Text: Römer 10,9-17
Übersetzung: Neues Leben
Liebe Gemeinde!
Eine kleine Reise in die Zukunft. Nicht besonders weit, nur bis zum 8. Mai 2011. Dann wird, so Gott will und wir leben, hier in der Thomaskirche der Konfirmationsgottesdienst gefeiert. Die Konfis, die dann da stehen, werden auf die Frage, ob sie an Gott glauben und ob sie bereit sind, mit Jesus Christus zu leben, mit „Ja“ antworten. Mit dem Mund bekennen sie. Klar, es wäre ja auch peinlich, wenn im wirklich allerletzten Moment das schöne Fest abgesagt werden müsste. Aber ob wirklich alle im Herzen glauben, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wie Paulus es als Grundvoraussetzung einer rettenden und guten Beziehung zu Gott beschreibt? Nicht nur manche Erwachsene, sondern auch Mitkonfirmanden sagen: „Der Sowieso macht‘s doch nur wegen der Geschenke!“ Oder: „Die Andrername macht’s nur, weil ihre Mutter das will und weil die Freundin auch dabei ist!“ Aber welcher Mensch kann schon ernsthaft ein Urteil über den Glauben eines anderen fällen? Wir sehen das Verhalten. Wir hören das, was Kinder, Jugendliche und Erwachsene sagen. Wir ziehen Schlüsse daraus. Wir bilden uns ein Urteil. Manchmal ist es sicher richtig. Manchmal ist es knapp und manchmal total daneben. Das liegt nicht nur daran, dass wir Menschen nie vollständig in einen anderen hineinsehen können und ihn wirklich gerecht und richtig beurteilen können. Das liegt nicht nur daran, dass wir alle unsere Grenzen haben und alle dazu neigen, andere nach dem zu beurteilen, was wir für uns als richtig erkennen. Es liegt vor allem, dass der Glauben an Gott keine mechanische und vorhersehbare Angelegenheit ist, sondern höchst lebendig. Glauben passiert im Leben. Und Leben ist kein Stillstand, sondern es wächst. Es verändert sich mit den Menschen, denen wir begegnen, mit den Erfahrungen, die wir machen. Dort, wo sich immer wieder so viel Neues ergibt, kann Glauben nicht vorhersehbar sein, sondern er entwickelt sich, er lebt. Weil wir Menschen leben, vor allem aber, weil wir an einen lebendigen Gott glauben. Glauben ist lebendig und dynamisch. Das ist das Eine. Das Zweite hängt damit zusammen. Glauben ist etwas zutiefst Persönliches. Im Glauben geht es um mich und Gott. Niemand kann mich vertreten, außer Jesus. Menschen können Spuren legen, können mir helfen, wenn ich müde werde, zweifle oder verzweifle, wenn ich nach einem Anfang suche. Eltern und Paten können bei der Taufe ganz ehrlich und mit bestem Gewissen versprechen, dass sie dem Kind helfen wollen, einen Weg zum Glauben zu finden. Und sie können in der Erziehung alles dafür tun. Aber glauben muss das Kind dann selber. Und weil jedes Leben anders ist, entwickelt sich auch jede Beziehung zu Gott ganz besonders – oder sie entwickelt sich vielleicht gar nicht oder sehr spät oder ganz anders. Und jetzt kommt noch etwas Drittes dazu. Obwohl Glaube so persönlich ist und so dynamisch und lebendig, bleibt er doch nicht nur auf mich beschränkt. Wenn ich Jesus wirklich als den Herrn bekenne, dann hat das auch Auswirkungen auf meinen Umgang mit Politik, mit den Menschen um mich herum, mit der Art, wie ich in meinem Stadtteil, in meiner Schule, in meinem Betrieb arbeite, lebe, mich engagiere.
Zu kompliziert für den Sonntagmorgen? Vielleicht. Aber das ist keine Erfindung von mir, sondern das sind genau die Fragen und Beobachtungen, die Paulus schon vor knapp 2000 Jahren gehabt und gemacht hat und über die er hier schreibt. Paulus muss feststellen: obwohl Gottes Wort und seine Liebe für alle Menschen, Juden und Nichtjuden, da ist, und obwohl er, der er sich ja selbst als Juden versteht, alles tut, dieses Wort gut und richtig weiterzusagen, kommt es nicht bei allen gleich an und weckt nicht überall die Sehnsucht, Jesus als den Retter zu bekennen.
Es gibt kein vorhersehbares Gesetz, wie Menschen zum Glauben kommen. Keinen Weg, der für alle gleich und richtig ist und an dessen Ende garantiert der Glauben steht. Paulus schreibt keine garantiert wirksame Ge-brauchsanleitung für den Glauben, sondern eine Einla-dung, es mit dem Glauben zu versuchen.
Wer mit dem Mund bekennt, dass Jesus der Herr ist, wird gerettet. Das schreibt Paulus. Glauben fordert Mut. Den Mut, dazu zu stehen und es auszusprechen, nicht nur für sich zu behalten, dass Jesus der Herr ist. Das ist schon ein großer Schritt. Sich nicht zu verstecken, sondern zu etwas zu stehen. Macht angreifbar. Glauben ist eben nicht unbedingt das, was allgemein als cool gilt. Aber was heißt das eigentlich, „Jesus ist der Herr“? Herr ist derjenige, vor dem ich wirklich höchsten Respekt habe. Herr ist derjenige, dem ich mein Leben anvertraue. Wenn ich Jesus als den Herrn bekenne, dann erteile ich dem eine Absage, der mir weismachen will, dass sich der Wert eines Lebens nach der Schule oder der Uni bemisst, die ich besucht habe. Oder nach dem Geld, über das ich verfügen kann. Oder nach der Logik, dass ich Schwächere gnadenlos ausnutzen darf, wenn sie sich nicht wehren. Jesus steht für die versöhnende Liebe, mit der Gott Menschen begegnet. Schuld wird vergeben und nicht aufgerechnet. Hilfe bekommt der, der sie braucht – unabhängig von Nationalität, Bildung, Glauben, Reich-tum. Dafür steht Jesus. Nicht für die Abgrenzung, sondern für die Liebe zu allen Menschen. Hier wird Glauben enorm politisch. Liebe heißt nicht, die Augen davor zuzumachen, dass es Menschen gibt, die kriminell sind, die ihren Glauben missbrauchen, die Hass säen. Liebe heißt, die Probleme zu sehen, den Menschen zu sehen und nicht ganze Nationalitäten oder Men-schengruppen für die Taten einzelner verantwortlich zu machen. Jesus als den Herrn zu bekennen heißt eben auch, Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen und dort, wo ich es kann, für Gerechtigkeit einzutreten. In der Schule, im Berufsleben, im Stadtteil, in der Nachbarschaft - aber eben auch im größeren Maßstab. Das kann nicht jeder. Aber jeder kann die, die das tun, unterstützen.
Wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet und von Gott gerecht gesprochen werden, so heißt es bei Paulus weiter. Im Herzen glauben – heute denkt man, da käme es auf das Gefühl an. Aber als Paulus das geschrieben hat, war das Herz nicht der Sitz des Gefühls, sondern auch des Verstandes. Das Zentrum des Menschen. Vielleicht kann man es heute ja auch so übersetzen Wenn du drüber nachgedacht hast und es ganz und gar spürst, dass es für dein Leben wichtig ist: Gott hat Jesus nicht tot gelassen, sondern er lebt, dann wirst du gerettet. Vielleicht auch nicht leichter zu verstehen. Ich gebe es zu. Gott ist stärker als der Tod, das ist die entscheidende Botschaft. Jesus ist mehr als ein netter Lehrer, in ihm begegnet uns Gott selbst. Dein Leben hat eine Perspektive, nämlich die, das mit deinem Tod nicht alles aus ist. Die Angst vor dem Versagen soll dich nicht lähmen, sondern du kannst schon jetzt etwas von dem umsetzen, was an Liebe und Vergebung und Gerechtigkeit von Jesus vorgelebt wurde. Darum geht es. Das ist die Rettung. Die Rettung aus der Angst, zu versagen, aus der Angst, nicht gut genug zu sein. Aus der Angst, dass wir für alles allein sorgen müs-sen. Aus der Angst, nicht genug zu bekommen und des-halb anderen was wegnehmen zu müssen. Gott hat uns durch Jesus und durch seine Auferstehung viel mehr ge-geben, als wir uns vorstellen können. Deshalb können wir schon jetzt leben – ohne Angst.
Tja, wenn das so einfach wäre. Wie gesagt, Paulus macht auch die Erfahrung, dass diese frohe Botschaft nicht von allen gehört wird. Oder werden will. Er merkt auch, dass manche dem, was erzählt und vorgelebt wird, Vertrauen schenken und es mit dem Glauben wagen. Andere aber nicht. Und er merkt immer wieder, dass der Glaube le-bendig ist. Glauben ist keine einfache Linie, die immer nur nach oben zeigt. Es gibt Einbrüche, Abbrüche, Neu-anfänge. Paulus schreibt, dass das Bekennen und der Glauben Hören und Verkündigen brauchen. Glauben wächst, wo das lebendige Wort Gottes gehört und ver-kündigt wird. Damit ist aber wohl nicht gemeint, dass man einfach nur in Konfer oder bei der Sonntagspredigt gut zuhören müsste, und schon fängt der Glauben an zu wachsen. Hören, so, wie Paulus es versteht, ist mehr als nur stillsitzen und zuhören. Es ist mitdenken, mitmachen, ausprobieren. Es ist etwas Aktives. Und verkündigen ist mehr als nur ein paar schlaue Sätze sagen. Es heißt auch: vorleben, da sein, ansprechbar sein, auf Fragen reagieren. Ohne beides geht es nicht. Ohne Vorbilder, ohne eigenes Tun. Aber eine Garantie, dass das reicht und dass das klappt, gibt es auch nicht. Glauben ist ein Abenteuer. Deshalb freue ich mich, wenn Jugendliche abenteuerlustig und es probieren. Konfer, Gottesdienste, dass sind kleine Schritte, mehr nicht. Wie ernst sie gemeint sind, wohin sie führen: da können wir nur Gott vertrauen. Und uns Erwachsenen geht es doch oft ähnlich. Glauben ist ein Geschenk, das das Leben schöner macht. Weil er hilft, auch mit den dunklen Seiten im Leben, bei mir zurechtzukommen. Weil er hilft, auch bei anderen nicht nur das Dunkle zu sehen, sondern Hoffnung zu behalten. Über die Zeit, die uns hier gegeben ist, hinaus. Aber es ist ein Geschenk, das man manchmal ziemlich weit nach hinten ins Lebensregal stellt. Gut, dass Gott es uns nicht wegnimmt und wir es immer wieder nach vorne holen dürfen. Gut, dass es andere, die uns begegnen, manchmal nach vorne stellen. Gut, dass die Konfirmanden genauso wie jeder andere Erwachsene dieses Geschenk bekommen. Was daraus wird, wann ein Mensch es auspackt – das dürfen wir nicht nur in Gottes Hand legen, das müssen wir sogar dort hinein geben. Sonst wird aus seiner Einladung menschlicher Zwang und nicht göttliche Gnade.
Amen
Predigten und Gedanken aus der Thomaskirche auf dem Richtsberg in Marburg
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Sonntag, 26. September 2010
Sonntag, 12. September 2010
Selbstbewusst statt Selbstverliebt - 15. nach Trinitatis, 12.09.10, Reihe II
Text: 1. Petrus 5,5b-11
Liebe Gemeinde!
Manchmal macht es einem die Bibel gar nicht so leicht, zu verstehen, was da eigentlich gemeint ist. Da werden Wörter benutzt, die Konfirmanden wahrscheinlich gar nicht mehr kennen. Demut ist so ein Wort, das völlig aus der Mode gekommen ist. Wobei die Erfahrung, gedemütigt zu werden, leider nicht genauso aus dem Alltag verschwunden ist. Ich glaube, dass viele ältere genau wissen, was das ist. Ich denke an ältere und alte Menschen, die aus Russland zu uns gekommen sind. Bis zum zweiten Weltkrieg konnten sie in ihrer angestammten Heimat an der Wolga leben. Dann waren sie auf einmal die Faschisten, wurden vertrieben, zur Zwangsarbeit geknechtet, mussten unter unwürdigen Be-dingungen leben. Nur, weil Deutsch ihre Muttersprache war. Die Sprache wurde verboten, lange auch Gottesdienste und öffentlich zu bekennen, dass man an Gott glaubt. „Ihr seid weniger wert als wir Russen“, das bekamen viele jeden Tag zu spüren. Und dann kamen immer mehr nach Deutschland. Hier waren sie dann zwar nicht mehr die Faschisten, aber plötzlich doch „die Russen“. Und wenn es irgendwo Probleme gab, dann wurde schnell gesagt: „Das sind doch die Russen, die saufen zu viel, die sprechen zu schlecht Deutsch!“ Funktioniert ja auch mit jeder Menge anderer Menschen. Demütigen, das heißt doch nichts anderes, als einem Menschen klar zu machen: „du bist weniger wert, du bist das Letzte!“ Jugendliche heute würden wahrscheinlich nicht „demütigen“ sagen, sie würden „mobben“ oder „dissen“ sagen oder einfach „das sind die Opfer“. Das Wort „demütigen“ ist aus der Mode gekommen. Dum-merweise aber nicht die Versuchung, dass Menschen sich gegenseitig schlecht machen, Schwächere unterdrücken und ausnutzen und manchmal auch noch stolz drauf sind, dass sie ganz oben stehen und auf Opfer herunterschauen können.
Und dann schreibt da einer im 1. Petrusbrief in der Bibel demütigt euch unter die Hand Gottes. Soll das jetzt hei-ßen: „Lasst euch von Gott zum Opfer machen! Lasst euch kleinmachen, unterdrücken!“? Das ergibt doch kei-nen Sinn! Nein, es ist etwas anderes, was hier gemeint ist. „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“, so beginnt der Teil des Briefes, der für heute Predigttext ist. Gott ist nicht auf der Seite der Menschen, die sich für etwas Besseres halten. Er ist nicht auf der Seite der Menschen, die Opfer brauchen, damit sie sich gut und wichtig fühlen. Er lässt sich nicht blenden von klugem Geschwätz oder Reichtum. Menschen, die glauben, dass sie was Besseres sind – leider gibt es viel zu viele Beispiele dafür. Besonders ekelhaft finde ich Menschen, die Gott auch noch für ihren Hochmut missbrauchen. Prediger, die behaupten, sie würden Gottes Wort verkünden und dann davon erzählen, dass Christen, vor allem die, die so an Gott glauben, wie diese Prediger behaupten, dass es der richtige Weg sei, besser seien als Menschen mit einer anderen Religion. Christen, die behaupten, Muslime wären vom Teufel oder man müsse den Koran verbrennen – das ist widerwärtiger Hochmut. Islamische Fanatiker, die es ja gibt, sind kein Grund, als christlicher Glaube getarnte Dummheit zu entschuldigen. Menschen, die behaupten, Araber oder Afrikaner seien auf Grund ihrer Gene weniger intelligent, Menschen, für die Menschsein erst mit dem Abitur anfängt – oder Menschen, die behaupten, Gymnasiasten wären arrogant oder hätten keine Ahnung von der Wirklichkeit, die könne man ruhig mal verprügeln oder abziehen. Arroganz, Hochmut gibt es viel zu oft. Gott lässt sich von Blendern nicht irre machen. Wenn das Hochmut ist, dann heißt Demut nicht, sich fertigmachen lassen oder sich klein und schlecht fühlen müssen, sondern sich mit seinen Grenzen als Mensch unter Menschen zu ak-zeptieren. Demut in diesem Sinn, wie es hier in der Bibel gebraucht wird, heißt, nicht besserwisserisch andere bevormunden zu wollen, sondern als Gleicher unter Gleichen zu leben, gemeinsam unter der Hand und dem Schutz Gottes zu leben. In der Bibel steht ja nicht: Lasst euch von Menschen demütigen! Es steht dort: demütigt euch unter die Hand Gottes – erkennt, dass ihr Menschen seid, die nicht über andere vernichtende Urteile fällen müssen, sondern die miteinander vor Gott leben.
Dem, der diesen Brief in der Bibel geschrieben hat, geht es um ein ganz konkretes Problem. Es gab einige Älteste in den Gemeinden, Gemeindeleiter also, die kraftlos geworden waren. Ihnen ging es vor allem darum, durch die Spenden der Gemeinden eine Absicherung zu bekommen und durch ihr Amt besser dazustehen als andere. Sie glaubten, nur weil sie dieses Amt hatten, seien sie mehr wert. Und es gab einige junge Leute, die sagten: „Das, was die Alten machen, ist Quatsch! Wir wissen, wie Glauben richtig gelebt werden kann, die Alten haben doch längst keine Ahnung mehr!“ In dieser Situation schreibt der Petrusbrief: „Seid nicht hochmütig, denkt nicht, dass ihr besser wäret. Ihr steht gemeinsam vor und unter Gott. Gebt zu, dass ihr auch klein seid, Grenzen habt, nicht alles könnt und wisst.“ Alle eure Sorge werft auf ihn, auf Gott, denn er sorgt für euch! Das ist die große Zusage, die Gott uns macht. Ihr müsst nicht darum kämpfen, der Größte, Stärkste, Beste zu sein. Ihr müsst nicht gegeneinander arbeiten, damit ihr am Ende ganz oben steht. Ihr braucht keine Angst davor zu haben, zu klein, zu alt, zu jung zu sein. Gott kann mit euch etwas anfangen. Und auch dann, wenn ihr das Gefühl habt, mit euch selbst gar nicht mehr zurecht zu kommen, will er da sein und euch geben, was ihr zum Leben braucht.
Ich gebe zu, dass es im normalen Alltag schwer fällt, da-rauf zu vertrauen. Da erlebe ich, dass nicht diejenigen vorn sind, die sich zurückhalten können. Durchsetzungs-fähige Kämpfer scheinen gefragter zu sein. Selbstbewuss-te, die anführen können und von sich überzeugt sind. Ge-gen Selbstbewusstsein ist ja nichts zu sagen, im Gegen-teil. Nur leider wird viel zu oft Selbstbewusstsein mit Selbstverliebtheit verwechselt. Wirklich stark, wirklich selbstbewusst ist doch eigentlich der, der auch mal verzichten kann, der anderen zu ihrem Vorteil und zu ihrem Recht verhelfen kann, ohne dabei zu kurz zu kommen. Selbstbewusst ist doch der, der weiß: Ich bin was wert, auch wenn ich nicht immer an erster Stelle stehe oder wenn ich mal im Unrecht bin. In Jesus hat Gott uns doch gezeigt, dass die wahre Kraft und Stärke darin liegt, vor Niederlagen, vor dem Leid nicht davonzulaufen. Aus der scheinbaren Niederlage, aus dem Tod am Kreuz ist der Sieg des Lebens geworden. Macht über das Leben hat der, der das ganze Leben in sich aufnimmt – nicht der, der vor den Schattenseiten da-vonläuft oder sie ständig überspielt und versteckt.
Und da sind wir jetzt bei der Versuchung, von der der Brief auch erzählt. Er erzählt vom Teufel, der wie ein brüllender Löwe Leben verschlingen will. Der Teufel, das Böse – das ist keine Gestalt mit Hörnern und Pferdefuß, die Menschen frisst. Das Böse, das ist das, was Menschen an Möglichkeiten haben, einander weh zu tun. Das ist die Macht, die Menschen haben, einander Schreckliches anzutun. Das Böse ist da – aber nicht als gegengöttliche Person, sondern als Versuchung, die eigene Macht gegen andere auszuspielen. Als Versuchung, sich selbst auf den Thron zu setzen, der Gott gebührt. Das gibt es im persönlichen Bereich wie im gesellschaftlichen und politischen Bereich. Die Versuchung ist da, Schwächere auszunutzen, einen Vorteil daraus zu ziehen, das andere Lügen nicht gleich durchschauen, das andere einem Vertrauen schenken. Die Versuchung ist da, von Gott nichts mehr wissen zu wollen und ihn für das verantwortlich zu machen, was Menschen einander antun. Kriege oder sinnloses Leid und Verfolgung. Die Versuchung ist da, wenn auch in Kirchen, Gemeinden, in der Politik, nach Sündenböcken zu suchen: früher Juden, heute Muslime und Einwanderer. Die Versuchung ist da, den eigenen Lebensstil, die eigene Politik nicht nur für gut zu halten, sondern anderen aufzwingen zu wollen. Das alles und noch viel mehr nährt das Böse. Überheblichkeit ist eine der großen Grundversuchungen, eine Wurzel des Bösen. Das Gefühl: ich muss mehr haben, ich muss besser sein, nur dann gelte ich was. Es ist der einfachere Weg im Le-ben, weil er scheinbar schnell zu sichtbarem Erfolg führt. Das, was mit Demut beschrieben wird, sich zurückneh-men können, aufeinander achten, Selbstbewusstsein nicht als Selbstverliebtheit zu leben, sondern als Wissen: Ich bin was wert, egal wo ich auf welcher Rangliste auch immer stehe, ist der härtere Weg. Im besten Fall erntet man mitleidiges Lächeln, im schlimmsten Fall ertragen die, die ihre Lebensenergie aus Demütigungen beziehen dieses Leben nicht – wie bei Dietrich Bonhoeffer, dem Pfarrer, der von den Nazis ermordet wurde, Martin Luther King, der sich für die Gleichberechtigung der Rassen eingesetzt hat. Aber dieser Weg der Demut mit großem Selbstvertrauen ist der, von dem Gott verspricht, dass er sich durchsetzt und ewig sein wird.
Amen
Liebe Gemeinde!
