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Freitag, 22. November 2013

Wach bleiben - für die Liebe, die alles neu macht, Ewigkeitssonntag, 24.11.13, Reihe V

Text: Markus 13,31-37


Liebe Gemeinde!
Eine der schlimmsten Foltermethoden ist der dauerhafte Schlafentzug. Wer nicht zur Ruhe kommt, wer nicht wenigstens ein Minimum an Schlaf bekommt, der dreht irgendwann völlig durch. Eine Ahnung davon bekommt der, der nachts wachliegt, und alle Sorgen und Gedanken kommen wieder und wieder, Schlaf geht gar nicht mehr. Und das nicht nur tage-, sondern wochen-,  manchmal auch monatelang. Immer wieder: Wachsein, Wachsein, Wachsein, wo doch eigentlich Ruhe sein sollte, damit neue Kräfte wachsen können. Leer und verbraucht steht man schon morgens da – und abends dann wieder die Angst, keine Ruhe zu finden. Wachet! Oft genug ist es die Begegnung mit dem Tod, die Menschen nicht zur Ruhe kommen lässt. Die Einsamkeit, weil einfach ein ganz wichtiger und lieber Mensch fehlt. Die Fragen, wie das jetzt alles ohne diesen Menschen weitergehen soll. Das Gefühl, nicht genug gegeben oder vielleicht auch nicht genug empfangen zu haben. Die Erinnerung an das Schöne oder an das Liegengebliebene zwischen Menschen, das keine Änderung mehr erfährt. Oder einfach nur ein Durcheinander im Kopf, Fragen, Fragen, Fragen, die der Tod aufgeworfen hat und die keine Antwort finden. Wachet! Vielleicht kommt dem einen oder der anderen, die heute hier im Gottesdienst ist, diese Aufforderung von Jesus wie Hohn vor. Zu frisch, zu intensiv sind vielleicht noch die Gedanken an den Menschen, von dem im zu Ende gehenden Jahr oder vor einiger Zeit Abschied genommen werden musste. Wachet!? – Du hast gut reden, das muss ich doch immer und immer wieder! Ich will endlich wieder ruhen können! So mag manche und mancher denken.
Ruhe finden. Ruhe in Frieden – das ist ein Wunsch, der oft Verstorbenen mitgegeben wird. Und gerade im Alten Testament, das ich so liebe, weil es so wunderbar ehrlich vom Menschsein erzählt, ist ganz oft davon die Rede, dass die Ruhe eine gute Gabe Gottes ist. Kehrt Jesus das hier etwa um? Widerspricht er dem Vater, der seinen Menschen Ruhe gönnen und schenken will, wenn er ruft: Wachet!? Ich glaube nicht, dass das ein Widerspruch ist, sondern dass es Wachheit im Sinne Jesu braucht, um Ruhe zu finden. Und mit dieser Wachheit, von der Jesus spricht, ist nicht das nächtliche Wälzen im Bett vor lauter Sorgen gemeint, sondern eine Aufmerksamkeit, die dabei hilft, auch die Momente der Ruhe und des Friedens zu finden.
Ruhe finden – nicht zuletzt heißt das auch: Loslassen können! Am Anfang mag es ein Trost sein, zu hören und zu glauben: „Wenn einer gestorben ist, dann lebt er in unseren Erinnerungen weiter!“ Aber wie ist das, wenn die Erinnerungen blasser werden? Töte ich dann den, der gestorben ist, erst richtig, mit jeder verblassenden Erinnerung ein bisschen mehr? Wie ist das mit den Menschen, die wegen ihrer Grausamkeit vielen, vielen Menschen über Jahrhunderte und Jahrtausende weg im Gedächtnis bleiben, wie Nero, Stalin, vor allem Hitler: haben die es verdient, ewig zu leben, während Millionen von Menschen, die im Stillen ihren Kindern, ihren Männern, ihren Frauen, ihren Nachbarn, Fremden gut getan haben, längst vergessen und damit, nach dieser Logik, richtig tot und ohne jede Chance sind? Wie ist das mit den Menschen, die ganz einsam gestorben sind? Vergisst Gott die auch, weil sich Menschen nicht mehr an sie erinnern? Ruhe finden, das heißt auch: Erinnerungen loslassen können. Weil eben nicht unsere Erinnerungen Grund dafür sind, dass Gott Sieger über den Tod ist und wir nur durch unsere Erinnerungen an andere darauf vertrauen dürfen, dass Menschen nicht in die absolute Beziehungslosigkeit, das absolute Nichts fallen, sondern weil Gottes Wort der Liebe und der Versöhnung, Mensch geworden in Jesus, Grund für die Hoffnung ist. Wir überfordern uns und stellen uns letztlich an Gottes Stelle, wenn wir glauben, wir müssten durch unsere Erinnerungen ewiges Leben produzieren. Ruhe finden heißt auch: Loslassen können, so schwer das im Einzelnen auch sein mag. Loslassen können und Gott überlassen, was sein ist, nämlich die Sorge um ein Leben, um Beziehungen, die jenseits unseres Denkens und Könnens liegen.

Montag, 18. November 2013

Lieber Gott, mach mich fromm... - Buß- und Bettag 2013, 20.11.13, Kampagnentext EKKW

