Predigten und Gedanken aus der Thomaskirche auf dem Richtsberg in Marburg
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Montag, 27. Juni 2011
Es ist besser, für das was man ist gehasst, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden - oder? - 1. nach Trinitatis, Reihe III, 26.06.2011
Liebe Gemeinde!
Was ist eigentlich wichtiger? Die Wahrheit zu sehen und zu sagen oder vor anderen gut da zu stehen und dabei die Wahrheit ein bisschen, sagen wir mal, anzupassen? Ich gehe mal davon aus, dass alle, die jetzt zuhören, egal ob Konfi oder Rentner, Studentin oder mitten im Berufsleben, mit Abi oder mit Hauptschulabschluss spontan sagen: „Die Wahrheit ist wichtiger!“ Würde ich natürlich auch so sagen. Aber ist die spontane Antwort wirklich die ehrliche Antwort? Wenn ich zu mir selber ehrlich bin, dann muss ich schon zugeben, dass es mir zumindest nicht egal ist, was andere denken. Ich versuche, zum Beispiel, meine Predigten so zu halten, dass ich denke, auch Konfis oder Rentner können sie verstehen. Und da lasse ich sicher auch mal schwierige Gedanken aus. Und ich freue mich doch, wenn ich höre: „Ich komme gern zu ihnen in den Gottesdienst, weil ihre Predigten nicht so langweilig sind!“ Zum Beispiel. Ich glaube, den allermeisten Menschen ist es nicht egal, wie sie vor anderen dastehen. Und wem das egal ist, wer wirklich so lebt, dass er um jeden Preis seine Meinung sagt und das, was er für die Wahrheit hält zu 100% raushaut, der tut das oft sehr verletzend und lebt auch sonst eher wenig sozial. Wir Menschen sind auf Be-ziehungen angewiesen. Und deshalb ist praktisch niemand frei davon, auch nach dem Bild zu fragen, das andere von einem haben. Natürlich darf und soll das nicht so enden, dass mein Bild vor anderen künstlich aufgeblasen wird, große Klappe und nichts dahinter. Eines meiner nichtbiblischen Lieblingszitate lautet: „Es ist besser, für das, was man ist, gehasst, als für das, was man nicht ist, geliebt zu werden!“ Es stammt von dem französischen Dichter André Gide. Aber mal ehrlich: Wer von uns strebt danach, gehasst zu werden? Ansehen, Liebe, das ist, wenn wir ehrlich sind, alles andere als unwichtig. Warum ich das jetzt so ausführlich sage und was das mit dem Stück aus dem Jo-hannesevangelium, das ich eben vorgelesen habe, zu tun hat, werden vielleicht manche fragen und mir „Komm endlich zur Sache!“ zurufen wollen.
Sonntag, 6. Juni 2010
100% Liebe - was will man mehr! - 1. nach Trinitatis, Reihe II, 06.06.2010
Liebe Gemeinde!
Sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich – sie liebt mich nicht… das darf doch nicht wahr sein, das muss ich nochmal probieren. Oder vielleicht ist Blütenblätterzupfen doch von vorgestern. Vielleicht sollte ich „Love – Leerzeichen – Uli - Leerzeichen – Silke“ als SMS an 83333 schicken, kostet ja nur 4,99 im Top-Abo und das muss es mir doch wert sein, genau zu wissen, zu wie viel Prozent meine Liebste und ich zusammenpassen. Oder vielleicht doch ein Horoskop, das mir Sicherheit verschafft? Furcht ist nicht in der Liebe? – Von wegen! Wer liebt, gibt viel von sich preis. Wer liebt, wird verletzlich, öffnet sich. Und deshalb tut enttäuschte, kaputtgegangene Liebe auch mehr weh als vieles andere. Schmerzen hat niemand gern. Und wenn ich mir Sicherheit verschaffen kann, warum sollte ich dann das Risiko, verletzt zu werden eingehen? 