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Sonntag, 3. Juni 2012

Gott macht auch aus Schlechtem Gutes - Trinitatis, 03.06.12

Statt Reihe IV habe ich Reihe V gewählt, weil in diesem Gottesdienst die neuen Konfis begrüßt wurden und eine frisch Konfirmierte mit mir gepredigt hat. Ihr fiel zum Segen einfach mehr ein, deshalb de Text:
4. Mose 6,22-27
UKB: Liebe Gemeinde!

Nein, der Gottesdienst ist noch nicht vorbei, auch wenn gerade der Segen vorgelesen wurde, der am Ende von jedem Gottesdienst hier bei uns und in den meisten anderen Kirchen gesagt wird. Es ist eigentlich Zufall, dass für diesen Sonntag, an dem bei uns in der Thomaskirche die neuen Konfis begrüßt werden, der Segen als Bibeltext für die Predigt „dran“ ist. Aber ich finde es ganz passend, gerade an so einem Tag sich mal Gedanken darüber zu machen, was für viele, die immer kommen, ganz normal und selbstverständlich ist. Für viele Konfis ist es nicht so. Am Dienstag haben wir ja auch mal über den Gottesdienst gesprochen und was so dazugehört. Der Segen wurde erst relativ spät genannt und als dann markiert werden sollte, was einem gut gefällt oder wichtig ist, da waren es nur ganz wenige, die das markiert haben. Gut, dass ich heute eine Expertin habe, die mit mir predigt. Milena, du bist ja erst seit fünf Wochen konfirmiert und kannst dich bestimmt auch noch gut an die Zeit erinnern, als du mit Konfer angefangen hast. Wie geht’s dir denn mit dem Segen?

Milena: Ich kannte das vorher auch nicht so wirklich, weil ich vor Konfer nicht oft im Gottesdienst war. Aber jetzt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass es auch anders sein könnte. Ich finde es richtig gut, dass der Segen am Ende da ist. Da kriege ich ein richtig gutes Gefühl. Ich weiß dann, dass Gott auch für mich da ist. „Der Herr segne dich und behüte dich“ – das fasst noch mal alles zusammen, was wichtig ist. So vor dem Rausgehen. Gott ist nicht nur in der Kirche bei mir, sondern auch wenn ich rausgehe. Beim Hiphop oder in der Schule oder wenn ich mit meinen Freunden oder meiner Familie zusammen bin. Gott ist da und passt auf mich auf.

UKB: Ich finde es schön, dass du das so siehst. Ich hab mich auch richtig gefreut, als du vor ein paar Wochen gesagt hast, dass du mal mit mir predigen willst und auch was von deinem Glauben erzählen willst. Das ist ja überhaupt nicht selbstverständlich. Bist du da eigentlich von allein drauf gekommen? Hast du plötzlich irgendwie angefangen, an Gott zu glauben und den Segen für dich so wichtig zu nehmen?

Milena: Für mich ist der Glauben an Gott was ganz normales geworden. Aber viele von den Leuten aus meiner Klasse und von den anderen, mit denen ich befreundet bin, sehen das auch ganz anders.

Sonntag, 30. Mai 2010

Geistreich küssen - Trinitatis, 30.05.2010, Reihe VI (statt II), Begrüßung der neuen Konfis