Text: Matthäus 13,44-46


Liebe Gemeinde!
Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Wenn es abends schnell gehen sollte, habe ich als Kind manchmal so gebetet. Als ich dann älter wurde, auf den Schulabschluss zuging, während meines Studiums und noch lange danach fand ich das Gebet sehr seltsam. Eigentlich ist das Gebet theologisch völlig richtig. Lieber Gott, MACH mich fromm: Ich kann in mir selbst weder Glauben wirken noch mir Vergebung selbst herstellen. Glauben, Vergebung und auch die Fähigkeit, das Richtige zu sehen und entsprechend zu handeln, sind letzten Endes Gottes Werk. Und ein frommes Leben ist ein Leben, das sich von Gott getragen und gehalten weiß und sich im Handeln an dem ausrichtet, was Jesus vorgelebt und verkündigt hat. Theologisch ist es also völlig korrekt, Gott darum zu bitten, diese Frömmigkeit zu schenken, weil ich sie selber gar nicht herstellen kann. Und da das theologisch gesehen natürlich auch der Weg zur Auferstehung und zu einem Leben in unzerstörbarer Einheit mit Gott ist und weil Himmel dafür das gängige biblische Bild ist, ist auch der zweite Teil theologisch überhaupt nicht falsch. Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Amen. Und damit hat sich’s.
Und trotzdem habe ich Bauchschmerzen, bis heute, bei diesem Gebet. Weil es geradezu danach schreit, missverstanden zu werden und den Glauben an Gott, an Jesus, in dem Gott sich offenbart, sehr stark einengen kann. Es ist auch eine Frage der Betonung. Lieber Gott, MACH mich fromm – oder wird es nicht oft so gehört, gesprochen verstanden, wie ich es jetzt sage: Lieber Gott, mach MICH fromm, dass ICH in den HIMMEL komm.
Zwei Perspektiven im Glauben, die viel zu kurz greifen, drängen sich dabei in den Vordergrund. Die eine Perspektive ist die, Glauben und Frömmigkeit auf eine rein persönliche und individuelle Ebene zu verengen. Mach MICH fromm, dass ICH in den Himmel komm. Es geht um das eigene Seelenheil, um das eigene ewige Wohl, mehr nicht. Aber schon die Verkündigung der Propheten im Alten Testament und erst recht das Reden und Handeln Jesu lassen deutlich werden, dass ein Leben im Einklang mit Gott immer auch die Perspektive hat, dass Gerechtigkeit, Frieden und Lebensmöglichkeit für alle sein Wille ist. Heil ist in der Bibel ganz eng mit dem Wohl der Armen, Schutzbedürftigen, Unterdrückten verbunden. Religion ist Privatsache, das hat in der Öffentlichkeit und schon gar in der Politik nichts zu suchen. Das scheint heute allgemein gültiger Konsens zu sein. Aber so einfach ist das nicht. Natürlich ist es gut und angemessen und richtig, dass es keine Staatsreligion ist. Es ist gut, dass jedem Menschen freisteht, sich zu einer Religion, einer Glaubensgemeinschaft zu bekennen – oder auch nicht. Es ist gut, dass zum Beispiel die Vergabe von Arbeitsstellen in aller Regel nicht mehr daran hängen darf, ob jemand Evangelisch oder katholisch, Moslem oder Jude, Atheist oder Agnostiker ist. Insofern ist Religion natürlich Privatsache. Aber wenn ich mich zu Christus bekenne, wenn ich als Christ lebe, dann kann ich eigentlich in der Nachfolge nicht anders, weder als Einzelner noch als Gemeinschaft der Glaubenden, als Gemeinde vor Ort, als Landeskirche oder Bistum, als mich einzumischen, wenn Schwachen, Unterdrückten, Armen, Schutzbedürftigen ihr Recht und Gerechtigkeit verweigert werden. In seinen Ursprüngen ist der buß- und Bettag eigentliche in hochpolitischer Tag. Es ging nicht in erster Linie um persönliche Schuld und Buße, sondern es ging darum, als Gemeinschaft, als Kirche, die damals eben im Wesentlichen identisch war mit dem Staatsvolk, vor Gott zu treten und Schuld zu bekennen. Wie gesagt, ich finde es gut, dass es keine Staatskirche mehr gibt und keinen Glaubenszwang. Wichtig ist aber, und daran sollte uns der Buß- und Bettag erinnern, dass wir bei aller Freude über die individuelle Freiheit die Perspektive

Freitag, 8. November 2013

Nervig geht am Besten???? - Drittletzter Sonntag d. Kirchenjahres, 10.11.2013, Reihe V

Text: Lukas 18,1-8 (gelesen aus der Basisbibel)


Liebe Gemeinde!
So ist es, oder? Die, die am lautesten schreien, am meisten nerven, die, die am unverschämtesten sind, die kriegen am Ende ihren Willen. Und selbst wenn man im Recht ist, bekommt man das, was einem zusteht, oft nur, wenn man hartnäckig ist und immer wieder und wieder nervt. Mit Versicherungen habe ich schon solche Erfahrungen gemacht. Mit unserer Kirchenleitung im Landeskirchenamt auch. Mit der Stadt, mit Kollegen, ganz oft. Und wahrscheinlich können viele auch eigene Erfahrungen erzählen. Schülerinnen und Schüler, die zurückhaltend sind, die glauben, sie würden auch durch ruhiges Arbeiten Aufmerksamkeit gewinnen, gehen leider viel zu oft unter und bei den Noten kommt am Ende der Störenfried, der sich in den letzten vier Wochen vor der Notenbesprechung einigermaßen zurückhält, oft besser weg, als derjenige, der immer da ist, aber im ganzen eben ruhig das macht, was gefordert wird. Kenne ich, ehrlich gesagt, auch aus der Erfahrung als Lehrer, der Noten geben muss, und ich bin nicht immer stolz auf meine Noten. Manchmal könnte man vielleicht auch denken, das Sprichwort „Ehrlich währt am längsten“ könnte auch umgeschrieben werden. „Penetrant und nervig geht am besten!“ oder ähnlich. Und die Aussage, dass brave Mädchen zwar in den Himmel, böse aber überall hin kommen, ist mehr als eine witzig gemeinte Aufforderung, mal mehr zu probieren. Wenn man sich ansieht, wie und über wen im Internet, im Fernsehen, in Zeitschriften berichtet wird, wie über Menschen geredet wird, wem Respekt gegeben wird, nicht nur von Jugendlichen, sondern von Menschen im sogenannten besten Alter, spiegelt dieser Satz leider viel zu viel egoistische und für mich wenig lebenswerte Wirklichkeit wider.
Und jetzt also auch in der Bibel, oder? Recht bekommt die Frau, die nervig ist, die dem Richter auf den Senkel geht und ihn dazu bringt, Angst vor Schlägen zu haben. Und das soll ein Gleichnis fürs Beten sein? Kriegt also auch bei Gott der seinen Willen, der ihn am meisten nervt, der sich vordrängelt?
Ich lese mir ja immer am Anfang der Woche durch, was am Sonntag als Predigttext dran ist. Als ich das gesehen habe, habe ich gedacht: das kann ich nicht predigen! Und dann fiel mir auf, dass sich da mal wieder viel zu schnell mit meiner Meinung und meinen Vorurteilen war und mal wieder nicht genau hingehört, oder in diesem Fall besser: gelesen, habe, was Jesus eigentlich sagt. Da ist mir wieder aufgefallen, dass es für Pfarrer genauso wie für Konfis, für Rentner genauso wie für Jugendarbeiter, für Lehrer genauso wie für Busfahrer wichtig ist, mal nachzudenken, wenn’s um Gott, um Jesus und den Glauben geht. Da hilft’s wenig, einfach mal kurz drüber zu gucken, was in der Bibel steht, zu sagen: kapier ich eh nicht, hat keinen Zweck, oder: ah klar, weiß Bescheid – nein, dann verpasst man ganz viel. Glauben, der mit der Bibel zu tun hat, der nicht bloß eine eigene Einbildung ist, der braucht auch Zeit, mal nachzudenken, kritisch zu sein, nicht gleich zu glauben, alles verstanden zu haben, auch mal hinter die Worte zu schauen und sich nicht mit den oberflächlichen Worten zufrieden zu geben und vor allem braucht Glauben auch das Hören, das Beten, die Bitte darum, das Gott einem beim Verstehen hilft.
Zurück zur Geschichte: Ich verpasse, habe ich gemerkt, ganz viel, wenn ich die Geschichte so verstehe, als ob es bei Gott genauso wäre wie bei diesem Richter und die Nervensägen am Ende die Belohnten sind und die Ruhigen als Deppen leer ausgehen. Jesus

