Predigten und Gedanken aus der Thomaskirche auf dem Richtsberg in Marburg
Beliebte Posts
-
Text: Jesaja 5,1-7 Liebe Gemeinde! Ich hab keine Lust mehr! In jedem Spätwinter werden mühsam Blumen vorgezogen. Die ersten Salatpflänzc...
-
Er kann nicht vor. Er kann nicht zurück. Er ist ein Mensch ohne Heimat. Staatenlos, so nennt man ihn. Gefangen im Transitbereich des Flughaf...
-
Text: Jesaja 55,1-5 (wird während der Predigt aus der Übersetzung "Die Bibel in gerechter Sprache" gelesen) Zu Beginn der Predigt...
Sonntag, 24. Oktober 2010
Das Böse und der Alltag - von kleinen und großen Kämpfen, 24.10.2010, 21. nach Trinitatis, Reihe II
Liebe Gemeinde!
Es ist ein ganz normaler Abend. Wie fast jeden Abend steht die Clique zusammen. Einer hat Bier organisiert, reichlich Bier. Tim steht dabei. Trinkt weniger als die anderen. Er spürt schon: Wenn das Bier alle ist, wird’s wieder ungemütlich. Irgendwas geht heute noch zu Bruch. Er hat keine Lust mehr, will heim. Doch die anderen sind an ihm dran. „Du gehörst doch zu uns! Mach mit! Du bist doch kein Opfer! Wenn du jetzt gehst, brauchst du nicht mehr wiederzukommen.“ Einfach so haut Stefan ihm eine rein. „Du Opfer, wehr dich!“ Und jetzt? Wehren? Mitmachen? Abhauen?
Es ist ein ganz normaler Abend. Herr Müller kommt nach Hause. Schlecht gelaunt. Die Arbeit macht ihm keinen Spaß mehr. Zwei, drei Bier hat er nach Feierabend mit den Kollegen schon gekippt. Ein paar Schnäpschen zum Entspannen können ja jetzt nichts schaden. Die Frau hat gekocht, er hat keine Lust dran. Es setzt die ersten lauten Worte, eine Ohrfeige. Der Sohn kommt heim, bringt eine 5 in Mathe mit, es wird laut, Gläser und Fäuste fliegen.
Ein ganz normaler Abend. Maxi kommt heim. Die Mutter steht schon in der Tür. „Die Polizei hat gerade angerufen. Du sollst morgen für eine Zeugenaussage kommen. Anna hat Jerome angezeigt, der soll ihr 50 Euro in der Schule geklaut haben, Geld für die Klassenfahrt. Jerome hat dich als Entlastungszeugen angegeben.“ Dabei hat Maxi gesehen, wie Jerome das Geld nahm. Lügen für den Freund, damit er nicht selbst das nächste Opfer wird? Was wird morgen? Ein ganz normaler Abend. Die Schmerzen von Frau Schulze sind unerträglich. Der Krebs hat sich im ganzen Körper ausgebreitet. Niemand ist bei ihr. Und da sind wieder die Gedanken: soll ich nicht einfach die letzten Kräfte zusammennehmen, zum Balkon gehen? Aus dem 6. Stock auf den Parkplatz, das müsste doch reichen! Ein ganz normaler Abend…
Ich kann auch schöne Sachen von ganz normalen Aben-den erzählen. Von einem Ehepaar, das gern miteinander isst und sich vom Tag erzählt. von einer Mutter, die nach einem langen eigenen Arbeitstag ihrer Tochter bei den Hausaufgaben hilft. Von einem Vater, der es sich nicht nehmen lässt, seinem kleinen Sohn abends noch eine Ge-schichte zu erzählen. Gott sei Dank ist das Leben auch so.
Aber es ist, manchmal auf viel zu viele Arten, oft genug auch ein Kampf. Ein Kampf gegen die feurigen Pfeile des Bösen, um es mal so auszudrücken, wie es der Schreiber des Epheserbriefs in der Bibel sagt.
Von Kämpfen, von einer Rüstung, von einem Abwehr-panzer erzählt dieser Brief. Ja, und ich glaube, dass wir Menschen das brauchen und es uns immer wieder wün-schen. Eine Rüstung, einen Panzer, der uns vor dem Bö-sen schützt. Manchmal kommt dieser Panzer fast von al-lein. Wer Böses erlebt, kann ganz schön hart werden. Wie eine Schale legt sich dieser Panzer um die Seele. Wenn ich geschlagen werde, dann wehre ich mich mit Gewalt. Das Opfer ist mir egal, so ist dann die Reaktion. Oder Betäubung, um den Schmerz nicht zu spüren. Alkohol, Drogen, die scheinbare Selbstbestätigung, jede Frau, jedes Mädchen aufreißen zu können oder mit jedem Mann Sex haben zu können. Auch so ein Panzer. Oder Zynismus, die Haltung „mir ist doch alles egal, jeder soll sich um sich selbst kümmern.“ Augen zu und durch. Jeder ist sich selbst der Nächste, mir hilft ja auch keiner. Lauter kleine und große Seelenpanzer. Die vor Bösem schützen sollen, die aber im Endeffekt das Böse nur reflektieren und dadurch verstärken.
