Hier das Krippenspiel:
Erzähler: Der Kaiser Augustus wollte wissen, wie viele Menschen in seinem Reich leben. Deshalb schickte er seine Soldaten und Beamten in alle Städte seines Landes. Sie verkündeten:
„Jeder von euch soll in die Stadt gehen, in der er geboren wurde, jeder Mann und jede Frau. Dort müsst ihr euch in Listen eintragen lassen, damit alle Leute gezählt werden können.“
Die Leute hörten zu, was die Soldaten verkündeten, und machten sich auf die Reise, denn dem Kaiser musste man gehorchen. Sie packten ein paar Sachen zusammen und zogen los: die Reichen mit einem Pferd oder einem Wagen, manche hatten vielleicht einen Esel oder einen Ochsenkarren, aber die meisten gingen sicher einfach zu Fuß. Du kannst dir sicher vorstellen, was das für ein Gedrängel auf den Straßen war.
Wenn die Leute an ihrem Zielort angekommen waren, waren sie natürlich müde und hungrig. Sie mussten an den Volkszählungs¬büros furchtbar lang anstehen und sogar am nächsten Tag noch einmal wiederkommen. Die Reise war ja so lang gewesen, dass sie nicht am gleichen Tag wieder zurücklaufen konnten. Ganz viele wollten in einem Gasthaus zu Abend essen und übernach¬ten. Für die Wirte war das ein gutes Geschäft. So einen Andrang hatten sie schon lange nicht mehr. Aber es war halt auch furcht¬bar viel Arbeit. Und so hatten die Wirte schon Grund zum Stöh¬nen, wie auch der Wirt, von dem ich heute erzählen will.
Wirt: schaut vor die Tür
So ich glaub, das war’s. Heute kommt keiner mehr. Es ist ja auch schon dunkel. Da ist bestimmt niemand mehr unterwegs.
Außerdem ist mein Gasthaus voll bis aufs letzte Bett. Sogar mein eigenes Bett hab ich vermietet. Ich schlafe heute hier auf dem Gästebett neben der Tür.
War das ein Stress heute. Und jetzt bin ich furchtbar müde. Bin ich froh, dass ich jetzt endlich auch ins Bett gehen kann.
Erzähler: Nichts schätzte der Wirt so sehr, wie einen ruhigen, ungestörten Schlaf.
Schlafmusik instrumental: Seht die gute Zeit ist da
Josef u. Maria kommen von hinten durch die Mitte
Josef: Maria, schau, da vorn ist ein Gasthaus. Jetzt ist es nicht mehr weit.
Maria: Hoffentlich haben sie noch ein Zimmer für uns frei. Ich bin so müde. Klopfen an die Tür
Wirt: Wacht auf, stöhnt, kommt an die Tür und macht auf
Was wollt ihr denn noch so spät?
Josef: Wir suchen ein Zimmer für die Nacht.
Wirt: Gähnt Kein Zimmer frei!
Maria: Aber wir sind müde! Wir sind schon Tag und Nacht unterwegs!
Wirt: Es gibt nur noch den Stall hinterm Haus. Hier habt ihr zwei Decken. Füllt die Anmeldung aus.
Josef: Schreibt Vielen Dank und gute Nacht. Gehen hinter die Bühne
Wirt: Liest Maria und Josef aus Nazareth.
Erzähler: Der Wirt schloss die Tür, legte sich ins Bett und schlief weiter.
Schlafmusik instrumental: Seht die gute Zeit ist da
Josef: Kommt von hinten und klopft
Entschuldigung, dass ich noch einmal störe, aber könnten Sie uns noch eine dritte Decke leihen? Eine kleinere?
Wirt: Da. Eine kleinere Decke.
Josef: Dankeschön! geht zurück hinter die Bühne.
Erzähler: Der Wirt schloss die Tür, legte sich ins Bett und schlief weiter.
Schlafmusik instrumental: Seht die gute Zeit ist da
Sternengel mit Stern kommt von hinten und klopft an die Tür
Wirt: Macht auf und ist geblendet
Sternengel: Entschuldigung, ich suche einen Stall, der muss hier ganz in der Nähe sein, Josef und Maria ...
Wirt: Das hat mir grade noch gefehlt! Der Stall ist hinterm Haus.
Sternengel: Vielen Dank! Geht hinter die Bühne
Erzähler: Er schloss die Tür, legte sich ins Bett, zog sich die Decke über den Kopf, weil er bei der Helligkeit sonst nicht einschlafen konnte und schlief weiter.
Schlafmusik instrumental: Seht die gute Zeit ist da
Lied Gemeinde: Kommet, ihr Hirten (EG 48,1-3)
Hirte 1: Hast du auch den Engel gesehen?
Hirte 2: Nein, welchen Engel?
Hirte 3: Ein Engel war bei uns auf dem Feld. Alles war ganz hell. Auf einmal ist der da gestanden und hat gesagt: “Fürchtet euch nicht.“
Hirte 1: Ich hab mich aber trotzdem gefürchtet.
Hirte 3: Er hat gesagt: Heut ist Gottes Sohn geboren. Ihr findet ihn in Windeln gewickelt in einer Krippe in einem Stall.
Hirte 2: In welchem Stall? Hier sind so viele.
Hirte 3: Er hat gesagt, ein Stern steht drüber.
Hirten schauen sich um.
Hirte 1: Ich seh keinen.
Hirte 3: Ich auch nicht.
Hirte 2: Da vorn ist ein Gasthaus. Wir fragen einfach.
Hirten klopfen
Wirt: Was ist denn jetzt schon wieder?
Hirte 1: Wir sind drei Hirten.
Wirt: Na und? Was ist los? Die Schafe verloren?
Hirte 2: Wir suchen einen Stall.
Hirte 3: Da drüber müsste ein Stern stehen.
Wirt: Brüllt Hinterm Haus!
Hirten: Danke! gehen hinter die Bühne
Erzähler: Er schloss die Tür, legte sich ins Bett und schlief weiter.
Schlafmusik instrumental: Seht die gute Zeit ist da
Lied Gemeinde: Wisst ihr noch wie es geschehen EG 52, 1+4
bei der 2. Stophe (= Strophe 4) kommen die 3 Könige von hinten durch die Mitte
Kaspar: Ich kann den Stern nicht mehr sehen.
Melchior: Er sollte uns doch den Weg zu dem neugeborenen König weisen.
Balthasar: Es muss aber hier irgendwo sein. Ich habs genau ausgerechnet.
Kaspar: Und wo ist er dann bitteschön?
Melchior: Hier ist ein Gasthaus. Wir fragen nach dem Weg. klopft
Wirt macht auf und ist sauer
Melchior: Edler Mann, entschuldigt die Störung, aber wir suchen einen Stern. Haben Sie vielleicht...
Wirt: schreit Im Stall hinterm Haus!!!
Melchior : Entschuldigung. Gehen hinter die Bühne
Erzähler: Der Wirt knallte die Türe zu, legte sich ins Bett und schlief weiter.
Schlafmusik instrumental und Gesang Kinder: Seht die gute Zeit ist da
Lied Gemeinde: Vom Himmel hoch, da komm ich her EG 24, 1 3+5
Engel kommen während des Liedes von hinten durch die Mitte und verschwinden hinter dem Vorhang
Engel: Flöten vor der Türe
Wirt: Hält sich die Ohren zu
Engel: Gehen hinter die Bühne
Wirt geht vor die Tür und schimpft
Aus! Schluss! Jetzt reicht’s! Was ist heut Nacht bloß los? Da kann ja kein Mensch schlafen! Jetzt schau ich nach, was da los ist und beschwer mich!
Geht los
Erzähler: Er stampfte ums Haus stürmte zum Stall und wollte gerade losbrüllen, als ...
Vorhang auf
alle: „Psst!“,
einer: Du weckst das Baby!
Wirt: „Baby?“ ungläubig
einer: Ja, heute Nacht ist ein Baby geboren.
Wirt: Ach ja? brummig und beugt sich ärgerlich über die Krippe.
Erzähler: Und in diesem Moment schien sein ganzer Ärger unbegreiflicherweise einfach so davonzufliegen!
Wirt: Oh!, erstaunt Ist es nicht wunderschön?
Erzähler: Und er weckte alle Gäste in seinem Gasthaus auf, denn auch sie sollten in den Stall kommen und dieses ganz besondere Baby anschauen.
Wirt geht herum und holt die Kinder nach vorne
Lied Gemeinde: Seht die gute Zeit ist da, EG 18,1+2; im Kanon mit Instrumenten
Und hier die Ansprache:
Liebe Gemeinde!
Schlag die Tür nicht so laut zu! Der poltrige Wirt wird auf einmal ganz ruhig, als er das Baby in seinem Stall sieht. Eben war er noch genervt vom ganzen Trubel um ihn herum, da wollte er nur seine Ruhe haben. Und jetzt, da wird er ganz ruhig. Schlag die Tür nicht so laut zu! Klingt erst einmal ja ganz selbstverständlich, wenn es um neugeborene Kinder geht. Kennt jeder, der mit kleineren Geschwistern groß geworden ist oder in dessen Haus ein Baby war oder ist. Schlag die Tür nicht so laut zu – dieses eigentlich so selbstverständliche ist der erste Schritt zum Frieden. Das hat Franz von Sales, der vor ungefähr 400 Jahren in Frankreich gelebt hat, einmal jemandem gesagt, der wissen wollte, was er für den Frieden tun könne. Für mich ist das, wie wir gerade auch gesehen haben, ein Teil der Botschaft von Weihnachten. Schlag die Tür nicht so laut zu – Frieden fängt nicht erst da an, wo keine Waffen mehr benutzt werden, sondern da, wo ein Mensch auf den anderen Rücksicht nimmt. Frieden fängt da an, wo ich mich darauf einlassen kann, dass jemand meine Hilfe, meine Rücksicht, meine Umsicht braucht. Frieden fängt da an, wo ich den anderen nicht durch Lärm und Poltern und Geschrei beeindrucken will, sondern wo ich auf ihn zugehen kann, wo ruhig und klar geredet, geliebt und viel-leicht auch mal gestritten werden kann. „Frieden auf Erden“, das ist die Botschaft, die die Engel den Hirten mitgeben, bevor diese in den Stall gehen und im Kind in der Krippe, in einem ganz normalen Baby Gott entdecken. Frieden, das ist das, was dieses Kind, was Gott, der sich in diesem Kind zeigt, den Menschen geben möchte. Aber er tut das nicht dadurch, dass er sich groß aufspielt, mit viel Macht und Panzern und Waffen und Strafen droht, sondern indem er sich ganz klein und ganz hilfsbedürftig macht. Frieden fängt eben nicht ganz oben an, sondern ganz unten. Bei jedem von uns. Groß und Klein. Türen kann jeder leise zu machen. Das Kind nicht stören, das Poltern lassen, sich anstecken lassen davon, dass Gott als hilfsbedürftiger Helfer in diese Welt kommt. Es ist gar kein so neuer Blick auf die Welt, den Gott uns an Weihnachten schenken und öffnen will. Es ist die Erinnerung an die eigene Menschlichkeit. Gott wird Mit-Mensch, damit wir mitmenschlich sein und bleiben können, damit wir unsere Menschlichkeit neu entdecken. Gott bringt uns Frieden und stiftet uns zum Frieden an. Im Großen wie im Kleinen. Beginnen wir doch im Kleinen. Die Großen und die Kleinen. Indem wir Türen nicht zuschlagen, sondern öffnen, indem wir wahrnehmen, was der andere braucht und was wir brauchen, damit wir friedlich miteinander leben können. Indem wir nicht darauf warten, dass der andere anfängt, sondern indem wir anfangen, den Frieden, den Gott uns in dem Kind in der Krippe schenkt, einfach zu leben.
Predigten und Gedanken aus der Thomaskirche auf dem Richtsberg in Marburg
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Donnerstag, 23. Dezember 2010
Sonntag, 12. Dezember 2010
Wegbereiter - 3. Advent, 12.12.10, Reihe III
Text: Lukas 3,1-14
Die Predigt wurde von Juliane Schneider, Mitarbeiterin im Konfirmandenunterricht, mit vorbereitet und mit gehalten
Liebe Gemeinde!
Juliane: Nach dieser langen Aufzählung, in welche Zeit dieses Geschehen einzuordnen ist, kommt das Wichtigste: Das Wort geschah zu Johannes. Gott hat zu Johannes gesprochen und ihm einen Auftrag gegeben. Dieser Satz ist entscheidend. Johannes hat nicht aus sich heraus die Idee, durch die Gegend zu ziehen und zur Buße aufzurufen. Er ist auch kein Spinner, der sich irgendetwas Verrücktes ausgedacht hat. Nein, Gott hat Johannes einen Auftrag gegeben. Sein Auftrag war es, ein Wegbereiter von Jesus zu sein und zur Buße, das heißt zum Bekennen der Sünden aufzurufen. Johannes ist bereit, sein bisheriges Leben für diesen Auftrag zu ändern. Bisher hat er abgeschieden in der Wüste gelebt, war vielleicht bei einigen Leuten als Eigenbrötler bekannt, aber hatte wahrscheinlich nicht viel mit Menschen zu tun. Dann spricht Gott zu ihm und gibt ihm eine Aufgabe. Auf einmal hat er einen Sinn. Und er ändert seine Lebensweise vom abgeschiedenen Eigenbrötler zu einem, der den Menschen etwas zu sagen hat. So heftig ist das, wenn Gott in ein Leben spricht!!
Johannes hat diesen Auftrag bekommen, bevor die Menschen Jesus kannten. Johannes war der Wegbereiter für Jesus. Er sollte die Menschen darauf vorbereiten, dass Jesus bald kommen würde und ihren Glauben und ihre Leben auf den Kopf stellen würde.
Heute ist der 3. Advent. Wir befinden uns genau in einer solchen Vorbereitungszeit für Jesus. An Weihnachten erinnern wir uns daran, dass Jesus als Gottes Sohn den Himmel verlassen hat und als schwaches Baby auf die Erde gekommen ist. Wir befinden uns aber auch noch in einer anderen Zeit. Jesus hat versprochen, dass er wieder auf die Erde kommen wird. Dann jedoch nicht als schwaches Baby, sondern als mächtiger Herrscher, als König.
Wir befinden uns also in einer Zeit, die darauf wartet, dass Jesus wieder kommt. Wir sind gerade in einer sehr ähnlichen Situation wie Johannes damals. Damals warteten die Menschen auf den Erlöser, heute warten wir als Christen auch auf den Erlöser. Also darauf, dass er ein zweites Mal kommt und uns mit in sein herrliches Reich nimmt.
Der Auftrag, den Gott Johannes damals gegeben hat, war: Sei ein Wegbereiter von Jesus. Sage allen, dass sie sich für Jesus baldige Ankunft bereit machen sollen! Dieser Auftrag gilt auch für uns. So wie Johannes sein bisheriges Leben hinter sich gelassen hat und bereit dazu war, den Sinn seines Lebens völlig neu festzulegen und auf Gott auszurichten, so sollen auch wir, wenn wir Nachfolger von Jesus werden, bereit sein, dem Auftrag Gottes zu folgen und unser altes Leben komplett hinter uns lassen. Wir sollen von nun an für Gott leben.
Wie geht das? Wie können wir Wegbereiter für Jesus sein und im Auftrag des Herrn unterwegs sein?? Unser Auftrag in dieser Zeit ist es, so zu leben und vorzuleben, als ob Gottes Himmelreich schon hier auf der Erde wäre. In der Bibel gibt es viele Vergleiche, wie es dort aussehen wird, wohin Jesus uns Christen mitnimmt, wenn er das zweite Mal kommt. Kranke sind dort nicht mehr krank, es gibt keine Enttäuschungen, keine Einsamkeit, niemand wird angelogen oder betrogen. Es gibt keine Außenseiter oder Mobber. Es gibt dort keine Armen und Reichen. Und vor allem werden wir alle in ganz enger Gemeinschaft mit Gott leben. Genial, oder?
Wenn wir jetzt also den Auftrag von Gott haben, so zu leben, als wäre dieses Himmelreich schon jetzt da, dann haben wir den Auftrag, für Kranke zu beten, damit sie wieder gesund werden, niemanden zu enttäuschen, zu belügen oder zu betrügen, sich mit Außenseitern und Einsamen anzufreunden, niemanden zu mobben, als Reicher den Armen etwas abzugeben und schon jetzt in ganz enger Gemeinschaft mit Gott zu leben. Der Auftrag kann jedoch auch heißen, anderen Menschen von Jesus zu erzählen, damit auch sie später in diesem herrlichen Reich wohnen können. Es kann heißen, einen Hauskreis zu gründen, wo es um Jesus geht oder auch als Missionar nach Afrika oder China zu reisen, um den Menschen dort von Jesus zu erzählen. Gott hat also große Dinge mit uns vor. Die Frage ist nur, ob wir bereit dazu sind.
Uli: Ja, Gott hat Großes mit uns vor. Und die Frage ist auch für mich: sind wir wirklich bereit dazu? Mindestens zwei Dinge sind dabei wichtig. Zum einen ist es wichtig, den Blick für den ersten und den zweiten Schritt zu behalten, und nicht vor lauter Großem, was einen ja vielleicht auch überfordern kann, das Kleine, das groß wird, aus dem Blick zu verlieren. Jesus selbst vergleicht den Glauben mit einem ganz kleinen Senfkorn, aus dem eine große Pflanze wächst. Gott selbst zeigt sich als einfacher, hilfsbedürftiger Mensch, in einem Baby, aus dem ein großer Neuanfang seiner Liebe zu uns entsteht. Nicht jeder ist geeignet, als Missionar in die Fremde zu gehen. Und Mission, das hört sich für viele verstaubt und vorgestrig an. Mission, hinweisen auf die Kraft der Liebe Gottes, das heißt zu-erst mal das, was Johannes hier deutlich macht: „Lebt so, dass niemand unter euch leidet“. Das ist es, was er den Soldaten und den Zöllnern als Ratschlag gibt. Was sich so einfach anhört, ist im Alltag schwer genug. Menschen tun einander weh. Körperlich, materiell, seelisch. Im Kleinen und im Weltmaßstab. Der Wohlstand in Europa, in der entwickelten Welt hängt immer noch daran, dass viel zu viele Menschen keinen gerechten Lohn für ihre Arbeit bekommen. Man könnte noch mehr Beispiele finden. Der erste Schritt, missionarisch, auf die Liebe Gottes hinweisend zu leben, ist es, den anderen, der mir anvertraut ist, der mir begegnet, in den Blick zu nehmen. Für mich hier auf dem Richtsberg wird das in vielen Beispielen ganz praktisch. Da gibt es Menschen, die sorgen dafür, dass sich in den Häusern, in denen sie wohnen, was tut, dass es da nicht wie der letzte Dreck aussieht. Da gibt es Menschen, die haben schon vor langer Zeit angefangen, sich um Kinder zu kümmern, die in ihren Familien manchmal nicht richtig wahrgenommen werden. Es sind die kleinen Schritte, die kleinen Anfänge, aus denen Großes wächst. „Lebt so, dass niemand unter euch leidet.“ – Ein Anfang.
Neben diesem Blick für den kleinen Anfang gehört als Zweites für mich Bereitschaft dazu, sich selbst, den Glauben, die eigenen Selbstverständlichkeiten hinterfragen zu lassen. Johannes sagt den Leuten, die zu ihm kommen: Nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Vielleicht auf den ersten Blick merkwürdig. Aber eigentlich kann man das ganz leicht übersetzen: Lebt eure Berufung! Verlasst euch nicht auf das, was ihr schon seid, sondern lebt es auch! Gott hat ja seinen Bund der Liebe mit dem Volk Israel, mit den Juden, geschlossen. Mit Abrahams Kindern. Gott hat, sichtbar in der Taufe, auch einen Bund mit uns geschlossen. Er verspricht, da zu sein. Er verspricht Liebe und Vergebung. Die Antwort, die anscheinend viele Menschen zur Zeit von Johannes gegeben haben, war: „Toll, Gott, dass du für uns da bist. Wir machen dann mal, was wir wollen, du musst uns ja liebhaben, wir sind doch Abrahams Kinder.“ Und viel-leicht ist das auch eine Antwort, die ich als Getaufter zu oft gebe: „Danke Gott, dass du für mich da bist. Aber ich bin dann mal weg und mach, was ich will!“ Lebe deine Taufe. Lebe die Liebe, mit der du geliebt wirst. Lass dich fragen, ob das, was du tust und lässt, dieser Liebe entspricht. Sei kritisch mit dir selbst. Und bleib nicht bei dir stehen. Nimm die Welt in deinen Glauben mit hinein. Gerade die erste Antwort, die Johannes der Menge gibt, als sie fragt, was sie tun sollen, zeigt das: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es geht nicht nur um das persönliche Seelenheil, es geht um Gerechtigkeit in der Welt. Glauben schaut nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Für mich ist das die Botschaft, die Johannes uns auch heute noch mitgibt.
Und da merke ich, dass es gut ist, dass Johannes nicht Gottes letztes Wort ist. Johannes bereitet das vor, was durch Jesus zu Ende gebracht wird. Johannes macht auf das aufmerksam, was nicht in Ordnung ist. Er hält den Menschen schonungslos den Spiegel vor. Jesus hilft uns, diesen schonungslosen Blick auf uns, auf unser Versagen auch auszuhalten. Johannes zeigt uns unsere Wunden, unsere Verletzungen und die, die wir anderen zufügen. Und Jesus verbindet und heilt sie. Die Botschaft, die er uns von Gott zeigt, ist die: Ich liebe dich trotz deiner Schuld, trotz allem, was nicht in Ordnung ist. Du darfst neu anfangen. Mach was draus. Wir brauchen beides: Den, der die Wunden aufzeigt und den, der sie verbindet und heilt. Sind wir also bereit, für das Große, das Gott vorhat und das so klein beginnt? Ich wünsche uns, dass wir in diesem Advent Großes erleben. Dass wir erleben, wie aus Not Segen werden kann, wie Kleines groß wird, wie ein ehrlicher Blick auf Schwächen und Schuld neue Liebe wachsen lässt. Gott hat Großes mit uns vor. Durch Liebe, in Liebe. Gott sei Dank.
Amen.
Die Predigt wurde von Juliane Schneider, Mitarbeiterin im Konfirmandenunterricht, mit vorbereitet und mit gehalten
Liebe Gemeinde!
Juliane: Nach dieser langen Aufzählung, in welche Zeit dieses Geschehen einzuordnen ist, kommt das Wichtigste: Das Wort geschah zu Johannes. Gott hat zu Johannes gesprochen und ihm einen Auftrag gegeben. Dieser Satz ist entscheidend. Johannes hat nicht aus sich heraus die Idee, durch die Gegend zu ziehen und zur Buße aufzurufen. Er ist auch kein Spinner, der sich irgendetwas Verrücktes ausgedacht hat. Nein, Gott hat Johannes einen Auftrag gegeben. Sein Auftrag war es, ein Wegbereiter von Jesus zu sein und zur Buße, das heißt zum Bekennen der Sünden aufzurufen. Johannes ist bereit, sein bisheriges Leben für diesen Auftrag zu ändern. Bisher hat er abgeschieden in der Wüste gelebt, war vielleicht bei einigen Leuten als Eigenbrötler bekannt, aber hatte wahrscheinlich nicht viel mit Menschen zu tun. Dann spricht Gott zu ihm und gibt ihm eine Aufgabe. Auf einmal hat er einen Sinn. Und er ändert seine Lebensweise vom abgeschiedenen Eigenbrötler zu einem, der den Menschen etwas zu sagen hat. So heftig ist das, wenn Gott in ein Leben spricht!!
Johannes hat diesen Auftrag bekommen, bevor die Menschen Jesus kannten. Johannes war der Wegbereiter für Jesus. Er sollte die Menschen darauf vorbereiten, dass Jesus bald kommen würde und ihren Glauben und ihre Leben auf den Kopf stellen würde.