4,99 ist da doch nicht zu viel verlangt! Nein, ich will nichts lächerlich machen. Nicht die Sehnsucht junger Menschen nach Sicherheit in der Liebe. Und auch nicht diese Verse aus der Bibel, zu denen dieses alltägliche Spiel mit der Liebe so gar nicht passt. Natürlich erzählen diese Verse aus der Bibel nicht von einer alltäglichen Zweierbeziehung. Oder vielleicht doch? „Love – Leer-zeichen – Gott – Leerzeichen – Uli“ oder Dorothee oder Lisa oder Marcel oder… - wenn der erste Johannesbrief es ernst meint, dann brauchen wir das nicht per SMS an 83333 zu senden und 4,99 auszugeben, dann dürfen wir glauben, hoffen, wissen: da kommen 100% raus, das passt optimal. Aber trotzdem gibt es Momente im Leben, in denen ich mich frage: Liebt Gott mich wirklich? Liebe ich Gott wirklich? Je stärker Liebe wirklich ist, desto stärker spüre ich auch, was ihr eigentlich alles im Weg steht. Je mehr Liebe da ist, desto mehr wird die Lieblosigkeit auch spürbar. Liebe macht nicht blind. Liebe schärft die Sinne für das, was da ist. Verliebt sein macht blind. Verliebt sein, das den anderen besitzen will und das alles ausblendet, was den anderen stören könnte oder am anderen stört. Verliebt sein, dass sich zuerst an einem romantischen Bild vom anderen, von der Beziehung zueinander leiten lässt und das alles ausblendet, was nicht in dieses romantische Bild passt. Wenn aus Verliebt sein Liebe wird, dann öffnet sie die Augen für die Wirklichkeit und hilft, auch das, was nicht ins rosarote Bild passt, zu sehen und damit umzugehen. Verliebt sein lässt mich MEIN Bild vom anderen sehen, Liebe den anderen selbst. Und da ist sie wieder, die Furcht. Die Furcht, die Menschen seit ewigen Zeiten zu allen Möglichkeiten Tricks, sich scheinbare Sicherheit zu verschaffen, greifen lässt. Die Furcht, dass mein Gegenüber mich nicht mehr liebenswert findet, wenn das Verliebt sein aufhört, das Bild verschwindet und die Wahrheit ans Licht kommt. Die Furcht, dass ich die Wahrheit nicht aushalte, wenn mir die Liebe die Augen für den anderen geöffnet hat. Und da bin ich dann wieder in der Bibel, ganz bei der Liebe Gottes.
Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht rechnet mit Strafe. So kann man zuerst und eigentlich tatsächlich nur von der Liebe reden, mit der Gott uns Menschen liebt. Die Liebe, die in Jesus nicht nur sichtbar geworden ist, sondern die von ihm mit Leben gefüllt wurde. In Jesus, in der Art und Weise, wie er Menschen begegnet ist, begegnet Gott selbst. Jesus war nicht nur ein netter Prophet oder ein guter Lehrer. Sondern er ist Gottes Mensch gewordene Liebe. Diese vollkommene Liebe will unsere Furcht vor dem Versagen, vor Strafe vertreiben. Jesus hat gezeigt, dass die Liebe Gottes keine Belohnung für ein immer richtiges Verhalten ist. Jesus ist zu den Menschen gegangen, die alles andere als fromm und liebenswert waren. Zu denen, die als Betrüger, als Prostituierte, als Zweifler schon vieles im Leben falsch gemacht haben. Er hat denen, die von sich wussten, dass so vieles in ihrem Leben nicht gut gelaufen ist, gezeigt, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes liebenswert, der Liebe wert sind. Obwohl es ihre eigene Schuld war, obwohl sie ihre Fehler nicht auf andere, auf die Umstände, auf die Gesellschaft abschieben konnten. Es geht nicht um Überheblichkeit, nicht darum, dass die so geliebten nun plötzlich absolut fehlerlos und besser als andere wären. Es geht um die Erkenntnis, dass ich ehrlich sein darf, dass ich mich nicht besser als ich bin machen muss, damit ich geliebt werde. Und hier wird für mich die Liebe Gottes, die Furcht vertreibt, ganz praktisch im Alltag umsetzbar und erfahrbar. Das, was ich am Anfang so lang erzählt habe, die Furcht, enttäuscht zu werden oder auch andere zu enttäuschen, ist ja nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass ich doch auch im Alltag spüren kann: Liebe nimmt mir die Furcht. Auch wenn ich eine Abfuhr riskiere: Wenn ich jemanden wirklich liebe, werde ich ihm das sagen. Und natürlich gibt es keine Garantie, dass eine Ehe, eine Beziehung ein Leben lang hält. Und in jeder Beziehung, Ehe, Partnerschaft