Text: 2. Kor 13,11-13

Liebe Gemeinde!
Ja, das wäre doch was, wenn wir uns heute Morgen vor der Kirche mit Küssen begrüßt hätten, oder? Grüßt einander mit dem Heiligen Kuss, schreibt Paulus. Statt Händeschütteln vor der Kirche für jeden einen Kuss, und auch im Konfirmandenunterricht am Dienstag: vor dem Beten wird erst mal geküsst. Vielleicht würden es Mädchen untereinander hinkriegen. Aber wenn ich mir das bei den Jungs vorstelle, glaube ich nicht, dass diese Begrüßung ihre Wahl wäre. Und auch zwischen Erwachsenen und Jugendlichen wäre das nicht die Begrüßung meiner Wahl. Zu viele unheilige Küsse spielten in den letzten Wochen in den Nachrichten eine Rolle. Entweder wurde im Namen Gottes geschlagen und gequält oder im Namen Gottes oder einer missverstandenen Erziehung zur Freiheit geküsst oder mehr dort, wo es überhaupt nicht hingehört. Küsse sind in Verruf geraten. Schon in der Bibel gibt es ja den Kuss, mit dem Judas Jesus verrät. Und als eine Frau mit schlechtem Ruf, vielleicht eine Prostituierte, Jesus die Füße küsst, denken die Jünger und die Frommen, dass sich das überhaupt nicht gehört. Begrüßen wir uns also lieber anders, im Gottesdienst, in Konfer, in der Schule, in der Gemeinde. Nicht mit heiligen Küssen, die so leicht missverstanden oder missbraucht werden können. Begrüßen wir uns anders – und trotzdem wünsche ich uns, als Gemeinde, als Konfergruppe, als Menschen auf dem Richtsberg, in Marburg, dass das, was hinter dem heiligen Kuss steckt, auch bei uns wirksam ist, wenn wir uns begrüßen. Wenn ich einen Kuss ernst meine und nicht Vertrauen oder Macht missbrauche, heißt ein Kuss doch: Du bist mir vertraut. Ich mag dich, vielleicht ist sogar echte Liebe dabei. Du bist mir nicht egal. Ich gönne und wünsche dir Gutes. Ich vertraue dir, ich respektiere dich. Du bist Teil meiner Familie. Ich habe eine Beziehung zu dir. Der Streit steht nicht mehr zwischen uns, wir vertragen uns wieder. Das alles kann ein ehrlicher Kuss bedeuten. Auch wenn wir den Kuss weglassen, weil er leicht missverstanden werden kann: Eigentlich sind das alles Dinge, die Miteinander voranbringen. Wenn wir das unabhängig vom Kuss in unserem Leben umsetzen würden, nicht nur sonntags im Gottesdienst, nicht nur dienstags in Konfer, sondern in unserem Zusammenleben auf dem Richtsberg, in Marburg, anderswo, jeden Tag neu, ich glaube, die Welt wäre kaum wiederzuerkennen. Respekt und Achtung voreinander, das Gefühl, zusammenzugehören. Egal, auf welche Schule jemand geht. Egal, wie viel Geld er hat. Egal, ob er jung oder alt, dick oder dünn, Russe, Araber, Türke oder Deutscher, krank oder gesund ist. Ein Traum. Und vielleicht wird er ja dienstags in Konfer, sonntags in der Kirche, montags, mittwochs, donnerstags, freitags, samstags in der Schule, auf der Straße, in der Firma, in den Blocks und Häusern ein Stück Wirklichkeit. Träume werden wahr. Weil wir den Mut haben, anderen nahe zu sein, auch wenn wir uns dazu nicht gleich küssen müssen, weil wir aufeinander achten, weil wir uns achten, respektieren, vielleicht sogar hier und dort ein wenig lie-ben.
Ein Traum, der Traum bleibt? Zu albern? Zu schön, um wahr zu werden? Die Menschen sind nicht so, die Konfis nicht, die Erwachsenen nicht? Ja, das Leben ist kein Ponyhof, auf dem immer die Sonne scheint und alles schön einfach ist. Dauerferien und Dauerglück gibt es nicht. Und Menschen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, können manchmal ziemlich anstrengend, leider auch ziemlich gemein sein. Und trotzdem halte ich fest an dem Traum. Nicht weil ich ein Spinner bin. Sondern weil ich glaube, dass Gott uns den Mut und die Kraft gibt, Träume zu verfolgen, Hoffnung zu behalten, Liebe anzunehmen und zu schenken und uns, zumindest in Gedanken, tatsächlich mit einem Heiligen Kuss zu begrüßen.