Heute ist der 3. Advent. Wir befinden uns genau in einer solchen Vorbereitungszeit für Jesus. An Weihnachten erinnern wir uns daran, dass Jesus als Gottes Sohn den Himmel verlassen hat und als schwaches Baby auf die Erde gekommen ist. Wir befinden uns aber auch noch in einer anderen Zeit. Jesus hat versprochen, dass er wieder auf die Erde kommen wird. Dann jedoch nicht als schwaches Baby, sondern als mächtiger Herrscher, als König.
Wir befinden uns also in einer Zeit, die darauf wartet, dass Jesus wieder kommt. Wir sind gerade in einer sehr ähnlichen Situation wie Johannes damals. Damals warteten die Menschen auf den Erlöser, heute warten wir als Christen auch auf den Erlöser. Also darauf, dass er ein zweites Mal kommt und uns mit in sein herrliches Reich nimmt.
Der Auftrag, den Gott Johannes damals gegeben hat, war: Sei ein Wegbereiter von Jesus. Sage allen, dass sie sich für Jesus baldige Ankunft bereit machen sollen! Dieser Auftrag gilt auch für uns. So wie Johannes sein bisheriges Leben hinter sich gelassen hat und bereit dazu war, den Sinn seines Lebens völlig neu festzulegen und auf Gott auszurichten, so sollen auch wir, wenn wir Nachfolger von Jesus werden, bereit sein, dem Auftrag Gottes zu folgen und unser altes Leben komplett hinter uns lassen. Wir sollen von nun an für Gott leben.
Wie geht das? Wie können wir Wegbereiter für Jesus sein und im Auftrag des Herrn unterwegs sein?? Unser Auftrag in dieser Zeit ist es, so zu leben und vorzuleben, als ob Gottes Himmelreich schon hier auf der Erde wäre. In der Bibel gibt es viele Vergleiche, wie es dort aussehen wird, wohin Jesus uns Christen mitnimmt, wenn er das zweite Mal kommt. Kranke sind dort nicht mehr krank, es gibt keine Enttäuschungen, keine Einsamkeit, niemand wird angelogen oder betrogen. Es gibt keine Außenseiter oder Mobber. Es gibt dort keine Armen und Reichen. Und vor allem werden wir alle in ganz enger Gemeinschaft mit Gott leben. Genial, oder?
Wenn wir jetzt also den Auftrag von Gott haben, so zu leben, als wäre dieses Himmelreich schon jetzt da, dann haben wir den Auftrag, für Kranke zu beten, damit sie wieder gesund werden, niemanden zu enttäuschen, zu belügen oder zu betrügen, sich mit Außenseitern und Einsamen anzufreunden, niemanden zu mobben, als Reicher den Armen etwas abzugeben und schon jetzt in ganz enger Gemeinschaft mit Gott zu leben. Der Auftrag kann jedoch auch heißen, anderen Menschen von Jesus zu erzählen, damit auch sie später in diesem herrlichen Reich wohnen können. Es kann heißen, einen Hauskreis zu gründen, wo es um Jesus geht oder auch als Missionar nach Afrika oder China zu reisen, um den Menschen dort von Jesus zu erzählen. Gott hat also große Dinge mit uns vor. Die Frage ist nur, ob wir bereit dazu sind.
Uli: Ja, Gott hat Großes mit uns vor. Und die Frage ist auch für mich: sind wir wirklich bereit dazu? Mindestens zwei Dinge sind dabei wichtig. Zum einen ist es wichtig, den Blick für den ersten und den zweiten Schritt zu behalten, und nicht vor lauter Großem, was einen ja vielleicht auch überfordern kann, das Kleine, das groß wird, aus dem Blick zu verlieren. Jesus selbst vergleicht den Glauben mit einem ganz kleinen Senfkorn, aus dem eine große Pflanze wächst. Gott selbst zeigt sich als einfacher, hilfsbedürftiger Mensch, in einem Baby, aus dem ein großer Neuanfang seiner Liebe zu uns entsteht. Nicht jeder ist geeignet, als Missionar in die Fremde zu gehen. Und Mission, das hört sich für viele verstaubt und vorgestrig an. Mission, hinweisen auf die Kraft der Liebe Gottes, das heißt zu-erst mal das, was Johannes hier deutlich macht: „Lebt so, dass niemand unter euch leidet“. Das ist es, was er den Soldaten und den Zöllnern als Ratschlag gibt. Was sich so einfach anhört, ist im Alltag schwer genug. Menschen tun einander weh. Körperlich, materiell, seelisch. Im Kleinen und im Weltmaßstab. Der Wohlstand in Europa, in der entwickelten Welt hängt immer noch daran, dass viel zu viele Menschen keinen gerechten Lohn für ihre Arbeit bekommen. Man könnte noch mehr Beispiele finden. Der erste Schritt, missionarisch, auf die Liebe Gottes hinweisend zu leben, ist es, den anderen, der mir anvertraut ist, der mir begegnet, in den Blick zu nehmen. Für mich hier auf dem Richtsberg wird das in vielen Beispielen ganz praktisch. Da gibt es Menschen, die sorgen dafür, dass sich in den Häusern, in denen sie wohnen, was tut, dass es da nicht wie der letzte Dreck aussieht. Da gibt es Menschen, die haben schon vor langer Zeit angefangen, sich um Kinder zu kümmern, die in ihren Familien manchmal nicht richtig wahrgenommen werden. Es sind die kleinen Schritte, die kleinen Anfänge, aus denen Großes wächst. „Lebt so, dass niemand unter euch leidet.“ – Ein Anfang.
Neben diesem Blick für den kleinen Anfang gehört als Zweites für mich Bereitschaft dazu, sich selbst, den Glauben, die eigenen Selbstverständlichkeiten hinterfragen zu lassen. Johannes sagt den Leuten, die zu ihm kommen: Nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Vielleicht auf den ersten Blick merkwürdig. Aber eigentlich kann man das ganz leicht übersetzen: Lebt eure Berufung! Verlasst euch nicht auf das, was ihr schon seid, sondern lebt es auch! Gott hat ja seinen Bund der Liebe mit dem Volk Israel, mit den Juden, geschlossen. Mit Abrahams Kindern. Gott hat, sichtbar in der Taufe, auch einen Bund mit uns geschlossen. Er verspricht, da zu sein. Er verspricht Liebe und Vergebung. Die Antwort, die anscheinend viele Menschen zur Zeit von Johannes gegeben haben, war: „Toll, Gott, dass du für uns da bist. Wir machen dann mal, was wir wollen, du musst uns ja liebhaben, wir sind doch Abrahams Kinder.“ Und viel-leicht ist das auch eine Antwort, die ich als Getaufter zu oft gebe: „Danke Gott, dass du für mich da bist. Aber ich bin dann mal weg und mach, was ich will!“ Lebe deine Taufe. Lebe die Liebe, mit der du geliebt wirst. Lass dich fragen, ob das, was du tust und lässt, dieser Liebe entspricht. Sei kritisch mit dir selbst. Und bleib nicht bei dir stehen. Nimm die Welt in deinen Glauben mit hinein. Gerade die erste Antwort, die Johannes der Menge gibt, als sie fragt, was sie tun sollen, zeigt das: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es geht nicht nur um das persönliche Seelenheil, es geht um Gerechtigkeit in der Welt. Glauben schaut nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Für mich ist das die Botschaft, die Johannes uns auch heute noch mitgibt.
Und da merke ich, dass es gut ist, dass Johannes nicht Gottes letztes Wort ist. Johannes bereitet das vor, was durch Jesus zu Ende gebracht wird. Johannes macht auf das aufmerksam, was nicht in Ordnung ist. Er hält den Menschen schonungslos den Spiegel vor. Jesus hilft uns, diesen schonungslosen Blick auf uns, auf unser Versagen auch auszuhalten. Johannes zeigt uns unsere Wunden, unsere Verletzungen und die, die wir anderen zufügen. Und Jesus verbindet und heilt sie. Die Botschaft, die er uns von Gott zeigt, ist die: Ich liebe dich trotz deiner Schuld, trotz allem, was nicht in Ordnung ist. Du darfst neu anfangen. Mach was draus. Wir brauchen beides: Den, der die Wunden aufzeigt und den, der sie verbindet und heilt. Sind wir also bereit, für das Große, das Gott vorhat und das so klein beginnt? Ich wünsche uns, dass wir in diesem Advent Großes erleben. Dass wir erleben, wie aus Not Segen werden kann, wie Kleines groß wird, wie ein ehrlicher Blick auf Schwächen und Schuld neue Liebe wachsen lässt. Gott hat Großes mit uns vor. Durch Liebe, in Liebe. Gott sei Dank.
Amen.
Sonntag, 5. Dezember 2010
Katastrophale Hoffnung - 2. Advent, 5.12.2010, Reihe III
Text: Matthäus 24,1-14
Liebe Gemeinde!
Morgen kommt der Nikolaus und in knapp drei Wochen das Christkind. Da gibt’s Geschenke für alle, die lieb waren – und wer war das nicht? Kleine und große Geschenke, die Freude machen sollen. Und hoffentlich tun sie das auch. Vorfreude, sie gehört zum Advent. Und Ruhe, Besinnlichkeit, Kerzen, Tee, Plätzchen, Glühwein, Freunde, Familie. Ja, es soll so sein, wie es das Christkind aus dem offenen Himmelstor Knecht Ruprecht in Theodor Storms Gedicht entgegenruft: „Alt‘ und Junge sollen nun / von der Jagd des Lebens einmal ruh’n“.
Und dann, mitten in diese schönen Erwartungen hinein, kommt so eine katastrophale Rede von Jesus, die so gar nicht zur Adventsstimmung passt und erstmal überhaupt nicht auf Weihnachten einstimmt. Sie ist ziemlich ungemütlich. Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnöte, Hass und Abfall vom Glauben, falsche Propheten, kein Stein bleibt mehr auf dem anderen, die Welt wird zu Grunde gehen. – Alle schlechten Nachrichten des zu Ende gehenden Jahres scheinen in dieser Rede von Jesus vorzukommen. Angefangen vom Erdbeben in Haiti über den nicht enden wollenden Krieg in Afghanistan, die Terrorgefahr und die Erfahrung, dass Christen durchaus noch verfolgt werden - offen im Irak oder Nordkorea, versteckt durchaus auch da, wo Menschen lächerlich gemacht werden, die sich aus ihrer christlichen Überzeugung heraus für mehr Gerechtigkeit in Schule, Wirtschaft, in der Gesellschaft einsetzen – bis hin zu den Auswüchsen, dass Menschen sich als Christen bezeich-nen, aber dann Menschen, die anders oder gar nicht glau-ben, Rechte absprechen und sich nicht für Gerechtigkeit und Liebe, sondern für Intoleranz und Abgrenzung ein-setzen. Muss das sein, im Advent, in der Kirche? Kann man da nicht die gute Nachricht weitersagen? Erholung vom Alltag, der anstrengend genug ist – dafür ist die Kir-che doch da, oder etwa nicht? Gute Nachrichten – so wie es das Wort Evangelium, das ja nichts anderes heißt, ver-spricht!
Ja, gute Nachrichten! Ja, dafür ist Jesus da. Und alle, die behaupten, von Jesus zu reden, müssen sich, gerade in dieser Zeit, auch daran messen lassen, ob sie die gute Nachricht wirklich weiter sagen. Und die gute Nachricht ist die: Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen. Wir Menschen, ob Christen oder nicht, neigen dazu, den Augenblick für das Ganze zu nehmen. Wir neigen dazu, in unseren Grenzen und Schubladen zu denken und zu bleiben. Da bleibt we-nig Raum für Hoffnung. Da bleibt wenig Raum für Weite. Jesus will Mut zur Hoffnung machen. Er will nicht, dass Menschen sich von den Schwierigkeiten, die es im Alltag gibt, gefangen nehmen lassen und das für die ganze Wirk-lichkeit nehmen. Wenn wir von der Gegenwart her den-ken, dann gibt es tatsächlich wenig Grund zur Hoffnung. Grund zur Hoffnung gibt es nur, wenn wir mit Jesus von der Zukunft her denken. Ganz deutlich macht das der Wochenspruch für den 2. Advent, den wir nachher noch mal hören: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht (Lk 21,28). Wer den Kopf gesenkt hält, der wird nur einen schmalen Bereich um sich herum wahrnehmen. Auswege, Hoffnungen, all das wird dort schwer zu finden sein. Seht auf, macht den Blick weit. Erhebt den Kopf – lasst ihn nicht hängen. Erlösung ist nahe. Hoffnung ist nahe. Hoffnung ist nahe – und sie kann gesehen werden, wenn die Augen vor dem nicht zugemacht werden, was Hoffnung schwer macht. Erlösung ist nahe – und sie kann erhofft werden, wenn wir, auch wir Christen, uns frei machen von dem Gedanken, dass wir uns selbst erlösen müssten. Diese so ungemütliche, scheinbar so unadventliche Rede Jesu ist eigentlich ein richtig adventlicher Aufruf, auf das Kommen Gottes zu warten. Nicht dadurch, dass wir, ich oder du oder sie als Christ in ein stilles, gemütliches Kämmerlein gehen und dort still und heimlich die ungemütliche Wirklichkeit überleben, sondern in dem wir uns auch der ungemütlichen Wirklichkeit bewusst werden und beharrlich bei dem bleiben, was dem Leben dient.
Bevor Jesus seinen Jüngern von dem erzählt, was der totalen Umgestaltung der Welt vorausgeht, geschieht etwas, was ganz leicht überhört wird. Jesus zieht aus dem Tempel aus und er blickt zurück und sagt: Da wird kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Man kann es sich leicht machen und sagen, dass Matthäus das in Anlehnung an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 aufgeschrieben hat. Aber es geht, denke ich, um etwas Grundsätzliches. Die feste Grenze, die Mauer, zwischen dem Bereich, in dem Gott ist, und der Welt wird brüchig. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Das Allerheiligste ist nicht mehr ummauert, sondern geht in die Welt. Ein Segen – aber nicht nur. Unsicherheit macht sich breit. Was ist denn nun Gottes Welt? Was ist denn christlich? Wann wird denn offenbar, wie die Welt nach Gottes Willen sein soll? Die Jünger wollen gern Berechnungsgrundlagen. Sie wollen sichere Zeichen, an denen sie erkennen, dass Jesus wiederkommt. Aber Jesus entlässt sie in die Unsicherheit. Die konkreten Beispiele, die er nennt: Kriege, Hungersnöte, falsche Propheten, kalt werdende Liebe, sind so konkret, dass sie in jedem Jahr, zu allen Zeiten zu finden sind. Jederzeit, tagtäglich ist Zeit, in der Glauben schwer fällt. Und immer wieder ist dieser Blick vom Ende her, von der Hoffnung her nötig, um an der Gegenwart nicht zu verzweifeln. Das Aufsehen auf die Erlösung. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen, das Allerheiligste zieht in die Welt – und macht sich dadurch verwechselbar. Uneindeutig. Wie kann das sein, fragen vielleicht manche jetzt. Christen sollen doch unverwechselbar sein, eindeutig in dieser Welt. Gott soll doch eindeutig zu erkennen sein! Jesus warnt vor falschen Propheten, vor Christussen und Christussis, die so etwas versprechen. Er warnt davor, eine erlöste Welt vorzugaukeln, wo so vieles noch auf Erlösung wartet. In dieser Welt, die noch nicht vollendet ist, die darauf wartet, dass die in Christus erschienene Liebe sich endgültig durchsetzt, ist es immer wieder verführerisch, einen einfachen Weg, der einfache Lösungen verspricht, zu predigen. Jesus spricht selbst davon, dass diejenigen, die in seinem Sinn leben, das oft gar nicht richtig erkennen. Wann haben wir dich hungrig, im Gefängnis, nackt, bedürftig gesehen? So fragen die Menschen. Wenn Christus einfach und eindeutig zu erkennen wäre, dann wäre diese Frage nicht nötig. In dieser Welt ist Gott, ist Christus verborgen. Wer einfache Wege verspricht, der führt von Christus weg. Aber auch die Ungerechtigkeit, die Menschen ja immer wieder erfahren, kann von Christus wegführen. Weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten, so heißt es im Predigttext. Alltag, glaube ich. Ich kenne es gut, auch von mir selbst. Die erste Begeisterung, voller Liebe, und dann die Erfahrung, dass eben nicht alles so läuft, wie es richtig wäre. Reiche werden immer reicher und Arme immer ärmer. Unschuldige leiden und Schuldige werden nicht bestraft. Krankheiten fressen Menschen auf, die es in meinen Augen nicht verdient haben. Wozu noch lieben, glauben, hoffen? Ungerechtigkeit lässt Liebe kalt werden. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen. Ja, eigentlich bleibt uns nichts anderes. Beharrlich sein. Beharrlich Gott auf seine Verheißungen, seine Liebe, seine Erlösung ansprechen. Beharrlich der Versuchung widerstehen, vorschnelle Antworten zu geben. Beharrlich nicht vom eignen Tun und Lassen die Vollendung zu erwarten. Martin Luther hat Gott mit einem glühenden Backofen voll Liebe verglichen. Gebe Gott, dass wir uns nicht verheizen und ausbrennen, indem wir nur auf unsere Liebe und unsere Möglichkeiten vertrauen, sondern dass wir diesem Back-ofen zutrauen, unseren immer wieder anzufeuern. Nicht ausbrennen – vielleicht ist das nötig, damit die Hoffnung, auf die hin und von der her wir leben, da bleiben kann. vielleicht braucht es dazu auch manchen adventlichen Rückzug in Wohlfühloasen, in Ruheräume für Leib und Seele. Nicht, damit die Wirklichkeit geleugnet wird und wir so tun, als wäre alles schon fertig, sondern damit die Hoffnung nicht stirbt und wir in dieser unerlösten Welt leben können. Damit wir getrost aufstehen, die Häupter erheben und die nahende Erlösung sehen können. Nicht im Nikolaus und auch nicht im Christkind, das Geschen-ke unter den Weihnachtsbaum legt, sondern in Christus, dem Kind, dem Mann, dem Sohn Gottes, der uns die Freiheit schenkt, Kind Gottes sein zu dürfen. Die Freiheit, leben zu dürfen. Voller Liebe, in einer Welt, die nicht immer liebevoll ist. Nicht nur im Advent.
Amen.
Liebe Gemeinde!
Morgen kommt der Nikolaus und in knapp drei Wochen das Christkind. Da gibt’s Geschenke für alle, die lieb waren – und wer war das nicht? Kleine und große Geschenke, die Freude machen sollen. Und hoffentlich tun sie das auch. Vorfreude, sie gehört zum Advent. Und Ruhe, Besinnlichkeit, Kerzen, Tee, Plätzchen, Glühwein, Freunde, Familie. Ja, es soll so sein, wie es das Christkind aus dem offenen Himmelstor Knecht Ruprecht in Theodor Storms Gedicht entgegenruft: „Alt‘ und Junge sollen nun / von der Jagd des Lebens einmal ruh’n“.
Und dann, mitten in diese schönen Erwartungen hinein, kommt so eine katastrophale Rede von Jesus, die so gar nicht zur Adventsstimmung passt und erstmal überhaupt nicht auf Weihnachten einstimmt. Sie ist ziemlich ungemütlich. Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnöte, Hass und Abfall vom Glauben, falsche Propheten, kein Stein bleibt mehr auf dem anderen, die Welt wird zu Grunde gehen. – Alle schlechten Nachrichten des zu Ende gehenden Jahres scheinen in dieser Rede von Jesus vorzukommen. Angefangen vom Erdbeben in Haiti über den nicht enden wollenden Krieg in Afghanistan, die Terrorgefahr und die Erfahrung, dass Christen durchaus noch verfolgt werden - offen im Irak oder Nordkorea, versteckt durchaus auch da, wo Menschen lächerlich gemacht werden, die sich aus ihrer christlichen Überzeugung heraus für mehr Gerechtigkeit in Schule, Wirtschaft, in der Gesellschaft einsetzen – bis hin zu den Auswüchsen, dass Menschen sich als Christen bezeich-nen, aber dann Menschen, die anders oder gar nicht glau-ben, Rechte absprechen und sich nicht für Gerechtigkeit und Liebe, sondern für Intoleranz und Abgrenzung ein-setzen. Muss das sein, im Advent, in der Kirche? Kann man da nicht die gute Nachricht weitersagen? Erholung vom Alltag, der anstrengend genug ist – dafür ist die Kir-che doch da, oder etwa nicht? Gute Nachrichten – so wie es das Wort Evangelium, das ja nichts anderes heißt, ver-spricht!
Ja, gute Nachrichten! Ja, dafür ist Jesus da. Und alle, die behaupten, von Jesus zu reden, müssen sich, gerade in dieser Zeit, auch daran messen lassen, ob sie die gute Nachricht wirklich weiter sagen. Und die gute Nachricht ist die: Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen. Wir Menschen, ob Christen oder nicht, neigen dazu, den Augenblick für das Ganze zu nehmen. Wir neigen dazu, in unseren Grenzen und Schubladen zu denken und zu bleiben. Da bleibt we-nig Raum für Hoffnung. Da bleibt wenig Raum für Weite. Jesus will Mut zur Hoffnung machen. Er will nicht, dass Menschen sich von den Schwierigkeiten, die es im Alltag gibt, gefangen nehmen lassen und das für die ganze Wirk-lichkeit nehmen. Wenn wir von der Gegenwart her den-ken, dann gibt es tatsächlich wenig Grund zur Hoffnung. Grund zur Hoffnung gibt es nur, wenn wir mit Jesus von der Zukunft her denken. Ganz deutlich macht das der Wochenspruch für den 2. Advent, den wir nachher noch mal hören: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht (Lk 21,28). Wer den Kopf gesenkt hält, der wird nur einen schmalen Bereich um sich herum wahrnehmen. Auswege, Hoffnungen, all das wird dort schwer zu finden sein. Seht auf, macht den Blick weit. Erhebt den Kopf – lasst ihn nicht hängen. Erlösung ist nahe. Hoffnung ist nahe. Hoffnung ist nahe – und sie kann gesehen werden, wenn die Augen vor dem nicht zugemacht werden, was Hoffnung schwer macht. Erlösung ist nahe – und sie kann erhofft werden, wenn wir, auch wir Christen, uns frei machen von dem Gedanken, dass wir uns selbst erlösen müssten. Diese so ungemütliche, scheinbar so unadventliche Rede Jesu ist eigentlich ein richtig adventlicher Aufruf, auf das Kommen Gottes zu warten. Nicht dadurch, dass wir, ich oder du oder sie als Christ in ein stilles, gemütliches Kämmerlein gehen und dort still und heimlich die ungemütliche Wirklichkeit überleben, sondern in dem wir uns auch der ungemütlichen Wirklichkeit bewusst werden und beharrlich bei dem bleiben, was dem Leben dient.