Manchmal macht es einem die Bibel gar nicht so leicht, zu verstehen, was da eigentlich gemeint ist. Da werden Wörter benutzt, die Konfirmanden wahrscheinlich gar nicht mehr kennen. Demut ist so ein Wort, das völlig aus der Mode gekommen ist. Wobei die Erfahrung, gedemütigt zu werden, leider nicht genauso aus dem Alltag verschwunden ist. Ich glaube, dass viele ältere genau wissen, was das ist. Ich denke an ältere und alte Menschen, die aus Russland zu uns gekommen sind. Bis zum zweiten Weltkrieg konnten sie in ihrer angestammten Heimat an der Wolga leben. Dann waren sie auf einmal die Faschisten, wurden vertrieben, zur Zwangsarbeit geknechtet, mussten unter unwürdigen Be-dingungen leben. Nur, weil Deutsch ihre Muttersprache war. Die Sprache wurde verboten, lange auch Gottesdienste und öffentlich zu bekennen, dass man an Gott glaubt. „Ihr seid weniger wert als wir Russen“, das bekamen viele jeden Tag zu spüren. Und dann kamen immer mehr nach Deutschland. Hier waren sie dann zwar nicht mehr die Faschisten, aber plötzlich doch „die Russen“. Und wenn es irgendwo Probleme gab, dann wurde schnell gesagt: „Das sind doch die Russen, die saufen zu viel, die sprechen zu schlecht Deutsch!“ Funktioniert ja auch mit jeder Menge anderer Menschen. Demütigen, das heißt doch nichts anderes, als einem Menschen klar zu machen: „du bist weniger wert, du bist das Letzte!“ Jugendliche heute würden wahrscheinlich nicht „demütigen“ sagen, sie würden „mobben“ oder „dissen“ sagen oder einfach „das sind die Opfer“. Das Wort „demütigen“ ist aus der Mode gekommen. Dum-merweise aber nicht die Versuchung, dass Menschen sich gegenseitig schlecht machen, Schwächere unterdrücken und ausnutzen und manchmal auch noch stolz drauf sind, dass sie ganz oben stehen und auf Opfer herunterschauen können.
Und dann schreibt da einer im 1. Petrusbrief in der Bibel demütigt euch unter die Hand Gottes. Soll das jetzt hei-ßen: „Lasst euch von Gott zum Opfer machen! Lasst euch kleinmachen, unterdrücken!“? Das ergibt doch kei-nen Sinn! Nein, es ist etwas anderes, was hier gemeint ist. „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“, so beginnt der Teil des Briefes, der für heute Predigttext ist. Gott ist nicht auf der Seite der Menschen, die sich für etwas Besseres halten. Er ist nicht auf der Seite der Menschen, die Opfer brauchen, damit sie sich gut und wichtig fühlen. Er lässt sich nicht blenden von klugem Geschwätz oder Reichtum. Menschen, die glauben, dass sie was Besseres sind – leider gibt es viel zu viele Beispiele dafür. Besonders ekelhaft finde ich Menschen, die Gott auch noch für ihren Hochmut missbrauchen. Prediger, die behaupten, sie würden Gottes Wort verkünden und dann davon erzählen, dass Christen, vor allem die, die so an Gott glauben, wie diese Prediger behaupten, dass es der richtige Weg sei, besser seien als Menschen mit einer anderen Religion. Christen, die behaupten, Muslime wären vom Teufel oder man müsse den Koran verbrennen – das ist widerwärtiger Hochmut. Islamische Fanatiker, die es ja gibt, sind kein Grund, als christlicher Glaube getarnte Dummheit zu entschuldigen. Menschen, die behaupten, Araber oder Afrikaner seien auf Grund ihrer Gene weniger intelligent, Menschen, für die Menschsein erst mit dem Abitur anfängt – oder Menschen, die behaupten, Gymnasiasten wären arrogant oder hätten keine Ahnung von der Wirklichkeit, die könne man ruhig mal verprügeln oder abziehen. Arroganz, Hochmut gibt es viel zu oft. Gott lässt sich von Blendern nicht irre machen. Wenn das Hochmut ist, dann heißt Demut nicht, sich fertigmachen lassen oder sich klein und schlecht fühlen müssen, sondern sich mit seinen Grenzen als Mensch unter Menschen zu ak-zeptieren. Demut in diesem Sinn, wie es hier in der Bibel gebraucht wird, heißt, nicht besserwisserisch andere bevormunden zu wollen, sondern als Gleicher unter Gleichen zu leben, gemeinsam unter der Hand und dem Schutz Gottes zu leben. In der Bibel steht ja nicht: Lasst euch von Menschen demütigen! Es steht dort: demütigt euch unter die Hand Gottes – erkennt, dass ihr Menschen seid, die nicht über andere vernichtende Urteile fällen müssen, sondern die miteinander vor Gott leben.
Dem, der diesen Brief in der Bibel geschrieben hat, geht es um ein ganz konkretes Problem. Es gab einige Älteste in den Gemeinden, Gemeindeleiter also, die kraftlos geworden waren. Ihnen ging es vor allem darum, durch die Spenden der Gemeinden eine Absicherung zu bekommen und durch ihr Amt besser dazustehen als andere. Sie glaubten, nur weil sie dieses Amt hatten, seien sie mehr wert. Und es gab einige junge Leute, die sagten: „Das, was die Alten machen, ist Quatsch! Wir wissen, wie Glauben richtig gelebt werden kann, die Alten haben doch längst keine Ahnung mehr!“ In dieser Situation schreibt der Petrusbrief: „Seid nicht hochmütig, denkt nicht, dass ihr besser wäret. Ihr steht gemeinsam vor und unter Gott. Gebt zu, dass ihr auch klein seid, Grenzen habt, nicht alles könnt und wisst.“ Alle eure Sorge werft auf ihn, auf Gott, denn er sorgt für euch! Das ist die große Zusage, die Gott uns macht. Ihr müsst nicht darum kämpfen, der Größte, Stärkste, Beste zu sein. Ihr müsst nicht gegeneinander arbeiten, damit ihr am Ende ganz oben steht. Ihr braucht keine Angst davor zu haben, zu klein, zu alt, zu jung zu sein. Gott kann mit euch etwas anfangen. Und auch dann, wenn ihr das Gefühl habt, mit euch selbst gar nicht mehr zurecht zu kommen, will er da sein und euch geben, was ihr zum Leben braucht.
Ich gebe zu, dass es im normalen Alltag schwer fällt, da-rauf zu vertrauen. Da erlebe ich, dass nicht diejenigen vorn sind, die sich zurückhalten können. Durchsetzungs-fähige Kämpfer scheinen gefragter zu sein. Selbstbewuss-te, die anführen können und von sich überzeugt sind. Ge-gen Selbstbewusstsein ist ja nichts zu sagen, im Gegen-teil. Nur leider wird viel zu oft Selbstbewusstsein mit Selbstverliebtheit verwechselt. Wirklich stark, wirklich selbstbewusst ist doch eigentlich der, der auch mal verzichten kann, der anderen zu ihrem Vorteil und zu ihrem Recht verhelfen kann, ohne dabei zu kurz zu kommen. Selbstbewusst ist doch der, der weiß: Ich bin was wert, auch wenn ich nicht immer an erster Stelle stehe oder wenn ich mal im Unrecht bin. In Jesus hat Gott uns doch gezeigt, dass die wahre Kraft und Stärke darin liegt, vor Niederlagen, vor dem Leid nicht davonzulaufen. Aus der scheinbaren Niederlage, aus dem Tod am Kreuz ist der Sieg des Lebens geworden. Macht über das Leben hat der, der das ganze Leben in sich aufnimmt – nicht der, der vor den Schattenseiten da-vonläuft oder sie ständig überspielt und versteckt.
Und da sind wir jetzt bei der Versuchung, von der der Brief auch erzählt. Er erzählt vom Teufel, der wie ein brüllender Löwe Leben verschlingen will. Der Teufel, das Böse – das ist keine Gestalt mit Hörnern und Pferdefuß, die Menschen frisst. Das Böse, das ist das, was Menschen an Möglichkeiten haben, einander weh zu tun. Das ist die Macht, die Menschen haben, einander Schreckliches anzutun. Das Böse ist da – aber nicht als gegengöttliche Person, sondern als Versuchung, die eigene Macht gegen andere auszuspielen. Als Versuchung, sich selbst auf den Thron zu setzen, der Gott gebührt. Das gibt es im persönlichen Bereich wie im gesellschaftlichen und politischen Bereich. Die Versuchung ist da, Schwächere auszunutzen, einen Vorteil daraus zu ziehen, das andere Lügen nicht gleich durchschauen, das andere einem Vertrauen schenken. Die Versuchung ist da, von Gott nichts mehr wissen zu wollen und ihn für das verantwortlich zu machen, was Menschen einander antun. Kriege oder sinnloses Leid und Verfolgung. Die Versuchung ist da, wenn auch in Kirchen, Gemeinden, in der Politik, nach Sündenböcken zu suchen: früher Juden, heute Muslime und Einwanderer. Die Versuchung ist da, den eigenen Lebensstil, die eigene Politik nicht nur für gut zu halten, sondern anderen aufzwingen zu wollen. Das alles und noch viel mehr nährt das Böse. Überheblichkeit ist eine der großen Grundversuchungen, eine Wurzel des Bösen. Das Gefühl: ich muss mehr haben, ich muss besser sein, nur dann gelte ich was. Es ist der einfachere Weg im Le-ben, weil er scheinbar schnell zu sichtbarem Erfolg führt. Das, was mit Demut beschrieben wird, sich zurückneh-men können, aufeinander achten, Selbstbewusstsein nicht als Selbstverliebtheit zu leben, sondern als Wissen: Ich bin was wert, egal wo ich auf welcher Rangliste auch immer stehe, ist der härtere Weg. Im besten Fall erntet man mitleidiges Lächeln, im schlimmsten Fall ertragen die, die ihre Lebensenergie aus Demütigungen beziehen dieses Leben nicht – wie bei Dietrich Bonhoeffer, dem Pfarrer, der von den Nazis ermordet wurde, Martin Luther King, der sich für die Gleichberechtigung der Rassen eingesetzt hat. Aber dieser Weg der Demut mit großem Selbstvertrauen ist der, von dem Gott verspricht, dass er sich durchsetzt und ewig sein wird.
Amen
Montag, 23. August 2010
Stop! - Alles auf Neuanfang - 12. n. Trinitatis, 22.08.10, Reihe II
Text: Apostelgeschichte 9,1-20
Liebe Gemeinde!
Alles wird anders! Manchmal ist die Hoffnung auf Veränderung, auf einen Neuanfang, die einzige Hoffnung, die bleibt. Dann, wenn im Moment die ganze Welt gegen eine zu stehen scheint. In der Schule klappt’s gar nicht, weder mit den Lehrern noch in der Klasse. Mit den Eltern auch nicht, die haben immer was zu meckern, da macht man im Moment alles falsch. Alles wird anders – hoffentlich! Wenn die Sorge um das Geld, die Arbeitslosigkeit, um die Alkoholsucht beim Ehepartner, beim Kind oder Enkel das Leben beherrscht. Alles wird anders – hoffentlich! Wenn die Flutwelle das ganze Hab und Gut weggespült hat. Wenn die Trauer über einen Menschen, der gestorben ist, übermächtig wird. Wenn einem die Kindheit gestohlen wird, weil man für die Familie arbeiten muss, weil Vater und Mutter sich aus dem Staub gemacht haben. Alles wird anders - hoffent-lich! Oder auch: Bloß nicht! Alles wird anders - keine schöne Vorstellung, wenn man sich gerade wohl fühlt, viele Freunde hat, ganz genau weiß, was man will. Alles wird anders – bloß nicht, wenn man gerade glaubt, wirklich Halt gefunden zu haben. Bloß keine Veränderungen! Alles, was anders ist oder wird, scheint eine Bedrohung zu sein. So dachte wohl auch Saulus, als er sich auf den Weg nach Damaskus machte. Wieso glauben Menschen anders an Gott als ich? Mein Glauben ist richtig, da muss doch alles andere Gotteslästerung sein! Gott gebührt die Ehre – und deshalb müssen alle, die anders von ihm reden, anders an ihn glauben, mundtot gemacht werden. Saulus kann das nicht ertragen. Es macht ihn wütend. Und deshalb möchte er alle, die vom richtigen Glauben, so wie er ihn überliefert bekommen hat, abweichen, verhaften, anklagen, bestra-fen. Bloß keine Veränderung! Aber Jesus stellt sich ihm in den Weg. Unsichtbar, aber doch spürbar, hörbar. Sau-lus ändert sich nicht sofort. Er kann nicht mehr weitermachen wie bisher. Er braucht Zeit. Er sieht nichts mehr. Er, der so aktiv war, muss sich nun auf andere ver-lassen. Er braucht Zeit, um mit sich und Gott ins Reine zu kommen. Alte Geschichte aus der Bibel – kann man sagen, ganz klar. Fast 2000 Jahre alt. Aber aufgeladen mit viel Hoffnung für heute. Jesus tritt Saulus in den Weg, der auf dem Weg ist, Hass, Intoleranz, Unrecht zu verbreiten. Er tritt ihm in den Weg, als er auf einem völlig falschen Weg ist. Für mich ein Grund, die Hoffnung für Menschen, die sich auf solche Wege begeben, nicht völlig aufzugeben. Umkehr zum Leben, das ist nicht nur eine Sache des guten Willens, sondern es braucht den, der einem dabei in den Weg tritt. Vielleicht auch ein Teil der Hoffnung, mit der Eltern ihr Kind taufen. Dann, wenn wir es loslassen müssen, wenn es eigene Wege geht, die auch mal in die Irre führen können, wird Jesus ihm hoffentlich in den Weg treten und ihm die Chance geben, umzukehren und sich dem Weg und einen neuen Weg zu gehen. Gott gibt niemanden verloren. Menschen können sich verändern. Dazu gehört aber eben auch die Bereitschaft, in sich zu gehen und das Verhältnis zu sich selbst und zu Gott in Ordnung zu bringen. Drei Tage tut Saulus nichts anderes. Auch das muss gerade ich mir immer wieder sagen lassen und eingestehen – es ist eine Sache, wahrzunehmen, zu hören, dass ich auf einem Weg bin, der zu nichts Gutem führt – es ist eine andere Sache, diese Einladung zur Umkehr wirklich anzunehmen und sich und Gott die Zeit zu geben, den Neuanfang zu starten. Wann nehme ich mir denn mal drei Tage Zeit, so wie Saulus, um mich auf den Weg, den Gott mit mir gehen will, einzustimmen. Da ist die Kirchenvorstandssitzung, die Mitarbeiterbesprechung, die Konferenz, die Predigt für den Sonntagsgottesdienst, die Schule, der Seniorennachmittag, die Beerdigung, die Taufe, der Gottesdienst im Altersheim, der Geburtstagsbesuch – lauter wichtige Sachen, die erledigt werden müssen. Zeit zum Hören ist vielleicht noch da. Das geht schnell. Aber Zeit, um das von Gott Gehörte zu verarbeiten, mit Leben zu füllen? Wir müssen nicht bei den ganz schlimmen und bösen Menschen, bei Verbrechern, bei Menschen, die andere wegen ihres Glau-bens oder ihrer Nationalität verfolgen, anfangen. Wir können, das lehrt mich die Geschichte von Saulus, ruhig bei uns anfangen, wenn’s darum geht, das Gott auf falschen Wegen durchaus in den Weg tritt, das Umkehr aber auch heißt, sich Zeit zu nehmen und Verhältnisse in Ordnung zu bringen.
Saulus nimmt sich die Zeit. Vielleicht zwangsweise, durch seine Blindheit. Aber er nimmt sie sich. Und dann taucht für mich der eigentliche menschliche Star dieser Geschichte auf: Hananias. Für mich ist er der eigentliche Held der Geschichte. Alles wird anders – manchmal sind ja auch Zweifel angebracht. Saulus, derjenige, der ihn und die Gemeinde verfolgen wollte, der ihnen Böses wollte, der in Kauf genommen hätte, dass sie wegen ihres Glaubens umgebracht würden – hat der sich wirklich verändert? Kann wirklich alles anders werden? Können sich Menschen wirklich ändern oder gilt: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht…“? Hananias hat seine Zweifel, aber er traut seinem Glauben, er traut Jesus zu, dass die Begegnung mit ihm Menschen verändert. Letztlich ja eben auch ihn. Er ist bereit, auf Saulus zuzugehen, ihm den Weg in ein neues Leben zu öffnen.
Es ist schon nicht leicht, umzukehren. Es ist schon nicht leicht, Fehler, Schuld einzusehen, einzugestehen und um Vergebung zu bitten. Aber wieviel schwerer ist es, diese Vergebung zu leben und dem, der schuldig geworden ist, neue Wege ins Leben zu öffnen?! Die Begegnung mit Hananias, mit einem Menschen, der bereit ist, zu verge-ben, öffnet Saulus die Augen und lässt ihn dann endgültig zu einem neuen Menschen werden. Hananias überwindet seine Zweifel und lässt sich von Gott anstecken, die Vergebung und den Neuanfang, den Gott Saulus schenkt, mit konkretem Leben zu füllen. Für mich ist das der entscheidende Schritt, damit aus dem Christenverfolger Saulus der Missionar Paulus, der vielen Menschen den Zugang zu Gott geöffnet und erleichtert hat, werden kann. Hananias ist bereit, Saulus Vergebung zu gewähren und einen Neuanfang zu schenken. Er ist bereit, Jesus auch an dieser Stelle wirklich nachzufolgen. Für mich ist das die ganz große Anfrage, an mich persönlich, an uns als Gemeinde, an jeden von uns, der als Christ lebt: Bist du bereit, dort, wo Gott vergibt und einen Neuanfang schenkt, auch zu vergeben und so anderen einen Neuanfang, offene Augen für das Leben, zu schenken? Eine Frage, die sich leicht mit „Ja“ beantworten lässt, wenn’s einen nicht wirklich betrifft. Wenn ich an mich denke: Es fällt mir nicht schwer, einem Schüler, der von einer anderen Schule strafversetzt wurde, der sich bemüht, die Chance, die ihm gegeben wird, zu ergreifen, freundlich zu begegnen und ihn oder sie zu unterstützen. Ich denke, da findet jede und jeder auch andere Beispiele für sich selbst. Schwerer ist es da, wo ich weiß, dass mich jemand beklaut oder angelogen hat. Da zu vergeben, darauf zu vertrauen, dass der Neuanfang, den ich ihm schenke, letztlich von Gott gegeben ist und sich zum Guten auswirkt und von dem, der geklaut hat, nicht als Zeichen von Schwäche gesehen wird, ist sehr viel schwerer. Und wenn’s darum gehen würde, dass jemand mir, meiner Familie, meinen Freunden nach dem Leben getrachtet hätte – so wie da ja bei Saulus und Hananias der Fall war – ich weiß nicht, ob ich die Größe von Hananias gehabt hätte, zu Saulus zu gehen, zu dem, von dem ich weiß, dass er mein Leben, meinen Glauben verfolgte und mich hasste. Hananias ist für mich die wichtigste Person in der Geschichte. Ohne ihn, ohne seine Bereitschaft, die Vergebung, die Gott schenkt, mit eigener Vergebungsbereitschaft zu füllen, wären Saulus nie die Augen aufgegangen. Mich per-sönlich stellt Hananias noch sehr viel deutlicher vor die Frage, ob ich bereit bin, der Veränderung, dem Neuanfang, den Gott durch Jesus schenkt, wirklich zu trauen. Alles wird anders – zum Guten! Kann ich das Hören? Und wenn ja, kann ich das nicht nur hören, sondern auch annehmen und mit Leben füllen? Und wenn ja, gilt das nur für mich und mein Leben oder traue ich auch den Neuanfängen, die Gott anderen schenkt und bin ich bereit, wirklich auf sie zuzugehen und Gott mehr zu trauen als meinen Vorbehalten? Unsere Lebenswirklichkeit lehrt uns, nicht jedem Menschen zu vertrauen. Gebe Gott, dass wir den Mut bekommen, ihm dafür umso mehr zu trauen und Schritte aufeinander zuzugehen. Gebe Gott, dass dadurch uns und anderen die Augen geöffnet werden, dass immer mehr Menschen wirklich zum Leben umkehren. Gebe Gott, dass alles anders wird – für Menschen, die sich in ihrem Hass verrannt haben genauso wie für die Flutopfer, für ausgebeutete, missbrauchte Kinder genauso wie für alle, die in ihrem Misstrauen und in ihrer Angst gefangen sind. Durch Jesus, der Menschen in den Weg tritt. Durch Men-schen, die bereit sind, sich Zeit zu nehmen und in sich zu gehen. Durch Menschen, die bereit sind, Gottes Verge-bung mit Leben zu füllen. Auch durch mich? Auch durch uns?
Amen
Liebe Gemeinde!