Als Paulus vor 2000 Jahren den Brief an die Christen in Korinth geschrieben hat, waren die Christen dort nicht perfekter als wir. Es gab reiche Menschen, die wenig arbeiten mussten, die keine Rücksicht auf die genommen haben, die arbeiten mussten und erst später zu den Gottesdiensten, die immer mit Abendmahl gefeiert wurden, kamen. Manche waren schon vom Abendmahlswein besoffen, bevor die Arbeiter überhaupt kamen. Es gab welche, die hielten sich für was Besseres, weil sie von einem gebildeteren Menschen als Paulus getauft wurden. Es gab ganz Ängstliche, die wollten den Mutigen alles verbieten und es gab Mutige, die haben die Ängstlichen lächerlich gemacht. Es war keine perfekte Gemeinde. Deshalb schreibt Paulus ja auch: „Lasst euch wieder in die richtige Spur bringen, lasst euch ermahnen und trösten“. Klar, es ist nicht schön, auf Fehler aufmerksam gemacht zu werden. Als Schüler nicht, als Konfi nicht und, glaubt mir, als Erwachsener tut man sich vielleicht manchmal damit noch schwerer. Aber im Glauben und auch sonst braucht man manchmal einen Anstoß von außen, um wieder gute Wege zu finden. Jemanden, der offen und ehrlich sagt: Das war so nichts. Was ich schön finde und was leider viel zu oft übersehen und ver-gessen wird, ist, dass im Griechischen, in der Sprache, in der Paulus geschrieben hat und die die Christen in Ko-rinth gesprochen haben, ermahnen, erinnern und trösten das gleiche Wort ist. Es geht nicht darum, den anderen als dumm hinzustellen, weil er etwas falsch gemacht hat und ihn mit seinen Fehlern vorzuführen. Es geht drum, ihn an das, was er glaubt und hofft, an seine guten Fähigkeiten zu erinnern und ihn zu trösten und ihm den Mut zu geben, es besser zu machen. Nicht aus Angst, sondern weil er weiß: Ich kann auch anders. So geht Gott mit uns und unseren Fehlern um. Und ich wünsche uns, dass davon etwas auf unser Miteinander abfärbt. In Konfer, in der Schule, in der Gemeinde, da wo wir leben. Über alle Alters- und anderen Grenzen hinaus. Dass wir uns gegenseitig Mut machen, es besser zu machen und uns nicht unsere Fehler gegenseitig in Ewigkeit vorhalten uns auf das Schlechte, das ja da ist und dass wir auch tun, festnageln. Paulus beendet den Brief an die Christen in Korinth, über die er traurig ist, die ihn enttäuscht haben, nicht mit Ermahnungen und Vorwürfen.
Am Ende stehen ein richtig guter Wunsch und eine gute Hoffnung. Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Das hört sich anders an als: „Ändert euch gefälligst, sonst wird aus euch nichts!“ Auch wenn es sich für uns heute entweder sehr formal anhört, unpersönlich, weil es in fast jedem Gottesdienst so vorkommt oder gar unverständlich, weil im Alltag niemand mehr so redet. Aber genau das sind eigentlich drei große Geschenke für unser Leben. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: da ist einer, der will uns vergeben. Da ist einer, der setzt nicht mit aller Macht sein Recht durch, sondern der begnadigt. Da ist einer, der hält zu uns, auch wenn wir Fehler machen. Da ist einer, der will, dass wir aus unseren Fehlern lernen, der traut uns zu, es besser zu können. Gnade, nicht Rache, nicht Vergeltung, nicht Angst. Für mich kommt das auch im Vater unser vor, wenn wir beten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Mache uns großzügig, lass uns nicht kleinlich und rechthaberisch sein. Nicht blind und dumm, sondern ehrlich und großzügig. Auch das ist ein Geschenk der Gnade. Und dann die Liebe Gottes. Da gibt’s eigentlich nichts mehr zu sagen. Oder so viel, dass es für eine eigene Predigt reicht. Zum Beispiel nächsten Sonntag, da geht es dann um die Liebe. Die Liebe, die so groß ist, dass man sie kaum beschreiben kann, die sollst du erfahren. Ist doch ein schöner Wunsch, gerade für die, über die ich mich eben noch geärgert habe. Gott ist nicht nachtragend. Und wir? Und am Ende der Wunsch nach Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist und im Heiligen Geist. Allein geht es einem im Leben wirklich schlecht. Man muss nicht immer einer Meinung sein, um zusammenzugehören. In Konfer nicht, in der Gemeinde nicht, in der Familie nicht. Schließt euch nicht ab, bleibt aufgeschlossen, lasst euch stark machen für ein aufgeschlossenes Leben. Das ist der Wunsch, den Paulus für die Christen in Korinth hat und den ich für uns habe. Und vielleicht, irgendwann, ist es dann auch so weit, dass der heilige Kuss zur Begrüßung nicht peinlich und komisch und mit dummen Hintergedanken verbunden ist, sondern normal wird. Solange können wir ja lernen, uns mit dem Gedanken daran anzufreunden, dass so was möglich sein könnte und möglich war. Und wir können unseren Teil dafür tun, dass die Zusammengehörigkeit, die Liebe, der Respekt, die dahinter stecken, trotzdem spürbar werden. Auch wenn wir uns nicht küssen. Dazu gebe Gott uns allen seinen Segen.