Bevor Jesus seinen Jüngern von dem erzählt, was der totalen Umgestaltung der Welt vorausgeht, geschieht etwas, was ganz leicht überhört wird. Jesus zieht aus dem Tempel aus und er blickt zurück und sagt: Da wird kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Man kann es sich leicht machen und sagen, dass Matthäus das in Anlehnung an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 aufgeschrieben hat. Aber es geht, denke ich, um etwas Grundsätzliches. Die feste Grenze, die Mauer, zwischen dem Bereich, in dem Gott ist, und der Welt wird brüchig. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Das Allerheiligste ist nicht mehr ummauert, sondern geht in die Welt. Ein Segen – aber nicht nur. Unsicherheit macht sich breit. Was ist denn nun Gottes Welt? Was ist denn christlich? Wann wird denn offenbar, wie die Welt nach Gottes Willen sein soll? Die Jünger wollen gern Berechnungsgrundlagen. Sie wollen sichere Zeichen, an denen sie erkennen, dass Jesus wiederkommt. Aber Jesus entlässt sie in die Unsicherheit. Die konkreten Beispiele, die er nennt: Kriege, Hungersnöte, falsche Propheten, kalt werdende Liebe, sind so konkret, dass sie in jedem Jahr, zu allen Zeiten zu finden sind. Jederzeit, tagtäglich ist Zeit, in der Glauben schwer fällt. Und immer wieder ist dieser Blick vom Ende her, von der Hoffnung her nötig, um an der Gegenwart nicht zu verzweifeln. Das Aufsehen auf die Erlösung. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen, das Allerheiligste zieht in die Welt – und macht sich dadurch verwechselbar. Uneindeutig. Wie kann das sein, fragen vielleicht manche jetzt. Christen sollen doch unverwechselbar sein, eindeutig in dieser Welt. Gott soll doch eindeutig zu erkennen sein! Jesus warnt vor falschen Propheten, vor Christussen und Christussis, die so etwas versprechen. Er warnt davor, eine erlöste Welt vorzugaukeln, wo so vieles noch auf Erlösung wartet. In dieser Welt, die noch nicht vollendet ist, die darauf wartet, dass die in Christus erschienene Liebe sich endgültig durchsetzt, ist es immer wieder verführerisch, einen einfachen Weg, der einfache Lösungen verspricht, zu predigen. Jesus spricht selbst davon, dass diejenigen, die in seinem Sinn leben, das oft gar nicht richtig erkennen. Wann haben wir dich hungrig, im Gefängnis, nackt, bedürftig gesehen? So fragen die Menschen. Wenn Christus einfach und eindeutig zu erkennen wäre, dann wäre diese Frage nicht nötig. In dieser Welt ist Gott, ist Christus verborgen. Wer einfache Wege verspricht, der führt von Christus weg. Aber auch die Ungerechtigkeit, die Menschen ja immer wieder erfahren, kann von Christus wegführen. Weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten, so heißt es im Predigttext. Alltag, glaube ich. Ich kenne es gut, auch von mir selbst. Die erste Begeisterung, voller Liebe, und dann die Erfahrung, dass eben nicht alles so läuft, wie es richtig wäre. Reiche werden immer reicher und Arme immer ärmer. Unschuldige leiden und Schuldige werden nicht bestraft. Krankheiten fressen Menschen auf, die es in meinen Augen nicht verdient haben. Wozu noch lieben, glauben, hoffen? Ungerechtigkeit lässt Liebe kalt werden. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen. Ja, eigentlich bleibt uns nichts anderes. Beharrlich sein. Beharrlich Gott auf seine Verheißungen, seine Liebe, seine Erlösung ansprechen. Beharrlich der Versuchung widerstehen, vorschnelle Antworten zu geben. Beharrlich nicht vom eignen Tun und Lassen die Vollendung zu erwarten. Martin Luther hat Gott mit einem glühenden Backofen voll Liebe verglichen. Gebe Gott, dass wir uns nicht verheizen und ausbrennen, indem wir nur auf unsere Liebe und unsere Möglichkeiten vertrauen, sondern dass wir diesem Back-ofen zutrauen, unseren immer wieder anzufeuern. Nicht ausbrennen – vielleicht ist das nötig, damit die Hoffnung, auf die hin und von der her wir leben, da bleiben kann. vielleicht braucht es dazu auch manchen adventlichen Rückzug in Wohlfühloasen, in Ruheräume für Leib und Seele. Nicht, damit die Wirklichkeit geleugnet wird und wir so tun, als wäre alles schon fertig, sondern damit die Hoffnung nicht stirbt und wir in dieser unerlösten Welt leben können. Damit wir getrost aufstehen, die Häupter erheben und die nahende Erlösung sehen können. Nicht im Nikolaus und auch nicht im Christkind, das Geschen-ke unter den Weihnachtsbaum legt, sondern in Christus, dem Kind, dem Mann, dem Sohn Gottes, der uns die Freiheit schenkt, Kind Gottes sein zu dürfen. Die Freiheit, leben zu dürfen. Voller Liebe, in einer Welt, die nicht immer liebevoll ist. Nicht nur im Advent.
Amen.
Sonntag, 21. November 2010
Alles neu! - Ewigkeitssonntag, 21.11.10, Reihe II
Text: Offenbarung 21,1-7
Liebe Gemeinde!
Alles wird neu, anders, besser. Diesmal nutze ich die Chance. Ich lerne mehr in der Schule, verspricht Niki. Ich häng nicht mehr mit den Leuten rum, die mich runterziehen. Ich will nicht mehr so viel Ärger haben und nicht mehr so viel Ärger machen. Ich mache was aus meinem Leben. Alles wird neu, anders, besser. Ich trink nicht mehr, verspricht der Mann. Ich trinke nicht mehr, ich kümmere mich um Arbeit. Und ihr müsst keine Angst mehr haben, dass ich um mich schlage, wenn ich voll bin. Alles wird neu, anders, besser. Ich betrüge dich nicht mehr, ich gehe nicht mehr fremd. Ich stehe zu dir, zu unserer Familie. Gib uns noch eine Chance. Alles wird neu, anders, besser. Yes, we can. Ja, gemeinsam schaffen wir es, unser Land, die Welt besser, sicherer zu machen. Ich zeige euch den Weg. Alles wird neu, anders, besser. Ich will jetzt wirklich ernst¬haft an Gott glauben, ganz auf Jesus vertrauen. Ich will nicht mehr wie früher gleichgültig sein oder über Leute, die an Gott glauben, lächeln. Alles wird neu, anders, besser. Und wie lange? Was ist, wenn die Freunde nur noch „Streber“ sagen, einen schneiden, von tollen Wochenenden erzählen, an de¬nen Niki selbst nur gelernt hat? Was ist, wenn statt der er¬hofften Arbeit nur Absagen kommen, wenn Meinungsverschiedenheiten da sind und das Gefühl, dass alles zu viel wird? Was ist, wenn einem die Kumpels abends in der Kneipe sagen, dass die Evi gut im Bett ist und nur auf ihn wartet, er kann das doch? Was ist, wenn die politische Wirklichkeit kommt und Wahlkampfversprechen mühsamen Kompromissen wei-chen? Wie ist das, wenn eine schwere Krankheit und der quälende Tod eines geliebten Menschen dann doch Zweifel an dem gütigen Gott aufkommen lassen? Alles wird neu, besser, anders – tatsächlich für immer oder nur bis zur ersten, zweiten oder spätestens dritten Schwierig-keit?
Menschen zweifeln, wenn ihnen versprochen wird, dass alles neu, anders, besser wird. Weil sie bei anderen und bei sich selbst aus eigener Erfahrung merken, dass die Kraft zu wirklicher Veränderung oft nicht lang anhält und dann alles weiter geht wie gewohnt – manchmal eben wirklich alles andere als gut. Menschen zweifeln. Aus Enttäuschung. Über sich selbst, über andere. Und weil wir Menschen die Erfahrung machen, dass Veränderungen manchmal sehr weh tun. Gerade heute. Alles wird anders – 29 Namen werden gleich vorgelesen. 29 Namen von 29 Menschen, die in unserer Gemeinde seit dem letzten Ewigkeitssonntag gestorben sind. 29 Menschen, die fehlen. 29 Leben von Kindern, Ehemännern und Ehefrauen, Geschwistern, Verwandten, Freunden, die sich geändert haben. Was soll das Gerede von einem neuen Himmel, einer neuen Erde, wenn ein wichtiger Teil des eigenen Lebens unter diesem Himmel und auf dieser Erde fehlt? Wieder so eine Vertröstung, „alles wird gut“, wo doch nichts gut ist? Wieder so ein Warten, das kein Ende nehmen will? Nein, vertrösten und von harter Wirklichkeit ablenken wollen diese Worte aus der Bibel nicht. Sie wollen helfen, über eine harte und traurige Welt hinauszusehen und Gott mehr zuzutrauen, als Menschen je zu tun in der Lage wären. Der Seher Johannes, eine Art Prophet, schreibt vor diesem Bild von einer schönen, neuen Welt in ganz viel düsteren Bildern, die den neuen Harry Potter und alle düsteren Filme, die je im Kino gelaufen sind, weit in den Schatten stellen, von der Wirklichkeit der Christen seiner Zeit. Von Verfolgung und Bedrohung. Von Lebensgefahr. Von der Schwäche, aus Angst Gott und sich selbst zu verraten. Von der Gleichgültigkeit. Und er schreibt von dem Leid, das durch Hass, Rache, Gleichgültigkeit und aus der Erfahrung, dass wir Menschen unser Leben ganz und gar nicht im Griff haben, entsteht. Er schreibt davon in Bil-dern, die schwer zu verstehen sind. Er redet nichts schön. Er macht den Menschen nicht vor, dass sie nur ganz fest glauben müssten und schon bliebe ihnen das alles erspart. Im Gegenteil. Oft scheint es ja denen, die nicht auf Gott vertrauen, die zynisch leben, die sich am Leid und der Angst anderer freuen, besser zu gehen. Denen, die skrupellos andere ausnutzen, damit sie im Vorteil sind. Denen, die sagen, es ist doch nicht schlimm, wenn ein Mensch stirbt, eine Ansammlung von Molekülen weniger in dieser Welt, mehr nicht. Denen, die vor Krieg, Vergewaltigung, Menschenhandel und Mord nicht zurückschrecken, um Gewinn zu machen. Denen, die mit dem Tod Geschäft machen und aufgeschnittene Körper ausstellen, die den Menschen als eine Art Maschine sehen. Nein, schonungslos wird die Wirklich-keit erzählt. Zu der Leid und Trauer gehören. Leid, Trauer, Zweifel, auch einem, der noch so fest und vertrauensvoll glauben kann, bleibt das nicht erspart. Im Vertrauen auf die neue Wirklichkeit, die Gott in Jesus hat anbrechen lassen, schreibt Johannes aber auch von dieser neuen Welt. Johannes erzählt davon, dass Gottes Ziel für das Leben nicht ist, dass wir im Sumpf der Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit, der Trauer und des Verlustes steckenbleiben oder uns nur an ein irgendwie schöneres Gestern klammern könnten, weil alles, was kommt, nur schlechter als die Vergangenheit sein könnte. Nein, es gibt eine Zukunft. Eine Zukunft, von der nur in Bildern erzählt werden kann. Eine Zukunft, die ans Licht bringen wird, was wirklich stark ist. Es gibt eine Zukunft, die die Hoffnung auf eine gute, gerechte Welt, auf einen Sieg des Lebens rechtfertigt. Gott wird mitten unter den Menschen wohnen: siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er selbst wird bei ihnen wohne. Gottes Hütte oder, so kann es auch übersetzt sein, Zelt. Ein Bild, das auf das Alte Testament zurückgeht. Gott, so erzählt die Bibel, zog wie in einem Zelt mit dem Volk Israel. Wo dieses Zelt, diese Hütte auf der langen Wanderung von Ägypten in das gelobte Land aufgeschlagen wurde, da war Gott wirklich da. Eine tolle Vorstellung und für mich die Grundlage des Glaubens. Gott wohnt nicht in einem Palast oder im Himmel, sondern mitten unter den Menschen. In Jesus hat er das ganz deutlich gemacht. In ihm war Gott in dieser Welt, in diesem Leben erfahrbar. Nicht weit weg. Nicht wir müssen uns auf einen weiten Weg zu Gott machen, sondern bevor wir uns aufmachen, hat Gott sich schon zu uns aufgemacht. Gott kommt zu uns. Und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Der Tod behält nicht das letzte Wort. Das Leben im Glauben ist kein Leben ohne Tränen und ohne Leid, aber ein Leben, das wissen darf, dass Trost wartet. Auch in Zeiten, in denen er noch so fern zu sein scheint. Das alles steht un-ter der Verheißung: Siehe, ich mach alles neu! Der, der das von sich sagt, Gott, macht alles neu. Er ist es, der die Hoffnung wachhält, dass sich Leben lohnt, dass sich Ge-rechtigkeit und Frieden durchsetzen, dass Leid und Unterdrückung ein Ende haben. Er macht alles neu. Wo Menschen alles neu machen wollen, wo Menschen endgültige Erlösung versprechen, wird es schiefgehen. Wir Menschen bleiben mit unseren Möglichkeiten begrenzt. Das, was wir tun, wird nie perfekt sein und unglaublich viel Leid entsteht dadurch, dass Menschen andere mit Gewalt zu ihrem Glück oder zu einem Glauben zwingen wollen, der angeblich glücklich macht. Wir Menschen müssen und dürfen uns nicht an Gottes Stelle setzen und absolute Herrschaft über das Leben und Sterben anderer ausüben wollen. Wir können uns gegenseitig keine endgültige Erlösung verschaffen. Was wir können ist es, zu hoffen und aus dieser Hoffnung heraus zu leben. Vorzuleben, was dem Leben dient, weil das Leben von Anfang an Gottes Wille ist. Die Zukunft hat begonnen. Sie ist noch nicht da, noch nicht fertig. Wir dürfen an der Zukunft, an Gott Zukunft für die Welt mit bauen. Durch Vertrauen, das wir trotz aller Versagenserfahrungen uns gegenseitig schenken. Weil wir hoffen dürfen, dass Gott auch das, was scheitert, zum Guten führen kann. Wir dürfen mit bauen, mitarbeiten, besser machen. Aber wenn wir glauben, es fertig machen zu müssen, werden wir uns und die Menschen, die mit uns leben, letztlich wirklich fertigmachen und scheitern.
Es ist nicht die Erfahrung, die dafür spricht, dass alles anders, besser, alles neu wird. Gute Absichten scheitern. Menschen verletzen sich gegenseitig, weil wir nicht in der Lage sind, perfekt zu sein. Es ist nicht die Erfahrung, die uns Hoffnung schenkt. Zu oft erfahren wir, das Leben abbricht, das Abschied weh tut. Es ist der hoffende Glaube, das Vertrauen, das Gott wirklich A und O ist, Anfang und Ende, dass Gott alles Reden, Tun und Handeln umfasst. In ihm ist der Anfang und das Ziel des Lebens und das Ziel ist gut. Das Ziel liegt im Leben, das Gott schenkt. Im Leben, das getröstet und gut ist. Das Ziel ist ein Geschenk. Wir können darauf hin leben und glauben. Mit Rückschlägen und Umwegen. Wir müssen es nicht zwingen. Wir dürfen leben.
Amen
Liebe Gemeinde!
Alles wird neu, anders, besser. Diesmal nutze ich die Chance. Ich lerne mehr in der Schule, verspricht Niki. Ich häng nicht mehr mit den Leuten rum, die mich runterziehen. Ich will nicht mehr so viel Ärger haben und nicht mehr so viel Ärger machen. Ich mache was aus meinem Leben. Alles wird neu, anders, besser. Ich trink nicht mehr, verspricht der Mann. Ich trinke nicht mehr, ich kümmere mich um Arbeit. Und ihr müsst keine Angst mehr haben, dass ich um mich schlage, wenn ich voll bin. Alles wird neu, anders, besser. Ich betrüge dich nicht mehr, ich gehe nicht mehr fremd. Ich stehe zu dir, zu unserer Familie. Gib uns noch eine Chance. Alles wird neu, anders, besser. Yes, we can. Ja, gemeinsam schaffen wir es, unser Land, die Welt besser, sicherer zu machen. Ich zeige euch den Weg. Alles wird neu, anders, besser. Ich will jetzt wirklich ernst¬haft an Gott glauben, ganz auf Jesus vertrauen. Ich will nicht mehr wie früher gleichgültig sein oder über Leute, die an Gott glauben, lächeln. Alles wird neu, anders, besser. Und wie lange? Was ist, wenn die Freunde nur noch „Streber“ sagen, einen schneiden, von tollen Wochenenden erzählen, an de¬nen Niki selbst nur gelernt hat? Was ist, wenn statt der er¬hofften Arbeit nur Absagen kommen, wenn Meinungsverschiedenheiten da sind und das Gefühl, dass alles zu viel wird? Was ist, wenn einem die Kumpels abends in der Kneipe sagen, dass die Evi gut im Bett ist und nur auf ihn wartet, er kann das doch? Was ist, wenn die politische Wirklichkeit kommt und Wahlkampfversprechen mühsamen Kompromissen wei-chen? Wie ist das, wenn eine schwere Krankheit und der quälende Tod eines geliebten Menschen dann doch Zweifel an dem gütigen Gott aufkommen lassen? Alles wird neu, besser, anders – tatsächlich für immer oder nur bis zur ersten, zweiten oder spätestens dritten Schwierig-keit?
Menschen zweifeln, wenn ihnen versprochen wird, dass alles neu, anders, besser wird. Weil sie bei anderen und bei sich selbst aus eigener Erfahrung merken, dass die Kraft zu wirklicher Veränderung oft nicht lang anhält und dann alles weiter geht wie gewohnt – manchmal eben wirklich alles andere als gut. Menschen zweifeln. Aus Enttäuschung. Über sich selbst, über andere. Und weil wir Menschen die Erfahrung machen, dass Veränderungen manchmal sehr weh tun. Gerade heute. Alles wird anders – 29 Namen werden gleich vorgelesen. 29 Namen von 29 Menschen, die in unserer Gemeinde seit dem letzten Ewigkeitssonntag gestorben sind. 29 Menschen, die fehlen. 29 Leben von Kindern, Ehemännern und Ehefrauen, Geschwistern, Verwandten, Freunden, die sich geändert haben. Was soll das Gerede von einem neuen Himmel, einer neuen Erde, wenn ein wichtiger Teil des eigenen Lebens unter diesem Himmel und auf dieser Erde fehlt? Wieder so eine Vertröstung, „alles wird gut“, wo doch nichts gut ist? Wieder so ein Warten, das kein Ende nehmen will? Nein, vertrösten und von harter Wirklichkeit ablenken wollen diese Worte aus der Bibel nicht. Sie wollen helfen, über eine harte und traurige Welt hinauszusehen und Gott mehr zuzutrauen, als Menschen je zu tun in der Lage wären. Der Seher Johannes, eine Art Prophet, schreibt vor diesem Bild von einer schönen, neuen Welt in ganz viel düsteren Bildern, die den neuen Harry Potter und alle düsteren Filme, die je im Kino gelaufen sind, weit in den Schatten stellen, von der Wirklichkeit der Christen seiner Zeit. Von Verfolgung und Bedrohung. Von Lebensgefahr. Von der Schwäche, aus Angst Gott und sich selbst zu verraten. Von der Gleichgültigkeit. Und er schreibt von dem Leid, das durch Hass, Rache, Gleichgültigkeit und aus der Erfahrung, dass wir Menschen unser Leben ganz und gar nicht im Griff haben, entsteht. Er schreibt davon in Bil-dern, die schwer zu verstehen sind. Er redet nichts schön. Er macht den Menschen nicht vor, dass sie nur ganz fest glauben müssten und schon bliebe ihnen das alles erspart. Im Gegenteil. Oft scheint es ja denen, die nicht auf Gott vertrauen, die zynisch leben, die sich am Leid und der Angst anderer freuen, besser zu gehen. Denen, die skrupellos andere ausnutzen, damit sie im Vorteil sind. Denen, die sagen, es ist doch nicht schlimm, wenn ein Mensch stirbt, eine Ansammlung von Molekülen weniger in dieser Welt, mehr nicht. Denen, die vor Krieg, Vergewaltigung, Menschenhandel und Mord nicht zurückschrecken, um Gewinn zu machen. Denen, die mit dem Tod Geschäft machen und aufgeschnittene Körper ausstellen, die den Menschen als eine Art Maschine sehen. Nein, schonungslos wird die Wirklich-keit erzählt. Zu der Leid und Trauer gehören. Leid, Trauer, Zweifel, auch einem, der noch so fest und vertrauensvoll glauben kann, bleibt das nicht erspart. Im Vertrauen auf die neue Wirklichkeit, die Gott in Jesus hat anbrechen lassen, schreibt Johannes aber auch von dieser neuen Welt. Johannes erzählt davon, dass Gottes Ziel für das Leben nicht ist, dass wir im Sumpf der Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit, der Trauer und des Verlustes steckenbleiben oder uns nur an ein irgendwie schöneres Gestern klammern könnten, weil alles, was kommt, nur schlechter als die Vergangenheit sein könnte. Nein, es gibt eine Zukunft. Eine Zukunft, von der nur in Bildern erzählt werden kann. Eine Zukunft, die ans Licht bringen wird, was wirklich stark ist. Es gibt eine Zukunft, die die Hoffnung auf eine gute, gerechte Welt, auf einen Sieg des Lebens rechtfertigt. Gott wird mitten unter den Menschen wohnen: siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er selbst wird bei ihnen wohne. Gottes Hütte oder, so kann es auch übersetzt sein, Zelt. Ein Bild, das auf das Alte Testament zurückgeht. Gott, so erzählt die Bibel, zog wie in einem Zelt mit dem Volk Israel. Wo dieses Zelt, diese Hütte auf der langen Wanderung von Ägypten in das gelobte Land aufgeschlagen wurde, da war Gott wirklich da. Eine tolle Vorstellung und für mich die Grundlage des Glaubens. Gott wohnt nicht in einem Palast oder im Himmel, sondern mitten unter den Menschen. In Jesus hat er das ganz deutlich gemacht. In ihm war Gott in dieser Welt, in diesem Leben erfahrbar. Nicht weit weg. Nicht wir müssen uns auf einen weiten Weg zu Gott machen, sondern bevor wir uns aufmachen, hat Gott sich schon zu uns aufgemacht. Gott kommt zu uns. Und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Der Tod behält nicht das letzte Wort. Das Leben im Glauben ist kein Leben ohne Tränen und ohne Leid, aber ein Leben, das wissen darf, dass Trost wartet. Auch in Zeiten, in denen er noch so fern zu sein scheint. Das alles steht un-ter der Verheißung: Siehe, ich mach alles neu! Der, der das von sich sagt, Gott, macht alles neu. Er ist es, der die Hoffnung wachhält, dass sich Leben lohnt, dass sich Ge-rechtigkeit und Frieden durchsetzen, dass Leid und Unterdrückung ein Ende haben. Er macht alles neu. Wo Menschen alles neu machen wollen, wo Menschen endgültige Erlösung versprechen, wird es schiefgehen. Wir Menschen bleiben mit unseren Möglichkeiten begrenzt. Das, was wir tun, wird nie perfekt sein und unglaublich viel Leid entsteht dadurch, dass Menschen andere mit Gewalt zu ihrem Glück oder zu einem Glauben zwingen wollen, der angeblich glücklich macht. Wir Menschen müssen und dürfen uns nicht an Gottes Stelle setzen und absolute Herrschaft über das Leben und Sterben anderer ausüben wollen. Wir können uns gegenseitig keine endgültige Erlösung verschaffen. Was wir können ist es, zu hoffen und aus dieser Hoffnung heraus zu leben. Vorzuleben, was dem Leben dient, weil das Leben von Anfang an Gottes Wille ist. Die Zukunft hat begonnen. Sie ist noch nicht da, noch nicht fertig. Wir dürfen an der Zukunft, an Gott Zukunft für die Welt mit bauen. Durch Vertrauen, das wir trotz aller Versagenserfahrungen uns gegenseitig schenken. Weil wir hoffen dürfen, dass Gott auch das, was scheitert, zum Guten führen kann. Wir dürfen mit bauen, mitarbeiten, besser machen. Aber wenn wir glauben, es fertig machen zu müssen, werden wir uns und die Menschen, die mit uns leben, letztlich wirklich fertigmachen und scheitern.
Es ist nicht die Erfahrung, die dafür spricht, dass alles anders, besser, alles neu wird. Gute Absichten scheitern. Menschen verletzen sich gegenseitig, weil wir nicht in der Lage sind, perfekt zu sein. Es ist nicht die Erfahrung, die uns Hoffnung schenkt. Zu oft erfahren wir, das Leben abbricht, das Abschied weh tut. Es ist der hoffende Glaube, das Vertrauen, das Gott wirklich A und O ist, Anfang und Ende, dass Gott alles Reden, Tun und Handeln umfasst. In ihm ist der Anfang und das Ziel des Lebens und das Ziel ist gut. Das Ziel liegt im Leben, das Gott schenkt. Im Leben, das getröstet und gut ist. Das Ziel ist ein Geschenk. Wir können darauf hin leben und glauben. Mit Rückschlägen und Umwegen. Wir müssen es nicht zwingen. Wir dürfen leben.
