Text: 1. Korinther 1,18-25
Liebe Gemeinde!
Manche Menschen tragen ein Kreuz an einer Kette. Für die einen ist es bloß ein Modegag, für andere ein Bekenntnis ihres Glaubens, für andere ein Schutz vor Unglück und dem Bösen. In alten Horrorfilmen hat es geholfen, dem Bösen, dem Vampir, dem Dämon oder dem Satan ein Kreuz vorzuhalten – und schon ist er geflohen und hatte keine Chance mehr. Gegen dieses starke Zeichen kam auch das Böse nicht an. In den modernen Horror- und Gruselfilmen hilft selbst das Kreuz nicht mehr. Hat das Kreuz seine Kraft verloren? Nicht nur in schlechten Filmen, sondern auch im Leben? Ja, vielleicht ist es entzaubert worden. Ich finde das nicht schlimm, sondern eigentlich gut und richtig. So schön es wäre, wenn ein christliches Zeichen Zauberkräfte hätte oder Zauberkräfte verleihen würde – mit dem wofür das Kreuz steht und was Jesus wollte, hätte es nichts zu tun. Im Gegenteil. Wenn wir einem Zeichen solche Kraft und Macht geben, würden wir die Lebenskraft, die Gotteskraft, die Paulus hier in seinem Brief an die Korinther beschreibt und die im gekreuzigten Christus liegt, verlieren. Ich gebe es ja zu, das hört sich kompliziert an. Und ich gebe es auch zu: Paulus schreibt, dass die, die sich für schlau halten, das Wichtigste nicht verstehen. Aber vielleicht ist es doch nicht so kompliziert, wie es sich anhört. Genauso wenig wie es reicht, sich eine Dose Red Bull reinzuschütten, um fliegen zu können, oder ein Nutellabrot zu schmieren, um ein guter Fußballer zu sein, reicht es, sich ein Kreuz umzuhängen um wirklich aus der Liebe, die Gott uns schenkt, Kraft für das Leben zu bekommen und das Böse zu besiegen.
Paulus hat ein Problem in der Gemeinde in Korinth gesehen, das es bis heute gibt. Vielen, die sich irgendwie zur Gemeinde hielten und die an Gott glaubten, war das Kreuz irgendwie zu lächerlich. Die einen haben gesagt: „Was soll denn das mit dem Kreuz? Wir machen uns doch lächerlich, wenn wir anderen erzählen, dass Gott dort gewesen sein soll. Ausgerechnet im Tod, ausgerechnet bei der schlimmsten aller möglichen Strafen. Gott muss doch groß sein, er muss doch logisch handeln. die Philosophen und Wissenschaftler sollen uns doch nicht für verrückt halten. Wir dürfen uns mit sowas wie dem Kreuz nicht lächerlich machen!“ Studenten, Menschen mit Abitur, haben im vergangenen Jahr in der ganzen Stadt ein gekreuzigtes Schwein mit den Worten „Jesus, du Opfer“ an Wände gesprayt. Man kann sich für noch so schlau halten – aber gerade die, die sich für schlau halten, und es auf vielen Gebieten ja sind, provoziert das Kreuz bis heute.
Anderen aus der Gemeinde von Paulus ging es weniger darum, dass ihnen das zu unlogisch war und sie befürchteten, von den Klugen lächerlich gemacht zu werden. „Wir brauchen Wunder, die die Menschen sehen! Gott muss doch stark sein! Heilungen, Speisungen, Budenzauber, damit alle Respekt haben. Nicht so einen Schwächling am Kreuz! Vor dem hat doch keiner Respekt! Einer, der zeigt, wo’s lang geht, den wollen wir“. Zeichen, an denen man sich festhalten kann. Wunder, an denen man sieht, wie mächtig und stark Gott ist. Ja, ich glaube, dass wir, je nachdem, was unsere persönlichen Wünsche sind, beide gut verstehen können und beide kennen: Diejenigen, die immer alles logisch und wissenschaftlich erklärbar wollen, damit man sich ja nicht lächerlich macht und diejenigen, die sich nach dem starken, mächtigen, sichtbaren Gott sehnen. Dem Helden, der Respekt einflößt. Dem Gott, mit dem man vor anderen vielleicht auch angeben kann.
Beides kann doch nicht funktionieren. Was wäre das denn für ein Gott, der sich wissenschaftlich vollkommen erklären ließe? Ein Gott, der kleiner ist als die Philosophen, Physiker, Wissenschaftler, ein solcher Gott ist doch nichts anderes als eine nutzlose Spielerei. Ich glaube schon, dass man das Denken und die Vernunft nicht ausschalten und abgeben soll, wenn’s um den Glauben geht. Und ich glaube auch, dass einem die Wissenschaft helfen kann, Glauben besser zu verstehen. Aber Glauben, der in Wissenschaft aufgeht, ist kein Glauben. Und ich glaube auch, dass Gott Dinge wirklich werden lässt, die wir nur als Wunder bezeichnen können. Aber ein Glaube, der sich daran hängt, wird keinen Bestand haben. Wenn ich mich abhängig mache, dass das passiert, was ich mir wünsche, ob das eine Heilung oder was auch immer ist, auch so passiert, dann wird Gott der Sklave meiner Wünsche und taugt nicht als mein Erlöser.
Und genau darum geht es Paulus, wenn er betont, wie wichtig das Wort vom Kreuz, die Rede vom gekreuzigten Christus, der Glauben an das, was da geschehen ist, wirklich ist. Nicht das bloße Kreuz als Zeichen ist wichtig. Auch wenn es als Mensch manchmal gut tut, Zeichen zu haben, die einen an etwas erinnern. Dazu taugt das Kreuz, nicht als Vampirvertreiber und nicht als Unfallschutz gegen mangelnde Vorsicht.
Es geht um das, was am Kreuz geschehen ist. Gott macht sich klein. Er hält es aus, ganz unten zu sein, Opfer zu sein. Da, wo Menschen zu Opfern gemacht werden, ist Gott auf der Seite der Opfer. ganz klar. Das fängt da an, wo andere genauso beschimpft werden: „Du Opfer“. Da, wo Kinder misshandelt werden, wo Menschen ausgebeutet werden, wo geschlagen wird: Gott ist auf der Seite der Opfer. Auch dann, wenn die Täter ihn für sich in Anspruch nehmen wollen. Er macht das, so glaube ich, nicht, weil er nicht anders könnte, sondern weil er die Opfer ins Recht setzen will. Die Opfer bekommen die Würde, die ihnen von Menschen, von uns, abgesprochen wird. Gott macht sich klein, damit die, die von anderen klein gemacht werden, nicht länger übersehen werden oder sich klein fühlen müssen, sondern wissen dürfen: da ist einer auf meiner Seite. Da ist Liebe auch da, wo ich nur das Dunkel, vielleicht auch den Tod sehe. Das kann den Mut machen, frei zu werden. Innerlich, aber auch tatsächlich. Nicht umsonst hat gerade der Glauben an diesen Gott, der sich nicht mit den Mächtigen und Gewalttätigen verbündet, Sklaven in den USA die Kraft gegeben, für ihre Freiheit aufzustehen, gedemütigte Schwarze ermutigt, sich für ihre Rechte einzusetzen. Oder Christen, die in Diktaturen verfolgt werden oder wurden den Mut, durchzuhalten und nicht aufzugeben. Und auch anderen, denen immer wieder gesagt wurde, ihr seid nichts wert, zu klein, zu dumm, sich nicht damit zufrieden zu geben, sondern gegen Unrecht aufzustehen. Gott macht sich klein, damit die, die klein gemacht werden, Mut bekommen.
Das ist das eine. Das andere ist für mich, dass uns das Kreuz auch vor unser Versagen stellt. Es ist nicht ein blindes Schicksal, dass Jesus ans Kreuz geführt hat, sondern menschliches Versagen, menschliche Schuld. Intoleranz, Egoismus, Feigheit, der Wunsch, über anderen zu stehen und andere zu unterdrücken. Für mich zeigt das Kreuz und das an sich ja total ungerechte Leiden von Jesus, wozu wir Menschen sind, wozu auch ich fähig bin. Vielleicht kann man diese Botschaft vom Kreuz auch so zusammenfassen: „Sieh genau hin. Erschrick ruhig über das, was möglich ist, auch über diene Schuld. Aber ich will dich wieder zurecht bringen. Du brauchst dir keine Opfer zu suchen, damit du dich groß und stark fühlst. Ich will dir einen neuen Weg zeigen“. Die scheinbare Schwäche wird zur Stärke. Stark ist nicht der, der sich mit aller Kraft rächt, sondern der, der auf Rache verzichtet und Liebe gegen Gewalt setzt. Das führt zum Leben. Und deshalb bleibt die Botschaft vom Kreuz, das Wort vom Kreuz ja eben nicht beim Kreuz stehen, sondern sie endet mit dem neuen Leben. Ohne Ostern, ohne das neue Leben, das dem Erschrecken über die Folgen der Schuld folgt, wäre der Tod sinnlos gewesen. Das, was von Menschen für schwach, unlogisch, oder verachtenswert gehalten wird, der, der zum Opfer gemacht wird, das Verzichten, das Vergeben, das alles führt zu neuem Leben, das stärker ist als der Tod. Wer nur auf seinen Verstand vertraut, auf die Stärke, wer Rache statt Versöhnung fordert, der bleibt in der Logik der Welt gefangen, letztlich im Tod, in der Schuld.
Aber das Wort vom Kreuz führt zum Leben. Weil es unsere Logik wirklich durchkreuzt. Weil es kein Zauberzeichen, sonder ein Lebenszeichen ist. Weil es uns Mensch sein lässt. gebe Gott, dass wir die Kraft haben, dieses Wort vom Leben nicht nur zu hören, sondern im eigenen Leben fruchtbar werden zu lassen.
Amen
Predigten und Gedanken aus der Thomaskirche auf dem Richtsberg in Marburg
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Sonntag, 4. Juli 2010
Sonntag, 20. Juni 2010
Kann denn alles Sünde sein? - 3. Sonntag n. Trinitatis, 20.06.2010, Reihe II
Text: 1. Tim 1,12-17
Liebe Gemeinde!
„Herr Kling-Böhm, sie trinken doch auch Bier, wenn sie Fußball gucken, oder?“ Wenn ich ehrlich bin, trinke ich zwar nicht immer Bier beim Fußball, aber ich trinke Bier auch dann, wenn ich nicht Fußball schaue. „Herr Kling-Böhm, sie haben doch auch eine Frau und hatten Sie davor auch eine Freundin?“ Ja, hatte ich. „Herr Kling-Böhm, sie benutzen doch auch manchmal Schimpfwörter, oder?“ Wenn ich ehrlich bin, rutscht mir schon mal ein Wort, das ich besser nicht gesagt hätte, raus, wenn ich mich wirklich ärgere oder wenn ich bei einem Spiel der Eintracht im Stadion in Frankfurt sitze. Das alles und noch viel mehr sind beliebte Fragen meiner Schülerinnen und Schüler. Und meistens enden diese Gespräche dann, wenn ich ehrlich antworte, mit der Feststellung: „Aber sie sind doch Pfarrer! Als Pfarrer darf man doch nicht sündigen!“ Jetzt könnte ich natürlich einen Vers aus der Bibel zu Hilfe nehmen, den ich eben vorgelesen habe. Paulus schreibt ja: Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. In einer moderneren Übersetzung steht da: Was ich sage, ist wahr und glaubwürdig: Christus Jesus kam in die Welt, um Sünder zu retten – und ich bin der Schlimmste von allen. Aber Gott hatte Erbarmen mit mir, damit Jesus Christus mich als leuchtendes Beispiel für seine unendliche Geduld gebrauchen konnte. So bin ich ein Vorbild für alle, die an ihn glauben und das ewige Leben erhalten werden. Ja, es ist richtig: Jesus führt auch die Menschen zu Gott, die in ihrem Leben nicht gerade alles richtig gemacht haben oder alles richtig machen. Um durch Jesus zu Gott zu kommen, muss ich kein perfekter, fehlerloser Mensch sein. Aber ich finde die Fragen der Schülerinnen und Schüler, die aussprechen, was Erwachsene vielleicht manchmal nur denken, nicht deshalb wichtig, weil ich dann mit Bibelsprüchen glänzen kann und mich als tolles Vorbild hinstelle, weil ich vielleicht auch Dinge getan habe oder tue, die nicht in Ordnung waren oder sind und trotzdem auf die Liebe Gottes vertraue. Das ist nicht der entscheidende Punkt. Viel wichtiger sind für mich andere Beobachtungen und Fragen: Ist das, was Schülerinnen und Schüler, und, wie gesagt, sicher auch viele Erwachsene, als Sünde verstehen, so, wie es in ihren Fragen deutlich wird, tatsächlich Sünde? Was ist eigent-lich Sünde? Eine andere wichtige Frage, die für mich hin-ter den Fragen steckt, ist dann die: Brauche ich perfekte, oder wenigstens fast perfekte Vorbilder, die stellvertre-tend für mich alles oder fast alles richtig machen, weil ich es sowieso nicht schaffe oder gar nicht erst schaffen will? Und hinter allem steckt die große Frage, auf die für mich die Verse, die heute als Predigttext da sind, eine Antwort geben: Ist Gott eigentlich auch für mich da, kann er mit mir etwas anfangen, auch wenn ich nicht gerade perfekt bin und immer wieder an den Ansprüchen von dem, was eigentlich gut und richtig ist, scheitere?
Ich möchte gern mit der ersten Frage anfangen. Was ist eigentlich Sünde? Nicht zufällig macht sich das auch am Thema Alkohol fest. Ich glaube schon, dass viele Jugendliche in ihrem Alltag, manchmal auch in ihrer nächsten Umgebung, erleben, wie schlimm Alkohol sein kann. Es ist keine Sünde, Alkohol zu trinken. Jesus selbst hat das getan. Er hat, so erzählt es das Johannesevangelium, bei einer Hochzeit dafür gesorgt, dass der Weinvorrat nicht zu Ende ging und von manchen Anhängern von Johannes dem Täufer, alles Antialkoholiker, wurde er als Weinsäufer beschimpft. Es ist nicht schlimm und keine Sünde, Alkohol zu trinken. Aber alle Hemmungen zu verlieren und Frauen und Kinder im Rausch zu verprügeln, im Rausch andere anzupöbeln und sie aufs übelste zu beleidigen oder gar bewusst andere betrunken zu machen, um sie zu bestehlen oder um Sex mit ihnen zu haben, das ist etwas ganz anderes. Hier wird für mich ein Aspekt von dem, was Sünde ist sichtbar: Sünde ist es, die eigene Mitmenschlichkeit zu verleugnen und zu verlieren und dem anderen sein Menschsein abzusprechen. Wo Menschen gequält, erniedrigt, ausgenutzt werden, da wird gesündigt. Ganz klar. Der Mensch ist nicht Ware, nicht Ding, sondern im anderen Menschen haben wir ein Bild Gottes vor Augen. Jeder Mensch hat Würde. Und wo diese Würde mit Füßen getreten wird, wird auch Gott mit Füßen getreten. Und da bin ich beim anderen Punkt von dem, was Sünde ist. Paulus, der hier in dem Brief von sich schreibt, dass er Sünder ist, hat sicher nicht im Suff Kinder verprügelt oder anderes gemacht. Aber er hat ganz verbissen nur auf sich und seine eigen Meinung geschaut. Er hat Christen verfolgt, wollte dafür sorgen, dass sie umgebracht werden, weil sie nicht in sein Weltbild passten. Er hat gedacht, er wäre fromm und würde alles für Gott tun, hat dabei aber Gott aus den Augen verloren. Er hat nur sich selbst, nur seine eigene Meinung vom Glauben gelten lassen und ist blind für die Liebe geworden. Er hat seine Meinung mit Gottes Meinung gleichgesetzt. Und das ist der andere Teil der Sünde. Der große Egoismus, der nur sich selbst sieht und Gott dadurch leugnet, dass sich als Menschen nicht mit seinen Grenzen wahrnimmt. Der große Egoismus, der allen Platz auf dieser Welt nur für sich selbst, die eigene Denk- und Lebensweise in Anspruch nimmt. Manchmal ist es die bewusste Abkehr von Gott, die den Menschen an Gottes Stelle setzt. manchmal wird aber, wie bei Paulus, als er noch Saulus war, auch, zwar behauptet, im Namen Gottes zu handeln. Aber letztlich geht es nur um die Durchsetzung eigener Interessen. Sünde ist es, die eigenen Grenzen nicht zu sehen und dem Mitmenschen seine Mitmenschlichkeit abzusprechen. Insofern können Schimpfwörter schon ein Ausdruck von Sünde sein. Dann, wenn durch sie Menschen lächerlich gemacht werden oder so getan wird, als wären sie weniger wert. Und insofern sind auch Wirtschaftsverhältnisse, in denen Menschen dadurch reich werden, dass sie die Schwäche und die Armut anderer ausnutzen, Ausdruck von Sünde. Sünde ist nicht das zuviel getrunkene Bier, nicht das eine Schimpfwort in der Hitze des Gefechts, sondern eine Lebenseinstellung, die sich selbst egoistisch in den Mittelpunkt stellt, die eigene Bedürftigkeit leugnet und die Bedürftigkeit des anderen mit Füßen tritt.
Damit bin ich bei der Frage, ob ich perfekte Vorbilder brauche. Nein, kann ich nur sagen. Perfekte Vorbilder wird keiner finden. Und man kann sein Leben ja auch nicht stellvertretend von anderen leben lassen und die Verantwortung abgeben. Wenn ich sage, der Pfarrer, der Lehrer, der Papst, die Eltern oder wer auch immer, der soll perfekt sein, ich als Kind, als einfacher Mensch kann das ja nicht, dann mache ich mir was vor. Entscheidend ist nicht nur, dass ich sehe, was gut und was böse ist. Entscheidend ist, dass ich bereit bin, da, wo ich stehe, mich auch den Fehlern, die ich mache, zu stellen, und nicht nach bequemen Ausreden zu suchen. Eine bequeme und beliebte Ausrede ist: ich kann halt nicht anders. Außerdem sind die anderen, die meine Vorbilder sein sollten, ja auch nicht besser. Ausrede, sonst nichts. Deinen Fehler machst du selber. Deine Schuld lädst du selber auf dich. Das Schimpfwort sprichst du. Die Prügel teilst du aus. Den Beifall für Ungerechtigkeit hast du ge-klatscht. Das andere nicht umkehren, ist deren Sache. Dort, wo es an dir liegt, musst du umkehren. Und du kannst es auch. Und dort, wo es an mir liegt, muss ich umkehren. Und ich kann das hoffentlich auch. Die andere bequeme Ausrede, nicht umzukehren, ist die, das Gott ja sowieso vergibt. Also muss ich auch nichts ändern. Wer so denkt, bleibt in der Schuld und in der Sünde gefangen, weil er die Liebe gar nicht annehmen kann. Weil er immer in seiner Selbstliebe gefangen bleibt und gar nicht sehen will, dass Liebe auch zu neuem Verhalten führt. Die Liebe Gottes macht niemanden zu einem perfekten Menschen. Keinen Pfarrer, keinen Bischof oder Bischöfin, keinen Papst. Aber die Liebe hilft, Schuld zu sehen, einzugestehen und ein neues, von der Liebe gelenktes Verhalten, wenigstens in Angriff zu nehmen. auch wenn es immer wieder Rückschritte geben wird. „Weiter so“ geht in der Liebe nicht. Neuanfang, das ist das Geschenk der Liebe Gottes, der Gnade, des Glaubens, von dem Paulus hier in seinem Brief erzählt.
Ist Gott eigentlich auch für mich da, kann er mit mir et-was anfangen, auch wenn ich nicht gerade perfekt bin und immer wieder an den Ansprüchen von dem, was eigentlich gut und richtig ist, scheitere? Diese Frage beantwortet Paulus in seinem Brief an Timotheus mit „Ja“. Und dieses Ja Gottes lässt Paulus zum Vorbild werden. Nicht, weil er besser wäre als andere, sondern weil er sich seiner Vergangenheit, seiner Schuld stellt und sie nicht verleugnet. Weil er aber aus der Liebe Gottes auch die Kraft zur Umkehr bezieht. Immer wieder neu. Denn auch dort, wo ein Neuanfang gewagt wird, wird es Rückschritte geben. Fehler, Schuld. Paulus stellt sich dem. Und wir? Gebe Gott, dass uns seine Liebe Mut macht, umzukehren, neu anzufangen, einander zum Leben zu helfen.
