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Freitag, 17. Januar 2014

In der Muckibude - Abschied vom Richtsberg - 2. So nach Epiphanias, 19.01.2014

Text: Hebräer 12,12-19.21-25a (Basisbibel)
Meine letzte Predigt als Pfarrer auf dem Richtsberg



Liebe Gemeinde!
Ich möchte jetzt mal drei starke Männer und drei starke Frauen hier vorne bei mir haben. (Falls tatsächlich Leute nach vorn kommen: einfach mal fragen, warum sie gekommen sind; falls nicht: Traut sich keiner? War die Frage zu stark und ihr seid zu schwach? Kommen in den Gottesdienst nur schwache Gestalten? Okay, mal im Ernst: Vielleicht denken ein paar: eigentlich könnte ich schon gehen, aber ich will ja nicht vor so vielen Leuten als Macker da stehen oder als Angeber-Tussi. Und möglicherweise denken ganz viele: Ach, ich doch nicht, ich bin doch nicht stark, da gibt’s doch ganz andere. Und manche sind vielleicht zu faul aufzustehen. Man sitzt ja gerade so bequem. Und ich glaube auch, dass viele denken: Was heißt das eigentlich, stark sein? Bin ich das?)
Bei Männern geht das oft über Körperkraft oder die Fähigkeit, seinen Willen durchzusetzen. Das sind starke Typen. Manchmal vielleicht auch die, die ordentlich was vertragen, beim Trinken oder bei Pöbeleien. Wer viel Schlucken und gut austeilen kann, den halten viele für stark. Bei Frauen sind das manchmal die, die einen super bezahlten Job haben, immer absolut begehrenswert aussehen, gut gestylt, und dazu noch eine Familie mit vier Kindern managen. Oder manchmal auch durchaus kräftige Frauen, die aber mit Humor und Durchsetzungskraft was zeigen. Fitnessstudio, Muskeln, Erfolge, vielleicht auch noch Top-Stimme, musikalisch, durch nichts aus der Ruhe zu bringen, egal ob bei Männer oder Frauen: das ist stark. Und so sollen wir jetzt auch alle werden. Stärkt euch! Haben wir gerade aus der Bibel gehört. Also: ihr seid jetzt sozusagen in der geistlichen Muckibude, damit euch der Alltag nichts anhaben kann, damit ihr fit seid für… - ja, für was eigentlich?
Natürlich für’s Leben, für was denn sonst?! Aber was heißt das denn? Ich glaube nicht, dass echte Stärke an solchen Äußerlichkeiten wie tollen Muskeln oder einer nach Medienmaßstäben perfekten Figur auch nach dem dritten Kind abzulesen ist. Selbst am dicken Bankkonto und schönen Haus und ich glaube auch noch nicht mal an der Menge der Freunde und Bekannten lässt sich wahre Stärke ablesen. Wirklich stark ist der, der Schwäche nicht verstecken muss. Und das liebe ich an Gott, an Jesus, an der Bibel, dass es da nicht um irgendwelche absurden Superhelden geht, nicht um die Gesetze des Marktes, sondern um echtes Leben, das auch seine Macken hat. Der, der Schwäche zulassen kann, ist am Ende der, der das Leben gewinnt. So, wie es bei Jesus ist. Der kannte das Gefühl, am Ende zu sein. Der lief auch vor dem Sterben nicht weg, der hat sich nicht aus dem Leben rausgezaubert, sondern der lebt mit allen Konsequenzen, auch mit der Schwäche und dem Tod – und hat alles gewonnen. Liebe, die stärker als der Tod ist. Leben, das den ins Recht setzt, dem andere Unrecht tun. Leben auch für die, die sich selbst für zu schwach, zu klein, zu dumm halten. Stark ist der, der die Schwächen nicht verstecken muss. Macht die erschlafften Hände und die erlahmten Knie wieder stark!  Das rechnet ja schon mit Momenten der Schwäche. Auch im Glauben an Gott. Habt keine Angst davor! Weder bei euch noch bei anderen! Ich find‘s schön, was hier steht. Ihr  müsst nicht die sein, die immer strahlen. Ermutigt euch. Lasst keinen zurück! Achtet auf die, die nicht mitkommen! Sich selbst und andere stark machen! Für mich ist das eine der schönsten Beschreibungen dafür, was der Glauben an Gott eigentlich in diesem Leben, im Alltag, in dieser Welt soll. Ich habe in den knapp sechseinhalb Jahren als Pfarrer auf dem Richtsberg davon viel erlebt. Von dem, was es heißt, gestärkt zu werden. Nur ein paar Highlights aus meiner geistlichen Muckibude: die Seniorennachmittage. Meistens kamen gar nicht viele Leute zusammen. Wenn es nach der Marktlogik geht, eigentlich viel zu wenig Leute für den Aufwand. Aber ich fand es beeindruckend, wie Menschen, die ihr Kind oder ihren Ehepartner verloren haben, gerade hier wieder Mut gefasst haben. Das hat auch mir Kraft gegeben. Ich durfte Gott hier bei der Arbeit zugucken. Ganz