Amen
Sonntag, 14. November 2010
It's the Hope, Stupid... - Hoffnung ist (fast) alles?!, Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 14.11.2010, Reihe II
Text: Römer 8,18-25
Liebe Gemeinde!
Können Sie sich an die Zeit vor 35000 Jahren erinnern? Kleine Gedächtnishilfe: damals entstanden die allerersten Höhlenmalereien. Mitten in der Steinzeit. Lange her. Natürlich jenseits unserer Vorstellungskraft. Aber in 35000 Jahren wird das Plutonium, das heute als Atommüll aus unserem Stromverbrauch eingelagert wird, immer noch lebensgefährlich strahlen. Menschen haben letztes Wochenende gegen diesen Müll demonstriert. Allein der Polizeieinsatz hat so viel Geld gekostet, dass 1600 Familien, die Hartz IV bekommen, ein Jahr lang davon unterstützt werden könnten. Jeden Tag verschwinden Regenwaldflächen von der mehrfachen Größe Marburgs für immer. Jeden Tag sterben in Eritrea, Somalia und Äthiopien unzählige Menschen an Hunger und vermeidbaren Krankheiten, weil dort Krieg geführt wird. Christen im Irak werden immer häufiger bedroht und umgebracht, die Welt schaut staunend zu, auch wir Christen in sicheren Ländern. Auch 65 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der Massenvernichtung von Juden und Andersdenkenden gibt es immer noch genügend Menschen, die Menschen mit jüdischer Religion als Unglück für unser Volk ansehen und die sich mehr oder weniger heimlich einen neuen Hitler wünschen, der für Ordnung sorgt. Keine Angst, ich habe die Predigt nicht mit den Fernsehnachrichten, mit hart aber fair, Anne Will oder Menschen bei Maischberger verwechselt. Es geht nicht um politische Propaganda. Es geht nicht darum, dass ich als Pfarrer jetzt erst mal allen sagen will, was richtig und was falsch ist. Es geht um das Erbe, das Paulus uns mit dem hinterlassen hat, was er an die Gemeinde in Rom lange vor unserer Zeit geschrieben hat. Als Christ, noch dazu als Pfarrer, bekomme ich öfter mal zu hören: „Weißt du, die Bibel, das ist doch was für das Privatleben. Eigentlich gar nicht mehr aktuell. Fürs stille Kämmerlein und die seelische Erbauung in schlechten Zeiten vielleicht gut.“ Das, was Paulus im 8. Kapitel des Römerbriefs schreibt, hat aber mit Rückzug ins stille Kämmerlein und mit Beschränkung auf die eigene Seele rein gar nichts zu tun. Er macht den Blick ganz weit. Es geht eben nicht nur um mich und meine Seele, um meine Familie, meine Kirche oder mein Land, mein Volk. Mit Jesus hat Gott ein Zeichen der Hoffnung für die ganze Schöpfung aufgerichtet. Die Hoffnung, die Erlösung, die Liebe, macht vor den Grenzen, die wir immer wieder gern ziehen, nicht halt. Seine Liebe, die Erlösung durch ihn, ist maß- und grenzenlos. Gott nimmt die Welt, die Schöpfung in den Blick. Und als Christ, als Mensch, der sich zu Jesus bekennt, der auf ihn seine Hoffnung setzt, kann ich deshalb die Augen nicht vor der Welt zu machen. Der Theologieprofessor und Pfarrer Karl Barth soll vor ungefähr 90 Jahren mal sinngemäß gesagt haben: als Pfarrer, als Christ, muss ich immer die Bibel in der einen und die Zeitung in der anderen Hand haben. Heute würde man vielleicht sagen, mit einem Auge muss ich in die Bibel und mit dem anderen ins Internet und ins Fernsehen schauen. Es geht darum, dass ich die Welt sehe, wie sie ist, wahrnehme, was in der Welt los ist. Denn diese Welt ist Gottes Welt. Diese Welt ist es, der Gott Erlösung verspricht. Nicht meine kleine, private Welt, in der ich es mir so einrichte, dass es mir passt. Wer mit offenen Augen, Ohren und Herzen in der Welt unterwegs ist, der hört ganz bestimmt eine Menge von dem Seufzen der Schöpfung, der bekommt etwas mit vom ängstlichen Warten darauf, dass sich endlich mal was zum Guten ändert. Und das ist ja nicht nur bei anderen und irgendwo in der Welt so. Auch im eigenen Leben gibt es manches, was Angst macht. Ich erspare mir, euch und ihnen mal, Beispiele aufzuzählen. Gott sei es geklagt, viel zu viel ist da, wo Erlösung dringend nötig ist. Aber ich glaube, über alle ganz persönlichen Probleme und Angstmacher hinaus gibt es zwei, drei Dinge, die grundlegend Angst machen und die Paulus in diesen Versen aus dem Römerbrief auch anspricht.
Da ist einmal die Erfahrung der Vergänglichkeit. Leben in dieser Welt hat ein sichtbares Ende. Und von Menschen, die für mein Leben wichtig sind, muss ich immer wieder Abschied nehmen. Und zuletzt sicher auch von dem Wunsch, ewig jung und kraftvoll bleiben zu können und ohne Leid leben zu können. Nichts von dem, was Menschen sich in ihrem Leben aufbauen, bleibt ewig.
Zum anderen ist da, und das hängt mit der Erfahrung der Vergänglichkeit zusammen, das Erleben des Gefühls von Überforderung und auch Resignation. Von mir selbst kenne ich ganz gut den Gedanken: „Ich muss anpacken, ich muss selbst dafür sorgen, dass das was wird.“ Und dann merke ich doch mehr oder weniger schnell, dass ich eben nicht jedem das geben kann, was er braucht und mich nicht für jedes Problem, das dringend ist, einsetzen kann. Manche wollen vielleicht auch die Hilfe, die ich anbieten kann, gar nicht. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wer sich nicht von vornherein gegen alles abschirmt und sagt: das geht mich nichts an, der wird heute mit einer solchen Fülle von Nachrichten, Eindrücken und Möglichkeiten bombardiert, dass es er sich schnell ganz klein und ohnmächtig fühlt und sich dann doch aus Frust, nicht alles, was wichtig ist, tun zu können, zurückzieht. Paulus verabreicht uns aber durch das, was er hier im Römerbrief schreibt, eine Art Frustschutzmittel.
Erstens erwartet er nicht von Christen, dass sie Super-männer und Superfrauen sind, die sich für alles einsetzen und perfekt sind. Wir stehen als Christen in einer Reihe mit der ganzen Schöpfung, die auf die Erlösung wartet. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes, schreibt er. Zweitens ist die Offenbarung der Herrlichkeit, das Ende aller Leiden, die Vollendung zum Guten nichts, was Menschen herstellen können. Auch noch so gute Christen nicht. Wir alle unterliegen der Vergänglichkeit. Alles, was wir tun und lassen ist vorläufig, nicht ewig. Wo das verwechselt wird, wo Menschen sich anmaßen, allein die Welt zum Guten bringen zu können, ist Diktatur und Unterdrückung nicht weit. Gottesstaaten, Führerstaaten, der Sozialismus mit menschlichem Gesicht – alle Versuche, als Mensch vollkommenes Glück, und sei es auch nur für das eigene Volk oder die eigene Glaubensgemeinschaft, herstellen zu wollen, scheitern und führen zu Gewalt, Maßlosigkeit und Unterdrückung. In Nord-Korea und im Iran, in China, früher in der Sowjetunion, erst recht in Deutschland zur Zeit der Nazis, aber auch in dem Gottesstaat, der vor fast 500 Jahren in Genf eingerichtet wurde oder bei den Verfolgungen von sogenannten Ketzern oder Hexen. Wo Menschen Erlösung herbeizwingen wollen bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke. Heute, am Volkstrauertag, wird vielerorts an die Opfer solcher Unmenschlichkeit, von Krieg, Nazidiktatur und Stalinismus erinnert. Zu Recht. Damit wir nicht ver-gessen, wohin es führt, wenn Menschen sich an Gottes Stelle setzen. Und sei es manchmal auch angeblich im Namen Gottes. Nicht ich, nicht wir müssen letzte Erlösung schaffen. Der zweite Teil des Frustschutzmittels Römerbrief.
Der dritte Teil ist die Hoffnung, von der Paulus erzählt. Die Hoffnung, dass die Herrlichkeit Gottes alle Leiden überstrahlt, nicht ungeschehen, aber erträglich macht. Die Hoffnung, dass wir und mit uns die Welt durch Gott von allem Leiden, von aller Vorläufigkeit und Vergänglichkeit erlöst wird. Eine Hoffnung, die manchmal dem widerspricht, was sichtbar ist. Hoffnung als Widerspruch gegen das, was als normal, als unabwendbar hingestellt wird. Ein, wie ich finde, schöner Gedanke. Auch bei dem, was offene Augen einem alles zeigen: die ungelösten Fragen beim Atommüll, Gewalt und Leid in Kriegen, Verfolgungen wegen des Glaubens, Menschen, die glauben, andere zu Menschen zweiter oder dritter Klasse machen zu müssen. Hoffnung als Widerspruch gegen das Sichtbare. Paulus macht uns Mut, so zu hoffen. Wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. So schreibt es Paulus. Hoffnung. Nicht, weil wir Träumer sind, die ihre Augen vor der Wirklichkeit zumachen. Sondern weil wir wissen, dass die Wirklichkeit, die Gott schenken wird, mehr bringt als das, was wir kennen und uns vorstellen können. Hoffen, nicht, in dem wir unsere Hände in den Schoß legen oder mit Gewalt unsere Hoffnung durchsetzen. Sondern in dem wir uns für das Leben, das Gott bereit hält, einsetzen. Ohne dabei unseren Willen mit Gottes Willen zu verwechseln. Was in 35000 Jahren sein wird, wissen wir nicht. Aber wir können heute Hoffnung leben und so Zeichen für das Leben setzen.
Amen
Liebe Gemeinde!
Können Sie sich an die Zeit vor 35000 Jahren erinnern? Kleine Gedächtnishilfe: damals entstanden die allerersten Höhlenmalereien. Mitten in der Steinzeit. Lange her. Natürlich jenseits unserer Vorstellungskraft. Aber in 35000 Jahren wird das Plutonium, das heute als Atommüll aus unserem Stromverbrauch eingelagert wird, immer noch lebensgefährlich strahlen. Menschen haben letztes Wochenende gegen diesen Müll demonstriert. Allein der Polizeieinsatz hat so viel Geld gekostet, dass 1600 Familien, die Hartz IV bekommen, ein Jahr lang davon unterstützt werden könnten. Jeden Tag verschwinden Regenwaldflächen von der mehrfachen Größe Marburgs für immer. Jeden Tag sterben in Eritrea, Somalia und Äthiopien unzählige Menschen an Hunger und vermeidbaren Krankheiten, weil dort Krieg geführt wird. Christen im Irak werden immer häufiger bedroht und umgebracht, die Welt schaut staunend zu, auch wir Christen in sicheren Ländern. Auch 65 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der Massenvernichtung von Juden und Andersdenkenden gibt es immer noch genügend Menschen, die Menschen mit jüdischer Religion als Unglück für unser Volk ansehen und die sich mehr oder weniger heimlich einen neuen Hitler wünschen, der für Ordnung sorgt. Keine Angst, ich habe die Predigt nicht mit den Fernsehnachrichten, mit hart aber fair, Anne Will oder Menschen bei Maischberger verwechselt. Es geht nicht um politische Propaganda. Es geht nicht darum, dass ich als Pfarrer jetzt erst mal allen sagen will, was richtig und was falsch ist. Es geht um das Erbe, das Paulus uns mit dem hinterlassen hat, was er an die Gemeinde in Rom lange vor unserer Zeit geschrieben hat. Als Christ, noch dazu als Pfarrer, bekomme ich öfter mal zu hören: „Weißt du, die Bibel, das ist doch was für das Privatleben. Eigentlich gar nicht mehr aktuell. Fürs stille Kämmerlein und die seelische Erbauung in schlechten Zeiten vielleicht gut.“ Das, was Paulus im 8. Kapitel des Römerbriefs schreibt, hat aber mit Rückzug ins stille Kämmerlein und mit Beschränkung auf die eigene Seele rein gar nichts zu tun. Er macht den Blick ganz weit. Es geht eben nicht nur um mich und meine Seele, um meine Familie, meine Kirche oder mein Land, mein Volk. Mit Jesus hat Gott ein Zeichen der Hoffnung für die ganze Schöpfung aufgerichtet. Die Hoffnung, die Erlösung, die Liebe, macht vor den Grenzen, die wir immer wieder gern ziehen, nicht halt. Seine Liebe, die Erlösung durch ihn, ist maß- und grenzenlos. Gott nimmt die Welt, die Schöpfung in den Blick. Und als Christ, als Mensch, der sich zu Jesus bekennt, der auf ihn seine Hoffnung setzt, kann ich deshalb die Augen nicht vor der Welt zu machen. Der Theologieprofessor und Pfarrer Karl Barth soll vor ungefähr 90 Jahren mal sinngemäß gesagt haben: als Pfarrer, als Christ, muss ich immer die Bibel in der einen und die Zeitung in der anderen Hand haben. Heute würde man vielleicht sagen, mit einem Auge muss ich in die Bibel und mit dem anderen ins Internet und ins Fernsehen schauen. Es geht darum, dass ich die Welt sehe, wie sie ist, wahrnehme, was in der Welt los ist. Denn diese Welt ist Gottes Welt. Diese Welt ist es, der Gott Erlösung verspricht. Nicht meine kleine, private Welt, in der ich es mir so einrichte, dass es mir passt. Wer mit offenen Augen, Ohren und Herzen in der Welt unterwegs ist, der hört ganz bestimmt eine Menge von dem Seufzen der Schöpfung, der bekommt etwas mit vom ängstlichen Warten darauf, dass sich endlich mal was zum Guten ändert. Und das ist ja nicht nur bei anderen und irgendwo in der Welt so. Auch im eigenen Leben gibt es manches, was Angst macht. Ich erspare mir, euch und ihnen mal, Beispiele aufzuzählen. Gott sei es geklagt, viel zu viel ist da, wo Erlösung dringend nötig ist. Aber ich glaube, über alle ganz persönlichen Probleme und Angstmacher hinaus gibt es zwei, drei Dinge, die grundlegend Angst machen und die Paulus in diesen Versen aus dem Römerbrief auch anspricht.
Da ist einmal die Erfahrung der Vergänglichkeit. Leben in dieser Welt hat ein sichtbares Ende. Und von Menschen, die für mein Leben wichtig sind, muss ich immer wieder Abschied nehmen. Und zuletzt sicher auch von dem Wunsch, ewig jung und kraftvoll bleiben zu können und ohne Leid leben zu können. Nichts von dem, was Menschen sich in ihrem Leben aufbauen, bleibt ewig.
Zum anderen ist da, und das hängt mit der Erfahrung der Vergänglichkeit zusammen, das Erleben des Gefühls von Überforderung und auch Resignation. Von mir selbst kenne ich ganz gut den Gedanken: „Ich muss anpacken, ich muss selbst dafür sorgen, dass das was wird.“ Und dann merke ich doch mehr oder weniger schnell, dass ich eben nicht jedem das geben kann, was er braucht und mich nicht für jedes Problem, das dringend ist, einsetzen kann. Manche wollen vielleicht auch die Hilfe, die ich anbieten kann, gar nicht. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wer sich nicht von vornherein gegen alles abschirmt und sagt: das geht mich nichts an, der wird heute mit einer solchen Fülle von Nachrichten, Eindrücken und Möglichkeiten bombardiert, dass es er sich schnell ganz klein und ohnmächtig fühlt und sich dann doch aus Frust, nicht alles, was wichtig ist, tun zu können, zurückzieht. Paulus verabreicht uns aber durch das, was er hier im Römerbrief schreibt, eine Art Frustschutzmittel.
Erstens erwartet er nicht von Christen, dass sie Super-männer und Superfrauen sind, die sich für alles einsetzen und perfekt sind. Wir stehen als Christen in einer Reihe mit der ganzen Schöpfung, die auf die Erlösung wartet. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes, schreibt er. Zweitens ist die Offenbarung der Herrlichkeit, das Ende aller Leiden, die Vollendung zum Guten nichts, was Menschen herstellen können. Auch noch so gute Christen nicht. Wir alle unterliegen der Vergänglichkeit. Alles, was wir tun und lassen ist vorläufig, nicht ewig. Wo das verwechselt wird, wo Menschen sich anmaßen, allein die Welt zum Guten bringen zu können, ist Diktatur und Unterdrückung nicht weit. Gottesstaaten, Führerstaaten, der Sozialismus mit menschlichem Gesicht – alle Versuche, als Mensch vollkommenes Glück, und sei es auch nur für das eigene Volk oder die eigene Glaubensgemeinschaft, herstellen zu wollen, scheitern und führen zu Gewalt, Maßlosigkeit und Unterdrückung. In Nord-Korea und im Iran, in China, früher in der Sowjetunion, erst recht in Deutschland zur Zeit der Nazis, aber auch in dem Gottesstaat, der vor fast 500 Jahren in Genf eingerichtet wurde oder bei den Verfolgungen von sogenannten Ketzern oder Hexen. Wo Menschen Erlösung herbeizwingen wollen bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke. Heute, am Volkstrauertag, wird vielerorts an die Opfer solcher Unmenschlichkeit, von Krieg, Nazidiktatur und Stalinismus erinnert. Zu Recht. Damit wir nicht ver-gessen, wohin es führt, wenn Menschen sich an Gottes Stelle setzen. Und sei es manchmal auch angeblich im Namen Gottes. Nicht ich, nicht wir müssen letzte Erlösung schaffen. Der zweite Teil des Frustschutzmittels Römerbrief.
Der dritte Teil ist die Hoffnung, von der Paulus erzählt. Die Hoffnung, dass die Herrlichkeit Gottes alle Leiden überstrahlt, nicht ungeschehen, aber erträglich macht. Die Hoffnung, dass wir und mit uns die Welt durch Gott von allem Leiden, von aller Vorläufigkeit und Vergänglichkeit erlöst wird. Eine Hoffnung, die manchmal dem widerspricht, was sichtbar ist. Hoffnung als Widerspruch gegen das, was als normal, als unabwendbar hingestellt wird. Ein, wie ich finde, schöner Gedanke. Auch bei dem, was offene Augen einem alles zeigen: die ungelösten Fragen beim Atommüll, Gewalt und Leid in Kriegen, Verfolgungen wegen des Glaubens, Menschen, die glauben, andere zu Menschen zweiter oder dritter Klasse machen zu müssen. Hoffnung als Widerspruch gegen das Sichtbare. Paulus macht uns Mut, so zu hoffen. Wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. So schreibt es Paulus. Hoffnung. Nicht, weil wir Träumer sind, die ihre Augen vor der Wirklichkeit zumachen. Sondern weil wir wissen, dass die Wirklichkeit, die Gott schenken wird, mehr bringt als das, was wir kennen und uns vorstellen können. Hoffen, nicht, in dem wir unsere Hände in den Schoß legen oder mit Gewalt unsere Hoffnung durchsetzen. Sondern in dem wir uns für das Leben, das Gott bereit hält, einsetzen. Ohne dabei unseren Willen mit Gottes Willen zu verwechseln. Was in 35000 Jahren sein wird, wissen wir nicht. Aber wir können heute Hoffnung leben und so Zeichen für das Leben setzen.
Amen
Sonntag, 7. November 2010
Ich bin... - Wirklich? Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 7.11.2010, Reihe II
Predigttext: Römer 14,7-9
Eingangsdialog
Lisa: Wer bin ich?
Marcel: Na, Lisa natürlich!
Lisa: Das weiß ich selbst! Aber wer bin ich eigentlich?
Marcel: Du bist fast meine Nachbarin und die Tochter von Sabiene Kellermann.
Lisa: Ja, schon klar. Aber das reicht doch nicht! Ich bin doch mehr!
Marcel: Also gut, von mir aus: du bist die Schwester von Maurice und Raphael, du bist Schülerin der Martin-Luther-Schule, du bist Konfirmandin…
Lisa: Das weiß ich doch, aber da muss doch noch mehr sein! Wer bin ich denn wirklich?
Marcel: Also, da kann ich dir jetzt auch nicht weiterhelfen. Wer du bist, wer soll das denn wissen, wenn du das nicht weißt?
Liebe Gemeinde!