Amen
Liebe Gemeinde!
„Herr Kling-Böhm, sie trinken doch auch Bier, wenn sie Fußball gucken, oder?“ Wenn ich ehrlich bin, trinke ich zwar nicht immer Bier beim Fußball, aber ich trinke Bier auch dann, wenn ich nicht Fußball schaue. „Herr Kling-Böhm, sie haben doch auch eine Frau und hatten Sie davor auch eine Freundin?“ Ja, hatte ich. „Herr Kling-Böhm, sie benutzen doch auch manchmal Schimpfwörter, oder?“ Wenn ich ehrlich bin, rutscht mir schon mal ein Wort, das ich besser nicht gesagt hätte, raus, wenn ich mich wirklich ärgere oder wenn ich bei einem Spiel der Eintracht im Stadion in Frankfurt sitze. Das alles und noch viel mehr sind beliebte Fragen meiner Schülerinnen und Schüler. Und meistens enden diese Gespräche dann, wenn ich ehrlich antworte, mit der Feststellung: „Aber sie sind doch Pfarrer! Als Pfarrer darf man doch nicht sündigen!“ Jetzt könnte ich natürlich einen Vers aus der Bibel zu Hilfe nehmen, den ich eben vorgelesen habe. Paulus schreibt ja: Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. In einer moderneren Übersetzung steht da: Was ich sage, ist wahr und glaubwürdig: Christus Jesus kam in die Welt, um Sünder zu retten – und ich bin der Schlimmste von allen. Aber Gott hatte Erbarmen mit mir, damit Jesus Christus mich als leuchtendes Beispiel für seine unendliche Geduld gebrauchen konnte. So bin ich ein Vorbild für alle, die an ihn glauben und das ewige Leben erhalten werden. Ja, es ist richtig: Jesus führt auch die Menschen zu Gott, die in ihrem Leben nicht gerade alles richtig gemacht haben oder alles richtig machen. Um durch Jesus zu Gott zu kommen, muss ich kein perfekter, fehlerloser Mensch sein. Aber ich finde die Fragen der Schülerinnen und Schüler, die aussprechen, was Erwachsene vielleicht manchmal nur denken, nicht deshalb wichtig, weil ich dann mit Bibelsprüchen glänzen kann und mich als tolles Vorbild hinstelle, weil ich vielleicht auch Dinge getan habe oder tue, die nicht in Ordnung waren oder sind und trotzdem auf die Liebe Gottes vertraue. Das ist nicht der entscheidende Punkt. Viel wichtiger sind für mich andere Beobachtungen und Fragen: Ist das, was Schülerinnen und Schüler, und, wie gesagt, sicher auch viele Erwachsene, als Sünde verstehen, so, wie es in ihren Fragen deutlich wird, tatsächlich Sünde? Was ist eigent-lich Sünde? Eine andere wichtige Frage, die für mich hin-ter den Fragen steckt, ist dann die: Brauche ich perfekte, oder wenigstens fast perfekte Vorbilder, die stellvertre-tend für mich alles oder fast alles richtig machen, weil ich es sowieso nicht schaffe oder gar nicht erst schaffen will? Und hinter allem steckt die große Frage, auf die für mich die Verse, die heute als Predigttext da sind, eine Antwort geben: Ist Gott eigentlich auch für mich da, kann er mit mir etwas anfangen, auch wenn ich nicht gerade perfekt bin und immer wieder an den Ansprüchen von dem, was eigentlich gut und richtig ist, scheitere?
Ich möchte gern mit der ersten Frage anfangen. Was ist eigentlich Sünde? Nicht zufällig macht sich das auch am Thema Alkohol fest. Ich glaube schon, dass viele Jugendliche in ihrem Alltag, manchmal auch in ihrer nächsten Umgebung, erleben, wie schlimm Alkohol sein kann. Es ist keine Sünde, Alkohol zu trinken. Jesus selbst hat das getan. Er hat, so erzählt es das Johannesevangelium, bei einer Hochzeit dafür gesorgt, dass der Weinvorrat nicht zu Ende ging und von manchen Anhängern von Johannes dem Täufer, alles Antialkoholiker, wurde er als Weinsäufer beschimpft. Es ist nicht schlimm und keine Sünde, Alkohol zu trinken. Aber alle Hemmungen zu verlieren und Frauen und Kinder im Rausch zu verprügeln, im Rausch andere anzupöbeln und sie aufs übelste zu beleidigen oder gar bewusst andere betrunken zu machen, um sie zu bestehlen oder um Sex mit ihnen zu haben, das ist etwas ganz anderes. Hier wird für mich ein Aspekt von dem, was Sünde ist sichtbar: Sünde ist es, die eigene Mitmenschlichkeit zu verleugnen und zu verlieren und dem anderen sein Menschsein abzusprechen. Wo Menschen gequält, erniedrigt, ausgenutzt werden, da wird gesündigt. Ganz klar. Der Mensch ist nicht Ware, nicht Ding, sondern im anderen Menschen haben wir ein Bild Gottes vor Augen. Jeder Mensch hat Würde. Und wo diese Würde mit Füßen getreten wird, wird auch Gott mit Füßen getreten. Und da bin ich beim anderen Punkt von dem, was Sünde ist. Paulus, der hier in dem Brief von sich schreibt, dass er Sünder ist, hat sicher nicht im Suff Kinder verprügelt oder anderes gemacht. Aber er hat ganz verbissen nur auf sich und seine eigen Meinung geschaut. Er hat Christen verfolgt, wollte dafür sorgen, dass sie umgebracht werden, weil sie nicht in sein Weltbild passten. Er hat gedacht, er wäre fromm und würde alles für Gott tun, hat dabei aber Gott aus den Augen verloren. Er hat nur sich selbst, nur seine eigene Meinung vom Glauben gelten lassen und ist blind für die Liebe geworden. Er hat seine Meinung mit Gottes Meinung gleichgesetzt. Und das ist der andere Teil der Sünde. Der große Egoismus, der nur sich selbst sieht und Gott dadurch leugnet, dass sich als Menschen nicht mit seinen Grenzen wahrnimmt. Der große Egoismus, der allen Platz auf dieser Welt nur für sich selbst, die eigene Denk- und Lebensweise in Anspruch nimmt. Manchmal ist es die bewusste Abkehr von Gott, die den Menschen an Gottes Stelle setzt. manchmal wird aber, wie bei Paulus, als er noch Saulus war, auch, zwar behauptet, im Namen Gottes zu handeln. Aber letztlich geht es nur um die Durchsetzung eigener Interessen. Sünde ist es, die eigenen Grenzen nicht zu sehen und dem Mitmenschen seine Mitmenschlichkeit abzusprechen. Insofern können Schimpfwörter schon ein Ausdruck von Sünde sein. Dann, wenn durch sie Menschen lächerlich gemacht werden oder so getan wird, als wären sie weniger wert. Und insofern sind auch Wirtschaftsverhältnisse, in denen Menschen dadurch reich werden, dass sie die Schwäche und die Armut anderer ausnutzen, Ausdruck von Sünde. Sünde ist nicht das zuviel getrunkene Bier, nicht das eine Schimpfwort in der Hitze des Gefechts, sondern eine Lebenseinstellung, die sich selbst egoistisch in den Mittelpunkt stellt, die eigene Bedürftigkeit leugnet und die Bedürftigkeit des anderen mit Füßen tritt.
Damit bin ich bei der Frage, ob ich perfekte Vorbilder brauche. Nein, kann ich nur sagen. Perfekte Vorbilder wird keiner finden. Und man kann sein Leben ja auch nicht stellvertretend von anderen leben lassen und die Verantwortung abgeben. Wenn ich sage, der Pfarrer, der Lehrer, der Papst, die Eltern oder wer auch immer, der soll perfekt sein, ich als Kind, als einfacher Mensch kann das ja nicht, dann mache ich mir was vor. Entscheidend ist nicht nur, dass ich sehe, was gut und was böse ist. Entscheidend ist, dass ich bereit bin, da, wo ich stehe, mich auch den Fehlern, die ich mache, zu stellen, und nicht nach bequemen Ausreden zu suchen. Eine bequeme und beliebte Ausrede ist: ich kann halt nicht anders. Außerdem sind die anderen, die meine Vorbilder sein sollten, ja auch nicht besser. Ausrede, sonst nichts. Deinen Fehler machst du selber. Deine Schuld lädst du selber auf dich. Das Schimpfwort sprichst du. Die Prügel teilst du aus. Den Beifall für Ungerechtigkeit hast du ge-klatscht. Das andere nicht umkehren, ist deren Sache. Dort, wo es an dir liegt, musst du umkehren. Und du kannst es auch. Und dort, wo es an mir liegt, muss ich umkehren. Und ich kann das hoffentlich auch. Die andere bequeme Ausrede, nicht umzukehren, ist die, das Gott ja sowieso vergibt. Also muss ich auch nichts ändern. Wer so denkt, bleibt in der Schuld und in der Sünde gefangen, weil er die Liebe gar nicht annehmen kann. Weil er immer in seiner Selbstliebe gefangen bleibt und gar nicht sehen will, dass Liebe auch zu neuem Verhalten führt. Die Liebe Gottes macht niemanden zu einem perfekten Menschen. Keinen Pfarrer, keinen Bischof oder Bischöfin, keinen Papst. Aber die Liebe hilft, Schuld zu sehen, einzugestehen und ein neues, von der Liebe gelenktes Verhalten, wenigstens in Angriff zu nehmen. auch wenn es immer wieder Rückschritte geben wird. „Weiter so“ geht in der Liebe nicht. Neuanfang, das ist das Geschenk der Liebe Gottes, der Gnade, des Glaubens, von dem Paulus hier in seinem Brief erzählt.
Ist Gott eigentlich auch für mich da, kann er mit mir et-was anfangen, auch wenn ich nicht gerade perfekt bin und immer wieder an den Ansprüchen von dem, was eigentlich gut und richtig ist, scheitere? Diese Frage beantwortet Paulus in seinem Brief an Timotheus mit „Ja“. Und dieses Ja Gottes lässt Paulus zum Vorbild werden. Nicht, weil er besser wäre als andere, sondern weil er sich seiner Vergangenheit, seiner Schuld stellt und sie nicht verleugnet. Weil er aber aus der Liebe Gottes auch die Kraft zur Umkehr bezieht. Immer wieder neu. Denn auch dort, wo ein Neuanfang gewagt wird, wird es Rückschritte geben. Fehler, Schuld. Paulus stellt sich dem. Und wir? Gebe Gott, dass uns seine Liebe Mut macht, umzukehren, neu anzufangen, einander zum Leben zu helfen.
Amen
Sonntag, 6. Juni 2010
100% Liebe - was will man mehr! - 1. nach Trinitatis, Reihe II, 06.06.2010
Text: 1. Joh 4,16b-21
Liebe Gemeinde!
Sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich – sie liebt mich nicht… das darf doch nicht wahr sein, das muss ich nochmal probieren. Oder vielleicht ist Blütenblätterzupfen doch von vorgestern. Vielleicht sollte ich „Love – Leerzeichen – Uli - Leerzeichen – Silke“ als SMS an 83333 schicken, kostet ja nur 4,99 im Top-Abo und das muss es mir doch wert sein, genau zu wissen, zu wie viel Prozent meine Liebste und ich zusammenpassen. Oder vielleicht doch ein Horoskop, das mir Sicherheit verschafft? Furcht ist nicht in der Liebe? – Von wegen! Wer liebt, gibt viel von sich preis. Wer liebt, wird verletzlich, öffnet sich. Und deshalb tut enttäuschte, kaputtgegangene Liebe auch mehr weh als vieles andere. Schmerzen hat niemand gern. Und wenn ich mir Sicherheit verschaffen kann, warum sollte ich dann das Risiko, verletzt zu werden eingehen? 4,99 ist da doch nicht zu viel verlangt! Nein, ich will nichts lächerlich machen. Nicht die Sehnsucht junger Menschen nach Sicherheit in der Liebe. Und auch nicht diese Verse aus der Bibel, zu denen dieses alltägliche Spiel mit der Liebe so gar nicht passt. Natürlich erzählen diese Verse aus der Bibel nicht von einer alltäglichen Zweierbeziehung. Oder vielleicht doch? „Love – Leer-zeichen – Gott – Leerzeichen – Uli“ oder Dorothee oder Lisa oder Marcel oder… - wenn der erste Johannesbrief es ernst meint, dann brauchen wir das nicht per SMS an 83333 zu senden und 4,99 auszugeben, dann dürfen wir glauben, hoffen, wissen: da kommen 100% raus, das passt optimal. Aber trotzdem gibt es Momente im Leben, in denen ich mich frage: Liebt Gott mich wirklich? Liebe ich Gott wirklich? Je stärker Liebe wirklich ist, desto stärker spüre ich auch, was ihr eigentlich alles im Weg steht. Je mehr Liebe da ist, desto mehr wird die Lieblosigkeit auch spürbar. Liebe macht nicht blind. Liebe schärft die Sinne für das, was da ist. Verliebt sein macht blind. Verliebt sein, das den anderen besitzen will und das alles ausblendet, was den anderen stören könnte oder am anderen stört. Verliebt sein, dass sich zuerst an einem romantischen Bild vom anderen, von der Beziehung zueinander leiten lässt und das alles ausblendet, was nicht in dieses romantische Bild passt. Wenn aus Verliebt sein Liebe wird, dann öffnet sie die Augen für die Wirklichkeit und hilft, auch das, was nicht ins rosarote Bild passt, zu sehen und damit umzugehen. Verliebt sein lässt mich MEIN Bild vom anderen sehen, Liebe den anderen selbst. Und da ist sie wieder, die Furcht. Die Furcht, die Menschen seit ewigen Zeiten zu allen Möglichkeiten Tricks, sich scheinbare Sicherheit zu verschaffen, greifen lässt. Die Furcht, dass mein Gegenüber mich nicht mehr liebenswert findet, wenn das Verliebt sein aufhört, das Bild verschwindet und die Wahrheit ans Licht kommt. Die Furcht, dass ich die Wahrheit nicht aushalte, wenn mir die Liebe die Augen für den anderen geöffnet hat. Und da bin ich dann wieder in der Bibel, ganz bei der Liebe Gottes.
Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht rechnet mit Strafe. So kann man zuerst und eigentlich tatsächlich nur von der Liebe reden, mit der Gott uns Menschen liebt. Die Liebe, die in Jesus nicht nur sichtbar geworden ist, sondern die von ihm mit Leben gefüllt wurde. In Jesus, in der Art und Weise, wie er Menschen begegnet ist, begegnet Gott selbst. Jesus war nicht nur ein netter Prophet oder ein guter Lehrer. Sondern er ist Gottes Mensch gewordene Liebe. Diese vollkommene Liebe will unsere Furcht vor dem Versagen, vor Strafe vertreiben. Jesus hat gezeigt, dass die Liebe Gottes keine Belohnung für ein immer richtiges Verhalten ist. Jesus ist zu den Menschen gegangen, die alles andere als fromm und liebenswert waren. Zu denen, die als Betrüger, als Prostituierte, als Zweifler schon vieles im Leben falsch gemacht haben. Er hat denen, die von sich wussten, dass so vieles in ihrem Leben nicht gut gelaufen ist, gezeigt, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes liebenswert, der Liebe wert sind. Obwohl es ihre eigene Schuld war, obwohl sie ihre Fehler nicht auf andere, auf die Umstände, auf die Gesellschaft abschieben konnten. Es geht nicht um Überheblichkeit, nicht darum, dass die so geliebten nun plötzlich absolut fehlerlos und besser als andere wären. Es geht um die Erkenntnis, dass ich ehrlich sein darf, dass ich mich nicht besser als ich bin machen muss, damit ich geliebt werde. Und hier wird für mich die Liebe Gottes, die Furcht vertreibt, ganz praktisch im Alltag umsetzbar und erfahrbar. Das, was ich am Anfang so lang erzählt habe, die Furcht, enttäuscht zu werden oder auch andere zu enttäuschen, ist ja nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass ich doch auch im Alltag spüren kann: Liebe nimmt mir die Furcht. Auch wenn ich eine Abfuhr riskiere: Wenn ich jemanden wirklich liebe, werde ich ihm das sagen. Und natürlich gibt es keine Garantie, dass eine Ehe, eine Beziehung ein Leben lang hält. Und in jeder Beziehung, Ehe, Partnerschaft und auch und gerade in der Liebe zwischen Eltern und Kindern, wird es Momente geben, in denen man sich gegenseitig richtig weh tut und wirklich auch aneinander schuldig wird. Und sicher gibt es auch manchmal Beziehungen, in denen wirklich Liebe da war, die an ein Ende kommen. Das weiß ich und sehe ich. Aber Liebe macht Mut, sich nicht von der Furcht, dass etwas kaputtgeht, sondern von der Hoffnung, dass Umkehr und Neuanfang möglich sind, leiten zu lassen. Sonst wäre, glaube ich, keine Ehe mehr da, die nicht geschieden wäre. Sonst würden, glaube ich, alle Kinder ihre Eltern verlassen oder umgekehrt alle Eltern ihre Kinder auf die Straße setzen. Die Liebe, die sich aus der Liebe Gottes stark machen lassen kann, macht uns nicht blind, sondern lässt uns in der Wirklichkeit, mit der Wirklichkeit leben und sie lässt aus der Wirklichkeit Gutes entstehen. Sicherheit gibt es nicht. Es kann schief gehen. Aber auch dann, wenn es schief geht, bleibt uns die Liebe, mit der Gott uns neu zum Leben anstiften will. Für mich verliert so auch der Satz „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ seinen Schrecken. Wenn ich ihn so verstehen müsste, dass Gott mich nicht mehr liebt, sobald ich etwas nicht Liebenswertes tue, dann müsste ich durchdrehen, dann wäre ich schon lange wirklich Gott fern. In der Liebe bleiben heißt auch und gerade bei Gott: der Beziehung immer wieder eine neue Chance geben. Sich dem Leben stellen und mit dem Leben und am Leben wachsen. Gott ist nicht der tote, starre Gott, der ein für allemal unveränderlich bleibt. Er offenbart sich Mose mit den Worten: „Ich werde der sein, der ich sein werde“ – das heißt: ich bin der Lebendige. Du kannst mich nicht wie ein Bild festhalten, ich bin lebendig. in der Liebe bleiben heißt: eine Beziehung nicht in Gesetzen und Regeln und Bildern erstarren zu lassen, sondern dem Leben mit seinen Veränderungen eine Chance zu geben. Und von da aus wird deutlich, was hier in diesem Brief ganz wichtig ist. die Liebe, mit der Gott Menschen liebt, ist mehr als eine bloße Zweierkiste. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht? Für mich ein Schlüsselsatz. Dort, wo ich Menschen Leben möglich mache, dort liebe ich Gott. Liebe heißt, den anderen wirklich Mensch sein lassen. Das kann ich auf verschiedene Art. Und das ändert sich auch. Weil Liebe eben im Leben spielt und nicht zwischen Buchdeckeln oder auf Bildern oder in filmen. Liebe muss nicht, kann aber mit Bauchkribbeln und Schmetterlingen verbunden sein. Den anderen Mensch sein lassen, das kann heißen, ihm zu zeigen, wie besonders er für mich ist und wie sehr ich ein Leben mit ihm schätze. Das kann aber auch heißen, dem anderen einen gerechten Lohn für seine Arbeit zu bezahlen und ihn nicht auszubeuten. Den Bedürftigen nicht im Elend zu lassen. Oder dem schwierigen Jugendlichen zu helfen, Auswege und einen Platz im Leben zu finden. Liebe kann auch heißen, den anderen nicht mit Schimpfwörtern klein zu machen. Liebe heißt: den anderen Mensch sein lassen. Dazu braucht es kein Kribbeln im Bauch. Es braucht die offenen Augen, das offene Herz, die Bereitschaft, sich auch enttäuschen zu lassen. Wer Sicherheit sucht, wird die Liebe verlieren. Wer loslassen kann, wird sie finden und gewinnen. Gottes Liebe ist deshalb so groß, weil Gott losgelassen hat. Das Bild vom perfekten Menschen, der alle Gebote und Regeln halten und erfüllen muss, um zu ihm kommen zu dürfen. Gott hat sich dem Menschen, dem Leben ganz zugewendet. Im Menschen Jesus Christus. Und weil das so ist, dürfen wir uns auch von unseren Bildern verabschieden. Und lieben. Und leben.
