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Donnerstag, 5. April 2012

Endlose Liebe .Ostersonntag, 08.04.2012, Reihe IV

Text: 1. Samuel 2,1-2.6-8
Liebe Gemeinde!


Es gibt, Gott sei Dank, viele Gründe, die Menschen dazu bringen, von Herzen dankbar zu sein und richtig große, schöne, ansteckende Worte der Freude und Dankbarkeit zu finden. Es kann sein, dass ein Mensch in der Schule nicht ernst genommen wurde. „Du bist dumm, mit dir kann man nichts anfangen!“ – das haben nicht nur manche Lehrerinnen und Lehrer, das haben auch Mitschüler ihm immer wieder gezeigt. Und dann – ein Praktikum, in dem dieser Mensch merkt: Ich kann etwas, das gebraucht wird. Menschen interessieren sich für ihn und seine Fähigkeiten. Anders als bei anderen, die ihn vorher klein gemacht haben, klappt es doch mit einem Ausbildungsplatz und einem Beruf, der Zufriedenheit verspricht. Oder ein Mensch hat das Gefühl, nie jemanden abzukriegen. Alle anderen um einen herum haben feste Beziehungen. „So, wie du rumläufst, so, wie du dich anziehst oder schminkst oder dich gibst, wird das nie etwas!“ Das ist das, was, laut oder leise, transportiert wird. Und dann kommt DER Mensch, der alles verän-dert. Liebe ist da, und das nicht nur einseitig, sondern gegenseitig. Es gibt, Gott sei Dank, viele Gründe, die Menschen dazu bringen, von Herzen dankbar zu sein und diese Dankbarkeit auch laut werden zu lassen. Die Erfahrung, krank zu sein und wieder geheilt zu werden. Oder die Erfahrung, von anderen wegen etwas für minderwertig gehalten zu werden – und dann dreht sich das Leben und sehnsüchtige Wünsche werden erfüllt. So erging es Hanna, von der die Bibel erzählt, dass sie lange keine Kinder bekommen konnte. Eine andere Frau gab ihr das Gefühl, deshalb minderwertig zu sein. Hanna klagt Gott ihr Schicksal. Und dann wird sie schwanger. Niemand schaut mehr auf sie herab. Sie wird aufgerichtet, ihr Leben hat wieder Halt und Tiefe. Es gibt viele Gründe, dankbar zu sein. Hannas Grund ist einer davon. Und es ist kein Wunder, dass sie Gott überschwänglich dankt. Sie hat das Gefühl, tot gewesen zu sein, lebendig tot. Man atmet, man funktioniert, aber man lebt nicht. Und dann kehrt das Leben zurück, die Freude und auch die Erfahrung, dass Gott die, die sich für etwas besseres halten und die andere wegen ihrer scheinbaren Fehler klein machen und für minderwertig oder dumm halten, am Ende eben nicht siegen lässt, sondern dass am Ende die, die sich dem Tod nahe gefühlt haben, mit Gottes Hilfe wirklich stark und Sieger sein werden.

Auferstehung mitten im Leben – so kann man diese Erfahrung vielleicht nennen.

Mittwoch, 4. April 2012

Opfer! Karfreitag, 06.04.2012, Reihe IV

Text: Hebräer 9,15.26b-28 (Neue Genfer Übersetzung)

Liebe Gemeinde!