Samstag, 11. Januar 2014

Kannste knicken?! - Nein!, 1. Sonntag nach Epiphanias, 12.01.14, Reihe VI

Text: Jesaja 42,1-4


Liebe Gemeinde!
Moment, darf ich mal? Ich hab nicht so viel! Schon weit vor der Kasse ruft die Frau das durch den Laden. Und bevor überhaupt jemand antworten kann, hat sie sich an der Kasse schon vorgedrängelt. Ich hab’s echt eilig, mein Bus geht gleich! Lautstark macht sie sich bemerkbar, schon wieder einen Platz weiter vorn ergattert. Und dann steht das schüchterne Mädchen an der Kasse, in der Hand nur eine Dose Cola und einen Beutel Gummibären, sie ist still, hat gerade schon den alten Herrn mit den Krücken vorgelassen. Und eh sie sich’s versieht ist die laute Dränglerin, die auf dem Recht, ihren Bus zu kriegen, besteht, auch noch vor ihr. Mit fast vollem Korb. Mist, denkt das Mädchen. Jetzt komme ich nach der Pause doch zu spät in die Schule und krieg schon wieder Ärger mit Frau Schulze. Aber sie sagt nichts. Die Lauten kommen voran, die Drängler, die keine Rücksicht auf Verlust nehmen. Wer leise ist, zurücksteckt, vielleicht auch tatsächlich noch für andere, die kaum noch stehen können, Platz macht, wer Menschen in Not hilft und nicht vorbeigeht, wenn’s einem selber nichts bringt, der kommt nicht vorwärts. Der bleibt hintendran, nicht nur an der Supermarktkasse. Der wird geknechtet, der bleibt Knecht. So ist das Bild, so wird’s immer wieder erzählt und deshalb scheint es immer zu einem gängigen Lebensmuster zu werden, dass sich jeder das, von dem er glaubt, dass es ihm oder hr zustehen müsste, nimmt. Ohne Rücksicht auf Verluste eben. Soll doch jeder selber für sich sorgen. Und wenn dabei einer, der sowieso schon leidet, untergeht – selber Schuld. Ich zuerst – an der Supermarktkasse genauso wie im Umgang zum Beispiel mit Flüchtlingen aus Syrien. Millionen sind auf der Flucht. Der arme Libanon hat über 1 Million Flüchtlinge aufgenommen. Und das reiche Deutschland lässt sich dafür feiern, dass es maximal 10.00 Menschen aufnehmen will. Ich zuerst – auch im Umgang mit Menschen, die noch gar nicht da sind. Mit Rumänen und Bulgaren, denen erst einmal pauschal unterstellt wird, nur auf deutsche Sozialleistungen aus zu sein. Ich bin kein Romantiker, der glaubt, das deutsche Sozialsystem sei unendlich belastbar oder der glaubt, dass das Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen mit sehr unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen spannungsfrei möglich ist, wenn alle sich nur Mühe geben. Nein. Es gibt Probleme, es wird welche geben und Menschen sollen tatsächlich auch Verantwortung für sich und ihr Leben übernehmen und das, was sie können, auch selbst in die Hand nehmen. Aber das ist immer unterschiedlich viel und es geschieht mit ganz unterschiedlichen Begabungen oder Voraussetzungen. Ich bin kein Romantiker, ich bin Christ. Und als Christ höre ich auch das, was ein Prophet, dem der Name Jesaja gegeben wurde, als Gottes Wort weitergibt.
Von Gottes Knecht ist da die Rede, von dem, der von Gott gehalten wird , der Gottes Geist hat, der auserwählt ist und der das Recht zu den Völkern bringt, gerade auch zu den Menschen, die Gott gar nicht kennen. Knecht – das hört sich im Deutschen so abschätzig an. Knecht – das ist einer mit wenig oder keinen Rechten, einer der ganz

Dienstag, 24. Dezember 2013

In eigener Sache...

Die Predigt zum 2. Weihnachtstag 2013 ist die letzte, die ich als Gemeindepfarrer der Thomaskirche auf dem Richtsberg veröffentliche. Ab dem 1. Januar werde ich eine neue Stelle als Kreisdiakoniepfarrer für Marburg und Kirchhain antreten. Als "Funktionspfarrer" werde ich sehr viel seltener predigen dürfen. Am 12. Januar (1. Sonntag nach Epiphanias) vertrete ich mich sozusagen noch einmal selbst und am 19. Januar (2. Sonntag nach Epiphanias) werde ich mich offiziell verabschieden. Diese beiden Predigten werde ich, wie immer, veröffentlichen. Aber danach wird es imemr wieder größere Pausen geben. Ich möchte allen, die mich in diesem Blog in den vergangenen gut 5 1/2 Jahren begleitet haben, ganz herzlich danken. Ihnen und Euch allen wünsche ich gesegnete Weihnachten und ein gutes, behütetetes Jahr 2014!

Freu dich - endlich! 2. Weihnachtstag 2014, Predigttext ohne Reihe



Text: Zefanja 3,14-17 (ohne Reihe)