und auch und gerade in der Liebe zwischen Eltern und Kindern, wird es Momente geben, in denen man sich gegenseitig richtig weh tut und wirklich auch aneinander schuldig wird. Und sicher gibt es auch manchmal Beziehungen, in denen wirklich Liebe da war, die an ein Ende kommen. Das weiß ich und sehe ich. Aber Liebe macht Mut, sich nicht von der Furcht, dass etwas kaputtgeht, sondern von der Hoffnung, dass Umkehr und Neuanfang möglich sind, leiten zu lassen. Sonst wäre, glaube ich, keine Ehe mehr da, die nicht geschieden wäre. Sonst würden, glaube ich, alle Kinder ihre Eltern verlassen oder umgekehrt alle Eltern ihre Kinder auf die Straße setzen. Die Liebe, die sich aus der Liebe Gottes stark machen lassen kann, macht uns nicht blind, sondern lässt uns in der Wirklichkeit, mit der Wirklichkeit leben und sie lässt aus der Wirklichkeit Gutes entstehen. Sicherheit gibt es nicht. Es kann schief gehen. Aber auch dann, wenn es schief geht, bleibt uns die Liebe, mit der Gott uns neu zum Leben anstiften will. Für mich verliert so auch der Satz „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ seinen Schrecken. Wenn ich ihn so verstehen müsste, dass Gott mich nicht mehr liebt, sobald ich etwas nicht Liebenswertes tue, dann müsste ich durchdrehen, dann wäre ich schon lange wirklich Gott fern. In der Liebe bleiben heißt auch und gerade bei Gott: der Beziehung immer wieder eine neue Chance geben. Sich dem Leben stellen und mit dem Leben und am Leben wachsen. Gott ist nicht der tote, starre Gott, der ein für allemal unveränderlich bleibt. Er offenbart sich Mose mit den Worten: „Ich werde der sein, der ich sein werde“ – das heißt: ich bin der Lebendige. Du kannst mich nicht wie ein Bild festhalten, ich bin lebendig. in der Liebe bleiben heißt: eine Beziehung nicht in Gesetzen und Regeln und Bildern erstarren zu lassen, sondern dem Leben mit seinen Veränderungen eine Chance zu geben. Und von da aus wird deutlich, was hier in diesem Brief ganz wichtig ist. die Liebe, mit der Gott Menschen liebt, ist mehr als eine bloße Zweierkiste. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht? Für mich ein Schlüsselsatz. Dort, wo ich Menschen Leben möglich mache, dort liebe ich Gott. Liebe heißt, den anderen wirklich Mensch sein lassen. Das kann ich auf verschiedene Art. Und das ändert sich auch. Weil Liebe eben im Leben spielt und nicht zwischen Buchdeckeln oder auf Bildern oder in filmen. Liebe muss nicht, kann aber mit Bauchkribbeln und Schmetterlingen verbunden sein. Den anderen Mensch sein lassen, das kann heißen, ihm zu zeigen, wie besonders er für mich ist und wie sehr ich ein Leben mit ihm schätze. Das kann aber auch heißen, dem anderen einen gerechten Lohn für seine Arbeit zu bezahlen und ihn nicht auszubeuten. Den Bedürftigen nicht im Elend zu lassen. Oder dem schwierigen Jugendlichen zu helfen, Auswege und einen Platz im Leben zu finden. Liebe kann auch heißen, den anderen nicht mit Schimpfwörtern klein zu machen. Liebe heißt: den anderen Mensch sein lassen. Dazu braucht es kein Kribbeln im Bauch. Es braucht die offenen Augen, das offene Herz, die Bereitschaft, sich auch enttäuschen zu lassen. Wer Sicherheit sucht, wird die Liebe verlieren. Wer loslassen kann, wird sie finden und gewinnen. Gottes Liebe ist deshalb so groß, weil Gott losgelassen hat. Das Bild vom perfekten Menschen, der alle Gebote und Regeln halten und erfüllen muss, um zu ihm kommen zu dürfen. Gott hat sich dem Menschen, dem Leben ganz zugewendet. Im Menschen Jesus Christus. Und weil das so ist, dürfen wir uns auch von unseren Bildern verabschieden. Und lieben. Und leben.
Amen
Mittwoch, 28. Mai 2008
Wer, wenn nicht wir? 1. Sonntag nach Trinitatis 2008
Text: 5. Mose 6,4-9
Liebe Gemeinde!