Spinnereien von Jugendlichen, Haarspaltereien, Kleinkram – so kann man das Gespräch von Lisa und Marcel abtun. Typisch Pubertät, nicht mehr richtig Kind, längst noch nicht erwachsen, irgendwo dazwischen, da ist man halt verwirrt und fragt sich so komisches Zeug, wer man denn nun ist. Ja, als Erwachsener, da muss man im Leben stehen und wissen, wer man ist. Aber weiß ich wirklich, wer ich bin? Der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der im Konzentrationslager saß, weil er ein Attentat auf Hitler vorbereitete und der von den Nazis umgebracht wurde, hatte da auch als Erwachsener so seine Zweifel. Er schrieb an einen Freund: Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Wer bin ich? Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! Klar, auch bei ihm könnte man sagen: der hat halt im Gefängnis zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt und das KZ hat ihn unsicher gemacht. Als Erwachsener weiß man, wer man ist. Kann man sagen. Man. Ich nicht. Zu vielfäl-tig ist das, was mich zu dem gemacht hat, der ich im Moment bin. Und meine Eltern nehmen mich anders wahr als meine Frau. Meine Schüler anders als die Menschen im Altersheim, die ich besuche. Und was denke ich über mich? An Tagen, an denen alles klappt und ich net-ten Menschen begegne oft, dass ich ein ganz guter Kerl bin. Aber leider gibt’s auch andre Tage. Mit dem Ich ist das doch so eine Sache. Keiner von uns kommt als unbe-schriebenes Blatt zur Welt. Nicht nur genetisch geben uns unsere Eltern etwas mit. Und die Umgebung, in die wir hineinwachsen, lässt uns auch nicht unberührt. Niemand kann was für seine Eltern. Und trotzdem steht schon eine Menge auf unserem Lebensblatt, wenn wir die ersten Atemzüge außerhalb des Mutterleibes machen. Eine Menge können wir dann selbst auf das Blatt unseres Le-bens schreiben. Aber es ist schlicht falsch, einfach zu sagen: jeder ist seines Glückes Schmied und hat sein Schicksal selbst in der Hand. Wer bin ich also? Dietrich Bonhoeffer hat eine Antwort gefunden: Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! Eine Antwort, die eigentlich schon viel älter ist als die fast 70 Jahre, die der Brief von Bonhoeffer an seinen Freund auf dem Buckel hat. Paulus schreibt nämlich in seinem Brief an die Gemeinde in Rom im 14. Kapitel: Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
Ja, keiner lebt sich selber. Hört sich altmodischer an, als es ist. Keiner lebt, weil er das für sich selbst entschieden hätte, aus eigenem Antrieb und aus eigenem Willen. Und keiner lebt für sich allein. Binsenweisheiten. Aber es tut gut, sich immer mal wieder klar zu machen, dass es weder mein Verdienst noch meine Schuld ist, dass ich lebe. Und das alles, was ich tue oder lasse, auch Auswirkungen auf andere hat. Ich kann andere zum Lachen oder zum Weinen bringen, ich kann ihnen Gutes tun oder schaden. Selbst Gleichgültigkeit kann manchmal gut tun, wenn sie dem anderen zeigt: mach ruhig, was du für richtig hältst. Gleichgültigkeit kann aber auch schaden, weil eine eigentlich nötige Hilfe nicht geleistet wird. Keiner lebt sich selber – und keiner stirbt sich sel-ber. Scheinbar ganz banal: jeder Tod hat Auswirkungen auf das Leben von anderen, und sei es vielleicht auch nur dadurch, dass ein Platz in einem Seniorenheim frei wird, wenn keiner da ist, der wirklich trauert. Aber hinter beidem, hinter keiner lebt sich selber und hinter keiner stirbt sich selber steckt sehr, sehr viel mehr. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Dem Herrn leben, Gott zu leben, das heißt nicht, dass wir mit unserem Leben Gott dadurch eine Freude machen sollen, dass wir immer schön dass machen, wovon andere sagen, dass Gott es so will. Dem Herrn zu le-ben, das heißt, Gott die Ehre zu geben. Und zwar dadurch, dass wir unser Leben wirklich als unser Leben annehmen. Dadurch, dass wir die Verantwortung annehmen, die Gott uns für unser Leben gibt. Und dass wir daraufhin leben, der oder die zu werden, den oder die Gott in uns sieht. Typisch komplizierter Kling-Böhm-Satz, denken manche vielleicht mal wieder. Dem Herrn, also Gott, zu leben, das heißt erstmal, kein anderer sein zu wollen und Verantwortung für das Leben nicht abzuschieben. Eigentlich Trost und Freiheit. Ich bin was wert, auch wenn ich die Erwartungen meiner Eltern oder meiner Kinder, je nach Blickwinkel, nicht erfülle. Ich bin ein Christ, auch wenn ich nicht alles mache, von dem andere sagen, dass es unbedingt dazugehört. Wir leben nicht, um vor anderen gut da zu stehen, wir leben nicht, um von anderen geliebt zu werden, sondern um selbst zu lieben. Die Menschen und Gott. Wir leben, weil wir geliebt werden. Von Gott. Paulus schreibt seine Be-trachtung über das Leben und Sterben in einem ganz kon-kreten Zusammenhang. Ganz verkürzt könnte man sagen: es ging unter anderem darum, ob ich als Christ Fleisch essen darf oder nicht. Keiner von euch steht höher als der andere, schreibt Paulus dann. Jeder steht mit seinem Glauben und seinem Leben vor Gott. Jeder muss sich für sein Leben, für seinen Glauben verantworten. Gott schenkt uns Freiheit, und wenn du daraus ableitest, dass es keine Gebote über das Essen gibt, dann iss das Fleisch mit gutem Gewissen. Aber du hast es doch nicht nötig, andere zu provozieren. Wenn solche dabei sind, die sich dadurch angegriffen fühlen, dann halte dich ruhig auch mal zurück. Das sind doch alles vorletzte Dinge. Mach nichts wichtiger als es ist. Und wenn es für dich wichtig ist, kein Fleisch zu essen, dann akzeptiere auch, dass es für andere anders sein kann. Vor Gott muss sich der andere verantworten, nicht vor dir! Gelassenheit im Glauben, Gelassenheit im Umgang miteinander. Gelassenheit, nicht Gleichgültigkeit. Gelassenheit, aus der Liebe wachsen kann. Weil ich weder mich noch den anderen ständig umformen muss, sondern weil ich mich und mein Leben ganz Gott anvertrauen darf und weiß, dass der der andere das auch darf. Auch dann, wenn er ganz anders ist als ich. Ich glaube, dass diese Denkweise bis heute wichtig und leider immer seltener anzutreffen ist. Viel zu viel Energie wird aufs Rechthaben verschwendet und die fehlt dann beim rechten Handeln. Wer bin ich nun also? Da kann ich keine Antwort drauf geben. Niemanden. Denn die Frage kann nie abstrakt einfach so beantwortet werden. Immer nur in Beziehung. Wer bin ich – für mich, für meine Freunde, für meine Familie, für die Gemeinde, für den Menschen, der mir morgen früh begegnet? Und die Antworten werden ver-schieden ausfallen. Wer bin ich – am Ende lässt sich das nur von Gott beantworten. Niemand von uns überblickt sein Leben, sein Tun und Lassen, die Konsequenzen davon ganz und gar. Wer bin ich – ein Mensch. Dessen Leben einen sichtbaren Anfang und ein sichtbares Ende hat. Dessen Leben aber vor Gott und für Gott mehr ist als diese sichtbare Zeitspanne. Ein Mensch mit Freiheit und Verantwortung. Ein Mensch, der sich auf das verlassen darf, was Paulus auch schreibt: Dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über tote und Lebendige Herr sei. Gott lässt uns nicht im Tod, nicht in unserer Schuld stehen. Gott wird uns vor unser Leben, vor unsere Verantwortung, vor das Gelungene und vor die Schuld stellen. Wir werden die Konsequenzen sehen. Aber wir können sie tragen, weil Gottes Liebe, die er uns in Christus gezeigt hat, uns trägt. Wir können leben. Wir müssen dabei nicht ein anderer werden, sondern wir dürfen wir selbst werden. Weil Gott mein Leben will. Weil Gott mein Leben hält. Mein Leben. Und nicht ein fremdes Leben, das ich vorspiele, um anderen zu gefallen.
Amen
Eingangsdialog
Lisa: Wer bin ich?
Marcel: Na, Lisa natürlich!
Lisa: Das weiß ich selbst! Aber wer bin ich eigentlich?
Marcel: Du bist fast meine Nachbarin und die Tochter von Sabiene Kellermann.
Lisa: Ja, schon klar. Aber das reicht doch nicht! Ich bin doch mehr!
Marcel: Also gut, von mir aus: du bist die Schwester von Maurice und Raphael, du bist Schülerin der Martin-Luther-Schule, du bist Konfirmandin…
Lisa: Das weiß ich doch, aber da muss doch noch mehr sein! Wer bin ich denn wirklich?
Marcel: Also, da kann ich dir jetzt auch nicht weiterhelfen. Wer du bist, wer soll das denn wissen, wenn du das nicht weißt?
Liebe Gemeinde!
Spinnereien von Jugendlichen, Haarspaltereien, Kleinkram – so kann man das Gespräch von Lisa und Marcel abtun. Typisch Pubertät, nicht mehr richtig Kind, längst noch nicht erwachsen, irgendwo dazwischen, da ist man halt verwirrt und fragt sich so komisches Zeug, wer man denn nun ist. Ja, als Erwachsener, da muss man im Leben stehen und wissen, wer man ist. Aber weiß ich wirklich, wer ich bin? Der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der im Konzentrationslager saß, weil er ein Attentat auf Hitler vorbereitete und der von den Nazis umgebracht wurde, hatte da auch als Erwachsener so seine Zweifel. Er schrieb an einen Freund: Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Wer bin ich? Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! Klar, auch bei ihm könnte man sagen: der hat halt im Gefängnis zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt und das KZ hat ihn unsicher gemacht. Als Erwachsener weiß man, wer man ist. Kann man sagen. Man. Ich nicht. Zu vielfäl-tig ist das, was mich zu dem gemacht hat, der ich im Moment bin. Und meine Eltern nehmen mich anders wahr als meine Frau. Meine Schüler anders als die Menschen im Altersheim, die ich besuche. Und was denke ich über mich? An Tagen, an denen alles klappt und ich net-ten Menschen begegne oft, dass ich ein ganz guter Kerl bin. Aber leider gibt’s auch andre Tage. Mit dem Ich ist das doch so eine Sache. Keiner von uns kommt als unbe-schriebenes Blatt zur Welt. Nicht nur genetisch geben uns unsere Eltern etwas mit. Und die Umgebung, in die wir hineinwachsen, lässt uns auch nicht unberührt. Niemand kann was für seine Eltern. Und trotzdem steht schon eine Menge auf unserem Lebensblatt, wenn wir die ersten Atemzüge außerhalb des Mutterleibes machen. Eine Menge können wir dann selbst auf das Blatt unseres Le-bens schreiben. Aber es ist schlicht falsch, einfach zu sagen: jeder ist seines Glückes Schmied und hat sein Schicksal selbst in der Hand. Wer bin ich also? Dietrich Bonhoeffer hat eine Antwort gefunden: Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! Eine Antwort, die eigentlich schon viel älter ist als die fast 70 Jahre, die der Brief von Bonhoeffer an seinen Freund auf dem Buckel hat. Paulus schreibt nämlich in seinem Brief an die Gemeinde in Rom im 14. Kapitel: Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.
Ja, keiner lebt sich selber. Hört sich altmodischer an, als es ist. Keiner lebt, weil er das für sich selbst entschieden hätte, aus eigenem Antrieb und aus eigenem Willen. Und keiner lebt für sich allein. Binsenweisheiten. Aber es tut gut, sich immer mal wieder klar zu machen, dass es weder mein Verdienst noch meine Schuld ist, dass ich lebe. Und das alles, was ich tue oder lasse, auch Auswirkungen auf andere hat. Ich kann andere zum Lachen oder zum Weinen bringen, ich kann ihnen Gutes tun oder schaden. Selbst Gleichgültigkeit kann manchmal gut tun, wenn sie dem anderen zeigt: mach ruhig, was du für richtig hältst. Gleichgültigkeit kann aber auch schaden, weil eine eigentlich nötige Hilfe nicht geleistet wird. Keiner lebt sich selber – und keiner stirbt sich sel-ber. Scheinbar ganz banal: jeder Tod hat Auswirkungen auf das Leben von anderen, und sei es vielleicht auch nur dadurch, dass ein Platz in einem Seniorenheim frei wird, wenn keiner da ist, der wirklich trauert. Aber hinter beidem, hinter keiner lebt sich selber und hinter keiner stirbt sich selber steckt sehr, sehr viel mehr. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Dem Herrn leben, Gott zu leben, das heißt nicht, dass wir mit unserem Leben Gott dadurch eine Freude machen sollen, dass wir immer schön dass machen, wovon andere sagen, dass Gott es so will. Dem Herrn zu le-ben, das heißt, Gott die Ehre zu geben. Und zwar dadurch, dass wir unser Leben wirklich als unser Leben annehmen. Dadurch, dass wir die Verantwortung annehmen, die Gott uns für unser Leben gibt. Und dass wir daraufhin leben, der oder die zu werden, den oder die Gott in uns sieht. Typisch komplizierter Kling-Böhm-Satz, denken manche vielleicht mal wieder. Dem Herrn, also Gott, zu leben, das heißt erstmal, kein anderer sein zu wollen und Verantwortung für das Leben nicht abzuschieben. Eigentlich Trost und Freiheit. Ich bin was wert, auch wenn ich die Erwartungen meiner Eltern oder meiner Kinder, je nach Blickwinkel, nicht erfülle. Ich bin ein Christ, auch wenn ich nicht alles mache, von dem andere sagen, dass es unbedingt dazugehört. Wir leben nicht, um vor anderen gut da zu stehen, wir leben nicht, um von anderen geliebt zu werden, sondern um selbst zu lieben. Die Menschen und Gott. Wir leben, weil wir geliebt werden. Von Gott. Paulus schreibt seine Be-trachtung über das Leben und Sterben in einem ganz kon-kreten Zusammenhang. Ganz verkürzt könnte man sagen: es ging unter anderem darum, ob ich als Christ Fleisch essen darf oder nicht. Keiner von euch steht höher als der andere, schreibt Paulus dann. Jeder steht mit seinem Glauben und seinem Leben vor Gott. Jeder muss sich für sein Leben, für seinen Glauben verantworten. Gott schenkt uns Freiheit, und wenn du daraus ableitest, dass es keine Gebote über das Essen gibt, dann iss das Fleisch mit gutem Gewissen. Aber du hast es doch nicht nötig, andere zu provozieren. Wenn solche dabei sind, die sich dadurch angegriffen fühlen, dann halte dich ruhig auch mal zurück. Das sind doch alles vorletzte Dinge. Mach nichts wichtiger als es ist. Und wenn es für dich wichtig ist, kein Fleisch zu essen, dann akzeptiere auch, dass es für andere anders sein kann. Vor Gott muss sich der andere verantworten, nicht vor dir! Gelassenheit im Glauben, Gelassenheit im Umgang miteinander. Gelassenheit, nicht Gleichgültigkeit. Gelassenheit, aus der Liebe wachsen kann. Weil ich weder mich noch den anderen ständig umformen muss, sondern weil ich mich und mein Leben ganz Gott anvertrauen darf und weiß, dass der der andere das auch darf. Auch dann, wenn er ganz anders ist als ich. Ich glaube, dass diese Denkweise bis heute wichtig und leider immer seltener anzutreffen ist. Viel zu viel Energie wird aufs Rechthaben verschwendet und die fehlt dann beim rechten Handeln. Wer bin ich nun also? Da kann ich keine Antwort drauf geben. Niemanden. Denn die Frage kann nie abstrakt einfach so beantwortet werden. Immer nur in Beziehung. Wer bin ich – für mich, für meine Freunde, für meine Familie, für die Gemeinde, für den Menschen, der mir morgen früh begegnet? Und die Antworten werden ver-schieden ausfallen. Wer bin ich – am Ende lässt sich das nur von Gott beantworten. Niemand von uns überblickt sein Leben, sein Tun und Lassen, die Konsequenzen davon ganz und gar. Wer bin ich – ein Mensch. Dessen Leben einen sichtbaren Anfang und ein sichtbares Ende hat. Dessen Leben aber vor Gott und für Gott mehr ist als diese sichtbare Zeitspanne. Ein Mensch mit Freiheit und Verantwortung. Ein Mensch, der sich auf das verlassen darf, was Paulus auch schreibt: Dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über tote und Lebendige Herr sei. Gott lässt uns nicht im Tod, nicht in unserer Schuld stehen. Gott wird uns vor unser Leben, vor unsere Verantwortung, vor das Gelungene und vor die Schuld stellen. Wir werden die Konsequenzen sehen. Aber wir können sie tragen, weil Gottes Liebe, die er uns in Christus gezeigt hat, uns trägt. Wir können leben. Wir müssen dabei nicht ein anderer werden, sondern wir dürfen wir selbst werden. Weil Gott mein Leben will. Weil Gott mein Leben hält. Mein Leben. Und nicht ein fremdes Leben, das ich vorspiele, um anderen zu gefallen.
Amen
Sonntag, 24. Oktober 2010
Das Böse und der Alltag - von kleinen und großen Kämpfen, 24.10.2010, 21. nach Trinitatis, Reihe II
Text: Epheser 6,10-17
Liebe Gemeinde!
Es ist ein ganz normaler Abend. Wie fast jeden Abend steht die Clique zusammen. Einer hat Bier organisiert, reichlich Bier. Tim steht dabei. Trinkt weniger als die anderen. Er spürt schon: Wenn das Bier alle ist, wird’s wieder ungemütlich. Irgendwas geht heute noch zu Bruch. Er hat keine Lust mehr, will heim. Doch die anderen sind an ihm dran. „Du gehörst doch zu uns! Mach mit! Du bist doch kein Opfer! Wenn du jetzt gehst, brauchst du nicht mehr wiederzukommen.“ Einfach so haut Stefan ihm eine rein. „Du Opfer, wehr dich!“ Und jetzt? Wehren? Mitmachen? Abhauen?
Es ist ein ganz normaler Abend. Herr Müller kommt nach Hause. Schlecht gelaunt. Die Arbeit macht ihm keinen Spaß mehr. Zwei, drei Bier hat er nach Feierabend mit den Kollegen schon gekippt. Ein paar Schnäpschen zum Entspannen können ja jetzt nichts schaden. Die Frau hat gekocht, er hat keine Lust dran. Es setzt die ersten lauten Worte, eine Ohrfeige. Der Sohn kommt heim, bringt eine 5 in Mathe mit, es wird laut, Gläser und Fäuste fliegen.
Ein ganz normaler Abend. Maxi kommt heim. Die Mutter steht schon in der Tür. „Die Polizei hat gerade angerufen. Du sollst morgen für eine Zeugenaussage kommen. Anna hat Jerome angezeigt, der soll ihr 50 Euro in der Schule geklaut haben, Geld für die Klassenfahrt. Jerome hat dich als Entlastungszeugen angegeben.“ Dabei hat Maxi gesehen, wie Jerome das Geld nahm. Lügen für den Freund, damit er nicht selbst das nächste Opfer wird? Was wird morgen? Ein ganz normaler Abend. Die Schmerzen von Frau Schulze sind unerträglich. Der Krebs hat sich im ganzen Körper ausgebreitet. Niemand ist bei ihr. Und da sind wieder die Gedanken: soll ich nicht einfach die letzten Kräfte zusammennehmen, zum Balkon gehen? Aus dem 6. Stock auf den Parkplatz, das müsste doch reichen! Ein ganz normaler Abend…
Ich kann auch schöne Sachen von ganz normalen Aben-den erzählen. Von einem Ehepaar, das gern miteinander isst und sich vom Tag erzählt. von einer Mutter, die nach einem langen eigenen Arbeitstag ihrer Tochter bei den Hausaufgaben hilft. Von einem Vater, der es sich nicht nehmen lässt, seinem kleinen Sohn abends noch eine Ge-schichte zu erzählen. Gott sei Dank ist das Leben auch so.
Aber es ist, manchmal auf viel zu viele Arten, oft genug auch ein Kampf. Ein Kampf gegen die feurigen Pfeile des Bösen, um es mal so auszudrücken, wie es der Schreiber des Epheserbriefs in der Bibel sagt.
Von Kämpfen, von einer Rüstung, von einem Abwehr-panzer erzählt dieser Brief. Ja, und ich glaube, dass wir Menschen das brauchen und es uns immer wieder wün-schen. Eine Rüstung, einen Panzer, der uns vor dem Bö-sen schützt. Manchmal kommt dieser Panzer fast von al-lein. Wer Böses erlebt, kann ganz schön hart werden. Wie eine Schale legt sich dieser Panzer um die Seele. Wenn ich geschlagen werde, dann wehre ich mich mit Gewalt. Das Opfer ist mir egal, so ist dann die Reaktion. Oder Betäubung, um den Schmerz nicht zu spüren. Alkohol, Drogen, die scheinbare Selbstbestätigung, jede Frau, jedes Mädchen aufreißen zu können oder mit jedem Mann Sex haben zu können. Auch so ein Panzer. Oder Zynismus, die Haltung „mir ist doch alles egal, jeder soll sich um sich selbst kümmern.“ Augen zu und durch. Jeder ist sich selbst der Nächste, mir hilft ja auch keiner. Lauter kleine und große Seelenpanzer. Die vor Bösem schützen sollen, die aber im Endeffekt das Böse nur reflektieren und dadurch verstärken.
Die Bibel, der Brief an die Epheser, redet von einer Rüs-tung, von einem Kampf, von Stärke im Kampf gegen das Böse. Der Glauben, der wird mit einem Abwehrschild gegen die Pfeile des Bösen verglichen. Ja, es wäre gut, wenn ich allen, die leiden, allen, für die die normalen Abende keine guten Abende sind, sagen könnte: glaubt an Gott, glaubt daran, dass er euch in Jesus Christus seine Liebe gezeigt hat – und schon erlebt ihr keine solchen inneren und äußeren Kämpfe mehr. Aber leider würde ich dann lügen. Auch Menschen, die fest an Gott glauben, werden schwer krank, schreiben schlechte Noten in der Schule, werden enttäuscht, enttäuschen auch mal andere, werden ausgenutzt und können schwach sein. Nein, der Glauben ist kein Panzer, der hart macht. Kein Angriffswerkzeig, das alle anderen platt macht. Sondern ein Hilfsmittel, sich den Kämpfen, denen wir nicht ausweichen können , zu stellen und sich durchzustehen, ohne kaputt zu gehen und ohne die Liebe zu verraten. Der Epheserbrief redet nicht von einem Glaubenskrieg gegen Andersgläubige, die niedergerungen werden müssten, auch nicht von einer Vernichtung anderer. Er redet zuallererst von dem Kampf zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Liebe und Hass, zwischen dem Wissen um das, was eigentlich gut und richtig ist und der Versu-chung, den anderen, falschen Weg zu gehen, weil der leichter aussieht. Wenn hier von dem Teufel die Rede ist, dann ist damit kein überirdisches Wesen mit Hörnern gemeint. Das griechische Wort, das hier steht und das im Deutschen mit Teufel übersetzt wird, heißt „Verwirrer, Durcheinanderwerfer“. Ja, es ist verwirrend. Nicht nur für Jugendliche. Lüge setzt sich oft scheinbar durch. Wer die Wahrheit sagt, steht oft als der Dumme da. Tricksereien, Schummeleien, das bringt weiter. Warum Geld für Downloads ausgeben? Warum bei der Steuer nicht ein bisschen Schummeln? Macht doch jeder! Wenn der sich nicht wehrt, ist er doch selber schuld, wenn er eins in die Fresse kriegt. Und fremdgehen? Einmal ist keinmal. Ist doch nur Sex! Ich glaube, jedem einzelnen fallen genügend eigene Beispiele ein. Die großen Kämpfe um das, was leben voranbringt, um die Wahrheit, um das Leben selbst, fangen oft genug klein und eher unspektakulär an. Und es sind diese viele kleinen Kämpfe um die Wahrheit, die müde machen. Und die vielen Gemeinheiten, Ausbeutungen und Ungerechtigkeiten, die viel zu viele an ganz normalen Abenden und auch Tagen erleben und aushalten müssen. Gott ist auf der Seite der Menschen, die ihre Schwächen und ihre Schwachheit eingestehen, nicht auf der Seite der Menschen, die mit Gewalt, Lüge, Hinterlist sich groß und andere klein machen. In Jesus hat er das gezeigt. Jesus hat im Garten Gethsemane, kurz vor seiner Kreuzigung, eingestanden, dass er sich schwach fühlt. Er hat keine Gewalt angewendet, auch als ihn Jünger mit Gewalt verteidigen wollten. Er hat sich dem gestellt, dass Menschen die Liebe ausrotten wollen, weil sie die Sprache der Liebe nicht so gut verstehen wie die Sprache gewalttätiger Macht. Aber er hat das nicht gemacht, um ein kleines Opfer zu bleiben, sondern weil das der Weg war, auf dem sich das Leben am Ende durchgesetzt hat. Jesus und seine Anhänger sollten vernichtet werden – in 200 Jahren hat das nicht funktioniert. Nicht Hitler, nicht Stalin haben die Oberhand behalten. Und in denen, die ihren Glauben leben wollten, waren am Ende auch nicht die mächtig, die Kreuzzüge gepredigt haben, sondern die, wie Elisabeth, wie Franz von Assisi, wie Martin Luther King und viele andere, die für den Frieden eingetreten sind. Gott ist kein Gott der Gewalt und des Krieges. Die Rüstung der Wahrheit, der Gerechtigkeit dient dazu, das Evangelium des Friedens weiterzutragen. Eben mit Wahr-heit und Gerechtigkeit und nicht mit Lüge und Unrecht und Unterdrückung. Stark müssen und können wir nicht aus uns selbst sein, sondern stark können wir, in aller Schwäche sein, weil Gottes Stärke der Liebe unsere Stärke ist.
Aber was hilft das, wenn ein ganz normaler Abend bedeutet, dass Gewalt da ist, Schmerzen, dass ich die Frage stellt, ob ich lügen soll, dass ich mich bedroht fühle? Was hilft das an diesen Tagen, an diesen Abenden, wenn ich mich elend und schwach fühle, wenn ich denke, ich würde mitmachen, Schluss machen, reinhauen, mich zudröhnen müssen, weil ich keine Liebe mehr sehe oder spüre, keine Zukunft, keine Hoffnung? Der erste Schritt zu neuer Kraft ist es, die eigene Schwäche nicht vertuschen zu müssen, sondern eingestehen zu dürfen und zu können. Der zweite Schritt kann sein, dass ich gerade in meiner Schwäche spüre kann, dass trotz allem die Liebe und Zuwendung Gottes da ist. Und das hoffentlich Menschen, für die normale Tage, normale Tage Gott sei Dank anders aussehen, mich in der Kraft, die ihnen Gottes Liebe gibt, stützen. Dass es Hoffnung gibt. Lüge wird nicht dadurch wahr, dass viel zu viele sie aussprechen. Gewalt wird nicht dadurch richtig, dass viel zu viele sie ausüben. Liebe verschwindet nicht dadurch, dass nicht alle Menschen lieben. Wir müssen nicht allein kämpfen. Gott will uns helfen.
