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Freitag, 23. November 2012

Merkwürdig, sehr merkwürdig, dieses Leben - Ewigkeitssonntag, 25.11.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 65,17-25
Liebe Gemeinde!
Am Ende wird alles gut! Ja, so soll es sein! Am Ende das Gute: Frieden, ein Leben ohne Schrecken. Ein Leben ohne Tränen und Leid. Ein Leben, in dem jeder sich durch seine Arbeit prima ernähren kann. Ein Leben ohne sterbende Kinder und trauernde Eltern. Ein Leben, das einfach nur schön ist. Ein Leben! Und was ist bis dahin? Am Ende wird alles gut! Und davor?
Es ist ein merkwürdiger Sonntag, den wir heute feiern. Merkwürdig im wortwörtlichen Sinn. Wenn wir im Alltag dieses Wort „merkwürdig“ benutzen, dann meinen wir seltsame Phänomene, die wir nicht richtig erklären können. Aber wenn man das Wort wirklich wörtlich nimmt, dann heißt das soviel wie: „wert, dass man es sich merkt“ oder „wert, dass es bemerkt wird“. Und das, was merkwürdig ist, ist das, was den normalen Gang unseres Alltags durchbricht und was uns dazu bringt, einmal vom Alltagsgeschäft Pause zu machen, nachzudenken, sich zu wundern, zu staunen, sich zu ärgern – kurz: Gefühle und Gedanken zu investieren. Und so ist auch dieser Sonntag. Die allermeisten Bibeltexte, die für die Gottesdienste heute vorgesehen sind, erzählen von einer wunderbaren Welt, in der es traumhaft schön zugeht. Und manche, die heute hier den Gottesdienst mitfeiern, haben schon den nächsten Monat voller Vorfreude im Blick: in gut vier Wochen feiern wir Weihnachten. Und genau an diesem Sonntag mit den schönen Bibeltexten und gar nicht mal so weit weg von Weihnachten, erinnern wir an die Menschen, die im zu Ende gehenden Kirchenjahr beerdigt wurden. Wir werden es nach der Predigt wieder hören. Da waren viele Menschen dabei, die alt und nach einem erfüllten Leben starben. 90, manchmal auch 99 Jahre alt sind sie geworden. Für manche kam der Tod als eine Erlösung nach schwerer Krankheit. Einige starben wirklich im Vertrauen darauf, dass Gott auch nach dem Tod gutes Leben bereithält. „Es sollen keine Alten mehr da sein, die ihre Jahre nicht erfüllen!“ Ja, bei manchen war das so. Sie fehlen ihren Angehörigen, ganz sicher. Aber sie durften in Frieden gehen. Und dann waren auch die vielen anderen da. Menschen, die starben und Kinder hatten, die ihr Elternteil noch gebraucht hätten. In einem Fall wächst ein Kind auf, das seine Mutter nie kennenlernen wird. Eltern sind da, die zurückbleiben,

Freitag, 2. November 2012

Ganz schön frei! - Reformationstag, gehalten am 4.11.12, Reihe IV

Text: Galater 5,1-6
Liebe Gemeinde!
Woran erkennt man eigentlich einen Christen? An der Taufe vielleicht? Na ja, erstens kann man die Taufe nicht sehen und zweitens waren Hitler und Stalin und viele andere Massenmörder und Verbrecher waren auch getauft. Also vielleicht eher am Verhalten? Vielleicht daran, dass er sich an die 10 Gebote hält? Aber erstens sind die Zehn Gebote keine christliche Erfindung. Die stehen im Alten Testament, die gelten für Juden ganz genauso und außerdem sind viele Einzelaussagen mittlerweile in die Gesetze der meisten demokratischen Länder so eingebaut, dass ich daran, dass jemand nicht tötet oder nicht stiehlt oder sich um seine altgewordenen Eltern sorgt, erkennen könnte, ob er überhaupt an Gott glaubt oder an welchen Gott er glaubt. Und zweitens hat Jesus die Zehn Gebote so radikal interpretiert, dass selbst Menschen, die es ganz ernst und ehrlich mit ihrem Glauben meinen, schwer fallen dürfte, das immer und fürs ihr ganzes Leben zu halten. Ehebruch ist nicht erst die Tat, sondern schon der Gedanke daran, sagt Jesus, genauso wie: töten fängt nicht mit der Tat an, sondern damit, dass ich einen anderen durch Worte herabsetze und ihm damit ein Stück Lebensrecht abspreche. Zumindest das Letzte ist bei mir spätestens dann der Fall, wenn ich im Auto sitze und mir einer die Vorfahrt nimmt. „Idiot“ ist dann noch eines der harmloseren Wörter, die mir manchmal rausrutschen. Bin ich deshalb kein Christ? Vielleicht erkennt man Christen am Gebet? Aber Jesus sagt auch, dass man erstens aus dem Beten keine Show machen soll, zweitens nicht zu viele Worte beim Beten machen soll und drittens nicht zuerst öffentlich, sondern für sich selbst in Ruhe mit Gott reden sollte. Dass jemand also die Hände faltet und das Vaterunser spricht oder in freien Worten laut seine Anliegen vor Gott bringt, ist also auch kein sicheres Kennzeichen. Vielleicht macht er ja nur eine Show, vielleicht sind seine wirklichen Gedanken gerade ganz woanders. Weder an Ketten mit Kreuzen noch am Fischaufkleber auf dem Auto, weder am Beruf noch an der Art zu beten kann ich einen Christen sicher erkennen. Das macht es gar nicht so einfach. Wir Menschen sind doch eigentlich eher so gepolt, dass wir gern klare Ansagen und Anweisungen hätten.

Freitag, 26. Oktober 2012

Lebt! Betet! Hofft! - 21. n. Tr., 28.10.2012, Reihe IV

Text: Jeremia 29,1.4-7.10-14
Liebe Gemeinde!
Lebt! Betet! Hofft! – Ich glaube, dass sich der Predigttext, den ich eben vorgelesen habe, auch mit diesen drei Wörtern zusammenfassen lässt. Sicher gibt’s noch ganz andere Möglichkeiten. Aber für mich ist es im Moment eben: Lebt! Betet! Hofft!
Lebt! Das ist das erste, dass der Prophet Jeremia, vielleicht auch sein Assistent Baruch, an die Menschen schreibt, die nach einem verlorenen Krieg aus Israel, ihrer Heimat , in die Fremde, nach Babylonien im heutigen Irak, weggeführt wurden. Lebt! Die Botschaft hätte auch ganz anders lauten können. Ätsch! Zum Beispiel. Jeremia hat vor dem Krieg gewarnt. Er wurde nicht nur nicht gehört, sondern ein paar von denjenigen, die jetzt aus der alten Heimat vertrieben wurden, haben sogar dafür gesorgt, dass er ins Gefängnis kam. Jeremia wurde nicht vertreiben, er durfte in der Heimat bleiben. Ätsch – ich hab’s euch doch gleich gesagt!

Freitag, 5. Oktober 2012

Mein rechter Platz ist leer, da setz ich mir den ... her - 18. So. n. Trinitatis, Reihe IV