Samstag, 26. Oktober 2013

YOLO - Du lebst, nur einmal, da kannst du mit Gott gehen - 22. Sonntag n. Tr., 27.10.13, Reihe V



 (Zürcher, im Gottesdienst tlw. eigene Übersetzung, angelehnt an Zürcher)

Liebe Gemeinde!
YOLO. Ich weiß nicht, wie viele Erwachsene wissen, was diese vier Buchstaben Y O L O bedeuten. Fast alle Jugendlichen werden es wissen. YOLO: You Only Live Once – Du lebst nur einmal. Du lebst nur einmal – und gemeint ist: zieh dein Ding durch. Nimm keine Rücksicht auf das, was die anderen sagen oder fordern, sondern sei du selbst – ein einzigartiger Mensch, der macht, was für ihn richtig ist. Und meistens ist damit gemeint: der macht, was ihn voranbringt, was ihm Spaß bringt, ohne sich dabei groß um die Folgen für andere zu kümmern. Vor ein paar Wochen habe ich auf facebook bei meinen Neuigkeiten den Eintrag einer mir gut bekannten Jugendlichen bei einem anderen gesehen: „Ich bewundere dich, weil du ohne Rücksicht auf die Meinung von anderen dein Ding voll durchziehst“. Und dieser Eintrag hatte ganz viele Likes, also ganz viel Zustimmung. YOLO. Damit es keine Missverständnisse gibt: es wird jetzt keine Strafpredigt für scheinbar ach so egoistische Jugendliche, über die ich mich mal in der Kirche beschweren will. Erstens kenne ich ganz viele Jugendliche, die durchaus nicht nur egoistisch sind. Zweitens erlebe ich immer wieder, dass gerade bei Jugendlichen Werte wie Freundschaft, Verlässlichkeit, auch Treue ganz hoch im Kurs stehen. Drittens glaube ich auch, dass Jugendliche oft nur viel direkter und unverblümter aussprechen, was wir Erwachsenen ihnen vorleben. Und wir haben eine Gesellschaft aufgebaut, in der nicht nur jeder für sich selbst Verantwortung hat, sondern in der immer mehr jeder nur für sich selbst sorgt. Im Großen ein aktuelles Beispiel: Deutschland wehrt sich ganz vehement dagegen, Flüchtlinge aus Afrika und Syrien in größerer Zahl aufzunehmen, obwohl das kleine und, im Vergleich zu Deutschland eher arme, EU-Land Malta in Beziehung zur Einwohnerzahl zur Zeit mehr als fünfmal so viele Flüchtlinge aufgenommen hat. Ist doch deren Problem, das ist die nach außen getragene Haltung der deutschen Regierung. Wir geben nichts ab – weder an die Flüchtlinge noch an den europäischen Partner Malta.
Im kleineren Maßstab, in der Kirche: bei der Kreissynode vor drei Wochen bin ich mehrmals mitleidig belächelt und angefragt worden, wie dumm wir doch waren, unsere Kirchengemeinde Am Richtsberg zu bilden und nicht zwei Gemeinden zu bleiben. Andere Gemeinden, die sich geweigert haben, zusammenzugehen, stehen, was Gebäude angeht, zum Teil besser da. Dass es von der Sache her richtig ist, eine Kirchengemeinde Am Richtsberg zu haben und dass wir dadurch für alle Marburger Gemeinden etwas Entlastung geschaffen haben, spielt in den Augen derer, die mich angefragt haben, keine Rolle. „Ihr seid doch blöd, dass ihr nicht egoistisch gewesen seid“ – so ist der Grundgedanke. Von längst erwachsenen Menschen, die in der Kirche Verantwortung tragen und die in ihren Gemeinden und Arbeitsstellen für die Verkündigung der frohen Botschaft stehen.
YOLO. Mich wundert es, ehrlich gesagt, nicht, dass Jugendliche das genau so und mit dem Unterton, mit dem es meistens benutzt wird, sehen.
Was das alles mit dem Propheten Micha aus der Bibel zu tun hat, aus dessen Buch ich eben ein paar Verse vorgelesen habe, fragen sich manche vielleicht jetzt. Der Prophet Micha, der macht in seinem für uns ja uralten Buch auf dieses scheinbar moderne Phänomen aufmerksam. Das ICH im Mittelpunkt. Auch im Glauben an Gott. Was kann ICH tun, damit Gott MICH wieder mag, auch wenn ich eine Sünde begangen habe, Schuld auf mich geladen habe? Soll ich von meinem Besitz, von meinem Verdienst etwas Gott opfern, vielleicht sogar, das ist die schreckliche Pointe, mein erstgeborenes Kind, damit ICH