Alles wird anders! Manchmal ist die Hoffnung auf Veränderung, auf einen Neuanfang, die einzige Hoffnung, die bleibt. Dann, wenn im Moment die ganze Welt gegen eine zu stehen scheint. In der Schule klappt’s gar nicht, weder mit den Lehrern noch in der Klasse. Mit den Eltern auch nicht, die haben immer was zu meckern, da macht man im Moment alles falsch. Alles wird anders – hoffentlich! Wenn die Sorge um das Geld, die Arbeitslosigkeit, um die Alkoholsucht beim Ehepartner, beim Kind oder Enkel das Leben beherrscht. Alles wird anders – hoffentlich! Wenn die Flutwelle das ganze Hab und Gut weggespült hat. Wenn die Trauer über einen Menschen, der gestorben ist, übermächtig wird. Wenn einem die Kindheit gestohlen wird, weil man für die Familie arbeiten muss, weil Vater und Mutter sich aus dem Staub gemacht haben. Alles wird anders - hoffent-lich! Oder auch: Bloß nicht! Alles wird anders - keine schöne Vorstellung, wenn man sich gerade wohl fühlt, viele Freunde hat, ganz genau weiß, was man will. Alles wird anders – bloß nicht, wenn man gerade glaubt, wirklich Halt gefunden zu haben. Bloß keine Veränderungen! Alles, was anders ist oder wird, scheint eine Bedrohung zu sein. So dachte wohl auch Saulus, als er sich auf den Weg nach Damaskus machte. Wieso glauben Menschen anders an Gott als ich? Mein Glauben ist richtig, da muss doch alles andere Gotteslästerung sein! Gott gebührt die Ehre – und deshalb müssen alle, die anders von ihm reden, anders an ihn glauben, mundtot gemacht werden. Saulus kann das nicht ertragen. Es macht ihn wütend. Und deshalb möchte er alle, die vom richtigen Glauben, so wie er ihn überliefert bekommen hat, abweichen, verhaften, anklagen, bestra-fen. Bloß keine Veränderung! Aber Jesus stellt sich ihm in den Weg. Unsichtbar, aber doch spürbar, hörbar. Sau-lus ändert sich nicht sofort. Er kann nicht mehr weitermachen wie bisher. Er braucht Zeit. Er sieht nichts mehr. Er, der so aktiv war, muss sich nun auf andere ver-lassen. Er braucht Zeit, um mit sich und Gott ins Reine zu kommen. Alte Geschichte aus der Bibel – kann man sagen, ganz klar. Fast 2000 Jahre alt. Aber aufgeladen mit viel Hoffnung für heute. Jesus tritt Saulus in den Weg, der auf dem Weg ist, Hass, Intoleranz, Unrecht zu verbreiten. Er tritt ihm in den Weg, als er auf einem völlig falschen Weg ist. Für mich ein Grund, die Hoffnung für Menschen, die sich auf solche Wege begeben, nicht völlig aufzugeben. Umkehr zum Leben, das ist nicht nur eine Sache des guten Willens, sondern es braucht den, der einem dabei in den Weg tritt. Vielleicht auch ein Teil der Hoffnung, mit der Eltern ihr Kind taufen. Dann, wenn wir es loslassen müssen, wenn es eigene Wege geht, die auch mal in die Irre führen können, wird Jesus ihm hoffentlich in den Weg treten und ihm die Chance geben, umzukehren und sich dem Weg und einen neuen Weg zu gehen. Gott gibt niemanden verloren. Menschen können sich verändern. Dazu gehört aber eben auch die Bereitschaft, in sich zu gehen und das Verhältnis zu sich selbst und zu Gott in Ordnung zu bringen. Drei Tage tut Saulus nichts anderes. Auch das muss gerade ich mir immer wieder sagen lassen und eingestehen – es ist eine Sache, wahrzunehmen, zu hören, dass ich auf einem Weg bin, der zu nichts Gutem führt – es ist eine andere Sache, diese Einladung zur Umkehr wirklich anzunehmen und sich und Gott die Zeit zu geben, den Neuanfang zu starten. Wann nehme ich mir denn mal drei Tage Zeit, so wie Saulus, um mich auf den Weg, den Gott mit mir gehen will, einzustimmen. Da ist die Kirchenvorstandssitzung, die Mitarbeiterbesprechung, die Konferenz, die Predigt für den Sonntagsgottesdienst, die Schule, der Seniorennachmittag, die Beerdigung, die Taufe, der Gottesdienst im Altersheim, der Geburtstagsbesuch – lauter wichtige Sachen, die erledigt werden müssen. Zeit zum Hören ist vielleicht noch da. Das geht schnell. Aber Zeit, um das von Gott Gehörte zu verarbeiten, mit Leben zu füllen? Wir müssen nicht bei den ganz schlimmen und bösen Menschen, bei Verbrechern, bei Menschen, die andere wegen ihres Glau-bens oder ihrer Nationalität verfolgen, anfangen. Wir können, das lehrt mich die Geschichte von Saulus, ruhig bei uns anfangen, wenn’s darum geht, das Gott auf falschen Wegen durchaus in den Weg tritt, das Umkehr aber auch heißt, sich Zeit zu nehmen und Verhältnisse in Ordnung zu bringen.
Saulus nimmt sich die Zeit. Vielleicht zwangsweise, durch seine Blindheit. Aber er nimmt sie sich. Und dann taucht für mich der eigentliche menschliche Star dieser Geschichte auf: Hananias. Für mich ist er der eigentliche Held der Geschichte. Alles wird anders – manchmal sind ja auch Zweifel angebracht. Saulus, derjenige, der ihn und die Gemeinde verfolgen wollte, der ihnen Böses wollte, der in Kauf genommen hätte, dass sie wegen ihres Glaubens umgebracht würden – hat der sich wirklich verändert? Kann wirklich alles anders werden? Können sich Menschen wirklich ändern oder gilt: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht…“? Hananias hat seine Zweifel, aber er traut seinem Glauben, er traut Jesus zu, dass die Begegnung mit ihm Menschen verändert. Letztlich ja eben auch ihn. Er ist bereit, auf Saulus zuzugehen, ihm den Weg in ein neues Leben zu öffnen.
Es ist schon nicht leicht, umzukehren. Es ist schon nicht leicht, Fehler, Schuld einzusehen, einzugestehen und um Vergebung zu bitten. Aber wieviel schwerer ist es, diese Vergebung zu leben und dem, der schuldig geworden ist, neue Wege ins Leben zu öffnen?! Die Begegnung mit Hananias, mit einem Menschen, der bereit ist, zu verge-ben, öffnet Saulus die Augen und lässt ihn dann endgültig zu einem neuen Menschen werden. Hananias überwindet seine Zweifel und lässt sich von Gott anstecken, die Vergebung und den Neuanfang, den Gott Saulus schenkt, mit konkretem Leben zu füllen. Für mich ist das der entscheidende Schritt, damit aus dem Christenverfolger Saulus der Missionar Paulus, der vielen Menschen den Zugang zu Gott geöffnet und erleichtert hat, werden kann. Hananias ist bereit, Saulus Vergebung zu gewähren und einen Neuanfang zu schenken. Er ist bereit, Jesus auch an dieser Stelle wirklich nachzufolgen. Für mich ist das die ganz große Anfrage, an mich persönlich, an uns als Gemeinde, an jeden von uns, der als Christ lebt: Bist du bereit, dort, wo Gott vergibt und einen Neuanfang schenkt, auch zu vergeben und so anderen einen Neuanfang, offene Augen für das Leben, zu schenken? Eine Frage, die sich leicht mit „Ja“ beantworten lässt, wenn’s einen nicht wirklich betrifft. Wenn ich an mich denke: Es fällt mir nicht schwer, einem Schüler, der von einer anderen Schule strafversetzt wurde, der sich bemüht, die Chance, die ihm gegeben wird, zu ergreifen, freundlich zu begegnen und ihn oder sie zu unterstützen. Ich denke, da findet jede und jeder auch andere Beispiele für sich selbst. Schwerer ist es da, wo ich weiß, dass mich jemand beklaut oder angelogen hat. Da zu vergeben, darauf zu vertrauen, dass der Neuanfang, den ich ihm schenke, letztlich von Gott gegeben ist und sich zum Guten auswirkt und von dem, der geklaut hat, nicht als Zeichen von Schwäche gesehen wird, ist sehr viel schwerer. Und wenn’s darum gehen würde, dass jemand mir, meiner Familie, meinen Freunden nach dem Leben getrachtet hätte – so wie da ja bei Saulus und Hananias der Fall war – ich weiß nicht, ob ich die Größe von Hananias gehabt hätte, zu Saulus zu gehen, zu dem, von dem ich weiß, dass er mein Leben, meinen Glauben verfolgte und mich hasste. Hananias ist für mich die wichtigste Person in der Geschichte. Ohne ihn, ohne seine Bereitschaft, die Vergebung, die Gott schenkt, mit eigener Vergebungsbereitschaft zu füllen, wären Saulus nie die Augen aufgegangen. Mich per-sönlich stellt Hananias noch sehr viel deutlicher vor die Frage, ob ich bereit bin, der Veränderung, dem Neuanfang, den Gott durch Jesus schenkt, wirklich zu trauen. Alles wird anders – zum Guten! Kann ich das Hören? Und wenn ja, kann ich das nicht nur hören, sondern auch annehmen und mit Leben füllen? Und wenn ja, gilt das nur für mich und mein Leben oder traue ich auch den Neuanfängen, die Gott anderen schenkt und bin ich bereit, wirklich auf sie zuzugehen und Gott mehr zu trauen als meinen Vorbehalten? Unsere Lebenswirklichkeit lehrt uns, nicht jedem Menschen zu vertrauen. Gebe Gott, dass wir den Mut bekommen, ihm dafür umso mehr zu trauen und Schritte aufeinander zuzugehen. Gebe Gott, dass dadurch uns und anderen die Augen geöffnet werden, dass immer mehr Menschen wirklich zum Leben umkehren. Gebe Gott, dass alles anders wird – für Menschen, die sich in ihrem Hass verrannt haben genauso wie für die Flutopfer, für ausgebeutete, missbrauchte Kinder genauso wie für alle, die in ihrem Misstrauen und in ihrer Angst gefangen sind. Durch Jesus, der Menschen in den Weg tritt. Durch Men-schen, die bereit sind, sich Zeit zu nehmen und in sich zu gehen. Durch Menschen, die bereit sind, Gottes Verge-bung mit Leben zu füllen. Auch durch mich? Auch durch uns?
Amen
Sonntag, 15. August 2010
Ich bin gut! - 11. Sonntag n. Trinitatis, 15.08.2010, Reihe II
Es war ein relativ unruhiger Taufgottesdienst, so dass ich weitestgehend frei gepredigt habe. Die vielen Redundanzen des Skripts habe ich hoffentlich dabei vermieden. Trotzdem: Hier ist das Skript!
Text: Epheser 2,4-10
Liebe Gemeinde!
Sind SIE ein guter Mensch? Machen wir doch einfach mal eine kleine Probeabstimmung. Wer sagt von sich: Ja, ich bin ein guter Mensch? Wer sagt: Nein, das trifft wohl so nicht zu? Und wer sagt: Kann ich nicht sagen, da müssen Sie andere fragen?
Ja, ich glaube, dass die meisten sich mit einer klaren Ant-wort auf diese Frage schwer tun. Erstens möchte man ja nicht eingebildet erscheinen. „Hochmut kommt vor dem Fall“, sagt ein Sprichwort. Etwas biblischer: „Gott wider-steht dem Hochmütigen, aber dem Demütigen gibt er Gnade“, ein Vers aus dem 1. Petrusbrief, der Wochenspruch für diese Woche. Zweitens ist es ja sehr menschlich, wenn ich sage: „Natürlich kenne ich meine Stärken und guten Seiten, aber ich kenne auch deutlich meine Schwächen, auch wenn ich das vielleicht nicht jedem gleich auf die Nase binde“. Und drittens ist es ja sowieso einfacher, keine allzu klaren Aussagen zu machen, mit denen ich angreifbar werde. Lieber die anderen was sagen lassen, da kann ich mich dann notfalls drauf zurückziehen.
Genau das wollte ich auch machen, als mir eine Journalistin vor ein paar Tagen diese Frage stellte. Die Antwort wird öffentlich, was soll ich da nur sagen? Bin ich ein guter Mensch? Ich wollte schon sagen: Das müssen andere beurteilen. Aber dann habe ich mich getraut, eine klare Antwort zu geben. Ja, ich bin ein guter Mensch. Wahrscheinlich stimmen mir die meisten Schüler aus den ehemaligen Jahrgängen 6 und 8 der Richtsberggesamtschule, vor allem die, die meine Noten ungerecht fanden, nicht unbedingt zu. Die ehemalige Klasse 9e vielleicht eher. Ganz sicher stimmen mir Menschen, die mich anbettelten und denen ich kein Geld gab, auch nicht zu. Und Menschen, die sich gewünscht hätten, ich hätte Zeit für sie, und für die ich mir nicht so viel Zeit nehmen konnte, wie sie brauchten, stimmen mir wohl auch nicht zu. Und sicher andere aus anderen Gründen auch nicht. Gut bin ich nicht, weil ich besonders viele gute Werke tun würde oder perfekt für Frieden und Gerechtigkeit sorgen würde. Gut bin ich, weil ich gut genug bin, um von Gott geliebt zu werden. Gut bin ich, weil Gottes Liebe und vor allem seine Gnade mir die Chance gibt, Gutes zu tun und gut zu sein. Und nicht nur mir, sondern eigentlich jedem von uns. Der Punkt, auf den es ankommt, ist der, nicht zu denken: Gut sein ist eine Leistung, es ist mein Verdienst, dass ich gut bin. Sondern es kommt darauf an, dass Geschenk der Liebe, das Geschenk der Gnade, des Gut-sein-Könnens an-nehmen zu können. Die Liebe und Gnade Gottes, sichtbar geworden in Jesus, ist keine Leistung, sondern ein Ge-schenk. Es ist nichts, was mich über andere stellt, worauf ich mir irgendwie was einbilden kann, sondern etwas, das mich vor mein Menschsein stellt. Auch mit allen Tiefen, mit aller Ungerechtigkeit und allem Versagen. Trotz die-ser Liebe werde ich eben nicht perfekt sein.
Für mich ist das etwas, was ich auch aus dem Abschnitt aus dem Epheserbrief, den ich eben vorgelesen habe, er-fahren kann. Der Satzbau ist furchtbar kompliziert und wahrscheinlich ist es auch schwer, einfach nur durch Zuhören richtig mitzubekommen, was da eigentlich steht.
Paulus oder vielleicht ein Schüler von ihm, der den Brief geschrieben hat, so genau weiß man das nicht, fängt mit einer Wahrheit über das Leben an, die man heute gar nicht mehr gern hört.
Amen
Text: Epheser 2,4-10
Liebe Gemeinde!
Sind SIE ein guter Mensch? Machen wir doch einfach mal eine kleine Probeabstimmung. Wer sagt von sich: Ja, ich bin ein guter Mensch? Wer sagt: Nein, das trifft wohl so nicht zu? Und wer sagt: Kann ich nicht sagen, da müssen Sie andere fragen?
Ja, ich glaube, dass die meisten sich mit einer klaren Ant-wort auf diese Frage schwer tun. Erstens möchte man ja nicht eingebildet erscheinen. „Hochmut kommt vor dem Fall“, sagt ein Sprichwort. Etwas biblischer: „Gott wider-steht dem Hochmütigen, aber dem Demütigen gibt er Gnade“, ein Vers aus dem 1. Petrusbrief, der Wochenspruch für diese Woche. Zweitens ist es ja sehr menschlich, wenn ich sage: „Natürlich kenne ich meine Stärken und guten Seiten, aber ich kenne auch deutlich meine Schwächen, auch wenn ich das vielleicht nicht jedem gleich auf die Nase binde“. Und drittens ist es ja sowieso einfacher, keine allzu klaren Aussagen zu machen, mit denen ich angreifbar werde. Lieber die anderen was sagen lassen, da kann ich mich dann notfalls drauf zurückziehen.
Genau das wollte ich auch machen, als mir eine Journalistin vor ein paar Tagen diese Frage stellte. Die Antwort wird öffentlich, was soll ich da nur sagen? Bin ich ein guter Mensch? Ich wollte schon sagen: Das müssen andere beurteilen. Aber dann habe ich mich getraut, eine klare Antwort zu geben. Ja, ich bin ein guter Mensch. Wahrscheinlich stimmen mir die meisten Schüler aus den ehemaligen Jahrgängen 6 und 8 der Richtsberggesamtschule, vor allem die, die meine Noten ungerecht fanden, nicht unbedingt zu. Die ehemalige Klasse 9e vielleicht eher. Ganz sicher stimmen mir Menschen, die mich anbettelten und denen ich kein Geld gab, auch nicht zu. Und Menschen, die sich gewünscht hätten, ich hätte Zeit für sie, und für die ich mir nicht so viel Zeit nehmen konnte, wie sie brauchten, stimmen mir wohl auch nicht zu. Und sicher andere aus anderen Gründen auch nicht. Gut bin ich nicht, weil ich besonders viele gute Werke tun würde oder perfekt für Frieden und Gerechtigkeit sorgen würde. Gut bin ich, weil ich gut genug bin, um von Gott geliebt zu werden. Gut bin ich, weil Gottes Liebe und vor allem seine Gnade mir die Chance gibt, Gutes zu tun und gut zu sein. Und nicht nur mir, sondern eigentlich jedem von uns. Der Punkt, auf den es ankommt, ist der, nicht zu denken: Gut sein ist eine Leistung, es ist mein Verdienst, dass ich gut bin. Sondern es kommt darauf an, dass Geschenk der Liebe, das Geschenk der Gnade, des Gut-sein-Könnens an-nehmen zu können. Die Liebe und Gnade Gottes, sichtbar geworden in Jesus, ist keine Leistung, sondern ein Ge-schenk. Es ist nichts, was mich über andere stellt, worauf ich mir irgendwie was einbilden kann, sondern etwas, das mich vor mein Menschsein stellt. Auch mit allen Tiefen, mit aller Ungerechtigkeit und allem Versagen. Trotz die-ser Liebe werde ich eben nicht perfekt sein.
Für mich ist das etwas, was ich auch aus dem Abschnitt aus dem Epheserbrief, den ich eben vorgelesen habe, er-fahren kann. Der Satzbau ist furchtbar kompliziert und wahrscheinlich ist es auch schwer, einfach nur durch Zuhören richtig mitzubekommen, was da eigentlich steht.
Paulus oder vielleicht ein Schüler von ihm, der den Brief geschrieben hat, so genau weiß man das nicht, fängt mit einer Wahrheit über das Leben an, die man heute gar nicht mehr gern hört.
Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, 5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden.Es gibt ein Leben in Sünde, das dem Tod verfallen ist. Jetzt kann man da prima ausmalen, was alles dazugehören könnte und dann sagen: Gut, dass es bei mir besser ist! Aber damit würde man total danebenliegen. Gut und befreit leben zu können ist erstens keine eigene Leistung, sondern ein Geschenk. Nichts kann ich mir darauf einbilden. Und zweitens heißt ein befreites Leben im Glauben, im Vertrauen auf Gott zu führen also auch, nicht einfach so weiter zu machen wie immer, sondern umzukehren von Wegen, die sich als falsch herausgestellt haben. Und an jeder Weggabelung in unserem Leben, bei jeder Entscheidung, die wir treffen, stehen wir erstens immer wieder davor, auch das falsche wählen und tun zu können und zweitens dann vor der Notwendigkeit, wieder neu umzukehren. Glauben, Vertrauen, Leben als Christ – das ist nichts, was sich mit der Taufe oder einem Bekehrungs- oder Erweckungserlebnis erledigt hätte, sondern immer wieder neu eine Anfechtung für den Alltag, immer wieder neu etwas, was mich aus meinem Alltag, aus meinen Gewohnheiten, aus dem, was mir für gut und richtig und normal verkauft wird, herausreißt. Ich kann mit dem Strom schwimmen, das ist einfach. Mein Vertrauen auf meine Kraft allein setzen, es normal finden, dass es weni-ge Reiche und viele Arme gibt, es normal finden, dass Menschen zu Opfern gemacht werden, es normal finden, dass an erster Stelle immer wieder ich selbst stehe sollte, die, die mir nahe sind, und dann lange nichts kommt. Geht alles und ist der leichtere Weg. Aber ich kann auch, und das heißt für mich Glauben, die Hand ergreifen, die mir hingehalten wird, um da herauszukommen. Um ein leben zu entdecken, das anders ist. Um Kraft für ein Le-ben zu bekommen, in dem es um mehr geht. Um Ehrlich-keit, um ein ehrliches Ansehen der Schuld und um die Chance, da wieder herauszukommen. Um die Kraft, nicht nur für sich, sondern auch für andere Gutes zu tun. Da-rauf zu vertrauen und darauf hinzuleben, dass es mehr gibt als das, was wir sehen und dass am Ende wirklich die Gerechtigkeit gilt, die Gott will. Glauben heißt, mehr zu sehen als das, was im Alltag zu sehen ist. Glauben heißt, ein Leben zu entdecken, das sich schon vor dem Tod lohnt, das aber mit dem Tod noch nicht am Ende ist. Glauben heißt, loslassen zu können und Freiheit zu fin-den. Loslassen zu können: Das Stück Holz, die Luftmat-ratze, die mich auf dem Strom des Alltags und der Schuld schwimmen lässt, loszulassen und die Hand, die mich da rausholen will, zu ergreifen. Und wie das bei Fluten, die einen wegreißen, so ist: sie kommen immer mal wieder. Sieht man ja auch jetzt in der Natur. Deshalb heißt glau-ben ja auch, sich immer wieder neu auf diese Hand, die mich rausziehen will, einlassen. Es wird Zeiten geben, in denen ich ein Stück weit fortgetragen werde. Aber Gottes Hand, seine Liebe, sein Angebot ist da. Ich darf neu zugreifen. Nicht ich ziehe mich raus aus dem Strom, in dem man untergeht, sondern Gott. Ich schlage im Glauben sozusagen ein in seine Hand. So verstehe ich den Vers:
aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glau-ben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist esaus dem Predigttext. Gottes Angebot der Liebe anzunehmen, seine Hand nicht auszuschlagen, Glauben, das macht mich nicht besser als andere. Aber es lässt mich gut sein und Gutes tun. Weil Gott die Augen öffnet. Weil er hilft, das zu entdecken, was dem Leben wirklich dient. Schön finde ich den Gedanken dass wir eigentlich bei dem Guten, was zu tun ist, damit Leben für alle wirklich gut wird, nur zugreifen müssen. Wir sind Gottes Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen. So drückt es der Epheserbrief aus. Gutes tun, Gut zu sein ist gar nicht so schwer. Gott lässt es uns sein, Gott lässt es uns tun. Wir brauchen einfach nur zuzugreifen. Einfach nur so? Gebe Gott, dass es wirklich einfach wird und wir uns nicht allzu schwer damit tun.
