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Sonntag, 2. Mai 2010

Bitte umziehen! - Kantate, 02.05.10, Reihe II

Text: Kolosser 3,12-17

Liebe Gemeinde!
Zieht euch um! – Nein, keine Angst, ich will jetzt nicht, dass jeder nach Hause läuft und sich was anderes anzieht. Ich finde auch nicht, dass sie unpassend angezogen sind. Kleider machen Leute, sagt ein altes Sprichwort. Durch das, was ich nach außen trage, zeige ich anderen etwas von mir. Ob ich das immer bewusst mache oder nicht. Ganz egal. Ich kann zeigen, ob ich viel oder wenig Geld habe. Ob ich möchte, dass die anderen mich für seriös halten oder für flip¬pig oder cool. Ich kann zeigen, ob ich bescheiden bin oder gern das, was ich habe, herausstelle. Ich kann mich als Rebell geben, der in zerrissenen Jeans zu einer Hochzeit geht, oder als Ästhet, der sorgfältig darauf achtet, dass Anlass, Person und Kleidung gut zusammenpassen. Durch mein Äußeres zeige ich immer auch was von meinem Inneren. Von meiner Einstellung zum Leben, zu anderen Menschen. Und das ist nicht erst seit kurzem so, in unserer Zeit, wo es für jeden eine große Fülle von Kleidung gibt, aus der er oder sie aussuchen kann. Wenn wir Menschen uns gegenseitig wahr¬nehmen, haben wir ja nur das, was wir sehen, hören, was wir mit unseren Sinnen erfassen können. Ein zuverlässiger, liebenswerter Mensch, der ungewaschen ankommt, in abgerissener Kleidung rumläuft, wird es schwer haben, so gesehen zu werden, wie er wirklich in seinem Inneren ist.
Zieht euch um! Vielleicht schreibt der Apostel das genau deshalb an seine Mitchristen. Ihr seid doch was! Von Gott auserwählt, nicht im Sinn von besser als andere, sondern in dem Sinn von ausgesucht, um seine Liebe zu empfangen und weiterzugeben. Ihr seid doch längst geliebt. Ihr seid doch heilig, das heißt nichts anderes als: ihr gehört doch schon längst fest zu Gott. So seid ihr. Das schreibt der Apostel und ich glaube, dass wir uns das auch heute immer wieder sagen lassen dürfen. Wir müssen nicht wer weiß was anstellen, damit wir für Gott liebenswert werden. Für ihn müssen wir uns nicht in unsere schönsten Kleider oder Hosen stecken. Für ihn müssen wir nicht tolle, perfekte Menschen sein, die von allen bewundert werden. Bevor wir irgendwas tun können oder gar müssten, sind wir schon was. Es geht nicht darum, irgendwas zu werden, was ich noch nicht bin. Es geht darum, der zu werden, der ich bin. „Werdet die, die ihr seid, zieht euch um!“ Zeigt nach außen, durch euer Leben, in eurem Leben etwas von dem, was in euch ist.
Der Apostel stellt den Christen, auch uns, eine große Kollektion vor, die getragen werden soll. Das sind sicher nicht die neusten Modelle aus den Modemetropolen der Welt, New York, Mailand, Paris. Nichts von H&M oder Armani. Auf den ersten Blick scheint das, was er präsentiert, sogar Modelle zu sein, die aus der Mode gekommen sind. Angestaubt im Kleiderschrank der Zeiten, wiederentdeckt auf Flohmärkten und in Second-Hand-Läden. Herzliches Erbarmen, Sanftmut, Freundlichkeit, Demut, Geduld. Das wirkt nicht gerade schick. Ich glaube, das war auch in den Augen der Christen, die den Kolos-serbrief zuerst gelesen haben, nicht gerade der letzte Schrei und superschick. Die wahren Trendsetter sind aber doch nicht die, die das anziehen, was alle anziehen. Habt den Mut, aufzufallen. Setzt selbst die Modetrends und lauft nicht der Masse hinterher. Vielleicht ist das ja der Ratschlag, den der Apostel nicht nur den Christen seiner Zeit, sondern uns auch heute mitgeben will. Vielleicht sollen wir ja wirklich selber Mode machen statt uns von anderen vorschreiben zu lassen, was gerade modern ist. Sanftmut, Geduld, Freundlichkeit, Demut, Erbarmen – nein, wirklich hoch im Kurs steht das nicht. Durchsetzungsstärke, eine Portion Egoismus, Schläue, die auch bereit ist, mit Tricks zu arbeiten, Beziehungen aus-nutzen statt durch Können zu überzeugen – so läuft die Welt nun mal, oder? Es hilft nichts, zu jammern. Wenn wir als Gemeinde, als Kirche nicht überzeugend andere Modelle vorführen und die anderen Modelle selbstbewusst und offen tragen, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass wir nicht auffallen. Geduld mit Menschen, die von anderen abgeschrieben werden, Erbarmen auch mit uns selbst und unseren Fehlern, Freundlichkeit, nicht verbittertes und ver-biestertes Kämpfen um Vorteile oder um ein kirchliches Leben, das angeblich schon immer so war. Nichts war schon immer so. auch nicht in der christlichen Gemeinde. Nichts außer dem Grund dafür, dass wir eine Gemeinschaft sind, die sich der Liebe Gottes zu den Menschen gewiss sein kann. Nichts außer der Liebe Got-tes, die in Jesus Christus Gestalt gewonnen hat. Alles andere ist lebendig. Weil Gottes Liebe dem Leben gilt und nicht dem eingefrorenen Stillstand. Zieht das an, tragt das nach außen. Auch wenn andere erst mal sagen, dass das unmodern ist: Lasst euch nicht irre machen. Werdet die, die ihr für Gott seid.
Eins darf dabei aber nicht vergessen werden: Ich kann nicht alle Kleidungsstücke, die mir gezeigt werden, nicht alles, was da ist, gleichzeitig anziehen. Vielleicht ist es ja auch mit die¬ser geistlichen Kleidung, die der Apostel beschreibt, genauso. Ich bin nicht der perfekte Superchrist, der gleichzeitig demü¬tig, sanftmütig, immer geduldig, ständig freundlich ist. Das ein oder andere muss sicher zwischendurch mal zum Auffri¬schen in die Reinigung. Ich brauche Zeiten, in denen ich mich und meine geistige Kleidung regenerieren kann, neue Kraft schöpfen kann. Irgendwann ist sonst auch der tollste Anzug abgetragen, löchrig, ein Fall für den Müll. Ertragt euch und vergebt euch, schreibt der Apostel. Er geht schon davon aus, dass niemand ständig seine geistige Kleidung in perfekter Ordnung hat. Werdet die, die ihr seid – und helft euch gegenseitig, damit ihr nicht an Vollkommenheitsan-sprüchen kaputtgeht. Macht euch auf den Weg, aber bedenkt, dass ihr noch nicht am Ziel seid. Und die anderen auch nicht. „Über alles zieht an die Liebe, sie ist das Band der Vollkommenheit“ – ja, sie ist der Gürtel, der dafür sorgt, dass die Hose nicht ständig rutscht, die Jacke nicht ständig aufgeht, das alles sitzt. Die Liebe, die um das rechte Maß weiß. Die Liebe, die modemutig macht, die uns vorangehen lässt, die hat Ausstrahlung und ist ansteckend. Eine singende, lobende, dankende Gemeinschaft, die weiß, dass sie in aller Verschiedenheit eins ist. Die Gottes Liebe und nicht die eigene Eitelkeit ins Zentrum stellt. Eine Gemeinschaft, die auch Klartext miteinander reden kann, die sich gegenseitig sagt was, gut tut und was nicht in Ordnung ist. eine Gemeinschaft, in der nicht einer dem anderen den Glauben oder die Zugehörigkeit zu Jesus abspricht, weil er oder sie gerade ein anderes Kleid trägt als das, das ich mir ausgesucht habe.
Ich denke, heute ist es wirklich an der Zeit, sich umzuziehen. Und vor allem auch einmal das Kleid der Dankbarkeit anzuziehen. Dankbarkeit für so viel Gutes, das auch hier mitten unter uns wächst. Klar, wir könnten zuerst den Blick darauf richten, dass in jedem Gottesdienst noch jede Menge Stühle frei sind und die selten von Menschen besetzt sind, die jung sind. Wir könnten darüber klagen, dass der Kindergottesdienst meistens eher spärlich besucht wird. Und natürlich auch über Gleichgültigkeit und Lieblosigkeit auf dem Richtsberg, wahrscheinlich auch unter den Menschen, die zu unserer Gemeinde gehören. Der Apostel sagt ja auch nicht: Malt euch ein Idealbild und betet das an, sondern seht offen auch auf das, was nicht in Ordnung ist. Aber bleibt nicht dabei stehen, schaut doch, wie viel Grund es gibt, sich von der Liebe anstecken zu lassen und zu loben und den Mund aufzutun und zu singen, ansteckend die Liebe Gottes weiterzutragen. Ja, und deshalb können wir Gott danken, ihn loben, ihm singen. Weil seine Liebe immer wieder Menschen zusam-menbringt. wir könne Gott für jeden danken, der kommt, um mit anderen zu singen, sein Wort zu hören, zu beten. Für 19 Jugendliche, die sich auf die Konfirmation 2011 vorbereiten. Auch wenn sie es uns Erwachsenen sicher nicht immer leicht machen werden. Aber es ist doch ein Grund zu danken, dass die Mehrheit der getauften Jugendlichen auf dem Richtsberg immer noch Gott ein bisschen besser kennenlernen möchte. Neben manch anderen Gründen. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die mich mit den Konfis nicht allein lassen, sondern die ihre guten Erfahrungen mit Gott weitergeben wollen. Und dankbar, dass Menschen, die aus verschiedenen Ecken der Welt kommen, mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen im Glauben, zusammenkommen und sich austauschen. Ich bin dankbar, dass es Menschen gibt, die durch die Musik, die sie machen, die Herzen der Menschen erreichen und die uns helfen, ins Singen zu kommen. Nein, es ist nicht alles perfekt. Es gibt auch manches, was traurig stimmt und zu Klageliedern anregt. Aber ich wünsche mir und uns, dass wir uns trauen und wirklich dankbar für das singen, was schon da ist, dass wir geduldig auf das warten, was wird und kommt. Ich wünsche uns, dass Gottes Geist uns immer wieder Mut macht, alte Kleider abzulegen und neue anzuziehen, auch wenn wir damit vielleicht auffallen. Ich wünsche uns, dass die Liebe Gottes, in Jesus greifbar geworden, uns verbunden hält, über den Richtsberg hinaus, weltweit, in der einen Kirche, die sich in unterschiedlichen Gemeinden und Konfessionen zeigt. Damit wir immer weiter vorankommen auf dem Weg, die zu werden, die wir sind: Gottes geliebte Menschen. Amen