Liebe Gemeinde!
Freude über Freude! Freu dich endlich! Du hast jeden Grund dazu! Freu dich, es ist Weihnachten! Freu dich, dass du ein Dach über dem Kopf hast! Freu dich über das gute Essen! Freu dich über die Verwandten, die Kinder, die Eltern, die Großeltern, die Freunde, über alle einfach, die du in diesen Tagen siehst, gesehen hast, sehen wirst! Freu dich über die Geschenke! Freu dich! Freu dich, dass morgen endlich mal kein Feiertag ist, dass morgen alles vorbei ist!
Mich erschlägt sie oft genug, die Aufforderung, mich zu freuen. Als ob man Freude mit einem Schalter anknipsen könnte! Ich freue mich über vieles, auch über Weihnachten. Ich freue mich, dass ich keine Not leiden muss, sondern, im Gegenteil, manchmal bei anderen ein bisschen Not lindern kann. Ich freue mich, dass ich mit ihnen Gottesdienst feiern kann und ich freue mich, dass wir gleich nach der Predigt das passende Lied zu dem Predigttext singen werden. Und worüber freuen sie sich? Worüber haben sie sich in den letzten Tagen gefreut? Oder hatten sie vielleicht wenig oder gar keinen Grund gefunden, sich zu freuen? Wie gesagt, Freude kann keiner befehlen. „Jetzt freu dich doch über das Geschenk von Tante Martha!“ – diese Aufforderung ist völlig sinnlos, wenn das Geschenk eben nicht den Geschmack trifft und man sich höchstens darüber freut, dass Tante Martha an einen gedacht hat. Wer Kinder hat oder sich an die eigene Kindheit erinnert, weiß vielleicht gerade davon in diesen Tagen ein langes Lied zu singen. Wie das ist, wenn man sich freuen soll und artig Danke sagen soll und einem gar nicht so recht danach ist. Freude kann man nicht befehlen. Und je mehr dann darauf bestanden wird, dass man sich doch eigentlich gefälligst freuen soll, desto mehr Widerstand kommt oft. Freude kann man nicht anknipsen.
Aber Freude kann man auch nicht ausknipsen, wenn sie da ist und echt ist. Das ist das tolle an ihr. Kurz vor Weihnachten hatte ich ein langes Gespräch mit einer jungen Frau. „Ich bin ein totaler Weihnachtsfreak und freu mich voll auf Weihnachten“ hat sie gesagt  – und dann hat sie mir erzählt, was ihr da alles wichtig ist. Und das waren nicht nur Geschenke, die Frau glaubt an Gott und ihr ist auch der Inhalt wichtig. Aber eben auch viele äußere Sachen. Auch, dass sie Weihnachten in ihrer Familie feiert. Und dann hat sie mir von ihrer Familie erzählt. Der Vater körperlich schwer krank, die Mutter psychisch krank. Und kurz vor der Scheidung. Der kleine Bruder, noch keine 18, ist seit vielen Jahren abhängig von Alkohol und Drogen und dadurch belügt, betrügt und bestiehlt er die ganze Familie. Und Weihnachten ist diese chaotische und kaputte Familie zusammen, Streit vorprogrammiert, und trotzdem freut sich die junge Frau. Freude kann man nicht verbieten und nicht ausknipsen.
Jauchze, Tochter Zion, frohlocke, Israel, sei fröhlich von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Alle Worte, die es in der hebräischen Bibel zur Beschreibung von Freude gibt, kommen in den Versen, die ich eben vorgelesen habe, vor, und in der deutschen Übersetzung ist das ja ähnlich. Tochter Zion, das steht mehr oder weniger für den Mittelpunkt der Welt. Der Zion, das ist der Berg, an dem alle Welt zusammenkommen wird, um Gott zu erkennen, um Frieden zu finden, um die Gerechtigkeit und Liebe zu erfahren, die Gott aller Welt schenkt. Zum Zion werden nicht nur die Menschen, die immer schon an Gott glaubten kommen, sondern auch die Menschen aus allen Völkern und Religionen, die guten Willens sind. Eine Hoffnung, die nicht erst durch Jesus in diese Welt gekommen ist, sondern die schon durch die Propheten wachgehalten wurde. Dabei ist der Zion kein beeindruckender Berg wie der Mount Everest oder der Watzmann. Er ist eher ein Hügel, gegen den selbst Vogelsberg und Rhön