Amen
Liebe Gemeinde!
Es ist ein ganz normaler Abend. Wie fast jeden Abend steht die Clique zusammen. Einer hat Bier organisiert, reichlich Bier. Tim steht dabei. Trinkt weniger als die anderen. Er spürt schon: Wenn das Bier alle ist, wird’s wieder ungemütlich. Irgendwas geht heute noch zu Bruch. Er hat keine Lust mehr, will heim. Doch die anderen sind an ihm dran. „Du gehörst doch zu uns! Mach mit! Du bist doch kein Opfer! Wenn du jetzt gehst, brauchst du nicht mehr wiederzukommen.“ Einfach so haut Stefan ihm eine rein. „Du Opfer, wehr dich!“ Und jetzt? Wehren? Mitmachen? Abhauen?
Es ist ein ganz normaler Abend. Herr Müller kommt nach Hause. Schlecht gelaunt. Die Arbeit macht ihm keinen Spaß mehr. Zwei, drei Bier hat er nach Feierabend mit den Kollegen schon gekippt. Ein paar Schnäpschen zum Entspannen können ja jetzt nichts schaden. Die Frau hat gekocht, er hat keine Lust dran. Es setzt die ersten lauten Worte, eine Ohrfeige. Der Sohn kommt heim, bringt eine 5 in Mathe mit, es wird laut, Gläser und Fäuste fliegen.
Ein ganz normaler Abend. Maxi kommt heim. Die Mutter steht schon in der Tür. „Die Polizei hat gerade angerufen. Du sollst morgen für eine Zeugenaussage kommen. Anna hat Jerome angezeigt, der soll ihr 50 Euro in der Schule geklaut haben, Geld für die Klassenfahrt. Jerome hat dich als Entlastungszeugen angegeben.“ Dabei hat Maxi gesehen, wie Jerome das Geld nahm. Lügen für den Freund, damit er nicht selbst das nächste Opfer wird? Was wird morgen? Ein ganz normaler Abend. Die Schmerzen von Frau Schulze sind unerträglich. Der Krebs hat sich im ganzen Körper ausgebreitet. Niemand ist bei ihr. Und da sind wieder die Gedanken: soll ich nicht einfach die letzten Kräfte zusammennehmen, zum Balkon gehen? Aus dem 6. Stock auf den Parkplatz, das müsste doch reichen! Ein ganz normaler Abend…
Ich kann auch schöne Sachen von ganz normalen Aben-den erzählen. Von einem Ehepaar, das gern miteinander isst und sich vom Tag erzählt. von einer Mutter, die nach einem langen eigenen Arbeitstag ihrer Tochter bei den Hausaufgaben hilft. Von einem Vater, der es sich nicht nehmen lässt, seinem kleinen Sohn abends noch eine Ge-schichte zu erzählen. Gott sei Dank ist das Leben auch so.
Aber es ist, manchmal auf viel zu viele Arten, oft genug auch ein Kampf. Ein Kampf gegen die feurigen Pfeile des Bösen, um es mal so auszudrücken, wie es der Schreiber des Epheserbriefs in der Bibel sagt.
Von Kämpfen, von einer Rüstung, von einem Abwehr-panzer erzählt dieser Brief. Ja, und ich glaube, dass wir Menschen das brauchen und es uns immer wieder wün-schen. Eine Rüstung, einen Panzer, der uns vor dem Bö-sen schützt. Manchmal kommt dieser Panzer fast von al-lein. Wer Böses erlebt, kann ganz schön hart werden. Wie eine Schale legt sich dieser Panzer um die Seele. Wenn ich geschlagen werde, dann wehre ich mich mit Gewalt. Das Opfer ist mir egal, so ist dann die Reaktion. Oder Betäubung, um den Schmerz nicht zu spüren. Alkohol, Drogen, die scheinbare Selbstbestätigung, jede Frau, jedes Mädchen aufreißen zu können oder mit jedem Mann Sex haben zu können. Auch so ein Panzer. Oder Zynismus, die Haltung „mir ist doch alles egal, jeder soll sich um sich selbst kümmern.“ Augen zu und durch. Jeder ist sich selbst der Nächste, mir hilft ja auch keiner. Lauter kleine und große Seelenpanzer. Die vor Bösem schützen sollen, die aber im Endeffekt das Böse nur reflektieren und dadurch verstärken.
Die Bibel, der Brief an die Epheser, redet von einer Rüs-tung, von einem Kampf, von Stärke im Kampf gegen das Böse. Der Glauben, der wird mit einem Abwehrschild gegen die Pfeile des Bösen verglichen. Ja, es wäre gut, wenn ich allen, die leiden, allen, für die die normalen Abende keine guten Abende sind, sagen könnte: glaubt an Gott, glaubt daran, dass er euch in Jesus Christus seine Liebe gezeigt hat – und schon erlebt ihr keine solchen inneren und äußeren Kämpfe mehr. Aber leider würde ich dann lügen. Auch Menschen, die fest an Gott glauben, werden schwer krank, schreiben schlechte Noten in der Schule, werden enttäuscht, enttäuschen auch mal andere, werden ausgenutzt und können schwach sein. Nein, der Glauben ist kein Panzer, der hart macht. Kein Angriffswerkzeig, das alle anderen platt macht. Sondern ein Hilfsmittel, sich den Kämpfen, denen wir nicht ausweichen können , zu stellen und sich durchzustehen, ohne kaputt zu gehen und ohne die Liebe zu verraten. Der Epheserbrief redet nicht von einem Glaubenskrieg gegen Andersgläubige, die niedergerungen werden müssten, auch nicht von einer Vernichtung anderer. Er redet zuallererst von dem Kampf zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Liebe und Hass, zwischen dem Wissen um das, was eigentlich gut und richtig ist und der Versu-chung, den anderen, falschen Weg zu gehen, weil der leichter aussieht. Wenn hier von dem Teufel die Rede ist, dann ist damit kein überirdisches Wesen mit Hörnern gemeint. Das griechische Wort, das hier steht und das im Deutschen mit Teufel übersetzt wird, heißt „Verwirrer, Durcheinanderwerfer“. Ja, es ist verwirrend. Nicht nur für Jugendliche. Lüge setzt sich oft scheinbar durch. Wer die Wahrheit sagt, steht oft als der Dumme da. Tricksereien, Schummeleien, das bringt weiter. Warum Geld für Downloads ausgeben? Warum bei der Steuer nicht ein bisschen Schummeln? Macht doch jeder! Wenn der sich nicht wehrt, ist er doch selber schuld, wenn er eins in die Fresse kriegt. Und fremdgehen? Einmal ist keinmal. Ist doch nur Sex! Ich glaube, jedem einzelnen fallen genügend eigene Beispiele ein. Die großen Kämpfe um das, was leben voranbringt, um die Wahrheit, um das Leben selbst, fangen oft genug klein und eher unspektakulär an. Und es sind diese viele kleinen Kämpfe um die Wahrheit, die müde machen. Und die vielen Gemeinheiten, Ausbeutungen und Ungerechtigkeiten, die viel zu viele an ganz normalen Abenden und auch Tagen erleben und aushalten müssen. Gott ist auf der Seite der Menschen, die ihre Schwächen und ihre Schwachheit eingestehen, nicht auf der Seite der Menschen, die mit Gewalt, Lüge, Hinterlist sich groß und andere klein machen. In Jesus hat er das gezeigt. Jesus hat im Garten Gethsemane, kurz vor seiner Kreuzigung, eingestanden, dass er sich schwach fühlt. Er hat keine Gewalt angewendet, auch als ihn Jünger mit Gewalt verteidigen wollten. Er hat sich dem gestellt, dass Menschen die Liebe ausrotten wollen, weil sie die Sprache der Liebe nicht so gut verstehen wie die Sprache gewalttätiger Macht. Aber er hat das nicht gemacht, um ein kleines Opfer zu bleiben, sondern weil das der Weg war, auf dem sich das Leben am Ende durchgesetzt hat. Jesus und seine Anhänger sollten vernichtet werden – in 200 Jahren hat das nicht funktioniert. Nicht Hitler, nicht Stalin haben die Oberhand behalten. Und in denen, die ihren Glauben leben wollten, waren am Ende auch nicht die mächtig, die Kreuzzüge gepredigt haben, sondern die, wie Elisabeth, wie Franz von Assisi, wie Martin Luther King und viele andere, die für den Frieden eingetreten sind. Gott ist kein Gott der Gewalt und des Krieges. Die Rüstung der Wahrheit, der Gerechtigkeit dient dazu, das Evangelium des Friedens weiterzutragen. Eben mit Wahr-heit und Gerechtigkeit und nicht mit Lüge und Unrecht und Unterdrückung. Stark müssen und können wir nicht aus uns selbst sein, sondern stark können wir, in aller Schwäche sein, weil Gottes Stärke der Liebe unsere Stärke ist.
Aber was hilft das, wenn ein ganz normaler Abend bedeutet, dass Gewalt da ist, Schmerzen, dass ich die Frage stellt, ob ich lügen soll, dass ich mich bedroht fühle? Was hilft das an diesen Tagen, an diesen Abenden, wenn ich mich elend und schwach fühle, wenn ich denke, ich würde mitmachen, Schluss machen, reinhauen, mich zudröhnen müssen, weil ich keine Liebe mehr sehe oder spüre, keine Zukunft, keine Hoffnung? Der erste Schritt zu neuer Kraft ist es, die eigene Schwäche nicht vertuschen zu müssen, sondern eingestehen zu dürfen und zu können. Der zweite Schritt kann sein, dass ich gerade in meiner Schwäche spüre kann, dass trotz allem die Liebe und Zuwendung Gottes da ist. Und das hoffentlich Menschen, für die normale Tage, normale Tage Gott sei Dank anders aussehen, mich in der Kraft, die ihnen Gottes Liebe gibt, stützen. Dass es Hoffnung gibt. Lüge wird nicht dadurch wahr, dass viel zu viele sie aussprechen. Gewalt wird nicht dadurch richtig, dass viel zu viele sie ausüben. Liebe verschwindet nicht dadurch, dass nicht alle Menschen lieben. Wir müssen nicht allein kämpfen. Gott will uns helfen.
Amen
Sonntag, 10. Oktober 2010
Ankommen - Ablegen - Auftanken - Anfangen - 19. Sonntag n. Tr., Reihe II, 10.10.2010
Text: Epheser 4,22-32
Liebe Gemeinde!
Komm rein! Macht es dir bequem! Zieh die Jacke aus, du musst nicht gleich wieder los. Du darfst einfach da sein. Erfrisch dich! Leg ab! Die Jacke, die Schuhe – voll vom Alltagsstaub. Leg ab – deine Traurigkeit, deine Sorgen. Fühl dich wie zu Hause. Und falls du dich zu Hause im Moment gar nicht gut fühlst – hier darfst du Pause davon machen. Leg ab, was dir im Moment Sorgen macht. Mach Pause vom Alltag. Erhole dich, erfrische dich, werde neu! Du bist willkommen!
Ich wünsche mir, dass Menschen – du, sie – so bei uns im Gottesdienst sitzen. Oder sonst in die Gemeinde kommen. Ich wünsche mir, dass ich so hier vorne stehe und predige. Nicht, weil ich muss oder dafür bezahlt werde. Sondern weil da einer oder zwei oder mehr sind, der sagt, die denken: „Schön, dass du davon erzählst, was du glaubst. Das hilft mir, selbst zu denken und regt mich an zu glauben.“ Ich wünsche mir, dass ich so hier vorne stehe, weil ich selber etwas geschenkt kriege, für mich, für meinen Glauben, für mein Leben, wenn ich meine Gedanken sortiere und sage und andere angeregt werden, mir ihre Fragen zu sagen, ihre Gedanken. Oder weil sie einfach kommen und neugierig sind. Und ich wünsche mir, dass Menschen da sind, die so kommen. Nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie sagen: da ist mal eine Stunde in der Woche, in der ich einfach da sein kann. In der ich mit anderen da sein kann, ohne gleich reden oder irgendwas machen zu müssen. In der ich Zeit habe. In der ich loswerden kann, was meinen Alltag manchmal schwer macht. In der ich ablegen kann. Ich wünsche mir, dass es so ist. Frommer Wunsch – oder Wirklichkeit? Vielleicht nicht immer und vielleicht nicht bei jedem Wirklichkeit. Aber ich hoffe, dass Gottesdienste, Predigten, Gebet, die Art, wie wir hier auf dem Richtsberg Gottes Wort sagen und miteinander leben, dazu einlädt, sich zu erfrischen und neu, gestärkt zu werden. Das liegt nicht nur und nicht zuerst in meiner, deiner, ihrer Hand.
Menschen hören, sehen, fühlen ganz unterschiedlich. Es kann sein, dass Menschen aus der Gemeinde in Ephesus vor 2000 Jahren genauso wie Menschen heute den Bibel-abschnitt, den ich eben vorgelesen habe, vor allem so hö-ren: „Wenn du ein Christ sein willst, dann musst du dich nach folgenden Regeln richten“ - und dann kommen ja ganz viele einzelne Sachen wie nicht lügen, nicht stehlen, kein dummes Zeug reden und einiges mehr. Und mancher hört das vielleicht bis heute auch so: bevor du zu Gott kommst, musst du – und denkt dann bei sich, das schaffe ich sowieso nicht, dann gehöre ich halt nicht dazu. Aber am Anfang steht kein „Du musst“, das mir erstmal ganz viel auflegt, was ich vielleicht im Moment gar nicht alles tragen kann, sondern ein „Du darfst“ – ablegen, was los werden. „Legt den alten Menschen ab“ – gib ab, was Leben schwer macht.
Klar, auch das Ablegen von dem, was Leben schwer macht, kann zur Leistungsschau werden. „Bekenne doch endlich, was du schon alles falsch gemacht hast, posaune es raus, dass es jeder hören kann!“ Druck wird gemacht, sich sozusagen öffentlich auszuziehen. Manche ziehen sich aber auch gern aus und erzählen gleich allen ungefragt, wie schlecht sie waren und was sie alles Böses gemacht haben, um dann vielleicht allen zu zeigen, wie viel vom neuen Menschen sie schon angezogen haben und um richtig gut da zu stehen. Und es gibt sicher auch den Druck, der so aussehen kann: „Jetzt erzähl doch endlich, was dir auf dem Herzen liegt, sprich es aus, dann geht es dir besser. Mir kannst du doch alles sagen!“ Ablegen als Leistungsschau, die sich von den Selbstdarstellungen, die es sonst in der Welt gibt, nicht unterscheidet. Germany’s next Topchrist, Hessens nächster Superpfarrer, Marburgs Topgemeinde. Nein danke! Leistungsschau, das passt nicht zum Glauben. Die Botschaft, die Gott uns in Jesus geschenkt hat, heißt nicht: „Du musst dir alles erkämpfen und verdienen und vor anderen an der Spitze stehen.“ Sie heißt: „Für dich bin ich da. Dir gilt meine Liebe. Du darfst da sein!“ Vielleicht lädt ja ein Gottesdienst, in dem ich einfach denken, glauben, da sein darf, in dem ich nichts laut ausplaudern muss, sondern mit Gott und mit mir selbst ins Reine kommen darf, in der ich meinen Alltag ablegen darf, auch dazu ein, das, was mir im Alltag Leben schwer macht, auch an eigener Schuld, auszusprechen und abzulegen. Vor Gott und vor Menschen, die mir das Gefühl geben, dass ich ihnen vertrauen kann. Ablegen dürfen, was im Alltag Leben schwer macht – mit dieser Einladung fängt der Predigttext heute an. Und wenn da in der Übersetzung von Martin Luther, aus der ich eben vorgelesen habe, „erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn“ steht, dann führt das ein wenig in die Irre. Wörtlich steht in der Sprache, in der Paulus oder ein Schüler von ihm diesen Brief geschrieben hat, lasst euch erneuern. Die neuen Kleider, die wir anziehen können, wenn wir die Kleider, die uns den Alltag schwer machen, abgelegt haben, sind ein Geschenk. Jesus schenkt sie uns. Gott. Er macht uns neu. Nicht wir selbst. Gott lässt uns nicht nackt da stehen. Er nutzt unsere Alltagsschwächen, unsere Ehrlichkeit beim Ablegen nicht aus. Eine Erfah-rung, die im Alltag Menschen untereinander leider nicht immer machen. Wer da Schwächen zugibt, wird oft genug bloßgestellt. Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Lasst auch im Alltag die Geschenke Gottes sichtbar sein, trennt nicht künstlich zwischen einem Glauben für besondere Zeiten und dem Alltag, in dem angeblich un-umstößliche Gesetzte gelten. In dem das Recht des Stär-keren gilt. In dem der gilt, der keine Schwächen zeigt. In dem Menschen ganz schnell in Schubladen gesteckt und durch Vorurteile festgelegt werden. Macht es anders, gebt etwas von dem, was euch geschenkt ist, weiter. Ja, so kann man das hören und verstehen, was hier im Epheser-brief steht. Wenn wir hoffentlich nicht dem Missverständnis unterliegen, dass wir dadurch perfekt würden oder eine perfekte Welt schaffen könnten. Was mir an diesem Stück aus der Bibel so gut gefällt, ist der herrlich realistische Blick, den es für unseren Alltag hat. Auch die neuen Kleider, die Gott uns bereitlegt, werden im Alltag schmutzig. Auch noch so gute Gemeinden und Christen sind alles andere als vollkommen. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst kein faules, dummes Geschwätz aus eurem Mund gehen; Bitterkeit, Zorn, Geschrei, Lästerung sei fern von euch. Der Apostel müsste das nicht schreiben, wenn die Leute perfekt gewesen wären. Die Frage ist doch nicht, ob ich als Christ zum Beispiel zornig sein darf oder nicht, die Frage ist, wie ich damit umgehe. Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn. Lass dich nicht auffressen davon, bringe es wieder ins Reine – bei diesem Satz muss ich immer an meine Oma denken, die mir das wirklich für mein Leben mitgegeben hat. Seid aber unter euch freundlich und herzlich und – jetzt kommt das für mich Entscheidende - vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. Ja, da wird deutlich, wie schnell der Alltag den neuen Menschen, die neu angezogenen Kleider wieder mit Staub belegt. Vergebung, das braucht oft mehr als nur einen Tag. Das braucht manchmal mehr Zeit, als uns lieb ist. Und das braucht immer auch von beiden Seiten die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Und damit es Vergebung werden kann und kein bloßes unter den Teppich kehren aus Bequemlichkeit wird, braucht es manchmal auch, dass die Schwere der Verletzung und der Enttäuschung erst mal eingestanden wird und ein Satz wie „Der andere hat mir so weh getan, das sich mir wünschen würde, er wäre gar nicht mehr da“ erst mal ausgesprochen werden kann. Ja, auch das darf ich sagen, ablegen und abgeben. Nur so kann ich erneuert werden. Nur wenn der Hass raus darf, der Zorn, kann Platz werden für die Liebe. Ja, unser neuer Mensch, unsere neuen Kleider werden im Alltag schmutzig, unansehnlicher. Aber wir dürfen kommen, wiederkommen, ablegen und uns immer wieder neue holen. Ich wünsche mir, dass ich nicht nur davon rede, sondern dass auch tue. Und ich wünsche mir, dass sich Menschen erfrischen lassen, gern ablegen, sich erholen, gestärkt in den Alltag gehen. Mit neuen Kleidern. Immer wieder.
Amen
Liebe Gemeinde!
Komm rein! Macht es dir bequem! Zieh die Jacke aus, du musst nicht gleich wieder los. Du darfst einfach da sein. Erfrisch dich! Leg ab! Die Jacke, die Schuhe – voll vom Alltagsstaub. Leg ab – deine Traurigkeit, deine Sorgen. Fühl dich wie zu Hause. Und falls du dich zu Hause im Moment gar nicht gut fühlst – hier darfst du Pause davon machen. Leg ab, was dir im Moment Sorgen macht. Mach Pause vom Alltag. Erhole dich, erfrische dich, werde neu! Du bist willkommen!
Ich wünsche mir, dass Menschen – du, sie – so bei uns im Gottesdienst sitzen. Oder sonst in die Gemeinde kommen. Ich wünsche mir, dass ich so hier vorne stehe und predige. Nicht, weil ich muss oder dafür bezahlt werde. Sondern weil da einer oder zwei oder mehr sind, der sagt, die denken: „Schön, dass du davon erzählst, was du glaubst. Das hilft mir, selbst zu denken und regt mich an zu glauben.“ Ich wünsche mir, dass ich so hier vorne stehe, weil ich selber etwas geschenkt kriege, für mich, für meinen Glauben, für mein Leben, wenn ich meine Gedanken sortiere und sage und andere angeregt werden, mir ihre Fragen zu sagen, ihre Gedanken. Oder weil sie einfach kommen und neugierig sind. Und ich wünsche mir, dass Menschen da sind, die so kommen. Nicht, weil sie es müssen, sondern weil sie sagen: da ist mal eine Stunde in der Woche, in der ich einfach da sein kann. In der ich mit anderen da sein kann, ohne gleich reden oder irgendwas machen zu müssen. In der ich Zeit habe. In der ich loswerden kann, was meinen Alltag manchmal schwer macht. In der ich ablegen kann. Ich wünsche mir, dass es so ist. Frommer Wunsch – oder Wirklichkeit? Vielleicht nicht immer und vielleicht nicht bei jedem Wirklichkeit. Aber ich hoffe, dass Gottesdienste, Predigten, Gebet, die Art, wie wir hier auf dem Richtsberg Gottes Wort sagen und miteinander leben, dazu einlädt, sich zu erfrischen und neu, gestärkt zu werden. Das liegt nicht nur und nicht zuerst in meiner, deiner, ihrer Hand.
Menschen hören, sehen, fühlen ganz unterschiedlich. Es kann sein, dass Menschen aus der Gemeinde in Ephesus vor 2000 Jahren genauso wie Menschen heute den Bibel-abschnitt, den ich eben vorgelesen habe, vor allem so hö-ren: „Wenn du ein Christ sein willst, dann musst du dich nach folgenden Regeln richten“ - und dann kommen ja ganz viele einzelne Sachen wie nicht lügen, nicht stehlen, kein dummes Zeug reden und einiges mehr. Und mancher hört das vielleicht bis heute auch so: bevor du zu Gott kommst, musst du – und denkt dann bei sich, das schaffe ich sowieso nicht, dann gehöre ich halt nicht dazu. Aber am Anfang steht kein „Du musst“, das mir erstmal ganz viel auflegt, was ich vielleicht im Moment gar nicht alles tragen kann, sondern ein „Du darfst“ – ablegen, was los werden. „Legt den alten Menschen ab“ – gib ab, was Leben schwer macht.