Amen
Montag, 2. August 2010
Richten, nicht hinrichten - 9. n. Trinitatis, 01.08.2010, Marginaltext
Text: 1. Könige 3,16-28
Liebe Gemeinde!
Irgendetwas fehlt. Irgendwas ist anders. Mitten in er Nacht, alles ist noch dunkel, wacht die Frau auf. Verwirrt, weil irgendwas anders als sonst ist. Zuerst ahnt sie nur, doch dann ist es, als ob ein Blitz sie getroffen und ihr innerstes zerrissen hätte. Der Atem fehlt. Der Atem des Kindes neben ihr, ihres Kindes ist nicht mehr zu hören und zu spüren. Sie horcht, sie drückt, sie schüttelt. Nichts passiert. Das Kind atmet nichtmehr. Sie wollte es wärmen, schützen gegen die Kühle der Nacht. Und statt des wärmenden Schutzes hat ihr Körper dem Kind den Tod gebracht. Erstickt. All ihre Träume, all ihre Sehnsucht. Mitgestorben. Aus und vorbei. Sie hätte am liebsten losgeheult, ihren Schmerz herausgeschrien. Aber dann wären ja die Freundin und ihr Kind aufgewacht. Die Freundin und ihr Kind? Ein Gedanke zuckt durch ihren Kopf. Nein, das kannst du nicht machen. Doch. Ich bin die Ältere. Sie ist in meinem Haus. sie ist noch jung, hat noch so viele Chancen. Ist das nicht ungerecht? Ich habe ihr Gastfreundschaft gewährt und jetzt bin ich so unglücklich. Es muss gehen! Es wird schon nicht auffallen. Und wenn doch? Egal! Vorsichtig steht sie auf, liebkost ihr totes Kind ein letztes Mal. vorsichtig legt sie es ab. direkt neben die Freundin. Ein letztes Mal beschleichen sie Skrupel. Kann ich das wirklich? Doch dann nimmt sie das atmende, lebende, warme Kind der Freundin in ihren Arm. Es wacht nicht mal auf. Glück. Trauer. Schlechtes Gewissen. Sie weiß gar nicht, was ihr in diesem Moment alles durch den Kopf geht. Und dann graut der Morgen. Die Freundin erwacht. Sie dreht sich nach ihrem Kind um. Will es in die Arme schließen, noch einmal vor dem Stillen liebkosen. Doch dann…
Doch dann – was dann kommt, haben wir gerade gehört. Eine traurige Geschichte. In meiner Kinderbibel wurde sie als kalte, herzlose Frau dargestellt. Die Mutter, deren Kind gerade gestorben war und die mit aller Macht ein lebendiges Kind in den Armen halten wollte. Und ich glaube, dass das bei fast allen, die diese Geschichte hören, die erste Reaktion ist. Was für eine kalte, herzlose Frau. Nimmt einer anderen einfach ihr Kind weg! Heute frage ich mich, ob sie nicht einfach nur verzweifelt war. Es gibt wohl kaum eine größere Katastrophe, als das Sterben des eigenen Kindes mitzuerleben. Ich denke heute nicht nur an die Eltern der 21 jungen Menschen, die am vergangenen Wochenende in Duisburg starben, nicht nur an die Eltern der beiden Kinder, die in den Ferien bei einem Tauchunfall starben. Ich denke auch an die Mütter und Väter, denen kein Unfall und keine absehbare Krankheit, sondern ein unerklärlicher plötzlicher Kindstod das Kind, auf das sie sich freuten, in dem ihre Hoffnung lebte, nahm. Müssen wir diese Frau, die eine solche persönliche Katastrophe erlebte, verurteilen? Ich tue mich heute sehr viel schwerer damit als in den Zeiten, in denen ich in meiner Kinderbibel gelesen habe. Ich bin froh, dass der weise König Salomo in dieser biblischen Geschichte auf so kluge Art ein Urteil gesprochen hat, dass der einen Frau zu ihrem Recht verhalf, ohne die andere Frau wirklich zu bestrafen. Er setzt nicht noch eins drauf, tritt nicht nach, obwohl diese Frau natürlich Schuld auf sich geladen hatte.
So weit, so gut – oder auch nicht. Eine Geschichte aus der Bibel, die von traurigen Erlebnissen erzählt, von einem guten Richter und König. Und gar nicht von Gott. Oder besser: fast gar nicht. Im allerletzten Satz, den ich eben aus der Bibel vorgelesen habe, kommt Gott dann tatsächlich vor: Und ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie fürchteten den König; denn sie sahen, dass die Weisheit Gottes in ihm war, Gericht zu halten. Im Handeln von Menschen, in der Art und Weise, wie sie Verantwortung für das Leben, für Gerechtigkeit übernehmen, ist etwas vom Wesen Gottes zu erkennen und zu spüren. Darum geht es in dieser Geschichte. Nicht um lange und komplizierte Erklärungen, wer Gott denn nun sei und wie er auf übernatürliche Weise das Schicksal von Menschen beeinflusst. Gott ist der, der Menschen befähigt, für ein lebenswertes, gerechtes Miteinander zu sorgen. Von König Salomo wird erzählt, dass er in einem Gebet Gott nicht darum gebeten hat, ihn reich und stark und mächtig zu machen, sondern dass er Gott darum gebeten hat, ein hörendes Herz zu bekommen, das zwischen gut und böse unterscheiden kann und das ihn in die Lage versetzt, seiner Verantwortung als Richter gerecht zu werden. Diese Geschichte der beiden streitenden Mütter soll drastisch vor Augen führen, dass Gott dieser Bitte entsprochen hat. Auch wenn König Salomo seit fast dreitausend Jahren tot ist, bleibt für mich einiges übrig, was diese Geschichte bis heute wichtig macht. Für mich macht sich das an den drei Hauptpersonen der Geschichte fest. Da ist einmal Salomo: Dort, wo Menschen zu ihrer Verantwortung stehen, wo sie bereit sind, Verantwortung für Recht und Gerechtigkeit zu übernehmen, wo sie sich auf die Seite des Lebens stellen, kann Gottes Wesen spürbar werden. Hohe Ansprüche, sicher. Und wie man leider aktuell sieht, alles andere als selbstverständlich. Da wird sich vor Verantwortung gedrückt. Nicht nur in Duis-burg. Und da verhelfen Menschen mit Macht nicht immer den Schwachen zu ihrem Recht. Sicher, die Fragen nach einer Gesundheitsreform, nach der Einkommenssicherheit im Alter oder nach der richtigen Verteilung von Reichtum nicht nur in unserem Land, sondern weltweit, lassen sich nicht so einfach lösen wie das Problem, wem das Kind nun eigentlich gehört. Aber manchmal fehlt das Gefühl, dass Menschen bereit sind, nur auf von Gott geschenkte Weisheit und offene Herzen zu setzen, statt auf Macht, Stärke, Reichtum. Und bevor ich oder wir anfangen, auf „die da oben“ zu schimpfen, sollte sich jeder fragen, wovon er oder sie sich beeindrucken lässt. Von Weisheit, Klugheit, Gerechtigkeit oder von Stärke und Geld.
Neben Salomo ist da die Mutter, der ihr Kind weggenommen wurde. Um das Leben ihres Kindes zu retten, ist sie bereit, es im wahrsten Sinn des Wortes loszulassen. Für mich ist das auch eine Botschaft, die Gott uns in dieser Geschichte schenkt. Loslassen ermöglicht Leben. Wo Menschen nicht ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte, nicht ihre eigenen, ja durchaus berechtigten Ansprüche, sondern das Leben des anderen in den Mittelpunkt stellen, dort besteht die Chance, Gott zu begegnen, dort besteht die Chance, das Leben wirklich zu gewinnen.
Bleibt noch die Mutter, die in ihrer Trauer oder Verzweiflung oder auch nur ihrem Egoismus völlig falsch gehandelt hat. Sie wird nicht denunziert. Sie wird nicht hingerichtet und es gibt keine Rache an ihr. Für mich heißt das bis heute: Gott richtet. Er sorgt für Leben, für Gerechtigkeit. Gott richtet, aber er richtet nicht hin. Er verbaut nicht die Chance zu einem Neuanfang. In dieser Geschichte ist das angelegt, was in Jesus Christus dann für alle Welt sichtbar geworden ist. Selbst denen, die Schuld auf sich geladen haben, verbaut Gott nicht die Rückkehr ins Leben. Gott ist der Gott des Lebens. Ohne wenn und aber. Gebe Gott, dass wir dies wirklich erfassen. Gebe Gott, dass wir ein hörendes, offenes Herz haben, Weisheit und Verantwortungsbereitschaft, wenn wir die Macht haben, zu urteilen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Gebe Gott, dass wir die Bereitschaft haben, loszulassen, Menschen, an denen wir hängen, eigene Wünsche und Sehnsüchte, wenn es dem Leben dient und wir durch Loslassen Leben gewinnen können. Und gebe Gott, dass wir auch hören und annehmen können, dass wir dann, wenn wir schuldig werden, nicht hingerichtet werden, sondern dass uns der Weg zum leben, zur Umkehr neu geöffnet wird.
Amen.
Liebe Gemeinde!
Irgendetwas fehlt. Irgendwas ist anders. Mitten in er Nacht, alles ist noch dunkel, wacht die Frau auf. Verwirrt, weil irgendwas anders als sonst ist. Zuerst ahnt sie nur, doch dann ist es, als ob ein Blitz sie getroffen und ihr innerstes zerrissen hätte. Der Atem fehlt. Der Atem des Kindes neben ihr, ihres Kindes ist nicht mehr zu hören und zu spüren. Sie horcht, sie drückt, sie schüttelt. Nichts passiert. Das Kind atmet nichtmehr. Sie wollte es wärmen, schützen gegen die Kühle der Nacht. Und statt des wärmenden Schutzes hat ihr Körper dem Kind den Tod gebracht. Erstickt. All ihre Träume, all ihre Sehnsucht. Mitgestorben. Aus und vorbei. Sie hätte am liebsten losgeheult, ihren Schmerz herausgeschrien. Aber dann wären ja die Freundin und ihr Kind aufgewacht. Die Freundin und ihr Kind? Ein Gedanke zuckt durch ihren Kopf. Nein, das kannst du nicht machen. Doch. Ich bin die Ältere. Sie ist in meinem Haus. sie ist noch jung, hat noch so viele Chancen. Ist das nicht ungerecht? Ich habe ihr Gastfreundschaft gewährt und jetzt bin ich so unglücklich. Es muss gehen! Es wird schon nicht auffallen. Und wenn doch? Egal! Vorsichtig steht sie auf, liebkost ihr totes Kind ein letztes Mal. vorsichtig legt sie es ab. direkt neben die Freundin. Ein letztes Mal beschleichen sie Skrupel. Kann ich das wirklich? Doch dann nimmt sie das atmende, lebende, warme Kind der Freundin in ihren Arm. Es wacht nicht mal auf. Glück. Trauer. Schlechtes Gewissen. Sie weiß gar nicht, was ihr in diesem Moment alles durch den Kopf geht. Und dann graut der Morgen. Die Freundin erwacht. Sie dreht sich nach ihrem Kind um. Will es in die Arme schließen, noch einmal vor dem Stillen liebkosen. Doch dann…
Doch dann – was dann kommt, haben wir gerade gehört. Eine traurige Geschichte. In meiner Kinderbibel wurde sie als kalte, herzlose Frau dargestellt. Die Mutter, deren Kind gerade gestorben war und die mit aller Macht ein lebendiges Kind in den Armen halten wollte. Und ich glaube, dass das bei fast allen, die diese Geschichte hören, die erste Reaktion ist. Was für eine kalte, herzlose Frau. Nimmt einer anderen einfach ihr Kind weg! Heute frage ich mich, ob sie nicht einfach nur verzweifelt war. Es gibt wohl kaum eine größere Katastrophe, als das Sterben des eigenen Kindes mitzuerleben. Ich denke heute nicht nur an die Eltern der 21 jungen Menschen, die am vergangenen Wochenende in Duisburg starben, nicht nur an die Eltern der beiden Kinder, die in den Ferien bei einem Tauchunfall starben. Ich denke auch an die Mütter und Väter, denen kein Unfall und keine absehbare Krankheit, sondern ein unerklärlicher plötzlicher Kindstod das Kind, auf das sie sich freuten, in dem ihre Hoffnung lebte, nahm. Müssen wir diese Frau, die eine solche persönliche Katastrophe erlebte, verurteilen? Ich tue mich heute sehr viel schwerer damit als in den Zeiten, in denen ich in meiner Kinderbibel gelesen habe. Ich bin froh, dass der weise König Salomo in dieser biblischen Geschichte auf so kluge Art ein Urteil gesprochen hat, dass der einen Frau zu ihrem Recht verhalf, ohne die andere Frau wirklich zu bestrafen. Er setzt nicht noch eins drauf, tritt nicht nach, obwohl diese Frau natürlich Schuld auf sich geladen hatte.
So weit, so gut – oder auch nicht. Eine Geschichte aus der Bibel, die von traurigen Erlebnissen erzählt, von einem guten Richter und König. Und gar nicht von Gott. Oder besser: fast gar nicht. Im allerletzten Satz, den ich eben aus der Bibel vorgelesen habe, kommt Gott dann tatsächlich vor: Und ganz Israel hörte von dem Urteil, das der König gefällt hatte, und sie fürchteten den König; denn sie sahen, dass die Weisheit Gottes in ihm war, Gericht zu halten. Im Handeln von Menschen, in der Art und Weise, wie sie Verantwortung für das Leben, für Gerechtigkeit übernehmen, ist etwas vom Wesen Gottes zu erkennen und zu spüren. Darum geht es in dieser Geschichte. Nicht um lange und komplizierte Erklärungen, wer Gott denn nun sei und wie er auf übernatürliche Weise das Schicksal von Menschen beeinflusst. Gott ist der, der Menschen befähigt, für ein lebenswertes, gerechtes Miteinander zu sorgen. Von König Salomo wird erzählt, dass er in einem Gebet Gott nicht darum gebeten hat, ihn reich und stark und mächtig zu machen, sondern dass er Gott darum gebeten hat, ein hörendes Herz zu bekommen, das zwischen gut und böse unterscheiden kann und das ihn in die Lage versetzt, seiner Verantwortung als Richter gerecht zu werden. Diese Geschichte der beiden streitenden Mütter soll drastisch vor Augen führen, dass Gott dieser Bitte entsprochen hat. Auch wenn König Salomo seit fast dreitausend Jahren tot ist, bleibt für mich einiges übrig, was diese Geschichte bis heute wichtig macht. Für mich macht sich das an den drei Hauptpersonen der Geschichte fest. Da ist einmal Salomo: Dort, wo Menschen zu ihrer Verantwortung stehen, wo sie bereit sind, Verantwortung für Recht und Gerechtigkeit zu übernehmen, wo sie sich auf die Seite des Lebens stellen, kann Gottes Wesen spürbar werden. Hohe Ansprüche, sicher. Und wie man leider aktuell sieht, alles andere als selbstverständlich. Da wird sich vor Verantwortung gedrückt. Nicht nur in Duis-burg. Und da verhelfen Menschen mit Macht nicht immer den Schwachen zu ihrem Recht. Sicher, die Fragen nach einer Gesundheitsreform, nach der Einkommenssicherheit im Alter oder nach der richtigen Verteilung von Reichtum nicht nur in unserem Land, sondern weltweit, lassen sich nicht so einfach lösen wie das Problem, wem das Kind nun eigentlich gehört. Aber manchmal fehlt das Gefühl, dass Menschen bereit sind, nur auf von Gott geschenkte Weisheit und offene Herzen zu setzen, statt auf Macht, Stärke, Reichtum. Und bevor ich oder wir anfangen, auf „die da oben“ zu schimpfen, sollte sich jeder fragen, wovon er oder sie sich beeindrucken lässt. Von Weisheit, Klugheit, Gerechtigkeit oder von Stärke und Geld.
Neben Salomo ist da die Mutter, der ihr Kind weggenommen wurde. Um das Leben ihres Kindes zu retten, ist sie bereit, es im wahrsten Sinn des Wortes loszulassen. Für mich ist das auch eine Botschaft, die Gott uns in dieser Geschichte schenkt. Loslassen ermöglicht Leben. Wo Menschen nicht ihre eigenen Wünsche und Sehnsüchte, nicht ihre eigenen, ja durchaus berechtigten Ansprüche, sondern das Leben des anderen in den Mittelpunkt stellen, dort besteht die Chance, Gott zu begegnen, dort besteht die Chance, das Leben wirklich zu gewinnen.
Bleibt noch die Mutter, die in ihrer Trauer oder Verzweiflung oder auch nur ihrem Egoismus völlig falsch gehandelt hat. Sie wird nicht denunziert. Sie wird nicht hingerichtet und es gibt keine Rache an ihr. Für mich heißt das bis heute: Gott richtet. Er sorgt für Leben, für Gerechtigkeit. Gott richtet, aber er richtet nicht hin. Er verbaut nicht die Chance zu einem Neuanfang. In dieser Geschichte ist das angelegt, was in Jesus Christus dann für alle Welt sichtbar geworden ist. Selbst denen, die Schuld auf sich geladen haben, verbaut Gott nicht die Rückkehr ins Leben. Gott ist der Gott des Lebens. Ohne wenn und aber. Gebe Gott, dass wir dies wirklich erfassen. Gebe Gott, dass wir ein hörendes, offenes Herz haben, Weisheit und Verantwortungsbereitschaft, wenn wir die Macht haben, zu urteilen und für Gerechtigkeit zu sorgen. Gebe Gott, dass wir die Bereitschaft haben, loszulassen, Menschen, an denen wir hängen, eigene Wünsche und Sehnsüchte, wenn es dem Leben dient und wir durch Loslassen Leben gewinnen können. Und gebe Gott, dass wir auch hören und annehmen können, dass wir dann, wenn wir schuldig werden, nicht hingerichtet werden, sondern dass uns der Weg zum leben, zur Umkehr neu geöffnet wird.
Amen.
Sonntag, 4. Juli 2010
Das Kreuz mit dem Kreuz - 5. Sonntag nach Trinitatis, 04.07.2010, Reihe II
Text: 1. Korinther 1,18-25
Liebe Gemeinde!
Manche Menschen tragen ein Kreuz an einer Kette. Für die einen ist es bloß ein Modegag, für andere ein Bekenntnis ihres Glaubens, für andere ein Schutz vor Unglück und dem Bösen. In alten Horrorfilmen hat es geholfen, dem Bösen, dem Vampir, dem Dämon oder dem Satan ein Kreuz vorzuhalten – und schon ist er geflohen und hatte keine Chance mehr. Gegen dieses starke Zeichen kam auch das Böse nicht an. In den modernen Horror- und Gruselfilmen hilft selbst das Kreuz nicht mehr. Hat das Kreuz seine Kraft verloren? Nicht nur in schlechten Filmen, sondern auch im Leben? Ja, vielleicht ist es entzaubert worden. Ich finde das nicht schlimm, sondern eigentlich gut und richtig. So schön es wäre, wenn ein christliches Zeichen Zauberkräfte hätte oder Zauberkräfte verleihen würde – mit dem wofür das Kreuz steht und was Jesus wollte, hätte es nichts zu tun. Im Gegenteil. Wenn wir einem Zeichen solche Kraft und Macht geben, würden wir die Lebenskraft, die Gotteskraft, die Paulus hier in seinem Brief an die Korinther beschreibt und die im gekreuzigten Christus liegt, verlieren. Ich gebe es ja zu, das hört sich kompliziert an. Und ich gebe es auch zu: Paulus schreibt, dass die, die sich für schlau halten, das Wichtigste nicht verstehen. Aber vielleicht ist es doch nicht so kompliziert, wie es sich anhört. Genauso wenig wie es reicht, sich eine Dose Red Bull reinzuschütten, um fliegen zu können, oder ein Nutellabrot zu schmieren, um ein guter Fußballer zu sein, reicht es, sich ein Kreuz umzuhängen um wirklich aus der Liebe, die Gott uns schenkt, Kraft für das Leben zu bekommen und das Böse zu besiegen.
Paulus hat ein Problem in der Gemeinde in Korinth gesehen, das es bis heute gibt. Vielen, die sich irgendwie zur Gemeinde hielten und die an Gott glaubten, war das Kreuz irgendwie zu lächerlich. Die einen haben gesagt: „Was soll denn das mit dem Kreuz? Wir machen uns doch lächerlich, wenn wir anderen erzählen, dass Gott dort gewesen sein soll. Ausgerechnet im Tod, ausgerechnet bei der schlimmsten aller möglichen Strafen. Gott muss doch groß sein, er muss doch logisch handeln. die Philosophen und Wissenschaftler sollen uns doch nicht für verrückt halten. Wir dürfen uns mit sowas wie dem Kreuz nicht lächerlich machen!“ Studenten, Menschen mit Abitur, haben im vergangenen Jahr in der ganzen Stadt ein gekreuzigtes Schwein mit den Worten „Jesus, du Opfer“ an Wände gesprayt. Man kann sich für noch so schlau halten – aber gerade die, die sich für schlau halten, und es auf vielen Gebieten ja sind, provoziert das Kreuz bis heute.
