafür tun. Aber glauben muss das Kind dann selber. Und weil jedes Leben anders ist, entwickelt sich auch jede Beziehung zu Gott ganz besonders – oder sie entwickelt sich vielleicht gar nicht oder sehr spät oder ganz anders. Und jetzt kommt noch etwas Drittes dazu. Obwohl Glaube so persönlich ist und so dynamisch und lebendig, bleibt er doch nicht nur auf mich beschränkt. Wenn ich Jesus wirklich als den Herrn bekenne, dann hat das auch Auswirkungen auf meinen Umgang mit Politik, mit den Menschen um mich herum, mit der Art, wie ich in meinem Stadtteil, in meiner Schule, in meinem Betrieb arbeite, lebe, mich engagiere.

Zu kompliziert für den Sonntagmorgen? Vielleicht. Aber das ist keine Erfindung von mir, sondern das sind genau die Fragen und Beobachtungen, die Paulus schon vor knapp 2000 Jahren gehabt und gemacht hat und über die er hier schreibt. Paulus muss feststellen: obwohl Gottes Wort und seine Liebe für alle Menschen, Juden und Nichtjuden, da ist, und obwohl er, der er sich ja selbst als Juden versteht, alles tut, dieses Wort gut und richtig weiterzusagen, kommt es nicht bei allen gleich an und weckt nicht überall die Sehnsucht, Jesus als den Retter zu bekennen.

Es gibt kein vorhersehbares Gesetz, wie Menschen zum Glauben kommen. Keinen Weg, der für alle gleich und richtig ist und an dessen Ende garantiert der Glauben steht. Paulus schreibt keine garantiert wirksame Ge-brauchsanleitung für den Glauben, sondern eine Einla-dung, es mit dem Glauben zu versuchen.

Wer mit dem Mund bekennt, dass Jesus der Herr ist, wird gerettet. Das schreibt Paulus. Glauben fordert Mut. Den Mut, dazu zu stehen und es auszusprechen, nicht nur für sich zu behalten, dass Jesus der Herr ist. Das ist schon ein großer Schritt. Sich nicht zu verstecken, sondern zu etwas zu stehen. Macht angreifbar. Glauben ist eben nicht unbedingt das, was allgemein als cool gilt. Aber was heißt das eigentlich, „Jesus ist der Herr“? Herr ist derjenige, vor dem ich wirklich höchsten Respekt habe. Herr ist derjenige, dem ich mein Leben anvertraue. Wenn ich Jesus als den Herrn bekenne, dann erteile ich dem eine Absage, der mir weismachen will, dass sich der Wert eines Lebens nach der Schule oder der Uni bemisst, die ich besucht habe. Oder nach dem Geld, über das ich verfügen kann. Oder nach der Logik, dass ich Schwächere gnadenlos ausnutzen darf, wenn sie sich nicht wehren. Jesus steht für die versöhnende Liebe, mit der Gott Menschen begegnet. Schuld wird vergeben und nicht aufgerechnet. Hilfe bekommt der, der sie braucht – unabhängig von Nationalität, Bildung, Glauben, Reich-tum. Dafür steht Jesus. Nicht für die Abgrenzung, sondern für die Liebe zu allen Menschen. Hier wird Glauben enorm politisch. Liebe heißt nicht, die Augen davor zuzumachen, dass es Menschen gibt, die kriminell sind, die ihren Glauben missbrauchen, die Hass säen. Liebe heißt, die Probleme zu sehen, den Menschen zu sehen und nicht ganze Nationalitäten oder Men-schengruppen für die Taten einzelner verantwortlich zu machen. Jesus als den Herrn zu bekennen heißt eben auch, Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen und dort, wo ich es kann, für Gerechtigkeit einzutreten. In der Schule, im Berufsleben, im Stadtteil, in der Nachbarschaft - aber eben auch im größeren Maßstab. Das kann nicht jeder. Aber jeder kann die, die das tun, unterstützen.

Wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet und von Gott gerecht gesprochen werden, so heißt es bei Paulus weiter. Im Herzen glauben – heute denkt man, da käme es auf das Gefühl an. Aber als Paulus das geschrieben hat, war das Herz nicht der Sitz des Gefühls, sondern auch des Verstandes. Das Zentrum des Menschen. Vielleicht kann man es heute ja auch so übersetzen Wenn du drüber nachgedacht hast und es ganz und gar spürst, dass es für dein Leben wichtig ist: Gott hat Jesus nicht tot gelassen, sondern er lebt, dann wirst du gerettet. Vielleicht auch nicht leichter zu verstehen. Ich gebe es zu. Gott ist stärker als der Tod, das ist die entscheidende Botschaft. Jesus ist mehr als ein netter Lehrer, in ihm begegnet uns Gott selbst. Dein Leben hat eine Perspektive, nämlich die, das mit deinem Tod nicht alles aus ist. Die Angst vor dem Versagen soll dich nicht lähmen, sondern du kannst schon jetzt etwas von dem umsetzen, was an Liebe und Vergebung und Gerechtigkeit von Jesus vorgelebt wurde. Darum geht es. Das ist die Rettung. Die Rettung aus der Angst, zu versagen, aus der Angst, nicht gut genug zu sein. Aus der Angst, dass wir für alles allein sorgen müs-sen. Aus der Angst, nicht genug zu bekommen und des-halb anderen was wegnehmen zu müssen. Gott hat uns durch Jesus und durch seine Auferstehung viel mehr ge-geben, als wir uns vorstellen können. Deshalb können wir schon jetzt leben – ohne Angst.

Tja, wenn das so einfach wäre. Wie gesagt, Paulus macht auch die Erfahrung, dass diese frohe Botschaft nicht von allen gehört wird. Oder werden will. Er merkt auch, dass manche dem, was erzählt und vorgelebt wird, Vertrauen schenken und es mit dem Glauben wagen. Andere aber nicht. Und er merkt immer wieder, dass der Glaube le-bendig ist. Glauben ist keine einfache Linie, die immer nur nach oben zeigt. Es gibt Einbrüche, Abbrüche, Neu-anfänge. Paulus schreibt, dass das Bekennen und der Glauben Hören und Verkündigen brauchen. Glauben wächst, wo das lebendige Wort Gottes gehört und ver-kündigt wird. Damit ist aber wohl nicht gemeint, dass man einfach nur in Konfer oder bei der Sonntagspredigt gut zuhören müsste, und schon fängt der Glauben an zu wachsen. Hören, so, wie Paulus es versteht, ist mehr als nur stillsitzen und zuhören. Es ist mitdenken, mitmachen, ausprobieren. Es ist etwas Aktives. Und verkündigen ist mehr als nur ein paar schlaue Sätze sagen. Es heißt auch: vorleben, da sein, ansprechbar sein, auf Fragen reagieren. Ohne beides geht es nicht. Ohne Vorbilder, ohne eigenes Tun. Aber eine Garantie, dass das reicht und dass das klappt, gibt es auch nicht. Glauben ist ein Abenteuer. Deshalb freue ich mich, wenn Jugendliche abenteuerlustig und es probieren. Konfer, Gottesdienste, dass sind kleine Schritte, mehr nicht. Wie ernst sie gemeint sind, wohin sie führen: da können wir nur Gott vertrauen. Und uns Erwachsenen geht es doch oft ähnlich. Glauben ist ein Geschenk, das das Leben schöner macht. Weil er hilft, auch mit den dunklen Seiten im Leben, bei mir zurechtzukommen. Weil er hilft, auch bei anderen nicht nur das Dunkle zu sehen, sondern Hoffnung zu behalten. Über die Zeit, die uns hier gegeben ist, hinaus. Aber es ist ein Geschenk, das man manchmal ziemlich weit nach hinten ins Lebensregal stellt. Gut, dass Gott es uns nicht wegnimmt und wir es immer wieder nach vorne holen dürfen. Gut, dass es andere, die uns begegnen, manchmal nach vorne stellen. Gut, dass die Konfirmanden genauso wie jeder andere Erwachsene dieses Geschenk bekommen. Was daraus wird, wann ein Mensch es auspackt – das dürfen wir nicht nur in Gottes Hand legen, das müssen wir sogar dort hinein geben. Sonst wird aus seiner Einladung menschlicher Zwang und nicht göttliche Gnade.