Die Welt ist voll von Opfern, so kommt es mir manchmal vor. Da fordert der Straßenverkehr seine Ofer, wie es manchmal in Nachrichten heißt. Da fordert die wirtschaftliche Logik, das Betriebe Gewinn machen müssen, im Zweifel Opfer der Belegschaft, wie die Bereitschaft, ohne Lohnausgleich Überstunden zu machen. Und da gibt es Opfer wie Lena aus Emden, von einem jungen Mann vergewaltigt und ermordet. Opfer eines perversen jungen Mannes? Opfer eines Kranken, der doch nur seine krankhaften Triebe nicht im Zaum hatte? Opfer einer Entwicklung in den Medien, in der jede Form der Sexualität für jeden bildlich greifbar ist und Opfer einer Gesellschaft, die es immer mehr als richtig und normal ansieht, das Sex und Liebe getrennt voneinander werden? Opfer, so haben es die Meldungen der letzten Tage nahegelegt, vielleicht einer gedankenlosen und unaufmerksamen Polizei? Und dann ist da der junge Mann, der fälschlicherweise verdächtigt wurde und der beinahe gelyncht worden wäre. Opfer der neuen Möglichkeiten des Internet? Opfer einer hysterischen Gesellschaft, die nicht nach Tatsachen fragt, sondern die sich mit Gerüchten zufrieden gibt? Opfer von Rattenfängern, besonders aus der Nazi-Szene, die mit den Ängsten der Menschen spielt und aus der Angst Profit für die eigene, menschenverachtende Politik schlagen will?

Und da gibt es Menschen wie die mittlerweile verstorbene Frau, die mir kurz vor ihrem Tod erzählt hat, dass sie auf der Flucht aus Ostpreußen in den Westen bei Kriegsende vergewaltigt wurde. Die gesehen hat, dass die Soldaten es eigentlich auf ihre beiden Töchter abgesehen hatten, die sich aber dann, wie sie sagte, für ihre Kinder opferte, damit diese ungeschoren davonkommen.

Wenn wir von Opfern reden, dann schwingt ganz viel mit. Manchmal Mitleid mit den Menschen, die Unrecht erleiden mussten. Manchmal Zorn auf die Täter. Manchmal einfach nur der hilflose Versuch, ein Unglück oder ein Verbrechen oder ein negatives Erlebnis irgendwie in Worte zu fassen. Und manchmal auch Unverständnis oder Zorn für den und auf den, der leiden musste, weil er oder sie sich nicht gewehrt hat.

Und wie ist das heute, am Karfreitag, wenn wir wieder einmal hören, dass Christus sich selbst opferte, ein Opfer für die Sünden? Ist das etwas, was uns überhaupt noch berührt? Oder sind wir angesichts der vielen, vielen Opfer, die wir persönlich kennen, die vielleicht mancher von uns auch selbst gebracht hat, die uns durch alle möglichen Medien vermittelt werden, etwas, das wir gar nicht mehr hören wollen oder hören können? Oder sind vielleicht die im Recht die sagen: „Was ist das denn für ein merkwürdiger, vielleicht sogar perverser Gott, der Opfer will und fordert? Ist das nicht eine Verhöhnung der wahren Opfer unserer Zeit?

Wir sind viele! -Gründonnerstag, 05.04.2012, Reihe IV

Text: 1. Korinther 10,16-17
Liebe Gemeinde!


Ein idealer Abend, um miteinander zu feiern. Für mich zumindest. Nicht, weil wir hier in der Kirche heute besonders viele wären oder weil der Gottesdienst schöner als so viele andere ist. Sondern weil heute Abend auf der ganzen Welt in Gottesdiensten Abendmahl gefeiert wird. In Erinnerung daran, dass Jesus am Abend vor seinem Tod mit seinen Jüngern das Passahfest gefeiert hat. Ein Dankessen als Erinnerung daran, dass Gott sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Gott befreit. Ein schöner Anlass, zu feiern. Und an diesem Abend vor seinem gewaltsamen Tod, bei diesem bis heute für die Menschen jüdischen Glaubens so wichtigen Fest hat Jesus den Kelch mit Wein, aus dem gemeinsam getrunken wird, und das Brot, das geteilt wird, neu gedeutet: als Zeichen seiner lebendigen Gegenwart über seinen gewaltsamen Tod hinaus. Auch wenn heute vielleicht weniger Menschen in der Thomaskirche mitfeiern als an einem durchschnittlichen Sonntagmorgen: für mich ein idealer Abend, um zu feiern.

Mir wird an diesem Abend noch einmal ganz deutlich, dass unser Glauben uns in eine Geschichte stellt. Der Glauben an Gott, der Menschen befreit und der sich in Jesus zu erkennen gegeben hat, ist mehr als ein persönliches Ergriffensein, das unabhängig von mir belanglos wäre.