Samstag, 12. Oktober 2013

Geschwister, zur Ruhe, zur Freiheit! - 20. Sonntag n. Tr., 13.10.2013, Reihe V



Liebe Gemeinde!
Heute ist Elisabethmarkt. Verkaufsoffen in der Oberstadt, Innenstadtkirmes und rund um die Elisabethkirche ist auch ein Sozialmarkt, auf dem sich verschiedene soziale Einrichtungen und Projekte präsentieren. Unter anderem sind auch Doreen und ich mit dem Richtsberg- bzw. auja-Mobil unserer Kirchengemeinde da. Ein Glück, werden sicher manche sagen. Endlich mal wieder ein Sonntag im Herbst, an dem man nicht vor der Glotze hängen muss und sich langweilt, sondern wo man ein Ziel hat, wo was los ist. In der Schule und im Konfirmandenunterricht ist es seit vielen, vielen Jahren so, dass der Sonntag mit Abstand der langweiligste und unbeliebteste Wochentag ist, wenn ich über das Feiertagsgebot spreche. Gerade im Herbst, im Winter und bei schlechtem Wetter. Ruhe halten geht gar nicht – wie man auch an den Diskussionen über das Tanzverbot am Karfreitag sieht, die seit ein paar Jahren immer schärfer geführt werden. Das Problem, von dem Markus hier in seinem Evangelium erzählt, ist heute für die meisten wahrscheinlich völlig unverständlich. Und deshalb wird der Satz, den Jesus am Ende sagt, nämlich: „Der Sabbat, also der Ruhetag, ist für den Menschen gemacht worden und nicht der Mensch für den Sabbat. Deshalb ist der Menschensohn, also Jesus selbst, auch Herr über den Sabbat“, gern viel zu einfach ausgelegt. Wenn die Leute überhaupt noch in die Bibel schauen und sich dafür interessieren, sagen sie es oft so: „Alle Regeln und Gebote sollen für die Menschen gut sein und nicht umgekehrt – und weil sowieso jeder am besten weiß, was für ihn gut ist, soll doch jeder selber sehen, wie er sich daran hält oder nicht. Schon Jesus akzeptiert doch keine Einschränkungen.“ Ich glaube aber, dass dieser Erklärungsversuch zu kurz greift. Ich glaube auch, dass nicht nur das Sabbatgebot, sondern jedes Gebot der Zehn Gebote nicht nur gut für den Menschen ist, sondern auch für ihn als Lebenshilfe gemacht ist. Und nicht umgekehrt die Menschen dazu da sind, Regeln möglichst genau zu befolgen. Aber der Schluss, das deshalb jeder selber wissen muss, was gut und richtig ist, greift zu kurz. Ich glaube, dass Jesus, in dem wir Gott sozusagen bei der Arbeit sehen, uns helfen will, zu erkennen, wozu Gebote gut sind und nicht, Gebote einfach streichen will. Es geht darum, den Sinn der Gebote zu verstehen und nicht die Erklärungsversuche von Menschen, ob das damals Schriftgelehrte und Pharisäer oder Hohepriester waren oder heute Theologie Professoren oder Pfarrer oder Relilehrer oder Menschen, die sich für besonders berufen halten sind, wichtiger zu nehmen als die Gebote selbst. Jesus, und in ihm Gott selbst, ist Herr über die Gebote, und nicht der Pharisäer, der Pfarrer oder der besonders berufene Christ mit seinen zusätzlichen Regeln, die er oft zur scheinbaren Erklärung aufstellt.
Wie gesagt, den Konflikt, den Markus in der Bibel beschreibt, den können wir kaum verstehen. Erstens: Unser Ruhetag ist, wenn überhaupt, der Sonntag und nicht der Sabbat, der von Freitagabend bis Samstagabend geht. Und zweitens: die ersten gut 300 Jahre ihrer Geschichte kamen Christen gut damit aus, am Sonntag zwar Gottesdienste zu feiern, aber nicht unbedingt Ruhe zu halten. Die Mehrheit lebte im römischen Umfeld und da war der Ruhetag nicht wichtig. Für die Christen, und das gilt eigentlich auch für Martin Luther und noch lange, lange nach ihm, war es sowieso nicht wichtig, Ruhe zu halten. Feiertagsgebot, das hieß: Man soll in den Gottesdienst gehen und in dieser Zeit nicht arbeiten. Komplett arbeitsfreie Ruhetage sind in christlich geprägten Gegenden dieser Welt eine sehr moderne Erfindung, die erst in der Zeit der Industrialisierung weniger von der Kirche als vielmehr von der Arbeiterbewegung durchgesetzt wurde.
Diejenigen, denen meine Predigten sowieso immer zu lang sind, die könnten jetzt sagen: Na, dann ist ja gut! Dann haben wir als Christen sowieso relativ wenig damit zu tun. Also tschüss,

Zehnfache Freiheit - nicht gerade knallhart durchgesetzt - 18. Sonntag nach Tr., Reihe V

Text: Exodus (2. Mose) 20,1-17
Die Predigt habe ich eigentlich am 19. n. Tri, dem 6.10.13, gehalten. Durch die Kirchenvorstandswahl in unserer Landeskirche haben wir Erntedank vorgezogen und ich wollte gern mal wieder die Zehn Gebote predigen