Amen
Liebe Gemeinde!
Sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich – sie liebt mich nicht… das darf doch nicht wahr sein, das muss ich nochmal probieren. Oder vielleicht ist Blütenblätterzupfen doch von vorgestern. Vielleicht sollte ich „Love – Leerzeichen – Uli - Leerzeichen – Silke“ als SMS an 83333 schicken, kostet ja nur 4,99 im Top-Abo und das muss es mir doch wert sein, genau zu wissen, zu wie viel Prozent meine Liebste und ich zusammenpassen. Oder vielleicht doch ein Horoskop, das mir Sicherheit verschafft? Furcht ist nicht in der Liebe? – Von wegen! Wer liebt, gibt viel von sich preis. Wer liebt, wird verletzlich, öffnet sich. Und deshalb tut enttäuschte, kaputtgegangene Liebe auch mehr weh als vieles andere. Schmerzen hat niemand gern. Und wenn ich mir Sicherheit verschaffen kann, warum sollte ich dann das Risiko, verletzt zu werden eingehen? 4,99 ist da doch nicht zu viel verlangt! Nein, ich will nichts lächerlich machen. Nicht die Sehnsucht junger Menschen nach Sicherheit in der Liebe. Und auch nicht diese Verse aus der Bibel, zu denen dieses alltägliche Spiel mit der Liebe so gar nicht passt. Natürlich erzählen diese Verse aus der Bibel nicht von einer alltäglichen Zweierbeziehung. Oder vielleicht doch? „Love – Leer-zeichen – Gott – Leerzeichen – Uli“ oder Dorothee oder Lisa oder Marcel oder… - wenn der erste Johannesbrief es ernst meint, dann brauchen wir das nicht per SMS an 83333 zu senden und 4,99 auszugeben, dann dürfen wir glauben, hoffen, wissen: da kommen 100% raus, das passt optimal. Aber trotzdem gibt es Momente im Leben, in denen ich mich frage: Liebt Gott mich wirklich? Liebe ich Gott wirklich? Je stärker Liebe wirklich ist, desto stärker spüre ich auch, was ihr eigentlich alles im Weg steht. Je mehr Liebe da ist, desto mehr wird die Lieblosigkeit auch spürbar. Liebe macht nicht blind. Liebe schärft die Sinne für das, was da ist. Verliebt sein macht blind. Verliebt sein, das den anderen besitzen will und das alles ausblendet, was den anderen stören könnte oder am anderen stört. Verliebt sein, dass sich zuerst an einem romantischen Bild vom anderen, von der Beziehung zueinander leiten lässt und das alles ausblendet, was nicht in dieses romantische Bild passt. Wenn aus Verliebt sein Liebe wird, dann öffnet sie die Augen für die Wirklichkeit und hilft, auch das, was nicht ins rosarote Bild passt, zu sehen und damit umzugehen. Verliebt sein lässt mich MEIN Bild vom anderen sehen, Liebe den anderen selbst. Und da ist sie wieder, die Furcht. Die Furcht, die Menschen seit ewigen Zeiten zu allen Möglichkeiten Tricks, sich scheinbare Sicherheit zu verschaffen, greifen lässt. Die Furcht, dass mein Gegenüber mich nicht mehr liebenswert findet, wenn das Verliebt sein aufhört, das Bild verschwindet und die Wahrheit ans Licht kommt. Die Furcht, dass ich die Wahrheit nicht aushalte, wenn mir die Liebe die Augen für den anderen geöffnet hat. Und da bin ich dann wieder in der Bibel, ganz bei der Liebe Gottes.
Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht rechnet mit Strafe. So kann man zuerst und eigentlich tatsächlich nur von der Liebe reden, mit der Gott uns Menschen liebt. Die Liebe, die in Jesus nicht nur sichtbar geworden ist, sondern die von ihm mit Leben gefüllt wurde. In Jesus, in der Art und Weise, wie er Menschen begegnet ist, begegnet Gott selbst. Jesus war nicht nur ein netter Prophet oder ein guter Lehrer. Sondern er ist Gottes Mensch gewordene Liebe. Diese vollkommene Liebe will unsere Furcht vor dem Versagen, vor Strafe vertreiben. Jesus hat gezeigt, dass die Liebe Gottes keine Belohnung für ein immer richtiges Verhalten ist. Jesus ist zu den Menschen gegangen, die alles andere als fromm und liebenswert waren. Zu denen, die als Betrüger, als Prostituierte, als Zweifler schon vieles im Leben falsch gemacht haben. Er hat denen, die von sich wussten, dass so vieles in ihrem Leben nicht gut gelaufen ist, gezeigt, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes liebenswert, der Liebe wert sind. Obwohl es ihre eigene Schuld war, obwohl sie ihre Fehler nicht auf andere, auf die Umstände, auf die Gesellschaft abschieben konnten. Es geht nicht um Überheblichkeit, nicht darum, dass die so geliebten nun plötzlich absolut fehlerlos und besser als andere wären. Es geht um die Erkenntnis, dass ich ehrlich sein darf, dass ich mich nicht besser als ich bin machen muss, damit ich geliebt werde. Und hier wird für mich die Liebe Gottes, die Furcht vertreibt, ganz praktisch im Alltag umsetzbar und erfahrbar. Das, was ich am Anfang so lang erzählt habe, die Furcht, enttäuscht zu werden oder auch andere zu enttäuschen, ist ja nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass ich doch auch im Alltag spüren kann: Liebe nimmt mir die Furcht. Auch wenn ich eine Abfuhr riskiere: Wenn ich jemanden wirklich liebe, werde ich ihm das sagen. Und natürlich gibt es keine Garantie, dass eine Ehe, eine Beziehung ein Leben lang hält. Und in jeder Beziehung, Ehe, Partnerschaft und auch und gerade in der Liebe zwischen Eltern und Kindern, wird es Momente geben, in denen man sich gegenseitig richtig weh tut und wirklich auch aneinander schuldig wird. Und sicher gibt es auch manchmal Beziehungen, in denen wirklich Liebe da war, die an ein Ende kommen. Das weiß ich und sehe ich. Aber Liebe macht Mut, sich nicht von der Furcht, dass etwas kaputtgeht, sondern von der Hoffnung, dass Umkehr und Neuanfang möglich sind, leiten zu lassen. Sonst wäre, glaube ich, keine Ehe mehr da, die nicht geschieden wäre. Sonst würden, glaube ich, alle Kinder ihre Eltern verlassen oder umgekehrt alle Eltern ihre Kinder auf die Straße setzen. Die Liebe, die sich aus der Liebe Gottes stark machen lassen kann, macht uns nicht blind, sondern lässt uns in der Wirklichkeit, mit der Wirklichkeit leben und sie lässt aus der Wirklichkeit Gutes entstehen. Sicherheit gibt es nicht. Es kann schief gehen. Aber auch dann, wenn es schief geht, bleibt uns die Liebe, mit der Gott uns neu zum Leben anstiften will. Für mich verliert so auch der Satz „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ seinen Schrecken. Wenn ich ihn so verstehen müsste, dass Gott mich nicht mehr liebt, sobald ich etwas nicht Liebenswertes tue, dann müsste ich durchdrehen, dann wäre ich schon lange wirklich Gott fern. In der Liebe bleiben heißt auch und gerade bei Gott: der Beziehung immer wieder eine neue Chance geben. Sich dem Leben stellen und mit dem Leben und am Leben wachsen. Gott ist nicht der tote, starre Gott, der ein für allemal unveränderlich bleibt. Er offenbart sich Mose mit den Worten: „Ich werde der sein, der ich sein werde“ – das heißt: ich bin der Lebendige. Du kannst mich nicht wie ein Bild festhalten, ich bin lebendig. in der Liebe bleiben heißt: eine Beziehung nicht in Gesetzen und Regeln und Bildern erstarren zu lassen, sondern dem Leben mit seinen Veränderungen eine Chance zu geben. Und von da aus wird deutlich, was hier in diesem Brief ganz wichtig ist. die Liebe, mit der Gott Menschen liebt, ist mehr als eine bloße Zweierkiste. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht? Für mich ein Schlüsselsatz. Dort, wo ich Menschen Leben möglich mache, dort liebe ich Gott. Liebe heißt, den anderen wirklich Mensch sein lassen. Das kann ich auf verschiedene Art. Und das ändert sich auch. Weil Liebe eben im Leben spielt und nicht zwischen Buchdeckeln oder auf Bildern oder in filmen. Liebe muss nicht, kann aber mit Bauchkribbeln und Schmetterlingen verbunden sein. Den anderen Mensch sein lassen, das kann heißen, ihm zu zeigen, wie besonders er für mich ist und wie sehr ich ein Leben mit ihm schätze. Das kann aber auch heißen, dem anderen einen gerechten Lohn für seine Arbeit zu bezahlen und ihn nicht auszubeuten. Den Bedürftigen nicht im Elend zu lassen. Oder dem schwierigen Jugendlichen zu helfen, Auswege und einen Platz im Leben zu finden. Liebe kann auch heißen, den anderen nicht mit Schimpfwörtern klein zu machen. Liebe heißt: den anderen Mensch sein lassen. Dazu braucht es kein Kribbeln im Bauch. Es braucht die offenen Augen, das offene Herz, die Bereitschaft, sich auch enttäuschen zu lassen. Wer Sicherheit sucht, wird die Liebe verlieren. Wer loslassen kann, wird sie finden und gewinnen. Gottes Liebe ist deshalb so groß, weil Gott losgelassen hat. Das Bild vom perfekten Menschen, der alle Gebote und Regeln halten und erfüllen muss, um zu ihm kommen zu dürfen. Gott hat sich dem Menschen, dem Leben ganz zugewendet. Im Menschen Jesus Christus. Und weil das so ist, dürfen wir uns auch von unseren Bildern verabschieden. Und lieben. Und leben.
Amen
Sonntag, 30. Mai 2010
Geistreich küssen - Trinitatis, 30.05.2010, Reihe VI (statt II), Begrüßung der neuen Konfis
Text: 2. Kor 13,11-13
Liebe Gemeinde!
Ja, das wäre doch was, wenn wir uns heute Morgen vor der Kirche mit Küssen begrüßt hätten, oder? Grüßt einander mit dem Heiligen Kuss, schreibt Paulus. Statt Händeschütteln vor der Kirche für jeden einen Kuss, und auch im Konfirmandenunterricht am Dienstag: vor dem Beten wird erst mal geküsst. Vielleicht würden es Mädchen untereinander hinkriegen. Aber wenn ich mir das bei den Jungs vorstelle, glaube ich nicht, dass diese Begrüßung ihre Wahl wäre. Und auch zwischen Erwachsenen und Jugendlichen wäre das nicht die Begrüßung meiner Wahl. Zu viele unheilige Küsse spielten in den letzten Wochen in den Nachrichten eine Rolle. Entweder wurde im Namen Gottes geschlagen und gequält oder im Namen Gottes oder einer missverstandenen Erziehung zur Freiheit geküsst oder mehr dort, wo es überhaupt nicht hingehört. Küsse sind in Verruf geraten. Schon in der Bibel gibt es ja den Kuss, mit dem Judas Jesus verrät. Und als eine Frau mit schlechtem Ruf, vielleicht eine Prostituierte, Jesus die Füße küsst, denken die Jünger und die Frommen, dass sich das überhaupt nicht gehört. Begrüßen wir uns also lieber anders, im Gottesdienst, in Konfer, in der Schule, in der Gemeinde. Nicht mit heiligen Küssen, die so leicht missverstanden oder missbraucht werden können. Begrüßen wir uns anders – und trotzdem wünsche ich uns, als Gemeinde, als Konfergruppe, als Menschen auf dem Richtsberg, in Marburg, dass das, was hinter dem heiligen Kuss steckt, auch bei uns wirksam ist, wenn wir uns begrüßen. Wenn ich einen Kuss ernst meine und nicht Vertrauen oder Macht missbrauche, heißt ein Kuss doch: Du bist mir vertraut. Ich mag dich, vielleicht ist sogar echte Liebe dabei. Du bist mir nicht egal. Ich gönne und wünsche dir Gutes. Ich vertraue dir, ich respektiere dich. Du bist Teil meiner Familie. Ich habe eine Beziehung zu dir. Der Streit steht nicht mehr zwischen uns, wir vertragen uns wieder. Das alles kann ein ehrlicher Kuss bedeuten. Auch wenn wir den Kuss weglassen, weil er leicht missverstanden werden kann: Eigentlich sind das alles Dinge, die Miteinander voranbringen. Wenn wir das unabhängig vom Kuss in unserem Leben umsetzen würden, nicht nur sonntags im Gottesdienst, nicht nur dienstags in Konfer, sondern in unserem Zusammenleben auf dem Richtsberg, in Marburg, anderswo, jeden Tag neu, ich glaube, die Welt wäre kaum wiederzuerkennen. Respekt und Achtung voreinander, das Gefühl, zusammenzugehören. Egal, auf welche Schule jemand geht. Egal, wie viel Geld er hat. Egal, ob er jung oder alt, dick oder dünn, Russe, Araber, Türke oder Deutscher, krank oder gesund ist. Ein Traum. Und vielleicht wird er ja dienstags in Konfer, sonntags in der Kirche, montags, mittwochs, donnerstags, freitags, samstags in der Schule, auf der Straße, in der Firma, in den Blocks und Häusern ein Stück Wirklichkeit. Träume werden wahr. Weil wir den Mut haben, anderen nahe zu sein, auch wenn wir uns dazu nicht gleich küssen müssen, weil wir aufeinander achten, weil wir uns achten, respektieren, vielleicht sogar hier und dort ein wenig lie-ben.
Ein Traum, der Traum bleibt? Zu albern? Zu schön, um wahr zu werden? Die Menschen sind nicht so, die Konfis nicht, die Erwachsenen nicht? Ja, das Leben ist kein Ponyhof, auf dem immer die Sonne scheint und alles schön einfach ist. Dauerferien und Dauerglück gibt es nicht. Und Menschen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, können manchmal ziemlich anstrengend, leider auch ziemlich gemein sein. Und trotzdem halte ich fest an dem Traum. Nicht weil ich ein Spinner bin. Sondern weil ich glaube, dass Gott uns den Mut und die Kraft gibt, Träume zu verfolgen, Hoffnung zu behalten, Liebe anzunehmen und zu schenken und uns, zumindest in Gedanken, tatsächlich mit einem Heiligen Kuss zu begrüßen.
Als Paulus vor 2000 Jahren den Brief an die Christen in Korinth geschrieben hat, waren die Christen dort nicht perfekter als wir. Es gab reiche Menschen, die wenig arbeiten mussten, die keine Rücksicht auf die genommen haben, die arbeiten mussten und erst später zu den Gottesdiensten, die immer mit Abendmahl gefeiert wurden, kamen. Manche waren schon vom Abendmahlswein besoffen, bevor die Arbeiter überhaupt kamen. Es gab welche, die hielten sich für was Besseres, weil sie von einem gebildeteren Menschen als Paulus getauft wurden. Es gab ganz Ängstliche, die wollten den Mutigen alles verbieten und es gab Mutige, die haben die Ängstlichen lächerlich gemacht. Es war keine perfekte Gemeinde. Deshalb schreibt Paulus ja auch: „Lasst euch wieder in die richtige Spur bringen, lasst euch ermahnen und trösten“. Klar, es ist nicht schön, auf Fehler aufmerksam gemacht zu werden. Als Schüler nicht, als Konfi nicht und, glaubt mir, als Erwachsener tut man sich vielleicht manchmal damit noch schwerer. Aber im Glauben und auch sonst braucht man manchmal einen Anstoß von außen, um wieder gute Wege zu finden. Jemanden, der offen und ehrlich sagt: Das war so nichts. Was ich schön finde und was leider viel zu oft übersehen und ver-gessen wird, ist, dass im Griechischen, in der Sprache, in der Paulus geschrieben hat und die die Christen in Ko-rinth gesprochen haben, ermahnen, erinnern und trösten das gleiche Wort ist. Es geht nicht darum, den anderen als dumm hinzustellen, weil er etwas falsch gemacht hat und ihn mit seinen Fehlern vorzuführen. Es geht drum, ihn an das, was er glaubt und hofft, an seine guten Fähigkeiten zu erinnern und ihn zu trösten und ihm den Mut zu geben, es besser zu machen. Nicht aus Angst, sondern weil er weiß: Ich kann auch anders. So geht Gott mit uns und unseren Fehlern um. Und ich wünsche uns, dass davon etwas auf unser Miteinander abfärbt. In Konfer, in der Schule, in der Gemeinde, da wo wir leben. Über alle Alters- und anderen Grenzen hinaus. Dass wir uns gegenseitig Mut machen, es besser zu machen und uns nicht unsere Fehler gegenseitig in Ewigkeit vorhalten uns auf das Schlechte, das ja da ist und dass wir auch tun, festnageln. Paulus beendet den Brief an die Christen in Korinth, über die er traurig ist, die ihn enttäuscht haben, nicht mit Ermahnungen und Vorwürfen.
Am Ende stehen ein richtig guter Wunsch und eine gute Hoffnung. Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Das hört sich anders an als: „Ändert euch gefälligst, sonst wird aus euch nichts!“ Auch wenn es sich für uns heute entweder sehr formal anhört, unpersönlich, weil es in fast jedem Gottesdienst so vorkommt oder gar unverständlich, weil im Alltag niemand mehr so redet. Aber genau das sind eigentlich drei große Geschenke für unser Leben. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: da ist einer, der will uns vergeben. Da ist einer, der setzt nicht mit aller Macht sein Recht durch, sondern der begnadigt. Da ist einer, der hält zu uns, auch wenn wir Fehler machen. Da ist einer, der will, dass wir aus unseren Fehlern lernen, der traut uns zu, es besser zu können. Gnade, nicht Rache, nicht Vergeltung, nicht Angst. Für mich kommt das auch im Vater unser vor, wenn wir beten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Mache uns großzügig, lass uns nicht kleinlich und rechthaberisch sein. Nicht blind und dumm, sondern ehrlich und großzügig. Auch das ist ein Geschenk der Gnade. Und dann die Liebe Gottes. Da gibt’s eigentlich nichts mehr zu sagen. Oder so viel, dass es für eine eigene Predigt reicht. Zum Beispiel nächsten Sonntag, da geht es dann um die Liebe. Die Liebe, die so groß ist, dass man sie kaum beschreiben kann, die sollst du erfahren. Ist doch ein schöner Wunsch, gerade für die, über die ich mich eben noch geärgert habe. Gott ist nicht nachtragend. Und wir? Und am Ende der Wunsch nach Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist und im Heiligen Geist. Allein geht es einem im Leben wirklich schlecht. Man muss nicht immer einer Meinung sein, um zusammenzugehören. In Konfer nicht, in der Gemeinde nicht, in der Familie nicht. Schließt euch nicht ab, bleibt aufgeschlossen, lasst euch stark machen für ein aufgeschlossenes Leben. Das ist der Wunsch, den Paulus für die Christen in Korinth hat und den ich für uns habe. Und vielleicht, irgendwann, ist es dann auch so weit, dass der heilige Kuss zur Begrüßung nicht peinlich und komisch und mit dummen Hintergedanken verbunden ist, sondern normal wird. Solange können wir ja lernen, uns mit dem Gedanken daran anzufreunden, dass so was möglich sein könnte und möglich war. Und wir können unseren Teil dafür tun, dass die Zusammengehörigkeit, die Liebe, der Respekt, die dahinter stecken, trotzdem spürbar werden. Auch wenn wir uns nicht küssen. Dazu gebe Gott uns allen seinen Segen.