Die zarte Versuchung? "Ihr hattet Böses mit mir vor, aber Gott hat es zum Guten gewendet": Josef, Potifars Frau und anderes, Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden, 25.03.2012

Während der Konfirmandenfreizeit hatten wir uns mit der Josefsgeschichte beschäftigt - für mich eine der schönsten Geschichten der Bibel. Nach zwanzig Jahrne war es für mich auch mal zeit, ein neues Thema für Konferfreizeiten auszuprobieren. Es hat gut geklappt, allerdings konnten wir bei der Friezeit nichts für den Vorstellungsgottesdienst fertigstellen. Das haben wir in den nächsten beiden Stunden gemacht. Die Konfis haben sich dafür entschieden, die Episode mit Ptifars Frau im Verkündigungsteil des Gottesdienstes umzusetzen.Zunächst kommt der Verkündigungsteil, dann die anderen Texte des Gottesdienstes. Um alle Texte zu sehen, bitte einfach auf "Mehr Informationen" klicken.

Freitag, 16. März 2012

Achtundzwanzig Tote bei Busunfall - Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn?, Lätare, 18.03.2012, Reihe IV

Text: Philipper 1,15-21


Liebe Gemeinde!

Ungeheuerlich war die Meldung, die am Dienstag in den Nachrichten kam und auch an den folgenden Tagen der vergangenen Woche in den Schlagzeilen war. Zweiundzwanzig Schülerinnen und Schüler und sechs Erwachsene starben bei einem Busunfall in der Schweiz auf der Heimfahrt von einer Skifreizeit. Zweiundzwanzig Leben, die gerade erst begonnen hatten, die selbst noch so viele Pläne und Hoffnungen hatten, die von den Eltern, Geschwistern und Freunden mit so vielen Hoffnungen begleitet wurden einfach ausgelöscht. Und sechs weiter Leben, die allesamt sicher auch noch einiges an Hoffnungen, Liebe und Erwartungen hatten, die in Beziehung zu vielen anderen waren, auch. Zu Recht sind in den Druckausgaben der Lutherbibel manche Verse und Sätze fett gedruckt. Weil sie wichtig sind. Weil sie im Ge-dächtnis hängen bleiben. Auch im Predigttext, den ich eben vorgelesen habe, ist ein Satz fett gedruckt. Welcher das wohl ist, da muss man, glaube ich, gar nicht lang überlegen. „Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.“ Sterben als Gewinn? Zu Recht würden mir wahrscheinlich, hoffentlich hätten sie noch die Kraft dazu, die Eltern der tödlich verunglückten Kinder, die Kinder der tödlich verunglückten Lehrer und Busfahrer die Bibel um die Ohren hauen, wenn ich ihnen das vorlesen würde.

„Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn“ – wie zynisch hört sich das an, wenn man diesen Vers Menschen vorliest, die mit den unaussprechlichen und unvorstellbaren Schrecken des Todes konfrontiert sind. dieser Satz lässt sich leicht so hören: „Das Leben in der Welt ist nichts wert, gib es weg, es gibt viel Besseres!“ Der Satz lässt sich leicht missbrauchen. Von Fanatikern. Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn - das kann zur gleichen Logik pervertiert werden, wie sie Selbstmordattentäter und andere Fanatiker haben. Es lohnt sich, sein Leben für etwas wegzuwerfen, weil am Ende eine Belohnung wartet. Ganz leicht lässt sich dieser eine Satz, der fett gedruckt ist, missbrauchen und missverstehen. als eine zynische Vertröstung, wenn man Schmerz nicht mit aushalten und mit teilen will. als eine zynische Geringschätzung des Lebens als Geschenk Gottes.

Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. Ich h-be diesen Satz aber auch ganz anders erlebt. Als einen Trost für einen Schwerkranken, dessen Körper von Krebs zerfressen war, dessen Leben von Schmerzen gezeichnet war und der darauf wartete, dass die Schmerzen endlich ein Ende finden. Als eine Hoffnung einer alt gewordenen Dame, die einfach nur das Gefühl hatte, dass sie ihr Leben hier in dieser Welt gelebt hatte und die sich in ihrem Leben sicher war, dass Gott auch jenseits des Lebens, das sie kannte, mit seiner Liebe für sie da sein wird.