Amen

Freitag, 13. Juni 2008

Ist Christsein unmenschlich? 4. Sonntag n. Trinitatis, Reihe VI

Text: Römer 12,17-21

Liebe Gemeinde!
Ein Mann verlässt seine Familie. Die Frau muss sehen, wie sie die zwei Kinder durchbringt, Unterhalt kommt nur selten an. Frau und Kinder waren dem Mann zu anstrengend, er hat sich eine jüngere Freundin gesucht. Die Geburtstage der Kinder vergisst er meistens. Und wenn er mal anruft, ist er meist besoffen und beschimpft die Exfrau und die Kinder. Die Kinder gehen ihren Weg, kriegen einen Job, verdienen Geld. Der Mann hat einen Unfall. Im Suff. Er wird zum Pflegefall, die Freundin verlässt ihn, Hintern abwischen, das ist nicht ihr Ding. Der Pflegedienst findet die Telefonnummer der Kinder, ruft an: „Ihr Vater braucht dringend Hilfe. Und außerdem reicht das Geld nicht. Als Verwandte ersten Grades sind sie zur Hilfe verpflichtet.“ Wie weiter? „Der Alte hat sich nie um uns gekümmert, lassen sie uns in Ruhe, soll er doch verrecken! Wenn wir was zahlen, dann nur über das Gericht!“ Oder: „Wir kommen, schauen es uns an und wenn’s nötig wird, helfen wir.“ Was ist menschlich? Was ist christlich?

Zwei Schüler, 8. Klasse. Der eine mobbt und prügelt den anderen. Der, der gemobbt wird, verliert die Lust an der Schule. Irgendwie schafft er doch seinen Abschluss, kriegt eine Lehrstelle. Und in der neuen Umgebung blüht er auf, wird nach einer Zeit mitverantwortlich für die Auswahl der Bewerber um Hilfsarbeiten. Der andere rutscht ab, schlägt sich irgendwie mit Diebstählen durch. Er ist oft vor Gericht, der Richter gibt ihm noch eine Chance: „Wenn sie eine feste Arbeit finden, kriegen sie Bewährung, sonst geht’s in den Knast.“ Er hat zig Absagen. Seine letzte Chance ist die Firma, in der ausgerechnet sein altes Opfer über die Einstellung von Hilfsarbeitern entscheidet. Pech gehabt? Oder kriegt er die Chance? Was ist menschlich? Was ist christlich?

Klar, menschlich sehr verständlich ist es, den Vater links liegen zu lassen und dem Mobber den Job nicht zu geben. Aber ist das auch christlich? Der Römerbrief, und nicht nur er, legt ja nahe, dass ein christliches Verhalten anders aussieht. „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen, wenn ihn dürstet, gib ihm zu trinken“ - erhalte die Lebensmöglichkeiten deines Feindes! Und „Rächt euch nicht selbst, überlasst das Gott“. Paulus beruft sich dabei erstmal gar nicht auf Jesus, sondern macht durch Zitate aus dem Alten Testament deutlich, dass es auch vor Jesus nicht nur nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ zuging. Unmöglich, so zu reagieren? Die menschliche Sehnsucht nach scheinbar gerechter Vergeltung und Rache ist da. Auch bei mir. Ich kann nicht dafür garantieren, dass ich Menschen, die mir übel mitgespielt haben, mit einer solchen Größe begegne. Ist Christsein also unmenschlich? Wird da was von uns Menschen verlangt, was wir gar nicht leisten können?