Text: Jakobus 2,1-13 (die Zitate im Text sind aus der Basisbibel)
Liebe Gemeinde!
Stellen Sie sich doch mal vor, unsere Kirche wäre brechend voll, alle Plätze besetzt. Kommt zwar leider nicht jeden Sonntag vor, aber manchmal ist es ja so, letzten Sonntag zum Beispiel. Die Tür geht auf, einer der Alkoholiker vom Marktplatz kommt rein. Noch nicht total besoffen, es ist ja früher Sonntagmorgen. Aber er riecht von gestern noch unangenehm und seine Kleidung ist nicht gerade sauber. Trotzdem hat er das Bedürfnis, in den Gottesdienst zu kommen. Und dann geht die Tür noch mal auf und Herr Vaupel, unser Oberbürgermeister, kommt herein. Beide müssten stehen. Wem von beiden würde wohl zuerst ein Platz angeboten werden? Wenn ich zu mir selber ehrlich bin, würde ich eher Herrn Vaupel einen Platz anbieten als einem der Alkoholiker. – Jetzt ist der Oberbürgermeister nicht furchtbar reich und trägt auch nicht viele goldene Ringe und zumindest einer der Alkoholiker ist auch nicht arm an Geld. Aber ich fühle mich von dem Predigttext aus dem Jakobusbrief  doch ein bisschen ertappt. Vielleicht geht es ja auch anderen so.
Ich könnte es mir einfach machen mit dem Predigttext, gerade bei uns in unserer Gemeinde auf dem Richtsberg. Bei uns gibt es sehr viel mehr Menschen, die nicht viel haben, als wirklich reiche Menschen. Und da wir an normalen Sonntag auch leider keine Platzprobleme haben, könnte ich mit dem Finger auf andere zeigen und sagen: Ja, so ist es doch! Schaut euch die Familie Pohl an, die haben viel Geld und können in Marburg machen, was sie wollen, so soll das nicht sein, da müssen wir als Christen was unternehmen. Und wir auf dem Richtsberg oder im Waldtal haben zu wenig Geld, da müsste doch viel mehr gemacht werden! Und außerdem soll die Kirche nicht so viel Geld für teure Kirchenmusik ausgeben, lieber mehr direkt an Arme weitergeben! Es lebe das Vorurteil, es lebe das Klischee! Gut, wenn man mit dem Finger nach außen auf andere zeigen kann, sich behaglich zurücklehnen kann, auch wenn wir uns damit etwas vormachen.
Mir ist es zu einfach, wenn wir einfach mal schnell uns an Vorurteile dranhängen und sagen: „Die Reichen sind böse, und wenn sie was spenden, dann doch nur, um ihr Gewissen zu beruhigen oder sich als Wohltäter aufzuspielen!“ Weder sind alle Reichen böse Menschen noch arme Leute gute Menschen nur weil sie wenig haben. Man kann mit diesem Predigttext ganz prima ablenken und auf alle Reichen in der Welt schimpfen und ein Lied auf den Segen der Armut singen. Natürlich hat Gott, durch Jesus noch einmal sehr viel kräftiger, den Armen sein Reich zugesagt. Und natürlich betont Jesus

Sonntag, 16. September 2012

Gutes tun für Leib und Seele - 16.09.2012, 15. Sonntag n. Tr., Reihe IV

Text: Galater 5,25-6,10 (Basisbibel)
Liebe Gemeinde!
Es gibt so viele Möglichkeiten, etwas Gutes zu tun. Es gibt so viele Möglichkeiten, Menschen, die im Leben schwer zu tragen haben, ein paar Sorgen um Dinge, die ihnen fehlen, abzunehmen. In vielen Schulen stehen im Moment die Tonnen der Aktion „Dein Pfand gegen Armut“. Schülerinnen und Schüler können da ihre Pfandflaschen einwerfen, das wird dann eingelöst und von dem Geld sollen Schuhe für Kinder aus armen Familien gekauft werden. An manchen Kassen kann man einfach die Centbeträge aus dem Wechselgeld für den Kinderschutzbund oder das Tierheim oder eine andere gute Sache spenden. Gespendet wird für Arme und Hungernde und Katstrophenopfer immer wieder. Und wenn das Geld bei den Eltern knapp ist, unterstützt vielleicht die Oma den Enkel bei der Klassenfahrt ein bisschen. Menschen kaufen etwas für ihre kranken oder alten Nachbarn ein, besuchen auch mal jemanden, der ganz allein ist. Schüler helfen sich bei Hausaufgaben, und sei es dadurch, dass sie sich abschreiben lassen, weil dem einen vielleicht zu Hause jede Möglichkeit fehlt, sich zu konzentrieren oder weil er zu Hause nur noch Stress hat und Schule da ganz in den Hintergrund gerät. Helft einander, Lasten zu tragen“ oder, wie Martin Luther es übersetzt: Einer trage des anderen Last – diese Aufforderung von Paulus in seinem Brief an die Galater wird, glaube ich, viel öfter wahrgemacht als wir das denken. Natürlich gibt es viel Egoismus, natürlich sind die Klagen über eine zunehmend Ich-bezogene Gesellschaft nicht falsch. Aber wenn man richtig hinschaut, gibt’s auch eine ganze Menge Gutes zu entdecken. Von der Hilfe bei den Hausaufgaben über die getragene Einkaufstasche und den Besuch bis hin zu kleinen und großen Spenden für gute und sinnvolle Aktionen. Und das Angenehme dabei: man verschafft sich offensichtlich durch gute Taten auch noch einen Stein im Brett beim lieben Gott. Helft einander, die Lasten zu tragen. So erfüllt ihr das Gesetz, das Christus gegeben hat. In Konfer hatten wir letzten Dienstag besprochen, wie Jesus die Zehn Gebote zusammenfasst: Liebe Gott von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst. Das passt ja gut dazu, also: alles halb so wild mit dem Gerede über Egoismus und alles gut bei uns oder wenigstens: fast alles, vieles.  
Ja, vieles ist wirklich gut, wenn man die Augen aufmacht und nicht zuerst immer oder fast nur auf das Schlechte sieht. Das ist so. Und trotzdem fühle ich mich ganz schön gepiesackt von dem, was Paulus vor langer Zeit an christliche Gemeinden in der heutigen Türkei schreibt. Nicht weil ich denke,

Freitag, 24. August 2012

"Vanity is the first sin" - Eitelkeit ist die Grundsünde - 13. So n. Tri., 02.09.13, Reihe IV

Die Predigt wurde im Rahmen eines Predigttausches auch am 12. So. n. Tr. gehalten
Text: Genesis (1. Mose) 4,1-16 (Einheitsübersetzung)

Liebe Gemeinde!
Mord in der Familie! Aktueller könnte in diesen Wochen kaum eine Geschichte aus der Bibel sein. Es waren Morde von Eltern an ihren Kindern, an ihren Ehepartnern, an sich selber, die in den letzten Wochen traurige Schlagzeilen gemacht haben. In manchen Fernsehberichten und auf manchen Fotos im Internet und in Zeitungen waren wieder mal Fotos von selbstgemachten Schildern mit der Frage „Warum?“ zu sehen. „Wie kann man das nur machen? Wie kann man nur die eigenen Kinder umbringen?“ Oder andere Menschen, zu denen man eine ganz besondere Vertrauensbeziehung hat. Ich frage mich das genauso wie Hunderttausende, vielleicht Millionen anderer auch. Morde in der Familie. Vielleicht kommen dem einen oder der anderen auch die sogenannten „Ehrenmorde“ wieder in den Sinn. Morde von Vätern, meistens aber von Brüdern, an ihren Schwestern oder Töchtern weil sie mit ihrer Art zu leben angeblich die Ehre der Familie verletzt haben. Wie kann man das nur machen? Alles nur eine Sache armer Irrer oder rückständiger Muslime? Ich habe keine gültige Antwort. Ich habe Fragen. Und ich habe einen Verdacht. Den Verdacht nämlich, dass das keine Frage rückständiger Muslime oder psychisch total kranker Menschen ist, kein unerklärliches Phänomen, sondern im Grunde eine Frage des Menschseins. Ich habe den Verdacht, dass es möglicherweise bei diesen unbegreiflichen Morden um etwas ganz Ähnliches geht wie in der Geschichte von Kains Brudermord an Abel. Da geht es für mich um gekränkte Eitelkeit. Gott nimmt Kains Opfer nicht wahr. Im Gegensatz zu dem seines Bruders Abel. Kains Eitelkeit, sein Gefühl, etwas gelten zu sollen und zu müssen, ist verletzt. Und dann geht die Geschichte so tragisch und dramatisch weiter. Bei einem Familienmord dieser Tage in Berlin ging es darum, dass der Mann nicht mit Schulden leben wollte und er auch seiner Familie keine materielle Armut zumuten wollte. Bei einem anderen Mord ging es darum, dass die Frau mit den Kindern den schlagenden Mann und Vater verließ, bei einem anderen darum, dass die Tochter älter wurde und sich von der alleinerziehenden Mutter löste. Bei den sogenannten Ehrenmorden einfach um das in den Augen der Männer beschädigte Ansehen. „Eigentlich steht mir doch mehr, was anderes zu. Eigentlich müsste ich doch besser dastehen. Ich will was sein, ich will was gelten, lieber will ich auf andere herabschauen als dass andere besser als ich sind.“ Gekränkte Eitelkeit. Vielleicht wie bei Kain, der nicht ertragen wollte, dass bei seinem Bruder was besser war. Er war doch der Ältere! Er hieß doch Kain, auf Deutsch etwa „Gewinn, Errungenschaft“ und nicht Abel, „Hauch, flüchtig, vergänglich“ wie sein kleiner Bruder! Gekränkte Eitelkeit. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie lebensnah, wie ehrlich, wie aktuell die Grunderzählungen über Gott und uns Menschen in der Bibel bis heute sind.
Natürlich führt gekränkte Eitelkeit nicht immer zum Mord. Ich bin selbst Bruder einer jüngeren Schwester und ich war zwar in meinem Stolz verletzt, dass ausgerechnet meine kleine Schwester beim Fußball vor mir gewählt wurde, dass sie zur Konfirmation mehr Geschenke bekam – aber meine Schwester lebt noch.