Christus ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn. Ich kann von niemandem verlangen, dass er diesen Satz für gut, wichtig und hilfreich hält. Ich kann ihn anderen nicht als vermeintlichen Trost um die Ohren und Herzen hauen.

Samstag, 10. März 2012

Aller Anfang ist leicht - Okuli, 11.03.2012, Reihe IV

Text: 1. Petrus 1,13-21


Liebe Gemeinde!

Aller Anfang ist leicht! Na gut, vielleicht nicht aller An-fang. Aber ich glaube, es stimmt nicht, wenn man einfach so immer wieder sagt: „Aller Anfang ist schwer!“ Es gibt jede Menge Anfänge, die leicht sind. Da ist am Anfang ganz viel Schwung, ganz viel Lust, Neues zu sehen und zu entdecken. Für mich ist die Schule so ein Beispiel. Ganz, ganz viele Kinder freuen sich auf die Schule. Wenn ich in der Kita bei der Verabschiedung der Großen, in unserer Kita Berliner Str. sind das die „Wackelzähne“, dabei bin oder wenn ich den Gottesdienst für die Schulanfänger halte, dann ist bei den allermeisten Kindern ganz klar: Wir freuen uns auf die Schule und Lernen macht ganz viel Spaß. Im 8. Schuljahr sieht das ein bisschen anders aus. Lernen macht auch Mühe, nachdem es am Anfang oft ziemlich schnell vorwärts geht, stellen sich auch Misserfolge ein, Anderes wird auch wichtig. Der Anfang war leicht, aber das Durch-halten ist gar nicht so einfach. In einer Liebesbeziehung ist das manchmal so ähnlich. Wenn erstmal die erste Verliebtheit verflogen ist, wenn die Macken nach und nach rauskommen, wenn man sich auch öfter mal unausgeschlafen, gereizt und ungeschminkt begegnet ist, dann braucht man Stehvermögen, das manchmal auch Kraft kostet. Und ich denke, dass es im Glauben an Jesus so ähnlich ist. Und auch früher schon so ähnlich war. Der Anfang ist oft gar nicht so schwer. Da begegnet man Menschen, die einen faszinieren, die einem ganz toll von Jesus erzählen und die das auch ganz überzeugend vorleben. da hat man Power und Lust, es selbst mal zu probieren, man merkt, dass es ganz gut klappt. Aber dann kommt der Alltag. Nicht alles, was man sich vom Glauben erhofft hat, trifft sofort ein. Es gibt Rückschläge und man merkt mehr oder weniger schnell, dass auch guten Menschen Böses passiert.

Für so eine ähnliche Situation vor fast 2000 Jahren ist auch der Brief geschrieben, aus dem der Predigttext für heute ist. Es ist der erste Petrusbrief. Ziemlich schnell hat der Glauben an Jesus damals neue Anhänger gefunden. Kein Wunder. Er hat frei gemacht. Zum Beispiel frei davon, die Menschen in Kästchen je nach ihrem Besitz oder ihrer Stellung einzuteilen. Damals gab es viele Sklaven. Die waren in der christlichen Gemeinde genauso viel wert wie Kaufleute oder Landbesitzer. Die Sklaven waren zwar immer noch nicht unbedingt frei, aber sie konnten wissen: die Leute bilden sich was ein, wenn sie glauben, andere Menschen besitzen zu können. Man kann zwar Menschen durch Macht oder Gewalt zu etwas zwingen, aber für Gott sind die Sklaven mindestens so viel wert wie jeder reiche Mensch. Gott sieht nicht auf das, was ein Mensch äußerlich darstellt, sondern was in ihm steckt. Und auch manche reichen Menschen haben gespürt, dass der Glauben an Jesus sie wirklich frei machen will. „Ich muss nicht mehr mit meinem Nachbarn konkurrieren,

Samstag, 3. März 2012

Ich hab keine Lust mehr! - Reminiszere, 04.03.2012, Reihe IV

Text: Jesaja 5,1-7
Liebe Gemeinde!



