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Dienstag, 26. März 2013

Wie kannst du nur so ruhig bleiben? - Karfreitag 2013, Reihe V

Liebe Gemeinde!
Schrecklich nüchtern erzählt der Evangelist Matthäus hier von einem unvorstellbaren Grauen. „Wie kannst du nur so ruhig bleiben“ könnte man ihm vielleicht zurufen. Grauen, Folter, Leid, Tod faszinieren nicht erst seit der Erfindung von Film und Fernsehen, des Internets und von PC-Spielen viele Menschen. Im Mittelalter und im Barock gibt es unglaublich blutrünstige Darstellungen der Kreuzigung Christi, monströse Darstellungen auch von Höllenqualen, die an naturalistischer Darstellung von Folter und Grausamkeit nichts vermissen lassen. Und heute, in einer Zeit, in der, befeuert durch Pseudo-Gesprächsrunden im auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, nicht die nüchterne Analyse oder die Ruhe zum Nachdenken und Bedenken, sondern dass sich gegenseitige Niederbrüllen als Ausdruck wahrer Betroffenheit gefeiert wird und in der bei jedem Unglück möglichst die Betroffenen sich emotional völlig entblößt zu Schau stellen lassen müssen, verwirrt solche Nüchternheit. Ohne jede Sensationslust beschreibt der Evangelist Matthäus, wie die Entwürdigung des Opfers voranschreitet, wie dem Opfer die Sprache geraubt wird und in einem sprachlosen Schrei der Höhepunkt der Gewalt seinen Ausdruck findet. Ohne Lust an der Sensation erzählt der Evangelist Matthäus nüchtern und präzise von der Reaktion der Menschen, die mit dem Opfer konfrontiert werden. Aber gerade diese ungewöhnliche Nüchternheit, diese distanzierte Art, von Gewalt zu reden und Gewalt darzustellen, ist möglicherweise sehr viel hilfreicher als jeder pseudodokumentarische, ans Pornografische grenzende Versuch, das Grauen bis ins Letzte nacherlebbar zu machen. Die Entblößung des leidenden Körpers, der Emotionen, der Zwang zur Zurschaustellung der Verletzungen, der körperlichen und der seelischen, ist oft genug nur eine Fortsetzung dessen, was Matthäus hier so nüchtern  beschreibt.
Die Kleider werden Jesus genommen, andere bereichern sich noch an ihnen. Selbst sein Durst wird noch dazu benützt, die Macht der Folterer zu zeigen. Linderung hat er nicht zu erwarten.  Und es sind keine Monster, die ihn quälen. Keine Psychopathen mit verkorkster Kindheit, sondern Menschen, die ihre Arbeit tun. Und die, die vorbeigehen, die sich über sein Leid lustig machen, die ihn mit Spott überziehen, denen das Leid ganz offensichtlich Vergnügen bereitet, sind keine Soziopathen, die sich in irgendeiner Form für eingebildetes selbst erlittenes Unrecht an ihm oder an der Gesellschaft rächen wollen, sondern es ist, das legt die nüchterne Schilderung von Matthäus nahe, die gar nicht mehr schweigende Mehrheit. Ein Freitagsspaziergang der Musik- und Literaturliebhaber, der ehrlichen und fleißigen Arbeiter, der Hausfrauen und Beamten, der Rentner und Tagelöhner, die

Mittwoch, 4. April 2012

Opfer! Karfreitag, 06.04.2012, Reihe IV

Text: Hebräer 9,15.26b-28 (Neue Genfer Übersetzung)

Liebe Gemeinde!


Die Welt ist voll von Opfern, so kommt es mir manchmal vor. Da fordert der Straßenverkehr seine Ofer, wie es manchmal in Nachrichten heißt. Da fordert die wirtschaftliche Logik, das Betriebe Gewinn machen müssen, im Zweifel Opfer der Belegschaft, wie die Bereitschaft, ohne Lohnausgleich Überstunden zu machen. Und da gibt es Opfer wie Lena aus Emden, von einem jungen Mann vergewaltigt und ermordet. Opfer eines perversen jungen Mannes? Opfer eines Kranken, der doch nur seine krankhaften Triebe nicht im Zaum hatte? Opfer einer Entwicklung in den Medien, in der jede Form der Sexualität für jeden bildlich greifbar ist und Opfer einer Gesellschaft, die es immer mehr als richtig und normal ansieht, das Sex und Liebe getrennt voneinander werden? Opfer, so haben es die Meldungen der letzten Tage nahegelegt, vielleicht einer gedankenlosen und unaufmerksamen Polizei? Und dann ist da der junge Mann, der fälschlicherweise verdächtigt wurde und der beinahe gelyncht worden wäre. Opfer der neuen Möglichkeiten des Internet? Opfer einer hysterischen Gesellschaft, die nicht nach Tatsachen fragt, sondern die sich mit Gerüchten zufrieden gibt? Opfer von Rattenfängern, besonders aus der Nazi-Szene, die mit den Ängsten der Menschen spielt und aus der Angst Profit für die eigene, menschenverachtende Politik schlagen will?