Amen

Montag, 8. Juni 2009

In den Spiegel schauen - 07.06.09, Begrüßung neue Konfirmanden

Text: 1. Kor 12,12-26

Liebe Gemeinde!
Was fällt euch, was fällt ihnen zuerst ein, wenn man fragt: „Was kannst du eigentlich gut?“ Fällt einem da zuerst das ein, was man wirklich gut kann? Oder fällt einem da erstmal das ein, was man alles nicht kann? Ich kann erstmal nur von mir reden. Meistens fällt mir erstmal alles ein, was ich nicht kann. Und ich glaube mal, dass es nicht nur mir so geht. Selbst wenn einem was einfällt, was man gern macht und gut kann: meistens traut man sich gar nicht, das laut und öffentlich zu sagen. Die meisten wollen ja nicht als Angeber dastehen. Und außerdem: selbst wenn man gern und gut Fußball spielt, gibt es viele, die es besser können. Selbst wenn man gut tanzt oder gut singt oder ein Instrument gut spielt: immer fallen einem viele ein, die es besser machen und können. Ob’s ums Backen oder Predigen, ums Zuhören und Ratschlag Geben oder ums Turnen, ums Rechnen oder ums Malen geht: den meisten fallen immer Leute ein, die das, was man selber kann, besser können. Die wenigsten trauen sich, so richtig zu dem zu stehen, was sie gut können. Aus Angst, als Angeber dazustehen. Aus Angst, von anderen ständig gesagt zu bekommen: aber der Marc oder die Jessica oder Herr Schulze oder Frau Müller können das doch viel besser. Manchmal auch ein bisschen aus Neid auf das, was andere können und man selbst gern können würde, aber nicht kann. Schade eigentlich. Schade, dass oft so viel Angst davor da ist, was zu sagen, zu machen und sich etwas zuzutrauen und zuzumuten. Schade, dass oft alle das Gleiche sein wollen oder machen wollen oder für wichtig halten.
Die Bibel ist ein ziemlich altes Buch. Und die Sprache hört sich auch nicht immer so ganz modern an. Manchmal traut man sich vielleicht gar nicht, in der Bibel zu lesen, weil man denkt, dass man das sowieso nicht versteht. Manchmal vergeht einem die Lust, weil die Sprache so kompliziert zu sein scheint. Schade, man verpasst was. Denn in diesem dicken, alten Buch stehen viele Gedanken, Geschichten und Ideen, die alles andere als unmodern sind. Zum Beispiel das, was ich eben vorgelesen habe und was in Konfer auch schon mal Thema war. Klar, heute spricht niemand mehr so wie Paulus geschrieben hat. Aber das, worum es geht, ist alles andere als unmodern. Paulus sagt eigentlich nichts anderes als „Lass dich nicht irre machen! Steh zu dem, was du bist und was du kannst. Versuche nicht, andere nachzumachen. Lass dir nicht einreden, dass das, was du kannst, weniger wert ist. Du bist wichtig. Mit dem, was du kannst.“