Donnerstag, 22. April 2010

Fast perfekt - Konfirmationen 2010, 18. und 25.04.2010



Text: Ps 8,5+6
Was ist der Mensch, dass du, Gott, an ihn denkst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herr-lichkeit hast du ihn gekrönt!
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, Paten, Großeltern, Verwandte und Freunde, liebe Gemeinde!
Spiegel halten lassen, reinschauen, zurechtmachen
Jetzt geht’s wieder. Endlich. Was einem da manchmal so aus dem Spiegel entgegenschaut, das ist schon merkwürdig. Ich weiß nicht, wie es euch und ihnen heute Morgen ging. Seid ihr zufrieden gewesen? Gerade dann, wenn es drauf ankommt, ist man oft besonders kritisch mit sich selbst. Da fallen einem Sachen auf, die man sonst leicht übersieht. Aber man kann ja was dagegen machen. Brauchtet ihr Hilfsmittel, um zufrieden in den Spiegel schauen zu können oder nicht? Egal wie, es hat es sich gelohnt, wenn ich euch jetzt so ansehe. Aber ist das immer so? Wer schaut euch im Spiegel normalerweise an? Ein toller Mensch, strahlend schön, richtig gut, innerlich und äußerlich? Oder ein Wesen, mit dem ihr unzufrieden gewesen seid, manchmal ganz fremd, obwohl das Gesicht einem doch irgendwie bekannt vor-kommt? Ist auch egal, denn ich glaube, wenn er oder sie ehrlich ist, kennt jeder von uns, egal ob jugendlich oder erwachsen, beide Gefühle beim Blick in den Spiegel. Die Momente, in denen ich ganz zufrieden mit mir bin und die, in denen ich mich selbst gar nicht anschauen mag und denke, mit mir will ja keiner was zu tun haben, ich bin irgendwie nichts wirklich wert. Was uns da entgegen-schaut, ist das Bild eines Menschen. Davon gibt es ziem-lich viele auf der Welt, im Moment knapp 7 Milliarden. Da kann man, wenn man drüber nachdenkt, schon leicht das Gefühl kriegen: bei der Masse kommt es auf mich nicht wirklich an. Was ist denn an mir schon so beson-ders, dass ich wirklich wichtig bin? Wenn man weiter drüber nachdenkt, fallen einem ziemlich viele Sachen ein, die Menschen machen – auch ich – und die nicht gerade toll sind. Menschen können lügen, können sich gegenseitig das Leben schwer machen, können lästern, betrügen, neidisch und eifersüchtig sein und noch viel mehr. Seid ihr ja alles nicht, macht ihr ja alles nicht, ich weiß, oder?
Also, wer schaut mich an, wenn ich in den Spiegel schaue? Ein toller Kerl, ein tolles Mädchen, eine tolle Frau – oder jemand, von dem andere sagen: der taugt nichts, die ist dumm, die ist zu frech, der ist zu klein? Ein Mensch schaut mich an. Ein Mensch, der was kann und dem was zugetraut wird. Was ist der Mensch, dass du, Gott, an ihn denkst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt! Ein Mensch schaut mich an, der von Gott gewollt ist, an den Gott denkt, den Gott mit Ehre und Herrlichkeit aus-gestattet hat. Das hört sich ziemlich geschwollen an und im Alltag fällt es uns oft schwer, diese Ehre und Herr-lichkeit zu sehen. Bei uns selbst und bei anderen. Wir Menschen neigen dummerweise dazu, uns selbst nicht damit zufrieden zu geben, dass wir alle auf einer Stufe sozusagen knapp unter Gott stehen, sondern wir bauen immer noch mehr Stufen ein. Da gibt’s welche, die sind in unseren Augen ganz viel wert, weil sie so sind, wie wir es gut und richtig finden. Das ist ganz unterschiedlich, was das alles sein kann. Für die einen gehört dazu, mög-lichst cool und stark zu sein, bloß nicht zum Opfer zu werden. Für die anderen gehört dazu, möglichst schön zu sein und reich zu sein, möglichst bis 70 total jung auszusehen. Für wieder andere gehört dazu, möglichst klug zu sein und viel zu wissen. Für wieder andere, sich möglichst stark irgendwo zu engagieren. Von diesen verschiedenen Stufen und Einteilungen des Menschseins steht aber überhaupt nichts in der Bibel. Nicht nur mich und die, die so sind wie ich oder die ich bewundere, hat Gott mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. Sondern den Menschen überhaupt. Manchmal ist das ziemlich schwer zu verstehen. Manchmal im Bezug auf mich selbst, weil ich mich nicht so gut leiden kann, manchmal, vielleicht sogar öfter, aber auch im Bezug auf andere, die ich nicht mag und von denen ich denke, die sind schlechter als ich. Vielleicht, ich wünsche es mir und euch und ich bete dafür, ist Konfer so ein guter Baustein und Mutmacher auf dem Weg, auch in dem Menschen, der ganz anders ist als ich und als ich es gut finde, den zu sehen, der er vor Gott und für Gott ist. Ein Mensch, der geliebt wird und der fähig ist zu lieben. Das sind für mich die Ehre und die Herrlichkeit, die der Mensch hat. Die Fähigkeit, trotz allem, was schief gehen kann, zu lieben und die Liebe von anderen anzunehmen. Die Fähigkeit, nicht nur Dinge zu machen, die mich selbst voranbringen, sondern mit anderen und für andere etwas zu machen. Auch, wenn es mir selbst keinen unmittelbaren Nutzen bringt. Wie gesagt, wenn es gut gelaufen ist, ist Konfer vielleicht so ein kleiner Baustein auf dem Weg, das für sich wirklich hören und im Leben umsetzen zu können. In Konfer mussten wir es miteinander aushalten. Nicht immer einfach, weil eben viele ganz unterschiedliche Lebensent-würfe aufeinanderprallen. Und auch viele Arten mit Kirche, Glauben und Gott umzugehen. Ich weiß nicht, was ihr mitnehmt aus diesem Jahr. Wenn es gut läuft, das Gefühl, Mensch sein zu dürfen und auch in schwierigen Situationen nicht gleich weggeschickt zu werden oder es wert zu sein, dass man sich auch mit euch beschäftigt, wenn ihr ganz anders seid, als viele es wol-len. Wenn es richtig gut gelaufen ist, vielleicht auch den ein oder anderen Ansatz, das auch mal bei anderen zu probieren. Menschen, die anders sind, nicht niederzuma-chen oder zu denken, die sind nichts wert, sondern es mit ihnen immer wieder zu versuchen. So, wie Gott es mit jedem von uns immer wieder versucht. Ich wünsche euch, dass Konfer keine Endstation ist, sondern ein Anfang, aus der Ehre und der Herrlichkeit, die ihr habt, was zu machen und anderen dabei zu helfen, in ihrem Leben das auch entdecken zu können. Das ist nicht der leichteste Weg im Leben. Weil er sich nicht mit dem zufrieden gibt, was da ist, sondern auf das hofft und sich an dem orien-tiert, was möglich ist. Es ist immer bequemer, einfach so das zu machen, was ich sowieso gerade mache und nichts Neues oder anderes zu probieren. Ihr seid Menschen – probiert doch einfach mal aus, anderen zu helfen, ihre Menschlichkeit zu entdecken. Dabei wird es Rückschläge geben. Das ist manchmal leichter gesagt als getan, mir fehlt oft die Kraft dazu. Da ist es gut, zu wissen: Ich bin nicht allein. Gott will mir Kraft geben, es trotzdem immer wieder mit diesem Weg zu versuchen.
Ich glaube, dass das auch für Eltern gut tun kann, die entdecken, dass ihr Kind, je erwachsener es wird, desto mehr eigene Wege geht, mit denen man sich als Mutter oder Vater auch mal schwer tut. Das, was der Psalm sagt, das ist es, was Gott auch von meinem Kind denkt – und von mir. Auch wenn mein Kind im Moment Schwierigkeiten hat. Auch wenn ich mit meiner Kraft am Ende bin. Das gilt auch für Großeltern, Lehrerinnen und Lehrer, Vikarin, sogar für mich als Pfarrer. Wir brauchen diese Erinnerung, um nicht durchzudrehen, um nicht an Schwierigkeiten, am Zweifel an uns selbst oder an anderen Menschen kaputt zu gehen. Gott denkt nicht an uns, weil wir alles perfekt machen und für alles sorgen müssen, sondern weil wir als Menschen es wert sind. Einfach so. Weil wir lieben können. Auch wenn wir es manchmal mühsam lernen müssen. Konfer als Station auf dem Weg, in sich selbst und im anderen echte Men-schen sehen können – ich wünsche euch, ihnen, mir, uns allen, dass das so sein möge. Dass die Zukunft für euch, für uns eine Zukunft ist, in der die Liebe, die Gott in unser Leben gelegt hat und die wir weiterschenken kön-nen, wirklich kräftig wird. Wenn ich eure Konfirmations-sprüche sehe, dann habe ich da wirklich gute Hoffnung, denn sie erzählen alle von einer solchen Zukunft, in der es sich zu leben lohnt. Ich wünsche euch, dass sie euch zu guten Wegweisern werden. Und ich wünsche uns, dass wir alle gern in den Spiegel schauen, egal wie viele Falten, graue Haare, Pickel oder sonstige Schwachstellen entdecken, weil uns da immer wieder jemand entgegenlächelt, der Mensch ist – von Gott geliebt und gewollt. Amen