Sonntag, 22. Dezember 2013

Vorhang auf - Christvesper als Licherkirche am Heiligabend 2013



Hebr.6,19f. i.V. mit Rembrandt „Die Heilige Familie mit dem Vorhang“

Liebe Gemeinde!
Vorhang auf! Die Vorbereitungen sind zu Ende, jetzt darf das Wichtigste endlich gesehen werden. Es ist ein spannender Moment, wenn man sich zum Beispiel für einen anderen Menschen besonders schön macht – als Bräutigam oder als Braut oder einfach so, weil man etwas Schönes feiern will, wenn man sich Mühe gibt – „eine Minute noch, ich bin gleich so weit“ – und dann die Tür öffnet, den Vorhang der Umkleidekabine oder was auch immer zur Seite zieht und den Blick frei gibt. Wird der andere mit staunend offenem Mund und offenen Augen da stehen – oder wird er gleichgültig schauen? Wird es dem, für den man das macht, gefallen – oder wird er etwas zu kritisieren haben und vielleicht nur aus Höflichkeit schweigen. Vorhang auf – und dann gibt’s kein Zurück mehr. Vielleicht ist es bei manchen heute Abend zu Hause ähnlich, mit einem schön geschmückten Zimmer – was werden die, die mitfeiern, sagen, wenn die Tür aufgeht und sie es sehen? Oder mit Geschenken. Liebevoll ausgesucht und verpackt und wenn dann zwar nicht der Vorhang aufgeht, sondern das Geschenk ausgepackt wird, aber trotzdem dann der Inhalt zu erkennen ist und die Frage im Raum steht: Gefällt es? Vorhang auf! – genau das hat Rembrandt vor über 450 Jahren gemalt. Ich möchte Ihnen und Euch dieses Bild in diesem Jahr schenken, mit nach Hause geben. Zu Weihnachten. Vorhang auf für Weihnachten. Und was sehen wir, wenn wir den Vorhang öffnen, die Karte aufklappen? Weihnachten? Das soll Weihnachten sein?
Gut, manches mag am Licht heute Abend liegen. Da sieht man nicht so gut. Aber als dieses Bild gemalt wurde da gab es auch keine perfekten Lampen, wenn man es gegen Abend betrachtete, dann wird man nicht viel mehr gesehen haben, als jetzt zu sehen ist. Vorhang auf also – und das soll dann Weihnachten sein? Da fehlt doch alles, was Weihnachten ausmacht: die Engel, die Hirten, der Stall, der Ochs und der Esel, der Heiligenschein, nichts davon da. Stattdessen: eine gut angezogene Mutter, die ihr Kind liebevoll in den Arm nimmt. Ein Kind, gut genährt, gut angezogen, das ein wenig neugierig auf die schaut, die es vor dem Vorhang betrachten. Eine Katze, die sich an einem wärmenden Feuer kauert. Und wenn man ganz genau hinschaut, im Hintergrund kein primitives Strohlager, sondern ein Himmelbett auf der linken Seite und den Vater, der Holz hackt, auf der rechten Seite. Wäre nicht die Wiege, in der das Kind offensichtlich geschlafen hat, der hellste Ort auf dem Bild, würde die nicht die liebevolle Umarmung von Mutter und Kind den Fußboden heller erstrahlen lassen als das Feuer direkt daneben, niemand würde dann  auf die Idee kommen, dass es mit dieser Familie etwas ganz besonderes auf sich haben könnte. Deshalb hieß das Bild auch eine Zeit lang einfach „Die Holzhackerfamilie“ und nicht „Die Heilige Familie mit dem Vorhang“. So wenig Weihnachten! Oder doch: so viel Weihnachten. Der Vorhang ist weg, und wir sehen Gott, das Heiligste. Der Vorhang, der im Tempel Gott und Menschen trennte und hinter den nur einmal im Jahr der Hohepriester treten durfte. Hier in dem Bild steht der Vorhang dafür, dass wir den Blick auf Gott frei gemacht bekommen. Dass das Geheimnis Gottes nicht exklusiv für wenige Auserwählte an besonderen Tagen sichtbar ist, sondern alle Welt kann Gott sehen. Weihnachten feiern wir, dass Gott sich in dieser Welt zu erkennen gibt.
Und das so, dass er so ganz und gar Mensch wird, dass er gar nicht als Gott erkannt wird, schon gar nicht auf den ersten Blick. Es war und ist ja tatsächlich so, dass es alles andere als selbstverständlich ist, in Jesus Gottes Sohn, das Heil der Welt zu sehen. Es sind eben keine Äußerlichkeiten, die ihn unzweifelhaft erkennbar machen, sondern es ist das, was sich in der Begegnung mit ihm abspielt, es ist eine Beziehungs- und Glaubensfrage. Für mich drückt sich das in dem Bild ganz unnachahmlich aus. Der Glanz liegt zum einen in der Wiege, dem Ort, von dem aus das Kind aufgenommen wird. Er bleibt da, ein Ort göttlicher Gegenwart. Aber da, wo die Frau das Kind aufnimmt,

Hände hoch, das ist ein Überfall! - Christvester mit Krippenspiel am Heiligabend 2013



Ansprache (kommt eigentlich nach dem Krippenspiel):
Hände hoch, das ist ein Überfall!
Wieso sehe ich jetzt niemanden, der die Hände hoch nimmt?  Habt ihr etwa keine Angst vor mir? Glaubt ihr etwa, dass ich das nicht ernst meine? Schade…
Nein, eigentlich gar nicht schade. Es ist doch schön, wenn niemand Angst haben muss. Und es ist auch schön, wenn Menschen, die eigentlich was Böses wollen, plötzlich ganz andere Dinge machen und merken, dass sie eigentlich gar nicht böse sein müssen, sondern dass es viel schöner ist, wenn Menschen sich verstehen und keiner mehr Angst vor dem anderen haben muss.
Klar, ich weiß, auch über 2000 Jahre, nachdem Jesus geboren worden ist, gibt es Räuber und Menschen, die anderen was Böses wollen. Aber genauso lange macht Gott auch Menschen das Angebot: auch wenn du noch so böse Gedanken und Pläne hattest und vielleicht auch schon mal schlimme Dinge in deinem Leben gemacht hast, habe ich dich lieb, bin ich auch für dich da, schicke ich dich nicht weg und gebe dir die Chance, dass du dich änderst.
Dass Menschen keine Angst mehr haben müssen, das ist für mich eigentlich ein ganz, ganz schöner Teil von Weihnachten. „Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die alle Menschen erleben werden“ – das ist das, was die Engel den Hirten sagen, die sich ja auch erst einmal total erschrecken. Keine Angst! Eine tolle Sache!
Ganz so ist es ja bis heute leider nicht. Auch Leute, die ganz fest an Jesus glauben und die mit viel Spaß seinen Geburtstag feiern, haben heute noch manchmal Angst. Manche vor echten Räubern. andere davor, im Dunkeln einzuschlafen. Andere davor, in der Schule schlechte Noten zu kriegen. Oder davor, arm zu werden oder immer arm zu bleiben. Davor, dass einen keiner lieb hat. Manchmal hat man auch Angst vor sich selbst, vor den bösen Gedanken, die man vielleicht hat oder davor, was richtig Schlechtes zu machen. Wahrscheinlich fällt euch allen noch viel mehr ein.
Deshalb finde ich es total wichtig, immer wieder Weihnachten zu feiern und zu hören: „Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst“. Nicht vor dir selber. Auch, wenn du wirklich mal was richtig Schlimmes gemacht hast, darfst du, wie die Räuber, zu Jesus kommen und dich ändern. Der schickt dich nicht weg. Hab keine Angst – auch nicht im Dunkeln. Auch wenn du niemanden siehst, ist Gott bei dir. Und auch nicht vor schlechten Noten. Für Gott bist du wichtig, auch wenn du nicht so toll rechnen oder schreiben kannst.
Gott hat sich klein gemacht, als Kind hat er sich gezeigt, damit niemand Angst haben muss, sondern damit alle sehen, dass er wirklich die Liebe ist. Und damit alle auch, wie die Räuber, das Angebot erkennen können, dass er uns macht:
Du brauchst keine Angst zu haben, du darfst zu mir kommen, ich habe dich lieb.
Genug geredet, lasst uns feiern. Ohne Angst. Denn Gott ist da. In dieser Welt. Heute. Und jeden Tag.
Amen.