Ich finde das Bild, das Paulus hier benutzt, um klar zu machen, wie die Gemeinschaft, die durch Jesus geschenkt wird, funktioniert und ist, wirklich gut: ein Körper. Gemeinschaft durch Jesus ist etwas Lebendiges. Wie ein Körper halt. Das Entscheidende an dieser Gemeinschaft mit Gott, mit Jesus, ist nicht, dass sonntags der Pfarrer predigt und alle still sitzen und zuhören. Das ist vielleicht ein kleiner Teil davon, mehr nicht. Das Entscheidende ist auch nicht, dass andere so begeistert davon sind, dass Jesus sich um Kranke und Arme gekümmert hat und zum Beispiel nach Afrika oder Asien gehen und sich dort um Arme und Kranke kümmern. Das Entscheidende ist auch nicht, dass Menschen ihre kranken oder alten Nachbarn besuchen, weil sie so auch ihren Glauben ausdrücken oder dass sie handwerklich geschickt sind und sagen: „Mensch ich kann für die Gemeinschaft was Gutes tun und in der Kirche, in Kindergärten oder woanders Dinge reparieren!“. Das Entscheidende ist, dass eben nicht einer allein sein kann und einer allein alles machen muss, sondern dass sich erst durch die lebendige Vielfalt der verschiedenen Begabungen und Möglichkeiten so ein bisschen zeigt, was Gemeinschaft mit Jesus, was Glauben an Gott und Leben als Christ heißen kann. Weder die Thomaskirche noch die Elisabethkirche noch ein Kirche in Südafrika oder den USA, weder Ulrich Kling-Böhm noch Rainer Dorn oder Friedrich Leipi oder Feli oder Andreas aus der Konfergruppe sind für sich genommen das richtige Bild dafür und zeigen, was Christsein heißt. Erst da, wo alles zusammenkommen kann, wo Unterschiede bei den Einzelnen, bei den Gemeinden und Kirchen, sein dürfen und sein müssen, wo jeder seinen Platz findet, erst da fängt so etwas wie Gemeinschaft in und durch Christus an. Die Thomaskirche ist nicht die ideale Kirche. Aber ohne die Thomaskirche würde dieser Gemeinschaft was fehlen. Ich bin nicht der ideale Pfarrer. Aber ohne mich würde der Gemeinschaft was fehlen. Anna ist nicht die perfekte Konfirmandin. Aber ohne Anna würde nicht nur der Konfergruppe, sondern der Gemeinschaft was Wichtiges fehlen. Gemeinschaft mit Gott und durch Gott zu haben heißt nicht, dass alle gleich sein müssen oder gleich sein sollen, sondern dass alle gleich viel wert sind. Ich hoffe, dass sich das auch in unserer Gemeinde und in der Konfergruppe widerspiegelt.
Für mich ist das Bild vom Körper aber auch sonst ein gutes Bild: Wenn es nur wenige Körperteile geben würde, dann kämen ziemliche Monster heraus. Viele Augen, die zwar sehen und erkennen, was jetzt gerade wichtig ist, aber keine Hände, die das auch tun können. Viele Münder, die was Gutes und Richtiges sagen oder gut küssen können und so für die nötige Liebe sorgen, aber keine Füße, die einen vorwärts bringen. Und außerdem: erst dadurch, dass ich nicht von mir glaube, alles machen oder können oder für alles verantwortlich sein zu müssen, ist der Platz für andere da. Für andere, die anders sind, denken, reden handeln - und die gerade deshalb notwendig sind.

