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Samstag, 26. Oktober 2013

YOLO - Du lebst, nur einmal, da kannst du mit Gott gehen - 22. Sonntag n. Tr., 27.10.13, Reihe V



 (Zürcher, im Gottesdienst tlw. eigene Übersetzung, angelehnt an Zürcher)

Liebe Gemeinde!
YOLO. Ich weiß nicht, wie viele Erwachsene wissen, was diese vier Buchstaben Y O L O bedeuten. Fast alle Jugendlichen werden es wissen. YOLO: You Only Live Once – Du lebst nur einmal. Du lebst nur einmal – und gemeint ist: zieh dein Ding durch. Nimm keine Rücksicht auf das, was die anderen sagen oder fordern, sondern sei du selbst – ein einzigartiger Mensch, der macht, was für ihn richtig ist. Und meistens ist damit gemeint: der macht, was ihn voranbringt, was ihm Spaß bringt, ohne sich dabei groß um die Folgen für andere zu kümmern. Vor ein paar Wochen habe ich auf facebook bei meinen Neuigkeiten den Eintrag einer mir gut bekannten Jugendlichen bei einem anderen gesehen: „Ich bewundere dich, weil du ohne Rücksicht auf die Meinung von anderen dein Ding voll durchziehst“. Und dieser Eintrag hatte ganz viele Likes, also ganz viel Zustimmung. YOLO. Damit es keine Missverständnisse gibt: es wird jetzt keine Strafpredigt für scheinbar ach so egoistische Jugendliche, über die ich mich mal in der Kirche beschweren will. Erstens kenne ich ganz viele Jugendliche, die durchaus nicht nur egoistisch sind. Zweitens erlebe ich immer wieder, dass gerade bei Jugendlichen Werte wie Freundschaft, Verlässlichkeit, auch Treue ganz hoch im Kurs stehen. Drittens glaube ich auch, dass Jugendliche oft nur viel direkter und unverblümter aussprechen, was wir Erwachsenen ihnen vorleben. Und wir haben eine Gesellschaft aufgebaut, in der nicht nur jeder für sich selbst Verantwortung hat, sondern in der immer mehr jeder nur für sich selbst sorgt. Im Großen ein aktuelles Beispiel: Deutschland wehrt sich ganz vehement dagegen, Flüchtlinge aus Afrika und Syrien in größerer Zahl aufzunehmen, obwohl das kleine und, im Vergleich zu Deutschland eher arme, EU-Land Malta in Beziehung zur Einwohnerzahl zur Zeit mehr als fünfmal so viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Ist doch deren Problem, das ist die nach außen getragene Haltung der deutschen Regierung. Wir geben nichts ab – weder an die Flüchtlinge noch an den europäischen Partner Malta.
Im kleineren Maßstab, in der Kirche: bei der Kreissynode vor drei Wochen bin ich mehrmals mitleidig belächelt und angefragt worden, wie dumm wir doch waren, unsere Kirchengemeinde Am Richtsberg zu bilden und nicht zwei Gemeinden zu bleiben. Andere Gemeinden, die sich geweigert haben, zusammenzugehen, stehen, was Gebäude angeht, zum Teil besser da. Dass es von der Sache her richtig ist, eine Kirchengemeinde Am Richtsberg zu haben und dass wir dadurch für alle Marburger Gemeinden etwas Entlastung geschaffen haben, spielt in den Augen derer, die mich angefragt haben, keine Rolle. „Ihr seid doch blöd, dass ihr nicht egoistisch gewesen seid“ – so ist der Grundgedanke. Von längst erwachsenen Menschen, die in der Kirche Verantwortung tragen und die in ihren Gemeinden und Arbeitsstellen für die Verkündigung der frohen Botschaft stehen.
YOLO. Mich wundert es, ehrlich gesagt, nicht, dass Jugendliche das genau so und mit dem Unterton, mit dem es meistens benutzt wird, sehen.
Was das alles mit dem Propheten Micha aus der Bibel zu tun hat, aus dessen Buch ich eben ein paar Verse vorgelesen habe, fragen sich manche vielleicht jetzt. Der Prophet Micha, der macht in seinem für uns ja uralten Buch auf dieses scheinbar moderne Phänomen aufmerksam. Das ICH im Mittelpunkt. Auch im Glauben an Gott. Was kann ICH tun, damit Gott MICH wieder mag, auch wenn ich eine Sünde begangen habe, Schuld auf mich geladen habe? Soll ich von meinem Besitz, von meinem Verdienst etwas Gott opfern, vielleicht sogar, das ist die schreckliche Pointe, mein erstgeborenes Kind, damit ICH