Freitag, 17. August 2012

Ich bin kein guter Christ - 11. Sonntag n. Trinitatis, 19.08.2012, Reihe IV

Text: Galater 2,16-21 (Zürcher)

Liebe Gemeinde!
„Wissen sie, Herr Kling-Böhm, ich bin kein guter Christ!“ – Immer wieder erzählen mir Menschen so etwas. Manche alten Menschen, die ich zu Geburtstagen oder im Altersheim besuche genauso wie manche jungen Eltern, von denen ich ein Kind taufen soll oder Paare, die heiraten möchten. Manchmal auch Konfirmanden oder Schülerinnen und Schüler. Unterschiedliches steck mit in der Aussage: „Ich finde es schön, dass sie mich besuchen, mir zum Geburtstag gratulieren, aber machen sie sich keine Hoffnung, dass ich deshalb jetzt immer in den Gottesdienst komme. Ich bin kein guter Christ, viel zu vieles in meinem Leben macht es mir schwer, einfach so an Gott zu glauben.“ „Wir finden es wichtig, dass unser Kind von Gott angenommen ist, aber wir leben ehrlich gesagt nicht so wie gute Christen leben sollten.“ „Das Standesamt allein ist uns zu wenig, aber wir haben in letzter Zeit nichts mit der Kirche zu tun gehabt!“ „Ich finde es zwar ganz okay, dass es Reli gibt und ich will konfirmiert werden, aber ich will auch meinen Spaß haben!“ Manchmal bekomme ich das so gesagt. Und wenn ich dann mal nachfrage, was  denn nach ihrer Meinung ein guter Christ wäre, dann bekomme ich  zu hören: „Ein guter Christ geht sehr regelmäßig in die Kirche. Ein guter Christ kennt sich richtig in der Bibel aus. Ein guter Christ hält sich an die 10 Gebote. Ein guter Christ zweifelt nicht, trinkt nicht, raucht nicht und ist im Wesentlichen ein asexuelles Wesen – außer zur Fortpflanzung. Ein guter Christ kennt viele Regeln und Gebote und hält sich an die.“ Ein ganz schön strammes Programm. Aber eines, das man klar nachvollziehen kann und nach dem man Menschen einteilen kann: gute Christen – schlechte Christen – gar keine Christen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir Menschen das ganz dringend brauchen: die Möglichkeit uns und damit auch andere in Kästchen einzuteilen. In drinnen und draußen, in die, die dazugehören und okay sind und die, die Außenseiter und nicht so toll sind. Funktioniert nicht nur bei der Einteilung in gute und schlechte Christen, sondern auch in gute und schlechte Eltern – „Oh, das Kind kriegt kein Bio-Gemüse? – Dann können die Eltern aber nicht so toll sein!“ In gute und schlechte Ehen, in drinnen und draußen bei vielen unterschiedlichen Gruppen und Grüppchen. Ein guter Christ macht, gute Eltern machen, ein guter Lehrer macht,  eine gute Ehefrau macht, ein guter Punker macht, ein guter Skater macht, ein cooler Zocker macht und so weiter und so weiter. Wir sehen von außen, an welche Regeln sich jemand scheinbar hält und teilen ein und urteilen.
Vielleicht können wir nicht anders. Vielleicht lohnt es sich aber öfter mal, einen anderen Ansatz zu probieren. Das ist keine Frage der heutigen Zeit, sondern das ist etwas, was wahrscheinlich schon immer in Menschen drin ist, seit wir denken können und uns in Beziehungen zusammenfinden. Drinnen und draußen, gut und schlecht. Und deshalb beschäftigt sich zum Beispiel auch Paulus in der Bibel, in seinen Briefen, mit solchen Fragen. In seinem Brief an die Galater, das sind die Christen, die in der Mitte der heutigen Türkei leben, da nimmt er Stellung zu der Frage, ob das Einhalten von Regeln und Gesetzen einen Menschen zu einem guten Christen machen. Petrus und ein paar andere haben nämlich Wert darauf gelegt, dass nur die wirklich gute Christen sind, die sich auch an die Gesetze des Alten Testaments halten und zusätzlich zum Christsein auch noch Juden werden, wenn sie es nicht schon längst waren. Petrus ging soweit, dass er dann nicht mal mehr mit denen gegessen hat, die sich als Christen nicht an die jüdischen Regeln und Gesetze gehalten haben. Paulus, der ja selber ein Jude war, schreibt dann unter anderem dazu:
Lesen: Galater 2,16-21
Zugegeben, das sind heute nicht mehr unsere Probleme. Aber ich glaube, dass wir für das Leben als Christen genauso wie für das Zusammenleben überhaupt eine Menge von Paulus lernen können, unabhängig von dem Glauben, den ein Mensch hat. Es hört sich ja erst einmal sehr merkwürdig an, wenn Paulus schreibt: Gerechtigkeit kommt nicht aus dem Gesetz und wenn sich ein Mensch an das Gesetz hält, dann wird er dadurch nicht gerecht. Paulus meint ja hier erst einmal das Gesetz Gottes, die Gebote aus der Bibel. Was er sagen will ist, glaube ich, nicht: haltet euch nicht an Regeln und macht was ihr wollt. Was er sagen will, ist eher: Du kannst Gott nicht durch

Samstag, 11. August 2012

Alles gut?! - 10. Sonntag n. Tr. (Israelsonntag), 12.08.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 62,6-12
Liebe Gemeinde!


Am Ende wird alles gut! Genau das verspricht hier der Prophet, der Jesaja genannt wird, den Menschen, denen er lange vor unserer Zeit das gesagt hat, was ich eben vorgelesen habe. Die Stadt, die im Krieg zumindest teilweise zerstört wurde, wird wieder aufgebaut. Sie wird so etwas wie der Mittelpunkt der Welt, ein Anziehungspunkt für viele, viele Menschen, die sehen können, wie gut das Leben sein kann. Die Menschen in der Stadt werden in Frieden leben. Es gibt keine Ausbeutung mehr. Jeder wird mit seiner eigenen Arbeit genug zum Leben verdienen. Die Menschen in der Stadt werden erlöst sein. Die Stadt wird ein Vorbild für andere sein, alle werden die Stadt suchen wollen, weil man dort den Frieden mit Gott sehen und spüren kann. Am Ende wird alles gut! Aber wann wird das sein?

Ein Happy-End, das gibt’s ja mittlerweile höchstens noch in Filmen, die an der Grenze zum Kitsch stehen oder in wenigen Büchern. Wenn es im Film überhaupt ein Happy-End gibt, ahnt man doch meistens schon, dass das nur eine Durchgangsstation zu neuen Schwierigkeiten ist, eine kurze Pause, bevor in Teil 2, Teil 3 und Teil 4 neue große und kleine Katastrophen und Unglücke hereinbrechen. Am Ende wir eben nicht alles gut, zumindest nicht auf Dauer. Das lehren uns nicht nur Filme. Auch im wirklich gelebten Leben gibt es nicht für alles ein glückliches Ende. Auch Menschen, die ganz fest auf Gott vertrauen, werden krank, sterben manchmal einsam und mit Schmerzen. Auch Ehen von Menschen, die auf Gott vertrauen, können scheitern und nicht alle, die an Gott glauben, finden einen tollen Beruf oder sind richtig gute Schüler.