Klar, auch das Ablegen von dem, was Leben schwer macht, kann zur Leistungsschau werden. „Bekenne doch endlich, was du schon alles falsch gemacht hast, posaune es raus, dass es jeder hören kann!“ Druck wird gemacht, sich sozusagen öffentlich auszuziehen. Manche ziehen sich aber auch gern aus und erzählen gleich allen ungefragt, wie schlecht sie waren und was sie alles Böses gemacht haben, um dann vielleicht allen zu zeigen, wie viel vom neuen Menschen sie schon angezogen haben und um richtig gut da zu stehen. Und es gibt sicher auch den Druck, der so aussehen kann: „Jetzt erzähl doch endlich, was dir auf dem Herzen liegt, sprich es aus, dann geht es dir besser. Mir kannst du doch alles sagen!“ Ablegen als Leistungsschau, die sich von den Selbstdarstellungen, die es sonst in der Welt gibt, nicht unterscheidet. Germany’s next Topchrist, Hessens nächster Superpfarrer, Marburgs Topgemeinde. Nein danke! Leistungsschau, das passt nicht zum Glauben. Die Botschaft, die Gott uns in Jesus geschenkt hat, heißt nicht: „Du musst dir alles erkämpfen und verdienen und vor anderen an der Spitze stehen.“ Sie heißt: „Für dich bin ich da. Dir gilt meine Liebe. Du darfst da sein!“ Vielleicht lädt ja ein Gottesdienst, in dem ich einfach denken, glauben, da sein darf, in dem ich nichts laut ausplaudern muss, sondern mit Gott und mit mir selbst ins Reine kommen darf, in der ich meinen Alltag ablegen darf, auch dazu ein, das, was mir im Alltag Leben schwer macht, auch an eigener Schuld, auszusprechen und abzulegen. Vor Gott und vor Menschen, die mir das Gefühl geben, dass ich ihnen vertrauen kann. Ablegen dürfen, was im Alltag Leben schwer macht – mit dieser Einladung fängt der Predigttext heute an. Und wenn da in der Übersetzung von Martin Luther, aus der ich eben vorgelesen habe, „erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn“ steht, dann führt das ein wenig in die Irre. Wörtlich steht in der Sprache, in der Paulus oder ein Schüler von ihm diesen Brief geschrieben hat, lasst euch erneuern. Die neuen Kleider, die wir anziehen können, wenn wir die Kleider, die uns den Alltag schwer machen, abgelegt haben, sind ein Geschenk. Jesus schenkt sie uns. Gott. Er macht uns neu. Nicht wir selbst. Gott lässt uns nicht nackt da stehen. Er nutzt unsere Alltagsschwächen, unsere Ehrlichkeit beim Ablegen nicht aus. Eine Erfah-rung, die im Alltag Menschen untereinander leider nicht immer machen. Wer da Schwächen zugibt, wird oft genug bloßgestellt. Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Lasst auch im Alltag die Geschenke Gottes sichtbar sein, trennt nicht künstlich zwischen einem Glauben für besondere Zeiten und dem Alltag, in dem angeblich un-umstößliche Gesetzte gelten. In dem das Recht des Stär-keren gilt. In dem der gilt, der keine Schwächen zeigt. In dem Menschen ganz schnell in Schubladen gesteckt und durch Vorurteile festgelegt werden. Macht es anders, gebt etwas von dem, was euch geschenkt ist, weiter. Ja, so kann man das hören und verstehen, was hier im Epheser-brief steht. Wenn wir hoffentlich nicht dem Missverständnis unterliegen, dass wir dadurch perfekt würden oder eine perfekte Welt schaffen könnten. Was mir an diesem Stück aus der Bibel so gut gefällt, ist der herrlich realistische Blick, den es für unseren Alltag hat. Auch die neuen Kleider, die Gott uns bereitlegt, werden im Alltag schmutzig. Auch noch so gute Gemeinden und Christen sind alles andere als vollkommen. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst kein faules, dummes Geschwätz aus eurem Mund gehen; Bitterkeit, Zorn, Geschrei, Lästerung sei fern von euch. Der Apostel müsste das nicht schreiben, wenn die Leute perfekt gewesen wären. Die Frage ist doch nicht, ob ich als Christ zum Beispiel zornig sein darf oder nicht, die Frage ist, wie ich damit umgehe. Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn. Lass dich nicht auffressen davon, bringe es wieder ins Reine – bei diesem Satz muss ich immer an meine Oma denken, die mir das wirklich für mein Leben mitgegeben hat. Seid aber unter euch freundlich und herzlich und – jetzt kommt das für mich Entscheidende - vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. Ja, da wird deutlich, wie schnell der Alltag den neuen Menschen, die neu angezogenen Kleider wieder mit Staub belegt. Vergebung, das braucht oft mehr als nur einen Tag. Das braucht manchmal mehr Zeit, als uns lieb ist. Und das braucht immer auch von beiden Seiten die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Und damit es Vergebung werden kann und kein bloßes unter den Teppich kehren aus Bequemlichkeit wird, braucht es manchmal auch, dass die Schwere der Verletzung und der Enttäuschung erst mal eingestanden wird und ein Satz wie „Der andere hat mir so weh getan, das sich mir wünschen würde, er wäre gar nicht mehr da“ erst mal ausgesprochen werden kann. Ja, auch das darf ich sagen, ablegen und abgeben. Nur so kann ich erneuert werden. Nur wenn der Hass raus darf, der Zorn, kann Platz werden für die Liebe. Ja, unser neuer Mensch, unsere neuen Kleider werden im Alltag schmutzig, unansehnlicher. Aber wir dürfen kommen, wiederkommen, ablegen und uns immer wieder neue holen. Ich wünsche mir, dass ich nicht nur davon rede, sondern dass auch tue. Und ich wünsche mir, dass sich Menschen erfrischen lassen, gern ablegen, sich erholen, gestärkt in den Alltag gehen. Mit neuen Kleidern. Immer wieder.
Amen
Sonntag, 26. September 2010
Keine Gebrauchsanweisung zum Glauben - 17. n. Trinitatis, 26.09.2010, Reihe II
Text: Römer 10,9-17
Übersetzung: Neues Leben
Liebe Gemeinde!
Eine kleine Reise in die Zukunft. Nicht besonders weit, nur bis zum 8. Mai 2011. Dann wird, so Gott will und wir leben, hier in der Thomaskirche der Konfirmationsgottesdienst gefeiert. Die Konfis, die dann da stehen, werden auf die Frage, ob sie an Gott glauben und ob sie bereit sind, mit Jesus Christus zu leben, mit „Ja“ antworten. Mit dem Mund bekennen sie. Klar, es wäre ja auch peinlich, wenn im wirklich allerletzten Moment das schöne Fest abgesagt werden müsste. Aber ob wirklich alle im Herzen glauben, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wie Paulus es als Grundvoraussetzung einer rettenden und guten Beziehung zu Gott beschreibt? Nicht nur manche Erwachsene, sondern auch Mitkonfirmanden sagen: „Der Sowieso macht‘s doch nur wegen der Geschenke!“ Oder: „Die Andrername macht’s nur, weil ihre Mutter das will und weil die Freundin auch dabei ist!“ Aber welcher Mensch kann schon ernsthaft ein Urteil über den Glauben eines anderen fällen? Wir sehen das Verhalten. Wir hören das, was Kinder, Jugendliche und Erwachsene sagen. Wir ziehen Schlüsse daraus. Wir bilden uns ein Urteil. Manchmal ist es sicher richtig. Manchmal ist es knapp und manchmal total daneben. Das liegt nicht nur daran, dass wir Menschen nie vollständig in einen anderen hineinsehen können und ihn wirklich gerecht und richtig beurteilen können. Das liegt nicht nur daran, dass wir alle unsere Grenzen haben und alle dazu neigen, andere nach dem zu beurteilen, was wir für uns als richtig erkennen. Es liegt vor allem, dass der Glauben an Gott keine mechanische und vorhersehbare Angelegenheit ist, sondern höchst lebendig. Glauben passiert im Leben. Und Leben ist kein Stillstand, sondern es wächst. Es verändert sich mit den Menschen, denen wir begegnen, mit den Erfahrungen, die wir machen. Dort, wo sich immer wieder so viel Neues ergibt, kann Glauben nicht vorhersehbar sein, sondern er entwickelt sich, er lebt. Weil wir Menschen leben, vor allem aber, weil wir an einen lebendigen Gott glauben. Glauben ist lebendig und dynamisch. Das ist das Eine. Das Zweite hängt damit zusammen. Glauben ist etwas zutiefst Persönliches. Im Glauben geht es um mich und Gott. Niemand kann mich vertreten, außer Jesus. Menschen können Spuren legen, können mir helfen, wenn ich müde werde, zweifle oder verzweifle, wenn ich nach einem Anfang suche. Eltern und Paten können bei der Taufe ganz ehrlich und mit bestem Gewissen versprechen, dass sie dem Kind helfen wollen, einen Weg zum Glauben zu finden. Und sie können in der Erziehung alles dafür tun. Aber glauben muss das Kind dann selber. Und weil jedes Leben anders ist, entwickelt sich auch jede Beziehung zu Gott ganz besonders – oder sie entwickelt sich vielleicht gar nicht oder sehr spät oder ganz anders. Und jetzt kommt noch etwas Drittes dazu. Obwohl Glaube so persönlich ist und so dynamisch und lebendig, bleibt er doch nicht nur auf mich beschränkt. Wenn ich Jesus wirklich als den Herrn bekenne, dann hat das auch Auswirkungen auf meinen Umgang mit Politik, mit den Menschen um mich herum, mit der Art, wie ich in meinem Stadtteil, in meiner Schule, in meinem Betrieb arbeite, lebe, mich engagiere.
Zu kompliziert für den Sonntagmorgen? Vielleicht. Aber das ist keine Erfindung von mir, sondern das sind genau die Fragen und Beobachtungen, die Paulus schon vor knapp 2000 Jahren gehabt und gemacht hat und über die er hier schreibt. Paulus muss feststellen: obwohl Gottes Wort und seine Liebe für alle Menschen, Juden und Nichtjuden, da ist, und obwohl er, der er sich ja selbst als Juden versteht, alles tut, dieses Wort gut und richtig weiterzusagen, kommt es nicht bei allen gleich an und weckt nicht überall die Sehnsucht, Jesus als den Retter zu bekennen.
Es gibt kein vorhersehbares Gesetz, wie Menschen zum Glauben kommen. Keinen Weg, der für alle gleich und richtig ist und an dessen Ende garantiert der Glauben steht. Paulus schreibt keine garantiert wirksame Ge-brauchsanleitung für den Glauben, sondern eine Einla-dung, es mit dem Glauben zu versuchen.
Wer mit dem Mund bekennt, dass Jesus der Herr ist, wird gerettet. Das schreibt Paulus. Glauben fordert Mut. Den Mut, dazu zu stehen und es auszusprechen, nicht nur für sich zu behalten, dass Jesus der Herr ist. Das ist schon ein großer Schritt. Sich nicht zu verstecken, sondern zu etwas zu stehen. Macht angreifbar. Glauben ist eben nicht unbedingt das, was allgemein als cool gilt. Aber was heißt das eigentlich, „Jesus ist der Herr“? Herr ist derjenige, vor dem ich wirklich höchsten Respekt habe. Herr ist derjenige, dem ich mein Leben anvertraue. Wenn ich Jesus als den Herrn bekenne, dann erteile ich dem eine Absage, der mir weismachen will, dass sich der Wert eines Lebens nach der Schule oder der Uni bemisst, die ich besucht habe. Oder nach dem Geld, über das ich verfügen kann. Oder nach der Logik, dass ich Schwächere gnadenlos ausnutzen darf, wenn sie sich nicht wehren. Jesus steht für die versöhnende Liebe, mit der Gott Menschen begegnet. Schuld wird vergeben und nicht aufgerechnet. Hilfe bekommt der, der sie braucht – unabhängig von Nationalität, Bildung, Glauben, Reich-tum. Dafür steht Jesus. Nicht für die Abgrenzung, sondern für die Liebe zu allen Menschen. Hier wird Glauben enorm politisch. Liebe heißt nicht, die Augen davor zuzumachen, dass es Menschen gibt, die kriminell sind, die ihren Glauben missbrauchen, die Hass säen. Liebe heißt, die Probleme zu sehen, den Menschen zu sehen und nicht ganze Nationalitäten oder Men-schengruppen für die Taten einzelner verantwortlich zu machen. Jesus als den Herrn zu bekennen heißt eben auch, Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen und dort, wo ich es kann, für Gerechtigkeit einzutreten. In der Schule, im Berufsleben, im Stadtteil, in der Nachbarschaft - aber eben auch im größeren Maßstab. Das kann nicht jeder. Aber jeder kann die, die das tun, unterstützen.
Wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet und von Gott gerecht gesprochen werden, so heißt es bei Paulus weiter. Im Herzen glauben – heute denkt man, da käme es auf das Gefühl an. Aber als Paulus das geschrieben hat, war das Herz nicht der Sitz des Gefühls, sondern auch des Verstandes. Das Zentrum des Menschen. Vielleicht kann man es heute ja auch so übersetzen Wenn du drüber nachgedacht hast und es ganz und gar spürst, dass es für dein Leben wichtig ist: Gott hat Jesus nicht tot gelassen, sondern er lebt, dann wirst du gerettet. Vielleicht auch nicht leichter zu verstehen. Ich gebe es zu. Gott ist stärker als der Tod, das ist die entscheidende Botschaft. Jesus ist mehr als ein netter Lehrer, in ihm begegnet uns Gott selbst. Dein Leben hat eine Perspektive, nämlich die, das mit deinem Tod nicht alles aus ist. Die Angst vor dem Versagen soll dich nicht lähmen, sondern du kannst schon jetzt etwas von dem umsetzen, was an Liebe und Vergebung und Gerechtigkeit von Jesus vorgelebt wurde. Darum geht es. Das ist die Rettung. Die Rettung aus der Angst, zu versagen, aus der Angst, nicht gut genug zu sein. Aus der Angst, dass wir für alles allein sorgen müs-sen. Aus der Angst, nicht genug zu bekommen und des-halb anderen was wegnehmen zu müssen. Gott hat uns durch Jesus und durch seine Auferstehung viel mehr ge-geben, als wir uns vorstellen können. Deshalb können wir schon jetzt leben – ohne Angst.
Tja, wenn das so einfach wäre. Wie gesagt, Paulus macht auch die Erfahrung, dass diese frohe Botschaft nicht von allen gehört wird. Oder werden will. Er merkt auch, dass manche dem, was erzählt und vorgelebt wird, Vertrauen schenken und es mit dem Glauben wagen. Andere aber nicht. Und er merkt immer wieder, dass der Glaube le-bendig ist. Glauben ist keine einfache Linie, die immer nur nach oben zeigt. Es gibt Einbrüche, Abbrüche, Neu-anfänge. Paulus schreibt, dass das Bekennen und der Glauben Hören und Verkündigen brauchen. Glauben wächst, wo das lebendige Wort Gottes gehört und ver-kündigt wird. Damit ist aber wohl nicht gemeint, dass man einfach nur in Konfer oder bei der Sonntagspredigt gut zuhören müsste, und schon fängt der Glauben an zu wachsen. Hören, so, wie Paulus es versteht, ist mehr als nur stillsitzen und zuhören. Es ist mitdenken, mitmachen, ausprobieren. Es ist etwas Aktives. Und verkündigen ist mehr als nur ein paar schlaue Sätze sagen. Es heißt auch: vorleben, da sein, ansprechbar sein, auf Fragen reagieren. Ohne beides geht es nicht. Ohne Vorbilder, ohne eigenes Tun. Aber eine Garantie, dass das reicht und dass das klappt, gibt es auch nicht. Glauben ist ein Abenteuer. Deshalb freue ich mich, wenn Jugendliche abenteuerlustig und es probieren. Konfer, Gottesdienste, dass sind kleine Schritte, mehr nicht. Wie ernst sie gemeint sind, wohin sie führen: da können wir nur Gott vertrauen. Und uns Erwachsenen geht es doch oft ähnlich. Glauben ist ein Geschenk, das das Leben schöner macht. Weil er hilft, auch mit den dunklen Seiten im Leben, bei mir zurechtzukommen. Weil er hilft, auch bei anderen nicht nur das Dunkle zu sehen, sondern Hoffnung zu behalten. Über die Zeit, die uns hier gegeben ist, hinaus. Aber es ist ein Geschenk, das man manchmal ziemlich weit nach hinten ins Lebensregal stellt. Gut, dass Gott es uns nicht wegnimmt und wir es immer wieder nach vorne holen dürfen. Gut, dass es andere, die uns begegnen, manchmal nach vorne stellen. Gut, dass die Konfirmanden genauso wie jeder andere Erwachsene dieses Geschenk bekommen. Was daraus wird, wann ein Mensch es auspackt – das dürfen wir nicht nur in Gottes Hand legen, das müssen wir sogar dort hinein geben. Sonst wird aus seiner Einladung menschlicher Zwang und nicht göttliche Gnade.
Amen
Übersetzung: Neues Leben
Liebe Gemeinde!
Eine kleine Reise in die Zukunft. Nicht besonders weit, nur bis zum 8. Mai 2011. Dann wird, so Gott will und wir leben, hier in der Thomaskirche der Konfirmationsgottesdienst gefeiert. Die Konfis, die dann da stehen, werden auf die Frage, ob sie an Gott glauben und ob sie bereit sind, mit Jesus Christus zu leben, mit „Ja“ antworten. Mit dem Mund bekennen sie. Klar, es wäre ja auch peinlich, wenn im wirklich allerletzten Moment das schöne Fest abgesagt werden müsste. Aber ob wirklich alle im Herzen glauben, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wie Paulus es als Grundvoraussetzung einer rettenden und guten Beziehung zu Gott beschreibt? Nicht nur manche Erwachsene, sondern auch Mitkonfirmanden sagen: „Der Sowieso macht‘s doch nur wegen der Geschenke!“ Oder: „Die Andrername macht’s nur, weil ihre Mutter das will und weil die Freundin auch dabei ist!“ Aber welcher Mensch kann schon ernsthaft ein Urteil über den Glauben eines anderen fällen? Wir sehen das Verhalten. Wir hören das, was Kinder, Jugendliche und Erwachsene sagen. Wir ziehen Schlüsse daraus. Wir bilden uns ein Urteil. Manchmal ist es sicher richtig. Manchmal ist es knapp und manchmal total daneben. Das liegt nicht nur daran, dass wir Menschen nie vollständig in einen anderen hineinsehen können und ihn wirklich gerecht und richtig beurteilen können. Das liegt nicht nur daran, dass wir alle unsere Grenzen haben und alle dazu neigen, andere nach dem zu beurteilen, was wir für uns als richtig erkennen. Es liegt vor allem, dass der Glauben an Gott keine mechanische und vorhersehbare Angelegenheit ist, sondern höchst lebendig. Glauben passiert im Leben. Und Leben ist kein Stillstand, sondern es wächst. Es verändert sich mit den Menschen, denen wir begegnen, mit den Erfahrungen, die wir machen. Dort, wo sich immer wieder so viel Neues ergibt, kann Glauben nicht vorhersehbar sein, sondern er entwickelt sich, er lebt. Weil wir Menschen leben, vor allem aber, weil wir an einen lebendigen Gott glauben. Glauben ist lebendig und dynamisch. Das ist das Eine. Das Zweite hängt damit zusammen. Glauben ist etwas zutiefst Persönliches. Im Glauben geht es um mich und Gott. Niemand kann mich vertreten, außer Jesus. Menschen können Spuren legen, können mir helfen, wenn ich müde werde, zweifle oder verzweifle, wenn ich nach einem Anfang suche. Eltern und Paten können bei der Taufe ganz ehrlich und mit bestem Gewissen versprechen, dass sie dem Kind helfen wollen, einen Weg zum Glauben zu finden. Und sie können in der Erziehung alles dafür tun. Aber glauben muss das Kind dann selber. Und weil jedes Leben anders ist, entwickelt sich auch jede Beziehung zu Gott ganz besonders – oder sie entwickelt sich vielleicht gar nicht oder sehr spät oder ganz anders. Und jetzt kommt noch etwas Drittes dazu. Obwohl Glaube so persönlich ist und so dynamisch und lebendig, bleibt er doch nicht nur auf mich beschränkt. Wenn ich Jesus wirklich als den Herrn bekenne, dann hat das auch Auswirkungen auf meinen Umgang mit Politik, mit den Menschen um mich herum, mit der Art, wie ich in meinem Stadtteil, in meiner Schule, in meinem Betrieb arbeite, lebe, mich engagiere.
Zu kompliziert für den Sonntagmorgen? Vielleicht. Aber das ist keine Erfindung von mir, sondern das sind genau die Fragen und Beobachtungen, die Paulus schon vor knapp 2000 Jahren gehabt und gemacht hat und über die er hier schreibt. Paulus muss feststellen: obwohl Gottes Wort und seine Liebe für alle Menschen, Juden und Nichtjuden, da ist, und obwohl er, der er sich ja selbst als Juden versteht, alles tut, dieses Wort gut und richtig weiterzusagen, kommt es nicht bei allen gleich an und weckt nicht überall die Sehnsucht, Jesus als den Retter zu bekennen.
Es gibt kein vorhersehbares Gesetz, wie Menschen zum Glauben kommen. Keinen Weg, der für alle gleich und richtig ist und an dessen Ende garantiert der Glauben steht. Paulus schreibt keine garantiert wirksame Ge-brauchsanleitung für den Glauben, sondern eine Einla-dung, es mit dem Glauben zu versuchen.
Wer mit dem Mund bekennt, dass Jesus der Herr ist, wird gerettet. Das schreibt Paulus. Glauben fordert Mut. Den Mut, dazu zu stehen und es auszusprechen, nicht nur für sich zu behalten, dass Jesus der Herr ist. Das ist schon ein großer Schritt. Sich nicht zu verstecken, sondern zu etwas zu stehen. Macht angreifbar. Glauben ist eben nicht unbedingt das, was allgemein als cool gilt. Aber was heißt das eigentlich, „Jesus ist der Herr“? Herr ist derjenige, vor dem ich wirklich höchsten Respekt habe. Herr ist derjenige, dem ich mein Leben anvertraue. Wenn ich Jesus als den Herrn bekenne, dann erteile ich dem eine Absage, der mir weismachen will, dass sich der Wert eines Lebens nach der Schule oder der Uni bemisst, die ich besucht habe. Oder nach dem Geld, über das ich verfügen kann. Oder nach der Logik, dass ich Schwächere gnadenlos ausnutzen darf, wenn sie sich nicht wehren. Jesus steht für die versöhnende Liebe, mit der Gott Menschen begegnet. Schuld wird vergeben und nicht aufgerechnet. Hilfe bekommt der, der sie braucht – unabhängig von Nationalität, Bildung, Glauben, Reich-tum. Dafür steht Jesus. Nicht für die Abgrenzung, sondern für die Liebe zu allen Menschen. Hier wird Glauben enorm politisch. Liebe heißt nicht, die Augen davor zuzumachen, dass es Menschen gibt, die kriminell sind, die ihren Glauben missbrauchen, die Hass säen. Liebe heißt, die Probleme zu sehen, den Menschen zu sehen und nicht ganze Nationalitäten oder Men-schengruppen für die Taten einzelner verantwortlich zu machen. Jesus als den Herrn zu bekennen heißt eben auch, Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen und dort, wo ich es kann, für Gerechtigkeit einzutreten. In der Schule, im Berufsleben, im Stadtteil, in der Nachbarschaft - aber eben auch im größeren Maßstab. Das kann nicht jeder. Aber jeder kann die, die das tun, unterstützen.
Wenn du in deinem Herzen glaubst, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet und von Gott gerecht gesprochen werden, so heißt es bei Paulus weiter. Im Herzen glauben – heute denkt man, da käme es auf das Gefühl an. Aber als Paulus das geschrieben hat, war das Herz nicht der Sitz des Gefühls, sondern auch des Verstandes. Das Zentrum des Menschen. Vielleicht kann man es heute ja auch so übersetzen Wenn du drüber nachgedacht hast und es ganz und gar spürst, dass es für dein Leben wichtig ist: Gott hat Jesus nicht tot gelassen, sondern er lebt, dann wirst du gerettet. Vielleicht auch nicht leichter zu verstehen. Ich gebe es zu. Gott ist stärker als der Tod, das ist die entscheidende Botschaft. Jesus ist mehr als ein netter Lehrer, in ihm begegnet uns Gott selbst. Dein Leben hat eine Perspektive, nämlich die, das mit deinem Tod nicht alles aus ist. Die Angst vor dem Versagen soll dich nicht lähmen, sondern du kannst schon jetzt etwas von dem umsetzen, was an Liebe und Vergebung und Gerechtigkeit von Jesus vorgelebt wurde. Darum geht es. Das ist die Rettung. Die Rettung aus der Angst, zu versagen, aus der Angst, nicht gut genug zu sein. Aus der Angst, dass wir für alles allein sorgen müs-sen. Aus der Angst, nicht genug zu bekommen und des-halb anderen was wegnehmen zu müssen. Gott hat uns durch Jesus und durch seine Auferstehung viel mehr ge-geben, als wir uns vorstellen können. Deshalb können wir schon jetzt leben – ohne Angst.