Und da gibt es Menschen wie die mittlerweile verstorbene Frau, die mir kurz vor ihrem Tod erzählt hat, dass sie auf der Flucht aus Ostpreußen in den Westen bei Kriegsende vergewaltigt wurde. Die gesehen hat, dass die Soldaten es eigentlich auf ihre beiden Töchter abgesehen hatten, die sich aber dann, wie sie sagte, für ihre Kinder opferte, damit diese ungeschoren davonkommen.

Wenn wir von Opfern reden, dann schwingt ganz viel mit. Manchmal Mitleid mit den Menschen, die Unrecht erleiden mussten. Manchmal Zorn auf die Täter. Manchmal einfach nur der hilflose Versuch, ein Unglück oder ein Verbrechen oder ein negatives Erlebnis irgendwie in Worte zu fassen. Und manchmal auch Unverständnis oder Zorn für den und auf den, der leiden musste, weil er oder sie sich nicht gewehrt hat.

Und wie ist das heute, am Karfreitag, wenn wir wieder einmal hören, dass Christus sich selbst opferte, ein Opfer für die Sünden? Ist das etwas, was uns überhaupt noch berührt? Oder sind wir angesichts der vielen, vielen Opfer, die wir persönlich kennen, die vielleicht mancher von uns auch selbst gebracht hat, die uns durch alle möglichen Medien vermittelt werden, etwas, das wir gar nicht mehr hören wollen oder hören können? Oder sind vielleicht die im Recht die sagen: „Was ist das denn für ein merkwürdiger, vielleicht sogar perverser Gott, der Opfer will und fordert? Ist das nicht eine Verhöhnung der wahren Opfer unserer Zeit?

Sonntag, 24. April 2011

Von ferne - Karfreitag, 22.04.2011, Reihe III

Wieder mal eine Predigt, bei der die gehaltene Fassung sehr deutlich von der hier veröffentlichten schriftlichen Fassung abwich.

Text: Lukas 23,33-49

Liebe Gemeinde!


Der Tod ist für manche faszinierend. Es gibt Menschen, die können nicht nahe genug dabeistehen. Die wollen alles ganz genau sehen. Es ist noch keine zwei Wochen her, da wurde ich zu dem Unfall gerufen, bei dem in der Nähe von Amöneburg ein Motorradfahrer tödlich verunglückte und ein junger Mann im Auto verbrannte. Ein Feuerwehrmann und ein Polizist, mit denen ich gesprochen habe, erzählten mir von Menschen, die nicht nahe genug an die Unfallstelle herankommen konnten. Ein Gaffer bat sogar den Feuerwehrmann, etwas zur Seite zu treten, damit er einen besseren Blick auf den Unfallwagen habe. Gaffer. Ganz anders die junge Frau, die zum Zuschauen verurteilt war. Sie fuhr unmittelbar hinter dem Unfallwagen, wollte helfen, konnte aber nichts mehr tun, außer Polizei und Rettungskräfte zu alarmieren. Menschen starben und sie war zum Zuschauen verurteilt. Ich habe mich mit ihr unterhalten. Es war unaussprechlich schlimm für sie.
Der Tod ist schrecklich faszinierend. An Unfallstellen immer wieder zu erleben. Auch auf Autobahnen. Unfall auf der Gegenfahrbahn, Särge stehen bereit. Gaffer auch. Dann wird weitergefahren. Langsam erst einmal, so ein wenig Schock und Gruseln sind noch da. Aber spätestens übermorgen ist alles wieder wie früher.
Hinschauen oder weitergehen, gaffen oder mitleiden, sich gruseln, weil jeder Tod an die eigene Sterblichkeit erinnert oder sich groß fühlen, weil ja nicht ich, nicht mein Verwandter, nicht mein Freund gestorben ist. Weil ich etwas gesehen habe, das nicht jeder sieht. Es hat einen ganz merkwürdigen Beigeschmack, beim Sterben zuzuschauen.
Aber genau davon erzählt eigentlich Lukas in seinem Evangelium. Alle, die Jesus folgten, alle, die ihm zeit seines Lebens nahe gewesen sind, haben nur von weitem zugeschaut. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne,