Sie haben, ihr habt Glück gehabt, dass ihr ausgerechnet heute, am 25. Mai 2008, dem 1. Sonntag nach Trinitatis, in den Gottesdienst gekommen seid! Denn gerade eben habt ihr, haben sie so ziemlich die wichtigsten Worte gehört, die in der Bibel stehen! Als Jesus viele Jahrhunderte, nachdem diese Worte zum ersten Mal aufgeschrieben wurden, gefragt wurde: „Was ist denn das Allerwichtigste in der Bibel? Welche Gebote, welche Schriften muss ich unbedingt kennen?“, da hat er mit den ersten beiden Versen von dem Stück, das ich eben vorgelesen habe, geantwortet und gesagt: „und dazu noch das Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, dann hast du alles, was wirklich wichtig ist!“ Den Juden sind diese Worte bis heute so wichtig, dass sie sie auf kleine Rollen schreiben und in kleinen Behältern an ihre Haus- und Wohnungstüren hängen und in Kapseln an Gebetsriemen bei Gebeten wirklich auf der Stirn und an den Händen tragen. So soll immer wieder sichtbar daran erinnert und deutlich werden: Es ist der eine, einzige Gott, der uns und unser Leben bestimmt und begleitet.
Ich will jetzt keine religionsgeschichtliche Vorlesung halten. So interessant es ist, sich mit vielen Dingen aus der Geschichte dieser Verse zu beschäftigen: sie sind viel zu wichtig und wertvoll, um sie in der Vergangenheit zu lassen.
Wenn man die ersten beiden Worte, „Höre Israel“ weglässt und nur hört: „Der HERR ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“: Würde man wirklich erkennen können, ob ein Jude, ein Christ oder gar ein Muslim diese Worte spricht? Gerade Glaubensbekenntnisse wurden und werden immer wieder als Waffe gegen andere benutzt: Ich bin so, ich gehöre dazu! Du bist anders! Werde so wie ich oder weg mit dir! Gerade heute und vielleicht auch gerade auf dem Richtsberg mit seinen vielen arabischstämmigen Einwohnern und Kopftuch tragenden Frauen finde ich es wichtig, sich klarzumachen, dass Bekenntnisse nicht nur trennen, sondern dass uns das Bekenntnis zur Einzigkeit und Einzigartigkeit Gottes eint. Christen und Juden, Christen und Muslime, Juden und Muslime. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass wir aus der Geschichte der Menschen wenig gelernt haben. Nachdem in der Anfangszeit ganz kurz Christen auch von Juden verfolgt wurden, haben sich Christen über Jahrhunderte und Jahrtausende millionenfach an Juden schuldig gemacht, weil sie sich für anders, besser, hielten - und vielleicht auch hier und da noch halten. Und im Verhältnis mit Muslimen ist auf allen drei Seiten zu spüren, wie viel Missverständnisse, Hass und Gewalt Religion auch produzieren kann und wie stark man sich immer wieder voneinander abgrenzt. Aber wir brauchen ja gar nicht bis zu anderen Religionen zu gehen. Geben wir Christen untereinander ein besseres Beispiel? Evangelische und Katholiken, Freikirchen, Christustreff und Gemeinschaften - in Deutschland führen wir zwar seit über 100 Jahren keine Kriege mehr um die richtige Konfession, aber insgeheim sind wir doch sehr oft immer noch davon überzeugt, dass die anderen weniger Recht haben als wir und wir doch eigentlich wirklich Kirche sind. Wobei sich tatsächlich immer wieder jede christliche Konfession dieses „Wir“ anziehen muss. Wir bekennen mit unserem Mund die Einzigkeit, die Unteilbarkeit Gottes, aber so richtig ernst nehmen wir das Bekenntnis oft nicht. MEIN Gott. So wie ich ihn denke, glaube fühle, das ist der EINZIGE. Zumindest der einzig wahre. Gott ist einzig und einzigartig. Und deshalb garantiert größer als alle meine Gedanken, Vorstellungen und Gefühle. Auch wenn ich noch so schlau oder noch so fromm bin. Eigentlich wollte ich das jetzt gar nicht so lang und breit erzählen, aber gerade auch hier wird für mich deutlich, dass wir Erwachsenen, mich eingeschlossen, uns immer wieder fragen müssen: Welches Beispiel geben wir eigentlich den Kindern und Jugendlichen unter uns? Für mich ist ein Vers aus dem, was wir aus der Bibel gehört haben, ganz wichtig. Über diese wichtigen Worte, über dieses Bekenntnis heißt es: „diese Worte sollst du deinen Kindern einschärfen.“