Man könnte diesen Eindruck manchmal haben. Vor allem dann, wenn man das, was Paulus hier und an anderen Stellen schreibt, und das, was Jesus an vielen Stellen in den Evangelien über den menschlichen Umgang miteinander sagt, als Katalog nimmt, den man abarbeiten muss, um ein guter Mensch und ein guter Christ zu sein. Wir können einen solchen Katalog an guten Taten gar nicht abarbeiten. Ganz schnell werden wir merken: heute hatte ich aber doch schlechte Gedanken über jemanden, der mir übel mitgespielt hat. Heute habe ich aber doch jemanden geärgert oder hab irgendwo, wo ich hätte helfen können, nicht geholfen. Heute habe ich geschwindelt oder gar gelogen. Wir werden scheitern, wenn wir Glauben und Christsein als eine Art Abarbeiten von Forderungen verstehen, bei der am Ende geprüft wird, wie viel richtiges und wie viel falsches Verhalten da war. Das Gute am christlichen Glauben ist, dass er keinen Druck aufbauen will und das Leben als Testfall sieht, den man bestehen muss oder eben nicht, sondern dass er Druck aus dem Leben nehmen will und das Leben als Ernstfall sieht, in dem man auch die Erfahrung von Scheitern macht und wissen darf, dass auch das Scheitern nicht dazu führen muss, aus dem Bereich des Guten hinauszufallen. In Jesus Christus hat Gott deutlich gemacht, dass Vergebung, Neuanfang, Umkehr von falschen, lebensfeindlichen Wegen seine Geschenke an uns sind.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Das ist für mich der wichtigste Satz aus unserem Predigttext und auch ein wirklich wichtiger Satz über die Stärke und die Möglichkeiten, die der Glauben an Jesus Christus eröffnet.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden - es gibt das Böse. Nicht als Teufel in Person, der mit Gott um die Seelen der Menschen kämpft und als Gegenspieler Gottes Macht über uns hätte. Aber als menschliche Wahrheit, als Energie und Antrieb, die sich immer wieder in einzelnen bösen Taten zeigt. Wie schlimm und folgenreich für andere die bösen Taten im Einzelnen sind, das kann sehr unterschiedlich sein. Das Böse ist gar nicht zuallererst der Mord oder solche Beispiele wie zu Beginn der Predigt. Das Böse kann manchmal sehr banal sein. Für mich beginnt das Böse da, wo ich in einem Spiel bewusst schummle. „Sollen sich die anderen doch an die Regeln halten, wenn’s keiner merkt und ich davon einen Vorteil habe, ist es doch gut!“ Das schadet dem andern ja nicht wirklich, aber auch da zeigt sich eben, dass ich den anderen nicht ernst und nicht wichtig nehme, dass ich nur mich und meinen Vorteil im Auge habe. Das Böse zu tun, das ist oft der leichtere Weg. Es ist anstrengender, fair zu spielen und notfalls eben auch den anderen gewinnen zu lassen. Es ist anstrengend, nicht mitzumachen, wenn über andere gelästert wird und man am Ende noch in Verdacht gerät, den, über den gelästert wird, nett zu finden. Es ist anstrengend, die Augen und den Mund auf zu machen, wenn Menschen gewalttätig werden. Augen zu, Ohren zu, Klappe halten - notfalls mitmachen, mitbetrügen, den eigenen Vorteil um fast jeden Preis suchen - das ist viel leichter. Es kostet Kraft, eben weil es nicht als der Normalfall angesehen wird. Du bist doch blöd, dass du bei der Steuererklärung ehrlich bist, dass du in der Pizzeria sagst, wenn dir ein Getränk nicht berechnet wurde, wenn … - Kleinigkeiten, sicher. Aber das Böse beginnt da, wo nur ich selbst und mein Vorteil im Mittelpunkt steht - und wo der Mitmensch und Gott dadurch verloren werden.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem!“ Es geht darum, sich nicht vor dem Bösen wegzuducken, sich vom Bösen überrollen zu lassen, sondern sich in den Weg zu stellen, aufzustehen gegen die Macht des Bösen. Aufstehen kostet mehr Kraft als Sitzenbleiben. Und, wie schon gesagt, keiner von uns ist immer nur gut. Paulus ist Realist. Er glaubt nicht, dass wir von allein genug Kraft hätten, immer nur gut zu sein. Das wird schon da deutlich, wo er schreibt: „Ist’s möglich, haltet mit allen Frieden, jedenfalls soweit es an euch selber liegt.“ Es geht nicht um den Frieden und das Stillhalten um jeden Preis. Und es ist auch im Blick, dass selbst beim besten Willen die eigenen Kräfte, gut zu sein und Frieden zu halten, schnell zu Ende gehen. Wir können nur deshalb gut sein und dem Bösen widerstehen, weil wir am Guten Selbst, an Gott, an Jesus Anteil haben. In Jesus hat Gott den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt, von Rache durchbrochen. Er hat auf jede Rache verzichtet und sich auch denen zugewendet, die schuldig sind und es nicht verdient haben. Und so wird es möglich, umzukehren. Wenn ich immer noch eins draufsetzen muss, wenn ich jede Beleidigung mit einer Gegenbeleidigung beantworte - wann soll dann Frieden einkehren? Gott geht in Jesus den anderen Weg. Und er nimmt uns, sichtbar durch die Taufe, mit hinein in diese Kraft des Guten. Nicht so, dass Getaufte plötzlich die perfekten Menschen wären. Ob jemand sich anständig verhält oder nicht, ist keine Frage des Getauftseins. Aber die Taufe macht greifbar, dass man zum Bereich des Guten gehört. Dass Gott auch bei mir auf Vergeltung und Rache verzichtet und dass ich auch dann umkehren kann, wenn ich alles andere als gottgefällig lebe. Die Taufe verliere ich nicht. Die Verbindung zu Jesus, zum Guten bleibt. Niemand weiß, was im Lauf eines Lebens passiert. Karina, die wir heute getauft haben, wird vielleicht auch in ihrem Leben Zeiten erleben, in denen Das Böse mächtig ist und sie fast überrollt. Aber trotzdem behält sie ihren Teil am Guten, der ihr die Kraft geben will, aufzustehen und das Böse zu überwinden. Du musst dich nicht überrollen lassen, du kannst aufstehen. Jederzeit. Du, Karina, du Anna, du, Michelle, du, Jaqueline, du, Johann, Herr Dorn, Frau Surkau, Frau Zimmermann, Ulrich Kling-Böhm. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem - du kannst das, weil du zu mir, zu Gott, gehörst. Ich wünsche uns allen, dass wir erleben, wie stark wir sind. Nicht dadurch, dass wir andere klein machen. Sondern dadurch, dass wir mit Gottes Hilfe anderen helfen zu entdecken, dass Stärke gerade darin liegt, dem anderen Menschen zu helfen, Lebensmöglichkeiten zu entdecken. So, wie Gott uns in Jesus Leben dadurch geschenkt hat, dass er auf Gewalt, auf Rache verzichtet hat und so uns alle, die wir nicht nur gut sind, zum Leben befreit hat.