Die Bibel, der Brief an die Epheser, redet von einer Rüs-tung, von einem Kampf, von Stärke im Kampf gegen das Böse. Der Glauben, der wird mit einem Abwehrschild gegen die Pfeile des Bösen verglichen. Ja, es wäre gut, wenn ich allen, die leiden, allen, für die die normalen Abende keine guten Abende sind, sagen könnte: glaubt an Gott, glaubt daran, dass er euch in Jesus Christus seine Liebe gezeigt hat – und schon erlebt ihr keine solchen inneren und äußeren Kämpfe mehr. Aber leider würde ich dann lügen. Auch Menschen, die fest an Gott glauben, werden schwer krank, schreiben schlechte Noten in der Schule, werden enttäuscht, enttäuschen auch mal andere, werden ausgenutzt und können schwach sein. Nein, der Glauben ist kein Panzer, der hart macht. Kein Angriffswerkzeig, das alle anderen platt macht. Sondern ein Hilfsmittel, sich den Kämpfen, denen wir nicht ausweichen können , zu stellen und sich durchzustehen, ohne kaputt zu gehen und ohne die Liebe zu verraten. Der Epheserbrief redet nicht von einem Glaubenskrieg gegen Andersgläubige, die niedergerungen werden müssten, auch nicht von einer Vernichtung anderer. Er redet zuallererst von dem Kampf zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Liebe und Hass, zwischen dem Wissen um das, was eigentlich gut und richtig ist und der Versu-chung, den anderen, falschen Weg zu gehen, weil der leichter aussieht. Wenn hier von dem Teufel die Rede ist, dann ist damit kein überirdisches Wesen mit Hörnern gemeint. Das griechische Wort, das hier steht und das im Deutschen mit Teufel übersetzt wird, heißt „Verwirrer, Durcheinanderwerfer“. Ja, es ist verwirrend. Nicht nur für Jugendliche. Lüge setzt sich oft scheinbar durch. Wer die Wahrheit sagt, steht oft als der Dumme da. Tricksereien, Schummeleien, das bringt weiter. Warum Geld für Downloads ausgeben? Warum bei der Steuer nicht ein bisschen Schummeln? Macht doch jeder! Wenn der sich nicht wehrt, ist er doch selber schuld, wenn er eins in die Fresse kriegt. Und fremdgehen? Einmal ist keinmal. Ist doch nur Sex! Ich glaube, jedem einzelnen fallen genügend eigene Beispiele ein. Die großen Kämpfe um das, was leben voranbringt, um die Wahrheit, um das Leben selbst, fangen oft genug klein und eher unspektakulär an. Und es sind diese viele kleinen Kämpfe um die Wahrheit, die müde machen. Und die vielen Gemeinheiten, Ausbeutungen und Ungerechtigkeiten, die viel zu viele an ganz normalen Abenden und auch Tagen erleben und aushalten müssen. Gott ist auf der Seite der Menschen, die ihre Schwächen und ihre Schwachheit eingestehen, nicht auf der Seite der Menschen, die mit Gewalt, Lüge, Hinterlist sich groß und andere klein machen. In Jesus hat er das gezeigt. Jesus hat im Garten Gethsemane, kurz vor seiner Kreuzigung, eingestanden, dass er sich schwach fühlt. Er hat keine Gewalt angewendet, auch als ihn Jünger mit Gewalt verteidigen wollten. Er hat sich dem gestellt, dass Menschen die Liebe ausrotten wollen, weil sie die Sprache der Liebe nicht so gut verstehen wie die Sprache gewalttätiger Macht. Aber er hat das nicht gemacht, um ein kleines Opfer zu bleiben, sondern weil das der Weg war, auf dem sich das Leben am Ende durchgesetzt hat. Jesus und seine Anhänger sollten vernichtet werden – in 200 Jahren hat das nicht funktioniert. Nicht Hitler, nicht Stalin haben die Oberhand behalten. Und in denen, die ihren Glauben leben wollten, waren am Ende auch nicht die mächtig, die Kreuzzüge gepredigt haben, sondern die, wie Elisabeth, wie Franz von Assisi, wie Martin Luther King und viele andere, die für den Frieden eingetreten sind. Gott ist kein Gott der Gewalt und des Krieges. Die Rüstung der Wahrheit, der Gerechtigkeit dient dazu, das Evangelium des Friedens weiterzutragen. Eben mit Wahr-heit und Gerechtigkeit und nicht mit Lüge und Unrecht und Unterdrückung. Stark müssen und können wir nicht aus uns selbst sein, sondern stark können wir, in aller Schwäche sein, weil Gottes Stärke der Liebe unsere Stärke ist.
Aber was hilft das, wenn ein ganz normaler Abend bedeutet, dass Gewalt da ist, Schmerzen, dass ich die Frage stellt, ob ich lügen soll, dass ich mich bedroht fühle? Was hilft das an diesen Tagen, an diesen Abenden, wenn ich mich elend und schwach fühle, wenn ich denke, ich würde mitmachen, Schluss machen, reinhauen, mich zudröhnen müssen, weil ich keine Liebe mehr sehe oder spüre, keine Zukunft, keine Hoffnung? Der erste Schritt zu neuer Kraft ist es, die eigene Schwäche nicht vertuschen zu müssen, sondern eingestehen zu dürfen und zu können. Der zweite Schritt kann sein, dass ich gerade in meiner Schwäche spüre kann, dass trotz allem die Liebe und Zuwendung Gottes da ist. Und das hoffentlich Menschen, für die normale Tage, normale Tage Gott sei Dank anders aussehen, mich in der Kraft, die ihnen Gottes Liebe gibt, stützen. Dass es Hoffnung gibt. Lüge wird nicht dadurch wahr, dass viel zu viele sie aussprechen. Gewalt wird nicht dadurch richtig, dass viel zu viele sie ausüben. Liebe verschwindet nicht dadurch, dass nicht alle Menschen lieben. Wir müssen nicht allein kämpfen. Gott will uns helfen.
Amen
Sonntag, 10. Oktober 2010
Ankommen - Ablegen - Auftanken - Anfangen - 19. Sonntag n. Tr., Reihe II, 10.10.2010
Liebe Gemeinde!
Komm rein! Macht es dir bequem! Zieh die Jacke aus, du musst nicht gleich wieder los. Du darfst einfach da sein. Erfrisch dich! Leg ab! Die Jacke, die Schuhe – voll vom Alltagsstaub. Leg ab – deine Traurigkeit, deine Sorgen. Fühl dich wie zu Hause. Und falls du dich zu Hause im Moment gar nicht gut fühlst – hier darfst du Pause davon machen. Leg ab, was dir im Moment Sorgen macht. Mach Pause vom Alltag. Erhole dich, erfrische dich, werde neu! Du bist willkommen!
Ich wünsche mir, dass Menschen – du, sie – so bei uns im Gottesdienst sitzen. Oder sonst in die Gemeinde kommen. Ich wünsche mir, dass ich so hier vorne stehe und predige. Nicht, weil ich muss oder dafür bezahlt werde. Sondern weil da einer oder zwei oder mehr sind, der sagt, die denken: „Schön, dass du davon erzählst, was du glaubst. Das hilft mir, selbst zu denken und regt mich an zu glauben.“ Ich wünsche mir, dass ich so hier vorne stehe, weil ich selber etwas geschenkt kriege, für mich, für meinen Glauben, für mein Leben, wenn ich meine Gedanken sortiere und sage und andere angeregt werden, mir ihre Fragen zu sagen, ihre Gedanken. Oder weil sie einfach kommen und neugierig sind. Und ich wünsche mir, dass Menschen da sind, die so kommen. Nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie sagen: da ist mal eine Stunde in der Woche, in der ich einfach da sein kann. In der ich mit anderen da sein kann, ohne gleich reden oder irgendwas machen zu müssen. In der ich Zeit habe. In der ich loswerden kann, was meinen Alltag manchmal schwer macht. In der ich ablegen kann. Ich wünsche mir, dass es so ist. Frommer Wunsch – oder Wirklichkeit? Vielleicht nicht immer und vielleicht nicht bei jedem Wirklichkeit. Aber ich hoffe, dass Gottesdienste, Predigten, Gebet, die Art, wie wir hier auf dem Richtsberg Gottes Wort sagen und miteinander leben, dazu einlädt, sich zu erfrischen und neu, gestärkt zu werden. Das liegt nicht nur und nicht zuerst in meiner, deiner, ihrer Hand.