Amen
Sonntag, 23. Mai 2010
Feuer und Flamme - Pfingstonntag, 23.05.2010, Reihe II
Text: Apostelgeschichte 2,1-13(18)
Liebe Gemeinde!
Besoffen vor Begeisterung – vielleicht waren das ja gestern Abend die Anhänger von Inter Mailand nach dem Gewinn des Champions-League Finales in Madrid. Und vielleicht haben viele von ihnen noch gar nicht mal viel Alkohol getrunken, sondern sich aus lauter Freude über den Sieg so begeistert verhalten, dass andere, die mit Fußball nichts anfangen können, gedacht haben: die müssen wirklich besoffen sein. Aber wer selbst schon mal echte Begeisterung bei sich erlebt hat, wer sich als Fußballfan oder Fan einer anderen Mannschaft mal so richtig von tollen Spielen oder Siegen hat mitreißen lassen, der weiß: weder Red Bull noch irgendein Bier können solche Flügel verleihen wie echte Begeisterung, die einen zu Dingen treibt, die man sich, wenn man viel nachdenkt, gar nicht trauen würde. Wer so richtig Feuer und Flamme für etwas ist, der kann andere anstecken. Mit seiner Begeisterung. Natürlich waren die Jünger, die ohne Jesus zurechtkommen mussten, keine Fans des FC Jerusalem, der gerade die römische Reichsmeisterschaft gewonnen hätte. Und ich glaube auch nicht, dass der heilige Geist am Werk sein muss, um die eigene Begeisterung für eine Band oder eine Sängerin, für ein Hobby oder eine politische Partei anderen ansteckend zu vermitteln. Aber das, was uns Lukas in seiner Apostelgeschichte über den Geburtstag der Kirche erzählt, über die Begeisterung der Jünger, ist keine alte Geschichte, die vor fast 2000 Jahren in einem fernen Land spielt und die nichts mit uns heute zu tun hätte. Es ist keine bloße Geschichte, sondern eine Wirklichkeit, die bis heute Leben berühren und verändern kann. Bis in unsere Alltagssprache hinein wirkt Pfingsten. Auch wenn „begeistert sein“ heute längst nicht immer mit dem Glauben in Verbindung gebracht wird, auch wenn man nicht nur für den Glauben an Gott Feuer und Flamme ist – dass so immer noch geredet wird, hat mit den Erfahrungen zu tun, die Lukas in der Apostelgeschichte erzählt.
Jetzt ist es natürlich kein Grund, am Pfingstsonntag in der Kirche zu sitzen, nur weil manches, was in der Bibel steht, in unserer Alltagssprache vorkommt. Und das ist auch kein Grund, zu behaupten, dass die Wirklichkeit, von der die Apostelgeschichte erzählt, noch heute da ist. Der Grund ist der, dass die Wirkung des Geistes Gottes viel Alltäglicher ist, als wir es manchmal glauben. Natür-lich wird hier in der Bibel, in der Pfingstgeschichte, etwas Wunderbares, fast Unglaubliches erzählt. Und das ver-führt Menschen immer wieder dazu, mit Gott und dem Glauben die absolut übernatürlichen, unerklärlichen Sa-chen in Verbindung zu bringen und enttäuscht zu sein, wenn nicht wenigstens ein Dutzend Krebskranker spontan geheilt wird oder andere spektakuläre Dinge passieren. Aber wenn wir mal drauf achten, was die Wirkung des Geistes ist, dann sind das ganz unspektakuläre Dinge, die den Alltag der Menschen voran bringen.
An drei Punkten aus der Pfingstgeschichte möchte ich von Gottes Geist in unserem Alltag erzählen. Einmal an der wunderbaren Fähigkeit der Jünger, Menschen aus anderen Ländern in ihrer eigenen Sprache erreichen zu können. Zum zweiten an der Beobachtung, dass dort nicht gerade die Elite der damaligen Gesellschaft gepredigt hat. Und zum dritten an der Beobachtung, dass die Jünger zum ersten Mal sich nicht auf den verlassen, den sie sehen und anfassen können, nämlich Jesus, sondern auf eine neue Wirklichkeit Gottes, die da, aber nicht greifbar ist.
Zur ersten Beobachtung der Alltagstauglichkeit der alten Pfingstgeschichte. Es wäre toll, wenn mir das Gleiche passieren würde, wie es den Jüngern passiert ist. Wenn ich ohne Zeit fürs Lernen zu investieren, Russisch und Arabisch sprechen und verstehen könnte. Italienisch, Spanisch und Französisch würde ich dann auch noch gern mitnehmen. Und zigtausende Schüler träumen wohl auch von Englisch-, Französisch- und anderen Sprachkenntnissen ohne Arbeitsaufwand. Aber da müssen wir alle wohl lange warten. Das ist auch nicht der Kern, der den Geist Gottes auch heute noch wirksam macht. Der Kern ist doch der: Menschen verstehen sich plötzlich. Grenzen spielen keine trennende Rolle mehr. Gott, der Glaube an ihn, lässt sich nicht mehr in ein bestimmtes Land oder in die Grenzen einer einzigen Spra-che einsperren. Gottes Geist ist auch heute noch da im Spiel, wo Menschen über Grenzen hinweg Verständigung suchen und finden. Sprachliche Grenzen, kulturelle Gren-zen, die Grenzen, die unsere Vorurteile errichten. Die ver-schiedenen Sprachen, die die Menschen damals gesprochen haben, die bleiben. Aber sie sind nicht mehr Zeichen der Trennung, sondern Zeichen der Vielfalt, die möglich ist. Wo Menschen Verständigung suchen und finden, da ist Gottes Geist am Wirken. Bis heute. Zwei Erlebnisse von mir. In meiner vorigen Gemeinde in Fulda kam regelmäßig eine Frau aus Kamerun in den Gottesdienst. Sie sprach kein Deutsch und praktisch kein Englisch. Aber sie kam, weil sie spürte: Hier kann ich beten, hier sind andere, die Gottes Wort hören und beten. Sie wurde ein Teil der Gemeinde, hat andere aus Kamerun mitgebracht und die haben gesungen und getanzt und so die Gemeinde bereichert. Das andere Erlebnis ist das Gebetstreffen von christlichen Gemeinden und Initiativen vor knapp vier Wochen in der Thomaskirche. Menschen aus ganz verschiedenen Gemeinden, mit ganz unterschiedlichen Arten, die Bibel zu lesen und zu beten, haben sich getroffen. Es ist eine Gemeinschaft entstanden, die die Unterschiede, die es gibt, als Bereicherung erlebt hat. Gottes Geist war da. Deshalb ist es traurig, dass es immer noch Menschen gibt, die sich Christen nennen, die in erster Linie besser als andere sein wollen. Die Gottes Geist in ihre Kirche, in ihre Gemeinschaft, in ihre Art, zu glauben, zu beten, Abendmahl zu feiern einsperren wollen. Gottes Geist ist nicht da, wo Menschen sich voneinander abgrenzen und Recht haben wollen, sondern dort, wo Menschen aufeinander zu gehen und lernen, die Sprache der ande-ren, auch die Sprache des Glaubens der anderen, mit zu sprechen. Zumindest glaube ich das.
Die zweite Beobachtung: es waren nicht die Priester im Tempel, nicht die Gelehrten und die typisch Frommen, die als erste so richtig begeistert waren. Petrus und die anderen waren eher einfache Leute, manche mit einem eher schlechten Ruf. Gottes Geist lässt sich nicht an einen bestimmten Beruf binden. Auch nicht an das Ansehen, dass ein Mensch bei anderen genießt. Gottes Geist widerspricht unserem Elitedenken. Nicht, dass mich jemand missversteht: es ist gut, sich zu bilden. Es ist gut, etwas wissen zu wollen, die Welt zu entdecken, gute Gespräche zu führen. Aber für Gottes Geist sind das nicht die entscheidenden Maßstäbe. Vielleicht ist es ja manchmal auch so, dass sich der, der sich für besser hält, tatsächlich nicht so leicht begeistern lässt und sich dem Geist eher in den Weg stellt als sich von ihm anstecken zu lassen und Feuer und Flamme zu werden. Gottes Geist lässt sich von Bildung, Reichtum, Ansehen nicht festhalten. Es ist wenig geistreich, sich von Be-nachteiligten, scheinbar Schwachen abzuwenden. Vielleicht hat Gottes Geist gerade durch sie viel zu sagen.
Und die dritte Beobachtung der Alltagstauglichkeit ist die: Petrus und die anderen, die sich begeistern lassen, bekommen den Mut, den Mund aufzumachen und von ihrem Glauben zu erzählen. Sie halten sich nicht mehr an Jesus fest, der körperlich bei ihnen war, der im wahrsten Sinn des Wortes zu fassen war. Sie haben den Mut, das Sichtbare loszulassen und der Hoffnung und dem Vertrauen wirklich Raum zu geben. Gottes Geist macht Mut, die Kammer der Angst zu verlassen. Gottes Geist macht Mut, sich nicht zu verstecken, sondern aus sich herauszugehen. Gottes Geist macht Mut, das Miteinander zu suchen und sich nicht in ängstlichen Abgrenzungen um der reinen Lehre willen zu ergehen. Gottes Geist macht Mut, das los zu lassen, was mir vertraut ist, was ich fassen kann und sich vom Unfassbaren begeistern zu lassen. Gottes Geist begeistert, er lässt Menschen Feuer und Flamme sein. Nicht für das, was in der Vergan-genheit war, sondern für das Leben, das vor uns liegt, für die Welt, die Gott uns öffnet, für die Welt, in der Ver-ständigung, Liebe, Gerechtigkeit zählen und nicht das, was wir anderen an Wert zusprechen. Gottes Geist macht Mut, loszulassen und Zukunft zu erwarten und mit zu gestalten. Ich wünsche uns, dass wir wirklich begeistert feiern. Und denen, die sich am Sieg von Inter berauscht haben, wünsche ich, dass sich ihre Begeisterung nicht an dem, was war festhält, sondern für das, was kommt öffnet. Im Fußball und im Leben.
Amen
Liebe Gemeinde!
Besoffen vor Begeisterung – vielleicht waren das ja gestern Abend die Anhänger von Inter Mailand nach dem Gewinn des Champions-League Finales in Madrid. Und vielleicht haben viele von ihnen noch gar nicht mal viel Alkohol getrunken, sondern sich aus lauter Freude über den Sieg so begeistert verhalten, dass andere, die mit Fußball nichts anfangen können, gedacht haben: die müssen wirklich besoffen sein. Aber wer selbst schon mal echte Begeisterung bei sich erlebt hat, wer sich als Fußballfan oder Fan einer anderen Mannschaft mal so richtig von tollen Spielen oder Siegen hat mitreißen lassen, der weiß: weder Red Bull noch irgendein Bier können solche Flügel verleihen wie echte Begeisterung, die einen zu Dingen treibt, die man sich, wenn man viel nachdenkt, gar nicht trauen würde. Wer so richtig Feuer und Flamme für etwas ist, der kann andere anstecken. Mit seiner Begeisterung. Natürlich waren die Jünger, die ohne Jesus zurechtkommen mussten, keine Fans des FC Jerusalem, der gerade die römische Reichsmeisterschaft gewonnen hätte. Und ich glaube auch nicht, dass der heilige Geist am Werk sein muss, um die eigene Begeisterung für eine Band oder eine Sängerin, für ein Hobby oder eine politische Partei anderen ansteckend zu vermitteln. Aber das, was uns Lukas in seiner Apostelgeschichte über den Geburtstag der Kirche erzählt, über die Begeisterung der Jünger, ist keine alte Geschichte, die vor fast 2000 Jahren in einem fernen Land spielt und die nichts mit uns heute zu tun hätte. Es ist keine bloße Geschichte, sondern eine Wirklichkeit, die bis heute Leben berühren und verändern kann. Bis in unsere Alltagssprache hinein wirkt Pfingsten. Auch wenn „begeistert sein“ heute längst nicht immer mit dem Glauben in Verbindung gebracht wird, auch wenn man nicht nur für den Glauben an Gott Feuer und Flamme ist – dass so immer noch geredet wird, hat mit den Erfahrungen zu tun, die Lukas in der Apostelgeschichte erzählt.
Jetzt ist es natürlich kein Grund, am Pfingstsonntag in der Kirche zu sitzen, nur weil manches, was in der Bibel steht, in unserer Alltagssprache vorkommt. Und das ist auch kein Grund, zu behaupten, dass die Wirklichkeit, von der die Apostelgeschichte erzählt, noch heute da ist. Der Grund ist der, dass die Wirkung des Geistes Gottes viel Alltäglicher ist, als wir es manchmal glauben. Natür-lich wird hier in der Bibel, in der Pfingstgeschichte, etwas Wunderbares, fast Unglaubliches erzählt. Und das ver-führt Menschen immer wieder dazu, mit Gott und dem Glauben die absolut übernatürlichen, unerklärlichen Sa-chen in Verbindung zu bringen und enttäuscht zu sein, wenn nicht wenigstens ein Dutzend Krebskranker spontan geheilt wird oder andere spektakuläre Dinge passieren. Aber wenn wir mal drauf achten, was die Wirkung des Geistes ist, dann sind das ganz unspektakuläre Dinge, die den Alltag der Menschen voran bringen.
An drei Punkten aus der Pfingstgeschichte möchte ich von Gottes Geist in unserem Alltag erzählen. Einmal an der wunderbaren Fähigkeit der Jünger, Menschen aus anderen Ländern in ihrer eigenen Sprache erreichen zu können. Zum zweiten an der Beobachtung, dass dort nicht gerade die Elite der damaligen Gesellschaft gepredigt hat. Und zum dritten an der Beobachtung, dass die Jünger zum ersten Mal sich nicht auf den verlassen, den sie sehen und anfassen können, nämlich Jesus, sondern auf eine neue Wirklichkeit Gottes, die da, aber nicht greifbar ist.
Zur ersten Beobachtung der Alltagstauglichkeit der alten Pfingstgeschichte. Es wäre toll, wenn mir das Gleiche passieren würde, wie es den Jüngern passiert ist. Wenn ich ohne Zeit fürs Lernen zu investieren, Russisch und Arabisch sprechen und verstehen könnte. Italienisch, Spanisch und Französisch würde ich dann auch noch gern mitnehmen. Und zigtausende Schüler träumen wohl auch von Englisch-, Französisch- und anderen Sprachkenntnissen ohne Arbeitsaufwand. Aber da müssen wir alle wohl lange warten. Das ist auch nicht der Kern, der den Geist Gottes auch heute noch wirksam macht. Der Kern ist doch der: Menschen verstehen sich plötzlich. Grenzen spielen keine trennende Rolle mehr. Gott, der Glaube an ihn, lässt sich nicht mehr in ein bestimmtes Land oder in die Grenzen einer einzigen Spra-che einsperren. Gottes Geist ist auch heute noch da im Spiel, wo Menschen über Grenzen hinweg Verständigung suchen und finden. Sprachliche Grenzen, kulturelle Gren-zen, die Grenzen, die unsere Vorurteile errichten. Die ver-schiedenen Sprachen, die die Menschen damals gesprochen haben, die bleiben. Aber sie sind nicht mehr Zeichen der Trennung, sondern Zeichen der Vielfalt, die möglich ist. Wo Menschen Verständigung suchen und finden, da ist Gottes Geist am Wirken. Bis heute. Zwei Erlebnisse von mir. In meiner vorigen Gemeinde in Fulda kam regelmäßig eine Frau aus Kamerun in den Gottesdienst. Sie sprach kein Deutsch und praktisch kein Englisch. Aber sie kam, weil sie spürte: Hier kann ich beten, hier sind andere, die Gottes Wort hören und beten. Sie wurde ein Teil der Gemeinde, hat andere aus Kamerun mitgebracht und die haben gesungen und getanzt und so die Gemeinde bereichert. Das andere Erlebnis ist das Gebetstreffen von christlichen Gemeinden und Initiativen vor knapp vier Wochen in der Thomaskirche. Menschen aus ganz verschiedenen Gemeinden, mit ganz unterschiedlichen Arten, die Bibel zu lesen und zu beten, haben sich getroffen. Es ist eine Gemeinschaft entstanden, die die Unterschiede, die es gibt, als Bereicherung erlebt hat. Gottes Geist war da. Deshalb ist es traurig, dass es immer noch Menschen gibt, die sich Christen nennen, die in erster Linie besser als andere sein wollen. Die Gottes Geist in ihre Kirche, in ihre Gemeinschaft, in ihre Art, zu glauben, zu beten, Abendmahl zu feiern einsperren wollen. Gottes Geist ist nicht da, wo Menschen sich voneinander abgrenzen und Recht haben wollen, sondern dort, wo Menschen aufeinander zu gehen und lernen, die Sprache der ande-ren, auch die Sprache des Glaubens der anderen, mit zu sprechen. Zumindest glaube ich das.
Die zweite Beobachtung: es waren nicht die Priester im Tempel, nicht die Gelehrten und die typisch Frommen, die als erste so richtig begeistert waren. Petrus und die anderen waren eher einfache Leute, manche mit einem eher schlechten Ruf. Gottes Geist lässt sich nicht an einen bestimmten Beruf binden. Auch nicht an das Ansehen, dass ein Mensch bei anderen genießt. Gottes Geist widerspricht unserem Elitedenken. Nicht, dass mich jemand missversteht: es ist gut, sich zu bilden. Es ist gut, etwas wissen zu wollen, die Welt zu entdecken, gute Gespräche zu führen. Aber für Gottes Geist sind das nicht die entscheidenden Maßstäbe. Vielleicht ist es ja manchmal auch so, dass sich der, der sich für besser hält, tatsächlich nicht so leicht begeistern lässt und sich dem Geist eher in den Weg stellt als sich von ihm anstecken zu lassen und Feuer und Flamme zu werden. Gottes Geist lässt sich von Bildung, Reichtum, Ansehen nicht festhalten. Es ist wenig geistreich, sich von Be-nachteiligten, scheinbar Schwachen abzuwenden. Vielleicht hat Gottes Geist gerade durch sie viel zu sagen.
Und die dritte Beobachtung der Alltagstauglichkeit ist die: Petrus und die anderen, die sich begeistern lassen, bekommen den Mut, den Mund aufzumachen und von ihrem Glauben zu erzählen. Sie halten sich nicht mehr an Jesus fest, der körperlich bei ihnen war, der im wahrsten Sinn des Wortes zu fassen war. Sie haben den Mut, das Sichtbare loszulassen und der Hoffnung und dem Vertrauen wirklich Raum zu geben. Gottes Geist macht Mut, die Kammer der Angst zu verlassen. Gottes Geist macht Mut, sich nicht zu verstecken, sondern aus sich herauszugehen. Gottes Geist macht Mut, das Miteinander zu suchen und sich nicht in ängstlichen Abgrenzungen um der reinen Lehre willen zu ergehen. Gottes Geist macht Mut, das los zu lassen, was mir vertraut ist, was ich fassen kann und sich vom Unfassbaren begeistern zu lassen. Gottes Geist begeistert, er lässt Menschen Feuer und Flamme sein. Nicht für das, was in der Vergan-genheit war, sondern für das Leben, das vor uns liegt, für die Welt, die Gott uns öffnet, für die Welt, in der Ver-ständigung, Liebe, Gerechtigkeit zählen und nicht das, was wir anderen an Wert zusprechen. Gottes Geist macht Mut, loszulassen und Zukunft zu erwarten und mit zu gestalten. Ich wünsche uns, dass wir wirklich begeistert feiern. Und denen, die sich am Sieg von Inter berauscht haben, wünsche ich, dass sich ihre Begeisterung nicht an dem, was war festhält, sondern für das, was kommt öffnet. Im Fußball und im Leben.
Amen
Sonntag, 9. Mai 2010
Weil das Beten sich lohnen tät... - Rogate, 9.5.2010, Reihe II
Text: 1. Timotheus 2,1-6
Liebe Gemeinde!