Das Bild vom Körper ist für mich so etwas wie ein gutes Mobbingvorbeugungsprogramm. Mobbing, das Schlechtmachen von anderen, das entsteht meistens dadurch, dass ich für mich zu wenig Selbstbewusstsein habe und neidisch auf das bin, was andere haben oder Angst davor habe, dass andere anders sind, weil ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Dass ich glaube, die anderen nehmen wir was weg. Oder dass ich bei denen etwas entdecke, was ich an mir nicht leiden kann und um das zu überspielen auf die anderen draufhaue, damit das niemand bei mir entdeckt. Gott hat MIR meinen Platz gegeben, um den muss ich nicht kämpfen. ICH bin wichtig. Mit dem, was ich kann - und das, was ich nicht kann, dafür sind dann andere da. Es ist gut, dass es Unterschiede gibt. Wenn ich das wirklich akzeptieren kann, ich glaube, dann wird es immer schwerer für Menschen, sich gegenseitig durch Mobbing das Leben schwer zu machen. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Auch in der Kirche, auch unter Christen, vermutlich auch unter Konfis.
Der Weg ist vielleicht aus deshalb weit, weil keiner von uns den Überblick hat. Das gehört zum Bild des Körpers mit dazu. Ich kann als Teil des Körpers mich nicht sozusagen verabschieden und mal schnell von außen schauen. Ich sehe immer nur einen Teil - und in diesem Teil sehe ich eben auch das besonders deutlich, was nicht schön ist, was mir an mir, an meinem teil nicht gefällt. Es ist wie mit einem Spiegel. Normalerweise sehe ich da nur einen Ausschnitt von mir. Und selbst wenn ich es durch raffinierte Konstruktionen schaffen würde, mich völlig von allen Seiten zu sehen: Alles würde ich nie erfassen. Meine Gefühle, die Art, wie ich auf andere wirke, das, was andere n an mir wichtig ist - das fehlt. Ich sehe immer nur Ausschnitte. Und da konzentriere ich mich manchmal zu sehr auf das, was mich stört. Ich nehme jetzt mal einen Spiegel. Wenn ich reinschaue: Die Nase ist nicht optimal. Ich hätte mich besser rasieren können. Pickel ist jetzt gerade keiner da. Wenn ich nach unten schaue: Abnehmen könnte ich eigentlich auch mal. Aber ich sehe eigentlich ganz freundlich aus. Immerhin. Wenn ihr jetzt Spiegel hättet - Was würdet ihr da sehen? Mit was seid ihr zufrieden? Mit was nicht?
Je nachdem, wie ihr den Spiegel haltet, und wie ihr gerade drauf seid, werdet ihr Sachen sehen, die euch gefallen und manches, was euch gar nicht passt. Nie den ganzen Menschen, immer nur einen Ausschnitt. Bei jedem Menschen gibt es mehr als man sieht. Und erst alles zusammen macht diesen Menschen aus. Jennifer oder Daniel, Calvin und Feli, Eduard oder Kata. Ich wünsche euch, den neuen Konfis, aber auch uns allen, dass ihr, dass wir in den Spiegel schauen können und zu dem, was uns da anschaut, Ja sagen können. Dass wir sehen, wo es in unserer Macht liegt, was zu verändern, und dass wir die Kraft haben, das auch zu tun. Und dass wir das, was wir nicht ändern können, aber auch anschauen und aushalten können. Nicht als perfekter Alleskönner, sondern als ein Teil, das seine Aufgabe hat, sind wir Teil der lebendigen Gemeinschaft, die Gott schenkt. Und ich wünsche euch und uns allen, dass der Blick in den Spiegel nicht selbstverliebt macht und man nur noch auf sich schaut, sondern dass der Spiegel immer klein genug ist, um über den Rand zu sehen und die anderen wahrzunehmen. Ich wünsche uns allen, dass wir unseren Platz finden und anderen ihren Platz gönnen und geben. In der einen Gemeinschaft, die Gott durch seine Liebe uns Menschen schenkt. In der es nicht nur Augen oder Ohren oder Münder gibt. In der es niemanden gibt, der unwichtig ist. Schaut in den Spiegel und schaut über den Rand. Zum Üben bekommt ihr gleich jede und jeder einen solchen Spiegel. Ich wünsche euch, den Konfis, viel Spaß bei dem, was ihr im Laufe des Konfijahres entdeckt. Bei euch und anderen. Und uns als Gemeinde und mir auch viel Spaß was ich, was wir mit euch entdecken. Ohne euch würde mir, würde uns allen etwas fehlen.
Amen