Amen.

Mittwoch, 28. Mai 2008

Schöne Aussichten?! - Predigt Exaudi, 4. Mai 08

Text: Römer 8,26-30

Liebe Gemeinde!

„Lass mal, Mutter, ich nehme dir das schon ab!“ Natürlich kann die alt gewordene Frau nicht mehr so schnell mit Einkaufstaschen die Treppe hoch wie früher. Und natürlich meint es die Tochter nur gut. Aber ich glaube, dass solche Sätze einen Stich versetzen können. Da wird selten gehört: „Du darfst dich jetzt mal ausruhen, das hast du dir verdient!“ Viel öfter glaubt man: „Du bist zu alt, zu schwach, du kannst nicht mehr mithalten!“ rauszuhören. Auch wenn’s nicht so gemeint ist. Als Kind und Jugendlicher muss oder musste man hören: „Das kannst du noch nicht, du bist zu jung, zu klein, werde erstmal was!“ Und dann als alter Mensch: „Das kannst du nicht mehr, du bist zu schwach, du hast das Beste doch hinter dir!“ Ausgesprochen oder unausgesprochen. Falls sich jetzt jemand dran stört, dass ich von Alten und alt gewordenen rede: Ich mag die modernen Umschreibungen nicht. Senioren, Best-Ager, Generation „Silberne Kirche“ - was für ein Quatsch! Als ob Alter eine Krankheit wäre, die man verstecken müsste und die unanständig wäre! Es ist keine Schande, alt zu werden, sondern es hat was mit Würde und Gnade zu tun. Es ist nichts, was versteckt werden muss, sondern Teil des Lebens. Und genauso gehört es auch dazu, Kindern und Jugendlichen zuzugestehen, dass sie nicht alles können und kennen müssen. Und als Erwachsener im sogenannten „besten Alter“ irgendwo zwischen Anfang 20 und Ende 50, da macht man sich doch auch was vor, wenn man glaubt, immer stark sein zu müssen und stark sein zu können. Wirklich stark ist nur der, der auch Schwächen eingestehen kann. Auch darum geht es hier im Römerbrief. Wenn Paulus schreibt: „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf. Wir wissen nicht, was wir beten sollen. Der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen vor Gott“ dann meint Paulus nicht, dass wir Menschen völlig minderwertige Wesen wären, die selbst zum Beten zu dumm wären. Sondern er macht Mut nicht aufzugeben. Und es auch mit dem Gebet immer wieder zu wagen, Gott anzusprechen. Trotz aller Schwäche, die wir in jedem Alter immer wieder mal spüren. Eine Schwäche, die wir alle haben, ist die, dass wir natürlich nicht allwissend sind. Uns fehlt manchmal der Überblick. Und deshalb ist es schwer, das Richtige zu beten, zu bitten, zu sagen.