Seit Wochen hat es geregnet, die Flüsse sind angeschwollen, Hochwasser. Tief unten, ein Haus, direkt am Fluss. Das Wasser steigt und steigt, es schwappt schon in den Flur und die Zimmer im Erdgeschoss. die Feuerwehr kommt und will den Mann, der in dem Haus wohnt, mitnehmen. „Nein, nein, geht ruhig weiter“, sagt der Mann. „Ich habe gebetet und Gott um Hilfe gebeten, er wird mich retten!“ Die Feuerwehr zieht ab, das Wasser steigt und steigt. Der Mann muss ins Obergeschoss. Ein Rettungsbott des Technischen Hilfswerks kommt vorbei. Die Besatzung will den Mann dazu bewegen, einzusteigen und mitzukommen. . „Nein, nein, fahrt ruhig weiter“, ist seine Antwort. „Ich habe gebetet und Gott um Hilfe gebe-ten, er wird mich retten!“ Unverrichteter Dinge dreht das Boot ab. Auch das Obergeschoss läuft voll, der Mann muss auf das Dach. Ein Helikopter kommt, lässt ein Seil herunter, die Besatzung fordert den Mann auf, es sich umzuschnallen und mitzukommen. . „Nein, nein, fliegt ruhig weiter“, bekommt auch der Pilot zu hören. „Ich habe gebetet und Gott um Hilfe gebeten, er wird mich retten!“ Der Hubschrauber fliegt weiter. Das Wasser steigt und steigt. Der Mann kann sich auch auf dem Dach nicht mehr halten. Kurz vor dem Ertrinken ein wütender Protestschrei gegen Gott: „Immer habe ich dir vertraut, immer gebetet und jetzt lässt du mich einfach im Stich, du Verräter!“ Dann hört der Mann eine Stimme: „Weißt du, als du die Feuerwehr, das Boot und den Hubschrauber, die ich dir zur Rettung geschickt habe, weggeschickt hast, wusste ich auch nicht mehr weiter!“
„Hey, Gott, hörst du mich überhaupt, wenn ich bete?“ Das ist eine Frage, die mir immer wieder begegnet. Bei Kindern und Jugendlichen in Schule und Konfer. Bei Erwachsenen, bei Geburtstagsbesuchen und Trauergesprächen. Am Leben gehalten werden die Zweifel, ob es sich überhaupt lohnt, zu beten, oder ob man sich da nicht selbst was vormacht, durch viele Erfahrungen. „Ich hab’s ja versucht. Ich hab gebetet. Nicht um eine 1 in Mathe, obwohl ich nicht gelernt habe, sondern darum, dass meine Oma keine Schmerzen mehr hat und wieder gesund wird und dann ist sie doch gestorben und vorher ging es ihr gar nicht gut.“ Da geht es wirklich um Leben und Tod, da geht es noch nicht mal um egoistische Dinge. Und Gott, der doch die Liebe sein soll, schweigt. „Gott, du hörst mir ja nicht zu, wenn ich mit dir rede. Mit dir bin ich fertig!“ Einem Menschen, der diese Erfahrung gemacht hat, ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, kann ich nicht mit schlauen Argumenten kommen. Eine Erfahrung, die Zweifel am Sinn von Gebeten wachhält ist die, dass es nicht nur manchmal ganz anders kommt, als ich es von Gott eigentlich erwarte, sondern dass trotz ernstgemeinter Gebete viele traurige und schlimme Dinge passieren.
Eine andere Erfahrung ist die, dass ich für alles, was passiert, auch andere Erklärungen finden kann. Für die Rettungsangebote aus der kleinen Überschwemmungsge-schichte muss ich nicht unbedingt auf das Wirken Gottes zurückgreifen, um sie zu erklären. Da genügen ein guter Katastrophenplan und gut ausgebildete Helfer. Und selbst dann, wenn jemand ganz begeistert erzählt, dass Gebete geholfen haben, ihn von einer Krankheit zu heilen, kann ein naturwissenschaftlich orientierter Zweifler einwenden, dass das kein Beweis sei und dass dann, wenn die Wissenschaft weiter fortgeschritten sei, sicher auch eine natürliche Erklärung gefunden werden könnte. Und außerdem wird ja nicht jeder körperlich gesund, der darum betet oder für den gebetet wird.
Es lässt sich nicht naturwissenschaftlich beweisen, dass Beten sinnvoll und wirksam ist. Wer zweifeln will, wird immer wieder Grund dazu finden. Und wer im Gebet eine Hilfe für das eigene Leben sieht, wird sich von anderen und ihren Zweifeln auch nicht davon abbringen lassen.
Weil ich nicht objektiv, also unabhängig von mir selbst und meiner Beziehung zu Gott, beweisen kann, ob Beten funktioniert, ist für mich die entscheidende Frage beim Gebet auch nicht „Hey, Gott, hörst du mir zu?“ sondern: „Hey, Ulrich, bist du bereit Gott zuzuhören?“ Für mich ist das der Knackpunkt in der Überschwemmungsgeschichte. Der Mann hatte die Vorstellung, dass Gott nur durch übernatürliche Wunder Menschen begegnet. Er hatte ein festes Bild im Kopf – und weil Gottes Antwort nicht dem Bild entsprach, konnte er sie nicht hören. Gott ist keine Wunscherfüllungsmaschine, die meinen Willen Wirklichkeit werden lässt. Wenn Beten sinnvoll ist und sich lohnt, dann deshalb, weil ich im Gebet ein lebendiges und kritisches, vor allem aber liebendes Gegenüber zu mir und meinen Bildern und Wünschen erfahren kann. Beten lässt mich menschlich sein. Beten stellt mich in Beziehung. Zu Gott, zur Welt um mich herum. Beten hilft mir, Schweres abgeben und Schönes teilen zu können. Beten hilft mir, nicht alles von mir, von Menschen zu erwarten, sondern zu Schwächen stehen zu können. Beten lässt uns nicht aus der Welt fliehen, in eine Scheinwelt, sondern das Gebet öffnet uns für die Welt, für das Leben.
Die Welt in den Blick nehmen. Darum geht es ja auch in dem, was ich eben aus dem 1. Timotheusbrief vorgelesen habe. „Vor allen Dingen tut Bitte, Gebet, Fürbitte und Dank für alle Menschen, auch für die Könige und Obrigkeit.“ Im Gebet könnt ihr das ganze Leben vor Gott bringen und zu Gott in Beziehung setzen. Dank für die schönen Dinge, die gut tun, Bitte und Fürbitte halten für das, was sich unserem Können entzieht, was schwer zu tragen oder zu ertragen ist – und das nicht nur bei mir selbst, nicht nur bei den Menschen, die ich gut finde, sondern Gott will, dass es allen Menschen gut geht. Nehmt die Welt in den Blick. Auch die Regierenden. Merkwürdige Vorstellung für viele. Für die Regierung zu beten. Glauben hat doch mit Politik nichts zu tun! Doch, hat er. Nicht mit Parteipolitik. Aber warum sollen wir nicht dafür beten, dass die, die Verantwortung für eine Stadt, ein Land, die Geschicke der Welt tragen, vom Willen zur Versöhnung in ihren Entscheidungen getragen sein sollen. Warum sollen wir nicht dafür bitten, dass sie Liebe erfahren und weitergeben, dass sie den Mut haben, richtige Entscheidungen zu treffen und Fehler nicht vertuschen, sondern aus Fehlern lernen. Warum sollen wir nicht um gute Regierung beten? Natürlich sind Interessen verschieden. Es geht nicht darum, um die Durchsetzung von Parteiprogrammen zu beten, sondern um den Mut, Frieden und Versöhnung zu leben. Und dazu braucht es immer wieder Kraft. Missverstanden wurde oft der Nachsatz „damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Die ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Heiland“. Es geht nicht darum, sich als Christ aus der Welt zurückzuziehen und die Welt und Politik als Orte zu betrachten, die uns gar nichts angehen, sondern darum, in Ruhe, Frieden und Sicherheit den eigenen Glauben leben zu können. Es geht nicht darum, für das Wohl von Diktatoren und menschenverachtender Politik zu beten, sondern darum, dass diejenigen, die Verantwortung tragen, dieser Verantwortung für den Menschen gerecht werden. Und aus der Sicht von Christen im Irak, die Angst haben müssen, Gottesdienste zu feiern, in Nordkorea, die lebensbedrohlich verfolgt werden, in Saudi-Arabien und vielen anderen Ländern der Welt wäre es schon ein Gewinn, wenn die Regierung sie einfach in Ruhe glauben ließe. Wir haben uns an Demokratie und Glaubensfreiheit gewöhnt und vergessen manchmal die Schwestern und Brüder, für die Ruhe nicht falsche Zurückhaltung und Unterstützung falscher Politik bedeutet, sondern zuerst einmal überhaupt die Möglichkeit, leben und glauben zu dürfen.
Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle als Lösegeld. Beten macht nicht heilig, sondern mensch-lich. Jesus hat uns allen, allen Menschen, den direkten Draht zu Gott freigeschaltet. Wenn wir mit Gott reden wollen, dann brauchen wir außer Jesus keine Vermittlung mehr – weder eine Vermittlung über besondere Worte noch besondere Rituale oder Zeiten, schon gar nicht braucht es besondere Menschen oder gar Heilige, die uns bei Gott vertreten müssten. Jesus genügt. Er hat uns, die wir sozusagen gekidnappt waren in Egoismus, in dem Wahn, uns selbst erlösen zu müssen, im Wahn, gegeneinander und nicht miteinander leben zu müssen, freigekauft. Er hat uns nicht nur die Verbindung zu Gott wirklich freigeschaltet, sondern er stellt uns alle nebeneinander, weil Gott alle Menschen wichtig sind. Auch die, mit denen wir uns schwer tun. In Jesus zeigt uns Gott, dass wir gerade im Gebet wirklich Mensch sein dürfen. Jesus hat sich getraut, auch zu rufen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Er hat auch gebetet: „Vater, wenn’s möglich ist, lass diesen Kelch, diese schwere Prüfung, an mir vorübergehen“. Beten heißt nicht, den Helden zu markieren. Beten heißt nicht, alles besser zu wissen. Beten heißt, Leben vor Gott bringen zu können. Das ganze Leben. Abgeben zu dürfen, was schwer ist. Beten heißt nicht, die Antwort schon zu kennen, sondern mit überraschenden, manchmal ziemlich naheliegenden, manchmal auch ganz menschlichen Antworten rechnen zu dürfen. Beten heißt für mich, ein Stück Himmel auf der Erde zu erleben und dem Himmel ein Stück Erde zu geben. Beten schenkt Freiheit. Weil ich aus meinem manchmal doch ziemlich engen Horizont herausgeholt werde. Und vielleicht öffnet mir Gott ja auch die Augen und Ohren dafür, dass ich nicht auf das große Wunder warten muss, wie das Überschwemmungsopfer, sondern dass ich im Alltag Gott spüren kann. Manchmal sich auch ganz anders als ich das will.
Liebe Gemeinde!
Seit Wochen hat es geregnet, die Flüsse sind angeschwollen, Hochwasser. Tief unten, ein Haus, direkt am Fluss. Das Wasser steigt und steigt, es schwappt schon in den Flur und die Zimmer im Erdgeschoss. die Feuerwehr kommt und will den Mann, der in dem Haus wohnt, mitnehmen. „Nein, nein, geht ruhig weiter“, sagt der Mann. „Ich habe gebetet und Gott um Hilfe gebeten, er wird mich retten!“ Die Feuerwehr zieht ab, das Wasser steigt und steigt. Der Mann muss ins Obergeschoss. Ein Rettungsbott des Technischen Hilfswerks kommt vorbei. Die Besatzung will den Mann dazu bewegen, einzusteigen und mitzukommen. . „Nein, nein, fahrt ruhig weiter“, ist seine Antwort. „Ich habe gebetet und Gott um Hilfe gebe-ten, er wird mich retten!“ Unverrichteter Dinge dreht das Boot ab. Auch das Obergeschoss läuft voll, der Mann muss auf das Dach. Ein Helikopter kommt, lässt ein Seil herunter, die Besatzung fordert den Mann auf, es sich umzuschnallen und mitzukommen. . „Nein, nein, fliegt ruhig weiter“, bekommt auch der Pilot zu hören. „Ich habe gebetet und Gott um Hilfe gebeten, er wird mich retten!“ Der Hubschrauber fliegt weiter. Das Wasser steigt und steigt. Der Mann kann sich auch auf dem Dach nicht mehr halten. Kurz vor dem Ertrinken ein wütender Protestschrei gegen Gott: „Immer habe ich dir vertraut, immer gebetet und jetzt lässt du mich einfach im Stich, du Verräter!“ Dann hört der Mann eine Stimme: „Weißt du, als du die Feuerwehr, das Boot und den Hubschrauber, die ich dir zur Rettung geschickt habe, weggeschickt hast, wusste ich auch nicht mehr weiter!“
„Hey, Gott, hörst du mich überhaupt, wenn ich bete?“ Das ist eine Frage, die mir immer wieder begegnet. Bei Kindern und Jugendlichen in Schule und Konfer. Bei Erwachsenen, bei Geburtstagsbesuchen und Trauergesprächen. Am Leben gehalten werden die Zweifel, ob es sich überhaupt lohnt, zu beten, oder ob man sich da nicht selbst was vormacht, durch viele Erfahrungen. „Ich hab’s ja versucht. Ich hab gebetet. Nicht um eine 1 in Mathe, obwohl ich nicht gelernt habe, sondern darum, dass meine Oma keine Schmerzen mehr hat und wieder gesund wird und dann ist sie doch gestorben und vorher ging es ihr gar nicht gut.“ Da geht es wirklich um Leben und Tod, da geht es noch nicht mal um egoistische Dinge. Und Gott, der doch die Liebe sein soll, schweigt. „Gott, du hörst mir ja nicht zu, wenn ich mit dir rede. Mit dir bin ich fertig!“ Einem Menschen, der diese Erfahrung gemacht hat, ob Kind, Jugendlicher oder Erwachsener, kann ich nicht mit schlauen Argumenten kommen. Eine Erfahrung, die Zweifel am Sinn von Gebeten wachhält ist die, dass es nicht nur manchmal ganz anders kommt, als ich es von Gott eigentlich erwarte, sondern dass trotz ernstgemeinter Gebete viele traurige und schlimme Dinge passieren.
Eine andere Erfahrung ist die, dass ich für alles, was passiert, auch andere Erklärungen finden kann. Für die Rettungsangebote aus der kleinen Überschwemmungsge-schichte muss ich nicht unbedingt auf das Wirken Gottes zurückgreifen, um sie zu erklären. Da genügen ein guter Katastrophenplan und gut ausgebildete Helfer. Und selbst dann, wenn jemand ganz begeistert erzählt, dass Gebete geholfen haben, ihn von einer Krankheit zu heilen, kann ein naturwissenschaftlich orientierter Zweifler einwenden, dass das kein Beweis sei und dass dann, wenn die Wissenschaft weiter fortgeschritten sei, sicher auch eine natürliche Erklärung gefunden werden könnte. Und außerdem wird ja nicht jeder körperlich gesund, der darum betet oder für den gebetet wird.
Es lässt sich nicht naturwissenschaftlich beweisen, dass Beten sinnvoll und wirksam ist. Wer zweifeln will, wird immer wieder Grund dazu finden. Und wer im Gebet eine Hilfe für das eigene Leben sieht, wird sich von anderen und ihren Zweifeln auch nicht davon abbringen lassen.
Weil ich nicht objektiv, also unabhängig von mir selbst und meiner Beziehung zu Gott, beweisen kann, ob Beten funktioniert, ist für mich die entscheidende Frage beim Gebet auch nicht „Hey, Gott, hörst du mir zu?“ sondern: „Hey, Ulrich, bist du bereit Gott zuzuhören?“ Für mich ist das der Knackpunkt in der Überschwemmungsgeschichte. Der Mann hatte die Vorstellung, dass Gott nur durch übernatürliche Wunder Menschen begegnet. Er hatte ein festes Bild im Kopf – und weil Gottes Antwort nicht dem Bild entsprach, konnte er sie nicht hören. Gott ist keine Wunscherfüllungsmaschine, die meinen Willen Wirklichkeit werden lässt. Wenn Beten sinnvoll ist und sich lohnt, dann deshalb, weil ich im Gebet ein lebendiges und kritisches, vor allem aber liebendes Gegenüber zu mir und meinen Bildern und Wünschen erfahren kann. Beten lässt mich menschlich sein. Beten stellt mich in Beziehung. Zu Gott, zur Welt um mich herum. Beten hilft mir, Schweres abgeben und Schönes teilen zu können. Beten hilft mir, nicht alles von mir, von Menschen zu erwarten, sondern zu Schwächen stehen zu können. Beten lässt uns nicht aus der Welt fliehen, in eine Scheinwelt, sondern das Gebet öffnet uns für die Welt, für das Leben.
Die Welt in den Blick nehmen. Darum geht es ja auch in dem, was ich eben aus dem 1. Timotheusbrief vorgelesen habe. „Vor allen Dingen tut Bitte, Gebet, Fürbitte und Dank für alle Menschen, auch für die Könige und Obrigkeit.“ Im Gebet könnt ihr das ganze Leben vor Gott bringen und zu Gott in Beziehung setzen. Dank für die schönen Dinge, die gut tun, Bitte und Fürbitte halten für das, was sich unserem Können entzieht, was schwer zu tragen oder zu ertragen ist – und das nicht nur bei mir selbst, nicht nur bei den Menschen, die ich gut finde, sondern Gott will, dass es allen Menschen gut geht. Nehmt die Welt in den Blick. Auch die Regierenden. Merkwürdige Vorstellung für viele. Für die Regierung zu beten. Glauben hat doch mit Politik nichts zu tun! Doch, hat er. Nicht mit Parteipolitik. Aber warum sollen wir nicht dafür beten, dass die, die Verantwortung für eine Stadt, ein Land, die Geschicke der Welt tragen, vom Willen zur Versöhnung in ihren Entscheidungen getragen sein sollen. Warum sollen wir nicht dafür bitten, dass sie Liebe erfahren und weitergeben, dass sie den Mut haben, richtige Entscheidungen zu treffen und Fehler nicht vertuschen, sondern aus Fehlern lernen. Warum sollen wir nicht um gute Regierung beten? Natürlich sind Interessen verschieden. Es geht nicht darum, um die Durchsetzung von Parteiprogrammen zu beten, sondern um den Mut, Frieden und Versöhnung zu leben. Und dazu braucht es immer wieder Kraft. Missverstanden wurde oft der Nachsatz „damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit. Die ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserem Heiland“. Es geht nicht darum, sich als Christ aus der Welt zurückzuziehen und die Welt und Politik als Orte zu betrachten, die uns gar nichts angehen, sondern darum, in Ruhe, Frieden und Sicherheit den eigenen Glauben leben zu können. Es geht nicht darum, für das Wohl von Diktatoren und menschenverachtender Politik zu beten, sondern darum, dass diejenigen, die Verantwortung tragen, dieser Verantwortung für den Menschen gerecht werden. Und aus der Sicht von Christen im Irak, die Angst haben müssen, Gottesdienste zu feiern, in Nordkorea, die lebensbedrohlich verfolgt werden, in Saudi-Arabien und vielen anderen Ländern der Welt wäre es schon ein Gewinn, wenn die Regierung sie einfach in Ruhe glauben ließe. Wir haben uns an Demokratie und Glaubensfreiheit gewöhnt und vergessen manchmal die Schwestern und Brüder, für die Ruhe nicht falsche Zurückhaltung und Unterstützung falscher Politik bedeutet, sondern zuerst einmal überhaupt die Möglichkeit, leben und glauben zu dürfen.
Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle als Lösegeld. Beten macht nicht heilig, sondern mensch-lich. Jesus hat uns allen, allen Menschen, den direkten Draht zu Gott freigeschaltet. Wenn wir mit Gott reden wollen, dann brauchen wir außer Jesus keine Vermittlung mehr – weder eine Vermittlung über besondere Worte noch besondere Rituale oder Zeiten, schon gar nicht braucht es besondere Menschen oder gar Heilige, die uns bei Gott vertreten müssten. Jesus genügt. Er hat uns, die wir sozusagen gekidnappt waren in Egoismus, in dem Wahn, uns selbst erlösen zu müssen, im Wahn, gegeneinander und nicht miteinander leben zu müssen, freigekauft. Er hat uns nicht nur die Verbindung zu Gott wirklich freigeschaltet, sondern er stellt uns alle nebeneinander, weil Gott alle Menschen wichtig sind. Auch die, mit denen wir uns schwer tun. In Jesus zeigt uns Gott, dass wir gerade im Gebet wirklich Mensch sein dürfen. Jesus hat sich getraut, auch zu rufen: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Er hat auch gebetet: „Vater, wenn’s möglich ist, lass diesen Kelch, diese schwere Prüfung, an mir vorübergehen“. Beten heißt nicht, den Helden zu markieren. Beten heißt nicht, alles besser zu wissen. Beten heißt, Leben vor Gott bringen zu können. Das ganze Leben. Abgeben zu dürfen, was schwer ist. Beten heißt nicht, die Antwort schon zu kennen, sondern mit überraschenden, manchmal ziemlich naheliegenden, manchmal auch ganz menschlichen Antworten rechnen zu dürfen. Beten heißt für mich, ein Stück Himmel auf der Erde zu erleben und dem Himmel ein Stück Erde zu geben. Beten schenkt Freiheit. Weil ich aus meinem manchmal doch ziemlich engen Horizont herausgeholt werde. Und vielleicht öffnet mir Gott ja auch die Augen und Ohren dafür, dass ich nicht auf das große Wunder warten muss, wie das Überschwemmungsopfer, sondern dass ich im Alltag Gott spüren kann. Manchmal sich auch ganz anders als ich das will.
Sonntag, 2. Mai 2010
Bitte umziehen! - Kantate, 02.05.10, Reihe II
Text: Kolosser 3,12-17
Liebe Gemeinde!
Zieht euch um! – Nein, keine Angst, ich will jetzt nicht, dass jeder nach Hause läuft und sich was anderes anzieht. Ich finde auch nicht, dass sie unpassend angezogen sind. Kleider machen Leute, sagt ein altes Sprichwort. Durch das, was ich nach außen trage, zeige ich anderen etwas von mir. Ob ich das immer bewusst mache oder nicht. Ganz egal. Ich kann zeigen, ob ich viel oder wenig Geld habe. Ob ich möchte, dass die anderen mich für seriös halten oder für flip¬pig oder cool. Ich kann zeigen, ob ich bescheiden bin oder gern das, was ich habe, herausstelle. Ich kann mich als Rebell geben, der in zerrissenen Jeans zu einer Hochzeit geht, oder als Ästhet, der sorgfältig darauf achtet, dass Anlass, Person und Kleidung gut zusammenpassen. Durch mein Äußeres zeige ich immer auch was von meinem Inneren. Von meiner Einstellung zum Leben, zu anderen Menschen. Und das ist nicht erst seit kurzem so, in unserer Zeit, wo es für jeden eine große Fülle von Kleidung gibt, aus der er oder sie aussuchen kann. Wenn wir Menschen uns gegenseitig wahr¬nehmen, haben wir ja nur das, was wir sehen, hören, was wir mit unseren Sinnen erfassen können. Ein zuverlässiger, liebenswerter Mensch, der ungewaschen ankommt, in abgerissener Kleidung rumläuft, wird es schwer haben, so gesehen zu werden, wie er wirklich in seinem Inneren ist.
Zieht euch um! Vielleicht schreibt der Apostel das genau deshalb an seine Mitchristen. Ihr seid doch was! Von Gott auserwählt, nicht im Sinn von besser als andere, sondern in dem Sinn von ausgesucht, um seine Liebe zu empfangen und weiterzugeben. Ihr seid doch längst geliebt. Ihr seid doch heilig, das heißt nichts anderes als: ihr gehört doch schon längst fest zu Gott. So seid ihr. Das schreibt der Apostel und ich glaube, dass wir uns das auch heute immer wieder sagen lassen dürfen. Wir müssen nicht wer weiß was anstellen, damit wir für Gott liebenswert werden. Für ihn müssen wir uns nicht in unsere schönsten Kleider oder Hosen stecken. Für ihn müssen wir nicht tolle, perfekte Menschen sein, die von allen bewundert werden. Bevor wir irgendwas tun können oder gar müssten, sind wir schon was. Es geht nicht darum, irgendwas zu werden, was ich noch nicht bin. Es geht darum, der zu werden, der ich bin. „Werdet die, die ihr seid, zieht euch um!“ Zeigt nach außen, durch euer Leben, in eurem Leben etwas von dem, was in euch ist.
Der Apostel stellt den Christen, auch uns, eine große Kollektion vor, die getragen werden soll. Das sind sicher nicht die neusten Modelle aus den Modemetropolen der Welt, New York, Mailand, Paris. Nichts von H&M oder Armani. Auf den ersten Blick scheint das, was er präsentiert, sogar Modelle zu sein, die aus der Mode gekommen sind. Angestaubt im Kleiderschrank der Zeiten, wiederentdeckt auf Flohmärkten und in Second-Hand-Läden. Herzliches Erbarmen, Sanftmut, Freundlichkeit, Demut, Geduld. Das wirkt nicht gerade schick. Ich glaube, das war auch in den Augen der Christen, die den Kolos-serbrief zuerst gelesen haben, nicht gerade der letzte Schrei und superschick. Die wahren Trendsetter sind aber doch nicht die, die das anziehen, was alle anziehen. Habt den Mut, aufzufallen. Setzt selbst die Modetrends und lauft nicht der Masse hinterher. Vielleicht ist das ja der Ratschlag, den der Apostel nicht nur den Christen seiner Zeit, sondern uns auch heute mitgeben will. Vielleicht sollen wir ja wirklich selber Mode machen statt uns von anderen vorschreiben zu lassen, was gerade modern ist. Sanftmut, Geduld, Freundlichkeit, Demut, Erbarmen – nein, wirklich hoch im Kurs steht das nicht. Durchsetzungsstärke, eine Portion Egoismus, Schläue, die auch bereit ist, mit Tricks zu arbeiten, Beziehungen aus-nutzen statt durch Können zu überzeugen – so läuft die Welt nun mal, oder? Es hilft nichts, zu jammern. Wenn wir als Gemeinde, als Kirche nicht überzeugend andere Modelle vorführen und die anderen Modelle selbstbewusst und offen tragen, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass wir nicht auffallen. Geduld mit Menschen, die von anderen abgeschrieben werden, Erbarmen auch mit uns selbst und unseren Fehlern, Freundlichkeit, nicht verbittertes und ver-biestertes Kämpfen um Vorteile oder um ein kirchliches Leben, das angeblich schon immer so war. Nichts war schon immer so. auch nicht in der christlichen Gemeinde. Nichts außer dem Grund dafür, dass wir eine Gemeinschaft sind, die sich der Liebe Gottes zu den Menschen gewiss sein kann. Nichts außer der Liebe Got-tes, die in Jesus Christus Gestalt gewonnen hat. Alles andere ist lebendig. Weil Gottes Liebe dem Leben gilt und nicht dem eingefrorenen Stillstand. Zieht das an, tragt das nach außen. Auch wenn andere erst mal sagen, dass das unmodern ist: Lasst euch nicht irre machen. Werdet die, die ihr für Gott seid.
Eins darf dabei aber nicht vergessen werden: Ich kann nicht alle Kleidungsstücke, die mir gezeigt werden, nicht alles, was da ist, gleichzeitig anziehen. Vielleicht ist es ja auch mit die¬ser geistlichen Kleidung, die der Apostel beschreibt, genauso. Ich bin nicht der perfekte Superchrist, der gleichzeitig demü¬tig, sanftmütig, immer geduldig, ständig freundlich ist. Das ein oder andere muss sicher zwischendurch mal zum Auffri¬schen in die Reinigung. Ich brauche Zeiten, in denen ich mich und meine geistige Kleidung regenerieren kann, neue Kraft schöpfen kann. Irgendwann ist sonst auch der tollste Anzug abgetragen, löchrig, ein Fall für den Müll. Ertragt euch und vergebt euch, schreibt der Apostel. Er geht schon davon aus, dass niemand ständig seine geistige Kleidung in perfekter Ordnung hat. Werdet die, die ihr seid – und helft euch gegenseitig, damit ihr nicht an Vollkommenheitsan-sprüchen kaputtgeht. Macht euch auf den Weg, aber bedenkt, dass ihr noch nicht am Ziel seid. Und die anderen auch nicht. „Über alles zieht an die Liebe, sie ist das Band der Vollkommenheit“ – ja, sie ist der Gürtel, der dafür sorgt, dass die Hose nicht ständig rutscht, die Jacke nicht ständig aufgeht, das alles sitzt. Die Liebe, die um das rechte Maß weiß. Die Liebe, die modemutig macht, die uns vorangehen lässt, die hat Ausstrahlung und ist ansteckend. Eine singende, lobende, dankende Gemeinschaft, die weiß, dass sie in aller Verschiedenheit eins ist. Die Gottes Liebe und nicht die eigene Eitelkeit ins Zentrum stellt. Eine Gemeinschaft, die auch Klartext miteinander reden kann, die sich gegenseitig sagt was, gut tut und was nicht in Ordnung ist. eine Gemeinschaft, in der nicht einer dem anderen den Glauben oder die Zugehörigkeit zu Jesus abspricht, weil er oder sie gerade ein anderes Kleid trägt als das, das ich mir ausgesucht habe.
Ich denke, heute ist es wirklich an der Zeit, sich umzuziehen. Und vor allem auch einmal das Kleid der Dankbarkeit anzuziehen. Dankbarkeit für so viel Gutes, das auch hier mitten unter uns wächst. Klar, wir könnten zuerst den Blick darauf richten, dass in jedem Gottesdienst noch jede Menge Stühle frei sind und die selten von Menschen besetzt sind, die jung sind. Wir könnten darüber klagen, dass der Kindergottesdienst meistens eher spärlich besucht wird. Und natürlich auch über Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit auf dem Richtsberg, wahrscheinlich auch unter den Menschen, die zu unserer Gemeinde gehören. Der Apostel sagt ja auch nicht: Malt euch ein Idealbild und betet das an, sondern seht offen auch auf das, was nicht in Ordnung ist. Aber bleibt nicht dabei stehen, schaut doch, wie viel Grund es gibt, sich von der Liebe anstecken zu lassen und zu loben und den Mund aufzutun und zu singen, ansteckend die Liebe Gottes weiterzutragen. Ja, und deshalb können wir Gott danken, ihn loben, ihm singen. Weil seine Liebe immer wieder Menschen zusam-menbringt. wir könne Gott für jeden danken, der kommt, um mit anderen zu singen, sein Wort zu hören, zu beten. Für 19 Jugendliche, die sich auf die Konfirmation 2011 vorbereiten. Auch wenn sie es uns Erwachsenen sicher nicht immer leicht machen werden. Aber es ist doch ein Grund zu danken, dass die Mehrheit der getauften Jugendlichen auf dem Richtsberg immer noch Gott ein bisschen besser kennenlernen möchte. Neben manch anderen Gründen. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die mich mit den Konfis nicht allein lassen, sondern die ihre guten Erfahrungen mit Gott weitergeben wollen. Und dankbar, dass Menschen, die aus verschiedenen Ecken der Welt kommen, mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen im Glauben, zusammenkommen und sich austauschen. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die durch die Musik, die sie machen, die Herzen der Menschen erreichen und die uns helfen, ins Singen zu kommen. Nein, es ist nicht alles perfekt. Es gibt auch manches, was traurig stimmt und zu Klageliedern anregt. Aber ich wünsche mir und uns, dass wir uns trauen und wirklich dankbar für das singen, was schon da ist, dass wir geduldig auf das warten, was wird und kommt. Ich wünsche uns, dass Gottes Geist uns immer wieder Mut macht, alte Kleider abzulegen und neue anzuziehen, auch wenn wir damit vielleicht auffallen. Ich wünsche uns, dass die Liebe Gottes, in Jesus greifbar geworden, uns verbunden hält, über den Richtsberg hinaus, weltweit, in der einen Kirche, die sich in unterschiedlichen Gemeinden und Konfessionen zeigt. Damit wir immer weiter vorankommen auf dem Weg, die zu werden, die wir sind: Gottes geliebte Menschen. Amen
Liebe Gemeinde!
Zieht euch um! – Nein, keine Angst, ich will jetzt nicht, dass jeder nach Hause läuft und sich was anderes anzieht. Ich finde auch nicht, dass sie unpassend angezogen sind. Kleider machen Leute, sagt ein altes Sprichwort. Durch das, was ich nach außen trage, zeige ich anderen etwas von mir. Ob ich das immer bewusst mache oder nicht. Ganz egal. Ich kann zeigen, ob ich viel oder wenig Geld habe. Ob ich möchte, dass die anderen mich für seriös halten oder für flip¬pig oder cool. Ich kann zeigen, ob ich bescheiden bin oder gern das, was ich habe, herausstelle. Ich kann mich als Rebell geben, der in zerrissenen Jeans zu einer Hochzeit geht, oder als Ästhet, der sorgfältig darauf achtet, dass Anlass, Person und Kleidung gut zusammenpassen. Durch mein Äußeres zeige ich immer auch was von meinem Inneren. Von meiner Einstellung zum Leben, zu anderen Menschen. Und das ist nicht erst seit kurzem so, in unserer Zeit, wo es für jeden eine große Fülle von Kleidung gibt, aus der er oder sie aussuchen kann. Wenn wir Menschen uns gegenseitig wahr¬nehmen, haben wir ja nur das, was wir sehen, hören, was wir mit unseren Sinnen erfassen können. Ein zuverlässiger, liebenswerter Mensch, der ungewaschen ankommt, in abgerissener Kleidung rumläuft, wird es schwer haben, so gesehen zu werden, wie er wirklich in seinem Inneren ist.
Zieht euch um! Vielleicht schreibt der Apostel das genau deshalb an seine Mitchristen. Ihr seid doch was! Von Gott auserwählt, nicht im Sinn von besser als andere, sondern in dem Sinn von ausgesucht, um seine Liebe zu empfangen und weiterzugeben. Ihr seid doch längst geliebt. Ihr seid doch heilig, das heißt nichts anderes als: ihr gehört doch schon längst fest zu Gott. So seid ihr. Das schreibt der Apostel und ich glaube, dass wir uns das auch heute immer wieder sagen lassen dürfen. Wir müssen nicht wer weiß was anstellen, damit wir für Gott liebenswert werden. Für ihn müssen wir uns nicht in unsere schönsten Kleider oder Hosen stecken. Für ihn müssen wir nicht tolle, perfekte Menschen sein, die von allen bewundert werden. Bevor wir irgendwas tun können oder gar müssten, sind wir schon was. Es geht nicht darum, irgendwas zu werden, was ich noch nicht bin. Es geht darum, der zu werden, der ich bin. „Werdet die, die ihr seid, zieht euch um!“ Zeigt nach außen, durch euer Leben, in eurem Leben etwas von dem, was in euch ist.
Der Apostel stellt den Christen, auch uns, eine große Kollektion vor, die getragen werden soll. Das sind sicher nicht die neusten Modelle aus den Modemetropolen der Welt, New York, Mailand, Paris. Nichts von H&M oder Armani. Auf den ersten Blick scheint das, was er präsentiert, sogar Modelle zu sein, die aus der Mode gekommen sind. Angestaubt im Kleiderschrank der Zeiten, wiederentdeckt auf Flohmärkten und in Second-Hand-Läden. Herzliches Erbarmen, Sanftmut, Freundlichkeit, Demut, Geduld. Das wirkt nicht gerade schick. Ich glaube, das war auch in den Augen der Christen, die den Kolos-serbrief zuerst gelesen haben, nicht gerade der letzte Schrei und superschick. Die wahren Trendsetter sind aber doch nicht die, die das anziehen, was alle anziehen. Habt den Mut, aufzufallen. Setzt selbst die Modetrends und lauft nicht der Masse hinterher. Vielleicht ist das ja der Ratschlag, den der Apostel nicht nur den Christen seiner Zeit, sondern uns auch heute mitgeben will. Vielleicht sollen wir ja wirklich selber Mode machen statt uns von anderen vorschreiben zu lassen, was gerade modern ist. Sanftmut, Geduld, Freundlichkeit, Demut, Erbarmen – nein, wirklich hoch im Kurs steht das nicht. Durchsetzungsstärke, eine Portion Egoismus, Schläue, die auch bereit ist, mit Tricks zu arbeiten, Beziehungen aus-nutzen statt durch Können zu überzeugen – so läuft die Welt nun mal, oder? Es hilft nichts, zu jammern. Wenn wir als Gemeinde, als Kirche nicht überzeugend andere Modelle vorführen und die anderen Modelle selbstbewusst und offen tragen, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass wir nicht auffallen. Geduld mit Menschen, die von anderen abgeschrieben werden, Erbarmen auch mit uns selbst und unseren Fehlern, Freundlichkeit, nicht verbittertes und ver-biestertes Kämpfen um Vorteile oder um ein kirchliches Leben, das angeblich schon immer so war. Nichts war schon immer so. auch nicht in der christlichen Gemeinde. Nichts außer dem Grund dafür, dass wir eine Gemeinschaft sind, die sich der Liebe Gottes zu den Menschen gewiss sein kann. Nichts außer der Liebe Got-tes, die in Jesus Christus Gestalt gewonnen hat. Alles andere ist lebendig. Weil Gottes Liebe dem Leben gilt und nicht dem eingefrorenen Stillstand. Zieht das an, tragt das nach außen. Auch wenn andere erst mal sagen, dass das unmodern ist: Lasst euch nicht irre machen. Werdet die, die ihr für Gott seid.
Eins darf dabei aber nicht vergessen werden: Ich kann nicht alle Kleidungsstücke, die mir gezeigt werden, nicht alles, was da ist, gleichzeitig anziehen. Vielleicht ist es ja auch mit die¬ser geistlichen Kleidung, die der Apostel beschreibt, genauso. Ich bin nicht der perfekte Superchrist, der gleichzeitig demü¬tig, sanftmütig, immer geduldig, ständig freundlich ist. Das ein oder andere muss sicher zwischendurch mal zum Auffri¬schen in die Reinigung. Ich brauche Zeiten, in denen ich mich und meine geistige Kleidung regenerieren kann, neue Kraft schöpfen kann. Irgendwann ist sonst auch der tollste Anzug abgetragen, löchrig, ein Fall für den Müll. Ertragt euch und vergebt euch, schreibt der Apostel. Er geht schon davon aus, dass niemand ständig seine geistige Kleidung in perfekter Ordnung hat. Werdet die, die ihr seid – und helft euch gegenseitig, damit ihr nicht an Vollkommenheitsan-sprüchen kaputtgeht. Macht euch auf den Weg, aber bedenkt, dass ihr noch nicht am Ziel seid. Und die anderen auch nicht. „Über alles zieht an die Liebe, sie ist das Band der Vollkommenheit“ – ja, sie ist der Gürtel, der dafür sorgt, dass die Hose nicht ständig rutscht, die Jacke nicht ständig aufgeht, das alles sitzt. Die Liebe, die um das rechte Maß weiß. Die Liebe, die modemutig macht, die uns vorangehen lässt, die hat Ausstrahlung und ist ansteckend. Eine singende, lobende, dankende Gemeinschaft, die weiß, dass sie in aller Verschiedenheit eins ist. Die Gottes Liebe und nicht die eigene Eitelkeit ins Zentrum stellt. Eine Gemeinschaft, die auch Klartext miteinander reden kann, die sich gegenseitig sagt was, gut tut und was nicht in Ordnung ist. eine Gemeinschaft, in der nicht einer dem anderen den Glauben oder die Zugehörigkeit zu Jesus abspricht, weil er oder sie gerade ein anderes Kleid trägt als das, das ich mir ausgesucht habe.