Ich hab keine Lust mehr! In jedem Spätwinter werden mühsam Blumen vorgezogen. Die ersten Salatpflänzchen werden aufs Frühbeet vorbereitet und der Garten wird frühjahrsfit gemacht. Und noch ein bisschen mehr als unbedingt nötig. Gepflanzt wird, gegossen, Unkraut und Schädlinge werden bekämpft. Viel Liebe und Mühe wird reingesteckt. Und was kommt dabei raus? Nichts!!! Die blöden Blumen blühen nicht richtig, das Gemüse bleibt mickrig. Es lohnt sich nicht. Soll alles doch verwildern, mir egal. Ich hab keine Lust mehr! Wer ein bisschen Garten hatte oder Garten hat, kennt vielleicht genau diesen Frust. Er ist da, aber relativ harmlos, solange es um Pflanzen und Ernte geht.


Ich hab keine Lust mehr. Jeden Tag neu der Versuch, als Lehrer freundlich zu den Schülern zu sein. Geduld und Verständnis zu haben, wenn sie mal mies drauf sind. Ihnen zu helfen, wenn sie was nicht verstehen. Immer wieder und wieder. Telefonate mit Eltern, Besprechungen mit allen möglichen Leuten, Kontakte aufbauen, um Hilfen für die besonders Schwachen anbieten zu können. Und der Dank: Jeden Tag das gleiche Chaos in der Klasse, Respekt ist ein Fremdwort, Hausaufgaben werden nicht gemacht, Vorstellungsgespräche, die organisiert wurden, gar nicht besucht, jeder macht, was er will. Es reicht. Sollen die doch sehen, wo sie bleiben. Was interessiert mich ihr späterer Arbeitsplatz, was interessiert mich ihre Zukunft. Sollen die doch machen, was sie wollen, ich will meine Ruhe.


Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder decke ich meine Freundin, wenn sie keine Hausaufgaben hat, Schule schwänzt, Liebeskummer hat. Ich helfe ihr immer wieder. Und der Dank? So bald Leute auftauchen, die scheinbar cooler als ich sind, lässt sie mich links liegen, kennt mich nicht mehr, bis sie wieder heulend ankommt. Soll sie doch sehen, wo sie bleibt! Soll sie doch verrecken. Ich hab keine Lust mehr.


Ich hab keine Lust mehr. Immer wieder habe ich es hin-genommen, dass mein Mann es mit der Treue nicht so genau nimmt. Ja, er liebt mich, er braucht mich, er ver-lässt mich nicht. Sagt er immer wieder. Aber er tut mir weh. Jedes Mal. Und erst recht, wenn er trinkt und sich nicht unter Kontrolle hat. Wenn er mich lächerlich macht und sich lächerlich benimmt. Tausendmal hat er Besse-rung versprochen. Und nichts hat‘s genützt. Ich habe kei-ne Lust mehr!


Wenn’s um MEHR als Pflanzen geht, wenn’s um Men-schen geht, um Liebe, um Zeit und Kraft, die in Bezie-hungen investiert wird, um Enttäuschungen, um Schuld, dann ist dieser Frust alles andere als harmlos.


Ich glaube, dass ganz viele diese Gefühle kennen. Zum Teil als diejenigen, die frustriert und enttäuscht wurden. „Ja, hör auf, du hast genug getan, überlass das alles mal sich selbst, wenn der oder die oder das es nicht anders kann und will, dann ist eben Ende der Fahnenstange! Sollen die doch sehen, wo sie bleiben und kaputtgehen.“ Ein Urteil, dem sich viele, ich oft genug auch, anschließen können. Und wie ist das auf der anderen Seite? Wenn man nicht enttäuscht wurde, sondern enttäuscht hat?