Samstag, 12. Oktober 2013

Geschwister, zur Ruhe, zur Freiheit! - 20. Sonntag n. Tr., 13.10.2013, Reihe V



Liebe Gemeinde!
Heute ist Elisabethmarkt. Verkaufsoffen in der Oberstadt, Innenstadtkirmes und rund um die Elisabethkirche ist auch ein Sozialmarkt, auf dem sich verschiedene soziale Einrichtungen und Projekte präsentieren. Unter anderem sind auch Doreen und ich mit dem Richtsberg- bzw. auja-Mobil unserer Kirchengemeinde da. Ein Glück, werden sicher manche sagen. Endlich mal wieder ein Sonntag im Herbst, an dem man nicht vor der Glotze hängen muss und sich langweilt, sondern wo man ein Ziel hat, wo was los ist. In der Schule und im Konfirmandenunterricht ist es seit vielen, vielen Jahren so, dass der Sonntag mit Abstand der langweiligste und unbeliebteste Wochentag ist, wenn ich über das Feiertagsgebot spreche. Gerade im Herbst, im Winter und bei schlechtem Wetter. Ruhe halten geht gar nicht – wie man auch an den Diskussionen über das Tanzverbot am Karfreitag sieht, die seit ein paar Jahren immer schärfer geführt werden. Das Problem, von dem Markus hier in seinem Evangelium erzählt, ist heute für die meisten wahrscheinlich völlig unverständlich. Und deshalb wird der Satz, den Jesus am Ende sagt, nämlich: „Der Sabbat, also der Ruhetag, ist für den Menschen gemacht worden und nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn, also Jesus selbst, auch Herr über den Sabbat“, gern viel zu einfach ausgelegt. Wenn die Leute überhaupt noch in die Bibel schauen und sich dafür interessieren, sagen sie es oft so: „Alle Regeln und Gebote sollen für die Menschen gut sein und nicht umgekehrt – und weil sowieso jeder am besten weiß, was für ihn gut ist, soll doch jeder selber sehen, wie er sich daran hält oder nicht. Schon Jesus akzeptiert doch keine Einschränkungen.“ Ich glaube aber, dass dieser Erklärungsversuch zu kurz greift. Ich glaube auch, dass nicht nur das Sabbatgebot, sondern jedes Gebot der Zehn Gebote nicht nur gut für den Menschen ist, sondern auch für ihn als Lebenshilfe gemacht ist. Und nicht umgekehrt die Menschen dazu da sind, Regeln möglichst genau zu befolgen. Aber der Schluss, das deshalb jeder selber wissen muss, was gut und richtig ist, greift zu kurz. Ich glaube, dass Jesus, in dem wir Gott sozusagen bei der Arbeit sehen, uns helfen will, zu erkennen, wozu Gebote gut sind und nicht, Gebote einfach streichen will. Es geht darum, den Sinn der Gebote zu verstehen und nicht die Erklärungsversuche von Menschen, ob das damals Schriftgelehrte und Pharisäer oder Hohepriester waren oder heute Theologie Professoren oder Pfarrer oder Relilehrer oder Menschen, die sich für besonders berufen halten sind, wichtiger zu nehmen als die Gebote selbst. Jesus, und in ihm Gott selbst, ist Herr über die Gebote, und nicht der Pharisäer, der Pfarrer oder der besonders berufene Christ mit seinen zusätzlichen Regeln, die er oft zur scheinbaren Erklärung aufstellt.
Wie gesagt, den Konflikt, den Markus in der Bibel beschreibt, den können wir kaum verstehen. Erstens: Unser Ruhetag ist, wenn überhaupt, der Sonntag und nicht der Sabbat, der von Freitagabend bis Samstagabend geht. Und zweitens: die ersten gut 300 Jahre ihrer Geschichte kamen Christen gut damit aus, am Sonntag zwar Gottesdienste zu feiern, aber nicht unbedingt Ruhe zu halten. Die Mehrheit lebte im römischen Umfeld und da war der Ruhetag nicht wichtig. Für die Christen, und das gilt eigentlich auch für Martin Luther und noch lange, lange nach ihm, war es sowieso nicht wichtig, Ruhe zu halten. Feiertagsgebot, das hieß: Man soll in den Gottesdienst gehen und in dieser Zeit nicht arbeiten. Komplett arbeitsfreie Ruhetage sind in christlich geprägten Gegenden dieser Welt eine sehr moderne Erfindung, die erst in der Zeit der Industrialisierung weniger von der Kirche als vielmehr von der Arbeiterbewegung durchgesetzt wurde.
Diejenigen, denen meine Predigten sowieso immer zu lang sind, die könnten jetzt sagen: Na, dann ist ja gut! Dann haben wir als Christen sowieso relativ wenig damit zu tun. Also tschüss,

Zehnfache Freiheit - nicht gerade knallhart durchgesetzt - 18. Sonntag nach Tr., Reihe V

Text: Exodus (2. Mose) 20,1-17
Die Predigt habe ich eigentlich am 19. n. Tri, dem 6.10.13, gehalten. Durch die Kirchenvorstandswahl in unserer Landeskirche haben wir Erntedank vorgezogen und ich wollte gern mal wieder die Zehn Gebote predigen