Ihr MÜSST euch nicht an Relgeln halten - Konfirmationsabendmahl 17.04.2010

Text: Joh 8,31-36

Liebe Konfis, liebe Gemeinde!
Wer ist eigentlich wirklich frei? Der, der sich an keine Re-geln halten muss? Der, der dienstags nicht mehr in Konfer und sonntags nicht mehr in die Kirche muss? Der, der so stark ist, dass er sich nehmen kann, was er gerade will? Ich glaube schon, dass viele Menschen, nicht nur Jugendliche, Freiheit genau so verstehen. Frei bin ich, wenn ich mich an keine Regeln halten muss, wenn ich machen kann, was mir Spaß macht und ich mich vor niemanden für irgendwas rechtfertigen muss. Ich kann es verstehen, wenn man als Jugendlicher so oder so ähnlich denkt. Schließlich kriegt man ja überall Einschränkungen mit. Offiziell darf man erst mit 18 Alkohol trinken oder rauchen, viele Filme darf man offiziell erst ab 18 sehen, für Führerschein und viele andere Sachen gibt es Altersgrenzen. Und es gibt eine Schulpflicht. Ich kann verstehen, dass viele sagen: frei bin ich dann, wenn ich mich an keine Regeln halten muss. Ja, ich glaube auch: Nur der ist frei, der sich an keine Regeln halten muss! Punkt! Ich glaube sogar, dass Jesus so gedacht hat, als er das von der Wahrheit gesagt hat, die die an ihn glauben, erkennen können und die frei macht. Frei ist der, der sich an keine Regeln halten muss. Das ist die Wahrheit. Die Wahrheit ist aber noch größer. Wirklich frei ist nämlich nur der, der sich an Regeln halten will. Nicht muss. Frei bin ich dann, wenn ich mich nicht beherrschen lasse. Weder von meinen Gefühlen und Lüsten, die ich gerade im Moment habe. Sondern wenn ich mir Zeit nehme, auch mal drüber nachzudenken, ob es wirklich gut ist, was ich gerade vorhabe und vielleicht mal nicht meiner Lust, sondern meinem Verstand folge. Frei werde ich nicht, wenn sich mein ganzes Denken und Handeln immer nur um das dreht, was ich gerade will. Dann werde ich blind. Ich sehe nur mich. Selbst die Freunde oder die anderen, die mit mir rumhängen oder bei mir sind, sehe ich nur in dem Ausschnitt, in dem sie für mich nützlich sind. Genau das ist es, was der alte Begriff Sünde eigentlich meint. Das ist nicht in erster Linie die einzelne falsche Tat, der geklaute Lippenstift, das Abschreiben, die eingetretene Scheibe oder was anderes. Sondern die Grundhaltung: nur ich selbst zähle. „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!“ Wer seinen Weg mit Gott geht, der kann sehen, dass das Leben viel mehr und viel bunter ist. Der muss nicht immer um seinen Vorteil kämpfen, weil er bei Gott schon längst im Vorteil ist. Die Wahrheit ist, dass wir nicht allein sind und dass nicht alles von mir abhängt. Das macht frei, weil ich eben auch mal schwach sein darf und auch mal nach rechts und links, oben und unten, vorne und hinten gucken kann und nicht nur auf meinen Bauchnabel. Wenn ich das sehen kann, werde ich auch erkennen, dass ich so frei sein darf, Regeln einzuhalten. Nicht aus Zwang, sondern weil sie schützen. Schwächere vor mir. Und manchmal auch mich selbst vor manchen Kurzsichtigkeiten. Ich habe euch versprochen, heute nicht zu lang zu predigen, deshalb mache ich auch Schluss. Erkennt die Wahrheit, werdet frei – und wenn ihr schon frei seid – lasst euch nicht wieder gefangen nehmen.
Amen

Sonntag, 4. April 2010

Was wäre wenn... - Ostersonntag 2010, Reihe II

Text: 1. Kor 15,1-11
Liebe Gemeinde!
Gleich geht hier vorne die Tür auf. Da kommt ein Überraschungsgast, der eben noch mit mir gefrühstückt hat, aus der Sakristei. Er wollte sich nur noch schnell frisch machen. Ich verrate ihnen schon mal, wie er aussieht. Es ist ein Mann, ungefähr so groß wie ich. Viel schlanker als ich, lange braune Haare. Einen Vollbart hat er. Gut, er ist ein bisschen merkwürdig angezogen. Er bevorzugt weiße Umhänge. An den Füßen hat er gern Lederschläppchen, so eine Art Sandale. Und an den Händen und Füßen sieht man noch Narben von den Wunden. Jeden Augenblick kann er kommen. Klar, Jesus ist es, der gleich auftauchen wird.
Nein, ich hab zum Frühstück nicht zu viel Sekt getrunken. Ich will sie auch nicht auf den Arm nehmen oder irgendetwas lächerlich machen. Aber wenn ich wirklich glaube, dass Jesus nicht tot geblieben ist, sondern dass er lebt: die Vorstellung, dass er sich auch mir zeigen könnte, dass er mir begegnet, die dürfte doch dann weder verboten noch lächerlich sein. Trotzdem kommt uns diese Vorstellung aber seltsam vor.
Ich glaube nämlich, wir haben uns in unserem Alltag mit zwei Voraussetzungen ganz gut eingerichtet. Die erste ist die, dass die Auferstehung was ist, was zwar in der Bibel steht und vielleicht gar nicht so schlecht für Momente der Trauer oder Beerdigungen ist, was aber sonst höchstens einmal im Jahr, im Ostergottesdienst, wirklich wichtig ist. Über was sollte man denn da sonst predigen? Und die zweite Voraussetzung ist die, dass wir glauben, schon Ahnung davon zu haben, wie Jesus jetzt wohl aussehen würde. Irgendwie langhaarig, alternativ, hippieartig. Und natürlich auch erhaben und gutmütig. So, wie auf vielen Bildern. Ich will jetzt niemandem was Falsches unterstel-len. Aber ich glaube schon, dass jeder von uns ein Bild von Jesus im Kopf hat. Und dass sich fast jeder von uns, mich eingeschlossen, wundern würde, wenn Jesus mir, ihnen, dir, uns sozusagen körperlich begegnen würde. Jesus lebt! Das bekennen wir jedes Mal, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, das besingen wir in den Osterliedern. Aber im Alltag? Wenn ich ehrlich bin, dann genügt mir oft genug der tote Jesus, der Jesus bis zum Karfreitag. Da reicht es mir oft genug, dass er ein Vorbild war, wenn es darum geht, sich um die Armen zu küm-mern oder um die Traurigen. Einer, der Vergebung gelebt hat. Da genügt es mir, dass Gott in einem begegnet, der konsequent bis zum Äußersten ist und sich auch vor den wirklich schlimmen Erfahrungen, vor Quälerei und Tod nicht drückt. Wirklich verrückt ist es nicht, in einem Kind, das geboren wird, Gott zu erkennen oder in einem, der wirklich leidet und erst recht nicht in einem, der ganz und gar in seinem Leben für die Menschen da ist. Wirk-lich verrückt wird es erst, wenn ich das Ganze nicht als Geschichte von einem Vorbild, das irgendwann mal ge-lebt hat und mir zeigen soll, was im Leben wichtig ist, lese oder höre. Wirklich verrückt ist es eigentlich, davon auszugehen, dass da nicht von irgendeiner Vergangenheit erzählt wird, sondern von einer Wirklichkeit, die den Tod tatsächlich besiegt hat. Und zwar nicht dadurch, dass plötzliche übernatürliche Kräfte Jesus vor dem Tod bewahrt hätten und er gar nicht gestorben wäre, scheintot geblieben wäre oder so, sondern dadurch, dass sich in Jesus Gott selbst dem Tod gestellt hat und dass so aus dem Tod was Neues entstehen konnte, das mit dem Alten, was vorher war, verbunden ist. Auch wenn es ganz anders ist.
Wahrscheinlich hört sich das jetzt alles verwirrend an. Und vermutlich denken einige: okay, und was hat das mit mir zu tun? Heute, Ostern 2010?
Das Verwirrende kann ich vielleicht gar nicht ganz vermeiden. Ostern ist so unglaublich, so gegen unseren Alltag gebürstet, dass ich es nicht in Häppchen zerlegen und Mund oder Hirn gerecht präsentieren kann. Paulus erzählt ja auch etwas total Verrücktes. Er erzählt, wem der Auferstandene alles erschienen ist. Mir fällt erst mal auf: er hat die Frauen vergessen. In allen Evangelien spielen die Frauen eine große Rolle. Paulus beschränkt sich auf die Männer. Nur die waren damals als Zeugen zugelassen, die Aussage einer Frau zählte nicht. So kann man es vielleicht erklären. Als Mann kann ich es viel-leicht auch so entschuldigen. Als Frau würde mir das be-stimmt schwerer fallen. Und insgesamt hat das auch mit dazu beigetragen, dass Frauen erst seit kurzem in den meisten evangelischen und einigen wenigen anderen Kirchen verkündigen dürfen. In vielen Kirchen, nicht nur in der katholischen, geht das leider noch nicht. Also, Paulus zählt eine Menge Männer auf, denen Jesus erschienen ist. Natürlich auch sich selber. Jetzt kommt da aber etwas noch Merkwürdigeres. Als Paulus ihn gesehen haben will, da haben alle andern schon längst erzählt, dass Jesus, selbst wenn er lebendig ist, nicht mehr auf der Erde, sondern bei gott ist. Und trotzdem erzählt Paulus, dass Jesus ihm erschienen ist. Ausgerechnet ihm. Er bezeichnet sich selbst als Missgeburt, als Scheusal. Er ist Täter gewesen. Hat Christen wegen ihres Glaubens verfolgt, dafür gesorgt, dass sie umgebracht wurden. So einem erscheint der lebendige Gott. Da ist ein Täter, der zu seinen Taten steht. Der nicht nach Entschuldigungen sucht. Wie wahr die Begegnung mit dem Auferstanden in unserem alltäglichen Sinn, dass man sie dann mit Fotoapparat oder Videokamera hätte aufnehmen können, ist, das lässt sich nicht beweisen. Darauf kommt es nicht an. Wahr ist, dass diese Begegnung etwas bewirkt hat. Dass die Rede vom neuen Leben, das in der Begegnung mit dem Auferstandenen steckt, kein leeres Gerede, keine theologisch richtige Konstruktion geblieben ist, sondern dass die Begegnung, die man nicht beweisen kann, die sich nur im Glauben erschließt, den Menschen völlig geändert hat. Ihm die Kraft gegeben hat, nicht mehr Tod und Schrecken zu verbreiten. Ihm den Mut gegeben hat, an Meinungen, auch am Glauben, am eigenen Glauben zu zweifeln, sich selbst in Frage zu stellen.
Ostern, die Begegnung mit dem Auferstandenen, heißt nicht: ich muss meinen Verstand vor der Kirchentür oder wo auch immer abgeben. Sondern Ostern will Mut machen, sich den Zweifeln zu stellen und im Zweifel zu erleben, dass Gott auf der Seite des Lebens steht. Ostern stellt uns vor die Grenzen unseres Lebens.
Wir haben es nicht in der Hand. Sicher, wir können uns und anderen das Leben leichter oder schwerer machen. Und Menschen löschen Leben aus – eigenes und fremdes. Aber keiner von uns kann sagen, was morgen sein wird. Keiner von uns hat es sich selbst ausgesucht, zu leben. Ostern macht mir klar: Ich kann mich zwar durch Gewalt, Reichtum oder Klugheit zum Herrn über das Leben aufspielen, aber letztlich kann ich auch mein Leben nur sehr begrenzt planen und über das, was nach dem Tod kommt, kann ich keine sichere Aussage machen. Leben ist ein Risiko, Glauben auch. Im Vertrauen auf den lebendigen Gott, den lebendigen Christus kann ich etwas erfahren und Kraft für dieses Leben bekommen, die tiefer geht als alles, was ich mir selbst herstellen kann. Wenn ich nur an meiner eigenen Kraft hänge, muss ich ständig darum kämpfen, genug zu bekommen und an den Grenzen wirklich verzweifeln. Wenn ich weiß, dass es mehr gibt, kann ich über meine Grenzen hinaus hoffen.
Paulus hat den Mut, sich und seine Erfahrung mit dem lebendigen Gott in eine lange Reihe von Erfahrungen zu stellen. Und er hat den Mut, auf Ausschmückungen zu verzichten. Er sagt nicht, wie toll das war und wie arm doch die dran sind, die nicht seien Erfahrungen gemacht haben. Für mich heißt das auch: Der lebendige Gott, der lebendige Jesus entzieht sich unseren Versuchen, ihn auf unsere Lieblingsbilder festzulegen. Jesus, die neue, Leben schaffende und stärkende Kraft, kann sich überall zeigen. Nicht nur da, wo es schön ist, wo ich mir über alles klar bin und alles toll finden. Der lebendige Jesus ist mehr als ein schönes Bild, das man sich gern an die Wand hängt. Er stellt uns vor große Herausforderungen. Es ist viel einfacher, ihn zu leugnen, als sich auf ihn einzulassen. Aber wenn ich mich auf ihn einlasse, dann kann ich erkennen, dass selbst da, wo ich im Moment nur Dunkel und Tod wahrnehmen kann, tatsächlich Leben ist. Weil der Lebendige, weil das Leben, weil Gott als das Leben immer wieder unsere Vorstellungen von dem, wie er zu sein hat, wie Leben zu sein hat, wo und wie er sich zeigen solle, durchkreuzt. Ostern macht Gott einen großen Strich durch unsere Rechnung. Durch unseren Glauben, dass wir wissen könnten, wie Leben funktioniert, durch unsere Versuche, ihn auf bestimmte Erscheinungsbilder festzunageln. Das Leben bricht sich seine Bahn. Gott ist dort lebendig, wo man, wo ich, ihn am wenigsten vermute. Vielleicht kommt er ja tatsächlich auch in unseren Gottesdienst. In unser Leben. Aber so, glaube ich, dass wir ihn erst einmal gar nicht erkennen. Weil wir sehen müssen und lernen müssen, dass es wirklich ums Leben geht. Und nicht um unsere Bilder und Vorurteile vom Leben und von Menschen. Tschüss Bilder. Willkommen Leben. Frohe Ostern.
Amen