Prima, könnte ich jetzt als Pfarrer sagen, dann lass ich doch die Konfirmandinnen und Konfirmanden diese Worte auswendig lernen. Aber so sehr ich persönlich es wichtig finde, dass man etwas auswendig kann: hier ist das nicht so gemeint. Es geht nicht um totes, auswendig gelerntes Wissen, das man bei Bedarf aufsagen kann, um einen guten Eindruck zu machen. Wenn hier in der Bibel die Rede davon ist, dass man diese wichtigen Worte den Kindern einschärfen soll und dass man zu Hause und unterwegs, in jeder Lebenslage davon reden soll und sie auch auf der Hand und zwischen den Augen tragen soll, im Herzen ja sowieso, dann heißt das nicht unbedingt, dass man sie ständig murmeln soll, sondern wirklich mit eigenem Leben füllen. Mein Sehen, mein Tun und Lassen, mein Fühlen, mein Umgang mit mir und mit anderen, das soll alles getragen sein von dem Bekenntnis zu dem einen, einzigen Gott. „Kinder lernen auf drei Arten“, hat einmal Albert Schweitzer gesagt: „Erstens durch Vorbild. Zweitens durch Vorbild. Drittens durch Vorbild.“ Und da frage ich mich schon, ob wir, nicht nur in Bezug auf das Miteinander der Menschen, die den einen, einzigen Gott bekennen, ein gutes Vorbild sind. Ein Vorbild, das Lust macht, Gott zu lieben und an ihn zu glauben.
Gott ist einzig und einzigartig - und was ist mit dem Geld? Ich bin kein Träumer, der denkt, ein Zusammenleben von Menschen wie vor Tausenden von Jahren, als es noch kein Geld gab und man für sich war, jagte und tauschte, wäre was Tolles. Ich lebe gern hier und heute und das geht nicht ohne Geld. Aber wenn ich als Erwachsener vorlebe, dass Geld sehr wohl eine Rolle dabei spielt, welche Chancen man in der Schule bekommt, welche Behandlung man in dem Fall bekommt, dass man krank wird, wie man im Alter gepflegt wird, dann muss ich mich nicht wundern, wenn Maßstäbe verloren gehen und Geld zum Götzen wird. Und äußere Zeichen viel zu wichtig werden - die teure Kleidung, das dicke Auto, die Playstation oder das Kabelfernsehabo. Ich finde es traurig, wenn Kinder sich schämen zu sagen, auf welche Schule sie gehen, wenn die Schule eben kein angesehenes Gymnasium ist. Menschen sind unterschiedlich leistungsfähig, aber denen, die nicht in die Norm passen, werden Arbeitsmöglichkeiten vorenthalten und die werden als dumm oder faul hingestellt, bestenfalls als hilfsbedürftige, die man irgendwie betreuen muss. Aber wer gibt den Kindern und Jugendlichen denn das Gefühl, dass es kein leeres Gerede, dass für Gott jeder Mensch wichtig ist, unabhängig von seiner Schule und seinem Geldbeutel? Dass sie was können, gewollt und geliebt sind, auch wenn sie nicht ins Raster von Gymnasium oder Realschule passen? Ich finde es auch traurig, wenn man sich den Körper so zurechtschnippeln und aufpumpen lässt, dass er in Scheinideale passt - aber wenn Alter, graue Haare, Falten und Einschränkungen in der Bewegungsfähigkeit von Erwachsenen als Katastrophe hingestellt werden und Opa auch mit 85 noch das Sportabzeichen super bestehen muss, dann ist das zwar im Einzelfall schön, dass ein Mensch so gesund ist, dass er das schafft, aber man muss sich dann auch nicht wundern, dass alles, was nicht jugendlich und sportlich ist, wegoperiert, weggefärbt und verleugnet wird. Und im Glauben: Bete ich denn als Erwachsener wirklich: „Dein Wille geschehe!