Mittwoch, 28. Mai 2008

1+1+1=3? Predigt Trinitatis 08, 18.05.08, Reihe VI


Text: 2. Korinther 13,11-13, Begrüßung Konfis 08/09

Liebe Gemeinde!

Haben sie, habt ihr heute Morgen schon geküsst? Wenn nein, dann wäre ja jetzt die perfekte Gelegenheit, das nachzuholen. Schließlich haben wir es ja gerade aus der Bibel gehört: „Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss!“ Das schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth. Und weil nicht nur ich finde, dass die Bibel kein verstaubtes Buch ist, das nur etwas über die Zeit vor 2000 und mehr Jahren erzählt, sondern weil sie auch ganz viele Wahrheiten über das Leben heute enthält, wäre das doch auch heute mal überlegenswert: Grüßt einander mit dem heiligen Kuss!

Keine Angst, ich will jetzt nicht zu einer Massenknutscherei im Gottesdienst aufrufen. In Frankreich, Spanien, der Türkei und in manchen anderen Ländern wäre das vielleicht kein so großes Problem wie bei uns. Da ist die küssende Begrüßung normal. Hier bei uns finde ich es, zum Beispiel auch in Konfer, immer wieder interessant zu beobachten, wie Menschen sich begrüßen. Mit einem Kuss begrüßt man diejenigen, mit denen man befreundet ist. Oder die Familie. Ein Kuss drückt Nähe aus. Man vertraut einander und ist miteinander vertraut. Und da berührt sich unsere Wirklichkeit in Marburg im Mai 2008 mit der Geschichte der Menschen in Korinth, an die Paulus vor langer Zeit diese „Kusszeilen“ geschrieben hat. „Übrigens, liebe Brüder, freut euch, lasst euch zurechtbringen, lasst euch mahnen, bewahrt Zusammenhalt und Frieden! So wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt euch untereinander mit dem heiligen Kuss!“ Natürlich fällt einem heute auf, dass Paulus die Schwestern nicht erwähnt. Mit den Frauen hatte Paulus so seine Schwierigkeiten. Aber das ist gar nicht der springende Punkt. Es geht um Nähe und Freundschaft, die man sich schenkt. Um Nähe und Freundschaft, die auch Streit und Kritik aushalten. Schon im 1. Brief, den Paulus an die Gemeinde in Korinth schreibt, und erst recht im 2. Brief geht es um ganz viel Streit zwischen Paulus und der Gemeinde und zwischen den Menschen der Gemeinde untereinander. Da haben die Reichen in der Gemeinde die Armen blamiert, da gab’s Streit darum, welche Regeln man befolgen muss und da stand dann nicht mehr der Glaube an Gott im Mittelpunkt, sondern die Rechthaberei, welcher Prediger oder Missionar denn mit seiner Auslegung die meisten Gemeindemitglieder auf seine Seite ziehen kann. Ein total zerstrittener Haufen, noch dazu auch mit einem verzweifelten Paulus zerstritten. Und dann das. Ausgerechnet den Leuten, bei denen man den Eindruck hat, die würden sich am liebsten an die Gurgel gehen, wird Grund zur Freude nahe gelegt und empfohlen, sich mit einem Kuss zu begrüßen. Die Nähe, die das ausdrückt, die geht trotz allem Streit nicht kaputt, weil sie eine Nähe ist, die von Gott geschenkt und gestiftet wird. Kommt euch nahe, nehmt euch wahr! Denn Gott ist euch doch mit seiner Liebe schon längst nahe gekommen. Aller Streit kann diese Liebe nicht kaputt machen. Küsse können missbraucht werden, klar. In der Bibel gibt es den Judaskuss, durch den Jesus verraten wird. Und ich glaube auch im Alltag können viele ein Beispiel finden, wo sie selbst erlebt haben, dass ein Kuss nicht freiwillig gegeben wurde und kein Ausdruck von Nähe, sondern von Zwang oder missbrauchter Macht war. Aber trotzdem können auch diese schlechten Beispiele das Gute nicht kaputt machen.

Es gibt eine Nähe, eine Verbindung von Menschen untereinander, die hält auch schlimmen Streit und große Meinungsverschiedenheiten aus. Gerade deshalb finde ich, dass der Predigttext auch richtig gut zu dem Anlass heute passt. Einmal natürlich zur Begrüßung der neuen Konfis. Ich will nicht, dass ihr euch untereinander ständig abknutscht und ich werde euch auch garantiert nicht mit dem unheiligen Pfarrerkuss begrüßen. Aber ich finde es toll, dass hier deutlich wird: man kann auch verschiedener Meinung sein, sich streiten, aber trotz allem gehört man zusammen und der andere bleibt Bruder, Schwester, Mensch, auch wenn er oder sie mal total anderer Meinung ist. Weil Gottes Liebe größer und stärker ist. Sie ist das, weil Gott nicht ein für allemal immer gleich ist, ein ferner Block, der seit Jahrtausenden irgendwo unverändert im Jenseits drauf wartet, dass Menschen irgendwelche merkwürdigen Dinge anstellen um nach dem Tod in den Himmel zu kommen, sondern weil Gott in Bewegung ist. Auf uns Menschen zu, mit uns Menschen, damit wir auch vor dem Tod auf gute Art leben können.

Gott ist Gott in Bewegung - das feiern wir nicht nur, weil heute eine neue Konfirmandengruppe begrüßt wird, die sicher hoffentlich manchmal stillsitzt, aber die ganz bestimmt auch Spaß an Bewegung haben wird, sondern weil heute auch einer der unbekanntesten kirchlichen Feiertage ist. Trinitatis - das Fest der Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit Gottes. Gott ist Gott in Bewegung. Nicht nur auf eine ganz bestimmte Art lässt er sich von Menschen erfahren und begegnet ihnen, sondern lebendig, immer wieder neu. Als, wie es die Tradition sagt, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das sind keine drei Götter, sondern das ist eins. Dinge, die wir als unterschiedlich sehen und wahrnehmen, gehören doch ganz tief und fest zusammen. Für mich lässt sich beides, Konfer und die Dreieinigkeit, ganz gut mit dem hier (Ü-Ei hochhalten) vergleichen.