Total verrückt! - Gründonnerstag 2010, Reihe II

Text: 1. Korinther 11,23-26
Liebe Gemeinde!
Es ist völlig verrückt, was wir hier machen. Wir sitzen an einem Donnerstagabend im Jahr 2010 in Marburg in der Thomaskirche, werden gleich eine Oblate essen, noch nicht einmal richtiges Brot. Einen Schluck Traubensaft werden wir trinken oder die Oblate in den Saft tauchen. Wie mag das wohl auf Menschen wirken, die noch nie im Leben irgendetwas von Jesus oder vom Abendmahl gehört haben? Noch verrückter ist, dass wir uns dabei an ein echtes Festessen erinnern. Das letzte Passahmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gegessen hat. Ein echtes Festmahl, zu dem es mehr als eine Oblate und einen Schluck Traubensaft gab. Und dann werden wir auch vielleicht sogar noch glauben, dass Jesus auf besondere Art mitten unter uns ist. Verrückter geht es kaum noch. Ja, es ist verrückt, was wir hier machen. Verrückt für mich aber nicht in dem Sinn, dass es geistig nicht so ganz gesund ist. Verrückt in einem anderen Sinn. Verrückt, weil es die Maßstäbe und Grenzen, die uns von unserer Vernunft und unseren alltäglichen Erfahrungen gesetzt werden, in ein anderes, neues Licht rückt. Verrückt, weil es uns in ein neues Leben rückt, das sich nicht mit dem zufrieden gibt, was jeden Tag um uns ist und scheinbar unumstößliche Geltung beansprucht. Schön, dass sie hier sind. Dass sie den Mut haben, so verrückt zu sein, heute Abend mitzufeiern. Eigentlich spricht doch alles dafür, dass diese Feier längst eingegangen sein müsste. Beinahe seit es Christen gibt, streiten sie sich Christen darüber, was beim Abendmahl passiert oder auch nicht. Verwandelt sich ein bloßes Stück Brot, eine bloße Oblate, ein Schluck Wein wirklich in den Leib und das Blut Jesu? Oder ist das alles nur ein Symbol, eine Erinnerung an das letzte Mahl von Jesus mit seinen Jüngern oder an die vielen Essen, die Jesus mit Menschen am Rand der Gesellschaft gehabt hat? Bleibt Brot Brot und Wein Wein, aber Jesus kommt für die, die dran glauben mit dazu? Kann das Essen und Trinken die Vergebung von Sünden bewirken? Und überhaupt: Wer darf eigentlich mit essen und mit trinken? Es kann Spaß machen, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Als Jugendlicher war ich froh, dass ich in einer reformierten Gemeinde aufgewachsen bin, in der Brot und Wein bloße Symbole waren. Ich war naturwissenschaftlich und mathematisch interessiert. Vielleicht wäre ich aus der Kirche ausgetreten, wenn irgendjemand mich gezwungen hätte, zu glauben, dass da mehr ist. Auch ich bin älter und milder geworden. Ich sehe es heute etwas anders. Für mich ist Jesus da, wenn wir feiern. Aber Brot bleibt immer noch Brot und Wein bleibt Wein. Aber ist das wirklich das Entscheidende? Ich bin es leid. Ich bin es leid, das ausgerechnet diese Einladung, die Jesus macht, die sich auf Jesus beruft, benutzt wird um sich abzugren-zen und auf vorletzten Richtigkeiten zu bestehen. Wer darf mitfeiern, wer nicht? Sie sind hier und feiern. So soll es sein. Und Millionen von Christen feiern heute welt-weit. Klar, vielleicht denkt mancher heute im Gottes-dienst: Lohnt sich das? Wir sind so wenige! Es könnten doch mehr sein! Aber entscheidend ist nicht die Zahl der Menschen hier. Und auch nicht, dass jeder genau weiß, was jetzt nun beim Abendmahl passiert. Da gibt es nämlich wenig zu wissen und viel zu glauben. Und zu tun.
Das, was ich uns eben als Predigttext vorgelesen habe, was Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat, kommt, glaube ich, den meisten sehr bekannt vor. Da sind die Worte, die ein Pfarrer oder eine Pfarrerin heute noch sagt, wenn das Abendmahl gefeiert wird. Da ist die Erinnerung an die Nacht des Verrats. Da ist aber auch noch mehr. „So oft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“. Immer wenn wir bei dieser Feier mitmachen, geschieht etwas Besonderes. Nicht erst dann, wenn alle ganz genau wissen und nacherzählen können, was da passiert. Nicht wenn alle, die mitfeiern, eine Prüfung abgelegt haben, wenn alle das Gleiche denken. Sondern immer dann, wenn Menschen zusammenkommen, um miteinander unter Berufung auf Jesus miteinander Brot und Wein zu teilen. Das Entscheidende ist, das Menschen zusammenkommen, um diese Feier zu halten. Mit unterschiedlichen Vorgeschichten, mit unterschiedlichen Lebenswegen. Jesus hat bei dieser Feier selbst den er-tragen und nicht weggeschickt, der ihn verraten hat. Und auch die, von denen er wusste oder ahnte, dass sie es in schwierigen Stunden nicht schaffen, bei ihm zu bleiben, wie die Jünger, die im Garten Gethsemane bei ihm waren und eingeschlafen sind, wie Petrus, der nicht zugeben wollte, dass er ein Anhänger Jesu war, selbst die haben mitgefeiert. Da wurde nicht lange gefragt, ob sie es wert seien, ob sie verstehen, was sie da tun. Entscheidend ist, dass Jesus es ist, der einlädt. Entscheidend ist, dass sich Menschen einladen lassen. Und nicht, ob es Oblaten oder richtiges Brot gibt, Einzelkelche oder Gemeinschaftskelch, ob das Brot in den Wein getaucht wird oder der Wein direkt getrunken wird. Darüber kann man lange streiten und man findet für alles tolle Argumente. Aber wirklich wichtig ist, dass durch die Feier etwas passiert. „So oft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“. Die Feier macht sichtbar und öffentlich, dass Menschen darauf vertrauen, dass Jesus Gemeinschaft schenkt. Eine Gemeinschaft, die von der Vergebung lebt, die durch seinen Tod geschenkt ist. Es ist nicht die Gemeinschaft der Perfekten, die alles richtig machen, die sich heute Abend hier in der Thomaskirche, in der Elisabethkirche, in Jerusalem, in Kapstadt, Los Angeles, Santa Cruz, Moretele, Moshi oder anderswo trifft. Sondern die Gemeinschaft, die darauf vertrauen kann, dass Jesus auch für die da ist, die Schuld auf sich geladen haben. Eine Gemeinschaft, die weiß, dass jede und jeder, der mitfeiert, auf Vergebung angewiesen ist. Eine Gemeinschaft, die wissen darf, dass sie, so, wie sie ist, zum Leib Christi gehört. Wenn wir in unserer Feier den Tod Jesu, das Heil für die Menschen, die Versöhnung mit Gott verkünden, dann sind wir doch unglaubwürdig, wenn wir uns gegenseitig ausschließen, wenn wir hohe Zäune um diese Feier errichten. Als wollten und könnten wir irgendetwas besser machen als das, was Jesus schon längst für uns getan hat! Er hat uns Gemeinschaft mit Gott geschenkt. In seinem Tod hat er deutlich gemacht, dass uns nichts, auch keine Schuld, auch nicht schlimmstes Leid aus dieser Gemeinschaft ausschließt. Die Verantwortung, die wir haben, wenn wir feiern, ist nicht die, Jesus möglichst perfekt zu imitieren oder möglichst schön und nach außen heilig zu feiern. Das Heilige können wir gar nicht selbst herstellen. Es wird uns geschenkt. Unsere Verantwortung ist es, so zu feiern, dass auch Menschen, die außen stehen, merken: da geschieht etwas mit denen, die feiern. Da bildet sich eine Gemeinschaft ab, die eben mehr ist als eine nette Freundschaft der Menschen, die zufällig da sind. Wir verkünden den Tod Jesu, seine Einladung, es neu mit Gott zu versuchen, seine Einladung, Vergebung anzunehmen und ein Leben zu versuchen, dass nicht in dem aufgeht, was irgendeine Mehrheitsmeinung für richtig hält. Wir verkünden das in unserer Feier bis er kommt. Er, von dem wir alles Heil, alles Gute erwarten können. Er, dessen Kommen die Welt endgültig so sein lässt, wie sie im Guten gemeint ist. Voller Gerechtigkeit, Frieden und Wahrheit. Ohne Leid. Das Abendmahl will uns Wegzehrung der Hoffnung sein. Damit auch andere diese Hoffnung spüren können. Es will und kann nicht Endstation sein, die das alles schon abbildet. So wenig wie unser Miteinander das perfekt abbilden kann. Es ist verrückt, dass wir nicht aufgeben. Es ist verrückt, dass seit fast 2000 Jahren Menschen im gemeinsamen Essen und Trinken Jesus in ihre Mitte lassen. Es ist verrückt, nicht zu verzweifeln, sondern zu hoffen. Aber Gott sei Dank lädt er uns immer wieder ein, mit ihm zu feiern, unsere kleinlichen Streitereien zu begraben. Gott sei Dank bedient er sich immer wieder unseres unvollkommenen Miteinanders, um deutlich zu machen, dass er nicht für die Perfekten gekommen ist, sondern für die, die ihn wirklich nötig haben. In allem Streit, in aller Unsicherheit, in aller Vorläufigkeit des Lebens. Gott sei Dank dürfen wir feiern. Auch heute. Seinetwegen. Mit ihm. Unabhängig davon, wie wir uns sein Dabeisein vorstellen.
Amen

Leben in Freiheit - Braucht Freiheit Regeln?