Krippenspiel:

Der Kaiser, die Hirten und eine Räuberschar
Lied vor dem Krippenspiel: Seht, die gute Zeit ist nah (EG 18)
1. Szene: Am Hofe des Kaisers in Rom
Mitspieler: Augustus und sein Hofstaat und Erzähler/in
Augustus: Ich bin der große Kaiser Augustus und habe alle Macht der Welt. Und ich habe viele Minister und Ratgeber. Was mir fehlt, ist Geld in der Staatskasse. Liebe Minister und Rat­geber, habt ihr keine Idee?
Minister 1: Wir haben eine Idee, großer Kaiser. Mach doch mal eine Volkszählung, dann weißt du, wie viele Untertanen du hast.
Minister 3: Und dann kannst du von jedem Untertanen eine eigene Steuer verlangen.
Augustus: Wie soll das denn funktionieren?
Minister 2: Jeder Mann geht mit seiner Familie in die Stadt, in der er geboren wurde. Und dort lässt er sich in die Steuerlisten eintragen.
Augustus: Ihr seid wirklich gute Minister. Jetzt wird die Staatskasse wieder voll. Ich erlasse sofort einen Befehl, dass alle Menschen gezählt werden sollen.
Erzähler/in: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt gezählt würde. Und diese Zählung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich zählen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da mach­te sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Naza­reth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlecht Davids war, damit er sich zählen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.
Lied: Seht die gute Zeit ist nah (EG 18)
2. Szene: Herbergssuche
Mitspieler: Josef, Maria und Wirte (1-3)
Josef: Komm, Maria, bald sind wir in Bethlehem.

Samstag, 21. Dezember 2013

Mit Engeln auf Du und Du - 4. Advent, Dialogpredigt, Lukas 1,26-38



Eigentlich wäre ja was anderes dran, ich weiß. Aber bevor ich am 19. Januar aus der Gemeinde verabschiedet werde, wollte eine ehemalige Konfirmandin (mittlerweile ist sie 15) mit mir noch mal eine Dialogpredigt halten. Sie durfte sich den Text aussuchen und hat sich eben einen anderen aus den Perikopentexten für diesen Sonntag ausgesucht. Die Gedanken stammen tatsächlich von ihr. Deshalb an dieser Stelle noch mal vielen Dank an Melissa, die mich in den letzten zwei Jahren oft in Gottesdiensten unterstützt hat.
KB: Milli, bist du eigentlich schon mal einem Engel begegnet? Hat mit dir schon mal ein Engel geredet?
Milli: Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Ich habe noch nie so eine Erscheinung gehabt und Stimmen gehört. Glücklicherweise, sonst würde ich vielleicht denken, ich bin verrückt. So einem Engel, wie er oft gemalt wird, mit Flügeln und so, bin ich nie begegnet. Aber…
KB: Aber was?
Milli: Aber manchmal, da hatte ich das Gefühl, dass Gott ganz besonders nah bei mir ist und dass da Menschen sind, die mir was mitteilen wollen, was von Gott kommt.
KB: Aber woher wusstest du, dass das von Gott kam? Wenn du da keine richtigen Engel gesehen hast, dann kannst du dich doch auch getäuscht oder dir was eingebildet haben.
Milli: Klar, das könnte sein. Ich kann’s halt nicht wissen, so wie ich Vokabeln wissen kann oder die binomischen Formeln in Mathe. Aber ich konnte es spüren. Das kann ich nicht richtig erklären. Wenn ich mich mal zum Beispiel in der Schule richtig unwohl und allein gefühlt habe, weil ich dachte, ich hätte keine richtig gute Freundin, die zu mir hält, dann kam jemand, der mir weitergeholfen hat, der mir Mut gemacht hat. Und ich glaube, dass er mir von Gott einfach sagen wollte: Du bist nicht allein! Du bist was wert! So eine gute Botschaft halt von Gott. Und ich hab mal gelernt, dass Engel eigentlich „Botschafter“ heißt, wenn man es ins Deutsche übersetzt. Und vielleicht hab ich den dann gar nicht als Engel erkannt, weil er ganz normal aussah und er war ein Engel. Aber wie ist das denn mit dir?
KB: Mir geht’s da genauso wie dir. Engel mit Flügeln oder weiten weißen Gewändern hab ich bis jetzt nur auf Bildern gesehen. Aber manchmal merke ich auch, dass Gott mir durch andere eine Botschaft schickt. Manchmal sogar durch Menschen, die sich dagegen wehren würden, wenn ich ihnen sage, dass sie von Gott kommen. Anfang der Woche hat mir ein Schüler zum Beispiel, bei dem ich manchmal das Gefühl hatte, mit dem komm ich gar nicht klar, was total Nettes geschrieben, was mir Mut gemacht hat, weil ich im Moment manchmal schon ein bisschen die Krise kriege, wenn ich an das denke, was ich hier alles noch erledigen will und vor allem daran zweifle, ob ich das, was ab Januar kommt, auch gut mache. Ich glaube nicht, dass es einen objektiven Beweis für Engel gibt. Aber ich glaube, dass Gott uns Menschen immer wieder Botschaften gibt, auch durch Menschen, die er sich dafür aussucht. Wir müssen aber auch bereit sein, sie zu hören.
Milli: Ja, klar. Aber ist das mit den Engeln in Menschengestalt nicht ein bisschen zu wenig? Wenn ich die Geschichte vom Engel Gabriel und Maria, die wir eben gerade vorgelesen haben, mir anschaue, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass Gabriel so ein Engel war. Da muss doch noch mehr gewesen sein. Ich glaube, dass Gott auch Wege zu Menschen findet, die wir nicht verstehen und erklären können.
KB: Wenn das anders wäre, hieße es ja auch Wissen und nicht Glauben… - schlechter Witz. Im Ernst. Ich glaube auch, dass Gott da mehr Möglichkeiten hat, als wir uns vorstellen oder berechnen können. Aber ich stelle mir diese Art von Engel nicht so richtig körperlich vor, sondern als so eine Art Kraftfeld, wie ein Magnetfeld oder ein elektrisches Feld, etwas, was da ist, was einen zum Schwingen bringt oder Dinge bewirkt, aber eben nicht als objektive Gestalt zum Beispiel gemalt werden kann. Ich glaube, dass da ganz viel von der persönlichen Begegnung abhängt.
Milli: Aber Maria ist doch sicher mehr als einfach einem Kraftfeld begegnet. Und die Hirten bei Betlehem, von denen Lukas ja in seiner Weihnachtsgeschichte erzählt, doch auch. Das war doch mehr als ein reines Gefühl.
KB: Ja, schon. Aber ich glaube trotzdem, dass alles an der persönlichen Begegnung hängt. Egal, ob das, wie bei Maria, eine Eins-zu-Eins-Begegnung war oder wie bei den Hirten mehrere beteiligt waren. Für andere lässt sich das nicht objektiv beschreiben oder malen oder fotografieren. Das Entscheidende ist halt, dass ich, oder Maria oder die Hirten oder du im entscheidenden Moment einfach den Mut hast, das was dir begegnet, was du erlebst oder hörst als