Liebe Gemeinde!
Regeln, die nicht durchgesetzt werden, sind nichts wert. Oder? In Marburg erlebe ich unglaublich viele Fahrradfahrer, die garantiert älter als 12 Jahre sind und trotzdem auf dem Bürgersteig fahren. Jeden Tag sehe ich jede Menge Leute, die verbotenerweise mit dem Handy während des Autofahrens telefonieren oder, noch gefährlicher, sogar Mitteilungen schreiben. Und an Geschwindigkeitsbeschränkungen halte ich selbst mich ja vor allem dann, wenn ich weiß, dass da oft kontrolliert wird. Sonst kann’s bei mir auch sein, dass ich leicht mal zu schnell bin. Vom Kaugummiverbot in der Richtsbergschule will ich erst gar nicht reden. Regeln, die nicht knallhart durchgesetzt werden, nützen wenig. Sagt man wenigstens. Also: was nützen eigentlich die Zehn Gebote? Das werde ich tatsächlich immer wieder gefragt. Von Schülern genauso wie von Konfis, von jungen und alten Erwachsenen. Da hält sich doch sowieso keiner dran – ein Standardsatz meiner Neunt- und Zehntklässler. einem, der nicht an Gott glaubt, geht es doch sichtbar keinesfalls schlechter, jemandem, dem die Feiertage egal sind und der sonntags voll durcharbeitet auch nicht – geht doch in unserer modernen Gesellschaft auch nicht anders. Ehebruch??? Wen juckt denn das noch, schauen sie sich mal die Scheidungszahlen und die Wirklichkeit in vielen Familien an, Geklaut wird überall, und wenn’s das Paar Handschuhe aus der Firma ist oder die Steuer, die eigentlich der Allgemeinheit zusteht und die durch Tricks und Lügen nicht gezahlt wird. Okay, das mit den Eltern vielleicht… - aber wenn die zu mir nicht nett waren und das muss sowieso jeder selber wissen. Alles Beobachtungen, Aussagen, Meinungen, die ich nicht widerlegen kann, weil sie nicht so einfach falsch sind. Und wahrscheinlich können die meisten hier das wahrscheinlich noch aus eigener Erfahrung mit anderen Beispielen ergänzen. Nochmal: was nützen eigentlich die Zehn Gebote, außer dass sie als Lernstoff zum Auswendiglernen für Konfis gut sind, wenn sie ganz offensichtlich nicht mit Androhung von Gewalt oder Strafe durchgesetzt werden?
Die Zehn Gebote in der Form, wie die Bibel sie uns überliefert, sind ein mindestens dreifaches Angebot Gottes. Und kein Gesetzbuch. Sie sind einmal ein Angebot, in guter Beziehung zu Gott zu bleiben. Dann das Angebot, in guter Beziehung zu Mitmenschen zu leben. Als drittes das Angebot, frei zu bleiben. Und vielleicht fallen ja anderen hier im Gottesdienst noch ganz andere Gesichtspunkte und Angebote ein. Ich bin neugierig. Sagt’s mir, sagen sie’s mir ruhig – wenn ihr, wenn sie den Mut haben, ruhig während der Predigt, sonst gern auch nachher. Aber jetzt zu den drei Angeboten.
Das erste Angebot dieser zehn Gebote: eine gute Beziehung zu Gott. Wenn ich jetzt frage: wie fangen die Zehn Gebote an?, dann würden die meisten, die in Konfer gelernt haben, wohl antworten: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ Das ist das erste Gebot. Ja, das ist das erste Gebot. Aber so fangen die Zehn Gebote nicht ganz an. „Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland aus der Knechtschaft geführt habe“. Das ist sozusagen die Überschrift, unter der alles, was dann kommt, gehört und verstanden werden will. Die Zehn Gebote beginnen nicht mit Regeln und mit Verhaltensaufforderungen, nicht mit Verboten oder anderem. Sondern damit, dass Gott redet. Das Gespräch sucht, eine Beziehung herstellt. Es sind keine vom Himmel auf unerklärliche Weise gefallenen Worte, sondern Ausdruck einer Beziehung. Anrede, die auf Antwort und nicht auf blinden Gehorsam, der nicht nachdenkt und sich von dem, der die Regeln setzt losgelöst hat, zielt. Die Gebote sind keine Befehle, die einfach zu befolgen sind, ohne Nachdenken und ohne sie mit Leben zu füllen, sondern Angebote, wie der Mensch sinnvoll auf die von Gott ins Leben gerufene Beziehung, auf die von Gott geschenkte Freiheit antworten kann. Gott stellt sich vor. Er ist der, der die Menschen aus der Knechtschaft, aus der Sklaverei, aus dem Leben, in dem sie blind befolgen mussten,

Freitag, 27. September 2013

Immer artig "Danke" sagen ;) - Erntedank mit Kurzanspiel der Konfirmanden, Predigt als Dialog mit Konfirmandin

Dieses Anspiel ist für meine Konfigruppe, die sich nicht so gern im Gottesdienst präsentiert und (noch) Angst hat, etwas falsch zu machen. Für die Predigt habe ich eine mutige Konfirmandin gewinnen könnnen.



Anspiel zur Predigt Erntedank 13

Requisite: ein Geschenkpäckchen

Jasmina und Julian stehen vor dem Altar, Jasmina hat das Päckchen in der Hand, schenkt es Julian, sagt dabei „Bittschön!“. Julian freut sich, sagt „Danke!“, legt das Päckchen hinter sich ab.

Julian grübelt, macht eine Geste, die ausdrückt Ich habe eine Idee. Nimmt das Päckchen, schenkt es Jasmina, sagt dabei „Bitteschön!“. Jasmina nimmt das Päckchen, schaut freundlich, sagt „Danke“ und legt es hinter sich ab.

Jasmina grübelt, nimmt das Päckchen, das Spiel mit „Bitteschön!“ und „Danke“ geht wieder von vorne los, beide schauen jetzt aber leicht genervt.