Menschen hören, sehen, fühlen ganz unterschiedlich. Es kann sein, dass Menschen aus der Gemeinde in Ephesus vor 2000 Jahren genauso wie Menschen heute den Bibel-abschnitt, den ich eben vorgelesen habe, vor allem so hö-ren: „Wenn du ein Christ sein willst, dann musst du dich nach folgenden Regeln richten“ - und dann kommen ja ganz viele einzelne Sachen wie nicht lügen, nicht stehlen, kein dummes Zeug reden und einiges mehr. Und mancher hört das vielleicht bis heute auch so: bevor du zu Gott kommst, musst du – und denkt dann bei sich, das schaffe ich sowieso nicht, dann gehöre ich halt nicht dazu. Aber am Anfang steht kein „Du musst“, das mir erstmal ganz viel auflegt, was ich vielleicht im Moment gar nicht alles tragen kann, sondern ein „Du darfst“ – ablegen, was los werden. „Legt den alten Menschen ab“ – gib ab, was Leben schwer macht.
Klar, auch das Ablegen von dem, was Leben schwer macht, kann zur Leistungsschau werden. „Bekenne doch endlich, was du schon alles falsch gemacht hast, posaune es raus, dass es jeder hören kann!“ Druck wird gemacht, sich sozusagen öffentlich auszuziehen. Manche ziehen sich aber auch gern aus und erzählen gleich allen ungefragt, wie schlecht sie waren und was sie alles Böses gemacht haben, um dann vielleicht allen zu zeigen, wie viel vom neuen Menschen sie schon angezogen haben und um richtig gut da zu stehen. Und es gibt sicher auch den Druck, der so aussehen kann: „Jetzt erzähl doch endlich, was dir auf dem Herzen liegt, sprich es aus, dann geht es dir besser. Mir kannst du doch alles sagen!“ Ablegen als Leistungsschau, die sich von den Selbstdarstellungen, die es sonst in der Welt gibt, nicht unterscheidet. Germany’s next Topchrist, Hessens nächster Superpfarrer, Marburgs Topgemeinde. Nein danke! Leistungsschau, das passt nicht zum Glauben. Die Botschaft, die Gott uns in Jesus geschenkt hat, heißt nicht: „Du musst dir alles erkämpfen und verdienen und vor anderen an der Spitze stehen.“ Sie heißt: „Für dich bin ich da. Dir gilt meine Liebe. Du darfst da sein!“ Vielleicht lädt ja ein Gottesdienst, in dem ich einfach denken, glauben, da sein darf, in dem ich nichts laut ausplaudern muss, sondern mit Gott und mit mir selbst ins Reine kommen darf, in der ich meinen Alltag ablegen darf, auch dazu ein, das, was mir im Alltag Leben schwer macht, auch an eigener Schuld, auszusprechen und abzulegen. Vor Gott und vor Menschen, die mir das Gefühl geben, dass ich ihnen vertrauen kann. Ablegen dürfen, was im Alltag Leben schwer macht – mit dieser Einladung fängt der Predigttext heute an. Und wenn da in der Übersetzung von Martin Luther, aus der ich eben vorgelesen habe, „erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn“ steht, dann führt das ein wenig in die Irre. Wörtlich steht in der Sprache, in der Paulus oder ein Schüler von ihm diesen Brief geschrieben hat, lasst euch erneuern. Die neuen Kleider, die wir anziehen können, wenn wir die Kleider, die uns den Alltag schwer machen, abgelegt haben, sind ein Geschenk. Jesus schenkt sie uns. Gott. Er macht uns neu. Nicht wir selbst. Gott lässt uns nicht nackt da stehen. Er nutzt unsere Alltagsschwächen, unsere Ehrlichkeit beim Ablegen nicht aus. Eine Erfah-rung, die im Alltag Menschen untereinander leider nicht immer machen. Wer da Schwächen zugibt, wird oft genug bloßgestellt. Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Lasst auch im Alltag die Geschenke Gottes sichtbar sein, trennt nicht künstlich zwischen einem Glauben für besondere Zeiten und dem Alltag, in dem angeblich un-umstößliche Gesetzte gelten. In dem das Recht des Stär-keren gilt. In dem der gilt, der keine Schwächen zeigt. In dem Menschen ganz schnell in Schubladen gesteckt und durch Vorurteile festgelegt werden. Macht es anders, gebt etwas von dem, was euch geschenkt ist, weiter. Ja, so kann man das hören und verstehen, was hier im Epheser-brief steht. Wenn wir hoffentlich nicht dem Missverständnis unterliegen, dass wir dadurch perfekt würden oder eine perfekte Welt schaffen könnten. Was mir an diesem Stück aus der Bibel so gut gefällt, ist der herrlich realistische Blick, den es für unseren Alltag hat. Auch die neuen Kleider, die Gott uns bereitlegt, werden im Alltag schmutzig. Auch noch so gute Gemeinden und Christen sind alles andere als vollkommen. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst kein faules, dummes Geschwätz aus eurem Mund gehen; Bitterkeit, Zorn, Geschrei, Lästerung sei fern von euch. Der Apostel müsste das nicht schreiben, wenn die Leute perfekt gewesen wären. Die Frage ist doch nicht, ob ich als Christ zum Beispiel zornig sein darf oder nicht, die Frage ist, wie ich damit umgehe. Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn. Lass dich nicht auffressen davon, bringe es wieder ins Reine – bei diesem Satz muss ich immer an meine Oma denken, die mir das wirklich für mein Leben mitgegeben hat. Seid aber unter euch freundlich und herzlich und – jetzt kommt das für mich Entscheidende - vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. Ja, da wird deutlich, wie schnell der Alltag den neuen Menschen, die neu angezogenen Kleider wieder mit Staub belegt. Vergebung, das braucht oft mehr als nur einen Tag. Das braucht manchmal mehr Zeit, als uns lieb ist. Und das braucht immer auch von beiden Seiten die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Und damit es Vergebung werden kann und kein bloßes unter den Teppich kehren aus Bequemlichkeit wird, braucht es manchmal auch, dass die Schwere der Verletzung und der Enttäuschung erst mal eingestanden wird und ein Satz wie „Der andere hat mir so weh getan, das sich mir wünschen würde, er wäre gar nicht mehr da“ erst mal ausgesprochen werden kann. Ja, auch das darf ich sagen, ablegen und abgeben. Nur so kann ich erneuert werden. Nur wenn der Hass raus darf, der Zorn, kann Platz werden für die Liebe. Ja, unser neuer Mensch, unsere neuen Kleider werden im Alltag schmutzig, unansehnlicher. Aber wir dürfen kommen, wiederkommen, ablegen und uns immer wieder neue holen. Ich wünsche mir, dass ich nicht nur davon rede, sondern dass auch tue. Und ich wünsche mir, dass sich Menschen erfrischen lassen, gern ablegen, sich erholen, gestärkt in den Alltag gehen. Mit neuen Kleidern. Immer wieder.