Freitag, 6. Dezember 2013

Erlösung! - 2. Advent, 08.12.2013, "außerdem" Text der EKKW

Text: Lukas 1,57-66


Liebe Gemeinde!
„Der Tod war für ihn eine Erlösung.“ Immer wieder habe ich diesen Satz in den vergangenen zweiundzwanzig Jahren bei Beerdigungsgesprächen gehört. Er muss nun nicht mehr leiden. Sie muss nun nicht mehr bei wachem Verstand miterleben, wie die Krankheit ihr jede Freiheit nimmt. Er liegt nun nicht mehr als wimmerndes Häufchen Elend im Bett eines Altersheims, wo er doch so stolz auf das eigene Haus und seine Körperkraft war. Sie muss nun nicht mehr die Schmerzen aushalten, die ihr der Krebs bereitet hat. Der Tod als Erlösung. Immer mal wieder. Immer mal wieder, wenn auch seltener, höre ich: „Der Tod war für uns eine Erlösung“. Jetzt müssen wir nicht mehr die Schreie in der Nacht hören, nicht mehr mitansehen, wie die geliebte Mutter uns fremd wird, nicht mehr im eigenen Haus gefangen sein, weil sich alles nur noch um die Pflege dreht. Erlösung, Freiheit. Hier oft sehr dramatisch, manchmal im Alltag viel weniger dramatisch.
In zwölf Tagen sind die Schülerinnen und Schüler erst einmal von dem Stress erlöst, gerade in der Adventszeit unheimlich viele Arbeiten schrieben zu müssen, Angst vor dem eigenen Nichtwissen zu haben und morgens früh aufstehen zu müssen. Und die Lehrer sind dann von motzigen, unmotivierten Schülern erlöst. Freiheit auf Zeit, ein Stück Erlösung, immerhin.
Erlösend ist es auch, wenn die Angebetete endlich „Ja“ sagt – oder der Angebetete. Frisch verliebt, man weiß nicht, wohin mit den Gefühlen, dann die Angst: „Liebt er, liebt sie mich auch? Blamiere ich mich, wenn ich meine Liebe gestehe?“ Nächte, schwitzige Hände – und dann: die Liebe ist gegenseitig! Eine Erlösung! Endlich frei von Angst und freie Fahrt für die Liebe. Welche Erlösung!
Und wir beten um Erlösung. Immer neu, immer wieder, manchmal auch ernsthaft und nicht nur, weil’s im Gottesdienst oder in Konfer gerade alle sprechen. „Erlöse uns von dem Bösen“. Mache uns frei, im Kopf, im Herzen, in den Händen, wirklich das Richtige zu tun. Lass uns so frei sein, unserem Egoismus ein Schnippchen zu schlagen. Hilf uns, so frei zu sein, nicht zu verzweifeln und nicht nur das Dunkle zu sehen. gib uns den Mut, zu handeln, wenn es nötig ist und etwas zu lassen, wenn es falsch ist. Mach uns frei. Zum Guten. Erlöse uns. Von dem Bösen.
Von einer Erlösung erzählt auch der Predigttext für heute. Lukas hat die Geschichte von der Geburt Johannes des Täufers aufgeschrieben. Und dabei erzählt er, wie Zacharias, der Vater von Johannes, erlöst wird.