Anderen aus der Gemeinde von Paulus ging es weniger darum, dass ihnen das zu unlogisch war und sie befürchteten, von den Klugen lächerlich gemacht zu werden. „Wir brauchen Wunder, die die Menschen sehen! Gott muss doch stark sein! Heilungen, Speisungen, Budenzauber, damit alle Respekt haben. Nicht so einen Schwächling am Kreuz! Vor dem hat doch keiner Respekt! Einer, der zeigt, wo’s lang geht, den wollen wir“. Zeichen, an denen man sich festhalten kann. Wunder, an denen man sieht, wie mächtig und stark Gott ist. Ja, ich glaube, dass wir, je nachdem, was unsere persönlichen Wünsche sind, beide gut verstehen können und beide kennen: Diejenigen, die immer alles logisch und wissenschaftlich erklärbar wollen, damit man sich ja nicht lächerlich macht und diejenigen, die sich nach dem starken, mächtigen, sichtbaren Gott sehnen. Dem Helden, der Respekt einflößt. Dem Gott, mit dem man vor anderen vielleicht auch angeben kann.
Beides kann doch nicht funktionieren. Was wäre das denn für ein Gott, der sich wissenschaftlich vollkommen erklären ließe? Ein Gott, der kleiner ist als die Philosophen, Physiker, Wissenschaftler, ein solcher Gott ist doch nichts anderes als eine nutzlose Spielerei. Ich glaube schon, dass man das Denken und die Vernunft nicht ausschalten und abgeben soll, wenn’s um den Glauben geht. Und ich glaube auch, dass einem die Wissenschaft helfen kann, Glauben besser zu verstehen. Aber Glauben, der in Wissenschaft aufgeht, ist kein Glauben. Und ich glaube auch, dass Gott Dinge wirklich werden lässt, die wir nur als Wunder bezeichnen können. Aber ein Glaube, der sich daran hängt, wird keinen Bestand haben. Wenn ich mich abhängig mache, dass das passiert, was ich mir wünsche, ob das eine Heilung oder was auch immer ist, auch so passiert, dann wird Gott der Sklave meiner Wünsche und taugt nicht als mein Erlöser.
Und genau darum geht es Paulus, wenn er betont, wie wichtig das Wort vom Kreuz, die Rede vom gekreuzigten Christus, der Glauben an das, was da geschehen ist, wirklich ist. Nicht das bloße Kreuz als Zeichen ist wichtig. Auch wenn es als Mensch manchmal gut tut, Zeichen zu haben, die einen an etwas erinnern. Dazu taugt das Kreuz, nicht als Vampirvertreiber und nicht als Unfallschutz gegen mangelnde Vorsicht.
Es geht um das, was am Kreuz geschehen ist. Gott macht sich klein. Er hält es aus, ganz unten zu sein, Opfer zu sein. Da, wo Menschen zu Opfern gemacht werden, ist Gott auf der Seite der Opfer. ganz klar. Das fängt da an, wo andere genauso beschimpft werden: „Du Opfer“. Da, wo Kinder misshandelt werden, wo Menschen ausgebeutet werden, wo geschlagen wird: Gott ist auf der Seite der Opfer. Auch dann, wenn die Täter ihn für sich in Anspruch nehmen wollen. Er macht das, so glaube ich, nicht, weil er nicht anders könnte, sondern weil er die Opfer ins Recht setzen will. Die Opfer bekommen die Würde, die ihnen von Menschen, von uns, abgesprochen wird. Gott macht sich klein, damit die, die von anderen klein gemacht werden, nicht länger übersehen werden oder sich klein fühlen müssen, sondern wissen dürfen: da ist einer auf meiner Seite. Da ist Liebe auch da, wo ich nur das Dunkel, vielleicht auch den Tod sehe. Das kann den Mut machen, frei zu werden. Innerlich, aber auch tatsächlich. Nicht umsonst hat gerade der Glauben an diesen Gott, der sich nicht mit den Mächtigen und Gewalttätigen verbündet, Sklaven in den USA die Kraft gegeben, für ihre Freiheit aufzustehen, gedemütigte Schwarze ermutigt, sich für ihre Rechte einzusetzen. Oder Christen, die in Diktaturen verfolgt werden oder wurden den Mut, durchzuhalten und nicht aufzugeben. Und auch anderen, denen immer wieder gesagt wurde, ihr seid nichts wert, zu klein, zu dumm, sich nicht damit zufrieden zu geben, sondern gegen Unrecht aufzustehen. Gott macht sich klein, damit die, die klein gemacht werden, Mut bekommen.
Das ist das eine. Das andere ist für mich, dass uns das Kreuz auch vor unser Versagen stellt. Es ist nicht ein blindes Schicksal, dass Jesus ans Kreuz geführt hat, sondern menschliches Versagen, menschliche Schuld. Intoleranz, Egoismus, Feigheit, der Wunsch, über anderen zu stehen und andere zu unterdrücken. Für mich zeigt das Kreuz und das an sich ja total ungerechte Leiden von Jesus, wozu wir Menschen sind, wozu auch ich fähig bin. Vielleicht kann man diese Botschaft vom Kreuz auch so zusammenfassen: „Sieh genau hin. Erschrick ruhig über das, was möglich ist, auch über diene Schuld. Aber ich will dich wieder zurecht bringen. Du brauchst dir keine Opfer zu suchen, damit du dich groß und stark fühlst. Ich will dir einen neuen Weg zeigen“. Die scheinbare Schwäche wird zur Stärke. Stark ist nicht der, der sich mit aller Kraft rächt, sondern der, der auf Rache verzichtet und Liebe gegen Gewalt setzt. Das führt zum Leben. Und deshalb bleibt die Botschaft vom Kreuz, das Wort vom Kreuz ja eben nicht beim Kreuz stehen, sondern sie endet mit dem neuen Leben. Ohne Ostern, ohne das neue Leben, das dem Erschrecken über die Folgen der Schuld folgt, wäre der Tod sinnlos gewesen. Das, was von Menschen für schwach, unlogisch, oder verachtenswert gehalten wird, der, der zum Opfer gemacht wird, das Verzichten, das Vergeben, das alles führt zu neuem Leben, das stärker ist als der Tod. Wer nur auf seinen Verstand vertraut, auf die Stärke, wer Rache statt Versöhnung fordert, der bleibt in der Logik der Welt gefangen, letztlich im Tod, in der Schuld.
Aber das Wort vom Kreuz führt zum Leben. Weil es unsere Logik wirklich durchkreuzt. Weil es kein Zauberzeichen, sonder ein Lebenszeichen ist. Weil es uns Mensch sein lässt. gebe Gott, dass wir die Kraft haben, dieses Wort vom Leben nicht nur zu hören, sondern im eigenen Leben fruchtbar werden zu lassen.
Amen
Liebe Gemeinde!
Manche Menschen tragen ein Kreuz an einer Kette. Für die einen ist es bloß ein Modegag, für andere ein Bekenntnis ihres Glaubens, für andere ein Schutz vor Unglück und dem Bösen. In alten Horrorfilmen hat es geholfen, dem Bösen, dem Vampir, dem Dämon oder dem Satan ein Kreuz vorzuhalten – und schon ist er geflohen und hatte keine Chance mehr. Gegen dieses starke Zeichen kam auch das Böse nicht an. In den modernen Horror- und Gruselfilmen hilft selbst das Kreuz nicht mehr. Hat das Kreuz seine Kraft verloren? Nicht nur in schlechten Filmen, sondern auch im Leben? Ja, vielleicht ist es entzaubert worden. Ich finde das nicht schlimm, sondern eigentlich gut und richtig. So schön es wäre, wenn ein christliches Zeichen Zauberkräfte hätte oder Zauberkräfte verleihen würde – mit dem wofür das Kreuz steht und was Jesus wollte, hätte es nichts zu tun. Im Gegenteil. Wenn wir einem Zeichen solche Kraft und Macht geben, würden wir die Lebenskraft, die Gotteskraft, die Paulus hier in seinem Brief an die Korinther beschreibt und die im gekreuzigten Christus liegt, verlieren. Ich gebe es ja zu, das hört sich kompliziert an. Und ich gebe es auch zu: Paulus schreibt, dass die, die sich für schlau halten, das Wichtigste nicht verstehen. Aber vielleicht ist es doch nicht so kompliziert, wie es sich anhört. Genauso wenig wie es reicht, sich eine Dose Red Bull reinzuschütten, um fliegen zu können, oder ein Nutellabrot zu schmieren, um ein guter Fußballer zu sein, reicht es, sich ein Kreuz umzuhängen um wirklich aus der Liebe, die Gott uns schenkt, Kraft für das Leben zu bekommen und das Böse zu besiegen.
Paulus hat ein Problem in der Gemeinde in Korinth gesehen, das es bis heute gibt. Vielen, die sich irgendwie zur Gemeinde hielten und die an Gott glaubten, war das Kreuz irgendwie zu lächerlich. Die einen haben gesagt: „Was soll denn das mit dem Kreuz? Wir machen uns doch lächerlich, wenn wir anderen erzählen, dass Gott dort gewesen sein soll. Ausgerechnet im Tod, ausgerechnet bei der schlimmsten aller möglichen Strafen. Gott muss doch groß sein, er muss doch logisch handeln. die Philosophen und Wissenschaftler sollen uns doch nicht für verrückt halten. Wir dürfen uns mit sowas wie dem Kreuz nicht lächerlich machen!“ Studenten, Menschen mit Abitur, haben im vergangenen Jahr in der ganzen Stadt ein gekreuzigtes Schwein mit den Worten „Jesus, du Opfer“ an Wände gesprayt. Man kann sich für noch so schlau halten – aber gerade die, die sich für schlau halten, und es auf vielen Gebieten ja sind, provoziert das Kreuz bis heute.
Anderen aus der Gemeinde von Paulus ging es weniger darum, dass ihnen das zu unlogisch war und sie befürchteten, von den Klugen lächerlich gemacht zu werden. „Wir brauchen Wunder, die die Menschen sehen! Gott muss doch stark sein! Heilungen, Speisungen, Budenzauber, damit alle Respekt haben. Nicht so einen Schwächling am Kreuz! Vor dem hat doch keiner Respekt! Einer, der zeigt, wo’s lang geht, den wollen wir“. Zeichen, an denen man sich festhalten kann. Wunder, an denen man sieht, wie mächtig und stark Gott ist. Ja, ich glaube, dass wir, je nachdem, was unsere persönlichen Wünsche sind, beide gut verstehen können und beide kennen: Diejenigen, die immer alles logisch und wissenschaftlich erklärbar wollen, damit man sich ja nicht lächerlich macht und diejenigen, die sich nach dem starken, mächtigen, sichtbaren Gott sehnen. Dem Helden, der Respekt einflößt. Dem Gott, mit dem man vor anderen vielleicht auch angeben kann.
Beides kann doch nicht funktionieren. Was wäre das denn für ein Gott, der sich wissenschaftlich vollkommen erklären ließe? Ein Gott, der kleiner ist als die Philosophen, Physiker, Wissenschaftler, ein solcher Gott ist doch nichts anderes als eine nutzlose Spielerei. Ich glaube schon, dass man das Denken und die Vernunft nicht ausschalten und abgeben soll, wenn’s um den Glauben geht. Und ich glaube auch, dass einem die Wissenschaft helfen kann, Glauben besser zu verstehen. Aber Glauben, der in Wissenschaft aufgeht, ist kein Glauben. Und ich glaube auch, dass Gott Dinge wirklich werden lässt, die wir nur als Wunder bezeichnen können. Aber ein Glaube, der sich daran hängt, wird keinen Bestand haben. Wenn ich mich abhängig mache, dass das passiert, was ich mir wünsche, ob das eine Heilung oder was auch immer ist, auch so passiert, dann wird Gott der Sklave meiner Wünsche und taugt nicht als mein Erlöser.
Und genau darum geht es Paulus, wenn er betont, wie wichtig das Wort vom Kreuz, die Rede vom gekreuzigten Christus, der Glauben an das, was da geschehen ist, wirklich ist. Nicht das bloße Kreuz als Zeichen ist wichtig. Auch wenn es als Mensch manchmal gut tut, Zeichen zu haben, die einen an etwas erinnern. Dazu taugt das Kreuz, nicht als Vampirvertreiber und nicht als Unfallschutz gegen mangelnde Vorsicht.
Es geht um das, was am Kreuz geschehen ist. Gott macht sich klein. Er hält es aus, ganz unten zu sein, Opfer zu sein. Da, wo Menschen zu Opfern gemacht werden, ist Gott auf der Seite der Opfer. ganz klar. Das fängt da an, wo andere genauso beschimpft werden: „Du Opfer“. Da, wo Kinder misshandelt werden, wo Menschen ausgebeutet werden, wo geschlagen wird: Gott ist auf der Seite der Opfer. Auch dann, wenn die Täter ihn für sich in Anspruch nehmen wollen. Er macht das, so glaube ich, nicht, weil er nicht anders könnte, sondern weil er die Opfer ins Recht setzen will. Die Opfer bekommen die Würde, die ihnen von Menschen, von uns, abgesprochen wird. Gott macht sich klein, damit die, die von anderen klein gemacht werden, nicht länger übersehen werden oder sich klein fühlen müssen, sondern wissen dürfen: da ist einer auf meiner Seite. Da ist Liebe auch da, wo ich nur das Dunkel, vielleicht auch den Tod sehe. Das kann den Mut machen, frei zu werden. Innerlich, aber auch tatsächlich. Nicht umsonst hat gerade der Glauben an diesen Gott, der sich nicht mit den Mächtigen und Gewalttätigen verbündet, Sklaven in den USA die Kraft gegeben, für ihre Freiheit aufzustehen, gedemütigte Schwarze ermutigt, sich für ihre Rechte einzusetzen. Oder Christen, die in Diktaturen verfolgt werden oder wurden den Mut, durchzuhalten und nicht aufzugeben. Und auch anderen, denen immer wieder gesagt wurde, ihr seid nichts wert, zu klein, zu dumm, sich nicht damit zufrieden zu geben, sondern gegen Unrecht aufzustehen. Gott macht sich klein, damit die, die klein gemacht werden, Mut bekommen.
Das ist das eine. Das andere ist für mich, dass uns das Kreuz auch vor unser Versagen stellt. Es ist nicht ein blindes Schicksal, dass Jesus ans Kreuz geführt hat, sondern menschliches Versagen, menschliche Schuld. Intoleranz, Egoismus, Feigheit, der Wunsch, über anderen zu stehen und andere zu unterdrücken. Für mich zeigt das Kreuz und das an sich ja total ungerechte Leiden von Jesus, wozu wir Menschen sind, wozu auch ich fähig bin. Vielleicht kann man diese Botschaft vom Kreuz auch so zusammenfassen: „Sieh genau hin. Erschrick ruhig über das, was möglich ist, auch über diene Schuld. Aber ich will dich wieder zurecht bringen. Du brauchst dir keine Opfer zu suchen, damit du dich groß und stark fühlst. Ich will dir einen neuen Weg zeigen“. Die scheinbare Schwäche wird zur Stärke. Stark ist nicht der, der sich mit aller Kraft rächt, sondern der, der auf Rache verzichtet und Liebe gegen Gewalt setzt. Das führt zum Leben. Und deshalb bleibt die Botschaft vom Kreuz, das Wort vom Kreuz ja eben nicht beim Kreuz stehen, sondern sie endet mit dem neuen Leben. Ohne Ostern, ohne das neue Leben, das dem Erschrecken über die Folgen der Schuld folgt, wäre der Tod sinnlos gewesen. Das, was von Menschen für schwach, unlogisch, oder verachtenswert gehalten wird, der, der zum Opfer gemacht wird, das Verzichten, das Vergeben, das alles führt zu neuem Leben, das stärker ist als der Tod. Wer nur auf seinen Verstand vertraut, auf die Stärke, wer Rache statt Versöhnung fordert, der bleibt in der Logik der Welt gefangen, letztlich im Tod, in der Schuld.
Aber das Wort vom Kreuz führt zum Leben. Weil es unsere Logik wirklich durchkreuzt. Weil es kein Zauberzeichen, sonder ein Lebenszeichen ist. Weil es uns Mensch sein lässt. gebe Gott, dass wir die Kraft haben, dieses Wort vom Leben nicht nur zu hören, sondern im eigenen Leben fruchtbar werden zu lassen.
Amen
Sonntag, 20. Juni 2010
Kann denn alles Sünde sein? - 3. Sonntag n. Trinitatis, 20.06.2010, Reihe II
Text: 1. Tim 1,12-17
Liebe Gemeinde!
„Herr Kling-Böhm, sie trinken doch auch Bier, wenn sie Fußball gucken, oder?“ Wenn ich ehrlich bin, trinke ich zwar nicht immer Bier beim Fußball, aber ich trinke Bier auch dann, wenn ich nicht Fußball schaue. „Herr Kling-Böhm, sie haben doch auch eine Frau und hatten Sie davor auch eine Freundin?“ Ja, hatte ich. „Herr Kling-Böhm, sie benutzen doch auch manchmal Schimpfwörter, oder?“ Wenn ich ehrlich bin, rutscht mir schon mal ein Wort, das ich besser nicht gesagt hätte, raus, wenn ich mich wirklich ärgere oder wenn ich bei einem Spiel der Eintracht im Stadion in Frankfurt sitze. Das alles und noch viel mehr sind beliebte Fragen meiner Schülerinnen und Schüler. Und meistens enden diese Gespräche dann, wenn ich ehrlich antworte, mit der Feststellung: „Aber sie sind doch Pfarrer! Als Pfarrer darf man doch nicht sündigen!“ Jetzt könnte ich natürlich einen Vers aus der Bibel zu Hilfe nehmen, den ich eben vorgelesen habe. Paulus schreibt ja: Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. In einer moderneren Übersetzung steht da: Was ich sage, ist wahr und glaubwürdig: Christus Jesus kam in die Welt, um Sünder zu retten – und ich bin der Schlimmste von allen. Aber Gott hatte Erbarmen mit mir, damit Jesus Christus mich als leuchtendes Beispiel für seine unendliche Geduld gebrauchen konnte. So bin ich ein Vorbild für alle, die an ihn glauben und das ewige Leben erhalten werden. Ja, es ist richtig: Jesus führt auch die Menschen zu Gott, die in ihrem Leben nicht gerade alles richtig gemacht haben oder alles richtig machen. Um durch Jesus zu Gott zu kommen, muss ich kein perfekter, fehlerloser Mensch sein. Aber ich finde die Fragen der Schülerinnen und Schüler, die aussprechen, was Erwachsene vielleicht manchmal nur denken, nicht deshalb wichtig, weil ich dann mit Bibelsprüchen glänzen kann und mich als tolles Vorbild hinstelle, weil ich vielleicht auch Dinge getan habe oder tue, die nicht in Ordnung waren oder sind und trotzdem auf die Liebe Gottes vertraue. Das ist nicht der entscheidende Punkt. Viel wichtiger sind für mich andere Beobachtungen und Fragen: Ist das, was Schülerinnen und Schüler, und, wie gesagt, sicher auch viele Erwachsene, als Sünde verstehen, so, wie es in ihren Fragen deutlich wird, tatsächlich Sünde? Was ist eigent-lich Sünde? Eine andere wichtige Frage, die für mich hin-ter den Fragen steckt, ist dann die: Brauche ich perfekte, oder wenigstens fast perfekte Vorbilder, die stellvertre-tend für mich alles oder fast alles richtig machen, weil ich es sowieso nicht schaffe oder gar nicht erst schaffen will? Und hinter allem steckt die große Frage, auf die für mich die Verse, die heute als Predigttext da sind, eine Antwort geben: Ist Gott eigentlich auch für mich da, kann er mit mir etwas anfangen, auch wenn ich nicht gerade perfekt bin und immer wieder an den Ansprüchen von dem, was eigentlich gut und richtig ist, scheitere?