Ich denke, heute ist es wirklich an der Zeit, sich umzuziehen. Und vor allem auch einmal das Kleid der Dankbarkeit anzuziehen. Dankbarkeit für so viel Gutes, das auch hier mitten unter uns wächst. Klar, wir könnten zuerst den Blick darauf richten, dass in jedem Gottesdienst noch jede Menge Stühle frei sind und die selten von Menschen besetzt sind, die jung sind. Wir könnten darüber klagen, dass der Kindergottesdienst meistens eher spärlich besucht wird. Und natürlich auch über Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit auf dem Richtsberg, wahrscheinlich auch unter den Menschen, die zu unserer Gemeinde gehören. Der Apostel sagt ja auch nicht: Malt euch ein Idealbild und betet das an, sondern seht offen auch auf das, was nicht in Ordnung ist. Aber bleibt nicht dabei stehen, schaut doch, wie viel Grund es gibt, sich von der Liebe anstecken zu lassen und zu loben und den Mund aufzutun und zu singen, ansteckend die Liebe Gottes weiterzutragen. Ja, und deshalb können wir Gott danken, ihn loben, ihm singen. Weil seine Liebe immer wieder Menschen zusam-menbringt. wir könne Gott für jeden danken, der kommt, um mit anderen zu singen, sein Wort zu hören, zu beten. Für 19 Jugendliche, die sich auf die Konfirmation 2011 vorbereiten. Auch wenn sie es uns Erwachsenen sicher nicht immer leicht machen werden. Aber es ist doch ein Grund zu danken, dass die Mehrheit der getauften Jugendlichen auf dem Richtsberg immer noch Gott ein bisschen besser kennenlernen möchte. Neben manch anderen Gründen. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die mich mit den Konfis nicht allein lassen, sondern die ihre guten Erfahrungen mit Gott weitergeben wollen. Und dankbar, dass Menschen, die aus verschiedenen Ecken der Welt kommen, mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen im Glauben, zusammenkommen und sich austauschen. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die durch die Musik, die sie machen, die Herzen der Menschen erreichen und die uns helfen, ins Singen zu kommen. Nein, es ist nicht alles perfekt. Es gibt auch manches, was traurig stimmt und zu Klageliedern anregt. Aber ich wünsche mir und uns, dass wir uns trauen und wirklich dankbar für das singen, was schon da ist, dass wir geduldig auf das warten, was wird und kommt. Ich wünsche uns, dass Gottes Geist uns immer wieder Mut macht, alte Kleider abzulegen und neue anzuziehen, auch wenn wir damit vielleicht auffallen. Ich wünsche uns, dass die Liebe Gottes, in Jesus greifbar geworden, uns verbunden hält, über den Richtsberg hinaus, weltweit, in der einen Kirche, die sich in unterschiedlichen Gemeinden und Konfessionen zeigt. Damit wir immer weiter vorankommen auf dem Weg, die zu werden, die wir sind: Gottes geliebte Menschen. Amen
Donnerstag, 22. April 2010
Fast perfekt - Konfirmationen 2010, 18. und 25.04.2010
Text: Ps 8,5+6
Was ist der Mensch, dass du, Gott, an ihn denkst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herr-lichkeit hast du ihn gekrönt!
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, Paten, Großeltern, Verwandte und Freunde, liebe Gemeinde!
Spiegel halten lassen, reinschauen, zurechtmachen
Jetzt geht’s wieder. Endlich. Was einem da manchmal so aus dem Spiegel entgegenschaut, das ist schon merkwürdig. Ich weiß nicht, wie es euch und ihnen heute Morgen ging. Seid ihr zufrieden gewesen? Gerade dann, wenn es drauf ankommt, ist man oft besonders kritisch mit sich selbst. Da fallen einem Sachen auf, die man sonst leicht übersieht. Aber man kann ja was dagegen machen. Brauchtet ihr Hilfsmittel, um zufrieden in den Spiegel schauen zu können oder nicht? Egal wie, es hat es sich gelohnt, wenn ich euch jetzt so ansehe. Aber ist das immer so? Wer schaut euch im Spiegel normalerweise an? Ein toller Mensch, strahlend schön, richtig gut, innerlich und äußerlich? Oder ein Wesen, mit dem ihr unzufrieden gewesen seid, manchmal ganz fremd, obwohl das Gesicht einem doch irgendwie bekannt vor-kommt? Ist auch egal, denn ich glaube, wenn er oder sie ehrlich ist, kennt jeder von uns, egal ob jugendlich oder erwachsen, beide Gefühle beim Blick in den Spiegel. Die Momente, in denen ich ganz zufrieden mit mir bin und die, in denen ich mich selbst gar nicht anschauen mag und denke, mit mir will ja keiner was zu tun haben, ich bin irgendwie nichts wirklich wert. Was uns da entgegen-schaut, ist das Bild eines Menschen. Davon gibt es ziem-lich viele auf der Welt, im Moment knapp 7 Milliarden. Da kann man, wenn man drüber nachdenkt, schon leicht das Gefühl kriegen: bei der Masse kommt es auf mich nicht wirklich an. Was ist denn an mir schon so beson-ders, dass ich wirklich wichtig bin? Wenn man weiter drüber nachdenkt, fallen einem ziemlich viele Sachen ein, die Menschen machen – auch ich – und die nicht gerade toll sind. Menschen können lügen, können sich gegenseitig das Leben schwer machen, können lästern, betrügen, neidisch und eifersüchtig sein und noch viel mehr. Seid ihr ja alles nicht, macht ihr ja alles nicht, ich weiß, oder?
Also, wer schaut mich an, wenn ich in den Spiegel schaue? Ein toller Kerl, ein tolles Mädchen, eine tolle Frau – oder jemand, von dem andere sagen: der taugt nichts, die ist dumm, die ist zu frech, der ist zu klein? Ein Mensch schaut mich an. Ein Mensch, der was kann und dem was zugetraut wird. Was ist der Mensch, dass du, Gott, an ihn denkst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt! Ein Mensch schaut mich an, der von Gott gewollt ist, an den Gott denkt, den Gott mit Ehre und Herrlichkeit aus-gestattet hat. Das hört sich ziemlich geschwollen an und im Alltag fällt es uns oft schwer, diese Ehre und Herr-lichkeit zu sehen. Bei uns selbst und bei anderen. Wir Menschen neigen dummerweise dazu, uns selbst nicht damit zufrieden zu geben, dass wir alle auf einer Stufe sozusagen knapp unter Gott stehen, sondern wir bauen immer noch mehr Stufen ein. Da gibt’s welche, die sind in unseren Augen ganz viel wert, weil sie so sind, wie wir es gut und richtig finden. Das ist ganz unterschiedlich, was das alles sein kann. Für die einen gehört dazu, mög-lichst cool und stark zu sein, bloß nicht zum Opfer zu werden. Für die anderen gehört dazu, möglichst schön zu sein und reich zu sein, möglichst bis 70 total jung auszusehen. Für wieder andere gehört dazu, möglichst klug zu sein und viel zu wissen. Für wieder andere, sich möglichst stark irgendwo zu engagieren. Von diesen verschiedenen Stufen und Einteilungen des Menschseins steht aber überhaupt nichts in der Bibel. Nicht nur mich und die, die so sind wie ich oder die ich bewundere, hat Gott mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. Sondern den Menschen überhaupt. Manchmal ist das ziemlich schwer zu verstehen. Manchmal im Bezug auf mich selbst, weil ich mich nicht so gut leiden kann, manchmal, vielleicht sogar öfter, aber auch im Bezug auf andere, die ich nicht mag und von denen ich denke, die sind schlechter als ich. Vielleicht, ich wünsche es mir und euch und ich bete dafür, ist Konfer so ein guter Baustein und Mutmacher auf dem Weg, auch in dem Menschen, der ganz anders ist als ich und als ich es gut finde, den zu sehen, der er vor Gott und für Gott ist. Ein Mensch, der geliebt wird und der fähig ist zu lieben. Das sind für mich die Ehre und die Herrlichkeit, die der Mensch hat. Die Fähigkeit, trotz allem, was schief gehen kann, zu lieben und die Liebe von anderen anzunehmen. Die Fähigkeit, nicht nur Dinge zu machen, die mich selbst voranbringen, sondern mit anderen und für andere etwas zu machen. Auch, wenn es mir selbst keinen unmittelbaren Nutzen bringt. Wie gesagt, wenn es gut gelaufen ist, ist Konfer vielleicht so ein kleiner Baustein auf dem Weg, das für sich wirklich hören und im Leben umsetzen zu können. In Konfer mussten wir es miteinander aushalten. Nicht immer einfach, weil eben viele ganz unterschiedliche Lebensent-würfe aufeinanderprallen. Und auch viele Arten mit Kirche, Glauben und Gott umzugehen. Ich weiß nicht, was ihr mitnehmt aus diesem Jahr. Wenn es gut läuft, das Gefühl, Mensch sein zu dürfen und auch in schwierigen Situationen nicht gleich weggeschickt zu werden oder es wert zu sein, dass man sich auch mit euch beschäftigt, wenn ihr ganz anders seid, als viele es wol-len. Wenn es richtig gut gelaufen ist, vielleicht auch den ein oder anderen Ansatz, das auch mal bei anderen zu probieren. Menschen, die anders sind, nicht niederzuma-chen oder zu denken, die sind nichts wert, sondern es mit ihnen immer wieder zu versuchen. So, wie Gott es mit jedem von uns immer wieder versucht. Ich wünsche euch, dass Konfer keine Endstation ist, sondern ein Anfang, aus der Ehre und der Herrlichkeit, die ihr habt, was zu machen und anderen dabei zu helfen, in ihrem Leben das auch entdecken zu können. Das ist nicht der leichteste Weg im Leben. Weil er sich nicht mit dem zufrieden gibt, was da ist, sondern auf das hofft und sich an dem orien-tiert, was möglich ist. Es ist immer bequemer, einfach so das zu machen, was ich sowieso gerade mache und nichts Neues oder anderes zu probieren. Ihr seid Menschen – probiert doch einfach mal aus, anderen zu helfen, ihre Menschlichkeit zu entdecken. Dabei wird es Rückschläge geben. Das ist manchmal leichter gesagt als getan, mir fehlt oft die Kraft dazu. Da ist es gut, zu wissen: Ich bin nicht allein. Gott will mir Kraft geben, es trotzdem immer wieder mit diesem Weg zu versuchen.
Ich glaube, dass das auch für Eltern gut tun kann, die entdecken, dass ihr Kind, je erwachsener es wird, desto mehr eigene Wege geht, mit denen man sich als Mutter oder Vater auch mal schwer tut. Das, was der Psalm sagt, das ist es, was Gott auch von meinem Kind denkt – und von mir. Auch wenn mein Kind im Moment Schwierigkeiten hat. Auch wenn ich mit meiner Kraft am Ende bin. Das gilt auch für Großeltern, Lehrerinnen und Lehrer, Vikarin, sogar für mich als Pfarrer. Wir brauchen diese Erinnerung, um nicht durchzudrehen, um nicht an Schwierigkeiten, am Zweifel an uns selbst oder an anderen Menschen kaputt zu gehen. Gott denkt nicht an uns, weil wir alles perfekt machen und für alles sorgen müssen, sondern weil wir als Menschen es wert sind. Einfach so. Weil wir lieben können. Auch wenn wir es manchmal mühsam lernen müssen. Konfer als Station auf dem Weg, in sich selbst und im anderen echte Men-schen sehen können – ich wünsche euch, ihnen, mir, uns allen, dass das so sein möge. Dass die Zukunft für euch, für uns eine Zukunft ist, in der die Liebe, die Gott in unser Leben gelegt hat und die wir weiterschenken kön-nen, wirklich kräftig wird. Wenn ich eure Konfirmations-sprüche sehe, dann habe ich da wirklich gute Hoffnung, denn sie erzählen alle von einer solchen Zukunft, in der es sich zu leben lohnt. Ich wünsche euch, dass sie euch zu guten Wegweisern werden. Und ich wünsche uns, dass wir alle gern in den Spiegel schauen, egal wie viele Falten, graue Haare, Pickel oder sonstige Schwachstellen entdecken, weil uns da immer wieder jemand entgegenlächelt, der Mensch ist – von Gott geliebt und gewollt. Amen
Ihr MÜSST euch nicht an Relgeln halten - Konfirmationsabendmahl 17.04.2010
Text: Joh 8,31-36
Liebe Konfis, liebe Gemeinde!
Wer ist eigentlich wirklich frei? Der, der sich an keine Re-geln halten muss? Der, der dienstags nicht mehr in Konfer und sonntags nicht mehr in die Kirche muss? Der, der so stark ist, dass er sich nehmen kann, was er gerade will? Ich glaube schon, dass viele Menschen, nicht nur Jugendliche, Freiheit genau so verstehen. Frei bin ich, wenn ich mich an keine Regeln halten muss, wenn ich machen kann, was mir Spaß macht und ich mich vor niemanden für irgendwas rechtfertigen muss. Ich kann es verstehen, wenn man als Jugendlicher so oder so ähnlich denkt. Schließlich kriegt man ja überall Einschränkungen mit. Offiziell darf man erst mit 18 Alkohol trinken oder rauchen, viele Filme darf man offiziell erst ab 18 sehen, für Führerschein und viele andere Sachen gibt es Altersgrenzen. Und es gibt eine Schulpflicht. Ich kann verstehen, dass viele sagen: frei bin ich dann, wenn ich mich an keine Regeln halten muss. Ja, ich glaube auch: Nur der ist frei, der sich an keine Regeln halten muss! Punkt! Ich glaube sogar, dass Jesus so gedacht hat, als er das von der Wahrheit gesagt hat, die die an ihn glauben, erkennen können und die frei macht. Frei ist der, der sich an keine Regeln halten muss. Das ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist aber noch größer. Wirklich frei ist nämlich nur der, der sich an Regeln halten will. Nicht muss. Frei bin ich dann, wenn ich mich nicht beherrschen lasse. Weder von meinen Gefühlen und Lüsten, die ich gerade im Moment habe. Sondern wenn ich mir Zeit nehme, auch mal drüber nachzudenken, ob es wirklich gut ist, was ich gerade vorhabe und vielleicht mal nicht meiner Lust, sondern meinem Verstand folge. Frei werde ich nicht, wenn sich mein ganzes Denken und Handeln immer nur um das dreht, was ich gerade will. Dann werde ich blind. Ich sehe nur mich. Selbst die Freunde oder die anderen, die mit mir rumhängen oder bei mir sind, sehe ich nur in dem Ausschnitt, in dem sie für mich nützlich sind. Genau das ist es, was der alte Begriff Sünde eigentlich meint. Das ist nicht in erster Linie die einzelne falsche Tat, der geklaute Lippenstift, das Abschreiben, die eingetretene Scheibe oder was anderes. Sondern die Grundhaltung: nur ich selbst zähle. „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!“ Wer seinen Weg mit Gott geht, der kann sehen, dass das Leben viel mehr und viel bunter ist. Der muss nicht immer um seinen Vorteil kämpfen, weil er bei Gott schon längst im Vorteil ist. Die Wahrheit ist, dass wir nicht allein sind und dass nicht alles von mir abhängt. Das macht frei, weil ich eben auch mal schwach sein darf und auch mal nach rechts und links, oben und unten, vorne und hinten gucken kann und nicht nur auf meinen Bauchnabel. Wenn ich das sehen kann, werde ich auch erkennen, dass ich so frei sein darf, Regeln einzuhalten. Nicht aus Zwang, sondern weil sie schützen. Schwächere vor mir. Und manchmal auch mich selbst vor manchen Kurzsichtigkeiten. Ich habe euch versprochen, heute nicht zu lang zu predigen, deshalb mache ich auch Schluss. Erkennt die Wahrheit, werdet frei – und wenn ihr schon frei seid – lasst euch nicht wieder gefangen nehmen.
Amen
Liebe Konfis, liebe Gemeinde!
Wer ist eigentlich wirklich frei? Der, der sich an keine Re-geln halten muss? Der, der dienstags nicht mehr in Konfer und sonntags nicht mehr in die Kirche muss? Der, der so stark ist, dass er sich nehmen kann, was er gerade will? Ich glaube schon, dass viele Menschen, nicht nur Jugendliche, Freiheit genau so verstehen. Frei bin ich, wenn ich mich an keine Regeln halten muss, wenn ich machen kann, was mir Spaß macht und ich mich vor niemanden für irgendwas rechtfertigen muss. Ich kann es verstehen, wenn man als Jugendlicher so oder so ähnlich denkt. Schließlich kriegt man ja überall Einschränkungen mit. Offiziell darf man erst mit 18 Alkohol trinken oder rauchen, viele Filme darf man offiziell erst ab 18 sehen, für Führerschein und viele andere Sachen gibt es Altersgrenzen. Und es gibt eine Schulpflicht. Ich kann verstehen, dass viele sagen: frei bin ich dann, wenn ich mich an keine Regeln halten muss. Ja, ich glaube auch: Nur der ist frei, der sich an keine Regeln halten muss! Punkt! Ich glaube sogar, dass Jesus so gedacht hat, als er das von der Wahrheit gesagt hat, die die an ihn glauben, erkennen können und die frei macht. Frei ist der, der sich an keine Regeln halten muss. Das ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist aber noch größer. Wirklich frei ist nämlich nur der, der sich an Regeln halten will. Nicht muss. Frei bin ich dann, wenn ich mich nicht beherrschen lasse. Weder von meinen Gefühlen und Lüsten, die ich gerade im Moment habe. Sondern wenn ich mir Zeit nehme, auch mal drüber nachzudenken, ob es wirklich gut ist, was ich gerade vorhabe und vielleicht mal nicht meiner Lust, sondern meinem Verstand folge. Frei werde ich nicht, wenn sich mein ganzes Denken und Handeln immer nur um das dreht, was ich gerade will. Dann werde ich blind. Ich sehe nur mich. Selbst die Freunde oder die anderen, die mit mir rumhängen oder bei mir sind, sehe ich nur in dem Ausschnitt, in dem sie für mich nützlich sind. Genau das ist es, was der alte Begriff Sünde eigentlich meint. Das ist nicht in erster Linie die einzelne falsche Tat, der geklaute Lippenstift, das Abschreiben, die eingetretene Scheibe oder was anderes. Sondern die Grundhaltung: nur ich selbst zähle. „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!“ Wer seinen Weg mit Gott geht, der kann sehen, dass das Leben viel mehr und viel bunter ist. Der muss nicht immer um seinen Vorteil kämpfen, weil er bei Gott schon längst im Vorteil ist. Die Wahrheit ist, dass wir nicht allein sind und dass nicht alles von mir abhängt. Das macht frei, weil ich eben auch mal schwach sein darf und auch mal nach rechts und links, oben und unten, vorne und hinten gucken kann und nicht nur auf meinen Bauchnabel. Wenn ich das sehen kann, werde ich auch erkennen, dass ich so frei sein darf, Regeln einzuhalten. Nicht aus Zwang, sondern weil sie schützen. Schwächere vor mir. Und manchmal auch mich selbst vor manchen Kurzsichtigkeiten. Ich habe euch versprochen, heute nicht zu lang zu predigen, deshalb mache ich auch Schluss. Erkennt die Wahrheit, werdet frei – und wenn ihr schon frei seid – lasst euch nicht wieder gefangen nehmen.
Amen
Sonntag, 4. April 2010
Was wäre wenn... - Ostersonntag 2010, Reihe II
Text: 1. Kor 15,1-11
Liebe Gemeinde!
Gleich geht hier vorne die Tür auf. Da kommt ein Überraschungsgast, der eben noch mit mir gefrühstückt hat, aus der Sakristei. Er wollte sich nur noch schnell frisch machen. Ich verrate ihnen schon mal, wie er aussieht. Es ist ein Mann, ungefähr so groß wie ich. Viel schlanker als ich, lange braune Haare. Einen Vollbart hat er. Gut, er ist ein bisschen merkwürdig angezogen. Er bevorzugt weiße Umhänge. An den Füßen hat er gern Lederschläppchen, so eine Art Sandale. Und an den Händen und Füßen sieht man noch Narben von den Wunden. Jeden Augenblick kann er kommen. Klar, Jesus ist es, der gleich auftauchen wird.