Liebe Gemeinde!
Regeln, die nicht durchgesetzt werden, sind nichts wert. Oder? In Marburg erlebe ich unglaublich viele Fahrradfahrer, die garantiert älter als 12 Jahre sind und trotzdem auf dem Bürgersteig fahren. Jeden Tag sehe ich jede Menge Leute, die verbotenerweise mit dem Handy während des Autofahrens telefonieren oder, noch gefährlicher, sogar Mitteilungen schreiben. Und an Geschwindigkeitsbeschränkungen halte ich selbst mich ja vor allem dann, wenn ich weiß, dass da oft kontrolliert wird. Sonst kann’s bei mir auch sein, dass ich leicht mal zu schnell bin. Vom Kaugummiverbot in der Richtsbergschule will ich erst gar nicht reden. Regeln, die nicht knallhart durchgesetzt werden, nützen wenig. Sagt man wenigstens. Also: was nützen eigentlich die Zehn Gebote? Das werde ich tatsächlich immer wieder gefragt. Von Schülern genauso wie von Konfis, von jungen und alten Erwachsenen. Da hält sich doch sowieso keiner dran – ein Standardsatz meiner Neunt- und Zehntklässler. einem, der nicht an Gott glaubt, geht es doch sichtbar keinesfalls schlechter, jemandem, dem die Feiertage egal sind und der sonntags voll durcharbeitet auch nicht – geht doch in unserer modernen Gesellschaft auch nicht anders. Ehebruch??? Wen juckt denn das noch, schauen sie sich mal die Scheidungszahlen und die Wirklichkeit in vielen Familien an, Geklaut wird überall, und wenn’s das Paar Handschuhe aus der Firma ist oder die Steuer, die eigentlich der Allgemeinheit zusteht und die durch Tricks und Lügen nicht gezahlt wird. Okay, das mit den Eltern vielleicht… - aber wenn die zu mir nicht nett waren und das muss sowieso jeder selber wissen. Alles Beobachtungen, Aussagen, Meinungen, die ich nicht widerlegen kann, weil sie nicht so einfach falsch sind. Und wahrscheinlich können die meisten hier das wahrscheinlich noch aus eigener Erfahrung mit anderen Beispielen ergänzen. Nochmal: was nützen eigentlich die Zehn Gebote, außer dass sie als Lernstoff zum Auswendiglernen für Konfis gut sind, wenn sie ganz offensichtlich nicht mit Androhung von Gewalt oder Strafe durchgesetzt werden?
Die Zehn Gebote in der Form, wie die Bibel sie uns überliefert, sind ein mindestens dreifaches Angebot Gottes. Und kein Gesetzbuch. Sie sind einmal ein Angebot, in guter Beziehung zu Gott zu bleiben. Dann das Angebot, in guter Beziehung zu Mitmenschen zu leben. Als drittes das Angebot, frei zu bleiben. Und vielleicht fallen ja anderen hier im Gottesdienst noch ganz andere Gesichtspunkte und Angebote ein. Ich bin neugierig. Sagt’s mir, sagen sie’s mir ruhig – wenn ihr, wenn sie den Mut haben, ruhig während der Predigt, sonst gern auch nachher. Aber jetzt zu den drei Angeboten.
Das erste Angebot dieser zehn Gebote: eine gute Beziehung zu Gott. Wenn ich jetzt frage: wie fangen die Zehn Gebote an?, dann würden die meisten, die in Konfer gelernt haben, wohl antworten: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ Das ist das erste Gebot. Ja, das ist das erste Gebot. Aber so fangen die Zehn Gebote nicht ganz an. „Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland aus der Knechtschaft geführt habe“. Das ist sozusagen die Überschrift, unter der alles, was dann kommt, gehört und verstanden werden will. Die Zehn Gebote beginnen nicht mit Regeln und mit Verhaltensaufforderungen, nicht mit Verboten oder anderem. Sondern damit, dass Gott redet. Das Gespräch sucht, eine Beziehung herstellt. Es sind keine vom Himmel auf unerklärliche Weise gefallenen Worte, sondern Ausdruck einer Beziehung. Anrede, die auf Antwort und nicht auf blinden Gehorsam, der nicht nachdenkt und sich von dem, der die Regeln setzt losgelöst hat, zielt. Die Gebote sind keine Befehle, die einfach zu befolgen sind, ohne Nachdenken und ohne sie mit Leben zu füllen, sondern Angebote, wie der Mensch sinnvoll auf die von Gott ins Leben gerufene Beziehung, auf die von Gott geschenkte Freiheit antworten kann. Gott stellt sich vor. Er ist der, der die Menschen aus der Knechtschaft, aus der Sklaverei, aus dem Leben, in dem sie blind befolgen mussten,

Freitag, 27. September 2013

Immer artig "Danke" sagen ;) - Erntedank mit Kurzanspiel der Konfirmanden, Predigt als Dialog mit Konfirmandin

Dieses Anspiel ist für meine Konfigruppe, die sich nicht so gern im Gottesdienst präsentiert und (noch) Angst hat, etwas falsch zu machen. Für die Predigt habe ich eine mutige Konfirmandin gewinnen könnnen.



Anspiel zur Predigt Erntedank 13

Requisite: ein Geschenkpäckchen

Jasmina und Julian stehen vor dem Altar, Jasmina hat das Päckchen in der Hand, schenkt es Julian, sagt dabei „Bittschön!“. Julian freut sich, sagt „Danke!“, legt das Päckchen hinter sich ab.

Julian grübelt, macht eine Geste, die ausdrückt Ich habe eine Idee. Nimmt das Päckchen, schenkt es Jasmina, sagt dabei „Bitteschön!“. Jasmina nimmt das Päckchen, schaut freundlich, sagt „Danke“ und legt es hinter sich ab.

Jasmina grübelt, nimmt das Päckchen, das Spiel mit „Bitteschön!“ und „Danke“ geht wieder von vorne los, beide schauen jetzt aber leicht genervt.

Julian macht eine Ärger- oder Wutgeste, die Jasmina nicht sehen kann, schnappt sich das Päckchen, das „Bitteschön!“ – „Danke“ Spiel geht in die nächste Runde.

Jasmina macht eine Verzweiflungsgeste, aber das Spiel geht wieder von vorne los.

Anita kommt langsam nach vorn.