Hier der Vorstellungsgottesdienst des Richtsbergs - gehalten in den gottesdiensten am 21.03.10 in der Thomas- und am 28.03.10 in der Emmauskirche
Begrüßung
Liebe Gemeinde!
Zu diesem Gottesdienst heute begrüßen wir, die Konfirmandinnen und Konfirmanden des Jahrgangs 2010, sie herzlich. Es ist ein besonderer Gottesdienst. Es ist unser Vorstellungsgottesdienst. Deshalb wird manches anders als gewohnt sein.
Wir haben uns mit dem Thema „10 Gebote“ im Unterricht beschäftigt und wir haben versucht, dieses Thema in unsere Welt zu übersetzen. Statt einer Predigt sehen sie ein von uns selbst ausgedachtes Rollenspiel zum Thema. Wir haben Bilder gezeichnet, die sie jetzt schon sehen können, und fotografiert, was später zu sehen sein wird. Die Gebete haben wir ausgesucht und eigene Glaubensbekenntnisse geschrieben. Und die Musik, die sie hören, ist auch die Musik, die uns ein bisschen näher ist als die, die normalerweise im Gottesdienst gespielt wird.
Damit sie wissen, wer wir sind, möchten wir uns noch einmal kurz mit Namen vorstellen:
Hier sagt jeder einfach seinen Namen ins Mikro
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, der uns wie ein guter Vater beschützt, der durch Jesus an unserer Seite steht und der uns durch seinen Geist Kraft geben will. Amen.

Psalm
Wir beten Psalm 23 in einer Übersetzung von uns Konfirmandinnen und Konfirmanden:
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er bringt mich zu einem schönen Ort, einer Oase und erfrischt mich mit kühlem, heiligem Wasser.
Er sieht meine Seele und tut ihr gut.
Er lenkt mich in die richtige Richtung nach seinem Willen.
Auch wenn ich schon ganz allein im Dunkeln rumgelaufen bin, habe ich keine Angst, denn du, Gott, bist für mich.
Du beschützt mich vor allem Schrecklichen und bist da, wenn andere Menschen mir Leid zufügen wollen.
Du segnest mich, Gott, und sorgst dafür, dass ich von allem genug habe.
Du wirfst ein Leben lang ein Auge auf mich und ich werde mein Leben lang dein Kind bleiben und für immer zu dir halten.

Gebet
Gott, unser Vater, nicht immer sehen wir das Ziel klar vor Augen. Wir folgen den Spuren, die wir sehen. Die Spuren zeigen uns aber auch: Wir sind nicht allein, du gehst mit, auch wenn wir dich nicht sehen. Wir treffen uns und teilen den Weg, den wir gemeinsam neu entdecken. Und oft erkennen wir erst nachträglich, dass du mit uns gegangen bist und uns zum Leben geführt hast. Wir bitten dich: Führe uns Wege, die uns zum Ziel führen, zur Liebe, zu dir. Amen.





Lesung
Ich lese die Zehn Gebote in der Fassung, wie Martin Luther sie zusammengefasst hat:
Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
Du sollst den Feiertag heiligen.
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.
Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.
Jesus sagt über die Gebote: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
Glaubensbekenntnis
Als Glaubensbekenntnis spreche ich jetzt eines, das von einer Konfirmandin von uns stammt. Danach sprechen wir alle zusammen das Bekenntnis, das wir jeden Sonntag sprechen:
Ich glaube an Gott, den Schöpfer der Erde, der alles gemacht hat, auch den Menschen. Und an Jesus Christus, den einzigen Sohn Gottes, der sich für die Menschen geopfert hat und den Glauben weitergegeben hat. Er hilft uns in der Not und erhört unsere Gebete. Er ist oben im Himmel und sieht uns alle. Er ist heilig.
Und gemeinsam sprechen wir:
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde,
und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.



Rollenspiel 10 Gebote
1. Szene
(Mädchen und Junge umarmen sich, verabschieden sich)
HD: Bis später, Schatz, hab dich lieb! (Freund/in geht weg)
(Einige Freunde / Freundinnen kommen dazu)
HD (zu den anderen): So ein Mist! Jetzt hab ich ne 6 in Mathe. Die Müller, diese Ätzkuh! Jetzt krieg ich Ärger und Hausarrest. Am Wochenende ist doch die Party bei Jaqo! Wenn ich da nicht hindarf, dann wird sie schon sehen, was sie davon hat, mir ne 6 zu geben!
F : Was willst du denn da machen?
HD: Ich werde allen erzählen, dass sie minderjährige verführt! Die soll doch was mit dem Sven aus der 10 haben, die alte Schlampe!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „LÜGEN“
2. Szene (Musik: Home von Three Days Grace)
V: Was hast du denn in der Mathearbeit?
HD: Ne 4+, war ganz okay!
M: Wirklich? Du hast doch kaum gelernt.
HD: Ich schwör! Auf die Bibel!
V: Und wie kommt es dann, das Frau Müller angerufen hat, weil sie sich Sorgen macht, dass du mit deiner 6 in der Arbeit nicht mehr die Kurve kriegst!
M: Ich bin so enttäuscht! Du lügst uns an! Die Party kannst du vergessen!
HD: Ihr seid solche Scheißeltern! Ihr habt doch keine Ahnung! Am liebsten würde ich ausziehen und wäre weit weg von euch! Ohne euch ging’s mir viel besser!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „ELTERN EHREN“
M: Kind, versündige dich nicht! du weißt doch, was in der Bibel steht. Im Kindergottesdienst und im Konfirmandenunterricht hast du doch was anderes gelernt!
HD: Euer frommes Getue geht mir auf die Nerven! Und Gott auch, den gibt’s doch gar nicht! Sonst würde es doch nicht so viel Müll geben. Gott kann mich mal! Gott verdammt!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „GOTTES NAMEN MISSBRAUCHEN“
3. Szene
HD: So ein Elend! Jetzt hab ich Hausarrest! Aber am Wochenende geh ich trotzdem auf die Party. Wozu wohnt man denn im Erdgeschoss! Und das Taschengeld haben sie mir gesperrt. Ich brauch dringend nen Mascara, ich seh sonst so ätzend aus.
F: Ich hab jetzt auch keine mehr. Und Geld hab ich auch keins dabei.
HD: Kein Problem!
F: Was willst du denn machen?
HD: Na, siehst du doch… (klaut einen Mascara)
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „STEHLEN“

4. Szene (Musik zu Beginn: Disco Pogo)
Party, HD ist offensichtlich ziemlich besoffen
HD: (lallt) Das hier ist doch das wahre Leben! Alk, du machst mich so frei, ich bete dich an! Sex, du machst, dass ich mich so gut fühle, ich bete dich an! Und erst die Musik!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „ANDERE GÖTTER HABEN“
HD: (macht einen Jungen an): Ey, du bist aber süß! Hast du nicht Lust…
F: Hey, stopp, du bist besoffen! Wenn Kevin das mitkriegt! Lass doch!
HD: Na und? Ich hab jetzt keinen Bock auf Kevin, mit dem bin ich schon so lang zusammen. Wird mal Zeit für was Neues! (Zum Jungen:) Komm, wir gehen! Die haben hier bestimmt ein schönes Plätzchen für uns zwei!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „EHEBRECHEN“ (Musik: „Goodbye…“ James Blunt)
F: So’n Mist! Wie macht die das bloß? Die kriegt immer die süßen Typen ab, die hat immer die tollsten Klamotten, die ist immer so cool. Ich will das auch! Sonst dreh ich noch durch!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „NEIDISCH SEIN“
J: (Freund von HD, zur Freundin F) Hast du Lisa gesehen? Ich such sie schon den ganzen Abend!
F: (verlegen) Nö, eigentlich nicht…
J: wieso eigentlich? Lüg doch nicht! sie wollte doch kommen.
F: Na ja…
J: (sieht, wie sie mit einem anderen rummacht) Deshalb bist du so komisch! Ich mach die fertig! (Läuft auf sie zu, will sie schlagen, HD greift zu einem Messer, will es ihm in den Bauch rammen)
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „TÖTEN“

Eine Welt ohne Regeln, in der sich niemand Gedanken um richtig oder falsch macht, ist grausam und brutal. Leider ist die Wirklichkeit manchmal so. vielleicht haben wir hier oder da ein bisschen übertreiben. Aber auch wenn Regeln und Gebote oft nerven, ist es doch gut, wenn immer mal wieder jemand „Stopp!“ sagt. Regeln können nicht nur nervig sein, sondern sie können auch dazu helfen, Freiheit zu haben, weil sie vor schlimmen Fehlern schützen. So hat Gott auch die 10 Gebote gemeint.
Wir haben uns noch mehr Gedanken dazu gemacht. Dazu sehen sie jetzt noch ein paar Bilder und hören noch einige Gedanken.


Bild 1: „Du sollst keine anderen Götter haben!“ Menschen beten alles Mögliche an. Manchmal die komischsten Sachen. Aber viele sagen nicht gern, dass sie an Gott glauben. Gibt es wirklich nur einen Gott? Man darf niemanden zum glauben zwingen, aber auch niemanden davon abbringen.
Bild 2: „Du sollst Gottes Namen nicht missbrauchen.“ Es ist dumm, etwas in den Dreck zu ziehen, was anderen wirklich wichtig ist.
Bild 3: „Du sollst den Feiertag heiligen“. Auch wenn es schwer fällt, das einzusehen, ist es doch gut, wenn man sich auch mal Zeit nimmt, um über Gott nachzudenken oder für andere Menschen.
Bild 4: „Du sollst Vater und Mutter ehren“. Du darfst deine eigenen Wege gehen. Aber du kannst auch zurückschauen und die, die dir das Leben geschenkt haben, nicht aus den Augen verlieren und auch dann Respekt haben, wenn ihr euch gerade nicht versteht.
Bild 5: „Du sollst nicht töten“. Daran sollte sich jeder halten. Auch die Politiker.
Bild 6: „Du sollst nicht ehebrechen“. Liebe ist etwas wirklich Schönes.
Bild 7: Aber sie wird auch bedroht. von der Langeweile und von den Bildern, die man überall sieht. Es geht darum, nichts kaputt zu machen. Bei sich selbst könnte man das auch nicht ertragen.
Bild 8: „Du sollst nicht stehlen“. Wenn ich mich auf nichts mehr verlassen kann, wenn das Vertrauen kaputt geht, weil ich Angst um das, was mir gehört, haben muss, dann gibt es keine Sicherheit. Und die braucht man zum Leben.
Bild 9: „Du sollst nicht falsch Zeugnis über andere ablegen“. Lästern macht jeder Mal. Aber es gibt immer nur Stress, wenn ständig Gerüchte über andere erzählt werden.
Bild 10: „Du sollst nicht begehren.“ Leichter gesagt als getan. ein schönes Auto hätte wohl jeder gern.
Bild 11: Und Geld natürlich auch. Geld kann Neid auslösen, der wirklich eine Sucht wird.