“? Kann ich mich wirklich Gott anvertrauen, oder will ich seinen Willen nur so lange haben, wie er meinem Willen nicht widerspricht und mir hilft, gut und gesund dazustehen, als erster und Bester? Kann ich mich Gott anvertrauen, oder lebe ich vor, dass ich am Ende nur meiner Stärke, meinen Fähigkeiten, meinem Geld vertraue und Gott nur da Platzhalter ist, wo ich noch nicht oder nicht mehr genug eigene Kraft habe? Lasse ich Gott einzig und einzigartig sein oder mache ich ihn so, wie ich ihn will oder brauche? Ich will nicht meckern. Ich will auch nicht sagen, dass wir Erwachsenen alles oder zu viel falsch machen. Und erst recht will ich nicht den Eindruck erwecken, dass wir jetzt, Erwachsene, Jugendliche Kinder, loslaufen und alles irgendwie MACHEN müssen. Denn eins ist mir an diesen Worten aus der Bibel besonders wichtig. Das wir das erste Wort nicht vergessen. „Höre“. Ich darf mich auch mal zurücklehnen und einfach mal zuhören. Als Erwachsener, als Jugendlicher, als Kind. Aus dem Zuhören und hinhören wächst die Kraft, Gott zu bekennen, im Sinne des einen, einzigen und einzigartigen Gottes zu lieben, zu glauben, zu hoffen, zu handeln. Nicht von vornherein glauben, alles zu wissen, zu können, sondern hinhören. Auch auf das, was Menschen nicht sagen können. Auch auf das, was Gott uns, manchmal unter ganz vielen menschlichen Worten verborgen, sagen will. Erst hinhören, zuhören, erst sich Zeit dafür gönnen, dann handeln - damit wir die Chance haben nicht unseren Willen und unsere Begrenztheit mit Gottes Willen zu verwechseln. Damit wir auch die Kinder und Jugendlichen wahr- und ernstnehmen und dieses Gefühl, sich auf Gott als eigener Mensch wirklich verlassen zu können, weitergeben und ihnen nicht unsere Vorstellungen von Gott und dem was richtig ist, einfach überstülpen. Damit sie die Chance haben, Gott wirklich als den einen und einzigen zu entdecken und nicht nur auswendig wiederholen, was vorgesagt ist. Damit auf den verschiedenen Wegen, die wir gehen, der eine und einzige Gott erfahrbar wird und erlebt werden kann. Amen.
1+1+1=3? Predigt Trinitatis 08, 18.05.08, Reihe VI
Text: 2. Korinther 13,11-13, Begrüßung Konfis 08/09
Liebe Gemeinde!
Haben sie, habt ihr heute Morgen schon geküsst? Wenn nein, dann wäre ja jetzt die perfekte Gelegenheit, das nachzuholen. Schließlich haben wir es ja gerade aus der Bibel gehört: „Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss!“ Das schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth. Und weil nicht nur ich finde, dass die Bibel kein verstaubtes Buch ist, das nur etwas über die Zeit vor 2000 und mehr Jahren erzählt, sondern weil sie auch ganz viele Wahrheiten über das Leben heute enthält, wäre das doch auch heute mal überlegenswert: Grüßt einander mit dem heiligen Kuss!
Keine Angst, ich will jetzt nicht zu einer Massenknutscherei im Gottesdienst aufrufen. In Frankreich, Spanien, der Türkei und in manchen anderen Ländern wäre das vielleicht kein so großes Problem wie bei uns. Da ist die küssende Begrüßung normal. Hier bei uns finde ich es, zum Beispiel auch in Konfer, immer wieder interessant zu beobachten, wie Menschen sich begrüßen. Mit einem Kuss begrüßt man diejenigen, mit denen man befreundet ist. Oder die Familie. Ein Kuss drückt Nähe aus. Man vertraut einander und ist miteinander vertraut. Und da berührt sich unsere Wirklichkeit in Marburg im Mai 2008 mit der Geschichte der Menschen in Korinth, an die Paulus vor langer Zeit diese „Kusszeilen“ geschrieben hat. „Übrigens, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, bewahrt Zusammenhalt und Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss!“ Natürlich fällt einem heute auf, dass Paulus die Schwestern nicht erwähnt. Mit den Frauen hatte Paulus so seine Schwierigkeiten. Aber das ist gar nicht der springende Punkt. Es geht um Nähe und Freundschaft, die man sich schenkt. Um Nähe und Freundschaft, die auch Streit und Kritik aushalten. Schon im 1. Brief, den Paulus an die Gemeinde in Korinth schreibt, und erst recht im 2. Brief geht es um ganz viel Streit zwischen Paulus und der Gemeinde und zwischen den Menschen der Gemeinde untereinander. Da haben die Reichen in der Gemeinde die Armen blamiert, da gab’s Streit darum, welche Regeln man befolgen muss und da stand dann nicht mehr der Glaube an Gott im Mittelpunkt, sondern die Rechthaberei, welcher Prediger oder Missionar denn mit seiner Auslegung die meisten Gemeindemitglieder auf seine Seite ziehen kann. Ein total zerstrittener Haufen, noch dazu auch mit einem verzweifelten Paulus zerstritten. Und dann das. Ausgerechnet den Leuten, bei denen man den Eindruck hat, die würden sich am liebsten an die Gurgel gehen, wird Grund zur Freude nahe gelegt und empfohlen, sich mit einem Kuss zu begrüßen. Die Nähe, die das ausdrückt, die geht trotz allem Streit nicht kaputt, weil sie eine Nähe ist, die von Gott geschenkt und gestiftet wird. Kommt euch nahe, nehmt euch wahr! Denn Gott ist euch doch mit seiner Liebe schon längst nahe gekommen. Aller Streit kann diese Liebe nicht kaputt machen. Küsse können missbraucht werden, klar. In der Bibel gibt es den Judaskuss, durch den Jesus verraten wird. Und ich glaube auch im Alltag können viele ein Beispiel finden, wo sie selbst erlebt haben, dass ein Kuss nicht freiwillig gegeben wurde und kein Ausdruck von Nähe, sondern von Zwang oder missbrauchter Macht war. Aber trotzdem können auch diese schlechten Beispiele das Gute nicht kaputt machen.
Es gibt eine Nähe, eine Verbindung von Menschen untereinander, die hält auch schlimmen Streit und große Meinungsverschiedenheiten aus. Gerade deshalb finde ich, dass der Predigttext auch richtig gut zu dem Anlass heute passt. Einmal natürlich zur Begrüßung der neuen Konfis. Ich will nicht, dass ihr euch untereinander ständig abknutscht und ich werde euch auch garantiert nicht mit dem unheiligen Pfarrerkuss begrüßen. Aber ich finde es toll, dass hier deutlich wird: man kann auch verschiedener Meinung sein, sich streiten, aber trotz allem gehört man zusammen und der andere bleibt Bruder, Schwester, Mensch, auch wenn er oder sie mal total anderer Meinung ist. Weil Gottes Liebe größer und stärker ist. Sie ist das, weil Gott nicht ein für allemal immer gleich ist, ein ferner Block, der seit Jahrtausenden irgendwo unverändert im Jenseits drauf wartet, dass Menschen irgendwelche merkwürdigen Dinge anstellen um nach dem Tod in den Himmel zu kommen, sondern weil Gott in Bewegung ist. Auf uns Menschen zu, mit uns Menschen, damit wir auch vor dem Tod auf gute Art leben können.
Gott ist Gott in Bewegung - das feiern wir nicht nur, weil heute eine neue Konfirmandengruppe begrüßt wird, die sicher hoffentlich manchmal stillsitzt, aber die ganz bestimmt auch Spaß an Bewegung haben wird, sondern weil heute auch einer der unbekanntesten kirchlichen Feiertage ist. Trinitatis - das Fest der Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit Gottes. Gott ist Gott in Bewegung. Nicht nur auf eine ganz bestimmte Art lässt er sich von Menschen erfahren und begegnet ihnen, sondern lebendig, immer wieder neu. Als, wie es die Tradition sagt, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das sind keine drei Götter, sondern das ist eins. Dinge, die wir als unterschiedlich sehen und wahrnehmen, gehören doch ganz tief und fest zusammen. Für mich lässt sich beides, Konfer und die Dreieinigkeit, ganz gut mit dem hier (Ü-Ei hochhalten) vergleichen.