Julian wird sauer, sagt ganz patzig „Danke!“ und will das Geschenk sofort zurückgeben

Anita greift ein, schnappt sich das Päckchen, sagt: „Das kann ich ja nicht mehr sehen! Evelina, komm mal her, schmeiß das Päckchen weg!“
Evelina kommt, nimmt das Päckchen, schmeißt es in der Sakristei in den Papierkorb.

Jasmina und Julian schauen verblüfft, sagen dann strahlend gemeinsam „Danke, Anita!“ und umarmen sie.

Alle gehen wieder an ihren Platz.


Predigt Erntedankfest 13
MELISSA:     Hast du das gesehen? Die waren ja mies drauf! Dabei sind Geschenke doch was Schönes! So, wie die zwischendurch dann „Danke“ gesagt haben, da hab ich doch gedacht, die bringen sich gleich um! Gut, dass da noch die ANITA gekommen ist und so ne gute Idee hatte!
KB:      Das kannst du laut sagen, MELISSA! Aber ich kann die JASMINA und die JULIAN auch gut verstehen. Manchmal will man vielleicht gar nicht „Danke“ sagen. Da nervt das einfach.
MELISSA:     Dass du dich als Pfarrer traust, so was zum Erntedankfest in der Kirche zu sagen! Du müsstest mir und allen anderen hier doch sagen, dass wir gefälligst dankbar sein sollen für unser Leben und das wir was zu essen haben und was zum Anziehen und …
KB:      MELISSA, bleib ruhig! Meinst du wirklich, dass das was bringt, wenn ich dir und allen anderen hier sagen würde: Jetzt sag aber dem lieben Gott schön „Danke!“? Ich glaube, das bringt gar nichts! Damit ich wirklich „Danke“ sagen kann, muss ich mich doch auch freuen. Und das kann ich niemandem befehlen.
MELISSA:     Aber ich kann doch auch Danke sagen, wenn ich mich nicht freue. Meine Tante, die schenkt mir immer so kratzige Pullover. Und da sag ich auch Danke, obwohl ich die Pullover blöd finde. Ich hab doch meine Tante ganz lieb und ich weiß, dass sie mich auch lieb hat, obwohl sie mir kratzige Pullover schenkt. Und deshalb sag ich Danke, weil ich denke, dass meine Tante sonst vielleicht traurig ist.
KB:      Ja, das kenne ich gut! Aber da siehst du doch auch: eigentlich willst du deiner Tante sagen: „Du, ich hab dich ganz lieb, auch wenn du meinen Pullovergeschmack nicht kennst.“ Und du sagst Danke, und deine Tante denkt vielleicht: „Prima, der MELISSA gefällt mein Geschenk!“ Deine Tante fühlt sich verpflichtet, dir immer wieder so was zu schenken, weil sie denkt, dir gefällt es und du fühlst dich verpflichtet, Danke zu sagen. Und vielleicht geht’s dir oder euch beiden dann mal wie der JASMINA und dem JULIAN. Dass ihr beide völlig genervt werdet.
MELISSA:     Aber was kann man da denn machen? Soll man denn gar nicht mehr Danke sagen?
KB:      Doch, das schon. JASMINA und JULIAN haben zum Schluss ja auch zu ANITA Danke gesagt. Sie waren wieder fröhlich, weil sie gemerkt haben, dass der ganze Zwang, Geschenke immer mit Danke und einem Gegengeschenk zu beantworten, blöd ist. Ein Geschenk ist dann ein Geschenk, wenn der, der schenkt, nichts erwartet und der, der das Geschenk bekommt, sich zu nichts verpflichtet fühlen muss. Und ANITA hat den beiden gezeigt: es geht doch auch ohne! Man kann sich auch ohne solche Geschenke gern haben.
MELISSA:     Soll ich dann meiner Tante sagen: „Schenke mir nichts mehr, ich habe dich trotzdem lieb“? Aber ich kriege doch gern Geschenke, nur nicht kratzige Pullover!
KB:      Wir Menschen sind schon manchmal ziemlich kompliziert, gell. Ich glaube, das musst du mit deiner Tante mal in Ruhe klar machen.
MELISSA:     Aber was hat das ganze denn jetzt mit dem Erntedankfest zu tun, das wir heute feiern? Da müssen wir doch dran denken, was Gott uns alles für unser Leben schenkt und dann bei ihm bedanken. Das müssen wir doch, weil’s uns so gut geht! Weißt du, wenn ich Bilder von Kindern aus Afrika oder so sehe, oder auch von hier, die fast nichts zu essen haben oder nur schmutzige und zerrissene Pullover, da muss ich doch dem lieben Gott danken, dass ich genug zu essen habe – und eigentlich auch, dass ich eine Tante habe, die mir Pullover schenkt. Auch wenn sie kratzig sind. Immerhin habe ich welche.
KB:      Musst du das wirklich?
MELISSA:     Hä, das versteh ich nicht!
KB:      Ich meine, musst du dich wirklich bei Gott bedanken? Wenn du das Gefühl hast, du musst das tun, dann ist es doch kein echtes Bedanken mehr. Ich finde so Tage eigentlich merkwürdig. Gott hat keinen von uns gefragt, ob er leben will. Er hat uns das Leben geschenkt. Klar. Aber manchmal gibt’s Momente, da kann ich nicht „Danke“ fürs Leben sagen. Da geht’s mir