Lesen: Lk 1,57-66

 Zacharias wird erlöst. Er kann wieder sprechen, jubeln, danken, loben – und später vielleicht auch mal mit seinem Kind schimpfen, das sicher auch – aber er wird frei. Seine Zunge löst sich. Erlösung. Und die Leute drumherum, die Nachbarn, Verwandten, Freunde,  danach auch viele Fremde, überall in der Gegend, die sehen hier Gott am Werk. Wenn schon die Namensgebung eines Kindes so was auslösen kann, was muss das dann für ein Kind sein? Das kann nur mit Gott in Verbindung sein. Da sind sie sich einig. Und irgendwie ist ihnen das unheimlich. Aber der Reihe nach.
Wie kommt es überhaupt dazu, dass Zacharias seine Sprache verliert und kein Wort mehr rausbringt? Wieso braucht er überhaupt Erlösung? Zacharias war Priester. Ein guter, frommer Mann. Er und

Freitag, 22. November 2013

Wach bleiben - für die Liebe, die alles neu macht, Ewigkeitssonntag, 24.11.13, Reihe V

Text: Markus 13,31-37


Liebe Gemeinde!
Eine der schlimmsten Foltermethoden ist der dauerhafte Schlafentzug. Wer nicht zur Ruhe kommt, wer nicht wenigstens ein Minimum an Schlaf bekommt, der dreht irgendwann völlig durch. Eine Ahnung davon bekommt der, der nachts wachliegt, und alle Sorgen und Gedanken kommen wieder und wieder, Schlaf geht gar nicht mehr. Und das nicht nur tage-, sondern wochen-,  manchmal auch monatelang. Immer wieder: Wachsein, Wachsein, Wachsein, wo doch eigentlich Ruhe sein sollte, damit neue Kräfte wachsen können. Leer und verbraucht steht man schon morgens da – und abends dann wieder die Angst, keine Ruhe zu finden. Wachet! Oft genug ist es die Begegnung mit dem Tod, die Menschen nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Einsamkeit, weil einfach ein ganz wichtiger und lieber Mensch fehlt. Die Fragen, wie das jetzt alles ohne diesen Menschen weitergehen soll. Das Gefühl, nicht genug gegeben oder vielleicht auch nicht genug empfangen zu haben. Die Erinnerung an das Schöne oder an das Liegengebliebene zwischen Menschen, das keine Änderung mehr erfährt. Oder einfach nur ein Durcheinander im Kopf, Fragen, Fragen, Fragen, die der Tod aufgeworfen hat und die keine Antwort finden. Wachet! Vielleicht kommt dem einen oder der anderen, die heute hier im Gottesdienst ist, diese Aufforderung von Jesus wie Hohn vor. Zu frisch, zu intensiv sind vielleicht noch die Gedanken an den Menschen, von dem im zu Ende gehenden Jahr oder vor einiger Zeit Abschied genommen werden musste. Wachet!? – Du hast gut reden, das muss ich doch immer und immer wieder! Ich will endlich wieder ruhen können! So mag manche und mancher denken.
Ruhe finden. Ruhe in Frieden – das ist ein Wunsch, der oft Verstorbenen mitgegeben wird. Und gerade im Alten Testament, das ich so liebe, weil es so wunderbar ehrlich vom Menschsein erzählt, ist ganz oft davon die Rede, dass die Ruhe eine gute Gabe Gottes ist. Kehrt Jesus das hier etwa um? Widerspricht er dem Vater, der seinen Menschen Ruhe gönnen und schenken will, wenn er ruft: Wachet!? Ich glaube nicht, dass das ein Widerspruch ist, sondern dass es Wachheit im Sinne Jesu braucht, um Ruhe zu finden. Und mit dieser Wachheit, von der Jesus spricht, ist nicht das nächtliche Wälzen im Bett vor lauter Sorgen gemeint, sondern eine Aufmerksamkeit, die dabei hilft, auch die Momente der Ruhe und des Friedens zu finden.
Ruhe finden – nicht zuletzt heißt das auch: Loslassen können! Am Anfang mag es ein Trost sein, zu hören und zu glauben: „Wenn einer gestorben ist, dann lebt er in unseren Erinnerungen weiter!“ Aber wie ist das, wenn die Erinnerungen blasser werden? Töte ich dann den, der gestorben ist, erst richtig, mit jeder verblassenden Erinnerung ein bisschen mehr? Wie ist das mit den Menschen, die wegen ihrer Grausamkeit vielen, vielen Menschen über Jahrhunderte und Jahrtausende weg im Gedächtnis bleiben, wie Nero, Stalin, vor allem Hitler: haben die es verdient, ewig zu leben, während Millionen von Menschen, die im Stillen ihren Kindern, ihren Männern, ihren Frauen, ihren Nachbarn, Fremden gut getan haben, längst vergessen und damit, nach dieser Logik, richtig tot und ohne jede Chance sind? Wie ist das mit den Menschen, die ganz einsam gestorben sind? Vergisst Gott die auch, weil sich Menschen nicht mehr an sie erinnern? Ruhe finden, das heißt auch: Erinnerungen loslassen können. Weil eben nicht unsere Erinnerungen Grund dafür sind, dass Gott Sieger über den Tod ist und wir nur durch unsere Erinnerungen an andere darauf vertrauen dürfen, dass Menschen nicht in die absolute Beziehungslosigkeit, das absolute Nichts fallen, sondern weil Gottes Wort der Liebe und der Versöhnung, Mensch geworden in Jesus, Grund für die Hoffnung ist. Wir überfordern uns und stellen uns letztlich an Gottes Stelle, wenn wir glauben, wir müssten durch unsere Erinnerungen ewiges Leben produzieren. Ruhe finden heißt auch: Loslassen können, so schwer das im Einzelnen auch sein mag. Loslassen können und Gott überlassen, was sein ist, nämlich die Sorge um ein Leben, um Beziehungen, die jenseits unseres Denkens und Könnens liegen.