Amen
Sonntag, 15. August 2010
Ich bin gut! - 11. Sonntag n. Trinitatis, 15.08.2010, Reihe II
Text: Epheser 2,4-10
Liebe Gemeinde!
Sind SIE ein guter Mensch? Machen wir doch einfach mal eine kleine Probeabstimmung. Wer sagt von sich: Ja, ich bin ein guter Mensch? Wer sagt: Nein, das trifft wohl so nicht zu? Und wer sagt: Kann ich nicht sagen, da müssen Sie andere fragen?
Ja, ich glaube, dass die meisten sich mit einer klaren Ant-wort auf diese Frage schwer tun. Erstens möchte man ja nicht eingebildet erscheinen. „Hochmut kommt vor dem Fall“, sagt ein Sprichwort. Etwas biblischer: „Gott wider-steht dem Hochmütigen, aber dem Demütigen gibt er Gnade“, ein Vers aus dem 1. Petrusbrief, der Wochenspruch für diese Woche. Zweitens ist es ja sehr menschlich, wenn ich sage: „Natürlich kenne ich meine Stärken und guten Seiten, aber ich kenne auch deutlich meine Schwächen, auch wenn ich das vielleicht nicht jedem gleich auf die Nase binde“. Und drittens ist es ja sowieso einfacher, keine allzu klaren Aussagen zu machen, mit denen ich angreifbar werde. Lieber die anderen was sagen lassen, da kann ich mich dann notfalls drauf zurückziehen.
Genau das wollte ich auch machen, als mir eine Journalistin vor ein paar Tagen diese Frage stellte. Die Antwort wird öffentlich, was soll ich da nur sagen? Bin ich ein guter Mensch? Ich wollte schon sagen: Das müssen andere beurteilen. Aber dann habe ich mich getraut, eine klare Antwort zu geben. Ja, ich bin ein guter Mensch. Wahrscheinlich stimmen mir die meisten Schüler aus den ehemaligen Jahrgängen 6 und 8 der Richtsberggesamtschule, vor allem die, die meine Noten ungerecht fanden, nicht unbedingt zu. Die ehemalige Klasse 9e vielleicht eher. Ganz sicher stimmen mir Menschen, die mich anbettelten und denen ich kein Geld gab, auch nicht zu. Und Menschen, die sich gewünscht hätten, ich hätte Zeit für sie, und für die ich mir nicht so viel Zeit nehmen konnte, wie sie brauchten, stimmen mir wohl auch nicht zu. Und sicher andere aus anderen Gründen auch nicht. Gut bin ich nicht, weil ich besonders viele gute Werke tun würde oder perfekt für Frieden und Gerechtigkeit sorgen würde. Gut bin ich, weil ich gut genug bin, um von Gott geliebt zu werden. Gut bin ich, weil Gottes Liebe und vor allem seine Gnade mir die Chance gibt, Gutes zu tun und gut zu sein. Und nicht nur mir, sondern eigentlich jedem von uns. Der Punkt, auf den es ankommt, ist der, nicht zu denken: Gut sein ist eine Leistung, es ist mein Verdienst, dass ich gut bin. Sondern es kommt darauf an, dass Geschenk der Liebe, das Geschenk der Gnade, des Gut-sein-Könnens an-nehmen zu können. Die Liebe und Gnade Gottes, sichtbar geworden in Jesus, ist keine Leistung, sondern ein Ge-schenk. Es ist nichts, was mich über andere stellt, worauf ich mir irgendwie was einbilden kann, sondern etwas, das mich vor mein Menschsein stellt. Auch mit allen Tiefen, mit aller Ungerechtigkeit und allem Versagen. Trotz die-ser Liebe werde ich eben nicht perfekt sein.
Für mich ist das etwas, was ich auch aus dem Abschnitt aus dem Epheserbrief, den ich eben vorgelesen habe, er-fahren kann. Der Satzbau ist furchtbar kompliziert und wahrscheinlich ist es auch schwer, einfach nur durch Zuhören richtig mitzubekommen, was da eigentlich steht.
Paulus oder vielleicht ein Schüler von ihm, der den Brief geschrieben hat, so genau weiß man das nicht, fängt mit einer Wahrheit über das Leben an, die man heute gar nicht mehr gern hört.
Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, 5 auch uns, die wir tot waren in den Sünden, mit Christus lebendig gemacht – aus Gnade seid ihr selig geworden.Es gibt ein Leben in Sünde, das dem Tod verfallen ist. Jetzt kann man da prima ausmalen, was alles dazugehören könnte und dann sagen: Gut, dass es bei mir besser ist! Aber damit würde man total danebenliegen. Gut und befreit leben zu können ist erstens keine eigene Leistung, sondern ein Geschenk. Nichts kann ich mir darauf einbilden. Und zweitens heißt ein befreites Leben im Glauben, im Vertrauen auf Gott zu führen also auch, nicht einfach so weiter zu machen wie immer, sondern umzukehren von Wegen, die sich als falsch herausgestellt haben. Und an jeder Weggabelung in unserem Leben, bei jeder Entscheidung, die wir treffen, stehen wir erstens immer wieder davor, auch das falsche wählen und tun zu können und zweitens dann vor der Notwendigkeit, wieder neu umzukehren. Glauben, Vertrauen, Leben als Christ – das ist nichts, was sich mit der Taufe oder einem Bekehrungs- oder Erweckungserlebnis erledigt hätte, sondern immer wieder neu eine Anfechtung für den Alltag, immer wieder neu etwas, was mich aus meinem Alltag, aus meinen Gewohnheiten, aus dem, was mir für gut und richtig und normal verkauft wird, herausreißt. Ich kann mit dem Strom schwimmen, das ist einfach. Mein Vertrauen auf meine Kraft allein setzen, es normal finden, dass es weni-ge Reiche und viele Arme gibt, es normal finden, dass Menschen zu Opfern gemacht werden, es normal finden, dass an erster Stelle immer wieder ich selbst stehe sollte, die, die mir nahe sind, und dann lange nichts kommt. Geht alles und ist der leichtere Weg. Aber ich kann auch, und das heißt für mich Glauben, die Hand ergreifen, die mir hingehalten wird, um da herauszukommen. Um ein leben zu entdecken, das anders ist. Um Kraft für ein Le-ben zu bekommen, in dem es um mehr geht. Um Ehrlich-keit, um ein ehrliches Ansehen der Schuld und um die Chance, da wieder herauszukommen. Um die Kraft, nicht nur für sich, sondern auch für andere Gutes zu tun. Da-rauf zu vertrauen und darauf hinzuleben, dass es mehr gibt als das, was wir sehen und dass am Ende wirklich die Gerechtigkeit gilt, die Gott will. Glauben heißt, mehr zu sehen als das, was im Alltag zu sehen ist. Glauben heißt, ein Leben zu entdecken, das sich schon vor dem Tod lohnt, das aber mit dem Tod noch nicht am Ende ist. Glauben heißt, loslassen zu können und Freiheit zu fin-den. Loslassen zu können: Das Stück Holz, die Luftmat-ratze, die mich auf dem Strom des Alltags und der Schuld schwimmen lässt, loszulassen und die Hand, die mich da rausholen will, zu ergreifen. Und wie das bei Fluten, die einen wegreißen, so ist: sie kommen immer mal wieder. Sieht man ja auch jetzt in der Natur. Deshalb heißt glau-ben ja auch, sich immer wieder neu auf diese Hand, die mich rausziehen will, einlassen. Es wird Zeiten geben, in denen ich ein Stück weit fortgetragen werde. Aber Gottes Hand, seine Liebe, sein Angebot ist da. Ich darf neu zugreifen. Nicht ich ziehe mich raus aus dem Strom, in dem man untergeht, sondern Gott. Ich schlage im Glauben sozusagen ein in seine Hand. So verstehe ich den Vers:
aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glau-ben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist esaus dem Predigttext. Gottes Angebot der Liebe anzunehmen, seine Hand nicht auszuschlagen, Glauben, das macht mich nicht besser als andere. Aber es lässt mich gut sein und Gutes tun. Weil Gott die Augen öffnet. Weil er hilft, das zu entdecken, was dem Leben wirklich dient. Schön finde ich den Gedanken dass wir eigentlich bei dem Guten, was zu tun ist, damit Leben für alle wirklich gut wird, nur zugreifen müssen. Wir sind Gottes Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen. So drückt es der Epheserbrief aus. Gutes tun, Gut zu sein ist gar nicht so schwer. Gott lässt es uns sein, Gott lässt es uns tun. Wir brauchen einfach nur zuzugreifen. Einfach nur so? Gebe Gott, dass es wirklich einfach wird und wir uns nicht allzu schwer damit tun.
Amen
Freitag, 19. September 2008
Voll das Leben - Amy, Britney, Glauben und Singen
Predigt 18. n. Tr. 08, 21.09.08, Reihe VI
Text: Epheser 5,15-21
Liebe Gemeinde!
„Es ist böse Zeit!“ Manchen hier im Gottesdienst wird der Apostel sicher auch heute noch aus dem Herzen sprechen, knapp 2000 Jahre, nachdem diese Zeilen an die Gemeinde in Ephesus geschrieben wurden. Ich glaube, dass sie mich im letzten Jahr gut genug kennengelernt haben, um zu wissen, dass ich gern lebe und vor allem gern hier und jetzt lebe. Und trotzdem glaube ich auch, dass wir in einer bösen Zeit leben. Den älteren werden vielleicht die Namen Britney Spears und Amy Winehouse nicht viel sagen. Zwei Sängerinnen, deren Musik man mögen kann oder auch nicht. Zwei Sängerinnen, die aber im letzten Jahr vor allem dadurch in Erscheinung getreten sind, dass sie mehr als einmal völlig hilflos, von Alkohol und Drogen benebelt, in der Öffentlichkeit ausgeschlachtet worden sind. Zwei kranke Menschen, die Fotografen, Schreiberlingen und Medienleuten geholfen haben, gut zu verdienen - und Millionen haben dem Verfall genüsslich zugeschaut, mit dem wohligen Gefühl: „Ein Glück, dass ich besser bin!“ Ich finde, es ist eine böse Zeit, in der Krankheit und Schwäche gnadenlos aus Profitgier ausgeschlachtet wird. Ich finde es ist eine böse Zeit, in der Nacktfotos von Exfreundinnen oder Exfrauen ins Internet gestellt werden, um sie öffentlich bloß zu stellen. Es ist eine böse Zeit, in der es eine Sendung im Fernsehen gibt, in der es nur darum geht, wie Jugendliche möglichst schnell ihre Jungfräulichkeit verlieren. Ich könnte sicher den ganzen Gottesdienst mich weiter aufregen und Beispiele finden für vieles, was heutzutage böse ist. Manches gibt es schon seit langem. Prostitution heißt nicht umsonst „das älteste Gewerbe der Welt“. Pranger, an denen Menschen bloß gestellt wurden, gab es schon im Mittelalter. Und dass Menschen versklavt wurden, unter unwürdigsten Bedingungen für andere arbeiten mussten und als Nicht-Menschen angesehen wurden, gab es schon in der ach so ruhmreichen Antike. „Böse Zeit“ - nicht nur in der Gegenwart. Das ist leider allzu menschlich. Deshalb hält sich der Brief auch gar nicht lang mit Zustandsbeschreibungen und Jammern auf. „Kauft die Zeit aus“ - nutzt eure Zeit, setzt jetzt Gegenakzente. Zeigt, dass es anders geht. Dazu wird ermutigt. Nutzt die Zeit jetzt - ihr habt keine andere Zeit. Aber wie geht das? Wie soll man die Zeit, sein Leben so gestalten, dass die Zeit nicht auch irgendwie „böse“ wird? Der Brief gibt keine so einfache Antwort. Er sagt nicht einfach: „Haltet die 10 Gebote ein, und dann geht’s schon!“ Es heißt vielmehr: „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise. Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.