Samstag, 14. September 2013

Irgendwie geht das Leben weiter... - 16. So. n. Tr., 15.09.2013, Reihe V

Text: Lukas 7,11-17


Liebe Gemeinde!
Irgendwie geht das Leben weiter – zumindest für die Nachbarn und Bekannten. Für die Verwandtschaft. Natürlich macht der Tod traurig. Ein Nachbar fehlt, eine Freundin, die Nichte oder der Cousin. In den ersten Tagen und Wochen ist noch viel Besuch da, man geht hin, fragt, hilft – aber dann kommt der Alltag wieder. Die eigenen Anforderungen. Im Beruf, in der Schule, in der eigenen Familie. Die eigenen Sorgen. Ab und zu denkt man noch an den Tod. Aber das Leben geht weiter. Hin und wieder vielleicht noch mal eine Nachfrage, ein kurzes Telefonat, ein kurzer Besuch. Aber auch das wird meistens weniger. Kein böser Wille. Aber das Leben geht weiter. Für die, die leben. Die immer noch Familie und Freunde haben.
Das Leben geht weiter – auch für die Frau, die ihren Mann begraben musste und kurz darauf noch ihren einzigen Sohn verlor. Aber wie geht es weiter? Wenn das Miteinander gut war, ist es schon schlimm, den Menschen zu verlieren, mit dem man lange sein Leben geteilt und den man geliebt hat. Aber dann auch noch den einzigen Sohn zu verlieren… - bis heute gehört es zu den schlimmsten Alpträumen von Eltern, am Grab des eigenen Kindes stehen zu müssen. Das Leben geht weiter – am Anfang sicher noch mit Freunden, Verwandten, Nachbarn, die mal nachfragen, die aber weniger werden. Die die Trauer nicht mehr aushalten wollen, weil ihr Leben ja tatsächlich normal weiter läuft. Das Leben geht weiter. Aber wie? In den allermeisten Fällen nicht nur mit einer Lücke, sondern mit einem Loch, das wie ein schwarzes Loch ganz viel Energie, Freude, Lebenskraft in sich hineinzieht und nicht wieder rauslässt. So erlebe ich das vielfach heute.
Und zu der Zeit, in der das war, was Lukas hier in seinem Evangelium erzählt, war alles noch dramatischer. Der Witwe wurde nicht nur das Herz herausgerissen. Ihr Weg als Bettlerin war vorgezeichnet. Damals konnten Frauen keine Rechtsgeschäfte tätigen. Sie brauchten Männer, die für sie eintraten. Und die beiden Männer, die das konnten, waren weg. Der Ehemann und der einzige Sohn. Zu dem seelischen Schmerz kommt die Gewissheit, bis an das eigene Lebensende auf den guten Willen, die Almosen der anderen angewiesen zu sein. Und selbst für die wohlmeinendsten Nachbarn geht das Leben weiter und die verwaiste Witwe rückt aus dem Zentrum immer weiter an den Rand des Lebens.
Ich glaube, dass man das wissen und sich immer wieder klar machen muss, wenn man die Geschichte von der verwaisten Witwe, die Lukas für uns erzählt, hört. Zu leicht lassen wir uns nämlich von dem nach menschlichen Maßstäben unmöglichen Wunder der Totenerweckung ablenken und spekulieren darüber, wie das wohl gehen könne und je nach persönlicher Frömmigkeitsgeschichte verteidigen wir dieses Wunder oder wir geben den Kritikern Recht, die es aus Vernunftgründen ausschließen.
Und so verpassen wir dann das, was in dieser Begegnung für Jesus und auch für seinen Evangelisten Lukas im Mittelpunkt steht. Im Mittelpunkt steht da nicht das Wunder, sondern die verwaiste Witwe mit ihrer Not. Der Schlüsselsatz, der hilft, diese Geschichte zu verstehen, der steht genau in der Mitte. „Als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht!“ so übersetzt Martin Luther den Schlüsselsatz von Lukas.
Vier Beobachtungen:

Samstag, 7. September 2013

Schwache Helden - tolle Vorbilder 15. Sonntag nach Trinitatis, 08.09.2013, Reihe V