Fangen wir mal mit Konfer an. Da ist zuerst die Verpackung, die Lust machen soll, zuzugreifen. Bunt, mit einer netten Schrift. Vielleicht ist das in Konfer die Aussicht, ein schönes Fest am Ende zu bekommen mit vielen Geschenken und auch Geld. Ja, das ist für viele so der äußere Anlass, zuzugreifen und zu kommen. Wenn man es dann auspackt, dann sieht das erstmal nicht so bunt aus. Man weiß vielleicht auch gar nicht so richtig, was man damit anfangen soll. Aber wenn man mitmacht, reinbeißt, nicht nur zuguckt, dann stellt man fest: kann ja ganz lecker sein! Jedenfalls gab es ja zum Beispiel im letzten Jahrgang einige, die jetzt mitarbeiten möchten und eigentlich gibt es in jedem Jahrgang immer wieder welche, die sagen: war ne gute Zeit. Aber es steckt noch mehr dahinter. Man kann nicht nur genießen, man muss auch selber Hand anlegen und was auspacken. Man sieht am Anfang nicht, was am Ende rauskommt. Und nicht immer gefällt einem das, was rauskommt. Aber das Ü-Ei Geschenk kann man vielleicht einem anderen schenken, der sich drüber freut - und so hat es auch im Teilen Sinn. Auch mit Konfer. Selbst wenn ich jetzt nicht selber was damit anfangen kann - vielleicht kann ich später viel mehr damit anfangen. Oder ich erzähle jemandem was davon, Eltern, Geschwistern, Bekannten - und denen wird plötzlich etwas wichtig, was ich für nutzlos hielt. Und was ist jetzt das Entscheidende am Ü-Ei? Das Entscheidende ist, das alles zusammengehört. Jedes für sich hat seinen Sinn, aber erst dadurch, dass verschiedene Sachen zusammenkommen, wird es zu etwas Besonderem und Guten. Ein Ü-Ei ohne Schokolade ist kein Ü-Ei und eins ohne Spielzeug auch nicht. Manchmal finde ich die Schokolade wichtiger, manchmal das Spielzeug. So wird das auch in Konfer sein. Es ist nicht immer jedem und zu jeder Zeit das Gleiche wichtig.

Und so ist das auch mit Gott. Gott macht sich auf ganz unterschiedliche Art auf den Weg zu Menschen, er wird auch manchmal unterschiedlich wahrgenommen, aber in allem ist das doch der eine und derselbe Gott. Vater, Sohn, Heiliger Geist - drei sind eins. Im Rechnen scheint das unlogisch zu sein, wenn ich losrechne: 1+1+1=1. Klar, da gehört jetzt die „3“ hin. Aber wenn ich noch mal auf Paulus höre, dann kommt mir noch was anderes in den Sinn. Es muss nicht unlogisch sein, dass aus Dreien eins wird. Paulus schreibt: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“ Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus - Im Menschen Jesus begegnet Gott Menschen. Gnädig. Das heißt: er nagelt sie nicht auf ihre Schuld und das, was sie falsch gemacht haben fest, sondern er schenkt ihnen die Chance, neu anzufangen. Er lässt sich als Mensch am Kreuz festnageln, damit wir Menschen frei werden von der Angst vor dem Tod, von der Angst zu versagen. Gnade.

Und die Liebe Gottes - Liebe, die auch den Zorn kennt, weil sie sich nicht mit Lieblosigkeiten zufrieden gibt. Liebe, die den Menschen und allem, was ist gilt. Weil alles, was ist, auch das, was wir Umwelt nennen, seinen letzten Grund in Gott hat. Liebe, die da war, bevor Gott sich in Jesus Christus sichtbar gemacht hat und die auch da ist, wo Menschen die Gnade Jesu nicht kennen. Liebe.

Und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes - Verbindung über alle Grenzen hinweg. Verbindung von Menschen untereinander und Menschen mit Gott. Das Zulassen verschiedener Sprachen, verschiedener Fähigkeiten und Möglichkeiten der Menschen im Glauben und Handeln. Die Vielfalt als Chance und nicht als Bedrohung. Vielfalt als Ergänzung dessen, was ich kann. Zusammengehalten von Gott als Heiliger Geist. Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Und schon ist aus drei Dingen auch logisch eine Einheit entstanden. Natürlich kann man jede Seite für sich betrachten. Aber am Ende gehört es zusammen und findet seinen Sinn darin, dass die Vielfalt in der Größe Gottes, die größer ist als alles, was wir uns vorstellen können, zusammengehalten wird. Eins kann am Ende ohne das andere nicht sein. Auch wenn es manchmal Konkurrenz, Streit, Missverständnisse und unterschiedliche Wahrnehmungen gibt. Diese Erfahrung wünsche ich nicht nur den neuen Konfis, sondern auch uns als Gemeinde, als Teil der einen, großen Gemeinschaft der geliebten Kinder Gottes. Damit wir aus vollem Herzen uns und der Welt wünschen können: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen“. Das wir uns nahe fühlen und annähern. Untereinander und Gott. Ob wir uns dabei jetzt küssen oder nicht. Amen