“ Seht, damit fängt die Weisheit an. Macht die Augen auf, schaut hin. Habt keinen Tunnelblick, der nur das Böse oder das Gute sehen will, habt keinen Blick, der nur das sehen will, was ihr sowieso schon kennt. Seht auf das Leben. Nehmt wahr, was geschieht. Es geht also nicht nur um das bloße Hinhören und Nachsprechen von alten Weisheiten und alten Formeln, nicht nur darum, sich Traditionen anzueignen und möglichst genau nachzuleben, nicht um Patentrezepte, wie alles gut und richtig wird. Weise im Sinn von klug und verständig wird nur der, der die Augen aufmacht und wahrnimmt, was geschieht und seine Möglichkeiten auch wirklich sehen kann. Augen auf - wobei das natürlich auch übertragen gemeint ist. Ohne die rosarote Brille, die alles beschönigt, ohne die schwarze Brille, die alles nur düster erscheinen lässt, ohne Scheuklappen, die den Blick einengen, ins Leben zu gehen, hilft, auch die Weisheit Gottes für das, was richtig ist, zu entdecken. Und dann auch: Verstand einschalten. Um zu entdecken, was gut und richtig ist, darf und muss ich auch im Glauben nachdenken. Glauben heißt nicht, die Welt schlecht zu finden und so zu tun, als hätte man mit ihr nichts zu tun. Glauben hilft, die Welt zu verstehen. Weise, klug, verständig in böser Zeit zu sein heißt auch, immer wieder nach Gottes Willen zu fragen. Es geht nicht um das eigene Wissen von gut und böse, nicht um das, was Tradition, Familie, Gesellschaft vorgeben. Es geht darum, jeden Tag neu nach dem zu fragen, was Gottes Wille für die immer wieder neue, immer wieder andere Situation im Leben ist. Manchmal liegt dieser Willen ganz tief verborgen unter vielen Möglichkeiten. Weise, klug, verständig zu leben heißt, das Suchen nicht zu verlernen und nicht aufzugeben. Gottes Wille und seine Gnade sind nichts, worüber ein Mensch verfügen könnte, sondern alle Morgen neu. Nicht in dem Sinn, dass Gott ständig seine Meinung ändern wird und das, was gestern gut war, heute böse ist. Sondern in dem Sinn, das jede Situation, jeder Mensch, jede Begegnung anders ist und deshalb immer wieder neu gefragt werden muss: Wie kann ich jetzt handeln? Was muss ich tun, was soll ich lassen?
Und deshalb sind auch die praktischen Ratschläge, die der Brief gibt „Sauft euch nicht mit Wein voll, ermuntert euch mit geistlichen Liedern und Psalmen“ nicht einfach so unhinterfragt hinzunehmen. Es geht nicht darum, strenger Antialkoholiker zu sein und nur Lieder aus dem Gesangbuch zu singen, und schon ist man Christ. Es geht darum, in der jeweiligen Situation das Richtige und Nötige zu tun.
Als ich diese Verse aus der Bibel gelesen habe, habe ich mich gefragt, warum da jetzt nichts aus den Zehn Geboten kommt, warum nichts von Nächstenliebe da steht, wenn es um ein im Sinne des göttlichen Willens gutes und richtiges Leben geht, das in böser Zeit gute Zeichen setzt. Ausgerechnet „Besauft euch nicht, denn daraus folgt ein unordentliches Wesen!“ Klar, wenn man über den Richtsberg geht, dann begegnen einem viele Beispiele dafür, dass Alkohol Menschen und Familien zu Grunde richten kann. Und nicht nur hier ist das so. Und trotzdem: was würde Jesus dazu sagen, wenn man sagen würde: „Menschen, die an ihn glauben, erkennt man daran, dass sie auf Alkohol verzichten?“ Ich hoffe mal, dass er sagen würde: „Macht es euch nicht so einfach, so billig bin ich nicht zu haben. Von mir haben meine Gegner gesagt, ich sei ein Fresser und Weinsäufer und denkt auch dran, dass ich auf der Hochzeit in Kana dafür gesorgt habe, dass der Weinvorrat nicht zu Ende geht.“ Klar, das hat Jesus so nicht gesagt, dass habe ich mir überlegt. Es geht aber auch hier im Epheserbrief darum, nicht einfach zu sagen, wenn ich irgendeinem Handlungsrezept folge, dann bin ich automatisch auf der richtigen Seite. Es geht vielmehr gerade hier darum, den Blick für die Situation zu behalten. Im Blick auf den Wein könnte man das, was hier steht, mit einigem Recht wohl so übersetzen: „Geht verantwortungsvoll damit um. Glaubt nicht, dass ihr euch mit dem Rausch ein besseres Leben erkauft. Glaubt nicht, dass ihr im Rausch auf Dauer etwas findet, das euer Leben reicher und besser macht. Sucht nicht den Ersatz, sondern sucht das Leben, sucht Gott.“ Es gab in der Antike, als der Brief geschrieben wurde, bei manchen die Ansicht, durch einen Alkoholrausch könnte man dem göttlichen Willen auf die Spur kommen. Und oft genug wird einem ja auch heute gerade von Künstlern und scheinbar gebildeten Menschen erzählt, Drogen würden das Bewusstsein erweitern und einem ganz tiefe Erkenntnisse über das Leben vermitteln. Leben findet man nicht dadurch, dass man vor dem Leben in einen Rausch wegläuft. Gottes Geist befreit zum Leben, zu Erkenntnissen, die alles in den Schatten stellen, was Drogen können.- Ohne Kater, ohne schlechten Geschmack im Mund, ohne krank und süchtig zu machen. Vielleicht braucht es dazu aber ja wirklich den wachen Verstand, der nicht durch Drogen vernebelt wird. Macht euch selbst nichts vor und lasst euch nichts vormachen über wahres und gutes Leben. Für mich steckt auch diese Aussage in unserem Predigttext. Und auch die Erkenntnis, dass man immer wieder Ermunterung braucht, um im Alltag durchzuhalten. Auch und gerade als Christ. Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen, so heißt es im Brief. Ich sehe schon meine Konfirmanden mit den Augen rollen, wenn es ums Singen und um Psalmen geht. Aber wer einmal auf einem Kirchentag war, oder in einem großen Fußballstadion, der weiß, welche Kraft dahinter steckt, wenn nicht nur zwei dünne Stimmchen etwas vortragen, sondern wenn Tausende und Zehntausende singen. Und das ermunterndes Singen, auch und gerade im Bereich des Glaubens, nicht heißen muss, sich zum Kaffeetrinken zu versammeln und uralte Kirchenlieder zu singen, das ist eine ganz wichtige Einsicht. Musikgeschmack ändert sich und darf auch in der Kirche unterschiedlich sein. Nur eins darf es, gerade wenn’s um Ermunterung und Stärkung im Glauben geht, nicht sein: öde und langweilig. Für mich drückt sich die Absicht des Briefabschnitts, nämlich dass ein offenes Leben im christlichen Glauben beinahe unglaublich viel Spaß machen kann, am schönsten in einem modernen Psalm einem Gebetbuch für Jugendliche aus: Halleluja, singt dem Herrn ein neues Lied. Denn es ist wunderbar, dich, guter Gott, mit einem neuen Lied zu überraschen. In unseren Gottesdiensten soll endlich was los sein. Weil deine Liebe überall ist. Lasst uns tanzen und singen. Nehmt Schellenring und Harfe, Violinen und Kontrabässe, Keyboards und E-Gitarre. Nehmt Schlagzeug und Soundprogramme und wenn ihr nichts findet, schnippst mit den Fingern und blast auf dem Kamm. Überall soll man uns hören. Dankt Gott mit Chorälen und Sinfonien. Lasst die ganze Welt erklingen. Singt aus vollen Kehlen, dass alle Traurigkeit weggefegt wird. Lobt Gott mit eurem Lachen. Lobt ihn mit Mozart, Bach und Bruckner. Lobt ihn mit Jazz und Rock, mit House und Gospel. Lobt ihn mit Hip-Hop, Rap oder erfindet was Neues. Alles, was atmen kann, lobe den Herrn!