Samstag, 25. Februar 2012

Wie geht's? - Gut! - Wirklich? - Invokavit, 25.02.12, Reihe IV

Liebe Gemeinde!
Du hast es gut, Paulus! Du hast es so richtig gut! Du lässt dich nicht unterkriegen. Egal, was dir an traurigen Dingen passiert: Du hältst den Kopf oben! Immer voller Freude, auch im Gefängnis, auch wenn dir andere mit dem Tod drohen. Arm, ohne Besitz, angefeindet – na und? Du kommst mit allem klar! Du Superheld, du! Nichts haut dich um!
Mir macht Paulus Angst. Wenn er wenigstens sagen würde: „Mir geht’s gut. Ich hab einen tollen Job, ich muss mir finanziell keine Sorgen machen, ich habe viele Freunde, mir will niemand was Böses, ich bin gesund – ich hab keinen Grund, dass es mir schlecht geht. Und dazu glaube ich so fest an Gott, dass ich weiß, er ist für mich da! Meinen glauben hat nichts erschüttert!“ Wenn er wenigstens so was sagen würde, dann könnte ich sagen: „Ja, Mann, das kann ich verstehen! Du hast echt das große Los gezogen. Super, dass es dir gut geht!“ Aber so macht er mir Angst. Paulus macht mir Angst, weil ich mich frage: „Was würde ich eigentlich sagen, wenn es mir so wie ihm gehen würde? Wenn hinter meinem Rücken geredet und gelästert wird, wenn ich wegen meines Glaubens ins Gefängnis müsste, wenn ich Folter, Schläge, Drohungen aushalten müsste, wenn die, in die ich großes Vertrauen hatte, beginnen, sich von mir abzuwenden?“
 Das alles ist Paulus passiert. Ihm geht’s gut. Ich glaube nicht, dass es mir gut gehen würde, wenn ich das alles hätte erleben müssen. Vielleicht würde ich, wenn ich das eine oder andere davon erlebt hätte, schon sagen: „Ganz gut!“ wenn mich jemand fragt, wie’s mir so geht. „Ganz gut“, „Normal“, „Passt schon“ – die üblichen Antworten halt auf die Frage, wie’s einem so geht.
Viele sagen, dass diese Antworten gegeben werden, weil’s den anderen ja sowieso nicht interessiert und man nur aus Höflichkeit und weil es üblich ist, so fragt beziehungsweise gefragt wird. Aber ich glaube, dass die Antworten hin und wieder auch Selbstschutz sind. Ich glaube, manchmal ist es die Angst, nicht aufhören zu können, wenn man von seinen Niederlagen und seinen Sorgen erzählt, die einen dazu bringt, oberflächlich zu antworten. Oder die Angst davor, schwach zu wirken. Klar, wenn man wie Paulus sagen kann: „Das macht mir alles nichts aus“, dann kann man das schon offen sagen. Aber was ist, wenn’s einem doch was ausmacht?
Mir machen Leute Angst, denen nichts etwas ausmacht. Mir machen sie Angst, weil ich mich dann noch kleiner, dümmer, schwächer fühle und denke, ich darf noch weniger zeigen, dass nicht alles einfach so an mir vorbeigeht und dass es mir immer wieder auch mal schwer fällt, das Gute zu sehen.
Mir machen aber auch Leute Mut, die mich von dem Wahn befreien, dass ich perfekt sein müsste oder mein Leben perfekt sein müsste, damit es gut ist. Mit machen Leute Mut, die mich auch mal freundlich in den Hintern treten, damit ich ihn hochkriege und nicht im Selbstmitleid hocken bleibe. Mir machen Leute Mut, die mir helfen, die Augen aufzukriegen und zu sehen, dass nicht alles super und perfekt sein muss, damit ich leben kann.
Und da finde ich gerade den Anfang von dem, was ich eben vorgelesen habe, ganz hilfreich. „Als Gottes Mitarbeiter wenden wir uns auch an euch; wir bitten euch: Lasst die Gnade, die Gott euch schenkt, in eurem Leben nicht ohne Auswirkungen bleiben“, schreibt Paulus da. Klar, das kann man als einen Anspruch verstehen, der da wieder mal gestellt wird. Schon wieder muss man was tun. Schon wieder soll man funktionieren.