Donnerstag, 9. April 2009

In Schönheit sterben? - Karfreitag 2009, Reihe I

Text: Johannes 19,16-30

Liebe Gemeinde!
So möchte ich einmal sterben. Nicht nur ich, sondern die meisten, mit denen ich über das Sterben geredet habe. Bis zuletzt klar im Kopf und in der Lage, mit den mir wichtigen Menschen, die selbstverständlich dabei sind, das Leben zu teilen und das Sterben zu ordnen. Für klare Verhältnisse sorgen. Und dann, ohne einen Schmerzenschrei oder sichtbares Leid abtreten. „Es ist vollbracht“ - mein Leben hat sein Ziel gefunden. Ideal, ein solches Sterben. Aber gefragt wird keiner von uns. Die Opfer des Erdbebens in Italien, die in der Nacht unvorbereitet aus dem Leben gerissen wurden. Der 37-jährige Vater und seine 12-jährige Tochter, durch einen Fahrfehler eines Busfahrers aus dem Leben gerissen. Die krebskranke Frau, die seit Monaten unvorstellbare Schmerzen leidet, die sterben will und doch nicht sterben kann, der an Demenz erkrankte Mann, der seiner Ehefrau und seinen Kindern gegenüber aggressiv wird, dessen Leben nicht mehr viel mit Selbstbestimmung zu tun hat. Die nach einer Operation Dahindämmernde 92-Jährige, die nur noch dank künstlicher Ernährung lebt, ohne Hoffnung, dass sie je wieder zu sich kommt.
Sterben kann nicht nur gelassen und sanft sein, sondern auch verdammt dreckig, gemein und wehtun. Es ist gut, dass die Bibel nicht nur auf eine so ideale Weise wie im Johannesevangelium vom Sterben Jesu erzählt. Markus und Matthäus erzählen von den Schmerzen und vom Blut, das geflossen ist. Sie erzählen, dass Jesus mit dem verzweifelten Ausruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ starb. Was ist denn nun die Wahrheit? Der verzweifelte Jesus, der wirklich leidet, von dem Matthäus und Markus erzählen? Der vertrauensvolle Jesus, von dem Lukas erzählt, der sich im Sterben mit den Worten: „In deine Hände befehle ich meinen Geist“ ganz Gott anvertraut? Oder der Jesus, von dem Johannes erzählt? Der Jesus, der selbstbestimmt seinen Weg als Gottes Sohn zu Ende geht, der bis zum Schluss souverän handelt und mit dem selbstbewussten „Es ist vollbracht“ auf den Lippen stirbt?
Die Wahrheit ist die, dass es den idealen Tod nicht gibt. Die Wahrheit ist die, dass es, auch an Karfreitag, nicht um den Tod, sondern um das Leben geht. Karfreitag ist der große Tag des Protestes gegen die Macht, die der Tod hat. Als Mensch habe ich auch Angst vor dem Tod, Angst vor dem Leid. Und Dank der frohen Botschaft, die Matthäus und Markus weitererzählt haben, darf ich glauben und hoffen, dass Gott das Leid von Menschen, die Angst und die Einsamkeit angesichts des Todes nicht egal ist. Gott ist im Leid, in der Einsamkeit gegenwärtig. Als der, der mitleidet. Jesus läuft nicht weg vor dem letzten Schrecken, den Menschen aushalten müssen. Er bleibt Mensch - bis ans bittere Ende. Sein Tod ist ein einziger Protest gegen Grausamkeit, gegen sinnloses Leid. Dass dieser Protest gegen den Tod, dieser Aufstand gegen die Macht des Todes nicht erst mit Ostern, mit dem neuen Leben, seine Wendung zum Guten findet, macht die frohe Botschaft, die Johannes erzählt deutlich. Es ist derselbe Jesus, der stirbt. Aber Johannes erzählt neu, anders von ihm. Klar, geschichtlich gesehen kann nur eine der Sichtweisen stimmen. Wahrheit in diesem Sinn lässt sich aber nicht mehr feststellen. Aber neben der Wahrheit, die man äußerlich nachprüfen kann, gibt es eine innere Wahrheit. Und diese innere Wahrheit ist, dass die Wahrheit über den Tod, über das Sterben, und damit auch über das Leben, erst dann zu Tage tritt, wenn kein Teil der Wahrheit ausgeblendet wird. Deshalb ist es gut, dass die Evangelisten, die Überlieferer der frohen Botschaft, die Wahrheit der Gegenwart Gottes in Jesus aus verschiedenen Blickwinkeln beschreiben und so der ganzen und großen Wahrheit zum Durchbruch verhelfen.