Fangen wir mal mit Konfer an. Da ist zuerst die Verpackung, die Lust machen soll, zuzugreifen. Bunt, mit einer netten Schrift. Vielleicht ist das in Konfer die Aussicht, ein schönes Fest am Ende zu bekommen mit vielen Geschenken und auch Geld. Ja, das ist für viele so der äußere Anlass, zuzugreifen und zu kommen. Wenn man es dann auspackt, dann sieht das erstmal nicht so bunt aus. Man weiß vielleicht auch gar nicht so richtig, was man damit anfangen soll. Aber wenn man mitmacht, reinbeißt, nicht nur zuguckt, dann stellt man fest: kann ja ganz lecker sein! Jedenfalls gab es ja zum Beispiel im letzten Jahrgang einige, die jetzt mitarbeiten möchten und eigentlich gibt es in jedem Jahrgang immer wieder welche, die sagen: war ne gute Zeit. Aber es steckt noch mehr dahinter. Man kann nicht nur genießen, man muss auch selber Hand anlegen und was auspacken. Man sieht am Anfang nicht, was am Ende rauskommt. Und nicht immer gefällt einem das, was rauskommt. Aber das Ü-Ei Geschenk kann man vielleicht einem anderen schenken, der sich drüber freut - und so hat es auch im Teilen Sinn. Auch mit Konfer. Selbst wenn ich jetzt nicht selber was damit anfangen kann - vielleicht kann ich später viel mehr damit anfangen. Oder ich erzähle jemandem was davon, Eltern, Geschwistern, Bekannten - und denen wird plötzlich etwas wichtig, was ich für nutzlos hielt. Und was ist jetzt das Entscheidende am Ü-Ei? Das Entscheidende ist, das alles zusammengehört. Jedes für sich hat seinen Sinn, aber erst dadurch, dass verschiedene Sachen zusammenkommen, wird es zu etwas Besonderem und Guten. Ein Ü-Ei ohne Schokolade ist kein Ü-Ei und eins ohne Spielzeug auch nicht. Manchmal finde ich die Schokolade wichtiger, manchmal das Spielzeug. So wird das auch in Konfer sein. Es ist nicht immer jedem und zu jeder Zeit das Gleiche wichtig.
Und so ist das auch mit Gott. Gott macht sich auf ganz unterschiedliche Art auf den Weg zu Menschen, er wird auch manchmal unterschiedlich wahrgenommen, aber in allem ist das doch der eine und derselbe Gott. Vater, Sohn, Heiliger Geist - drei sind eins. Im Rechnen scheint das unlogisch zu sein, wenn ich losrechne: 1+1+1=1. Klar, da gehört jetzt die „3“ hin. Aber wenn ich noch mal auf Paulus höre, dann kommt mir noch was anderes in den Sinn. Es muss nicht unlogisch sein, dass aus Dreien eins wird. Paulus schreibt: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus - Im Menschen Jesus begegnet Gott Menschen. Gnädig. Das heißt: er nagelt sie nicht auf ihre Schuld und das, was sie falsch gemacht haben fest, sondern er schenkt ihnen die Chance, neu anzufangen. Er lässt sich als Mensch am Kreuz festnageln, damit wir Menschen frei werden von der Angst vor dem Tod, von der Angst zu versagen. Gnade.
Und die Liebe Gottes - Liebe, die auch den Zorn kennt, weil sie sich nicht mit Lieblosigkeiten zufrieden gibt. Liebe, die den Menschen und allem, was ist gilt. Weil alles, was ist, auch das, was wir Umwelt nennen, seinen letzten Grund in Gott hat. Liebe, die da war, bevor Gott sich in Jesus Christus sichtbar gemacht hat und die auch da ist, wo Menschen die Gnade Jesu nicht kennen. Liebe.
Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes - Verbindung über alle Grenzen hinweg. Verbindung von Menschen untereinander und Menschen mit Gott. Das Zulassen verschiedener Sprachen, verschiedener Fähigkeiten und Möglichkeiten der Menschen im Glauben und Handeln. Die Vielfalt als Chance und nicht als Bedrohung. Vielfalt als Ergänzung dessen, was ich kann. Zusammengehalten von Gott als Heiliger Geist. Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Und schon ist aus drei Dingen auch logisch eine Einheit entstanden. Natürlich kann man jede Seite für sich betrachten. Aber am Ende gehört es zusammen und findet seinen Sinn darin, dass die Vielfalt in der Größe Gottes, die größer ist als alles, was wir uns vorstellen können, zusammengehalten wird. Eins kann am Ende ohne das andere nicht sein. Auch wenn es manchmal Konkurrenz, Streit, Missverständnisse und unterschiedliche Wahrnehmungen gibt. Diese Erfahrung wünsche ich nicht nur den neuen Konfis, sondern auch uns als Gemeinde, als Teil der einen, großen Gemeinschaft der geliebten Kinder Gottes. Damit wir aus vollem Herzen uns und der Welt wünschen können: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen“. Das wir uns nahe fühlen und annähern. Untereinander und Gott. Ob wir uns dabei jetzt küssen oder nicht. Amen