Text: Lukas 17,5+6


Liebe Gemeinde!
„Ich bin nur noch zornig und wütend“ – so endete die Mail eines Freundes aus Fulda, seit langem ein hochengagierter Christ. Zornig und wütend darüber, dass Gott es zulässt, dass ein junger Mann, ehemaliger Konfirmand von mir, mit 32 Jahren stirbt. Das allein wäre tragisch genug. Vor zwei Jahren starb die Mutter des jungen Mannes, gerade mal 49 Jahre alt, vor 7 Jahren der Vater, damals 48 Jahre alt. Alle drei waren elend lang krank. Übrig bleibt der Jüngste, gerade 26, ein guter Freund der Kinder meines Fuldaer Freundes, mir als Konfirmand und langjähriger Mitarbeiter ebenfalls sehr gut bekannt. In 7 Jahren drei Mal elendes Sterben in einer Familie, in der bisher niemand den 50. Geburtstag feiern konnte. Wie kann da der Glauben an einen guten, einen liebenden Gott, an Jesus, Freund der Menschen und Heiland, wieder wachsen? Stärke den Glauben! Ich denke, dass nicht nur mein Fuldaer Freund und der übriggebliebene junge Mann sich der Bitte der Apostel anschließen können, wenn sie überhaupt die Kraft dazu haben und nicht „Lass mich doch in Ruhe!“ sagen würden.
Stärke den Glauben – ich denke, dass vielen von uns diese Bitte auf den Lippen und im Herzen liegt. Bilder des Elends in der Welt, vom Krieg und Flüchtlingen in Syrien. Krankheit, am eigenen Leib zu spüren, die Leben schwer, manchmal unerträglich macht. Eltern, die so krank sind, dass sie sich im Moment gar nicht richtig um die Kinder kümmern können. Jugendliche, denen so Schlimmes passiert ist, dass sie sich im Leben nicht mehr zurecht finden und an der Seele richtig krank geworden sind, die dabei sind, sich selbst zu zerstören. Menschen die sagen: „Du mit deinem Jesus, du bildest dir doch was ein, Naturwissenschaften sind das einzig Wahre!“ Hohn und Spott. Oder erlebte Gleichgültigkeit, Lieblosigkeit. Stärke den Glauben! – Es ist im Alltag nicht immer leicht, Glauben zu finden und zu behalten. Glauben an Gott. Glauben an den Vater, den Schöpfer und Freund des Lebens. Glauben an Jesus, den Heiland und Erlöser. Glauben an den Heiligen Geist, der Kraft und Mut gibt, im Alltag zu lieben, zu hoffen.
Stärke den Glauben! – Es wäre super, wenn’s da ein Rezept, ein Zaubermittelchen, einen garantiert wirksamen Segen geben würde, der Zweifel und Fragen einfach wegpustet und Sicherheit gibt. Die Sicherheit, richtig zu liegen. Leider gibt’s das nicht. Und das gab’s auch nicht von Jesus direkt. Glauben ist kein Panzer um den Körper und die Seele, an dem alles Böse einfach abprallen würde und der einem ein starkes Superheldenleben garantieren könnte. Und das war er auch ganz offensichtlich für die Apostel nicht. Apostel, das sind diejenigen, die von Jesus selbst in die Welt, zu den Menschen geschickt werden und die den Auftrag haben, den Glauben an Gott und Jesus als Gottes Sohn zu verkünden, zu wecken, zu stärken. Und diese Leute, die Jesus selber kennen, ihn erleben und denen Jesus eine ganz entscheidende Aufgabe gibt und durch die wir alle letztlich ja erst den Glauben an Gott vermittelt bekommen haben, die brauchen Glaubensstärkung. Das sind also keine Superhelden, die immer einen superstarken Glauben ohne jede Anfechtung, ohne jede Frage, ohne jeden Zweifel gehabt hätten. Obwohl sie Jesus im wahrsten Sinne des Wortes direkt vor Augen gehabt haben, erfahren sie ihren eigenen Glauben nicht als etwas, das ständig nur toll ist und bergauf geht, sondern als etwas, das schwankt, müde werden kann, eben: Stärkung braucht, damit es weitergeht. Und mit diesen Leuten kann und will Jesus etwas anfangen. Und diese Leute haben das auf die  Reihe gekriegt – sonst würden wir heute ja nicht hier sitzen und nachdenken, beten, hoffen, feiern, glauben und lieben. Für mich ist das die schönste Einladung, Jesus zu vertrauen: diese Einladung, ehrlich zu sein. Nicht irgendwas Starkes vorspielen zu müssen, sondern auch Fragen, Zweifel und auch mal Wut und Zorn haben zu dürfen. Und trotzdem immer wieder eingeladen zu werden, zu glauben, zu vertrauen, zu hoffen und zu lieben. Glauben – und gerade auch die Einladung zum Glauben, die Mission, braucht keine weltfremden Superhelden,

Samstag, 24. August 2013

Richtig spenden? Achtung! Frömmigkeit! - 13. So. n. Tr., 25.08.2013, Reihe V

Text: Matthäus 6,1-4


Liebe Gemeinde!
Ist es nicht toll, wenn Stars und Prominente sich für gute Dinge einsetzen, wenn sie für krebskranke Kinder oder die Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen, oder Flutopfer oder andere, die finanzielle Hilfe nötig haben spenden, wenn das dann im Fernsehen kommt, in den Zeitungen und im Internet steht? Ist das nicht toll, wenn durch das Beispiel von diesen Menschen andere angeregt werden, ebenfalls für gute Sachen oder Menschen in Not zu spenden? Geld stinkt nicht, das ist ein altes Sprichwort. Wen sollte also interessieren, wo das Geld, das für was Gutes oder zur Linderung von Not gegeben wird, herkommt oder was der, der es gibt, sich dabei denkt? Wenn’s hilft, dann ist das doch schon gut genug! Warum soll man denn aus Spenden ein Problem machen? Man kann doch froh sein, wenn es Menschen gibt, die was geben!
Das finde ich auch! Und das nicht nur, weil wir als Kirchengemeinde auf Spenden angewiesen sind. Ohne Spenden könnten wir das Richtsbergmobil nicht fahren lassen, ohne Spenden gäbe es keine Seniorennachmittage und keine Möglichkeit, Kindern aus Familien mit wenig Geld Zuschüsse zu Konfirmandenfreizeiten oder anderen Dingen zu geben, so dass sie mitfahren und mitmachen können. Nur drei Beispiele. Es gibt doch genug Leute, die einfach zu geizig sind und nur an sich denken oder die dauernd denken, dass das Geld, das sie geben, vielleicht nicht richtig verwendet wird. Da kann man sich doch über jede Unterstützung freuen. Warum macht Jesus dann hier alles so kompliziert, wenn er was von der Unterstützung für die Armen, die es nötig haben erzählt? Soll ich denn ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich spende? Ist es etwa besser, nichts zu geben, aus lauter Angst davor, es aus den falschen Gründen zu tun und dann am Ende sozusagen von Gott noch eine auf den Deckel zu kriegen?
Das, was Jesus hier in der Bergpredigt sagt, hört sich nicht nur provozierend an, es ist es auch. Nicht wegen des merkwürdigen Bilds, das er benutzt. „Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut“ – wenn das so ist, ist man tatsächlich krank. Wenn ich meine Hände nicht koordinieren kann, gibt es Chaos.
Provozierend ist das, was Jesus hier sagt, weil Jesus, wie eigentlich immer, ganz knallhart von den Menschen her denkt, die in Not sind. Und weil er wieder einmal deutlich werden lässt, das der Glauben an ihn als Sohn Gottes Auswirkungen hat – nicht nur auf die innere Einstellung zu Gott und den Seelenfrieden, sondern auf das Denken und Handeln.
„Habt acht auf  eure Frömmigkeit“ – so beginnt die Rede von Jesus in der Übersetzung der Lutherbibel. Das ist nicht falsch. Aber das Wort, das hier in der griechischen Originalfassung steht, heißt auch noch: Gerechtigkeit. Frömmigkeit ist eben mehr als