Julian macht eine Ärger- oder Wutgeste, die Jasmina nicht sehen kann, schnappt sich das Päckchen, das „Bitteschön!“ – „Danke“ Spiel geht in die nächste Runde.

Jasmina macht eine Verzweiflungsgeste, aber das Spiel geht wieder von vorne los.

Anita kommt langsam nach vorn.

Julian wird sauer, sagt ganz patzig „Danke!“ und will das Geschenk sofort zurückgeben

Anita greift ein, schnappt sich das Päckchen, sagt: „Das kann ich ja nicht mehr sehen! Evelina, komm mal her, schmeiß das Päckchen weg!“
Evelina kommt, nimmt das Päckchen, schmeißt es in der Sakristei in den Papierkorb.

Jasmina und Julian schauen verblüfft, sagen dann strahlend gemeinsam „Danke, Anita!“ und umarmen sie.

Alle gehen wieder an ihren Platz.


Predigt Erntedankfest 13
MELISSA:     Hast du das gesehen? Die waren ja mies drauf! Dabei sind Geschenke doch was Schönes! So, wie die zwischendurch dann „Danke“ gesagt haben, da hab ich doch gedacht, die bringen sich gleich um! Gut, dass da noch die ANITA gekommen ist und so ne gute Idee hatte!
KB:      Das kannst du laut sagen, MELISSA! Aber ich kann die JASMINA und die JULIAN auch gut verstehen. Manchmal will man vielleicht gar nicht „Danke“ sagen. Da nervt das einfach.
MELISSA:     Dass du dich als Pfarrer traust, so was zum Erntedankfest in der Kirche zu sagen! Du müsstest mir und allen anderen hier doch sagen, dass wir gefälligst dankbar sein sollen für unser Leben und das wir was zu essen haben und was zum Anziehen und …
KB:      MELISSA, bleib ruhig! Meinst du wirklich, dass das was bringt, wenn ich dir und allen anderen hier sagen würde: Jetzt sag aber dem lieben Gott schön „Danke!“? Ich glaube, das bringt gar nichts! Damit ich wirklich „Danke“ sagen kann, muss ich mich doch auch freuen. Und das kann ich niemandem befehlen.
MELISSA:     Aber ich kann doch auch Danke sagen, wenn ich mich nicht freue. Meine Tante, die schenkt mir immer so kratzige Pullover. Und da sag ich auch Danke, obwohl ich die Pullover blöd finde. Ich hab doch meine Tante ganz lieb und ich weiß, dass sie mich auch lieb hat, obwohl sie mir kratzige Pullover schenkt. Und deshalb sag ich Danke, weil ich denke, dass meine Tante sonst vielleicht traurig ist.
KB:      Ja, das kenne ich gut! Aber da siehst du doch auch: eigentlich willst du deiner Tante sagen: „Du, ich hab dich ganz lieb, auch wenn du meinen Pullovergeschmack nicht kennst.“ Und du sagst Danke, und deine Tante denkt vielleicht: „Prima, der MELISSA gefällt mein Geschenk!“ Deine Tante fühlt sich verpflichtet, dir immer wieder so was zu schenken, weil sie denkt, dir gefällt es und du fühlst dich verpflichtet, Danke zu sagen. Und vielleicht geht’s dir oder euch beiden dann mal wie der JASMINA und dem JULIAN. Dass ihr beide völlig genervt werdet.
MELISSA:     Aber was kann man da denn machen? Soll man denn gar nicht mehr Danke sagen?
KB:      Doch, das schon. JASMINA und JULIAN haben zum Schluss ja auch zu ANITA Danke gesagt. Sie waren wieder fröhlich, weil sie gemerkt haben, dass der ganze Zwang, Geschenke immer mit Danke und einem Gegengeschenk zu beantworten, blöd ist. Ein Geschenk ist dann ein Geschenk, wenn der, der schenkt, nichts erwartet und der, der das Geschenk bekommt, sich zu nichts verpflichtet fühlen muss. Und ANITA hat den beiden gezeigt: es geht doch auch ohne! Man kann sich auch ohne solche Geschenke gern haben.
MELISSA:     Soll ich dann meiner Tante sagen: „Schenke mir nichts mehr, ich habe dich trotzdem lieb“? Aber ich kriege doch gern Geschenke, nur nicht kratzige Pullover!
KB:      Wir Menschen sind schon manchmal ziemlich kompliziert, gell. Ich glaube, das musst du mit deiner Tante mal in Ruhe klar machen.
MELISSA:     Aber was hat das ganze denn jetzt mit dem Erntedankfest zu tun, das wir heute feiern? Da müssen wir doch dran denken, was Gott uns alles für unser Leben schenkt und dann bei ihm bedanken. Das müssen wir doch, weil’s uns so gut geht! Weißt du, wenn ich Bilder von Kindern aus Afrika oder so sehe, oder auch von hier, die fast nichts zu essen haben oder nur schmutzige und zerrissene Pullover, da muss ich doch dem lieben Gott danken, dass ich genug zu essen habe – und eigentlich auch, dass ich eine Tante habe, die mir Pullover schenkt. Auch wenn sie kratzig sind. Immerhin habe ich welche.
KB:      Musst du das wirklich?
MELISSA:     Hä, das versteh ich nicht!
KB:      Ich meine, musst du dich wirklich bei Gott bedanken? Wenn du das Gefühl hast, du musst das tun, dann ist es doch kein echtes Bedanken mehr. Ich finde so Tage eigentlich merkwürdig. Gott hat keinen von uns gefragt, ob er leben will. Er hat uns das Leben geschenkt. Klar. Aber manchmal gibt’s Momente, da kann ich nicht „Danke“ fürs Leben sagen. Da geht’s mir