Tja, wenn das so einfach wäre. Wie gesagt, Paulus macht auch die Erfahrung, dass diese frohe Botschaft nicht von allen gehört wird. Oder werden will. Er merkt auch, dass manche dem, was erzählt und vorgelebt wird, Vertrauen schenken und es mit dem Glauben wagen. Andere aber nicht. Und er merkt immer wieder, dass der Glaube le-bendig ist. Glauben ist keine einfache Linie, die immer nur nach oben zeigt. Es gibt Einbrüche, Abbrüche, Neu-anfänge. Paulus schreibt, dass das Bekennen und der Glauben Hören und Verkündigen brauchen. Glauben wächst, wo das lebendige Wort Gottes gehört und ver-kündigt wird. Damit ist aber wohl nicht gemeint, dass man einfach nur in Konfer oder bei der Sonntagspredigt gut zuhören müsste, und schon fängt der Glauben an zu wachsen. Hören, so, wie Paulus es versteht, ist mehr als nur stillsitzen und zuhören. Es ist mitdenken, mitmachen, ausprobieren. Es ist etwas Aktives. Und verkündigen ist mehr als nur ein paar schlaue Sätze sagen. Es heißt auch: vorleben, da sein, ansprechbar sein, auf Fragen reagieren. Ohne beides geht es nicht. Ohne Vorbilder, ohne eigenes Tun. Aber eine Garantie, dass das reicht und dass das klappt, gibt es auch nicht. Glauben ist ein Abenteuer. Deshalb freue ich mich, wenn Jugendliche abenteuerlustig und es probieren. Konfer, Gottesdienste, dass sind kleine Schritte, mehr nicht. Wie ernst sie gemeint sind, wohin sie führen: da können wir nur Gott vertrauen. Und uns Erwachsenen geht es doch oft ähnlich. Glauben ist ein Geschenk, das das Leben schöner macht. Weil er hilft, auch mit den dunklen Seiten im Leben, bei mir zurechtzukommen. Weil er hilft, auch bei anderen nicht nur das Dunkle zu sehen, sondern Hoffnung zu behalten. Über die Zeit, die uns hier gegeben ist, hinaus. Aber es ist ein Geschenk, das man manchmal ziemlich weit nach hinten ins Lebensregal stellt. Gut, dass Gott es uns nicht wegnimmt und wir es immer wieder nach vorne holen dürfen. Gut, dass es andere, die uns begegnen, manchmal nach vorne stellen. Gut, dass die Konfirmanden genauso wie jeder andere Erwachsene dieses Geschenk bekommen. Was daraus wird, wann ein Mensch es auspackt – das dürfen wir nicht nur in Gottes Hand legen, das müssen wir sogar dort hinein geben. Sonst wird aus seiner Einladung menschlicher Zwang und nicht göttliche Gnade.
Amen
Sonntag, 12. September 2010
Selbstbewusst statt Selbstverliebt - 15. nach Trinitatis, 12.09.10, Reihe II
Text: 1. Petrus 5,5b-11
Liebe Gemeinde!
Manchmal macht es einem die Bibel gar nicht so leicht, zu verstehen, was da eigentlich gemeint ist. Da werden Wörter benutzt, die Konfirmanden wahrscheinlich gar nicht mehr kennen. Demut ist so ein Wort, das völlig aus der Mode gekommen ist. Wobei die Erfahrung, gedemütigt zu werden, leider nicht genauso aus dem Alltag verschwunden ist. Ich glaube, dass viele ältere genau wissen, was das ist. Ich denke an ältere und alte Menschen, die aus Russland zu uns gekommen sind. Bis zum zweiten Weltkrieg konnten sie in ihrer angestammten Heimat an der Wolga leben. Dann waren sie auf einmal die Faschisten, wurden vertrieben, zur Zwangsarbeit geknechtet, mussten unter unwürdigen Be-dingungen leben. Nur, weil Deutsch ihre Muttersprache war. Die Sprache wurde verboten, lange auch Gottesdienste und öffentlich zu bekennen, dass man an Gott glaubt. „Ihr seid weniger wert als wir Russen“, das bekamen viele jeden Tag zu spüren. Und dann kamen immer mehr nach Deutschland. Hier waren sie dann zwar nicht mehr die Faschisten, aber plötzlich doch „die Russen“. Und wenn es irgendwo Probleme gab, dann wurde schnell gesagt: „Das sind doch die Russen, die saufen zu viel, die sprechen zu schlecht Deutsch!“ Funktioniert ja auch mit jeder Menge anderer Menschen. Demütigen, das heißt doch nichts anderes, als einem Menschen klar zu machen: „du bist weniger wert, du bist das Letzte!“ Jugendliche heute würden wahrscheinlich nicht „demütigen“ sagen, sie würden „mobben“ oder „dissen“ sagen oder einfach „das sind die Opfer“. Das Wort „demütigen“ ist aus der Mode gekommen. Dum-merweise aber nicht die Versuchung, dass Menschen sich gegenseitig schlecht machen, Schwächere unterdrücken und ausnutzen und manchmal auch noch stolz drauf sind, dass sie ganz oben stehen und auf Opfer herunterschauen können.
Und dann schreibt da einer im 1. Petrusbrief in der Bibel demütigt euch unter die Hand Gottes. Soll das jetzt hei-ßen: „Lasst euch von Gott zum Opfer machen! Lasst euch kleinmachen, unterdrücken!“? Das ergibt doch kei-nen Sinn! Nein, es ist etwas anderes, was hier gemeint ist. „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“, so beginnt der Teil des Briefes, der für heute Predigttext ist. Gott ist nicht auf der Seite der Menschen, die sich für etwas Besseres halten. Er ist nicht auf der Seite der Menschen, die Opfer brauchen, damit sie sich gut und wichtig fühlen. Er lässt sich nicht blenden von klugem Geschwätz oder Reichtum. Menschen, die glauben, dass sie was Besseres sind – leider gibt es viel zu viele Beispiele dafür. Besonders ekelhaft finde ich Menschen, die Gott auch noch für ihren Hochmut missbrauchen. Prediger, die behaupten, sie würden Gottes Wort verkünden und dann davon erzählen, dass Christen, vor allem die, die so an Gott glauben, wie diese Prediger behaupten, dass es der richtige Weg sei, besser seien als Menschen mit einer anderen Religion. Christen, die behaupten, Muslime wären vom Teufel oder man müsse den Koran verbrennen – das ist widerwärtiger Hochmut. Islamische Fanatiker, die es ja gibt, sind kein Grund, als christlicher Glaube getarnte Dummheit zu entschuldigen. Menschen, die behaupten, Araber oder Afrikaner seien auf Grund ihrer Gene weniger intelligent, Menschen, für die Menschsein erst mit dem Abitur anfängt – oder Menschen, die behaupten, Gymnasiasten wären arrogant oder hätten keine Ahnung von der Wirklichkeit, die könne man ruhig mal verprügeln oder abziehen. Arroganz, Hochmut gibt es viel zu oft. Gott lässt sich von Blendern nicht irre machen. Wenn das Hochmut ist, dann heißt Demut nicht, sich fertigmachen lassen oder sich klein und schlecht fühlen müssen, sondern sich mit seinen Grenzen als Mensch unter Menschen zu ak-zeptieren. Demut in diesem Sinn, wie es hier in der Bibel gebraucht wird, heißt, nicht besserwisserisch andere bevormunden zu wollen, sondern als Gleicher unter Gleichen zu leben, gemeinsam unter der Hand und dem Schutz Gottes zu leben. In der Bibel steht ja nicht: Lasst euch von Menschen demütigen! Es steht dort: demütigt euch unter die Hand Gottes – erkennt, dass ihr Menschen seid, die nicht über andere vernichtende Urteile fällen müssen, sondern die miteinander vor Gott leben.
Dem, der diesen Brief in der Bibel geschrieben hat, geht es um ein ganz konkretes Problem. Es gab einige Älteste in den Gemeinden, Gemeindeleiter also, die kraftlos geworden waren. Ihnen ging es vor allem darum, durch die Spenden der Gemeinden eine Absicherung zu bekommen und durch ihr Amt besser dazustehen als andere. Sie glaubten, nur weil sie dieses Amt hatten, seien sie mehr wert. Und es gab einige junge Leute, die sagten: „Das, was die Alten machen, ist Quatsch! Wir wissen, wie Glauben richtig gelebt werden kann, die Alten haben doch längst keine Ahnung mehr!“ In dieser Situation schreibt der Petrusbrief: „Seid nicht hochmütig, denkt nicht, dass ihr besser wäret. Ihr steht gemeinsam vor und unter Gott. Gebt zu, dass ihr auch klein seid, Grenzen habt, nicht alles könnt und wisst.“ Alle eure Sorge werft auf ihn, auf Gott, denn er sorgt für euch! Das ist die große Zusage, die Gott uns macht. Ihr müsst nicht darum kämpfen, der Größte, Stärkste, Beste zu sein. Ihr müsst nicht gegeneinander arbeiten, damit ihr am Ende ganz oben steht. Ihr braucht keine Angst davor zu haben, zu klein, zu alt, zu jung zu sein. Gott kann mit euch etwas anfangen. Und auch dann, wenn ihr das Gefühl habt, mit euch selbst gar nicht mehr zurecht zu kommen, will er da sein und euch geben, was ihr zum Leben braucht.
Ich gebe zu, dass es im normalen Alltag schwer fällt, da-rauf zu vertrauen. Da erlebe ich, dass nicht diejenigen vorn sind, die sich zurückhalten können. Durchsetzungs-fähige Kämpfer scheinen gefragter zu sein. Selbstbewuss-te, die anführen können und von sich überzeugt sind. Ge-gen Selbstbewusstsein ist ja nichts zu sagen, im Gegen-teil. Nur leider wird viel zu oft Selbstbewusstsein mit Selbstverliebtheit verwechselt. Wirklich stark, wirklich selbstbewusst ist doch eigentlich der, der auch mal verzichten kann, der anderen zu ihrem Vorteil und zu ihrem Recht verhelfen kann, ohne dabei zu kurz zu kommen. Selbstbewusst ist doch der, der weiß: Ich bin was wert, auch wenn ich nicht immer an erster Stelle stehe oder wenn ich mal im Unrecht bin. In Jesus hat Gott uns doch gezeigt, dass die wahre Kraft und Stärke darin liegt, vor Niederlagen, vor dem Leid nicht davonzulaufen. Aus der scheinbaren Niederlage, aus dem Tod am Kreuz ist der Sieg des Lebens geworden. Macht über das Leben hat der, der das ganze Leben in sich aufnimmt – nicht der, der vor den Schattenseiten da-vonläuft oder sie ständig überspielt und versteckt.
Und da sind wir jetzt bei der Versuchung, von der der Brief auch erzählt. Er erzählt vom Teufel, der wie ein brüllender Löwe Leben verschlingen will. Der Teufel, das Böse – das ist keine Gestalt mit Hörnern und Pferdefuß, die Menschen frisst. Das Böse, das ist das, was Menschen an Möglichkeiten haben, einander weh zu tun. Das ist die Macht, die Menschen haben, einander Schreckliches anzutun. Das Böse ist da – aber nicht als gegengöttliche Person, sondern als Versuchung, die eigene Macht gegen andere auszuspielen. Als Versuchung, sich selbst auf den Thron zu setzen, der Gott gebührt. Das gibt es im persönlichen Bereich wie im gesellschaftlichen und politischen Bereich. Die Versuchung ist da, Schwächere auszunutzen, einen Vorteil daraus zu ziehen, das andere Lügen nicht gleich durchschauen, das andere einem Vertrauen schenken. Die Versuchung ist da, von Gott nichts mehr wissen zu wollen und ihn für das verantwortlich zu machen, was Menschen einander antun. Kriege oder sinnloses Leid und Verfolgung. Die Versuchung ist da, wenn auch in Kirchen, Gemeinden, in der Politik, nach Sündenböcken zu suchen: früher Juden, heute Muslime und Einwanderer. Die Versuchung ist da, den eigenen Lebensstil, die eigene Politik nicht nur für gut zu halten, sondern anderen aufzwingen zu wollen. Das alles und noch viel mehr nährt das Böse. Überheblichkeit ist eine der großen Grundversuchungen, eine Wurzel des Bösen. Das Gefühl: ich muss mehr haben, ich muss besser sein, nur dann gelte ich was. Es ist der einfachere Weg im Le-ben, weil er scheinbar schnell zu sichtbarem Erfolg führt. Das, was mit Demut beschrieben wird, sich zurückneh-men können, aufeinander achten, Selbstbewusstsein nicht als Selbstverliebtheit zu leben, sondern als Wissen: Ich bin was wert, egal wo ich auf welcher Rangliste auch immer stehe, ist der härtere Weg. Im besten Fall erntet man mitleidiges Lächeln, im schlimmsten Fall ertragen die, die ihre Lebensenergie aus Demütigungen beziehen dieses Leben nicht – wie bei Dietrich Bonhoeffer, dem Pfarrer, der von den Nazis ermordet wurde, Martin Luther King, der sich für die Gleichberechtigung der Rassen eingesetzt hat. Aber dieser Weg der Demut mit großem Selbstvertrauen ist der, von dem Gott verspricht, dass er sich durchsetzt und ewig sein wird.
Amen
Liebe Gemeinde!
Manchmal macht es einem die Bibel gar nicht so leicht, zu verstehen, was da eigentlich gemeint ist. Da werden Wörter benutzt, die Konfirmanden wahrscheinlich gar nicht mehr kennen. Demut ist so ein Wort, das völlig aus der Mode gekommen ist. Wobei die Erfahrung, gedemütigt zu werden, leider nicht genauso aus dem Alltag verschwunden ist. Ich glaube, dass viele ältere genau wissen, was das ist. Ich denke an ältere und alte Menschen, die aus Russland zu uns gekommen sind. Bis zum zweiten Weltkrieg konnten sie in ihrer angestammten Heimat an der Wolga leben. Dann waren sie auf einmal die Faschisten, wurden vertrieben, zur Zwangsarbeit geknechtet, mussten unter unwürdigen Be-dingungen leben. Nur, weil Deutsch ihre Muttersprache war. Die Sprache wurde verboten, lange auch Gottesdienste und öffentlich zu bekennen, dass man an Gott glaubt. „Ihr seid weniger wert als wir Russen“, das bekamen viele jeden Tag zu spüren. Und dann kamen immer mehr nach Deutschland. Hier waren sie dann zwar nicht mehr die Faschisten, aber plötzlich doch „die Russen“. Und wenn es irgendwo Probleme gab, dann wurde schnell gesagt: „Das sind doch die Russen, die saufen zu viel, die sprechen zu schlecht Deutsch!“ Funktioniert ja auch mit jeder Menge anderer Menschen. Demütigen, das heißt doch nichts anderes, als einem Menschen klar zu machen: „du bist weniger wert, du bist das Letzte!“ Jugendliche heute würden wahrscheinlich nicht „demütigen“ sagen, sie würden „mobben“ oder „dissen“ sagen oder einfach „das sind die Opfer“. Das Wort „demütigen“ ist aus der Mode gekommen. Dum-merweise aber nicht die Versuchung, dass Menschen sich gegenseitig schlecht machen, Schwächere unterdrücken und ausnutzen und manchmal auch noch stolz drauf sind, dass sie ganz oben stehen und auf Opfer herunterschauen können.
Und dann schreibt da einer im 1. Petrusbrief in der Bibel demütigt euch unter die Hand Gottes. Soll das jetzt hei-ßen: „Lasst euch von Gott zum Opfer machen! Lasst euch kleinmachen, unterdrücken!“? Das ergibt doch kei-nen Sinn! Nein, es ist etwas anderes, was hier gemeint ist. „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade“, so beginnt der Teil des Briefes, der für heute Predigttext ist. Gott ist nicht auf der Seite der Menschen, die sich für etwas Besseres halten. Er ist nicht auf der Seite der Menschen, die Opfer brauchen, damit sie sich gut und wichtig fühlen. Er lässt sich nicht blenden von klugem Geschwätz oder Reichtum. Menschen, die glauben, dass sie was Besseres sind – leider gibt es viel zu viele Beispiele dafür. Besonders ekelhaft finde ich Menschen, die Gott auch noch für ihren Hochmut missbrauchen. Prediger, die behaupten, sie würden Gottes Wort verkünden und dann davon erzählen, dass Christen, vor allem die, die so an Gott glauben, wie diese Prediger behaupten, dass es der richtige Weg sei, besser seien als Menschen mit einer anderen Religion. Christen, die behaupten, Muslime wären vom Teufel oder man müsse den Koran verbrennen – das ist widerwärtiger Hochmut. Islamische Fanatiker, die es ja gibt, sind kein Grund, als christlicher Glaube getarnte Dummheit zu entschuldigen. Menschen, die behaupten, Araber oder Afrikaner seien auf Grund ihrer Gene weniger intelligent, Menschen, für die Menschsein erst mit dem Abitur anfängt – oder Menschen, die behaupten, Gymnasiasten wären arrogant oder hätten keine Ahnung von der Wirklichkeit, die könne man ruhig mal verprügeln oder abziehen. Arroganz, Hochmut gibt es viel zu oft. Gott lässt sich von Blendern nicht irre machen. Wenn das Hochmut ist, dann heißt Demut nicht, sich fertigmachen lassen oder sich klein und schlecht fühlen müssen, sondern sich mit seinen Grenzen als Mensch unter Menschen zu ak-zeptieren. Demut in diesem Sinn, wie es hier in der Bibel gebraucht wird, heißt, nicht besserwisserisch andere bevormunden zu wollen, sondern als Gleicher unter Gleichen zu leben, gemeinsam unter der Hand und dem Schutz Gottes zu leben. In der Bibel steht ja nicht: Lasst euch von Menschen demütigen! Es steht dort: demütigt euch unter die Hand Gottes – erkennt, dass ihr Menschen seid, die nicht über andere vernichtende Urteile fällen müssen, sondern die miteinander vor Gott leben.
Dem, der diesen Brief in der Bibel geschrieben hat, geht es um ein ganz konkretes Problem. Es gab einige Älteste in den Gemeinden, Gemeindeleiter also, die kraftlos geworden waren. Ihnen ging es vor allem darum, durch die Spenden der Gemeinden eine Absicherung zu bekommen und durch ihr Amt besser dazustehen als andere. Sie glaubten, nur weil sie dieses Amt hatten, seien sie mehr wert. Und es gab einige junge Leute, die sagten: „Das, was die Alten machen, ist Quatsch! Wir wissen, wie Glauben richtig gelebt werden kann, die Alten haben doch längst keine Ahnung mehr!“ In dieser Situation schreibt der Petrusbrief: „Seid nicht hochmütig, denkt nicht, dass ihr besser wäret. Ihr steht gemeinsam vor und unter Gott. Gebt zu, dass ihr auch klein seid, Grenzen habt, nicht alles könnt und wisst.“ Alle eure Sorge werft auf ihn, auf Gott, denn er sorgt für euch! Das ist die große Zusage, die Gott uns macht. Ihr müsst nicht darum kämpfen, der Größte, Stärkste, Beste zu sein. Ihr müsst nicht gegeneinander arbeiten, damit ihr am Ende ganz oben steht. Ihr braucht keine Angst davor zu haben, zu klein, zu alt, zu jung zu sein. Gott kann mit euch etwas anfangen. Und auch dann, wenn ihr das Gefühl habt, mit euch selbst gar nicht mehr zurecht zu kommen, will er da sein und euch geben, was ihr zum Leben braucht.
Ich gebe zu, dass es im normalen Alltag schwer fällt, da-rauf zu vertrauen. Da erlebe ich, dass nicht diejenigen vorn sind, die sich zurückhalten können. Durchsetzungs-fähige Kämpfer scheinen gefragter zu sein. Selbstbewuss-te, die anführen können und von sich überzeugt sind. Ge-gen Selbstbewusstsein ist ja nichts zu sagen, im Gegen-teil. Nur leider wird viel zu oft Selbstbewusstsein mit Selbstverliebtheit verwechselt. Wirklich stark, wirklich selbstbewusst ist doch eigentlich der, der auch mal verzichten kann, der anderen zu ihrem Vorteil und zu ihrem Recht verhelfen kann, ohne dabei zu kurz zu kommen. Selbstbewusst ist doch der, der weiß: Ich bin was wert, auch wenn ich nicht immer an erster Stelle stehe oder wenn ich mal im Unrecht bin. In Jesus hat Gott uns doch gezeigt, dass die wahre Kraft und Stärke darin liegt, vor Niederlagen, vor dem Leid nicht davonzulaufen. Aus der scheinbaren Niederlage, aus dem Tod am Kreuz ist der Sieg des Lebens geworden. Macht über das Leben hat der, der das ganze Leben in sich aufnimmt – nicht der, der vor den Schattenseiten da-vonläuft oder sie ständig überspielt und versteckt.
Und da sind wir jetzt bei der Versuchung, von der der Brief auch erzählt. Er erzählt vom Teufel, der wie ein brüllender Löwe Leben verschlingen will. Der Teufel, das Böse – das ist keine Gestalt mit Hörnern und Pferdefuß, die Menschen frisst. Das Böse, das ist das, was Menschen an Möglichkeiten haben, einander weh zu tun. Das ist die Macht, die Menschen haben, einander Schreckliches anzutun. Das Böse ist da – aber nicht als gegengöttliche Person, sondern als Versuchung, die eigene Macht gegen andere auszuspielen. Als Versuchung, sich selbst auf den Thron zu setzen, der Gott gebührt. Das gibt es im persönlichen Bereich wie im gesellschaftlichen und politischen Bereich. Die Versuchung ist da, Schwächere auszunutzen, einen Vorteil daraus zu ziehen, das andere Lügen nicht gleich durchschauen, das andere einem Vertrauen schenken. Die Versuchung ist da, von Gott nichts mehr wissen zu wollen und ihn für das verantwortlich zu machen, was Menschen einander antun. Kriege oder sinnloses Leid und Verfolgung. Die Versuchung ist da, wenn auch in Kirchen, Gemeinden, in der Politik, nach Sündenböcken zu suchen: früher Juden, heute Muslime und Einwanderer. Die Versuchung ist da, den eigenen Lebensstil, die eigene Politik nicht nur für gut zu halten, sondern anderen aufzwingen zu wollen. Das alles und noch viel mehr nährt das Böse. Überheblichkeit ist eine der großen Grundversuchungen, eine Wurzel des Bösen. Das Gefühl: ich muss mehr haben, ich muss besser sein, nur dann gelte ich was. Es ist der einfachere Weg im Le-ben, weil er scheinbar schnell zu sichtbarem Erfolg führt. Das, was mit Demut beschrieben wird, sich zurückneh-men können, aufeinander achten, Selbstbewusstsein nicht als Selbstverliebtheit zu leben, sondern als Wissen: Ich bin was wert, egal wo ich auf welcher Rangliste auch immer stehe, ist der härtere Weg. Im besten Fall erntet man mitleidiges Lächeln, im schlimmsten Fall ertragen die, die ihre Lebensenergie aus Demütigungen beziehen dieses Leben nicht – wie bei Dietrich Bonhoeffer, dem Pfarrer, der von den Nazis ermordet wurde, Martin Luther King, der sich für die Gleichberechtigung der Rassen eingesetzt hat. Aber dieser Weg der Demut mit großem Selbstvertrauen ist der, von dem Gott verspricht, dass er sich durchsetzt und ewig sein wird.
Amen
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