Freitag, 16. August 2013

Sehhilfe - 12. Sonntag n. Tr., 18.08.2013



Liebe Gemeinde!
„Man sieht nur mit dem Herzen gut!“ – dieser Satz aus dem Buch „Der kleine Prinz“ wird so oft zitiert, dass man manchmal fast vergisst, wie erleichternd es ist, auch mit den Augen einigermaßen gut sehen zu können. Ich denke dabei an das, was mir unsere blinde Kirchenvorsteherin, Frau Brandenburger, über die Zeit erzählt hat, in der das Haus, in dem sie wohnt, renoviert wurde. Da war es oft schwer, den Weg zur Bushaltestelle zu finden, weil der normale Weg durch Bauarbeiten versperrt war oder da wurden die Mülleiner umgestellt, weil sie den Bauarbeitern im Weg waren und sie musste immer wieder Menschen finden, die ihr halfen, ihren Hausmüll richtig zu entsorgen. Manches ist leichter, wenn man nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit den Augen sieht. Mehrmals berichtet die Bibel davon, dass Jesus Menschen auch im wörtlichen Sinn die Augen geöffnet hat, so dass sie ihre Umwelt und ihr Leben auch mit den Augen wahrnehmen konnten. So wie in der Geschichte, die ich gerade vorgelesen habe. Aus Scheu davor, falsche Erwartungen zu wecken oder aus Scheu davor, von Wundern zu reden, die naturwissenschaftlich-medizinisch nicht zu erklären sind, wird manchmal ganz schnell über dieses ganz konkrete Öffnen der Augen hinwegerzählt. Es geht in jeder dieser Geschichten um mehr. Es geht darum, dass Menschen erkennen, welche Macht Jesus tatsächlich hat, es geht darum, dass Menschen erkennen, dass mit Jesus die neue, gerechte und gute Wirklichkeit Gottes wenigstens schon angebrochen ist. Es geht, um mit dem kleinen Prinzen zu reden, darum, mit dem Herzen zu sehen und Jesus als Gottes Sohn zu erkennen. Aber diese Geschichten sind mehr als nur symbolische Geschichten vom Auftrag oder der Macht Jesu oder der Wirklichkeit Gottes. Mir erzählen diese Geschichten, in denen Menschen zum Sehen kommen, auch davon, dass die neue Wirklichkeit Gottes, die mit Jesus anbricht, ganz konkrete Lebenserleichterungen bringt. Not wird wirklich gelindert und Menschen werden nicht auf später oder den Himmel vertröstet, sondern erfahren schon in diesem Leben ganz konkret, dass Gott Not nicht egal ist. Wenn wir glauben, dass wir als Christen in der Nachfolge Jesu leben, dann geht es eben auch darum, an ganz konkreter Not nicht vorbei zu gehen. Es kommt darauf an, sehen zu lernen. „Das kann ich doch von selbst“ werden sicher manche denken. Klar, die Sinneseindrücke, die über die Augen ans Gehirn geliefert werden, sind da, wenn organisch alles einigermaßen in Ordnung ist. Aber es kommt eben auch darauf an, die Bilder, die mir die Augen liefern, zu verstehen. Und dazu braucht es manchmal Zeit und Übung. Und auch davon erzählt die Geschichte von der Blindenheilung bei Markus.
Die Geschichte beginnt mit etwas sehr Schönem. Offensichtlich hat der Blinde

Freitag, 9. August 2013

Aber so schlimm bin ich nicht! - 11. Sonntag nach Trinitatis, 11.08.2013, Reihe V

Text: Lukas 7,36-50 (Basisbibel)