Amen.
Freitag, 12. September 2008
Was heißt hier mutig? - 17. nach Trinitatis, Reihe VI
Liebe Gemeinde!
Wer von ihnen, wer von euch ist eigentlich der Mutigste? Wenn man das irgendwie messen oder vergleichen wollte, was für Eigenschaften fallen einem da ein? Dass man sich traut, von hohen Wänden zu springen? Verbotene Dinge zu machen? Ganz schnell Auto zu fahren? Steile Skihänge hinabzufahren? Nachts allein auf den Friedhof zu gehen? Je nach Alter und Vorlieben fallen einem vielleicht noch viel mehr Dinge ein, an denen man Mut messen könnte. Was einem aber wahrscheinlich nicht einfällt, sind Eigenschaften wie Geduld, Freundlichkeit oder die Bereitschaft, anderen zu dienen. Wer so was macht, der ist nicht mutig. Vielleicht nett, vielleicht ein bisschen verstaubt. Aber mutig? Mutig ist es doch, ungeduldig zu sein. Alles zu wagen, alles sofort haben zu wollen - und zu kriegen. Mutig ist es doch, sich durchzusetzen, Freundlichkeit ist einem da doch eher im Weg. Sicher ist vieles Klischee. Aber ich finde es erschreckend, wenn in einem Bewerbungsgespräch oder in einem Fernsehinterview auf die Frage, was denn eine negative Eigenschaft der eigenen Persönlichkeit sei, mit einem Augenzwinkern „Ungeduld“ genannt wird. Man will damit ja nichts Schlechtes über sich sagen, sondern dass man schnell ist, entscheidungsfreudig und modern. Ungeduld - eine schlechte Eigenschaft, die heute scheinbar positiv bewertet wird.
Aber ich finde es viel mutiger, sagen zu können: „Ich kann mir auch mal Zeit lassen, abwarten, bis ich an der Reihe bin. Abwarten, bis eine Entscheidung wirklich fällig und gut durchdacht ist.“ Und ich finde es auch mutig, freundlich zu sein. Man macht sich angreifbar, wenn man anderen einen Vertrauens- und Freundlichkeitsvorschuss gibt. Man weiß nie, wie der andere reagiert, ob er das als Schwäche auslegt oder ausnutzt. Und ich finde es auch mutig, dienstbereit zu sein. Nicht zu erwarten, dass alle etwas für mich machen, sondern auch ohne, dass ich dran bin, bezahlt werde oder einen sichtbaren Vorteil habe, für andere was zu machen. Also: Wer ist der Mutigste? „Lebt so, dass man erkennt, dass ihr auf Gott vertraut, dass ihr Christen seid! Lebt mutig: mit Demut, dem Mut, zu dienen, mit Sanftmut, dem Mut, freundlich zu sein, mit Langmut, dem Mut zur Geduld“. Das steht am Anfang der Verse, die ich eben als Predigttext vorgelesen habe. Zwar nicht wörtlich, aber dem Sinn nach. Ich finde schon, dass Mut nicht heißt, irgendwelche verwegenen, manchmal sinnlosen Aktionen zu machen, sondern dass es mutig ist, sich im Alltag nicht von dem, was allgemein als normal angesehen wird, platt machen zu lassen, sondern sich dem normalen, alltäglichen Egoismus auch mal entgegenzustellen und als Christ zu sagen und zu zeigen: „Es geht auch anders!“
Ich will jetzt nicht auf die heutige Zeit und schon gar nicht auf die Jugend von heute schimpfen. Was Egoismus angeht ist die heutige Zeit nicht besser und nicht schlechter als jede andere Zeit auch. Am letzten Donnerstag habe ich in meiner 7. Klasse einen Selbsttest zum Thema „Gewissensentscheidungen“ machen lassen. Wenn`s um das Leben von anderen geht, waren sich alle einig, dass man da helfen muss. Wenn man selber sich nicht traut, dann holt man wenigstens Hilfe. Aber an einem Verletzten vorbeigehen, ohne was zu tun, das geht nicht. Anders sah es bei der Frage aus, ob man 20 Euro, die man von einer Supermarktkassiererin zu viel bekommen hat, zurückgeben soll. „War doch nicht meine Schuld. Und wenn sie es aus eigener Tasche ausgleichen muss - sie hätte besser aufpassen sollen!“ So war die Mehrheitsmeinung. Ich glaube schon, dass diese Haltung normal ist. Nicht nur für Siebtklässler, nicht nur für Menschen, die wenig Geld haben. Es gehört schon Mut dazu, sich hier auch offen gegen die Mehrheitsmeinung zu stellen und zu sagen: „Ich will nicht die Schwächen anderer ausnutzen. Ich will sie vor den Folgen ihrer Schwächen bewahren, wenn ich es kann.“
Ich denke, dass sich in solchen scheinbar ganz kleinen, unspektakulären Dingen zeigt, was es heißt, wenn im Epheserbrief steht: „Ertragt einer den anderen in Liebe“. Da ist nicht das große Gefühl gemeint, dass ich irgendwie Schwitzehändchen und rote Ohren bekomme, wenn mir ein anderer Christ, ein anderer Mensch begegnet, sondern die scheinbare Kleinigkeit, dass ich zum Beispiel Schwächen, die ich beim anderen sehe, nicht ausnutze, sondern ihm helfe, darüber hinweg zu kommen. Ich finde es eigentlich beruhigend, dass es in den Briefen an die ersten Gemeinden vor fast 2000 Jahren auch um solche Dinge geht. Das zeigt ja, dass eben nicht immer nur alles gut war und dass wir heute irgendwie schlechte Christen sind, weil es uns ja nun wirklich nicht immer gelingt, gut und überzeugend zu leben. Ich finde, der Glauben und das Leben im Glauben und in der Gemeinde haben da von Anfang an etwas