Fürbittengebet
Ich danke dir, Vater. Du nimmst mich an, wie ich bin. Du machst mich nicht klein. Du vergibst mir und schenkst mir neuen Mut. Ich danke dir für mein Leben, für alle meine Fähigkeiten, dass ich denken, lernen und urteilen kann. Lass mich mit meinen Gaben nicht herrschen, sondern dienen.
Schenke mir die Kraft, anderen zu vergeben, so wie du mir vergeben hast. Schenke mir die Kraft, es neu zu versuchen, auch wenn du weißt, dass nicht alles ganz anders wird in meinem Leben. Ich möchte dir mein Vertrauen schenken. Schließe mich immer wieder in deine Arme, auch wenn mir nicht alles gelingt, was ich mir vornehme.
Danke, dass uns gesagt wird und wir glauben dürfen: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag. Du bist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Höre uns, wenn wir so zu dir beten, wie Jesus es uns gezeigt hat:
Segen
Gott, segne mir den Mond hoch über mir.
Gott, segne mir die Erde hier unter mir.
Gott, segne mir die Musik, die um mich ist.
Gott, segne mir alles, worauf mein Blick ruht.
Gott, segne mir das, worauf meine Hoffnung baut.
Gott, segne mir Verstand und willen; segne sie mir, o Gott, du Gott des Lebens.

Samstag, 13. März 2010

Ganz bei Trost... - Lätare, 14.03.10, Reihe II

Text: 2. Korinther 1,3-7

Liebe Gemeinde!
Manchmal wird es zu viel mit dem ganzen Trost. „Es wird schon wieder. Du wirst schon sehen. Die Zeit heilt alle Wunden. Ich kenne das auch. Ich weiß wie das ist. Du musst nur…“ – Sie meinen es ja nur gut, die anderen. Sie wollen nicht, dass da jemand traurig rumsitzt. Aber manchmal ist es einfach zu viel. Ich weiß nicht, ob sie das Gefühl kennen, das Trost manchmal auch zu viel werden kann. Ganz heftig habe ich das einmal nicht bei mir selbst, sondern bei Eltern erlebt, die ihr Kind bei einem Unfall verloren hatten. Am Anfang waren ständig Leute da. Jeder wollte was Gutes sagen, was Gutes tun. „Es war uns viel zu viel. Wir hatten gar keine Zeit, mal in Ruhe nachzudenken. Jeder hat es gut gemeint. Aber ich wollte gar nicht reden und gar nichts hören!“ So hat es mir die Mutter des Mädchens nach einer Weile mal erzählt. Es ging aber noch weiter. „Und dann, als die ersten Wochen rum waren, da war dann niemand mehr da. Als ich gern jemanden gehabt hätte, der mit mir redet, da hat jeder ge-dacht, er hätte das Nötige schon getan und der Trost hätte schon gewirkt. Für alle ging das Leben dann normal weiter. Für uns nicht. Erst war es zu viel und dann nichts mehr!“
Ich erzähle das jetzt nicht, weil ich die Bemühungen der anderen schlecht machen will. Nein, es ist gut, wenn Menschen sehen, dass es anderen schlecht geht und wenn sie versuchen, mit guten Worten und mit guten Taten die, denen es schlecht geht, aufzurichten. Das ist auf jeden Fall besser, als einfach so an der Traurigkeit und am Leid von anderen vorbeizugehen und zu sagen oder zu denken: „Das geht mich nichts an, die werden schon irgendwie damit fertig.“ Aber was, glaube ich, fast jeder von uns aus eigener Erfahrung kennt, ist das Gefühl, dass es sehr schwer ist, jemanden wirklich zu trösten. Auch deshalb, weil ich ja bei mir selber auch erlebe, dass nicht alles, was wirklich gut gemeint ist und was andere mir sagen oder an Gutem tun wollen, auch den richtigen Trosteffekt hat.
Was tröstet eigentlich wirklich? Gibt es einen Trost, der sozusagen funktioniert? Es wäre schön, wenn es den wirklich gäbe! Manchmal stehe ich als Pfarrer auch so ein bisschen ratlos da und denke mir: „Eigentlich ist alles, was du jetzt sagen kannst, irgendwie nicht richtig.“ Schwere Krebserkrankungen, Sucht, gewalttätige Eltern oder Freunde, und manchmal noch viel mehr unaussprechliches Leid, bei dem mir jedes Wort falsch vorkommt. Von mir als Pfarrer erwarten die Menschen, dass ich Trost spenden kann. Aber was soll ich sagen, wenn ich mitbekomme, dass ein Mädchen mit noch nicht mal zwölf Jahren nachts die Kotze ihrer betrunkenen Mutter wegwischt und die Betten neu bezieht, nur damit niemand die Alkoholsucht der Mutter bemerkt? Was soll ich sagen, wenn ein Mann die Krebsleiden seiner Frau nicht mehr ertragen kann und er sie mit einem Kissen erstickt? Soll ich dann sagen: „Gelobt sei Gott, der Gott allen Trostes, der uns in aller Trübsal tröstet“, so wie Paulus hier schreibt? Mir kommt das selber manchmal zu einfach vor. Da fehlen mir eigene Worte, da weiß ich nicht mehr weiter und dann benutze ich Gott als Joker. Und dann denke ich: warum eigentlich nicht. Vielleicht nicht mit diesen Worten. Bestimmt fühlen sich manche auf den Arm genommen, wenn ich so geschwollen daher rede, weil sie wissen, dass ich im Normalfall anders rede. Vielleicht sind sie skeptisch, weil sie denken, der sagt das nur als Pfarrer, weil er das sagen muss. Aber das ist doch billig und auswendig gelernt. Es kann wirklich billig, auswendig gelernt und einfach nur so daher gesagt sein, wenn man gleich auf Gott verweist und dann weiter geht. Genug getröstet, nächster Fall. Aber eigentlich bleibt uns Menschen, nicht nur uns als Christen, doch gar nichts anderes übrig, wenn es um echten Trost geht, das zu leben, was Paulus hier mit Worten beschreibt, die einem heute manchmal altmodisch und unpassend vorkommen. Trost kann nur dann wirklich entstehen, wenn wir uns als eine Leidens- und Trostgemeinschaft erleben. Das hört sich abgehobener an, als es eigentlich ist. Um andere wirklich trösten zu können, darf ich in mir selber nicht den absoluten Supermann oder die absolute Superfrau sehen, die alle Lebenslagen meistert, ohne dass Niederlagen, Schicksalsschläge oder schlimme Erfah-rungen mir was ausmachen. Wer so denkt, macht sich erstens was vor und wird zweitens den anderen, der im Moment wirklich Trost braucht, von oben herab behandeln. Ich bin der, der alles weiß und kann. Der andere wird sich dann immer klein und schlecht vorkommen. Wenn ich trösten will, muss ich nicht die gleichen traurigen Erfahrungen gemacht haben wie der, der Trost braucht. Aber ich muss mir eingestehen können, dass ich auch verletzlich bin und bedürftig bin. Wenn ich andere tröste, ist es manchmal hilfreich, nicht gerade selbst Trost zu brauchen. Aber trösten kann ich, glaube ich, dann am Besten, wenn ich von mir selber weiß, wie es ist, Trost zu brauchen und wenn ich solche guten Trosterfahrungen gemacht habe. Gott ist der Gott allen Trostes, von dem Paulus hier schreibt, nicht, weil er leidenschaftslos und leidenslos über allem schwebt, sondern weil er sich durch Jesus in diese Leidens- und Trostgemeinschaft mit uns Menschen gestellt hat. Gott ist das Leid nicht fremd. Er wird so sehr Mensch, dass er eben auch davor nicht wegläuft und uns dadurch zeigt, wie wichtig wir ihm sind. „Wenn’s brenzlig wird, haue ich ab!“ Ich denke, dass das eine für Menschen typische Haltung ist. Es macht ja auch keinen Spaß, in brenzlige Situationen zu geraten oder etwas so Trauruges zu erfahren, dass ich wirklich getröstet werden muss. Gott läuft nicht weg. Gott bleibt da. Weglaufen bringt nichts. Die traurigen Erfahrungen fressen sich dann nur immer tiefer in einen rein. Und wenn Menschen weglaufen, dann weiß ich: auf die kann ich mich nicht verlassen. Gott macht das anders. Er läuft nicht weg. Und er zeigt auch, dass das Leiden eben nicht das Letzte ist. Wenn Paulus an die Menschen in Korinth schreibt, dass Leiden auch mit Geduld getragen werden können und dass sich dann zeigen wird, wie stark der Trost ist, den Gott geben kann, dann schreibt er das nicht, weil Leiden etwas Tolles ist. Leiden ist traurig. Nicht toll. Und Gott ist kein Perversling, der will, dass die Menschen leiden, damit sie sich klein und mies fühlen und er groß da steht. Weglaufen bringt nichts. Wenn du dich dem Traurigen im Leben nicht stellst, dann wird auch der Trost nicht kom-men können. Die Botschaft steckt für mich in dem Brief an die Korinther. Als Christ hast du die Perspektive und die Hoffnung Leben. In der Taufe hast du ein Band mit Gott, das nicht kaputt geht. Ein sichtbares Zeichen für seine Liebe zu dir. Trost ist nicht ein Zukleistern des Bösen, sondern ein Wachhalten der Hoffnung. Das zeigt mir Paulus. Und so, wie wir mit Gott und untereinander im Leiden, im Traurigen zusammengehören, gehören wir eben auch in der Hoffnung zusammen. Trost entsteht und wächst eben vor allem dann, wenn ich weiß, dass ich nicht allein bin. Auch wenn die traurige Erfahrung einmalig ist und niemand sie wirklich mitfühlen kann, kann miteinander nach Hoffnung gesucht und Hoffnung wachgehalten werden. Hoffnung, die das Dunkel nicht überspielt, sondern die das Dunkle überwindet. Und wenn ich sie allein nicht sehen kann, allein nicht geben kann, dann gibt es eben eine große Gemeinschaft, die mir dabei helfen kann. Die Gemeinschaft der Kinder und Geliebten Gottes. Die Gemeinschaft mit Gott. Vielleicht war es das, was den Eltern, die um ihre Tochter getrauert haben, so gefehlt hat: die Gemeinschaft, die nicht weggeht, wenn der Alltag wieder da ist. Ich wünsche uns allen, dass wir nicht nur im Ausnahmefall, sondern jeden Tag, in unserem Alltag, diese Gemeinschaft spüren, die Trauriges nicht versteckt, nicht leugnet und so fähig wird, Trost zu geben. Mit Gottes Hilfe. Gott sei Dank.
Amen