Am Ende wird alles gut?! – Da fällt einem mehr als ein Grund ein, vorsichtig zu sein und vielleicht auch zu den-ken: An dem Punkt hat sich der Prophet in der Bibel aber doch so ein bisschen geirrt. Vor allem dann, wenn man sich klar macht, welche Stadt es ist, die der Prophet da beschreibt und von der er so ein schönes Bild in der Zu-kunft entwirft. Es ist eine Stadt, die es heute noch gibt: Jerusalem. Heilige Stadt für Juden, Christen und Musli-me. Und seit Jahrtausenden eine Stadt, die auch für die Zerrissenheit der Menschen steht. Mehrfach wurden die Bewohner vertrieben und mit ihnen sollte der Glauben an Gott aus der Stadt getrieben werden. Im Jahr 70 wurde von den Römern der Tempel zerstört und etwas später wurde Juden verboten, die Stadt überhaupt zu betreten. Auch nach dem Ende der römischen Herrschaft war die Stadt immer wieder umkämpft, Zentrum grausamer Krie-ge, vor allem Muslime und Christen haben sich da durch Gewalt hervorgetan. Und heute? Bestenfalls herrscht in

Donnerstag, 2. August 2012

Vorbilder statt Abziehbilder - 9. Sonntag n. Trinitatis, Reihe IV

Text: Jeremia 1,4-10 (wird im Verlauf der Predigt gelesen)


Brauchen Menschen, brauchen wir Vorbilder? Ich finde, dass sich die Frage nicht so leicht beantworten lässt. In meinem Urlaub vor ein paar Wochen habe ich, passend zu den jetzt stattfindenden olympischen Spielen, zwei interessante Filme gesehen. Der eine berichtete von einem Jungen aus Somalia, dessen Vater vor seinen Augen getötet wurde, als er noch klein war. Als kleines Kind wurde er entführt, als Kindersoldat erlebte er im Grundschulalter unvorstellbare Grausamkeiten. In einem Flüchtlingslager lebte er dann mehrere Jahre als Jugendlicher und wurde schließlich von einer amerikanischen Familie adoptiert. In den USA war er zunächst Außenseiter, aber er lief gern und gut. So gut, dass er vor vier Jahren bei der Eröffnung der olympischen Spiele in Peking die amerikanische Fahne bei der Eröffnungsfeier tragen durfte. Der andere Film berichtete von einer jungen Frau, für deren Figur „dick“ noch eine freundliche Umschreibung war. Aber sie ist unglaublich sportlich, sehr gelenkig, spielt als erste Frau in einer College- Männermannschaft Football, was bei uns in etwa der 2. Fußballbundesliga entspricht, und nimmt für die USA in diesem Jahr als Gewichtheberin an den olympischen Spielen teil. Auf ihre Figur angesprochen, antwortete sie in etwa: „Wenn andere denken, ich wäre deshalb behindert oder blöd, sollen sie erst mal das leisten, was ich kann.“ Ich denke schon, dass die beiden auf ihre unterschiedliche Art Vorbilder sein können. Nicht, weil jeder sportlich sein und an olympischen Spielen teilnehmen muss, sondern weil sie etwas anderes zeigen. Der junge Mann könnte andere inspirieren, die als Kinder ebenfalls sehr Schlimmes erlebt haben, die Hoffnung zu behalten, dass nicht das ganze Leben zerstört sein muss und dass man einen Weg finden kann. Die junge Frau könnte Menschen inspirieren, deren Aussehen ebenfalls nicht den Maßstäben der Werbung, von Filmen und Modeindustrie genügt, jenseits aller Vorurteile und Verurteilungen einen eigenen Weg zu finden.
Wenn Vorbilder dazu inspirieren, eigene Wege zu gehen, dann ist das was Gutes. Wenn Vorbilder aber dazu führen, das Eigene zu vergessen und man nur noch so werden will wie sie, dann werden sie zu Idolen, Götzen, nehmen gefangen, lenken von den eigenen Möglichkeiten ab – und das ist nicht gut.
Wenn jemand aber sagt:“ Ich bin ich, ich brauche keine Vorbilder“ – dann ist das auch nicht unbedingt gut. Denn „Ich bin ich“ ist zwar an sich richtig, kann aber zwei Gefahren haben: einmal die bequeme Variante: „Ich bin halt so, ich kann und will mich nicht ändern und will auch aus meinen Fehlern nicht lernen“. Zum anderen aber auch die Variante: „Ich bin ich, ich interessiere mich nicht für die anderen, ich schau nicht nach rechts und links, zieh mein Ding durch, notfalls mit dem Kopf durch die Wand!“ Rücksichtsloser Egoismus – genauso gefährlich wie totale Bequemlichkeit oder blindes Folgen und Aufgeben der eigenen Persönlichkeit. Inspiration für den eigenen Weg, das ist etwas richtig Gutes. Ziemlich langer Vorspann, ich weiß. Aber ich  möchte heute mit Euch und Ihnen über den Predigttext mal unter der Überschrift „Vorbilder“ nachdenken. Der Predigttext steht im Buch Jeremia im 1. Kapitel und erzählt, wie Jeremia überhaupt Prophet wurde.
Lesen: Jer 1,4-10
Ist Jeremia ein Vorbild für Menschen, die den Glauben an Gott leben? Warum sollten wir uns im Jahr 2012 sonst mit einem Mann beschäftigen, der ungefähr 600 Jahre vor Christus gelebt hat? Jeremia ist einer, der Gottes Wahrheit den Menschen in seinem Land sagt. Und, so erzählt es ja hier der Anfang, er kann sich auch ziemlich sicher sein, dass das, was er sagt, nichts ist, was er sich ausgedacht hat, sondern wirklich von Gott kommt. Gott sucht sich einen Menschen dafür aus, der von sich sagt „Ich bin zu jung!“ Das muss sich nicht unbedingt nur auf das Lebensalter beziehen. Mitgemeint war auch: ich bin nicht besonders gebildet. Ich komme nicht aus einer Familie, die besonders angesehen ist. Ich bin nicht besonders reich und habe wenig Einfluss auf andere. So einen sucht Gott sich aus. Er soll die Wahrheit sagen, die meistens ziemlich unbequem ist.  Ihm wird versprochen, dass Gott wirklich bei ihm ist und dass diese Wahrheit -  und deshalb auch Jeremia - letztlich mächtiger ist als alle Königreiche und Staaten. Jeremia hat die Wahrheit Gottes gesagt, auch die unbequeme. Und er hat erlebt, dass diese Wahrheit ziemlich einsam machen kann, dass ihm nur wenige glaubten und zuhören wollten, dass bis auf wenige Ausnahmen Freunde sich abwandten. Er hat an seinem Auftrag, an der Wahrheit gelitten, aber er hat Gott und die Wahrheit nicht verraten. Was am Ende aus ihm geworden ist, wissen wir nicht. Seine Geschichte endet im Dunkel der Zeit.
Jeremia, ein Vorbild? Ein Vorbild für Christen in Marburg 2012?

Freitag, 29. Juni 2012

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen! - 4. Sonntag n. Tr., 1.7.2012, Reihe IV

Text: 1. Petrus 3,8-17 (Übersetzung: Zürcher Bibel)
Die Überschrift ist ein Zitat von Curse aus dem Lied "Freiheit"

Liebe Gemeinde!


Es ist wieder mal Ferienzeit. Viele werden sich aufmachen, in andere Städte, Länder, an Meere und in die Berge fahren und manche werden ein Gefühl erleben, dass sich kaum beschreiben lässt: die Luft, die man einatmet, scheint ganz anders zu riechen, ganz anders zu schmecken, wenn man sie einatmet. Ein Gefühl von Freiheit, Sorglosigkeit, Erholung, klarer, würziger Luft – am liebsten möchte man gar nicht mehr ausatmen, sondern die Luft tief in sich verschließen, mit nach Hause nehmen. Natürlich ist das biologischer Unsinn. Das funktioniert nicht. Man würde eingehen, sterben, wenn man nicht mehr ausatmet, wenn man nur noch einatmet. Biologischer Unsinn, wie gesagt. Aber vom Gefühl her kennen das, denke ich, einige ganz gut: das Gute und Schöne, das ich erlebe, das mir geschenkt wird, in sich aufsaugen, einatmen und nicht mehr hergeben zu wollen. Aber ich glaube, dass hier das Gleiche wie für das Atmen gilt: Wer nicht wieder ausatmet, stirbt. Wer das Schöne, das er erfährt, festhalten will, wer das Gute, dass ihm geschenkt wird, nur für sich selbst behalten will, stirbt vielleicht nicht biologisch, aber die Seele stirbt.

Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen! Am letzten Mittwoch habe ich diesen Satz, der leider nicht von mir stammt, zum ersten Mal gehört. Kurz zuvor hatte ich mir den Predigttext für heute zum ersten Mal angeschaut – und ich fand sofort, dass dieser Satz auf den Punkt bringt, was da in der Bibel gesagt wird. Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen! Und was für Freiheit gilt, gilt meiner Meinung nach für Glauben, für Hoffnung und für Liebe ganz genauso. Ich kann das nicht eingrenzen, nicht für mich behalten wollen – dann wird es sinnlos, wertlos, stirbt. Ich muss es ausatmen, weitergeben, weiterschenken. Als Christ zu leben heißt, auszuatmen. Ein Satz aus dem Predigttext, der das für mich auf den Punkt bringt, ist der: Vergeltet nicht Böses mit Bösem, nicht üble Nachrede mit übler Nachrede. Im Gegenteil: Segnet, denn ihr seid dazu berufen, Segen zu erben. Segnen, das Gute, das Gott uns schenkt, weiterzugeben, das ist unsere Aufgabe. Nicht aufzurechnen, zu vergelten, und Bösen Böses zu tun. Segen weiterschenken. Das ist es. Vielleicht bin ich davon auch im Moment so begeistert, weil ich ein für mich unvergessliches Erlebnis damit vor ein paar Tagen hatte. Als ich mit meiner 10. Klasse über den Verabschiedungsgottesdienst für die Absolventen der Richtsberggesamtschule und seine Gestaltung gesprochen habe, hat eine Schülerin, von der ich das überhaupt nicht erwartet habe, weil sie sich in den vier Jahren, die wir uns durch den Reliunterricht kannten, immer kritisch zum Glauben geäußert hat, gesagt: „Ich will da von ihnen gesegnet werden!“ Meine Antwort war „Klar, gern! Aber dann möchte ich auch von dir gesegnet werden!“ „Das kann ich doch gar nicht“

Sonntag, 24. Juni 2012

Trösten - Johannistag (3.n.Tr.), 24.06.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 40,1-8
Liebe Gemeinde!


Wie viel Trost werden wohl in den nächsten Tagen Schülerinnen und Schüler brauchen? Es gibt mal wieder Zeugnisse. Und da bekommt man es schwarz auf weiß: gut in Mathe! Oder eben vielleicht doch nur ausreichend oder sogar mangelhaft. Sehr gut in Deutsch oder doch nur gerade so ausreichend oder sogar ungenügend. Du darfst weitermachen oder du wirst nicht versetzt, du genügst den Ansprüchen nicht. Und dann mache ich gerade bei den Schülern im 9. und 10. Schuljahr, die schon an Bewerbungen oder einen Schulwechsel denken müssen, die Erfahrung, dass sie unbedingt wissen wollen, wie ich ihr Arbeits- und Sozialverhalten beurteile, die Kopfnoten. Gut, sehr gut – oder doch nur ausreichend oder mangelhaft? Welcher Betrieb wird einen schon in eine Ausbildung über-nehmen, wenn einem bescheinigt wird, dass das Arbeitsver-halten gerade mal ausreichend war oder das Sozialverhalten nicht gut ist? Und dann kommt bei manchen noch das Gefühl dazu, ungerecht beurteilt worden zu sein. Nur weil man Widerworte gegeben hat, wird man schlechter beurteilt. Nur weil man MAAAAAAAAL die Hausaufgaben nicht hatte, bekommt man schlechtere Noten. Ob gerecht oder ungerecht: Manchmal braucht man sicher ganz schön viel Trost, wenn einem ein Zeugnis gegeben wird. Und wieviel Trost werden manche Eltern in diesen Tagen brauchen? Eltern, die Pläne und Hoffnungen für ihre Kinder und mit ihnen hatten, die merken, wie die Kinder leiden und nicht richtig wissen, wie sie ihnen helfen sollen. Eltern, die vielleicht auch merken: meinen Kindern scheint das völlig egal zu sein. Die machen sich nichts aus den Noten, denen ist ihre Zukunft egal, Hauptsache Spaß, was sollen wir da noch machen? Eltern, die sich schuldig fühlen, weil sie ratlos sind? Wie viel Trost wird nötig sein in der nächsten Zeit? Für Kinder und Eltern, für manche von uns in vielleicht ganz anderen Situationen, in denen wir merken: unser Leben würde als Note nicht gerade eine „1“ kriegen. Weil wir selber Sachen falsch gemacht haben, weil wir merken, dass unser Glauben, unsere Hoffnung, unsere Liebe an deutliche Grenzen gestoßen sind, weil uns das Leben mit seiner Härte eingeholt hat und Krankheit oder Tod, Arbeitslosigkeit oder Geldmangel einfach schwer zu ertragen sind?

„Tröstet, tröstet mein Volk“ – der Anfang von dem Predigt-text für heute scheint genau so gemacht worden zu sein, dass er in diese Zeugnistage hinein passt. Natürlich ist er das nicht. Die ersten, die das gehört haben, waren keine traurigen Schüler oder verzweifelten Eltern. Aber es waren Menschen, die merkten: das Zeugnis über mein Leben fällt eigentlich nicht besonders aus – und vielleicht hat das auch was mit mir zu tun und vielleicht hat das auch was damit zu tun, dass Gott eigentlich gute Wege zeigen wollte, die wir als Menschen nicht gegangen sind. Die Menschen, die als erste diese Trostbotschaft hörten, waren Menschen aus Israel, die vor gut 2500 Jahren nach einem verlorenen Krieg aus ihrer Heimat vertreiben wurden und sich im Land des Siegers, ungefähr im heutigen Irak neu ansiedeln mussten. Es ging ihnen nicht furchtbar schlecht, man darf sich das nicht als eine Art KZ vorstellen.

Sonntag, 17. Juni 2012

Ziel: Liebe! - 2. Sonntag nach Trinitatis, 17.06.202, Reihe IV

Text: 1. Korinther 14,1-5+23-26 (NGÜ)
Liebe Gemeinde!


Menschen werfen vor Begeisterung die Arme in die Luft, rufen unverständliches Zeug, sind total aus dem Häuschen. Wer nichts damit zu tun hat glaubt, in einen Haufen Irrer geraten zu sein. Als ich selber ein paar Jährchen jünger war, möchte ich nicht wissen, was Leute gedacht haben, die mich bei einem Open-Air-Konzert gesehen haben, heute kann sowas vielleicht mal in Frankfurt im Waldstadion passieren. Und vielleicht passiert das ja mir oder anderen heute Abend um 22.30 Uhr hoffentlich, nach einem Sieg von Deutschland gegen Dänemark oder in 14 Tagen nach einem 4:3 nach Verlängerung im Endspiel der EM für Deutschland gegen Holland, die vorher die Spanier rausgeworfen haben. Begeisterung treibt Menschen dazu, manchmal nach außen ziemlich merkwürdige Dinge zu tun. Bei uns bringt man das mit Konzerten oder Sport in Verbindung, eigentlich nicht mit Kirche. In der Kirche flippt keiner begeistert aus. In Deutschland zumindest eher nicht. In anderen Kirchen, in Nord- und Südamerika oder in Afrika, findet man das öfter mal. Und vielleicht hat der eine oder die andere hier das schon mal persönlich erlebt oder zumindest im Fernsehen gesehen. Bilder von Menschen in Gottesdiensten, die begeistert die Hände nach oben reißen, die anfangen zu tanzen zu rufen, keine richtigen Sätze, sondern die so begeistert sind, dass es keine richtigen Worte für das gibt, was Gottes Geist in ihnen und durch sie macht. Ich glaube, hier im Got-tesdienst wären die allermeisten ziemlich verwundert, wenn jemand anfangen würde, so zu beten.

Das ist eigentlich nichts anderes als die „von Gott einge-gebene Sprache“, von der Paulus redet, wörtlich schreibt er vom „Reden in Zungen“. Manche finden es schade, dass es das bei uns so selten gibt. Andere sind sicher ganz froh. Vom Glauben an Gott begeistert zu sein, ist etwas ganz tolles. Und ich bin froh, dass viele Menschen auf so unterschiedliche Art hier bei uns begeistert sind. Ich denke an

Freitag, 25. Mai 2012

Ihr seid nicht normal! - Pfingstsonntag, 27.05.2012, Reihe IV

Text: 1. Korinther 2,10-16

Liebe Gemeinde!