Samstag, 14. September 2013

Irgendwie geht das Leben weiter... - 16. So. n. Tr., 15.09.2013, Reihe V

Text: Lukas 7,11-17


Liebe Gemeinde!
Irgendwie geht das Leben weiter – zumindest für die Nachbarn und Bekannten. Für die Verwandtschaft. Natürlich macht der Tod traurig. Ein Nachbar fehlt, eine Freundin, die Nichte oder der Cousin. In den ersten Tagen und Wochen ist noch viel Besuch da, man geht hin, fragt, hilft – aber dann kommt der Alltag wieder. Die eigenen Anforderungen. Im Beruf, in der Schule, in der eigenen Familie. Die eigenen Sorgen. Ab und zu denkt man noch an den Tod. Aber das Leben geht weiter. Hin und wieder vielleicht noch mal eine Nachfrage, ein kurzes Telefonat, ein kurzer Besuch. Aber auch das wird meistens weniger. Kein böser Wille. Aber das Leben geht weiter. Für die, die leben. Die immer noch Familie und Freunde haben.
Das Leben geht weiter – auch für die Frau, die ihren Mann begraben musste und kurz darauf noch ihren einzigen Sohn verlor. Aber wie geht es weiter? Wenn das Miteinander gut war, ist es schon schlimm, den Menschen zu verlieren, mit dem man lange sein Leben geteilt und den man geliebt hat. Aber dann auch noch den einzigen Sohn zu verlieren… - bis heute gehört es zu den schlimmsten Alpträumen von Eltern, am Grab des eigenen Kindes stehen zu müssen. Das Leben geht weiter – am Anfang sicher noch mit Freunden, Verwandten, Nachbarn, die mal nachfragen, die aber weniger werden. Die die Trauer nicht mehr aushalten wollen, weil ihr Leben ja tatsächlich normal weiter läuft. Das Leben geht weiter. Aber wie? In den allermeisten Fällen nicht nur mit einer Lücke, sondern mit einem Loch, das wie ein schwarzes Loch ganz viel Energie, Freude, Lebenskraft in sich hineinzieht und nicht wieder rauslässt. So erlebe ich das vielfach heute.
Und zu der Zeit, in der das war, was Lukas hier in seinem Evangelium erzählt, war alles noch dramatischer. Der Witwe wurde nicht nur das Herz herausgerissen. Ihr Weg als Bettlerin war vorgezeichnet. Damals konnten Frauen keine Rechtsgeschäfte tätigen. Sie brauchten Männer, die für sie eintraten. Und die beiden Männer, die das konnten, waren weg. Der Ehemann und der einzige Sohn. Zu dem seelischen Schmerz kommt die Gewissheit, bis an das eigene Lebensende auf den guten Willen, die Almosen der anderen angewiesen zu sein. Und selbst für die wohlmeinendsten Nachbarn geht das Leben weiter und die verwaiste Witwe rückt aus dem Zentrum immer weiter an den Rand des Lebens.
Ich glaube, dass man das wissen und sich immer wieder klar machen muss, wenn man die Geschichte von der verwaisten Witwe, die Lukas für uns erzählt, hört. Zu leicht lassen wir uns nämlich von dem nach menschlichen Maßstäben unmöglichen Wunder der Totenerweckung ablenken und spekulieren darüber, wie das wohl gehen könne und je nach persönlicher Frömmigkeitsgeschichte verteidigen wir dieses Wunder oder wir geben den Kritikern Recht, die es aus Vernunftgründen ausschließen.
Und so verpassen wir dann das, was in dieser Begegnung für Jesus und auch für seinen Evangelisten Lukas im Mittelpunkt steht. Im Mittelpunkt steht da nicht das Wunder, sondern die verwaiste Witwe mit ihrer Not. Der Schlüsselsatz, der hilft, diese Geschichte zu verstehen, der steht genau in der Mitte. „Als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht!“ so übersetzt Martin Luther den Schlüsselsatz von Lukas.
Vier Beobachtungen:

Samstag, 7. September 2013

Schwache Helden - tolle Vorbilder 15. Sonntag nach Trinitatis, 08.09.2013, Reihe V