Und manchmal ist es nicht mangelnder Überblick, der uns die richtigen Worte nicht finden lässt, sondern echte Sprachlosigkeit. Um was kann ich denn Gott wirklich bitten, wenn ich an die unvorstellbaren Vorgänge von Gefangenschaft, Missbrauch, Lüge und Täuschung in Amstetten in Österreich denke? Aber auch, wenn man gar nicht zu solchen Extremfällen geht: Mir fehlen oft genug die Worte, wenn ich sehe, wie Menschen unter anderen leiden müssen. Oder wenn ich sehe, wie Menschen auf Kosten anderer leben. Wie arrogant die einen den anderen das Menschsein absprechen können. Und dann das Gefühl oder das Wissen, selbst nicht das Richtige getan zu haben oder dass man etwas besser hätte lassen sollen, aber der Versuchung nicht widerstehen konnte. Schwäche und Hilflosigkeit hat nicht nur was mit noch nicht ausgereiften oder schwindenden körperlichen Kräften zu tun. Auch Schwäche und Hilflosigkeit vor Gott.

Was Paulus hier deutlich macht ist, dass Gott uns sozusagen ein legales Doping verabreicht. Gott hat einen Übersetzer, der unser Gestammel oder unser Schweigen ins rechte Licht rückt und der dem, was wir nicht ausdrücken können, bei Gott Ausdruck verleiht. „Geist“, so nennt ihn nicht nur Paulus. „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“, so schreibt er. Damit ist kein Gespensterwesen gemeint, das uns aus dem Totenreich oder woher auch immer ungeahnte Kräfte verleihen würde. „Geist“, das ist die Leben spendende und Leben erhaltende Kraft, mit der Gott mitten in dieser Welt gegenwärtig ist. „Geist“, das ist die Kraft Gottes, durch die die Beziehung von Gott zu uns Menschen und von uns Menschen zu Gott lebendig erhält. Auch Jahrtausende nachdem Gott seinen Bund mit dem Volk Israel geschlossen hat und zweitausend Jahre, nachdem dieser Bund durch Jesus Christus weiter gemacht worden ist. Auch dann, wenn wir schwach sind und uns Worte fehlen, sind wir durch diese lebendige Kraft mit Gott verbunden.

Gott will uns Menschen aus unseren Zweifeln, Ängsten, aus unserem Gefühl, nicht genügen zu können, befreien. Der Alltag der Christen in Rom vor beinahe 2000 Jahren hat sich in einem sicher nicht von unserem Alltag in Marburg heute unterschieden: Auch wer noch so fest an Gott glaubt, der wird die Zweifel nicht los, dass er vielleicht doch nicht alles richtig machen wird. Auch wer noch so fest an Gott glaubt, der wird die Erfahrung machen, dass es Momente gibt, in denen man sich fragt, ob Gott überhaupt noch da ist. Und der wird die Erfahrung machen, dass es Menschen, die mit Gott nichts zu tun haben wollen, auf den ersten Blick nicht schlechter geht. Manchmal vielleicht im Gegenteil. Da scheinen sich Egoismus und Skrupellosigkeit direkt in barer Münze auszuzahlen. Und am Ende des Lebens wartet der Tod - in jungen Jahren oder alt und lebenssatt. Friedlich oder unter Schmerzen. Unabhängig davon, ob man zu Lebezeiten fest an Gott geglaubt hat oder nicht. Äußerlich lässt sich Glauben oder Gottvertrauen nicht wirklich messen und belegen. Auch der, der an Gott glaubt, braucht immer wieder Stärkung und Hilfe, damit die Hoffnung nicht verloren geht.