Heute ist der erste Tag deiner Zukunft - Sonntagsgedanken für die Oberhessische Presse, 25.02.12

Zukunft ist was Wunderbares. Wenn man mit 16, 19 oder 20 Jahren die Schule abgeschlossen hat, einen Studienplatz oder Ausbildungsvertrag in der Tasche hat und einem die ganze Welt offenzustehen scheint. Zukunft ist was Wunderbares. Wenn man gerade glücklich geheiratet hat und sich Träume vom gemeinsamen Leben machen kann. Zukunft ist was Wunderbares. Wenn man gerade Vater oder Mutter eines gesunden Kindes geworden ist, das man sich auch gewünscht hat und finanziell einigermaßen abgesichert ist. Zukunft ist was Wunderbares, wenn… - und wenn nicht? Heute ist der erste Tag deiner Zukunft – wenig verlockende Aussicht, wenn es der erste Tag ohne Job ist. Oder wenn ich eine niederschmetternde medizinische Diagnose bekommen habe. Oder gerade verlassen worden bin. Oder die Abiprüfung, Examen oder anderes sich wie eine unüberwindliche Hürde vor mir auftürmt. Oder wenn Krankheit und Alter das Verlassen der geliebten und gewohnten Umgebung unausweichlich gemacht haben.
Es ist ein Märchen, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt, „der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, wie Hermann Hesse es in seinem Gedicht „Stufen“ beschreibt. Es gibt Anfänge, die in eine Zukunft weisen, die nicht gerade zauberhaft zu werden verspricht. Ich selber finde es manchmal unerträglich, wenn dauergrinsende Zombies, die sich manchmal auch Motivationstrainer nennen, mir einhämmern wollen: „Denke positiv!“ Nur mit positiven Gedanken allein lässt sich die eigene Zukunft nicht zum Guten lenken. Ich finde es anmaßend, Menschen weis machen zu wollen: „Alles wird gut!“ Es wird nicht alles gut. Aber manchmal finde ich es sehr hilfreich, sich nicht in einer tatsächlichen oder auch nur gefühlten Leidensspirale nach unten ziehen zu lassen.
Da gibt es einen Menschen, dem droht sein Lebenswerk völlig zu entgleiten. Er hat Beziehungen geknüpft, Netzwerke aufgebaut – und plötzlich lassen die, die ihn eben noch gut fanden, ihn fallen. Ideen, die gestern noch gut waren, scheinen heute nichts mehr zu gelten. Andere haben sich in den Vordergrund gespielt. Der Mensch ist unten angekommen. Gefängnis, üble Nachrede, böse Gerüchte – das kennt er nicht nur aus fremden Erzählungen, das war oder ist Teil seines Lebens. Nein, nicht des Lebens von Anton Schlecker oder Christian Wulff. Teil des Lebens von Paulus. Seines Zeichens Christ, Missionar, Apostel, Gemeindegründer. Vor fast 2000 Jahren. Viele halten ihn für gescheitert. Mit seiner wichtigsten Gründung, der Gemeinde in Korinth, lebt er in heftigem Streit. Und genau in dieser Situation schreibt er: „Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2. Korinther 6,2). Die Gegenwart ist nicht deshalb gut und heilsam, weil sie so schön ist, sondern weil es eine Zeit ist, in der Gott sich nicht aus der Welt verabschiedet. Gott selber hat sich schwach gezeigt. Jesus am Kreuz – für viele Menschen, nicht nur zu Zeiten des Paulus, eine lächerliche Niederlage. Was Paulus, und mit ihm und nach ihm und vor ihm viele, die Gott vertrauen, stark gemacht hat, ist nicht das Leugnen oder Ausblenden von Leid und Schwäche. Es ist die Hoffnung und das Vertrauen, dass das Leid nicht das letzte Wort behält und dass aus der Schwachheit neues Leben entsteht.  Die Zukunft wird nicht leicht und rosig und manches wird auch in Zukunft danebengehen. Aber auch da wird Gott sich nicht verabschieden, sondern Kraft zum Leben geben.
Heute ist der erste Tag deiner Zukunft! So richtig wie banal. Mir bleibt nichts anderes, als diesen Tag zu leben. Und jeden anderen Tag meiner Zukunft auch. Mir bleibt die Hoffnung, dass dieser erste Tag, wie alle anderen Tage auch, nicht gottverlassen ist, auch wenn manche Tage so wirken. Und mir bleibt Vertrauen. Vertrauen in Gnade und Heil, die nicht künstlich beschönigen, aber aktiv helfen, das Leben anzunehmen. Ich habe kein anderes. Heute ist der erste Tag meiner Zukunft. So ist es.