Liebe Gemeinde!
„Aber so schlimm bin ich nicht!“ – Vielleicht hat Simon genau das gedacht, als er gemerkt hat, wer die namenlose Frau ist, die sich an Jesus klammert, mit ihren Tränen und teurem Öl seine Füße benetzt und salbt, die ihn küsst und mit den Haaren wieder trocknet. Eigentlich ein Skandal. Zuerst einmal hat eine Frau in Männerrunden grundsätzlich nichts zu suchen. Gut, Jesus war da ein bisschen anders. Von Anfang an waren viele Frauen in seiner Nähe. „Ich bin doch ganz schön aufgeschlossen, dass ich den zu mir einlade“ – auch so hat Simon vielleicht gedacht. Seine Freunde hätten Jesus nicht eingeladen. Viel zu unkonventionell ging der mit den Regeln um. Aber Simon scheint aufgeschlossen und neugierig zu sein. Er ist Pharisäer, das heißt, dass er es mit seinem Glauben und mit Gottes Geboten wirklich ernst meint und sich bemüht, danach zu leben. Jesus stellt manches, was sich als Tradition eingebürgert hat, in Frage. Jesus befragt jedes Gebot danach, was wohl Gottes Wille dahinter ist. Den wenigsten Pharisäern gefällt das, aber Simon ist neugierig. Aber das mit der Frau geht zu weit. Nicht nur, dass eine Frau es wagt, die Männerrunde zu stören. Nicht nur, dass sie Jesus nicht nur berührt, sondern sogar küsst. Nein, diese Frau ist unterstes Niveau. So scheint es zumindest bekannt zu sein. Was sie im Einzelnen gemacht hat, wird nicht erzählt. Aber jeder kennt den schlechten Ruf. Und Jesus, der Prophet, der müsste das doch erst recht wissen. Gut, ich habe nicht immer meine Eltern so geliebt, wie sie es verdient hätten. Vielleicht habe ich auch mal die Unwahrheit gesagt. Und vielleicht war ich auch mal anderen gegenüber ungerecht zornig. Solche Dinge werden Simon vielleicht durch den Kopf gegangen sein. Aber so wie die bin ich nicht. Und deshalb wundert er sich, warum Jesus ausgerechnet die nicht zurückweist. Die namenlose Frau, von der alle wissen, wie schlimm sie ist.
Ich glaube, dass so ein bisschen Simon in vielen von uns steckt, auch in mir. Menschen versuchen oft, sich einzuordnen. Auch dann, wenn es um Gutsein, um Verfehlungen, um Schuld geht. „Gut, ich war nicht immer lieb, ich hab auch schon mal

Freitag, 12. Juli 2013

Zu wenig wird mehr als genug - 7. n. Tr., 14.07.2013, Reihe V



Liebe Gemeinde!
Wir setzen uns jetzt mal alle zusammen und jeder holt raus, was er hat und dann legen wir alles zusammen und teilen alles und dann hat nicht nur jeder von uns genug zum Leben, sondern wenn das alle machen, wird die ganze Welt erleben, wie viel Überfluss da ist und alle werden genug zum Leben haben.
Klar, die Wundergeschichte, die ich eben vorgelesen habe, die erzählt davon, dass ganz konkrete materielle Bedürfnisse von Menschen gestillt werden. Auch wenn in der Bibel der Satz zu finden ist: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes ausgeht“, ist es ein ganz wesentlicher Teil des Willens Gottes, der sich in den Worten von Jesus und den Worten der Propheten, Psalmen und Gesetze des Alten Testaments ausdrückt, das Menschen auch materielle Gerechtigkeit brauchen und die Sicherung grundlegender materieller Bedürfnisse wie Essen, Trinken, sichere Wohnung ein Grundrecht des Menschen ist. Klar, Jesus kümmert sich nicht nur um das seelische, sondern auch um das leibliche wohl der Menschen. Und klar, „Geben ist seliger als Nehmen“, auch das steht in der Bibel. Das alles ist richtig. Aber ich finde es trotzdem schade, wenn man die Wundergeschichte, die Lukas in seinem Evangelium, seiner frohen Botschaft für die Welt, weitererzählt, kleiner macht, als sie wirklich ist, weil man sie entweder zu sehr durch die Brille der Vernunft allein betrachtet oder zu sehr das wortwörtliche Wunder als alleinigen Maßstab dafür nimmt, wie man die Geschichte verstehen kann.
Da ist einmal die Vernunftbrille. Die lässt einen sehen: 5 Brote, 2 Fische, 5000 Leute, alles essen, 12 Körbe bleiben übrig – kann nicht funktionieren. Andererseits: die Bibel lügt ja nicht. Also versuchen manche zu erklären: natürlich hatten die Leute was dabei, aber keiner wollte es rausholen und teilen. Als die Leute das Beispiel der Jünger gesehen haben und sich in kleinen Gruppen zusammensetzten und Jesus dankte, da gingen ihnen die Herzen auf und sie teilten und es war mehr als genug. Jesus öffnet die Herzen, das ist das Wunder, Menschen teilen – und da, wo Menschen teilen, ist genug da. Vernünftig, möglich – aber in der Geschichte steckt viel mehr.
Da ist aber noch die andere Brille, die alles wortwörtlich nimmt. Jemand mit der Brille würde vielleicht sagen: Jesus hat das wirklich vermehrt, der Mensch muss sich um nichts kümmern, Jesus verwandelt die Welt in eine Art Schlaraffenland für die, die bei ihm sind. Die müssen sich, solange sie auf sein Wort hören, um nichts weiter kümmern. Aber die Geschichte ist keine Schlaraffenlandgeschichte. Nirgends in der Bibel ist davon die Rede, das Gott die Menschen aus der Verantwortung für das Leben entlässt.
Jesus ist viel mehr als einer, der Menschen dazu bringt, ihre Vernunft zu gebrauchen und viel, viel mehr als ein Wundertäter für manche Auserwählten. Die Geschichte, so, wie Lukas sie uns weitererzählt, erzählt noch viel mehr und kann noch viel mehr bedeuten.
Da ist einmal der Anfang der Geschichte. Ganz wichtig: das alles war so nicht geplant.