Sie sind nicht normal! Erwachsene, die an Gott glauben, die in Gottesdiensten, in Liedern, Lesungen und Predigten ihren Glauben stärken und sich vergewissern wollen – nicht normal! Jugendliche, die nach Gott fragen, die nach der Bedeutung von Jesus für ihr Leben fragen, die im Glauben an Jesus einen Gewinn für ihr Leben sehen – nicht normal! Klar, das Wort „normal“ ist schwierig. Was ist schon „normal“? Wir leben in einer Zeit, in der sehr viel möglich ist. Gott sei Dank wird niemandem in Deutschland mehr vorgeschrieben, was er zu glauben und welcher Kirche oder Religion er anzugehören hat. Ob ich in die Kirche gehe oder nicht, ob ich heirate oder nicht, Männer oder Frauen liebe, die Haare bunt färbe oder gern Anzüge trage – so ziemlich alles wird akzeptiert. Aber nicht alles ist normal. Vor allem nicht, an Gott so zu glauben, dass ich von ihm sagen kann: er hat sich wirklich in Jesus gezeigt. An eine höhere Kraft zu glauben, die irgendwo da ist und das Leben nicht weiter stört, das ist normal. Aber daran zu glauben, dass Gott sich in einem lebendigen Menschen offenbart hat, dass er sich den Außenseitern zugewandt hat, dass er gelitten hat, gestorben ist, den Tod besiegt hat, dass der Glaube an Gott auch im Alltag Konsequenzen hat, das ist nicht normal. Das stört. Wie gewaltig der Glauben an Gott stört, das haben mir in der letzten Woche zwei ganz unterschiedliche Ereignisse gezeigt. Einmal ist da eine Auseinandersetzung in Kassel. Eine katholische Kirche zeigt in einer Ausstellung eine menschliche Figur im Kirchturm, gut sichtbar in der Nähe der Weltkunstaustellung „documenta“, die demnächst eröff-net wird. Die Leiterin der documenta hat sich darüber beschwert. Sie fühle sich von der Figur bedroht, die Kir-che solle sich doch auf das zurückziehen, was sie könne, und das sei eben nicht Kunst. Was Kunst sei, sei auf ihrer documenta zu sehen. Außer der Arroganz und Intoleranz der Leiterin einer solchen Ausstellung wundert mich auch, dass es keine öffentlichen Proteste gegen diese Intoleranz gibt. Scheinbar ist es tatsächlich normal, dass der Glauben an Jesus Christus irgendwo an den Rand gehört, vielleicht geduldet beim Abschied aus dem Leben, aber auch dort bitte so, dass er nicht zu sehr stört, Kreuze in Friedhofshallen sind nicht mehr überall selbstverständlich oder gern gesehen.

Das andere Ereignis war ein Gespräch mit einer Vier-zehnjährigen. Sie erzählte mir von einer heftigen Diskus-sion im Kunstunterricht ihrer Klasse, in der es darum ging, ob und wie Gott dargestellt werden dürfe. Als sie in der Diskussion auch sagte, dass ihr der Glauben an Gott etwas bedeutet und sie es nicht richtig findet, dass er in manchen Serien im Fernsehen bösartig veralbert wird, sagten manche dann sehr abfällig: „Na, dann geh doch halt in die Kirche und lass uns in Ruhe“.

Nein, es ist wirklich nicht normal, an Gott zu glauben. Es ist nicht normal, darauf zu vertrauen, dass Gott da ist, auch wenn viele schlimme Dinge in der Welt und manchmal ja auch im eigenen Leben passieren. In einer Welt, in der „Opfer“ ein echtes Schimpfwort ist, ist es nicht normal, daran zu glauben, dass sich Gott ausgerechnet in einem Opfer zeigt und auf der Seite der Opfer steht. Es ist nicht normal, Liebe auch denen zu zeigen, die ganz anders sind, als ich es gern hätte. Es ist nicht normal, den Wert eines Menschen nicht an seiner Bildung oder seinem Vermögen zu messen, sondern im Menschen einen Wert an sich zu sehen. In jedem Menschen, weil ihm als Menschen die Liebe Gottes gilt.

Sonntag, 20. Mai 2012

Der Bund fürs Leben - Exaudi, 20.05.2012, Reihe IV

Text: Jeremia 31,31-34

Liebe Gemeinde!


Der Bund für’s Leben! Eine tolle Sache, wenn es klappt. In diesem Jahr werde ich als Pfarrer so viele kirchliche Trauungen begleiten dürfen, Paare für ihren gemeinsamen Weg segnen dürfen wie schon lange nicht mehr. Und jedes dieser Paare möchte mit vollem Ernst und aus voller Überzeugung von mir gefragt werden: Willst du den Menschen, den Gott dir anvertraut, lieben und ehren und die Ehe mit ihm nach Gottes Gebot und Verheißung führen in guten und in bösen Tagen, bis dass der Tod euch scheidet? Und ich habe schon lange niemanden mehr erlebt, der irgendwie verschämt ein undeutliches „Ja“ genuschelt hätte, sondern meistens höre ich ein kräftiges und deutliches „Ja, mit Gottes Hilfe!“ Die Gottesdienstordnungen unserer Kirche geben auch die Möglichkeit, die Frage anders zu formulieren und auf das „bis das der Tod euch scheidet“ zu verzichten. Statistisch gesehen wird es bei etwa einem Drittel der Paare sicher nicht der Tod sein, der die beiden scheidet, sondern ein weltliches Gericht. Und auch Pfarrer, Kirchenmitarbeiter und wirklich ganz fromme Christen sind nicht immun dagegen, dass aus dem Bund für’s Leben am Ende nur ein Bund auf Zeit wird. Und trotzdem ist es für die allermeisten Jugendlichen, mit denen ich rede, am Ende ein Ziel, jemanden zu finden, mit 20 vielleicht oder mit 25, mit dem man wirklich den ganzen Rest des Lebens teilen will. Und trotz ernüchternder Statistik schließen immer noch, und vielleicht sogar im Moment wieder mehr, Paare den Bund für’s Leben nicht nur auf dem Standesamt, sondern ausdrücklich auch mit dem Versprechen „vor Gott und seiner Gemeinde“, wie es in der Vorrede zu der entscheidenden Frag ein unseren Hochzeitsgottesdiensten heißt.

Als Erwachsener weiß man, und als Kind hat man es manchmal miterleben müssen, dass so ein Bund aber bei allem guten Willen nicht unendlich viele Enttäuschungen verträgt. Irgendwann ist Schluss. Vor allem dann, wenn nicht nur einmal das Vertrauen missbraucht und die Treue gebrochen wurde. Und manchmal ist es für mich auch ein Zeichen christlicher Nächstenliebe, einer Frau Mut zu machen, sich von einem Mann zu trennen, der sie schlägt, der das Geld verzockt und der ihren guten Willen durch permanente Demütigung, Unterdrückung und Untreue missbraucht.

Wie viel Untreue, wie viel Verrat verträgt ein so ein Bund? Wenn wir uns unsere menschlichen Bünde, nicht nur die für’s Leben, auch die Freundschaftsbünde, die Geschäftsbünde oder die Verbindung in einer Kirchen-gemeinde anschauen, dann mag das zwar im Einzelnen unterschiedlich sein, aber im Ganzen muss man feststel-len: diese Zahl ist äußerst endlich. Irgendwann ist dann Schluss.

Und dann? Rache? Selbstvorwürfe? Depression? Freunde bleiben ist jedenfalls in den allermeisten Fällen eine bloße Illusion, da macht man sich was vor.

Erfahrungen aus dem ganz normalen Leben. irgendwann kann man doch nicht mehr richtig lieben. Und irgendwann fangen Menschen an, die Vorstellungen, die sie ha-ben, auf Gott zu übertragen. Das muss doch einer sein, der irgendwann mal genug von der Untreue der Menschen hat. Wir Menschen kriegen soft genug so viele Chancen, Gutes zu tun, zu lieben und einfach nur so zu leben, wie wir eigentlich ja wissen, dass es richtig wäre – und wir schaffen es immer wieder nicht. Und Gott sollte doch endlich mal dazwischenhauen und Ernst machen.

Donnerstag, 5. April 2012

Endlose Liebe .Ostersonntag, 08.04.2012, Reihe IV

Text: 1. Samuel 2,1-2.6-8
Liebe Gemeinde!


Es gibt, Gott sei Dank, viele Gründe, die Menschen dazu bringen, von Herzen dankbar zu sein und richtig große, schöne, ansteckende Worte der Freude und Dankbarkeit zu finden. Es kann sein, dass ein Mensch in der Schule nicht ernst genommen wurde. „Du bist dumm, mit dir kann man nichts anfangen!“ – das haben nicht nur manche Lehrerinnen und Lehrer, das haben auch Mitschüler ihm immer wieder gezeigt. Und dann – ein Praktikum, in dem dieser Mensch merkt: Ich kann etwas, das gebraucht wird. Menschen interessieren sich für ihn und seine Fähigkeiten. Anders als bei anderen, die ihn vorher klein gemacht haben, klappt es doch mit einem Ausbildungsplatz und einem Beruf, der Zufriedenheit verspricht. Oder ein Mensch hat das Gefühl, nie jemanden abzukriegen. Alle anderen um einen herum haben feste Beziehungen. „So, wie du rumläufst, so, wie du dich anziehst oder schminkst oder dich gibst, wird das nie etwas!“ Das ist das, was, laut oder leise, transportiert wird. Und dann kommt DER Mensch, der alles verän-dert. Liebe ist da, und das nicht nur einseitig, sondern gegenseitig. Es gibt, Gott sei Dank, viele Gründe, die Menschen dazu bringen, von Herzen dankbar zu sein und diese Dankbarkeit auch laut werden zu lassen. Die Erfahrung, krank zu sein und wieder geheilt zu werden. Oder die Erfahrung, von anderen wegen etwas für minderwertig gehalten zu werden – und dann dreht sich das Leben und sehnsüchtige Wünsche werden erfüllt. So erging es Hanna, von der die Bibel erzählt, dass sie lange keine Kinder bekommen konnte. Eine andere Frau gab ihr das Gefühl, deshalb minderwertig zu sein. Hanna klagt Gott ihr Schicksal. Und dann wird sie schwanger. Niemand schaut mehr auf sie herab. Sie wird aufgerichtet, ihr Leben hat wieder Halt und Tiefe. Es gibt viele Gründe, dankbar zu sein. Hannas Grund ist einer davon. Und es ist kein Wunder, dass sie Gott überschwänglich dankt. Sie hat das Gefühl, tot gewesen zu sein, lebendig tot. Man atmet, man funktioniert, aber man lebt nicht. Und dann kehrt das Leben zurück, die Freude und auch die Erfahrung, dass Gott die, die sich für etwas besseres halten und die andere wegen ihrer scheinbaren Fehler klein machen und für minderwertig oder dumm halten, am Ende eben nicht siegen lässt, sondern dass am Ende die, die sich dem Tod nahe gefühlt haben, mit Gottes Hilfe wirklich stark und Sieger sein werden.