Wie kann Paulus dann schreiben „ Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen; denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.“? Ist es also doch so, dass am Erfolg im Leben ablesbar ist, ob jemand von Gott berufen ist, von ihm geliebt wird oder nicht? Muss man sich dann doch Sorgen machen, wenn einem als jemand, der an Gott glaubt, als Christ, im Leben was schief geht? Nein, Paulus ist kein Traumtänzer. Er weiß genau, und er hat es am eigenen Leib erfahren, dass dieses Leben auch für den Glaubenden nicht nur schöne Erfahrungen bereithält. Er hat es auch erlebt, dass er wegen seiner Armut verächtlich gemacht wurde und dass es auch Menschen in den Gemeinden gab, die sagten: „Wie kann man einem glauben, der so wenig angesehen ist?“ Und trotzdem hat aus seinem Leben Gutes entstehen können, trotzdem haben andere durch ihn Gutes erfahren. Wenn Paulus schreibt, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, dann ist damit kein Fensterplatz im Himmel als Belohnung gemeint. Eher, dass das Vertrauen in Gott, dass der Glaube an ihn ein gewisses Maß an Gelassenheit schenkt. Gelassenheit , die hoffentlich auch aus der Gewissheit entsteht, dass Gott sich nicht nur der Mächtigen und Starken bedient. Gelassenheit, weil ich weiß, dass ich nicht alles im Leben wirklich zu Ende bringen kann und dass ich für Gott auch dann wichtig und wertvoll bin, wenn etwas angefangen bleibt. Gelassenheit, die daraus entsteht, dass ich weiß, dass ich auch von falschen Wegen umkehren kann. Gelassenheit, weil ich weiß, dass ich mich nicht auf mich selbst verlassen muss.

Aber was nützt mir das, wenn’s mir jetzt schlecht geht? Was nützt mir das, wenn ich mich ausgenutzt fühle oder ganz und gar von Gott verlassen? Was nützt mir das, wenn ich das Gefühl habe, so ganz und gar nicht zu denen zu gehören, die Gott für etwas gutes vorherbestimmt hat? Und ist das nicht gefährlich, so oft davon zu reden, dass Gott irgendjemanden vorherbestimmt hat? Wenn sich jemand schlecht benimmt, andere ausnutzt und ausbeutet, kann der am Ende dann gar nichts dafür, weil Gott ihn nicht zum Guten vorherbestimmt hat?

Vorherbestimmung ist in der Bibel nie so, dass sie zum Bösen sein wird. Wenn Paulus von Vorherbestimmung redet, dann immer nur davon, dass es Gottes Wille ist, dass die Menschen zum guten, zum Leben kommen. Durch Jesus, seinen Sohn, dem er sozusagen möglichst viele Geschwister an die Seite stellen will. Paulus ist auch Realist. Er kennt den Spagat, den das Leben in dieser Welt bedeutet. Er weiß, dass es hier nicht das eindeutig gute, immer nur Gott gefällige Leben gibt. Und trotzdem hält er an der Botschaft vom Kreuz fest: Gott bietet den Menschen in Jesus Christus immer wieder das Gute, das Leben an. Gerade für die, die Schuld auf sich geladen haben, ist er da. Deshalb können wir niemandem absprechen, dass Gott nicht auch für ihn da wäre. Auch uns selbst nicht. Der Glaube an Gott macht mein Bankkonto nicht fetter, mein Aussehen nicht strahlender und meine Wohnung nicht luxuriöser. Aber er kann dazu führen, dass ich auch dann Geborgenheit finde, wenn ich mich völlig niedergeschlagen fühle, dass ich dann Stärke spüre, wenn ich mich schwach fühle und dann Wege finde, wenn alles ausweglos zu sein scheint. Nicht als Garantie, sondern als Hoffnung. Nicht nur für mich, sondern, im wahrsten Sinn des Wortes, für die Welt. Schöne Aussichten.

Amen