Montag, 18. November 2013

Lieber Gott, mach mich fromm... - Buß- und Bettag 2013, 20.11.13, Kampagnentext EKKW

Text: Matthäus 13,44-46


Liebe Gemeinde!
Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Wenn es abends schnell gehen sollte, habe ich als Kind manchmal so gebetet. Als ich dann älter wurde, auf den Schulabschluss zuging, während meines Studiums und noch lange danach fand ich das Gebet sehr seltsam. Eigentlich ist das Gebet theologisch völlig richtig. Lieber Gott, MACH mich fromm: Ich kann in mir selbst weder Glauben wirken noch mir Vergebung selbst herstellen. Glauben, Vergebung und auch die Fähigkeit, das Richtige zu sehen und entsprechend zu handeln, sind letzten Endes Gottes Werk. Und ein frommes Leben ist ein Leben, das sich von Gott getragen und gehalten weiß und sich im Handeln an dem ausrichtet, was Jesus vorgelebt und verkündigt hat. Theologisch ist es also völlig korrekt, Gott darum zu bitten, diese Frömmigkeit zu schenken, weil ich sie selber gar nicht herstellen kann. Und da das theologisch gesehen natürlich auch der Weg zur Auferstehung und zu einem Leben in unzerstörbarer Einheit mit Gott ist und weil Himmel dafür das gängige biblische Bild ist, ist auch der zweite Teil theologisch überhaupt nicht falsch. Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Amen. Und damit hat sich’s.
Und trotzdem habe ich Bauchschmerzen, bis heute, bei diesem Gebet. Weil es geradezu danach schreit, missverstanden zu werden und den Glauben an Gott, an Jesus, in dem Gott sich offenbart, sehr stark einengen kann. Es ist auch eine Frage der Betonung. Lieber Gott, MACH mich fromm – oder wird es nicht oft so gehört, gesprochen verstanden, wie ich es jetzt sage: Lieber Gott, mach MICH fromm, dass ICH in den HIMMEL komm.
Zwei Perspektiven im Glauben, die viel zu kurz greifen, drängen sich dabei in den Vordergrund. Die eine Perspektive ist die, Glauben und Frömmigkeit auf eine rein persönliche und individuelle Ebene zu verengen. Mach MICH fromm, dass ICH in den Himmel komm. Es geht um das eigene Seelenheil, um das eigene ewige Wohl, mehr nicht. Aber schon die Verkündigung der Propheten im Alten Testament und erst recht das Reden und Handeln Jesu lassen deutlich werden, dass ein Leben im Einklang mit Gott immer auch die Perspektive hat, dass Gerechtigkeit, Frieden und Lebensmöglichkeit für alle sein Wille ist. Heil ist in der Bibel ganz eng mit dem Wohl der Armen, Schutzbedürftigen, Unterdrückten verbunden. Religion ist Privatsache, das hat in der Öffentlichkeit und schon gar in der Politik nichts zu suchen. Das scheint heute allgemein gültiger Konsens zu sein. Aber so einfach ist das nicht. Natürlich ist es gut und angemessen und richtig, dass es keine Staatsreligion ist. Es ist gut, dass jedem Menschen freisteht, sich zu einer Religion, einer Glaubensgemeinschaft zu bekennen – oder auch nicht. Es ist gut, dass zum Beispiel die Vergabe von Arbeitsstellen in aller Regel nicht mehr daran hängen darf, ob jemand Evangelisch oder katholisch, Moslem oder Jude, Atheist oder Agnostiker ist. Insofern ist Religion natürlich Privatsache. Aber wenn ich mich zu Christus bekenne, wenn ich als Christ lebe, dann kann ich eigentlich in der Nachfolge nicht anders, weder als Einzelner noch als Gemeinschaft der Glaubenden, als Gemeinde vor Ort, als Landeskirche oder Bistum, als mich einzumischen, wenn Schwachen, Unterdrückten, Armen, Schutzbedürftigen ihr Recht und Gerechtigkeit verweigert werden. In seinen Ursprüngen ist der buß- und Bettag eigentliche in hochpolitischer Tag. Es ging nicht in erster Linie um persönliche Schuld und Buße, sondern es ging darum, als Gemeinschaft, als Kirche, die damals eben im Wesentlichen identisch war mit dem Staatsvolk, vor Gott zu treten und Schuld zu bekennen. Wie gesagt, ich finde es gut, dass es keine Staatskirche mehr gibt und keinen Glaubenszwang. Wichtig ist aber, und daran sollte uns der Buß- und Bettag erinnern, dass wir bei aller Freude über die individuelle Freiheit die Perspektive