Text: Lukas 17,5+6


Liebe Gemeinde!
„Ich bin nur noch zornig und wütend“ – so endete die Mail eines Freundes aus Fulda, seit langem ein hochengagierter Christ. Zornig und wütend darüber, dass Gott es zulässt, dass ein junger Mann, ehemaliger Konfirmand von mir, mit 32 Jahren stirbt. Das allein wäre tragisch genug. Vor zwei Jahren starb die Mutter des jungen Mannes, gerade mal 49 Jahre alt, vor 7 Jahren der Vater, damals 48 Jahre alt. Alle drei waren elend lang krank. Übrig bleibt der Jüngste, gerade 26, ein guter Freund der Kinder meines Fuldaer Freundes, mir als Konfirmand und langjähriger Mitarbeiter ebenfalls sehr gut bekannt. In 7 Jahren drei Mal elendes Sterben in einer Familie, in der bisher niemand den 50. Geburtstag feiern konnte. Wie kann da der Glauben an einen guten, einen liebenden Gott, an Jesus, Freund der Menschen und Heiland, wieder wachsen? Stärke den Glauben! Ich denke, dass nicht nur mein Fuldaer Freund und der übriggebliebene junge Mann sich der Bitte der Apostel anschließen können, wenn sie überhaupt die Kraft dazu haben und nicht „Lass mich doch in Ruhe!“ sagen würden.
Stärke den Glauben – ich denke, dass vielen von uns diese Bitte auf den Lippen und im Herzen liegt. Bilder des Elends in der Welt, vom Krieg und Flüchtlingen in Syrien. Krankheit, am eigenen Leib zu spüren, die Leben schwer, manchmal unerträglich macht. Eltern, die so krank sind, dass sie sich im Moment gar nicht richtig um die Kinder kümmern können. Jugendliche, denen so Schlimmes passiert ist, dass sie sich im Leben nicht mehr zurecht finden und an der Seele richtig krank geworden sind, die dabei sind, sich selbst zu zerstören. Menschen die sagen: „Du mit deinem Jesus, du bildest dir doch was ein, Naturwissenschaften sind das einzig Wahre!“ Hohn und Spott. Oder erlebte Gleichgültigkeit, Lieblosigkeit. Stärke den Glauben! – Es ist im Alltag nicht immer leicht, Glauben zu finden und zu behalten. Glauben an Gott. Glauben an den Vater, den Schöpfer und Freund des Lebens. Glauben an Jesus, den Heiland und Erlöser. Glauben an den Heiligen Geist, der Kraft und Mut gibt, im Alltag zu lieben, zu hoffen.
Stärke den Glauben! – Es wäre super, wenn’s da ein Rezept, ein Zaubermittelchen, einen garantiert wirksamen Segen geben würde, der Zweifel und Fragen einfach wegpustet und Sicherheit gibt. Die Sicherheit, richtig zu liegen. Leider gibt’s das nicht. Und das gab’s auch nicht von Jesus direkt. Glauben ist kein Panzer um den Körper und die Seele, an dem alles Böse einfach abprallen würde und der einem ein starkes Superheldenleben garantieren könnte. Und das war er auch ganz offensichtlich für die Apostel nicht. Apostel, das sind diejenigen, die von Jesus selbst in die Welt, zu den Menschen geschickt werden und die den Auftrag haben, den Glauben an Gott und Jesus als Gottes Sohn zu verkünden, zu wecken, zu stärken. Und diese Leute, die Jesus selber kennen, ihn erleben und denen Jesus eine ganz entscheidende Aufgabe gibt und durch die wir alle letztlich ja erst den Glauben an Gott vermittelt bekommen haben, die brauchen Glaubensstärkung. Das sind also keine Superhelden, die immer einen superstarken Glauben ohne jede Anfechtung, ohne jede Frage, ohne jeden Zweifel gehabt hätten. Obwohl sie Jesus im wahrsten Sinne des Wortes direkt vor Augen gehabt haben, erfahren sie ihren eigenen Glauben nicht als etwas, das ständig nur toll ist und bergauf geht, sondern als etwas, das schwankt, müde werden kann, eben: Stärkung braucht, damit es weitergeht. Und mit diesen Leuten kann und will Jesus etwas anfangen. Und diese Leute haben das auf die  Reihe gekriegt – sonst würden wir heute ja nicht hier sitzen und nachdenken, beten, hoffen, feiern, glauben und lieben. Für mich ist das die schönste Einladung, Jesus zu vertrauen: diese Einladung, ehrlich zu sein. Nicht irgendwas Starkes vorspielen zu müssen, sondern auch Fragen, Zweifel und auch mal Wut und Zorn haben zu dürfen. Und trotzdem immer wieder eingeladen zu werden, zu glauben, zu vertrauen, zu hoffen und zu lieben. Glauben – und gerade auch die Einladung zum Glauben, die Mission, braucht keine weltfremden Superhelden,

Samstag, 24. August 2013

Richtig spenden? Achtung! Frömmigkeit! - 13. So. n. Tr., 25.08.2013, Reihe V

Text: Matthäus 6,1-4


Liebe Gemeinde!
Ist es nicht toll, wenn Stars und Prominente sich für gute Dinge einsetzen, wenn sie für krebskranke Kinder oder die Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen, oder Flutopfer oder andere, die finanzielle Hilfe nötig haben spenden, wenn das dann im Fernsehen kommt, in den Zeitungen und im Internet steht? Ist das nicht toll, wenn durch das Beispiel von diesen Menschen andere angeregt werden, ebenfalls für gute Sachen oder Menschen in Not zu spenden? Geld stinkt nicht, das ist ein altes Sprichwort. Wen sollte also interessieren, wo das Geld, das für was Gutes oder zur Linderung von Not gegeben wird, herkommt oder was der, der es gibt, sich dabei denkt? Wenn’s hilft, dann ist das doch schon gut genug! Warum soll man denn aus Spenden ein Problem machen? Man kann doch froh sein, wenn es Menschen gibt, die was geben!
Das finde ich auch! Und das nicht nur, weil wir als Kirchengemeinde auf Spenden angewiesen sind. Ohne Spenden könnten wir das Richtsbergmobil nicht fahren lassen, ohne Spenden gäbe es keine Seniorennachmittage und keine Möglichkeit, Kindern aus Familien mit wenig Geld Zuschüsse zu Konfirmandenfreizeiten oder anderen Dingen zu geben, so dass sie mitfahren und mitmachen können. Nur drei Beispiele. Es gibt doch genug Leute, die einfach zu geizig sind und nur an sich denken oder die dauernd denken, dass das Geld, das sie geben, vielleicht nicht richtig verwendet wird. Da kann man sich doch über jede Unterstützung freuen. Warum macht Jesus dann hier alles so kompliziert, wenn er was von der Unterstützung für die Armen, die es nötig haben erzählt? Soll ich denn ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich spende? Ist es etwa besser, nichts zu geben, aus lauter Angst davor, es aus den falschen Gründen zu tun und dann am Ende sozusagen von Gott noch eine auf den Deckel zu kriegen?
Das, was Jesus hier in der Bergpredigt sagt, hört sich nicht nur provozierend an, es ist es auch. Nicht wegen des merkwürdigen Bilds, das er benutzt. „Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut“ – wenn das so ist, ist man tatsächlich krank. Wenn ich meine Hände nicht koordinieren kann, gibt es Chaos.
Provozierend ist das, was Jesus hier sagt, weil Jesus, wie eigentlich immer, ganz knallhart von den Menschen her denkt, die in Not sind. Und weil er wieder einmal deutlich werden lässt, das der Glauben an ihn als Sohn Gottes Auswirkungen hat – nicht nur auf die innere Einstellung zu Gott und den Seelenfrieden, sondern auf das Denken und Handeln.
„Habt acht auf  eure Frömmigkeit“ – so beginnt die Rede von Jesus in der Übersetzung der Lutherbibel. Das ist nicht falsch. Aber das Wort, das hier in der griechischen Originalfassung steht, heißt auch noch: Gerechtigkeit. Frömmigkeit ist eben mehr als