mit der großen Liebe, die man gefunden hat, gemeinsam. Wenn man frisch verliebt ist, da gibt’s nichts anderes im Leben. Und wenn man merkt, dass es so richtig schön wird, dann tut man alles füreinander, man unternimmt ständig was gemeinsam, kleine und große Abenteuer werden erlebt. Und dann kehrt langsam der Alltag ein. Statt wegzugehen macht man es sich auf der Couch gemütlich, statt Kino berieselt der Fernseher, und man hat sich tatsächlich viel weniger zu sagen als am Anfang. Meistens jedenfalls. Im schlimmsten Fall wird aus dem Miteinander ein Gegeneinander, in leider vielen Fällen ein Nebeneinander. Klar, je länger und besser man sich kennt, desto deutlicher werden auch die Unterschiede und die Marotten, die nicht immer liebenswert sind. Und hier setzt ja auch unser Predigttext an. „Seid mutig, passt auf, dass aus eurem Miteinander kein bloßes Neben- oder gar Gegeneinander wird!“ So kann die große Rede „Ertragt einer den andern in Liebe. Seid darauf bedacht die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens zu wahren“ ganz alltäglich verstanden werden.
Es geht nicht darum, Unterschiede, Gegensätze wegzuleugnen, zuzukleistern und klein zu reden. Das ist, in einer partnerschaftlichen Liebesbeziehung ebenso dumm wie in einer Gemeinde und Gemeinschaft, die sich im Glauben an Gott findet. Es geht darum, den wahren Grund der Einigkeit, die Tiefendimension der Liebe wahrzunehmen und lebendig werden zu lassen. Und das ist eben nicht der alles zusammenmatschende Einheitsbrei, sondern die Fähigkeit und die Gewissheit, aus unterschiedlichen Perspektiven auf den gleichen Punkt, der Halt und Sinn gibt, sehen zu könne und die unterschiedlichen Blickwinkel auszuhalten. „Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über, durch und in allen ist“. So drückt es der Epheserbrief aus. Eine Liebe, die aber, je nach Standpunkt, nach Blickwinkel, Wahrnehmungsmöglichkeiten durchaus unterschiedlich und eigen erfahren werden kann.
Es geht nicht um den großen Einheitsbrei, auch nicht in der Kirche. Bei Kirche, da denken wir meistens zuallererst an das, was wir hier, an unserem Ort erleben. Aber ist denn da wirklich alles eins und alles gleich und von Liebe getragen? Ich glaube nicht, dass ich meinen Konfirmanden weh tue und die Unwahrheit über sie erzähle, wenn ich behaupte, dass sie sich in der Gruppe nicht gerade einig sind. Als Pfarrer denke ich immer, das müsste doch ganz anders sein. Nicht nur bei den Konfis. Es ist eine bestimmt verlockende Vorstellung in einer Zeit, in der alles immer beliebiger wird, in der Menschen immer mehr Möglichkeiten haben und aus immer mehr Möglichkeiten wählen können, in der es normal ist, mehr als 30 Fernsehprogramme sehen zu können, in einer Welt, deren Vielfalt und deren Möglichkeiten oft genug erschlagend wirken, auf Einheit und Einheitlichkeit zu hoffen. Wenigstens in der Kirche. Da soll sein, was sonst nicht ist. Aber Kirche ist nun mal mehr als das, was wir auf dem Richtsberg oder in Marburg oder in Deutschland finden. Das, was vereint, über alle Grenzen hinweg, das ist der Glaube daran, das Gottes Liebe in Jesus Christus erschienen ist. Das, was vereint, ist der Glaube, der uns sagt: dieser Jesus allein ist Weg, Wahrheit und Leben. Und nicht unsere menschlichen, unvollkommenen Vorstellungen von ihm. Wir haben unsere eigene Lebensgeschichte. Unsere eigene Glaubensgeschichte. Als einzelner Mensch und auch als Gemeinde. Und deshalb erleben wir, im wahrsten Sinn des Wortes, Gott auch in unserem Leben aus unterschiedlichen Perspektiven. Wir sehen immer nur einen Ausschnitt. Ein Glaube. Der aber in jedem Leben neu gelebt werden will und deshalb neu erfahren wird. Und ein Herr. Auch dazu gehört Mut, das zu bekennen. Ein Herr. Einer soll letzte Macht über mein Leben haben. Nicht mein Chef. Nicht mein Klassenlehrer. Nicht meine Eltern. Mein Partner. Meine Clique. Das Geld. Die Meinung der anderen. Gott mit seiner Liebe. Die oft genug auch schonungslos aufdeckt, was schief läuft. Nicht nur in der großen weiten Welt und bei anderen, sondern auch bei mir. Ein Herr. Ein Glaube. Und: eine Taufe. Da wird die Gemeinschaft, die größer ist als unsere Vorstellung, ganz konkret. Durch die Taufe bleibt die Gemeinschaft, die Gott mit sich und untereinander schenkt, nicht bloß fromme Idee. Durch sie gehöre ich mit meinem Leben da hinein. Ob ich mit 6 Monaten, 6 Jahren, als Konfirmandin oder mit 40 getauft wurde. Ob ich aus Russland, Korea, Amerika oder Deutschland stamme. Und da, wo ich als Getaufter den Mut habe, sanftmütig, geduldig und dienstbereit zu sein, wo ich den Mut habe, ausgetretene Pfade und scheinbare Mehrheitsmeinungen zu verlassen und nicht neben- oder gegeneinander, sondern miteinander zu leben, da wird diese Gemeinschaft ein Stück Wirklichkeit. Getauftsein, Christsein macht mutig. Gott gebe, dass dies wahr ist. Amen.