Samstag, 11. Februar 2012

Ich will mich (nicht) ändern (und die Welt bleibt sowieso, wie sie ist) - Sexagesimae, 12.02.2012, Marginaltext

Text: Matthäus 13,33
Liebe Gemeinde!


In Reli ist es viel zu laut, Herr Kling-Böhm, da kann ich mich gar nicht konzentrieren und mitmachen! Stimmt, wenn du mal aufhören würdest, mit deinen Nachbarinnen zu schwätzen, wäre es ruhiger und du würdest besser werden. Aber der Luca und der Leon und der Nico stören doch viel mehr. Und da ist es dann so laut, da reden wir halt auch, wir kommen ja sowieso nicht weiter im Unterricht! Wir kommen nicht weiter, weil jeder glaubt, der andere sollte zuerst aufhören mit dem Schwätzen! Ist doch so, sonst hat es ja keinen Sinn! Wenn du denkst, dass es besser ist, wenn alle einigermaßen ruhig sind, dann fang du doch an. Die anderen werden schon nach und nach mitmachen. Nö, das ist mir zu anstrengend. Wenn alle ruhig sind, mach ich mit! Sie müssen uns halt bestrafen und strenger sein, mit Nachsitzen oder so. Oder es so machen wie der Herr XXXX. Da müssen wir nur 20 Minuten arbeiten und dann können wir machen, was wir wollen.

Ein nicht gerade untypisches Gespräch mit Menschen aus meiner 8. Klasse, die ich übrigens wirklich gern unterrichte, nicht nur, weil sie mir immer wieder Stoff für Predigten liefert. Ganz ehrlich und offen wird hier ausgesprochen, was bei uns Erwachsenen genauso oft üblich ist. Die Haltung zum Beispiel: „Wenn alle das Richtige tun, dann mach ich auch mit. Aber ich bin doch nicht so blöd und fange an! Da sollen die anderen mal anfangen, damit nicht jemand mein richtiges Handeln ausnutzt. Schließlich ist der Ehrliche ja oft genug der Dumme!“ ein Beispiel ist für mich das ganze Hin und Her und die Diskussion über unseren Bundespräsidenten, die mich mittlerweile nicht nur anödet, sondern richtig anwidert.

Klar, vieles ist da sehr falsch gelaufen von ihm. Wie einfach wäre es gewesen, ganz früh zu sagen: „Also hört mal, ich weiß, dass ich einiges gemacht habe, das zwar nicht ungesetzlich war, dass aber trotzdem falsch ist, weil es Menschen dazu bringt, zu denken, dass Politik käuflich ist. Ich will es besser machen, gebt mir die Chance und messt mich daran, ob ich aus den Fehlern wirklich gelernt habe!“ Ehrlichkeit, Vergebung, die Chance, neu anfangen zu dürfen – davon rede ich gern in Predigten. Und wenn Gott uns Menschen nicht auf unsere Fehler festlegt, dann dürfen wir das in unserem Umgang miteinander ruhig mal probieren.

Aber stattdessen wird auf der einen Seite gar nicht aufge-räumt und auf der anderen Seite – und das widert mich so richtig an - so getan, als ob die Journalisten der Bild-Zeitung und des Spiegel, und der sogenannte kleine Mann oder die sogenannte einfache Frau so viel besser wären. „Die da oben, die gucken doch nur auf ihren Vorteil, denen kann man doch nicht trauen!“ Das höre ich immer wieder. Ich frage mich, wie viele von denen, die so reden, tatsächlich bereit sind,