Donnerstag, 4. März 2010

PorNO - Okuli, 07.03.10, Reihe II

Text: Epheser 5,1-8
Liebe Gemeinde!
Nochmal davongekommen! Gerade so die Kurve gekriegt. „Folgt Gottes Beispiel! Lebt in der Liebe! Von Unzucht, dummem Geschwätz oder Habsucht soll noch nicht mal die Rede sein!“ Es sind extrem hohe Ansprüche. Christen sollen erkennbar sein. Nicht nur daran, dass sie irgendwie ganz nett und lieb und freundlich zu anderen sind. Sondern daran, dass sie Liebe wirklich leben. Pornografie, Bordellbesuche, Sex mit ständig wechselnden Partnern, das soll keinen Platz haben in ihrem Leben. Und auch kein dummes Geschwätz, das andere Menschen lächerlich und verächtlich macht. Habsucht natürlich erst recht nicht. Nochmal davongekommen, sich jetzt allzu viele Gedanken über sich selbst und das eigene Leben zu machen. Schließlich gibt es ja im Moment genug, auf die mit dem Finger gezeigt werden kann. Seit Wochen beherrschen vor allem katholische Geistliche, die Kinder und Jugendliche sexuell oder durch Bestrafungen anders körperlich und seelisch missbraucht haben, die Schlagzeilen. Und Bischöfe, die in den Augen der Öffentlichkeit viel zu lasch damit umgehen. Nochmal davongekommen – gut, dass die katholische Kirche so ein schlechtes Bild abgibt und so davon ablenkt, dass es gerade in den 50er und 60er Jahren in Kinderheimen, die von der evangelischen Kirche geführt wurden, ähnlich schlimme Zustände gab. Die Glaubwürdigkeit der Kirche ist erschüttert. Respekt hat ihr ein bisschen die Konsequenz verschafft, mit der Frau Käßmann nach ihrer Trunkenheitsfahrt zurücktrat. Sie hat, anders als leider manche Politiker, nicht nach billigen Ausflüchten gesucht. Ich will nicht ablenken und uns evangelische Christen als besser hinstellen. Auch wenn der Rücktritt Respekt verdient, höre ich doch Sätze wie „Wenn die Oberen nicht besser sind als ich selbst, dann brauch ich die Kirche doch nicht!“ So schlimm wie die Missbrauchsfälle auch sind, so falsch eine Fahrt im besoffenen Kopf auch ist: das alles kann prima als Entschuldigung für eigene Bequemlichkeit missbraucht werden. Kirche sind nicht Bischöfe, Priester, Pfarrer. Jeder getaufte Christ ist Teil der Kirche. Für mich wird hier deutlich, was Paulus im 1. Korintherbrief schreibt: „Wir sind ein Leib! Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit!“ Es sind viele, zu viele, aber Gott sei Dank immer noch Einzelne und alles andere als die Mehrheit der Pfarrer, Priester, Bischöfe, Lehrer und Erzieher, die solche Schuld auf sich geladen haben. Trotzdem leidet das Ansehen der GANZEN Kirche darunter. Umgekehrt gilt aber auch. Wenn der Kopf Probleme macht, gibt es immer noch die Beine, die ihn zum Arzt tragen können. Für mich ist das der Liebesdienst, mit dem unser Predigttext heute beginnt. „Folgt Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe“. Für mich heißt das auch: „Benutzt die Fehler, die Unglaubwürdigkeit anderer nicht als bequeme Ausrede zur Vertuschung eigener Fehler. Bleibt glaubwürdig, bliebt in der Liebe und helft denen, die lieblos sind, dadurch wieder zurechtzukommen.“ Wenn wir Jesus Christus ernst nehmen, dann geht es doch nicht darum, Menschen zu ver-dammen, sondern Schuld aufzudecken und so zu ermögli-chen, dass neue Wege gegangen werden können. Gott liebt uns nicht deshalb, weil wir so sind, wie wir sind, sondern obwohl wir so sind, wie wir sind. Weder als einzelner Christ noch als Priester oder Bischöfin sind wir frei von Schuld. Gott liebt den Sünder, nicht die Sünde.
Uns wird was zugetraut. Damit beginnt der Abschnitt aus dem Epheserbrief, der heute Predigttext ist. Uns wird nicht zuerst gesagt, was wir alles nicht tun sollen oder falsch machen. Uns wird zugetraut, in der Liebe, die uns Gott durch Jesus geschenkt hat, zu leben und einander und anderen Menschen mit Liebe zu begegnen. Christsein findet seinen Ausdruck nicht in Vorwürfen und Ablenkungsmanövern von eigener Schwäche, sondern in Liebe. Schöne Aussichten. Und von da aus ergibt sich eigentlich das andere, was sich nicht nur hart anhört, sondern auch hart ist, wenn man es wirklich umsetzt. Weil die Welt bis heute wirklich anders tickt. Meidet die Unzucht! Ja, das ist jahrhundertelang so ausgelegt worden, als sollten Christen keine Freude an ihrer Sexualität haben und als wäre es gut, wenn die Frau ihren Mann zum ersten Mal auszieht, wenn sie ihm das Totenhemd anzieht. Darum geht es gar nicht. Es geht um ganz moderne Lebenseinstellungen. Es geht um die Befriedigung der eige-nen Triebe, der eigenen Lust, am besten sofort, ohne Rück-sicht auf den anderen, ohne Rücksicht auf die Konsequen-zen. Körper werden zur Ware gemacht, Frauen nach der Größe ihrer Brüste, Männer nach der Festigkeit ihres Pos beurteilt. Nicht nur Kindern und Jugendlichen wird vorgemacht, dass Schönheit allein auf einen vom anderen Geschlecht begehrenswerten Körper reduziert werden kann. Die Bibel will nicht Spaß und Freude verbieten und lauter langweilige oder prüde und verklemmte Menschen. Jesus will Menschen. Nicht Körper. Liebe, die mehr ist als ausschließlich Triebbefriedigung. Das kann und darf ganz viel Spaß machen. In dieser etwas alten biblischen Sprache steht Unzucht für alles, was den Menschen klein macht und ihn reduziert. Und da geht es eben nicht nur darum, zu schauen, wo andere das machen, sondern wo bei mir, in meinem Leben die Gefahr da ist. Menschen klein zu machen. Das ist auch gemeint mit den närrischen Reden, von denen im Epheserbrief die Rede ist. Hört sich ja vielleicht so an, als ob man als Christ keine Witze machen dürfte und Spaßverbot hätte. Gemeint ist aber dummes Geschwätz, das andere herabsetzt und verletzt. Nicht Witze an sich sind gemeint, sondern Witze auf Kosten von anderen. Witze, die dem anderen keinen Ausweg lassen. Witze über Schwule, über Politiker, über katholische Priester zum Beispiel, die den anderen nur als Deppen da stehen lassen. Als Objekt, an dem man die eigene Lust, größer und besser als andere zu sein, ausleben kann. Mit Habsucht ist das eigentlich das gleiche. Ich will mich auf Kosten anderer bereichern. Ich will das haben, was der andere hat – egal, ob ich es brauche, egal, ob es mir hilft. Ich gönne dem anderen wenig, weil ich alles haben will. „Folgt Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe“. Ja, für mich heißt das zuerst: so, wie Gott dich, mich, Mensch sein lässt, so soll das auch im Umgang mit anderen sein. Christsein soll nicht für ein spaßfreies, sondern für ein menschenwürdiges Leben stehen. Für ein Leben, das seinen Reichtum nicht aus der Armut anderer bezieht. Für ein Leben, dass nicht deshalb groß ist, weil andere klein gemacht werden, sondern weil es weiß, dass es aus der Liebe leben darf. Aus der Liebe, die dem Menschen gilt – nicht unbedingt seinem Verhalten. Aus der Liebe, die dem Menschen, mir, hilft, sein Leben mit offenen und ehrlichen Augen zu sehen, auch die Schuld zu sehen, und es so möglich macht, umzukehren. Dort, wo Menschen sich gegenseitig zu Objekten machen, mit denen man skrupellos umgehen kann, dort entsteht Schuld.
Kinder des Lichts sind wir, sagt der Epheserbrief. Das heißt nicht, dass wir hier im Gottesdienst oder in der evangelischen Kirche oder in den christlichen Kirchen überhaupt die guten wären und alle anderen die Bösen. Kinder des Lichts – das heißt, dass wir die Wahrheit aushalten und weitersagen können. Dass Christus die Wahrheit über das Leben aufdeckt und wir diese Wahrheit aushalten und daraus Konsequenzen ziehen. Nicht zuallererst aus der manchmal schrecklichen Wahrheit des Lebens anderer, sondern aus der oft genug erschreckenden Wahrheit über unser eigenes Leben. Weder in meinem Leben noch im Leben von ihnen und euch, die heute Gottesdienst mitfeiern ist alles nur hell und schön und Licht. Aber Gottes Liebe gibt die Kraft, in all dem Grau das Licht zu ahnen. Die Liebe, die den Grauschleier wegwischt. Lebt als Kinder des Lichts. Diese Aufforderung aus dem Epheserbrief, dieses Vertrauen, das Gott nicht in Bischöfe, Pfarrer oder Glaubensprofis, sondern in jeden setzt, die will uns weg bringen von dem Weg, sich auch durch die Schuld anderer besser zu fühlen. Sie will uns Mut machen, dort, wo Finsternis und Dunkelgrau vorherrscht, in Liebe das Licht zu suchen. Miteinander. Nicht durch das Kleinmachen von Menschen, nicht durch Befriedigung eigener Bedürfnisse auf Kosten anderer, sondern durch die Liebe Gottes, die in mir und den anderen den Menschen sieht.
Amen