Nein, ich hab zum Frühstück nicht zu viel Sekt getrunken. Ich will sie auch nicht auf den Arm nehmen oder irgendetwas lächerlich machen. Aber wenn ich wirklich glaube, dass Jesus nicht tot geblieben ist, sondern dass er lebt: die Vorstellung, dass er sich auch mir zeigen könnte, dass er mir begegnet, die dürfte doch dann weder verboten noch lächerlich sein. Trotzdem kommt uns diese Vorstellung aber seltsam vor.
Ich glaube nämlich, wir haben uns in unserem Alltag mit zwei Voraussetzungen ganz gut eingerichtet. Die erste ist die, dass die Auferstehung was ist, was zwar in der Bibel steht und vielleicht gar nicht so schlecht für Momente der Trauer oder Beerdigungen ist, was aber sonst höchstens einmal im Jahr, im Ostergottesdienst, wirklich wichtig ist. Über was sollte man denn da sonst predigen? Und die zweite Voraussetzung ist die, dass wir glauben, schon Ahnung davon zu haben, wie Jesus jetzt wohl aussehen würde. Irgendwie langhaarig, alternativ, hippieartig. Und natürlich auch erhaben und gutmütig. So, wie auf vielen Bildern. Ich will jetzt niemandem was Falsches unterstel-len. Aber ich glaube schon, dass jeder von uns ein Bild von Jesus im Kopf hat. Und dass sich fast jeder von uns, mich eingeschlossen, wundern würde, wenn Jesus mir, ihnen, dir, uns sozusagen körperlich begegnen würde. Jesus lebt! Das bekennen wir jedes Mal, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, das besingen wir in den Osterliedern. Aber im Alltag? Wenn ich ehrlich bin, dann genügt mir oft genug der tote Jesus, der Jesus bis zum Karfreitag. Da reicht es mir oft genug, dass er ein Vorbild war, wenn es darum geht, sich um die Armen zu küm-mern oder um die Traurigen. Einer, der Vergebung gelebt hat. Da genügt es mir, dass Gott in einem begegnet, der konsequent bis zum Äußersten ist und sich auch vor den wirklich schlimmen Erfahrungen, vor Quälerei und Tod nicht drückt. Wirklich verrückt ist es nicht, in einem Kind, das geboren wird, Gott zu erkennen oder in einem, der wirklich leidet und erst recht nicht in einem, der ganz und gar in seinem Leben für die Menschen da ist. Wirk-lich verrückt wird es erst, wenn ich das Ganze nicht als Geschichte von einem Vorbild, das irgendwann mal ge-lebt hat und mir zeigen soll, was im Leben wichtig ist, lese oder höre. Wirklich verrückt ist es eigentlich, davon auszugehen, dass da nicht von irgendeiner Vergangenheit erzählt wird, sondern von einer Wirklichkeit, die den Tod tatsächlich besiegt hat. Und zwar nicht dadurch, dass plötzliche übernatürliche Kräfte Jesus vor dem Tod bewahrt hätten und er gar nicht gestorben wäre, scheintot geblieben wäre oder so, sondern dadurch, dass sich in Jesus Gott selbst dem Tod gestellt hat und dass so aus dem Tod was Neues entstehen konnte, das mit dem Alten, was vorher war, verbunden ist. Auch wenn es ganz anders ist.
Wahrscheinlich hört sich das jetzt alles verwirrend an. Und vermutlich denken einige: okay, und was hat das mit mir zu tun? Heute, Ostern 2010?
Das Verwirrende kann ich vielleicht gar nicht ganz vermeiden. Ostern ist so unglaublich, so gegen unseren Alltag gebürstet, dass ich es nicht in Häppchen zerlegen und Mund oder Hirn gerecht präsentieren kann. Paulus erzählt ja auch etwas total Verrücktes. Er erzählt, wem der Auferstandene alles erschienen ist. Mir fällt erst mal auf: er hat die Frauen vergessen. In allen Evangelien spielen die Frauen eine große Rolle. Paulus beschränkt sich auf die Männer. Nur die waren damals als Zeugen zugelassen, die Aussage einer Frau zählte nicht. So kann man es vielleicht erklären. Als Mann kann ich es viel-leicht auch so entschuldigen. Als Frau würde mir das be-stimmt schwerer fallen. Und insgesamt hat das auch mit dazu beigetragen, dass Frauen erst seit kurzem in den meisten evangelischen und einigen wenigen anderen Kirchen verkündigen dürfen. In vielen Kirchen, nicht nur in der katholischen, geht das leider noch nicht. Also, Paulus zählt eine Menge Männer auf, denen Jesus erschienen ist. Natürlich auch sich selber. Jetzt kommt da aber etwas noch Merkwürdigeres. Als Paulus ihn gesehen haben will, da haben alle andern schon längst erzählt, dass Jesus, selbst wenn er lebendig ist, nicht mehr auf der Erde, sondern bei gott ist. Und trotzdem erzählt Paulus, dass Jesus ihm erschienen ist. Ausgerechnet ihm. Er bezeichnet sich selbst als Missgeburt, als Scheusal. Er ist Täter gewesen. Hat Christen wegen ihres Glaubens verfolgt, dafür gesorgt, dass sie umgebracht wurden. So einem erscheint der lebendige Gott. Da ist ein Täter, der zu seinen Taten steht. Der nicht nach Entschuldigungen sucht. Wie wahr die Begegnung mit dem Auferstanden in unserem alltäglichen Sinn, dass man sie dann mit Fotoapparat oder Videokamera hätte aufnehmen können, ist, das lässt sich nicht beweisen. Darauf kommt es nicht an. Wahr ist, dass diese Begegnung etwas bewirkt hat. Dass die Rede vom neuen Leben, das in der Begegnung mit dem Auferstandenen steckt, kein leeres Gerede, keine theologisch richtige Konstruktion geblieben ist, sondern dass die Begegnung, die man nicht beweisen kann, die sich nur im Glauben erschließt, den Menschen völlig geändert hat. Ihm die Kraft gegeben hat, nicht mehr Tod und Schrecken zu verbreiten. Ihm den Mut gegeben hat, an Meinungen, auch am Glauben, am eigenen Glauben zu zweifeln, sich selbst in Frage zu stellen.
Ostern, die Begegnung mit dem Auferstandenen, heißt nicht: ich muss meinen Verstand vor der Kirchentür oder wo auch immer abgeben. Sondern Ostern will Mut machen, sich den Zweifeln zu stellen und im Zweifel zu erleben, dass Gott auf der Seite des Lebens steht. Ostern stellt uns vor die Grenzen unseres Lebens.
Wir haben es nicht in der Hand. Sicher, wir können uns und anderen das Leben leichter oder schwerer machen. Und Menschen löschen Leben aus – eigenes und fremdes. Aber keiner von uns kann sagen, was morgen sein wird. Keiner von uns hat es sich selbst ausgesucht, zu leben. Ostern macht mir klar: Ich kann mich zwar durch Gewalt, Reichtum oder Klugheit zum Herrn über das Leben aufspielen, aber letztlich kann ich auch mein Leben nur sehr begrenzt planen und über das, was nach dem Tod kommt, kann ich keine sichere Aussage machen. Leben ist ein Risiko, Glauben auch. Im Vertrauen auf den lebendigen Gott, den lebendigen Christus kann ich etwas erfahren und Kraft für dieses Leben bekommen, die tiefer geht als alles, was ich mir selbst herstellen kann. Wenn ich nur an meiner eigenen Kraft hänge, muss ich ständig darum kämpfen, genug zu bekommen und an den Grenzen wirklich verzweifeln. Wenn ich weiß, dass es mehr gibt, kann ich über meine Grenzen hinaus hoffen.
Paulus hat den Mut, sich und seine Erfahrung mit dem lebendigen Gott in eine lange Reihe von Erfahrungen zu stellen. Und er hat den Mut, auf Ausschmückungen zu verzichten. Er sagt nicht, wie toll das war und wie arm doch die dran sind, die nicht seien Erfahrungen gemacht haben. Für mich heißt das auch: Der lebendige Gott, der lebendige Jesus entzieht sich unseren Versuchen, ihn auf unsere Lieblingsbilder festzulegen. Jesus, die neue, Leben schaffende und stärkende Kraft, kann sich überall zeigen. Nicht nur da, wo es schön ist, wo ich mir über alles klar bin und alles toll finden. Der lebendige Jesus ist mehr als ein schönes Bild, das man sich gern an die Wand hängt. Er stellt uns vor große Herausforderungen. Es ist viel einfacher, ihn zu leugnen, als sich auf ihn einzulassen. Aber wenn ich mich auf ihn einlasse, dann kann ich erkennen, dass selbst da, wo ich im Moment nur Dunkel und Tod wahrnehmen kann, tatsächlich Leben ist. Weil der Lebendige, weil das Leben, weil Gott als das Leben immer wieder unsere Vorstellungen von dem, wie er zu sein hat, wie Leben zu sein hat, wo und wie er sich zeigen solle, durchkreuzt. Ostern macht Gott einen großen Strich durch unsere Rechnung. Durch unseren Glauben, dass wir wissen könnten, wie Leben funktioniert, durch unsere Versuche, ihn auf bestimmte Erscheinungsbilder festzunageln. Das Leben bricht sich seine Bahn. Gott ist dort lebendig, wo man, wo ich, ihn am wenigsten vermute. Vielleicht kommt er ja tatsächlich auch in unseren Gottesdienst. In unser Leben. Aber so, glaube ich, dass wir ihn erst einmal gar nicht erkennen. Weil wir sehen müssen und lernen müssen, dass es wirklich ums Leben geht. Und nicht um unsere Bilder und Vorurteile vom Leben und von Menschen. Tschüss Bilder. Willkommen Leben. Frohe Ostern.
Amen
Liebe Gemeinde!
Gleich geht hier vorne die Tür auf. Da kommt ein Überraschungsgast, der eben noch mit mir gefrühstückt hat, aus der Sakristei. Er wollte sich nur noch schnell frisch machen. Ich verrate ihnen schon mal, wie er aussieht. Es ist ein Mann, ungefähr so groß wie ich. Viel schlanker als ich, lange braune Haare. Einen Vollbart hat er. Gut, er ist ein bisschen merkwürdig angezogen. Er bevorzugt weiße Umhänge. An den Füßen hat er gern Lederschläppchen, so eine Art Sandale. Und an den Händen und Füßen sieht man noch Narben von den Wunden. Jeden Augenblick kann er kommen. Klar, Jesus ist es, der gleich auftauchen wird.
Nein, ich hab zum Frühstück nicht zu viel Sekt getrunken. Ich will sie auch nicht auf den Arm nehmen oder irgendetwas lächerlich machen. Aber wenn ich wirklich glaube, dass Jesus nicht tot geblieben ist, sondern dass er lebt: die Vorstellung, dass er sich auch mir zeigen könnte, dass er mir begegnet, die dürfte doch dann weder verboten noch lächerlich sein. Trotzdem kommt uns diese Vorstellung aber seltsam vor.
Ich glaube nämlich, wir haben uns in unserem Alltag mit zwei Voraussetzungen ganz gut eingerichtet. Die erste ist die, dass die Auferstehung was ist, was zwar in der Bibel steht und vielleicht gar nicht so schlecht für Momente der Trauer oder Beerdigungen ist, was aber sonst höchstens einmal im Jahr, im Ostergottesdienst, wirklich wichtig ist. Über was sollte man denn da sonst predigen? Und die zweite Voraussetzung ist die, dass wir glauben, schon Ahnung davon zu haben, wie Jesus jetzt wohl aussehen würde. Irgendwie langhaarig, alternativ, hippieartig. Und natürlich auch erhaben und gutmütig. So, wie auf vielen Bildern. Ich will jetzt niemandem was Falsches unterstel-len. Aber ich glaube schon, dass jeder von uns ein Bild von Jesus im Kopf hat. Und dass sich fast jeder von uns, mich eingeschlossen, wundern würde, wenn Jesus mir, ihnen, dir, uns sozusagen körperlich begegnen würde. Jesus lebt! Das bekennen wir jedes Mal, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, das besingen wir in den Osterliedern. Aber im Alltag? Wenn ich ehrlich bin, dann genügt mir oft genug der tote Jesus, der Jesus bis zum Karfreitag. Da reicht es mir oft genug, dass er ein Vorbild war, wenn es darum geht, sich um die Armen zu küm-mern oder um die Traurigen. Einer, der Vergebung gelebt hat. Da genügt es mir, dass Gott in einem begegnet, der konsequent bis zum Äußersten ist und sich auch vor den wirklich schlimmen Erfahrungen, vor Quälerei und Tod nicht drückt. Wirklich verrückt ist es nicht, in einem Kind, das geboren wird, Gott zu erkennen oder in einem, der wirklich leidet und erst recht nicht in einem, der ganz und gar in seinem Leben für die Menschen da ist. Wirk-lich verrückt wird es erst, wenn ich das Ganze nicht als Geschichte von einem Vorbild, das irgendwann mal ge-lebt hat und mir zeigen soll, was im Leben wichtig ist, lese oder höre. Wirklich verrückt ist es eigentlich, davon auszugehen, dass da nicht von irgendeiner Vergangenheit erzählt wird, sondern von einer Wirklichkeit, die den Tod tatsächlich besiegt hat. Und zwar nicht dadurch, dass plötzliche übernatürliche Kräfte Jesus vor dem Tod bewahrt hätten und er gar nicht gestorben wäre, scheintot geblieben wäre oder so, sondern dadurch, dass sich in Jesus Gott selbst dem Tod gestellt hat und dass so aus dem Tod was Neues entstehen konnte, das mit dem Alten, was vorher war, verbunden ist. Auch wenn es ganz anders ist.
Wahrscheinlich hört sich das jetzt alles verwirrend an. Und vermutlich denken einige: okay, und was hat das mit mir zu tun? Heute, Ostern 2010?
Das Verwirrende kann ich vielleicht gar nicht ganz vermeiden. Ostern ist so unglaublich, so gegen unseren Alltag gebürstet, dass ich es nicht in Häppchen zerlegen und Mund oder Hirn gerecht präsentieren kann. Paulus erzählt ja auch etwas total Verrücktes. Er erzählt, wem der Auferstandene alles erschienen ist. Mir fällt erst mal auf: er hat die Frauen vergessen. In allen Evangelien spielen die Frauen eine große Rolle. Paulus beschränkt sich auf die Männer. Nur die waren damals als Zeugen zugelassen, die Aussage einer Frau zählte nicht. So kann man es vielleicht erklären. Als Mann kann ich es viel-leicht auch so entschuldigen. Als Frau würde mir das be-stimmt schwerer fallen. Und insgesamt hat das auch mit dazu beigetragen, dass Frauen erst seit kurzem in den meisten evangelischen und einigen wenigen anderen Kirchen verkündigen dürfen. In vielen Kirchen, nicht nur in der katholischen, geht das leider noch nicht. Also, Paulus zählt eine Menge Männer auf, denen Jesus erschienen ist. Natürlich auch sich selber. Jetzt kommt da aber etwas noch Merkwürdigeres. Als Paulus ihn gesehen haben will, da haben alle andern schon längst erzählt, dass Jesus, selbst wenn er lebendig ist, nicht mehr auf der Erde, sondern bei gott ist. Und trotzdem erzählt Paulus, dass Jesus ihm erschienen ist. Ausgerechnet ihm. Er bezeichnet sich selbst als Missgeburt, als Scheusal. Er ist Täter gewesen. Hat Christen wegen ihres Glaubens verfolgt, dafür gesorgt, dass sie umgebracht wurden. So einem erscheint der lebendige Gott. Da ist ein Täter, der zu seinen Taten steht. Der nicht nach Entschuldigungen sucht. Wie wahr die Begegnung mit dem Auferstanden in unserem alltäglichen Sinn, dass man sie dann mit Fotoapparat oder Videokamera hätte aufnehmen können, ist, das lässt sich nicht beweisen. Darauf kommt es nicht an. Wahr ist, dass diese Begegnung etwas bewirkt hat. Dass die Rede vom neuen Leben, das in der Begegnung mit dem Auferstandenen steckt, kein leeres Gerede, keine theologisch richtige Konstruktion geblieben ist, sondern dass die Begegnung, die man nicht beweisen kann, die sich nur im Glauben erschließt, den Menschen völlig geändert hat. Ihm die Kraft gegeben hat, nicht mehr Tod und Schrecken zu verbreiten. Ihm den Mut gegeben hat, an Meinungen, auch am Glauben, am eigenen Glauben zu zweifeln, sich selbst in Frage zu stellen.
Ostern, die Begegnung mit dem Auferstandenen, heißt nicht: ich muss meinen Verstand vor der Kirchentür oder wo auch immer abgeben. Sondern Ostern will Mut machen, sich den Zweifeln zu stellen und im Zweifel zu erleben, dass Gott auf der Seite des Lebens steht. Ostern stellt uns vor die Grenzen unseres Lebens.
Wir haben es nicht in der Hand. Sicher, wir können uns und anderen das Leben leichter oder schwerer machen. Und Menschen löschen Leben aus – eigenes und fremdes. Aber keiner von uns kann sagen, was morgen sein wird. Keiner von uns hat es sich selbst ausgesucht, zu leben. Ostern macht mir klar: Ich kann mich zwar durch Gewalt, Reichtum oder Klugheit zum Herrn über das Leben aufspielen, aber letztlich kann ich auch mein Leben nur sehr begrenzt planen und über das, was nach dem Tod kommt, kann ich keine sichere Aussage machen. Leben ist ein Risiko, Glauben auch. Im Vertrauen auf den lebendigen Gott, den lebendigen Christus kann ich etwas erfahren und Kraft für dieses Leben bekommen, die tiefer geht als alles, was ich mir selbst herstellen kann. Wenn ich nur an meiner eigenen Kraft hänge, muss ich ständig darum kämpfen, genug zu bekommen und an den Grenzen wirklich verzweifeln. Wenn ich weiß, dass es mehr gibt, kann ich über meine Grenzen hinaus hoffen.
Paulus hat den Mut, sich und seine Erfahrung mit dem lebendigen Gott in eine lange Reihe von Erfahrungen zu stellen. Und er hat den Mut, auf Ausschmückungen zu verzichten. Er sagt nicht, wie toll das war und wie arm doch die dran sind, die nicht seien Erfahrungen gemacht haben. Für mich heißt das auch: Der lebendige Gott, der lebendige Jesus entzieht sich unseren Versuchen, ihn auf unsere Lieblingsbilder festzulegen. Jesus, die neue, Leben schaffende und stärkende Kraft, kann sich überall zeigen. Nicht nur da, wo es schön ist, wo ich mir über alles klar bin und alles toll finden. Der lebendige Jesus ist mehr als ein schönes Bild, das man sich gern an die Wand hängt. Er stellt uns vor große Herausforderungen. Es ist viel einfacher, ihn zu leugnen, als sich auf ihn einzulassen. Aber wenn ich mich auf ihn einlasse, dann kann ich erkennen, dass selbst da, wo ich im Moment nur Dunkel und Tod wahrnehmen kann, tatsächlich Leben ist. Weil der Lebendige, weil das Leben, weil Gott als das Leben immer wieder unsere Vorstellungen von dem, wie er zu sein hat, wie Leben zu sein hat, wo und wie er sich zeigen solle, durchkreuzt. Ostern macht Gott einen großen Strich durch unsere Rechnung. Durch unseren Glauben, dass wir wissen könnten, wie Leben funktioniert, durch unsere Versuche, ihn auf bestimmte Erscheinungsbilder festzunageln. Das Leben bricht sich seine Bahn. Gott ist dort lebendig, wo man, wo ich, ihn am wenigsten vermute. Vielleicht kommt er ja tatsächlich auch in unseren Gottesdienst. In unser Leben. Aber so, glaube ich, dass wir ihn erst einmal gar nicht erkennen. Weil wir sehen müssen und lernen müssen, dass es wirklich ums Leben geht. Und nicht um unsere Bilder und Vorurteile vom Leben und von Menschen. Tschüss Bilder. Willkommen Leben. Frohe Ostern.
Amen
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