Durch die Art und Weise, wie Johannes das Sterben Jesu beschreibt, wird erkennbar, dass der Tod schon jetzt seine letzte Macht verloren hat. Er ist noch da, er lässt sich nicht verleugnen, aber das von Jesus geschenkte neue Leben ist stärker. Jesus verweist die, die um ihn trauern werden, die wegen der Grausamkeit, die ihm angetan wird, leiden, zurück in ihr Leben. Seine Mutter und der Jünger, von dem Johannes erzählt, dass er Jesus besonders nahe war, werden nicht auf ein Später vertröstet, sondern in diesem Leben zusammengebracht. „Siehe, dein Sohn! - Siehe, deine Mutter“. Der Blick bleibt nicht am Tod, am Verlust hängen, sondern geht in die Zukunft, ins Leben. Das ist die Sichtweise, die wir im Glauben an Jesus Christus dem Karfreitag verdanken können: der Tod ist eine Wirklichkeit, die ernst zu nehmen ist, eine Wirklichkeit, die weh tut. Aber der Blick, mit dem Gott uns ansieht, geht in das Leben. Aber dieses Leben geht eben nicht bruchlos weiter, so, als ob nichts geschehen wäre. Es ändert sich, neue Beziehungen sind nötig. Und es braucht, trotz allem, Zeit - zum Trauern, zum Loslassen. Maria und der Lieblingsjünger sind ja auch nicht gleich freudestrahlend vom Kreuz weg gesprungen, haben schnell noch gerufen „Danke, lieber Jesus“ und ein neues Leben gestartet. Es braucht Zeit, bis der Blick auf das Leben und in das Leben wieder scharf werden kann und die Tränen über den Tod nicht alles wie einen Schleier verwischen. Wörtlich und bildlich.
Denn es wäre zu billig, dem Vater eine 3-jährigen Jungen, der seine hochschwangere Frau bei einem Autounfall verloren hat, den Eltern, deren Kinder bei dem Amoklauf getötet wurden, der Ehefrau, die mit ansehen musste, wie ihr Mann elend und schmerzvoll starb, und so vielen anderen, die den Tod alles andere als sanft oder erlösend erleben mussten, zu sagen: „Wird schon wieder, wechselt doch einfach mal den Blickwinkel, Gott ist schon mit euch!“ Das kann nicht verordnet werden. Das kann nur wachsen. Manchmal unerträglich langsam.
„Es ist vollbracht“ - vielleicht müssen wir, manchmal traurig genug, ernst nehmen, dass diese Worte tatsächlich Jesu Worte sind und nicht Worte von uns Menschen. In Jesus hat Gott sich wortwörtlich festnageln lassen - ich denke, wir dürfen das im übertragenen Sinn auch tun. Wir dürfen - und müssen - ihn darauf ansprechen, dass er ein Gott des Lebens ist, wo im Leben oft so viel Tod spürbar ist. Wir müssen ihn darauf ansprechen, dass er uns immer wieder neu die Augen für das Leben öffnen möge und unseren Blick nicht am Kreuz, am Leiden, damals und vor allem heute, gefangen halten möge.
Wie gesagt, ich denke erst in der ganzen Breite, in der die frohe Botschaft von ihren Boten erzählt wird, wird die Wahrheit Gottes über uns, unser Leben, den Tod und das wahre Leben, das stärker ist, deutlich. Deshalb finde ich es manchmal schade, dass nur im Zusammenhang von einem selbstbestimmten Tod, bei dem der Sterbende bis zuletzt alle Fäden in der Hand hält, von einem gnädigen und wünschenswerten Tod die Rede ist. So, als ob Gott nicht da wäre, wenn der Tod anders ist. Es gibt nicht den idealen, gnädigen Tod. Tod tut weh. Weil er das Leben derer, die in diesem Leben bleiben, verändert. Weil er einen Bruch darstellt, der spürbar bleibt. Es gibt aber keinen Tod, der uns von Gott trennen würde. Jesus will uns von der Sorge befreien, was danach kommt, er will uns von der Sorge befreien, dass wir die idealen Umstände für das Sterben oder den guten Tod schaffen müssten. Wir müssen nichts schaffen. Wir müssen uns nicht sorgen, weil für uns gesorgt ist. Wir müssen uns nicht von der Sorge um den Tod gefangen nehmen lassen, sondern wir dürfen uns dem Leben zuwenden. Immer wieder. So, wie Paulus es im Römerbrief sagt: „Niemand lebt für sich selber und niemand stirbt für sich selber. Ganz gleich, ob wir leben oder sterben: Wir gehören dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und zu neuem Leben auferstanden, um Herr über die Toten und die Lebenden zu sein.“ Gebe Gott, dass wir gerade am Karfreitag, gerade dann, wenn uns der Tod als bestimmende Macht zu begegnen scheint, diese Botschaft annehmen und uns ins Leben weisen lassen. So wie Maria und der Lieblingsjünger. Nicht, weil wir den Tod verdrängen und vor ihm weglaufen wollen, sondern weil wir ihm ins Auge sehen können. Gott sei Dank.
Amen