Ich möchte gern mit der ersten Frage anfangen. Was ist eigentlich Sünde? Nicht zufällig macht sich das auch am Thema Alkohol fest. Ich glaube schon, dass viele Jugendliche in ihrem Alltag, manchmal auch in ihrer nächsten Umgebung, erleben, wie schlimm Alkohol sein kann. Es ist keine Sünde, Alkohol zu trinken. Jesus selbst hat das getan. Er hat, so erzählt es das Johannesevangelium, bei einer Hochzeit dafür gesorgt, dass der Weinvorrat nicht zu Ende ging und von manchen Anhängern von Johannes dem Täufer, alles Antialkoholiker, wurde er als Weinsäufer beschimpft. Es ist nicht schlimm und keine Sünde, Alkohol zu trinken. Aber alle Hemmungen zu verlieren und Frauen und Kinder im Rausch zu verprügeln, im Rausch andere anzupöbeln und sie aufs übelste zu beleidigen oder gar bewusst andere betrunken zu machen, um sie zu bestehlen oder um Sex mit ihnen zu haben, das ist etwas ganz anderes. Hier wird für mich ein Aspekt von dem, was Sünde ist sichtbar: Sünde ist es, die eigene Mitmenschlichkeit zu verleugnen und zu verlieren und dem anderen sein Menschsein abzusprechen. Wo Menschen gequält, erniedrigt, ausgenutzt werden, da wird gesündigt. Ganz klar. Der Mensch ist nicht Ware, nicht Ding, sondern im anderen Menschen haben wir ein Bild Gottes vor Augen. Jeder Mensch hat Würde. Und wo diese Würde mit Füßen getreten wird, wird auch Gott mit Füßen getreten. Und da bin ich beim anderen Punkt von dem, was Sünde ist. Paulus, der hier in dem Brief von sich schreibt, dass er Sünder ist, hat sicher nicht im Suff Kinder verprügelt oder anderes gemacht. Aber er hat ganz verbissen nur auf sich und seine eigen Meinung geschaut. Er hat Christen verfolgt, wollte dafür sorgen, dass sie umgebracht werden, weil sie nicht in sein Weltbild passten. Er hat gedacht, er wäre fromm und würde alles für Gott tun, hat dabei aber Gott aus den Augen verloren. Er hat nur sich selbst, nur seine eigene Meinung vom Glauben gelten lassen und ist blind für die Liebe geworden. Er hat seine Meinung mit Gottes Meinung gleichgesetzt. Und das ist der andere Teil der Sünde. Der große Egoismus, der nur sich selbst sieht und Gott dadurch leugnet, dass sich als Menschen nicht mit seinen Grenzen wahrnimmt. Der große Egoismus, der allen Platz auf dieser Welt nur für sich selbst, die eigene Denk- und Lebensweise in Anspruch nimmt. Manchmal ist es die bewusste Abkehr von Gott, die den Menschen an Gottes Stelle setzt. manchmal wird aber, wie bei Paulus, als er noch Saulus war, auch, zwar behauptet, im Namen Gottes zu handeln. Aber letztlich geht es nur um die Durchsetzung eigener Interessen. Sünde ist es, die eigenen Grenzen nicht zu sehen und dem Mitmenschen seine Mitmenschlichkeit abzusprechen. Insofern können Schimpfwörter schon ein Ausdruck von Sünde sein. Dann, wenn durch sie Menschen lächerlich gemacht werden oder so getan wird, als wären sie weniger wert. Und insofern sind auch Wirtschaftsverhältnisse, in denen Menschen dadurch reich werden, dass sie die Schwäche und die Armut anderer ausnutzen, Ausdruck von Sünde. Sünde ist nicht das zuviel getrunkene Bier, nicht das eine Schimpfwort in der Hitze des Gefechts, sondern eine Lebenseinstellung, die sich selbst egoistisch in den Mittelpunkt stellt, die eigene Bedürftigkeit leugnet und die Bedürftigkeit des anderen mit Füßen tritt.
Damit bin ich bei der Frage, ob ich perfekte Vorbilder brauche. Nein, kann ich nur sagen. Perfekte Vorbilder wird keiner finden. Und man kann sein Leben ja auch nicht stellvertretend von anderen leben lassen und die Verantwortung abgeben. Wenn ich sage, der Pfarrer, der Lehrer, der Papst, die Eltern oder wer auch immer, der soll perfekt sein, ich als Kind, als einfacher Mensch kann das ja nicht, dann mache ich mir was vor. Entscheidend ist nicht nur, dass ich sehe, was gut und was böse ist. Entscheidend ist, dass ich bereit bin, da, wo ich stehe, mich auch den Fehlern, die ich mache, zu stellen, und nicht nach bequemen Ausreden zu suchen. Eine bequeme und beliebte Ausrede ist: ich kann halt nicht anders. Außerdem sind die anderen, die meine Vorbilder sein sollten, ja auch nicht besser. Ausrede, sonst nichts. Deinen Fehler machst du selber. Deine Schuld lädst du selber auf dich. Das Schimpfwort sprichst du. Die Prügel teilst du aus. Den Beifall für Ungerechtigkeit hast du ge-klatscht. Das andere nicht umkehren, ist deren Sache. Dort, wo es an dir liegt, musst du umkehren. Und du kannst es auch. Und dort, wo es an mir liegt, muss ich umkehren. Und ich kann das hoffentlich auch. Die andere bequeme Ausrede, nicht umzukehren, ist die, das Gott ja sowieso vergibt. Also muss ich auch nichts ändern. Wer so denkt, bleibt in der Schuld und in der Sünde gefangen, weil er die Liebe gar nicht annehmen kann. Weil er immer in seiner Selbstliebe gefangen bleibt und gar nicht sehen will, dass Liebe auch zu neuem Verhalten führt. Die Liebe Gottes macht niemanden zu einem perfekten Menschen. Keinen Pfarrer, keinen Bischof oder Bischöfin, keinen Papst. Aber die Liebe hilft, Schuld zu sehen, einzugestehen und ein neues, von der Liebe gelenktes Verhalten, wenigstens in Angriff zu nehmen. auch wenn es immer wieder Rückschritte geben wird. „Weiter so“ geht in der Liebe nicht. Neuanfang, das ist das Geschenk der Liebe Gottes, der Gnade, des Glaubens, von dem Paulus hier in seinem Brief erzählt.
Ist Gott eigentlich auch für mich da, kann er mit mir et-was anfangen, auch wenn ich nicht gerade perfekt bin und immer wieder an den Ansprüchen von dem, was eigentlich gut und richtig ist, scheitere? Diese Frage beantwortet Paulus in seinem Brief an Timotheus mit „Ja“. Und dieses Ja Gottes lässt Paulus zum Vorbild werden. Nicht, weil er besser wäre als andere, sondern weil er sich seiner Vergangenheit, seiner Schuld stellt und sie nicht verleugnet. Weil er aber aus der Liebe Gottes auch die Kraft zur Umkehr bezieht. Immer wieder neu. Denn auch dort, wo ein Neuanfang gewagt wird, wird es Rückschritte geben. Fehler, Schuld. Paulus stellt sich dem. Und wir? Gebe Gott, dass uns seine Liebe Mut macht, umzukehren, neu anzufangen, einander zum Leben zu helfen.
Amen
Liebe Gemeinde!
„Herr Kling-Böhm, sie trinken doch auch Bier, wenn sie Fußball gucken, oder?“ Wenn ich ehrlich bin, trinke ich zwar nicht immer Bier beim Fußball, aber ich trinke Bier auch dann, wenn ich nicht Fußball schaue. „Herr Kling-Böhm, sie haben doch auch eine Frau und hatten Sie davor auch eine Freundin?“ Ja, hatte ich. „Herr Kling-Böhm, sie benutzen doch auch manchmal Schimpfwörter, oder?“ Wenn ich ehrlich bin, rutscht mir schon mal ein Wort, das ich besser nicht gesagt hätte, raus, wenn ich mich wirklich ärgere oder wenn ich bei einem Spiel der Eintracht im Stadion in Frankfurt sitze. Das alles und noch viel mehr sind beliebte Fragen meiner Schülerinnen und Schüler. Und meistens enden diese Gespräche dann, wenn ich ehrlich antworte, mit der Feststellung: „Aber sie sind doch Pfarrer! Als Pfarrer darf man doch nicht sündigen!“ Jetzt könnte ich natürlich einen Vers aus der Bibel zu Hilfe nehmen, den ich eben vorgelesen habe. Paulus schreibt ja: Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin. Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als Erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben. In einer moderneren Übersetzung steht da: Was ich sage, ist wahr und glaubwürdig: Christus Jesus kam in die Welt, um Sünder zu retten – und ich bin der Schlimmste von allen. Aber Gott hatte Erbarmen mit mir, damit Jesus Christus mich als leuchtendes Beispiel für seine unendliche Geduld gebrauchen konnte. So bin ich ein Vorbild für alle, die an ihn glauben und das ewige Leben erhalten werden. Ja, es ist richtig: Jesus führt auch die Menschen zu Gott, die in ihrem Leben nicht gerade alles richtig gemacht haben oder alles richtig machen. Um durch Jesus zu Gott zu kommen, muss ich kein perfekter, fehlerloser Mensch sein. Aber ich finde die Fragen der Schülerinnen und Schüler, die aussprechen, was Erwachsene vielleicht manchmal nur denken, nicht deshalb wichtig, weil ich dann mit Bibelsprüchen glänzen kann und mich als tolles Vorbild hinstelle, weil ich vielleicht auch Dinge getan habe oder tue, die nicht in Ordnung waren oder sind und trotzdem auf die Liebe Gottes vertraue. Das ist nicht der entscheidende Punkt. Viel wichtiger sind für mich andere Beobachtungen und Fragen: Ist das, was Schülerinnen und Schüler, und, wie gesagt, sicher auch viele Erwachsene, als Sünde verstehen, so, wie es in ihren Fragen deutlich wird, tatsächlich Sünde? Was ist eigent-lich Sünde? Eine andere wichtige Frage, die für mich hin-ter den Fragen steckt, ist dann die: Brauche ich perfekte, oder wenigstens fast perfekte Vorbilder, die stellvertre-tend für mich alles oder fast alles richtig machen, weil ich es sowieso nicht schaffe oder gar nicht erst schaffen will? Und hinter allem steckt die große Frage, auf die für mich die Verse, die heute als Predigttext da sind, eine Antwort geben: Ist Gott eigentlich auch für mich da, kann er mit mir etwas anfangen, auch wenn ich nicht gerade perfekt bin und immer wieder an den Ansprüchen von dem, was eigentlich gut und richtig ist, scheitere?
Ich möchte gern mit der ersten Frage anfangen. Was ist eigentlich Sünde? Nicht zufällig macht sich das auch am Thema Alkohol fest. Ich glaube schon, dass viele Jugendliche in ihrem Alltag, manchmal auch in ihrer nächsten Umgebung, erleben, wie schlimm Alkohol sein kann. Es ist keine Sünde, Alkohol zu trinken. Jesus selbst hat das getan. Er hat, so erzählt es das Johannesevangelium, bei einer Hochzeit dafür gesorgt, dass der Weinvorrat nicht zu Ende ging und von manchen Anhängern von Johannes dem Täufer, alles Antialkoholiker, wurde er als Weinsäufer beschimpft. Es ist nicht schlimm und keine Sünde, Alkohol zu trinken. Aber alle Hemmungen zu verlieren und Frauen und Kinder im Rausch zu verprügeln, im Rausch andere anzupöbeln und sie aufs übelste zu beleidigen oder gar bewusst andere betrunken zu machen, um sie zu bestehlen oder um Sex mit ihnen zu haben, das ist etwas ganz anderes. Hier wird für mich ein Aspekt von dem, was Sünde ist sichtbar: Sünde ist es, die eigene Mitmenschlichkeit zu verleugnen und zu verlieren und dem anderen sein Menschsein abzusprechen. Wo Menschen gequält, erniedrigt, ausgenutzt werden, da wird gesündigt. Ganz klar. Der Mensch ist nicht Ware, nicht Ding, sondern im anderen Menschen haben wir ein Bild Gottes vor Augen. Jeder Mensch hat Würde. Und wo diese Würde mit Füßen getreten wird, wird auch Gott mit Füßen getreten. Und da bin ich beim anderen Punkt von dem, was Sünde ist. Paulus, der hier in dem Brief von sich schreibt, dass er Sünder ist, hat sicher nicht im Suff Kinder verprügelt oder anderes gemacht. Aber er hat ganz verbissen nur auf sich und seine eigen Meinung geschaut. Er hat Christen verfolgt, wollte dafür sorgen, dass sie umgebracht werden, weil sie nicht in sein Weltbild passten. Er hat gedacht, er wäre fromm und würde alles für Gott tun, hat dabei aber Gott aus den Augen verloren. Er hat nur sich selbst, nur seine eigene Meinung vom Glauben gelten lassen und ist blind für die Liebe geworden. Er hat seine Meinung mit Gottes Meinung gleichgesetzt. Und das ist der andere Teil der Sünde. Der große Egoismus, der nur sich selbst sieht und Gott dadurch leugnet, dass sich als Menschen nicht mit seinen Grenzen wahrnimmt. Der große Egoismus, der allen Platz auf dieser Welt nur für sich selbst, die eigene Denk- und Lebensweise in Anspruch nimmt. Manchmal ist es die bewusste Abkehr von Gott, die den Menschen an Gottes Stelle setzt. manchmal wird aber, wie bei Paulus, als er noch Saulus war, auch, zwar behauptet, im Namen Gottes zu handeln. Aber letztlich geht es nur um die Durchsetzung eigener Interessen. Sünde ist es, die eigenen Grenzen nicht zu sehen und dem Mitmenschen seine Mitmenschlichkeit abzusprechen. Insofern können Schimpfwörter schon ein Ausdruck von Sünde sein. Dann, wenn durch sie Menschen lächerlich gemacht werden oder so getan wird, als wären sie weniger wert. Und insofern sind auch Wirtschaftsverhältnisse, in denen Menschen dadurch reich werden, dass sie die Schwäche und die Armut anderer ausnutzen, Ausdruck von Sünde. Sünde ist nicht das zuviel getrunkene Bier, nicht das eine Schimpfwort in der Hitze des Gefechts, sondern eine Lebenseinstellung, die sich selbst egoistisch in den Mittelpunkt stellt, die eigene Bedürftigkeit leugnet und die Bedürftigkeit des anderen mit Füßen tritt.
Damit bin ich bei der Frage, ob ich perfekte Vorbilder brauche. Nein, kann ich nur sagen. Perfekte Vorbilder wird keiner finden. Und man kann sein Leben ja auch nicht stellvertretend von anderen leben lassen und die Verantwortung abgeben. Wenn ich sage, der Pfarrer, der Lehrer, der Papst, die Eltern oder wer auch immer, der soll perfekt sein, ich als Kind, als einfacher Mensch kann das ja nicht, dann mache ich mir was vor. Entscheidend ist nicht nur, dass ich sehe, was gut und was böse ist. Entscheidend ist, dass ich bereit bin, da, wo ich stehe, mich auch den Fehlern, die ich mache, zu stellen, und nicht nach bequemen Ausreden zu suchen. Eine bequeme und beliebte Ausrede ist: ich kann halt nicht anders. Außerdem sind die anderen, die meine Vorbilder sein sollten, ja auch nicht besser. Ausrede, sonst nichts. Deinen Fehler machst du selber. Deine Schuld lädst du selber auf dich. Das Schimpfwort sprichst du. Die Prügel teilst du aus. Den Beifall für Ungerechtigkeit hast du ge-klatscht. Das andere nicht umkehren, ist deren Sache. Dort, wo es an dir liegt, musst du umkehren. Und du kannst es auch. Und dort, wo es an mir liegt, muss ich umkehren. Und ich kann das hoffentlich auch. Die andere bequeme Ausrede, nicht umzukehren, ist die, das Gott ja sowieso vergibt. Also muss ich auch nichts ändern. Wer so denkt, bleibt in der Schuld und in der Sünde gefangen, weil er die Liebe gar nicht annehmen kann. Weil er immer in seiner Selbstliebe gefangen bleibt und gar nicht sehen will, dass Liebe auch zu neuem Verhalten führt. Die Liebe Gottes macht niemanden zu einem perfekten Menschen. Keinen Pfarrer, keinen Bischof oder Bischöfin, keinen Papst. Aber die Liebe hilft, Schuld zu sehen, einzugestehen und ein neues, von der Liebe gelenktes Verhalten, wenigstens in Angriff zu nehmen. auch wenn es immer wieder Rückschritte geben wird. „Weiter so“ geht in der Liebe nicht. Neuanfang, das ist das Geschenk der Liebe Gottes, der Gnade, des Glaubens, von dem Paulus hier in seinem Brief erzählt.
Ist Gott eigentlich auch für mich da, kann er mit mir et-was anfangen, auch wenn ich nicht gerade perfekt bin und immer wieder an den Ansprüchen von dem, was eigentlich gut und richtig ist, scheitere? Diese Frage beantwortet Paulus in seinem Brief an Timotheus mit „Ja“. Und dieses Ja Gottes lässt Paulus zum Vorbild werden. Nicht, weil er besser wäre als andere, sondern weil er sich seiner Vergangenheit, seiner Schuld stellt und sie nicht verleugnet. Weil er aber aus der Liebe Gottes auch die Kraft zur Umkehr bezieht. Immer wieder neu. Denn auch dort, wo ein Neuanfang gewagt wird, wird es Rückschritte geben. Fehler, Schuld. Paulus stellt sich dem. Und wir? Gebe Gott, dass uns seine Liebe Mut macht, umzukehren, neu anzufangen, einander zum Leben zu helfen.
Amen
Sonntag, 6. Juni 2010
100% Liebe - was will man mehr! - 1. nach Trinitatis, Reihe II, 06.06.2010
Text: 1. Joh 4,16b-21
Liebe Gemeinde!
Sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich – sie liebt mich nicht… das darf doch nicht wahr sein, das muss ich nochmal probieren. Oder vielleicht ist Blütenblätterzupfen doch von vorgestern. Vielleicht sollte ich „Love – Leerzeichen – Uli - Leerzeichen – Silke“ als SMS an 83333 schicken, kostet ja nur 4,99 im Top-Abo und das muss es mir doch wert sein, genau zu wissen, zu wie viel Prozent meine Liebste und ich zusammenpassen. Oder vielleicht doch ein Horoskop, das mir Sicherheit verschafft? Furcht ist nicht in der Liebe? – Von wegen! Wer liebt, gibt viel von sich preis. Wer liebt, wird verletzlich, öffnet sich. Und deshalb tut enttäuschte, kaputtgegangene Liebe auch mehr weh als vieles andere. Schmerzen hat niemand gern. Und wenn ich mir Sicherheit verschaffen kann, warum sollte ich dann das Risiko, verletzt zu werden eingehen? 4,99 ist da doch nicht zu viel verlangt! Nein, ich will nichts lächerlich machen. Nicht die Sehnsucht junger Menschen nach Sicherheit in der Liebe. Und auch nicht diese Verse aus der Bibel, zu denen dieses alltägliche Spiel mit der Liebe so gar nicht passt. Natürlich erzählen diese Verse aus der Bibel nicht von einer alltäglichen Zweierbeziehung. Oder vielleicht doch? „Love – Leer-zeichen – Gott – Leerzeichen – Uli“ oder Dorothee oder Lisa oder Marcel oder… - wenn der erste Johannesbrief es ernst meint, dann brauchen wir das nicht per SMS an 83333 zu senden und 4,99 auszugeben, dann dürfen wir glauben, hoffen, wissen: da kommen 100% raus, das passt optimal. Aber trotzdem gibt es Momente im Leben, in denen ich mich frage: Liebt Gott mich wirklich? Liebe ich Gott wirklich? Je stärker Liebe wirklich ist, desto stärker spüre ich auch, was ihr eigentlich alles im Weg steht. Je mehr Liebe da ist, desto mehr wird die Lieblosigkeit auch spürbar. Liebe macht nicht blind. Liebe schärft die Sinne für das, was da ist. Verliebt sein macht blind. Verliebt sein, das den anderen besitzen will und das alles ausblendet, was den anderen stören könnte oder am anderen stört. Verliebt sein, dass sich zuerst an einem romantischen Bild vom anderen, von der Beziehung zueinander leiten lässt und das alles ausblendet, was nicht in dieses romantische Bild passt. Wenn aus Verliebt sein Liebe wird, dann öffnet sie die Augen für die Wirklichkeit und hilft, auch das, was nicht ins rosarote Bild passt, zu sehen und damit umzugehen. Verliebt sein lässt mich MEIN Bild vom anderen sehen, Liebe den anderen selbst. Und da ist sie wieder, die Furcht. Die Furcht, die Menschen seit ewigen Zeiten zu allen Möglichkeiten Tricks, sich scheinbare Sicherheit zu verschaffen, greifen lässt. Die Furcht, dass mein Gegenüber mich nicht mehr liebenswert findet, wenn das Verliebt sein aufhört, das Bild verschwindet und die Wahrheit ans Licht kommt. Die Furcht, dass ich die Wahrheit nicht aushalte, wenn mir die Liebe die Augen für den anderen geöffnet hat. Und da bin ich dann wieder in der Bibel, ganz bei der Liebe Gottes.
Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht rechnet mit Strafe. So kann man zuerst und eigentlich tatsächlich nur von der Liebe reden, mit der Gott uns Menschen liebt. Die Liebe, die in Jesus nicht nur sichtbar geworden ist, sondern die von ihm mit Leben gefüllt wurde. In Jesus, in der Art und Weise, wie er Menschen begegnet ist, begegnet Gott selbst. Jesus war nicht nur ein netter Prophet oder ein guter Lehrer. Sondern er ist Gottes Mensch gewordene Liebe. Diese vollkommene Liebe will unsere Furcht vor dem Versagen, vor Strafe vertreiben. Jesus hat gezeigt, dass die Liebe Gottes keine Belohnung für ein immer richtiges Verhalten ist. Jesus ist zu den Menschen gegangen, die alles andere als fromm und liebenswert waren. Zu denen, die als Betrüger, als Prostituierte, als Zweifler schon vieles im Leben falsch gemacht haben. Er hat denen, die von sich wussten, dass so vieles in ihrem Leben nicht gut gelaufen ist, gezeigt, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes liebenswert, der Liebe wert sind. Obwohl es ihre eigene Schuld war, obwohl sie ihre Fehler nicht auf andere, auf die Umstände, auf die Gesellschaft abschieben konnten. Es geht nicht um Überheblichkeit, nicht darum, dass die so geliebten nun plötzlich absolut fehlerlos und besser als andere wären. Es geht um die Erkenntnis, dass ich ehrlich sein darf, dass ich mich nicht besser als ich bin machen muss, damit ich geliebt werde. Und hier wird für mich die Liebe Gottes, die Furcht vertreibt, ganz praktisch im Alltag umsetzbar und erfahrbar. Das, was ich am Anfang so lang erzählt habe, die Furcht, enttäuscht zu werden oder auch andere zu enttäuschen, ist ja nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass ich doch auch im Alltag spüren kann: Liebe nimmt mir die Furcht. Auch wenn ich eine Abfuhr riskiere: Wenn ich jemanden wirklich liebe, werde ich ihm das sagen. Und natürlich gibt es keine Garantie, dass eine Ehe, eine Beziehung ein Leben lang hält. Und in jeder Beziehung, Ehe, Partnerschaft und auch und gerade in der Liebe zwischen Eltern und Kindern, wird es Momente geben, in denen man sich gegenseitig richtig weh tut und wirklich auch aneinander schuldig wird. Und sicher gibt es auch manchmal Beziehungen, in denen wirklich Liebe da war, die an ein Ende kommen. Das weiß ich und sehe ich. Aber Liebe macht Mut, sich nicht von der Furcht, dass etwas kaputtgeht, sondern von der Hoffnung, dass Umkehr und Neuanfang möglich sind, leiten zu lassen. Sonst wäre, glaube ich, keine Ehe mehr da, die nicht geschieden wäre. Sonst würden, glaube ich, alle Kinder ihre Eltern verlassen oder umgekehrt alle Eltern ihre Kinder auf die Straße setzen. Die Liebe, die sich aus der Liebe Gottes stark machen lassen kann, macht uns nicht blind, sondern lässt uns in der Wirklichkeit, mit der Wirklichkeit leben und sie lässt aus der Wirklichkeit Gutes entstehen. Sicherheit gibt es nicht. Es kann schief gehen. Aber auch dann, wenn es schief geht, bleibt uns die Liebe, mit der Gott uns neu zum Leben anstiften will. Für mich verliert so auch der Satz „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ seinen Schrecken. Wenn ich ihn so verstehen müsste, dass Gott mich nicht mehr liebt, sobald ich etwas nicht Liebenswertes tue, dann müsste ich durchdrehen, dann wäre ich schon lange wirklich Gott fern. In der Liebe bleiben heißt auch und gerade bei Gott: der Beziehung immer wieder eine neue Chance geben. Sich dem Leben stellen und mit dem Leben und am Leben wachsen. Gott ist nicht der tote, starre Gott, der ein für allemal unveränderlich bleibt. Er offenbart sich Mose mit den Worten: „Ich werde der sein, der ich sein werde“ – das heißt: ich bin der Lebendige. Du kannst mich nicht wie ein Bild festhalten, ich bin lebendig. in der Liebe bleiben heißt: eine Beziehung nicht in Gesetzen und Regeln und Bildern erstarren zu lassen, sondern dem Leben mit seinen Veränderungen eine Chance zu geben. Und von da aus wird deutlich, was hier in diesem Brief ganz wichtig ist. die Liebe, mit der Gott Menschen liebt, ist mehr als eine bloße Zweierkiste. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht? Für mich ein Schlüsselsatz. Dort, wo ich Menschen Leben möglich mache, dort liebe ich Gott. Liebe heißt, den anderen wirklich Mensch sein lassen. Das kann ich auf verschiedene Art. Und das ändert sich auch. Weil Liebe eben im Leben spielt und nicht zwischen Buchdeckeln oder auf Bildern oder in filmen. Liebe muss nicht, kann aber mit Bauchkribbeln und Schmetterlingen verbunden sein. Den anderen Mensch sein lassen, das kann heißen, ihm zu zeigen, wie besonders er für mich ist und wie sehr ich ein Leben mit ihm schätze. Das kann aber auch heißen, dem anderen einen gerechten Lohn für seine Arbeit zu bezahlen und ihn nicht auszubeuten. Den Bedürftigen nicht im Elend zu lassen. Oder dem schwierigen Jugendlichen zu helfen, Auswege und einen Platz im Leben zu finden. Liebe kann auch heißen, den anderen nicht mit Schimpfwörtern klein zu machen. Liebe heißt: den anderen Mensch sein lassen. Dazu braucht es kein Kribbeln im Bauch. Es braucht die offenen Augen, das offene Herz, die Bereitschaft, sich auch enttäuschen zu lassen. Wer Sicherheit sucht, wird die Liebe verlieren. Wer loslassen kann, wird sie finden und gewinnen. Gottes Liebe ist deshalb so groß, weil Gott losgelassen hat. Das Bild vom perfekten Menschen, der alle Gebote und Regeln halten und erfüllen muss, um zu ihm kommen zu dürfen. Gott hat sich dem Menschen, dem Leben ganz zugewendet. Im Menschen Jesus Christus. Und weil das so ist, dürfen wir uns auch von unseren Bildern verabschieden. Und lieben. Und leben.
Amen
Liebe Gemeinde!
Sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich – sie liebt mich nicht – sie liebt mich – sie liebt mich nicht… das darf doch nicht wahr sein, das muss ich nochmal probieren. Oder vielleicht ist Blütenblätterzupfen doch von vorgestern. Vielleicht sollte ich „Love – Leerzeichen – Uli - Leerzeichen – Silke“ als SMS an 83333 schicken, kostet ja nur 4,99 im Top-Abo und das muss es mir doch wert sein, genau zu wissen, zu wie viel Prozent meine Liebste und ich zusammenpassen. Oder vielleicht doch ein Horoskop, das mir Sicherheit verschafft? Furcht ist nicht in der Liebe? – Von wegen! Wer liebt, gibt viel von sich preis. Wer liebt, wird verletzlich, öffnet sich. Und deshalb tut enttäuschte, kaputtgegangene Liebe auch mehr weh als vieles andere. Schmerzen hat niemand gern. Und wenn ich mir Sicherheit verschaffen kann, warum sollte ich dann das Risiko, verletzt zu werden eingehen? 4,99 ist da doch nicht zu viel verlangt! Nein, ich will nichts lächerlich machen. Nicht die Sehnsucht junger Menschen nach Sicherheit in der Liebe. Und auch nicht diese Verse aus der Bibel, zu denen dieses alltägliche Spiel mit der Liebe so gar nicht passt. Natürlich erzählen diese Verse aus der Bibel nicht von einer alltäglichen Zweierbeziehung. Oder vielleicht doch? „Love – Leer-zeichen – Gott – Leerzeichen – Uli“ oder Dorothee oder Lisa oder Marcel oder… - wenn der erste Johannesbrief es ernst meint, dann brauchen wir das nicht per SMS an 83333 zu senden und 4,99 auszugeben, dann dürfen wir glauben, hoffen, wissen: da kommen 100% raus, das passt optimal. Aber trotzdem gibt es Momente im Leben, in denen ich mich frage: Liebt Gott mich wirklich? Liebe ich Gott wirklich? Je stärker Liebe wirklich ist, desto stärker spüre ich auch, was ihr eigentlich alles im Weg steht. Je mehr Liebe da ist, desto mehr wird die Lieblosigkeit auch spürbar. Liebe macht nicht blind. Liebe schärft die Sinne für das, was da ist. Verliebt sein macht blind. Verliebt sein, das den anderen besitzen will und das alles ausblendet, was den anderen stören könnte oder am anderen stört. Verliebt sein, dass sich zuerst an einem romantischen Bild vom anderen, von der Beziehung zueinander leiten lässt und das alles ausblendet, was nicht in dieses romantische Bild passt. Wenn aus Verliebt sein Liebe wird, dann öffnet sie die Augen für die Wirklichkeit und hilft, auch das, was nicht ins rosarote Bild passt, zu sehen und damit umzugehen. Verliebt sein lässt mich MEIN Bild vom anderen sehen, Liebe den anderen selbst. Und da ist sie wieder, die Furcht. Die Furcht, die Menschen seit ewigen Zeiten zu allen Möglichkeiten Tricks, sich scheinbare Sicherheit zu verschaffen, greifen lässt. Die Furcht, dass mein Gegenüber mich nicht mehr liebenswert findet, wenn das Verliebt sein aufhört, das Bild verschwindet und die Wahrheit ans Licht kommt. Die Furcht, dass ich die Wahrheit nicht aushalte, wenn mir die Liebe die Augen für den anderen geöffnet hat. Und da bin ich dann wieder in der Bibel, ganz bei der Liebe Gottes.
Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht rechnet mit Strafe. So kann man zuerst und eigentlich tatsächlich nur von der Liebe reden, mit der Gott uns Menschen liebt. Die Liebe, die in Jesus nicht nur sichtbar geworden ist, sondern die von ihm mit Leben gefüllt wurde. In Jesus, in der Art und Weise, wie er Menschen begegnet ist, begegnet Gott selbst. Jesus war nicht nur ein netter Prophet oder ein guter Lehrer. Sondern er ist Gottes Mensch gewordene Liebe. Diese vollkommene Liebe will unsere Furcht vor dem Versagen, vor Strafe vertreiben. Jesus hat gezeigt, dass die Liebe Gottes keine Belohnung für ein immer richtiges Verhalten ist. Jesus ist zu den Menschen gegangen, die alles andere als fromm und liebenswert waren. Zu denen, die als Betrüger, als Prostituierte, als Zweifler schon vieles im Leben falsch gemacht haben. Er hat denen, die von sich wussten, dass so vieles in ihrem Leben nicht gut gelaufen ist, gezeigt, dass sie im wahrsten Sinn des Wortes liebenswert, der Liebe wert sind. Obwohl es ihre eigene Schuld war, obwohl sie ihre Fehler nicht auf andere, auf die Umstände, auf die Gesellschaft abschieben konnten. Es geht nicht um Überheblichkeit, nicht darum, dass die so geliebten nun plötzlich absolut fehlerlos und besser als andere wären. Es geht um die Erkenntnis, dass ich ehrlich sein darf, dass ich mich nicht besser als ich bin machen muss, damit ich geliebt werde. Und hier wird für mich die Liebe Gottes, die Furcht vertreibt, ganz praktisch im Alltag umsetzbar und erfahrbar. Das, was ich am Anfang so lang erzählt habe, die Furcht, enttäuscht zu werden oder auch andere zu enttäuschen, ist ja nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass ich doch auch im Alltag spüren kann: Liebe nimmt mir die Furcht. Auch wenn ich eine Abfuhr riskiere: Wenn ich jemanden wirklich liebe, werde ich ihm das sagen. Und natürlich gibt es keine Garantie, dass eine Ehe, eine Beziehung ein Leben lang hält. Und in jeder Beziehung, Ehe, Partnerschaft und auch und gerade in der Liebe zwischen Eltern und Kindern, wird es Momente geben, in denen man sich gegenseitig richtig weh tut und wirklich auch aneinander schuldig wird. Und sicher gibt es auch manchmal Beziehungen, in denen wirklich Liebe da war, die an ein Ende kommen. Das weiß ich und sehe ich. Aber Liebe macht Mut, sich nicht von der Furcht, dass etwas kaputtgeht, sondern von der Hoffnung, dass Umkehr und Neuanfang möglich sind, leiten zu lassen. Sonst wäre, glaube ich, keine Ehe mehr da, die nicht geschieden wäre. Sonst würden, glaube ich, alle Kinder ihre Eltern verlassen oder umgekehrt alle Eltern ihre Kinder auf die Straße setzen. Die Liebe, die sich aus der Liebe Gottes stark machen lassen kann, macht uns nicht blind, sondern lässt uns in der Wirklichkeit, mit der Wirklichkeit leben und sie lässt aus der Wirklichkeit Gutes entstehen. Sicherheit gibt es nicht. Es kann schief gehen. Aber auch dann, wenn es schief geht, bleibt uns die Liebe, mit der Gott uns neu zum Leben anstiften will. Für mich verliert so auch der Satz „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ seinen Schrecken. Wenn ich ihn so verstehen müsste, dass Gott mich nicht mehr liebt, sobald ich etwas nicht Liebenswertes tue, dann müsste ich durchdrehen, dann wäre ich schon lange wirklich Gott fern. In der Liebe bleiben heißt auch und gerade bei Gott: der Beziehung immer wieder eine neue Chance geben. Sich dem Leben stellen und mit dem Leben und am Leben wachsen. Gott ist nicht der tote, starre Gott, der ein für allemal unveränderlich bleibt. Er offenbart sich Mose mit den Worten: „Ich werde der sein, der ich sein werde“ – das heißt: ich bin der Lebendige. Du kannst mich nicht wie ein Bild festhalten, ich bin lebendig. in der Liebe bleiben heißt: eine Beziehung nicht in Gesetzen und Regeln und Bildern erstarren zu lassen, sondern dem Leben mit seinen Veränderungen eine Chance zu geben. Und von da aus wird deutlich, was hier in diesem Brief ganz wichtig ist. die Liebe, mit der Gott Menschen liebt, ist mehr als eine bloße Zweierkiste. Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht? Für mich ein Schlüsselsatz. Dort, wo ich Menschen Leben möglich mache, dort liebe ich Gott. Liebe heißt, den anderen wirklich Mensch sein lassen. Das kann ich auf verschiedene Art. Und das ändert sich auch. Weil Liebe eben im Leben spielt und nicht zwischen Buchdeckeln oder auf Bildern oder in filmen. Liebe muss nicht, kann aber mit Bauchkribbeln und Schmetterlingen verbunden sein. Den anderen Mensch sein lassen, das kann heißen, ihm zu zeigen, wie besonders er für mich ist und wie sehr ich ein Leben mit ihm schätze. Das kann aber auch heißen, dem anderen einen gerechten Lohn für seine Arbeit zu bezahlen und ihn nicht auszubeuten. Den Bedürftigen nicht im Elend zu lassen. Oder dem schwierigen Jugendlichen zu helfen, Auswege und einen Platz im Leben zu finden. Liebe kann auch heißen, den anderen nicht mit Schimpfwörtern klein zu machen. Liebe heißt: den anderen Mensch sein lassen. Dazu braucht es kein Kribbeln im Bauch. Es braucht die offenen Augen, das offene Herz, die Bereitschaft, sich auch enttäuschen zu lassen. Wer Sicherheit sucht, wird die Liebe verlieren. Wer loslassen kann, wird sie finden und gewinnen. Gottes Liebe ist deshalb so groß, weil Gott losgelassen hat. Das Bild vom perfekten Menschen, der alle Gebote und Regeln halten und erfüllen muss, um zu ihm kommen zu dürfen. Gott hat sich dem Menschen, dem Leben ganz zugewendet. Im Menschen Jesus Christus. Und weil das so ist, dürfen wir uns auch von unseren Bildern verabschieden. Und lieben. Und leben.
Amen
Sonntag, 30. Mai 2010
Geistreich küssen - Trinitatis, 30.05.2010, Reihe VI (statt II), Begrüßung der neuen Konfis
Text: 2. Kor 13,11-13
Liebe Gemeinde!
Ja, das wäre doch was, wenn wir uns heute Morgen vor der Kirche mit Küssen begrüßt hätten, oder? Grüßt einander mit dem Heiligen Kuss, schreibt Paulus. Statt Händeschütteln vor der Kirche für jeden einen Kuss, und auch im Konfirmandenunterricht am Dienstag: vor dem Beten wird erst mal geküsst. Vielleicht würden es Mädchen untereinander hinkriegen. Aber wenn ich mir das bei den Jungs vorstelle, glaube ich nicht, dass diese Begrüßung ihre Wahl wäre. Und auch zwischen Erwachsenen und Jugendlichen wäre das nicht die Begrüßung meiner Wahl. Zu viele unheilige Küsse spielten in den letzten Wochen in den Nachrichten eine Rolle. Entweder wurde im Namen Gottes geschlagen und gequält oder im Namen Gottes oder einer missverstandenen Erziehung zur Freiheit geküsst oder mehr dort, wo es überhaupt nicht hingehört. Küsse sind in Verruf geraten. Schon in der Bibel gibt es ja den Kuss, mit dem Judas Jesus verrät. Und als eine Frau mit schlechtem Ruf, vielleicht eine Prostituierte, Jesus die Füße küsst, denken die Jünger und die Frommen, dass sich das überhaupt nicht gehört. Begrüßen wir uns also lieber anders, im Gottesdienst, in Konfer, in der Schule, in der Gemeinde. Nicht mit heiligen Küssen, die so leicht missverstanden oder missbraucht werden können. Begrüßen wir uns anders – und trotzdem wünsche ich uns, als Gemeinde, als Konfergruppe, als Menschen auf dem Richtsberg, in Marburg, dass das, was hinter dem heiligen Kuss steckt, auch bei uns wirksam ist, wenn wir uns begrüßen. Wenn ich einen Kuss ernst meine und nicht Vertrauen oder Macht missbrauche, heißt ein Kuss doch: Du bist mir vertraut. Ich mag dich, vielleicht ist sogar echte Liebe dabei. Du bist mir nicht egal. Ich gönne und wünsche dir Gutes. Ich vertraue dir, ich respektiere dich. Du bist Teil meiner Familie. Ich habe eine Beziehung zu dir. Der Streit steht nicht mehr zwischen uns, wir vertragen uns wieder. Das alles kann ein ehrlicher Kuss bedeuten. Auch wenn wir den Kuss weglassen, weil er leicht missverstanden werden kann: Eigentlich sind das alles Dinge, die Miteinander voranbringen. Wenn wir das unabhängig vom Kuss in unserem Leben umsetzen würden, nicht nur sonntags im Gottesdienst, nicht nur dienstags in Konfer, sondern in unserem Zusammenleben auf dem Richtsberg, in Marburg, anderswo, jeden Tag neu, ich glaube, die Welt wäre kaum wiederzuerkennen. Respekt und Achtung voreinander, das Gefühl, zusammenzugehören. Egal, auf welche Schule jemand geht. Egal, wie viel Geld er hat. Egal, ob er jung oder alt, dick oder dünn, Russe, Araber, Türke oder Deutscher, krank oder gesund ist. Ein Traum. Und vielleicht wird er ja dienstags in Konfer, sonntags in der Kirche, montags, mittwochs, donnerstags, freitags, samstags in der Schule, auf der Straße, in der Firma, in den Blocks und Häusern ein Stück Wirklichkeit. Träume werden wahr. Weil wir den Mut haben, anderen nahe zu sein, auch wenn wir uns dazu nicht gleich küssen müssen, weil wir aufeinander achten, weil wir uns achten, respektieren, vielleicht sogar hier und dort ein wenig lie-ben.
Ein Traum, der Traum bleibt? Zu albern? Zu schön, um wahr zu werden? Die Menschen sind nicht so, die Konfis nicht, die Erwachsenen nicht? Ja, das Leben ist kein Ponyhof, auf dem immer die Sonne scheint und alles schön einfach ist. Dauerferien und Dauerglück gibt es nicht. Und Menschen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, können manchmal ziemlich anstrengend, leider auch ziemlich gemein sein. Und trotzdem halte ich fest an dem Traum. Nicht weil ich ein Spinner bin. Sondern weil ich glaube, dass Gott uns den Mut und die Kraft gibt, Träume zu verfolgen, Hoffnung zu behalten, Liebe anzunehmen und zu schenken und uns, zumindest in Gedanken, tatsächlich mit einem Heiligen Kuss zu begrüßen.
Als Paulus vor 2000 Jahren den Brief an die Christen in Korinth geschrieben hat, waren die Christen dort nicht perfekter als wir. Es gab reiche Menschen, die wenig arbeiten mussten, die keine Rücksicht auf die genommen haben, die arbeiten mussten und erst später zu den Gottesdiensten, die immer mit Abendmahl gefeiert wurden, kamen. Manche waren schon vom Abendmahlswein besoffen, bevor die Arbeiter überhaupt kamen. Es gab welche, die hielten sich für was Besseres, weil sie von einem gebildeteren Menschen als Paulus getauft wurden. Es gab ganz Ängstliche, die wollten den Mutigen alles verbieten und es gab Mutige, die haben die Ängstlichen lächerlich gemacht. Es war keine perfekte Gemeinde. Deshalb schreibt Paulus ja auch: „Lasst euch wieder in die richtige Spur bringen, lasst euch ermahnen und trösten“. Klar, es ist nicht schön, auf Fehler aufmerksam gemacht zu werden. Als Schüler nicht, als Konfi nicht und, glaubt mir, als Erwachsener tut man sich vielleicht manchmal damit noch schwerer. Aber im Glauben und auch sonst braucht man manchmal einen Anstoß von außen, um wieder gute Wege zu finden. Jemanden, der offen und ehrlich sagt: Das war so nichts. Was ich schön finde und was leider viel zu oft übersehen und ver-gessen wird, ist, dass im Griechischen, in der Sprache, in der Paulus geschrieben hat und die die Christen in Ko-rinth gesprochen haben, ermahnen, erinnern und trösten das gleiche Wort ist. Es geht nicht darum, den anderen als dumm hinzustellen, weil er etwas falsch gemacht hat und ihn mit seinen Fehlern vorzuführen. Es geht drum, ihn an das, was er glaubt und hofft, an seine guten Fähigkeiten zu erinnern und ihn zu trösten und ihm den Mut zu geben, es besser zu machen. Nicht aus Angst, sondern weil er weiß: Ich kann auch anders. So geht Gott mit uns und unseren Fehlern um. Und ich wünsche uns, dass davon etwas auf unser Miteinander abfärbt. In Konfer, in der Schule, in der Gemeinde, da wo wir leben. Über alle Alters- und anderen Grenzen hinaus. Dass wir uns gegenseitig Mut machen, es besser zu machen und uns nicht unsere Fehler gegenseitig in Ewigkeit vorhalten uns auf das Schlechte, das ja da ist und dass wir auch tun, festnageln. Paulus beendet den Brief an die Christen in Korinth, über die er traurig ist, die ihn enttäuscht haben, nicht mit Ermahnungen und Vorwürfen.