Auferstehung mitten im Leben – so kann man diese Erfahrung vielleicht nennen.

Mittwoch, 4. April 2012

Opfer! Karfreitag, 06.04.2012, Reihe IV

Text: Hebräer 9,15.26b-28 (Neue Genfer Übersetzung)

Liebe Gemeinde!


Die Welt ist voll von Opfern, so kommt es mir manchmal vor. Da fordert der Straßenverkehr seine Ofer, wie es manchmal in Nachrichten heißt. Da fordert die wirtschaftliche Logik, das Betriebe Gewinn machen müssen, im Zweifel Opfer der Belegschaft, wie die Bereitschaft, ohne Lohnausgleich Überstunden zu machen. Und da gibt es Opfer wie Lena aus Emden, von einem jungen Mann vergewaltigt und ermordet. Opfer eines perversen jungen Mannes? Opfer eines Kranken, der doch nur seine krankhaften Triebe nicht im Zaum hatte? Opfer einer Entwicklung in den Medien, in der jede Form der Sexualität für jeden bildlich greifbar ist und Opfer einer Gesellschaft, die es immer mehr als richtig und normal ansieht, das Sex und Liebe getrennt voneinander werden? Opfer, so haben es die Meldungen der letzten Tage nahegelegt, vielleicht einer gedankenlosen und unaufmerksamen Polizei? Und dann ist da der junge Mann, der fälschlicherweise verdächtigt wurde und der beinahe gelyncht worden wäre. Opfer der neuen Möglichkeiten des Internet? Opfer einer hysterischen Gesellschaft, die nicht nach Tatsachen fragt, sondern die sich mit Gerüchten zufrieden gibt? Opfer von Rattenfängern, besonders aus der Nazi-Szene, die mit den Ängsten der Menschen spielt und aus der Angst Profit für die eigene, menschenverachtende Politik schlagen will?

Und da gibt es Menschen wie die mittlerweile verstorbene Frau, die mir kurz vor ihrem Tod erzählt hat, dass sie auf der Flucht aus Ostpreußen in den Westen bei Kriegsende vergewaltigt wurde. Die gesehen hat, dass die Soldaten es eigentlich auf ihre beiden Töchter abgesehen hatten, die sich aber dann, wie sie sagte, für ihre Kinder opferte, damit diese ungeschoren davonkommen.

Wenn wir von Opfern reden, dann schwingt ganz viel mit. Manchmal Mitleid mit den Menschen, die Unrecht erleiden mussten. Manchmal Zorn auf die Täter. Manchmal einfach nur der hilflose Versuch, ein Unglück oder ein Verbrechen oder ein negatives Erlebnis irgendwie in Worte zu fassen. Und manchmal auch Unverständnis oder Zorn für den und auf den, der leiden musste, weil er oder sie sich nicht gewehrt hat.

Und wie ist das heute, am Karfreitag, wenn wir wieder einmal hören, dass Christus sich selbst opferte, ein Opfer für die Sünden? Ist das etwas, was uns überhaupt noch berührt? Oder sind wir angesichts der vielen, vielen Opfer, die wir persönlich kennen, die vielleicht mancher von uns auch selbst gebracht hat, die uns durch alle möglichen Medien vermittelt werden, etwas, das wir gar nicht mehr hören wollen oder hören können? Oder sind vielleicht die im Recht die sagen: „Was ist das denn für ein merkwürdiger, vielleicht sogar perverser Gott, der Opfer will und fordert? Ist das nicht eine Verhöhnung der wahren Opfer unserer Zeit?

Wir sind viele! -Gründonnerstag, 05.04.2012, Reihe IV

Text: 1. Korinther 10,16-17
Liebe Gemeinde!


Ein idealer Abend, um miteinander zu feiern. Für mich zumindest. Nicht, weil wir hier in der Kirche heute besonders viele wären oder weil der Gottesdienst schöner als so viele andere ist. Sondern weil heute Abend auf der ganzen Welt in Gottesdiensten Abendmahl gefeiert wird. In Erinnerung daran, dass Jesus am Abend vor seinem Tod mit seinen Jüngern das Passahfest gefeiert hat. Ein Dankessen als Erinnerung daran, dass Gott sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Gott befreit. Ein schöner Anlass, zu feiern. Und an diesem Abend vor seinem gewaltsamen Tod, bei diesem bis heute für die Menschen jüdischen Glaubens so wichtigen Fest hat Jesus den Kelch mit Wein, aus dem gemeinsam getrunken wird, und das Brot, das geteilt wird, neu gedeutet: als Zeichen seiner lebendigen Gegenwart über seinen gewaltsamen Tod hinaus. Auch wenn heute vielleicht weniger Menschen in der Thomaskirche mitfeiern als an einem durchschnittlichen Sonntagmorgen: für mich ein idealer Abend, um zu feiern.

Mir wird an diesem Abend noch einmal ganz deutlich, dass unser Glauben uns in eine Geschichte stellt. Der Glauben an Gott, der Menschen befreit und der sich in Jesus zu erkennen gegeben hat, ist mehr als ein persönliches Ergriffensein, das unabhängig von mir belanglos wäre.

Freitag, 16. März 2012

Achtundzwanzig Tote bei Busunfall - Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn?, Lätare, 18.03.2012, Reihe IV

Text: Philipper 1,15-21


Liebe Gemeinde!

Ungeheuerlich war die Meldung, die am Dienstag in den Nachrichten kam und auch an den folgenden Tagen der vergangenen Woche in den Schlagzeilen war. Zweiundzwanzig Schülerinnen und Schüler und sechs Erwachsene starben bei einem Busunfall in der Schweiz auf der Heimfahrt von einer Skifreizeit. Zweiundzwanzig Leben, die gerade erst begonnen hatten, die selbst noch so viele Pläne und Hoffnungen hatten, die von den Eltern, Geschwistern und Freunden mit so vielen Hoffnungen begleitet wurden einfach ausgelöscht. Und sechs weiter Leben, die allesamt sicher auch noch einiges an Hoffnungen, Liebe und Erwartungen hatten, die in Beziehung zu vielen anderen waren, auch. Zu Recht sind in den Druckausgaben der Lutherbibel manche Verse und Sätze fett gedruckt. Weil sie wichtig sind. Weil sie im Ge-dächtnis hängen bleiben. Auch im Predigttext, den ich eben vorgelesen habe, ist ein Satz fett gedruckt. Welcher das wohl ist, da muss man, glaube ich, gar nicht lang überlegen. „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“ Sterben als Gewinn? Zu Recht würden mir wahrscheinlich, hoffentlich hätten sie noch die Kraft dazu, die Eltern der tödlich verunglückten Kinder, die Kinder der tödlich verunglückten Lehrer und Busfahrer die Bibel um die Ohren hauen, wenn ich ihnen das vorlesen würde.

„Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn“ – wie zynisch hört sich das an, wenn man diesen Vers Menschen vorliest, die mit den unaussprechlichen und unvorstellbaren Schrecken des Todes konfrontiert sind. dieser Satz lässt sich leicht so hören: „Das Leben in der Welt ist nichts wert, gib es weg, es gibt viel Besseres!“ Der Satz lässt sich leicht missbrauchen. Von Fanatikern. Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn - das kann zur gleichen Logik pervertiert werden, wie sie Selbstmordattentäter und andere Fanatiker haben. Es lohnt sich, sein Leben für etwas wegzuwerfen, weil am Ende eine Belohnung wartet. Ganz leicht lässt sich dieser eine Satz, der fett gedruckt ist, missbrauchen und missverstehen. als eine zynische Vertröstung, wenn man Schmerz nicht mit aushalten und mit teilen will. als eine zynische Geringschätzung des Lebens als Geschenk Gottes.

Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. Ich h-be diesen Satz aber auch ganz anders erlebt. Als einen Trost für einen Schwerkranken, dessen Körper von Krebs zerfressen war, dessen Leben von Schmerzen gezeichnet war und der darauf wartete, dass die Schmerzen endlich ein Ende finden. Als eine Hoffnung einer alt gewordenen Dame, die einfach nur das Gefühl hatte, dass sie ihr Leben hier in dieser Welt gelebt hatte und die sich in ihrem Leben sicher war, dass Gott auch jenseits des Lebens, das sie kannte, mit seiner Liebe für sie da sein wird.

Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. Ich kann von niemandem verlangen, dass er diesen Satz für gut, wichtig und hilfreich hält. Ich kann ihn anderen nicht als vermeintlichen Trost um die Ohren und Herzen hauen.

Samstag, 10. März 2012

Aller Anfang ist leicht - Okuli, 11.03.2012, Reihe IV

Text: 1. Petrus 1,13-21


Liebe Gemeinde!

Aller Anfang ist leicht! Na gut, vielleicht nicht aller An-fang. Aber ich glaube, es stimmt nicht, wenn man einfach so immer wieder sagt: „Aller Anfang ist schwer!“ Es gibt jede Menge Anfänge, die leicht sind. Da ist am Anfang ganz viel Schwung, ganz viel Lust, Neues zu sehen und zu entdecken. Für mich ist die Schule so ein Beispiel. Ganz, ganz viele Kinder freuen sich auf die Schule. Wenn ich in der Kita bei der Verabschiedung der Großen, in unserer Kita Berliner Str. sind das die „Wackelzähne“, dabei bin oder wenn ich den Gottesdienst für die Schulanfänger halte, dann ist bei den allermeisten Kindern ganz klar: Wir freuen uns auf die Schule und Lernen macht ganz viel Spaß. Im 8. Schuljahr sieht das ein bisschen anders aus. Lernen macht auch Mühe, nachdem es am Anfang oft ziemlich schnell vorwärts geht, stellen sich auch Misserfolge ein, Anderes wird auch wichtig. Der Anfang war leicht, aber das Durch-halten ist gar nicht so einfach. In einer Liebesbeziehung ist das manchmal so ähnlich. Wenn erstmal die erste Verliebtheit verflogen ist, wenn die Macken nach und nach rauskommen, wenn man sich auch öfter mal unausgeschlafen, gereizt und ungeschminkt begegnet ist, dann braucht man Stehvermögen, das manchmal auch Kraft kostet. Und ich denke, dass es im Glauben an Jesus so ähnlich ist. Und auch früher schon so ähnlich war. Der Anfang ist oft gar nicht so schwer. Da begegnet man Menschen, die einen faszinieren, die einem ganz toll von Jesus erzählen und die das auch ganz überzeugend vorleben. da hat man Power und Lust, es selbst mal zu probieren, man merkt, dass es ganz gut klappt. Aber dann kommt der Alltag. Nicht alles, was man sich vom Glauben erhofft hat, trifft sofort ein. Es gibt Rückschläge und man merkt mehr oder weniger schnell, dass auch guten Menschen Böses passiert.

Für so eine ähnliche Situation vor fast 2000 Jahren ist auch der Brief geschrieben, aus dem der Predigttext für heute ist. Es ist der erste Petrusbrief. Ziemlich schnell hat der Glauben an Jesus damals neue Anhänger gefunden. Kein Wunder. Er hat frei gemacht. Zum Beispiel frei davon, die Menschen in Kästchen je nach ihrem Besitz oder ihrer Stellung einzuteilen. Damals gab es viele Sklaven. Die waren in der christlichen Gemeinde genauso viel wert wie Kaufleute oder Landbesitzer. Die Sklaven waren zwar immer noch nicht unbedingt frei, aber sie konnten wissen: die Leute bilden sich was ein, wenn sie glauben, andere Menschen besitzen zu können. Man kann zwar Menschen durch Macht oder Gewalt zu etwas zwingen, aber für Gott sind die Sklaven mindestens so viel wert wie jeder reiche Mensch. Gott sieht nicht auf das, was ein Mensch äußerlich darstellt, sondern was in ihm steckt. Und auch manche reichen Menschen haben gespürt, dass der Glauben an Jesus sie wirklich frei machen will. „Ich muss nicht mehr mit meinem Nachbarn konkurrieren,

Samstag, 3. März 2012

Ich hab keine Lust mehr! - Reminiszere, 04.03.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 5,1-7
Liebe Gemeinde!



Ich hab keine Lust mehr! In jedem Spätwinter werden mühsam Blumen vorgezogen. Die ersten Salatpflänzchen werden aufs Frühbeet vorbereitet und der Garten wird frühjahrsfit gemacht. Und noch ein bisschen mehr als unbedingt nötig. Gepflanzt wird, gegossen, Unkraut und Schädlinge werden bekämpft. Viel Liebe und Mühe wird reingesteckt. Und was kommt dabei raus? Nichts!!! Die blöden Blumen blühen nicht richtig, das Gemüse bleibt mickrig. Es lohnt sich nicht. Soll alles doch verwildern, mir egal. Ich hab keine Lust mehr! Wer ein bisschen Garten hatte oder Garten hat, kennt vielleicht genau diesen Frust. Er ist da, aber relativ harmlos, solange es um Pflanzen und Ernte geht.


Ich hab keine Lust mehr. Jeden Tag neu der Versuch, als Lehrer freundlich zu den Schülern zu sein. Geduld und Verständnis zu haben, wenn sie mal mies drauf sind. Ihnen zu helfen, wenn sie was nicht verstehen. Immer wieder und wieder. Telefonate mit Eltern, Besprechungen mit allen möglichen Leuten, Kontakte aufbauen, um Hilfen für die besonders Schwachen anbieten zu können. Und der Dank: Jeden Tag das gleiche Chaos in der Klasse, Respekt ist ein Fremdwort, Hausaufgaben werden nicht gemacht, Vorstellungsgespräche, die organisiert wurden, gar nicht besucht, jeder macht, was er will. Es reicht. Sollen die doch sehen, wo sie bleiben. Was interessiert mich ihr späterer Arbeitsplatz, was interessiert mich ihre Zukunft. Sollen die doch machen, was sie wollen, ich will meine Ruhe.


Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder decke ich meine Freundin, wenn sie keine Hausaufgaben hat, Schule schwänzt, Liebeskummer hat. Ich helfe ihr immer wieder. Und der Dank? So bald Leute auftauchen, die scheinbar cooler als ich sind, lässt sie mich links liegen, kennt mich nicht mehr, bis sie wieder heulend ankommt. Soll sie doch sehen, wo sie bleibt! Soll sie doch verrecken. Ich hab keine Lust mehr.


Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder habe ich es hin-genommen, dass mein Mann es mit der Treue nicht so genau nimmt. Ja, er liebt mich, er braucht mich, er ver-lässt mich nicht. Sagt er immer wieder. Aber er tut mir weh. Jedes Mal. Und erst recht, wenn er trinkt und sich nicht unter Kontrolle hat. Wenn er mich lächerlich macht und sich lächerlich benimmt. Tausendmal hat er Besse-rung versprochen. Und nichts hat‘s genützt. Ich habe kei-ne Lust mehr!


Wenn’s um MEHR als Pflanzen geht, wenn’s um Men-schen geht, um Liebe, um Zeit und Kraft, die in Bezie-hungen investiert wird, um Enttäuschungen, um Schuld, dann ist dieser Frust alles andere als harmlos.


Ich glaube, dass ganz viele diese Gefühle kennen. Zum Teil als diejenigen, die frustriert und enttäuscht wurden. „Ja, hör auf, du hast genug getan, überlass das alles mal sich selbst, wenn der oder die oder das es nicht anders kann und will, dann ist eben Ende der Fahnenstange! Sollen die doch sehen, wo sie bleiben und kaputtgehen.“ Ein Urteil, dem sich viele, ich oft genug auch, anschließen können. Und wie ist das auf der anderen Seite? Wenn man nicht enttäuscht wurde, sondern enttäuscht hat?