Überleben im Niemandsland - Sonntagsgedanken Oberhessische Presse

Er kann nicht vor. Er kann nicht zurück. Er ist ein Mensch ohne Heimat. Staatenlos, so nennt man ihn. Gefangen im Transitbereich des Flughafens. Kein Land will ihn. Er richtet sich ein, im Niemandsland des Transitterminals. Heimat, weil sonst keine da sein will. Mit Tom Hanks wurde vor einigen Jahren diese wahre Geschichte verfilmt. Was hier schrullig, irgendwie liebenswert daherkommt, ist für Tausende von Menschen weltweit bittere Wirklichkeit. Ohne Papiere, immer in Angst, abgeschoben zu werden – aus „unserem“ Land, das nicht ihres sein will, in „ihr“ Land, das längst nicht mehr ihre Heimat ist. Niemandsland – nicht Heimatland, nicht Freundesland, nicht Feindesland. Unbestimmt, unsicher.
Die Verheißung, sicher zu wohnen, gehört beim Propheten Jeremia im Alten Testament zum Kern dessen, was er im Auftrag Gottes verkündigt. Bis heute ist das leider Verheißung für eine Zukunft, kein Bild der Realität. Nicht nur für Staatenlose ohne Papiere, auch für die Menschen in Israel. Befeuert von der iranischen Regierung wollen viel zu viele ihr Land auslöschen. Und, Gott sei es geklagt, auch keine Wirklichkeit für palästinensische Familien in Gaza und in den Autonomiegebieten. Niemandsland statt sicherer Wohnung. Menschen sprechen Menschen ab, sich dort, wo sie sich wohl und sicher fühlen, Heimat finden zu dürfen.
Ich kann nicht vor. Ich kann nicht zurück. Dort, wo ich bin, bin ich nicht zu Hause. Ich glaube, dass dies nicht nur ein Lebensgefühl von Flüchtlingen, von Opfern der Diplomatie und Politik, von fehlgeleiteten Ansprüchen auf Landbesitz ist. Im Niemandsland, zwischen den Grenzen, zwischen Ländern leben zu müssen, das trifft auch im übertragenen Sin auf viele zu. Sicher auf nicht wenige Jugendliche. Noch nicht Zuhause im Land der Erwachsenen. Auch, weil wir Erwachsenen ihnen die Einreise nicht immer leicht machen. „Werd‘ erst mal vernünftig. Lern erst mal was Ordentliches. Beweise erst mal, dass du zu uns gehörst!“ Bestenfalls wird ein Besuchervisum ausgestellt, für den Daueraufenthalt muss man erst mal was leisten. Aber eben auch nicht mehr zu Hause im Land der Kindheit. „Du bist dafür doch schon zu alt! Sei doch endlich mal vernünftig! Das musst du doch können!“ Rausgeworfen aus dem einen Land – was ja auch gut ist. Ohne Einreiseerlaubnis in das andere. Niemandsland. ein Land, das ja auch jede Menge Freiheiten bietet. Wo niemand zuständig ist, lässt sich vieles machen. Vieles, was auch an den Grenzen der anderen rüttelt und sie in Frage stellt. Der Theologe Paul Tillich hat einmal die Grenze als den eigentlichen, fruchtbaren Ort christlicher Existenz beschrieben. An Grenzen wachsen wir, arbeiten wir uns ab, ohne Grenzen verliert sich Leben im Nichts. Mir hat das lange eingeleuchtet.
Mittlerweile denke ich aber manchmal, dass vielleicht auch das Niemandsland unser Ort ist. Gottes Verheißungen von einem sicheren Wohnen, von einer gerechten Welt, machen es mir schwer, mich in einer Welt zu Hause zu fühlen, in der Menschenwürde auch vom richtigen Pass oder vom richtigen Stempel im eigentlich falschen Pass abhängt. In einer Welt, in der mit bestenfalls geringem Wimpernzucken Milliarden an Steuern Hoteliers geschenkt werden (ich übernachte gern in Hotels und gönne ihnen, dass sie gut laufen), die aber immer noch akzeptiert, dass Menschen für eine Stundenlohn von weniger als 7,50 Euro arbeiten müssen. Nicht wirklich zu Hause in dieser Welt – aber auch noch nicht zu Hause in der Welt, in der uns Gerechtigkeit und sicheres Wohnen verheißen ist. Niemandsland – vielleicht gibt uns das ja auch den Freiraum, so wie Tom Hanks in dem Film „Terminal“, den Raum zwischen den Grenzen zu einem eignen Land zu gestalten, das diejenigen, die sich mit ihren Grenzen zu schnell zufrieden geben, zum Nachdenken bringt und in gutem Sinn anstößig ist. Und schließlich: das Niemandsland gehört niemandem. Leben ist kein Besitz. Es gehört niemandem. Vielleicht nicht mal mir selbst. Es gehört Gott. Jedes Leben. Auch das nur geduldete, illegal gemachte, papierlose.

Aufrecht gehen - Invokavit, 21.02.10, Reihe II

Text: Hebräer 4,14-16
Liebe Gemeinde!
Manchmal tut es gut, einen zu haben, der die unangenehmen Aufgaben erledigt. Jemanden, der wichtige Kontakte herstellt, wenn man sich nicht traut, selbst nachzufragen. Jemanden, der vermittelt, wenn wieder was schief gegangen ist. Praktisch, wenn man solche Leute hat. Aber nicht nur praktisch, sondern manchmal auch schädlich. Es macht eigentlich bequem und abhängig, wenn man sich ständig drauf verlässt, dass andere für einen alles machen. Oder es führt dazu, dass man sich nichts zutraut. Ich kann das nicht – dafür bin ich nicht der Richtige, dafür bin ich zu alt oder zu jung, zu dumm, nicht gut genug. Das gibt es nicht nur bei unangenehmen Sachen in Schule und Beruf, nicht nur beim Ausfüllen der Steuererklärung, bei Konflikten im Haus oder anderen, alltäglichen Dingen, sondern auch im Glauben. Manchmal, wenn ich mich mit Menschen über den Glauben und die Kirche unterhalte, dann kriege ich zu hören: „Ach, ich glaub zwar irgendwie an Gott, aber ich kenn mich da nicht so aus. Da gibt’s andere, die sollen das mal machen, die können das besser!“ Andere sagen: Ich bin doch nicht gut genug. Ich hab auch Zweifel, und vor allem: Ich hab in meinem Leben schon so viel Blödsinn gemacht, das wird nichts mehr!“ Und es gibt auch Menschen, die sagen: „Für den richtigen Kontakt zu Gott brauchen wir Profis. Pfarrer, Priester, die die richtigen Gebete sprechen, die den richtigen Draht zu Gott haben. So als einfacher, normaler Mensch funktioniert das nicht.“ Ja, das gab und gibt es immer wieder. Auch Menschen, die sagen: „Ja, ich bin der Profi, der dir den richtigen Weg zu Gott zeigt. Ich kenne die richtigen Gebete, die richtigen Handlungen, wenn du das so machst, wie ich es dir vormache, dann wirst du mit Gott verbunden. Oder du lässt es mich gleich ganz machen, denn ich bin was Besonderes!“ Früher, in der Zeit von Jesus und davor, hat man solche Menschen „Hohe-priester“ genannt. Das waren die einzigen, die im Tempel in das Allerheiligste durften. Das waren die, die die Opfer und Gebete richtig machen und sprechen konnten und die sozusagen zwischen den Menschen und Gott vermittelt haben.
Von so einem Hohepriester erzählt auch der Hebräerbrief, aus dem ich eben ein kleines Stück vorgelesen habe. Aber dieser Brief erzählt ganz neu und anders von diesem Hohe-priester. Er sagt nicht: Du brauchst als Christ einen anderen Menschen, der stellvertretend für dich bei Gott tätig ist. Du bist ungeeignet, deshalb brauchst du einen besonderen Menschen zwischen dir und Gott. Er sagt etwas ganz anderes: Als Christ brauchst du keinen Menschen, der vermittelt. Jesus hat dich schon längst zu Gott gebracht. Der kennt sich wirklich aus bei Gott, der ist der einzige, der weiß, was für Gott wirklich Sache ist. Er ist „der Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat“, so sagt es der Brief. Etwas, was kein Mensch von sich sagen kann. Und der kennt sich nicht nur im Himmel aus, sondern auch auf der Erde. Jesus ist keiner, der denkt, er wäre besser als wir Menschen, sondern einer, der mitleidet. Einer, der die Schwächen und die Schwachheit von uns Menschen sieht. Einer, der nicht ignoriert, wenn es einem schlecht geht, einem, dem es nicht egal ist, wenn einer sein Leben nicht in den Griff kriegt. Jesus ist als Sohn Gottes keiner, der von oben auf die Menschen herabschaut, sich für was Besseres hält, sondern einer, der da ist, wo es weh tut. Ganz wörtlich sogar. In diesen Wochen vor Ostern erinnern wir besonders an den Weg, den er gegangen ist. An den Weg, der ihn zu den Menschen geführt hat, die wirklich etwas falsch gemacht haben, die Hilfe brauchten. Dieser Weg hat ihn ans Kreuz geführt. Er wurde verraten, gefoltert. Auch deshalb, weil er eben die Menschen direkt, ohne Umwege über andere, mit Gott in Verbindung gebracht hat.
Wozu braucht man denn dann noch einen Pfarrer? Gute Frage! Aber als Pfarrer bin ich niemand, der näher an Gott ist als Isabell oder Mirjam, als Marcos oder Marlene, als David, Maurice oder irgendjemand sonst, der an Gott glaubt und seinen Weg im Glauben gehen will. Als Pfarrer kann ich niemandem den Glauben, das Vertrauen abnehmen. Ich kann niemandem Schuld vergeben oder einen neuen Anfang schenken. Das kann nur Gott. Ich kann höchstens Anregungen zum Nachdenken geben, Anstöße. Ich kann Menschen begleiten, für Menschen da sein, wenn sie Trost, Unterstützung, Rat brauchen. Aber einen besseren, direkteren Draht zu Gott habe ich nicht. Jesus hat für jeden von uns die Leitung zu Gott freigeschaltet. Und das ist der Grund dafür, dass wir mit Zuversicht, wie es Martin Luther in seiner Übersetzung sagt, offen, freimütig, mit erhobenem Haupt, wie man auch übersetzen kann, zum Thron der Gnade, zu Gott gehen kann, um Barmherzigkeit zu empfangen und Gnade zu erlangen, wenn wir Hilfe nötig haben. Gott will uns nicht fertig machen. Es geht im Glauben nicht in erster Linie darum, zu erkennen, wo ich überall nicht toll bin, wo ich versagt habe und sich deshalb klein und dumm zu fühlen. Es geht auch nicht darum, sich das alles egal sein zu lassen und sich selbst als den Größten und tollsten zu sehen, dem nichts was anhaben kann. Es geht darum, ehrlich zu sich, ehrlich zu Gott zu sein. Zu erkennen, wo ich Hilfe brauchen. Sich für Hilfe und Hilfsbedürftigkeit nicht zu schämen, sondern sie anzunehmen. Sich nicht darauf auszuruhen, sondern sie als Ansporn, dem Leben eine neue Richtung zu geben, zu verstehen.
Jeder darf zu Gott kommen. Mit erhobenem Haupt, offen, freimütig. Nicht, weil jeder so toll ist, sondern weil Gott unsere Schwächen kennt und aushält. Weil Jesus für uns da ist. Weil er weiß, wie es ist, unten zu sein. Gott ist nicht der, der uns rausreißt, wenn’s brenzlig wird. Sondern der, der uns hilft, das Brenzlige auszuhalten, und uns hilft, wenn wir uns die Finger verbrannt haben. Damit wir es anders und besser machen.
Gott nimmt uns unser Leben nicht ab. Er erspart uns auch das Schwere nicht. Er erledigt nicht unsere Aufgaben. Aber er hilft uns, mit ihnen fertig zu werden. Und er hilft uns, uns selbst und unser Leben ehrlich anzuschauen. Nicht die rosarote Brille lässt die Liebe wachsen, sondern der offene Blick aufs Leben. Wir brauchen niemanden, der uns im Leben und im Glauben vertritt, sondern Gott traut uns zu, das selbst zu können. Offen, mit erhobenem Haupt. Als Hilfsbedürftige, klar. Aber nicht als für dumm und klein gehaltene, sondern als eigene Menschen.