Am Ende stehen ein richtig guter Wunsch und eine gute Hoffnung. Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! Das hört sich anders an als: „Ändert euch gefälligst, sonst wird aus euch nichts!“ Auch wenn es sich für uns heute entweder sehr formal anhört, unpersönlich, weil es in fast jedem Gottesdienst so vorkommt oder gar unverständlich, weil im Alltag niemand mehr so redet. Aber genau das sind eigentlich drei große Geschenke für unser Leben. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: da ist einer, der will uns vergeben. Da ist einer, der setzt nicht mit aller Macht sein Recht durch, sondern der begnadigt. Da ist einer, der hält zu uns, auch wenn wir Fehler machen. Da ist einer, der will, dass wir aus unseren Fehlern lernen, der traut uns zu, es besser zu können. Gnade, nicht Rache, nicht Vergeltung, nicht Angst. Für mich kommt das auch im Vater unser vor, wenn wir beten: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Mache uns großzügig, lass uns nicht kleinlich und rechthaberisch sein. Nicht blind und dumm, sondern ehrlich und großzügig. Auch das ist ein Geschenk der Gnade. Und dann die Liebe Gottes. Da gibt’s eigentlich nichts mehr zu sagen. Oder so viel, dass es für eine eigene Predigt reicht. Zum Beispiel nächsten Sonntag, da geht es dann um die Liebe. Die Liebe, die so groß ist, dass man sie kaum beschreiben kann, die sollst du erfahren. Ist doch ein schöner Wunsch, gerade für die, über die ich mich eben noch geärgert habe. Gott ist nicht nachtragend. Und wir? Und am Ende der Wunsch nach Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist und im Heiligen Geist. Allein geht es einem im Leben wirklich schlecht. Man muss nicht immer einer Meinung sein, um zusammenzugehören. In Konfer nicht, in der Gemeinde nicht, in der Familie nicht. Schließt euch nicht ab, bleibt aufgeschlossen, lasst euch stark machen für ein aufgeschlossenes Leben. Das ist der Wunsch, den Paulus für die Christen in Korinth hat und den ich für uns habe. Und vielleicht, irgendwann, ist es dann auch so weit, dass der heilige Kuss zur Begrüßung nicht peinlich und komisch und mit dummen Hintergedanken verbunden ist, sondern normal wird. Solange können wir ja lernen, uns mit dem Gedanken daran anzufreunden, dass so was möglich sein könnte und möglich war. Und wir können unseren Teil dafür tun, dass die Zusammengehörigkeit, die Liebe, der Respekt, die dahinter stecken, trotzdem spürbar werden. Auch wenn wir uns nicht küssen. Dazu gebe Gott uns allen seinen Segen.
Amen
Sonntag, 23. Mai 2010
Feuer und Flamme - Pfingstonntag, 23.05.2010, Reihe II
Text: Apostelgeschichte 2,1-13(18)
Liebe Gemeinde!
Besoffen vor Begeisterung – vielleicht waren das ja gestern Abend die Anhänger von Inter Mailand nach dem Gewinn des Champions-League Finales in Madrid. Und vielleicht haben viele von ihnen noch gar nicht mal viel Alkohol getrunken, sondern sich aus lauter Freude über den Sieg so begeistert verhalten, dass andere, die mit Fußball nichts anfangen können, gedacht haben: die müssen wirklich besoffen sein. Aber wer selbst schon mal echte Begeisterung bei sich erlebt hat, wer sich als Fußballfan oder Fan einer anderen Mannschaft mal so richtig von tollen Spielen oder Siegen hat mitreißen lassen, der weiß: weder Red Bull noch irgendein Bier können solche Flügel verleihen wie echte Begeisterung, die einen zu Dingen treibt, die man sich, wenn man viel nachdenkt, gar nicht trauen würde. Wer so richtig Feuer und Flamme für etwas ist, der kann andere anstecken. Mit seiner Begeisterung. Natürlich waren die Jünger, die ohne Jesus zurechtkommen mussten, keine Fans des FC Jerusalem, der gerade die römische Reichsmeisterschaft gewonnen hätte. Und ich glaube auch nicht, dass der heilige Geist am Werk sein muss, um die eigene Begeisterung für eine Band oder eine Sängerin, für ein Hobby oder eine politische Partei anderen ansteckend zu vermitteln. Aber das, was uns Lukas in seiner Apostelgeschichte über den Geburtstag der Kirche erzählt, über die Begeisterung der Jünger, ist keine alte Geschichte, die vor fast 2000 Jahren in einem fernen Land spielt und die nichts mit uns heute zu tun hätte. Es ist keine bloße Geschichte, sondern eine Wirklichkeit, die bis heute Leben berühren und verändern kann. Bis in unsere Alltagssprache hinein wirkt Pfingsten. Auch wenn „begeistert sein“ heute längst nicht immer mit dem Glauben in Verbindung gebracht wird, auch wenn man nicht nur für den Glauben an Gott Feuer und Flamme ist – dass so immer noch geredet wird, hat mit den Erfahrungen zu tun, die Lukas in der Apostelgeschichte erzählt.
Jetzt ist es natürlich kein Grund, am Pfingstsonntag in der Kirche zu sitzen, nur weil manches, was in der Bibel steht, in unserer Alltagssprache vorkommt. Und das ist auch kein Grund, zu behaupten, dass die Wirklichkeit, von der die Apostelgeschichte erzählt, noch heute da ist. Der Grund ist der, dass die Wirkung des Geistes Gottes viel Alltäglicher ist, als wir es manchmal glauben. Natür-lich wird hier in der Bibel, in der Pfingstgeschichte, etwas Wunderbares, fast Unglaubliches erzählt. Und das ver-führt Menschen immer wieder dazu, mit Gott und dem Glauben die absolut übernatürlichen, unerklärlichen Sa-chen in Verbindung zu bringen und enttäuscht zu sein, wenn nicht wenigstens ein Dutzend Krebskranker spontan geheilt wird oder andere spektakuläre Dinge passieren. Aber wenn wir mal drauf achten, was die Wirkung des Geistes ist, dann sind das ganz unspektakuläre Dinge, die den Alltag der Menschen voran bringen.
An drei Punkten aus der Pfingstgeschichte möchte ich von Gottes Geist in unserem Alltag erzählen. Einmal an der wunderbaren Fähigkeit der Jünger, Menschen aus anderen Ländern in ihrer eigenen Sprache erreichen zu können. Zum zweiten an der Beobachtung, dass dort nicht gerade die Elite der damaligen Gesellschaft gepredigt hat. Und zum dritten an der Beobachtung, dass die Jünger zum ersten Mal sich nicht auf den verlassen, den sie sehen und anfassen können, nämlich Jesus, sondern auf eine neue Wirklichkeit Gottes, die da, aber nicht greifbar ist.
Zur ersten Beobachtung der Alltagstauglichkeit der alten Pfingstgeschichte. Es wäre toll, wenn mir das Gleiche passieren würde, wie es den Jüngern passiert ist. Wenn ich ohne Zeit fürs Lernen zu investieren, Russisch und Arabisch sprechen und verstehen könnte. Italienisch, Spanisch und Französisch würde ich dann auch noch gern mitnehmen. Und zigtausende Schüler träumen wohl auch von Englisch-, Französisch- und anderen Sprachkenntnissen ohne Arbeitsaufwand. Aber da müssen wir alle wohl lange warten. Das ist auch nicht der Kern, der den Geist Gottes auch heute noch wirksam macht. Der Kern ist doch der: Menschen verstehen sich plötzlich. Grenzen spielen keine trennende Rolle mehr. Gott, der Glaube an ihn, lässt sich nicht mehr in ein bestimmtes Land oder in die Grenzen einer einzigen Spra-che einsperren. Gottes Geist ist auch heute noch da im Spiel, wo Menschen über Grenzen hinweg Verständigung suchen und finden. Sprachliche Grenzen, kulturelle Gren-zen, die Grenzen, die unsere Vorurteile errichten. Die ver-schiedenen Sprachen, die die Menschen damals gesprochen haben, die bleiben. Aber sie sind nicht mehr Zeichen der Trennung, sondern Zeichen der Vielfalt, die möglich ist. Wo Menschen Verständigung suchen und finden, da ist Gottes Geist am Wirken. Bis heute. Zwei Erlebnisse von mir. In meiner vorigen Gemeinde in Fulda kam regelmäßig eine Frau aus Kamerun in den Gottesdienst. Sie sprach kein Deutsch und praktisch kein Englisch. Aber sie kam, weil sie spürte: Hier kann ich beten, hier sind andere, die Gottes Wort hören und beten. Sie wurde ein Teil der Gemeinde, hat andere aus Kamerun mitgebracht und die haben gesungen und getanzt und so die Gemeinde bereichert. Das andere Erlebnis ist das Gebetstreffen von christlichen Gemeinden und Initiativen vor knapp vier Wochen in der Thomaskirche. Menschen aus ganz verschiedenen Gemeinden, mit ganz unterschiedlichen Arten, die Bibel zu lesen und zu beten, haben sich getroffen. Es ist eine Gemeinschaft entstanden, die die Unterschiede, die es gibt, als Bereicherung erlebt hat. Gottes Geist war da. Deshalb ist es traurig, dass es immer noch Menschen gibt, die sich Christen nennen, die in erster Linie besser als andere sein wollen. Die Gottes Geist in ihre Kirche, in ihre Gemeinschaft, in ihre Art, zu glauben, zu beten, Abendmahl zu feiern einsperren wollen. Gottes Geist ist nicht da, wo Menschen sich voneinander abgrenzen und Recht haben wollen, sondern dort, wo Menschen aufeinander zu gehen und lernen, die Sprache der ande-ren, auch die Sprache des Glaubens der anderen, mit zu sprechen. Zumindest glaube ich das.
Die zweite Beobachtung: es waren nicht die Priester im Tempel, nicht die Gelehrten und die typisch Frommen, die als erste so richtig begeistert waren. Petrus und die anderen waren eher einfache Leute, manche mit einem eher schlechten Ruf. Gottes Geist lässt sich nicht an einen bestimmten Beruf binden. Auch nicht an das Ansehen, dass ein Mensch bei anderen genießt. Gottes Geist widerspricht unserem Elitedenken. Nicht, dass mich jemand missversteht: es ist gut, sich zu bilden. Es ist gut, etwas wissen zu wollen, die Welt zu entdecken, gute Gespräche zu führen. Aber für Gottes Geist sind das nicht die entscheidenden Maßstäbe. Vielleicht ist es ja manchmal auch so, dass sich der, der sich für besser hält, tatsächlich nicht so leicht begeistern lässt und sich dem Geist eher in den Weg stellt als sich von ihm anstecken zu lassen und Feuer und Flamme zu werden. Gottes Geist lässt sich von Bildung, Reichtum, Ansehen nicht festhalten. Es ist wenig geistreich, sich von Be-nachteiligten, scheinbar Schwachen abzuwenden. Vielleicht hat Gottes Geist gerade durch sie viel zu sagen.
Und die dritte Beobachtung der Alltagstauglichkeit ist die: Petrus und die anderen, die sich begeistern lassen, bekommen den Mut, den Mund aufzumachen und von ihrem Glauben zu erzählen. Sie halten sich nicht mehr an Jesus fest, der körperlich bei ihnen war, der im wahrsten Sinn des Wortes zu fassen war. Sie haben den Mut, das Sichtbare loszulassen und der Hoffnung und dem Vertrauen wirklich Raum zu geben. Gottes Geist macht Mut, die Kammer der Angst zu verlassen. Gottes Geist macht Mut, sich nicht zu verstecken, sondern aus sich herauszugehen. Gottes Geist macht Mut, das Miteinander zu suchen und sich nicht in ängstlichen Abgrenzungen um der reinen Lehre willen zu ergehen. Gottes Geist macht Mut, das los zu lassen, was mir vertraut ist, was ich fassen kann und sich vom Unfassbaren begeistern zu lassen. Gottes Geist begeistert, er lässt Menschen Feuer und Flamme sein. Nicht für das, was in der Vergan-genheit war, sondern für das Leben, das vor uns liegt, für die Welt, die Gott uns öffnet, für die Welt, in der Ver-ständigung, Liebe, Gerechtigkeit zählen und nicht das, was wir anderen an Wert zusprechen. Gottes Geist macht Mut, loszulassen und Zukunft zu erwarten und mit zu gestalten. Ich wünsche uns, dass wir wirklich begeistert feiern. Und denen, die sich am Sieg von Inter berauscht haben, wünsche ich, dass sich ihre Begeisterung nicht an dem, was war festhält, sondern für das, was kommt öffnet. Im Fußball und im Leben.
Amen
Liebe Gemeinde!
Besoffen vor Begeisterung – vielleicht waren das ja gestern Abend die Anhänger von Inter Mailand nach dem Gewinn des Champions-League Finales in Madrid. Und vielleicht haben viele von ihnen noch gar nicht mal viel Alkohol getrunken, sondern sich aus lauter Freude über den Sieg so begeistert verhalten, dass andere, die mit Fußball nichts anfangen können, gedacht haben: die müssen wirklich besoffen sein. Aber wer selbst schon mal echte Begeisterung bei sich erlebt hat, wer sich als Fußballfan oder Fan einer anderen Mannschaft mal so richtig von tollen Spielen oder Siegen hat mitreißen lassen, der weiß: weder Red Bull noch irgendein Bier können solche Flügel verleihen wie echte Begeisterung, die einen zu Dingen treibt, die man sich, wenn man viel nachdenkt, gar nicht trauen würde. Wer so richtig Feuer und Flamme für etwas ist, der kann andere anstecken. Mit seiner Begeisterung. Natürlich waren die Jünger, die ohne Jesus zurechtkommen mussten, keine Fans des FC Jerusalem, der gerade die römische Reichsmeisterschaft gewonnen hätte. Und ich glaube auch nicht, dass der heilige Geist am Werk sein muss, um die eigene Begeisterung für eine Band oder eine Sängerin, für ein Hobby oder eine politische Partei anderen ansteckend zu vermitteln. Aber das, was uns Lukas in seiner Apostelgeschichte über den Geburtstag der Kirche erzählt, über die Begeisterung der Jünger, ist keine alte Geschichte, die vor fast 2000 Jahren in einem fernen Land spielt und die nichts mit uns heute zu tun hätte. Es ist keine bloße Geschichte, sondern eine Wirklichkeit, die bis heute Leben berühren und verändern kann. Bis in unsere Alltagssprache hinein wirkt Pfingsten. Auch wenn „begeistert sein“ heute längst nicht immer mit dem Glauben in Verbindung gebracht wird, auch wenn man nicht nur für den Glauben an Gott Feuer und Flamme ist – dass so immer noch geredet wird, hat mit den Erfahrungen zu tun, die Lukas in der Apostelgeschichte erzählt.
Jetzt ist es natürlich kein Grund, am Pfingstsonntag in der Kirche zu sitzen, nur weil manches, was in der Bibel steht, in unserer Alltagssprache vorkommt. Und das ist auch kein Grund, zu behaupten, dass die Wirklichkeit, von der die Apostelgeschichte erzählt, noch heute da ist. Der Grund ist der, dass die Wirkung des Geistes Gottes viel Alltäglicher ist, als wir es manchmal glauben. Natür-lich wird hier in der Bibel, in der Pfingstgeschichte, etwas Wunderbares, fast Unglaubliches erzählt. Und das ver-führt Menschen immer wieder dazu, mit Gott und dem Glauben die absolut übernatürlichen, unerklärlichen Sa-chen in Verbindung zu bringen und enttäuscht zu sein, wenn nicht wenigstens ein Dutzend Krebskranker spontan geheilt wird oder andere spektakuläre Dinge passieren. Aber wenn wir mal drauf achten, was die Wirkung des Geistes ist, dann sind das ganz unspektakuläre Dinge, die den Alltag der Menschen voran bringen.
An drei Punkten aus der Pfingstgeschichte möchte ich von Gottes Geist in unserem Alltag erzählen. Einmal an der wunderbaren Fähigkeit der Jünger, Menschen aus anderen Ländern in ihrer eigenen Sprache erreichen zu können. Zum zweiten an der Beobachtung, dass dort nicht gerade die Elite der damaligen Gesellschaft gepredigt hat. Und zum dritten an der Beobachtung, dass die Jünger zum ersten Mal sich nicht auf den verlassen, den sie sehen und anfassen können, nämlich Jesus, sondern auf eine neue Wirklichkeit Gottes, die da, aber nicht greifbar ist.
Zur ersten Beobachtung der Alltagstauglichkeit der alten Pfingstgeschichte. Es wäre toll, wenn mir das Gleiche passieren würde, wie es den Jüngern passiert ist. Wenn ich ohne Zeit fürs Lernen zu investieren, Russisch und Arabisch sprechen und verstehen könnte. Italienisch, Spanisch und Französisch würde ich dann auch noch gern mitnehmen. Und zigtausende Schüler träumen wohl auch von Englisch-, Französisch- und anderen Sprachkenntnissen ohne Arbeitsaufwand. Aber da müssen wir alle wohl lange warten. Das ist auch nicht der Kern, der den Geist Gottes auch heute noch wirksam macht. Der Kern ist doch der: Menschen verstehen sich plötzlich. Grenzen spielen keine trennende Rolle mehr. Gott, der Glaube an ihn, lässt sich nicht mehr in ein bestimmtes Land oder in die Grenzen einer einzigen Spra-che einsperren. Gottes Geist ist auch heute noch da im Spiel, wo Menschen über Grenzen hinweg Verständigung suchen und finden. Sprachliche Grenzen, kulturelle Gren-zen, die Grenzen, die unsere Vorurteile errichten. Die ver-schiedenen Sprachen, die die Menschen damals gesprochen haben, die bleiben. Aber sie sind nicht mehr Zeichen der Trennung, sondern Zeichen der Vielfalt, die möglich ist. Wo Menschen Verständigung suchen und finden, da ist Gottes Geist am Wirken. Bis heute. Zwei Erlebnisse von mir. In meiner vorigen Gemeinde in Fulda kam regelmäßig eine Frau aus Kamerun in den Gottesdienst. Sie sprach kein Deutsch und praktisch kein Englisch. Aber sie kam, weil sie spürte: Hier kann ich beten, hier sind andere, die Gottes Wort hören und beten. Sie wurde ein Teil der Gemeinde, hat andere aus Kamerun mitgebracht und die haben gesungen und getanzt und so die Gemeinde bereichert. Das andere Erlebnis ist das Gebetstreffen von christlichen Gemeinden und Initiativen vor knapp vier Wochen in der Thomaskirche. Menschen aus ganz verschiedenen Gemeinden, mit ganz unterschiedlichen Arten, die Bibel zu lesen und zu beten, haben sich getroffen. Es ist eine Gemeinschaft entstanden, die die Unterschiede, die es gibt, als Bereicherung erlebt hat. Gottes Geist war da. Deshalb ist es traurig, dass es immer noch Menschen gibt, die sich Christen nennen, die in erster Linie besser als andere sein wollen. Die Gottes Geist in ihre Kirche, in ihre Gemeinschaft, in ihre Art, zu glauben, zu beten, Abendmahl zu feiern einsperren wollen. Gottes Geist ist nicht da, wo Menschen sich voneinander abgrenzen und Recht haben wollen, sondern dort, wo Menschen aufeinander zu gehen und lernen, die Sprache der ande-ren, auch die Sprache des Glaubens der anderen, mit zu sprechen. Zumindest glaube ich das.
Die zweite Beobachtung: es waren nicht die Priester im Tempel, nicht die Gelehrten und die typisch Frommen, die als erste so richtig begeistert waren. Petrus und die anderen waren eher einfache Leute, manche mit einem eher schlechten Ruf. Gottes Geist lässt sich nicht an einen bestimmten Beruf binden. Auch nicht an das Ansehen, dass ein Mensch bei anderen genießt. Gottes Geist widerspricht unserem Elitedenken. Nicht, dass mich jemand missversteht: es ist gut, sich zu bilden. Es ist gut, etwas wissen zu wollen, die Welt zu entdecken, gute Gespräche zu führen. Aber für Gottes Geist sind das nicht die entscheidenden Maßstäbe. Vielleicht ist es ja manchmal auch so, dass sich der, der sich für besser hält, tatsächlich nicht so leicht begeistern lässt und sich dem Geist eher in den Weg stellt als sich von ihm anstecken zu lassen und Feuer und Flamme zu werden. Gottes Geist lässt sich von Bildung, Reichtum, Ansehen nicht festhalten. Es ist wenig geistreich, sich von Be-nachteiligten, scheinbar Schwachen abzuwenden. Vielleicht hat Gottes Geist gerade durch sie viel zu sagen.
Und die dritte Beobachtung der Alltagstauglichkeit ist die: Petrus und die anderen, die sich begeistern lassen, bekommen den Mut, den Mund aufzumachen und von ihrem Glauben zu erzählen. Sie halten sich nicht mehr an Jesus fest, der körperlich bei ihnen war, der im wahrsten Sinn des Wortes zu fassen war. Sie haben den Mut, das Sichtbare loszulassen und der Hoffnung und dem Vertrauen wirklich Raum zu geben. Gottes Geist macht Mut, die Kammer der Angst zu verlassen. Gottes Geist macht Mut, sich nicht zu verstecken, sondern aus sich herauszugehen. Gottes Geist macht Mut, das Miteinander zu suchen und sich nicht in ängstlichen Abgrenzungen um der reinen Lehre willen zu ergehen. Gottes Geist macht Mut, das los zu lassen, was mir vertraut ist, was ich fassen kann und sich vom Unfassbaren begeistern zu lassen. Gottes Geist begeistert, er lässt Menschen Feuer und Flamme sein. Nicht für das, was in der Vergan-genheit war, sondern für das Leben, das vor uns liegt, für die Welt, die Gott uns öffnet, für die Welt, in der Ver-ständigung, Liebe, Gerechtigkeit zählen und nicht das, was wir anderen an Wert zusprechen. Gottes Geist macht Mut, loszulassen und Zukunft zu erwarten und mit zu gestalten. Ich wünsche uns, dass wir wirklich begeistert feiern. Und denen, die sich am Sieg von Inter berauscht haben, wünsche ich, dass sich ihre Begeisterung nicht an dem, was war festhält, sondern für das, was kommt öffnet. Im Fußball und im Leben.
Amen
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