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Freitag, 9. August 2013

Aber so schlimm bin ich nicht! - 11. Sonntag nach Trinitatis, 11.08.2013, Reihe V

Text: Lukas 7,36-50 (Basisbibel)



Liebe Gemeinde!
„Aber so schlimm bin ich nicht!“ – Vielleicht hat Simon genau das gedacht, als er gemerkt hat, wer die namenlose Frau ist, die sich an Jesus klammert, mit ihren Tränen und teurem Öl seine Füße benetzt und salbt, die ihn küsst und mit den Haaren wieder trocknet. Eigentlich ein Skandal. Zuerst einmal hat eine Frau in Männerrunden grundsätzlich nichts zu suchen. Gut, Jesus war da ein bisschen anders. Von Anfang an waren viele Frauen in seiner Nähe. „Ich bin doch ganz schön aufgeschlossen, dass ich den zu mir einlade“ – auch so hat Simon vielleicht gedacht. Seine Freunde hätten Jesus nicht eingeladen. Viel zu unkonventionell ging der mit den Regeln um. Aber Simon scheint aufgeschlossen und neugierig zu sein. Er ist Pharisäer, das heißt, dass er es mit seinem Glauben und mit Gottes Geboten wirklich ernst meint und sich bemüht, danach zu leben. Jesus stellt manches, was sich als Tradition eingebürgert hat, in Frage. Jesus befragt jedes Gebot danach, was wohl Gottes Wille dahinter ist. Den wenigsten Pharisäern gefällt das, aber Simon ist neugierig. Aber das mit der Frau geht zu weit. Nicht nur, dass eine Frau es wagt, die Männerrunde zu stören. Nicht nur, dass sie Jesus nicht nur berührt, sondern sogar küsst. Nein, diese Frau ist unterstes Niveau. So scheint es zumindest bekannt zu sein. Was sie im Einzelnen gemacht hat, wird nicht erzählt. Aber jeder kennt den schlechten Ruf. Und Jesus, der Prophet, der müsste das doch erst recht wissen. Gut, ich habe nicht immer meine Eltern so geliebt, wie sie es verdient hätten. Vielleicht habe ich auch mal die Unwahrheit gesagt. Und vielleicht war ich auch mal anderen gegenüber ungerecht zornig. Solche Dinge werden Simon vielleicht durch den Kopf gegangen sein. Aber so wie die bin ich nicht. Und deshalb wundert er sich, warum Jesus ausgerechnet die nicht zurückweist. Die namenlose Frau, von der alle wissen, wie schlimm sie ist.
Ich glaube, dass so ein bisschen Simon in vielen von uns steckt, auch in mir. Menschen versuchen oft, sich einzuordnen. Auch dann, wenn es um Gutsein, um Verfehlungen, um Schuld geht. „Gut, ich war nicht immer lieb, ich hab auch schon mal

Freitag, 12. Juli 2013

Zu wenig wird mehr als genug - 7. n. Tr., 14.07.2013, Reihe V



Liebe Gemeinde!
Wir setzen uns jetzt mal alle zusammen und jeder holt raus, was er hat und dann legen wir alles zusammen und teilen alles und dann hat nicht nur jeder von uns genug zum Leben, sondern wenn das alle machen, wird die ganze Welt erleben, wie viel Überfluss da ist und alle werden genug zum Leben haben.
Klar, die Wundergeschichte, die ich eben vorgelesen habe, die erzählt davon, dass ganz konkrete materielle Bedürfnisse von Menschen gestillt werden. Auch wenn in der Bibel der Satz zu finden ist: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes ausgeht“, ist es ein ganz wesentlicher Teil des Willens Gottes, der sich in den Worten von Jesus und den Worten der Propheten, Psalmen und Gesetze des Alten Testaments ausdrückt, das Menschen auch materielle Gerechtigkeit brauchen und die Sicherung grundlegender materieller Bedürfnisse wie Essen, Trinken, sichere Wohnung ein Grundrecht des Menschen ist. Klar, Jesus kümmert sich nicht nur um das seelische, sondern auch um das leibliche wohl der Menschen. Und klar, „Geben ist seliger als Nehmen“, auch das steht in der Bibel. Das alles ist richtig. Aber ich finde es trotzdem schade, wenn man die Wundergeschichte, die Lukas in seinem Evangelium, seiner frohen Botschaft für die Welt, weitererzählt, kleiner macht, als sie wirklich ist, weil man sie entweder zu sehr durch die Brille der Vernunft allein betrachtet oder zu sehr das wortwörtliche Wunder als alleinigen Maßstab dafür nimmt, wie man die Geschichte verstehen kann.
Da ist einmal die Vernunftbrille. Die lässt einen sehen: 5 Brote, 2 Fische, 5000 Leute, alles essen, 12 Körbe bleiben übrig – kann nicht funktionieren. Andererseits: die Bibel lügt ja nicht. Also versuchen manche zu erklären: natürlich hatten die Leute was dabei, aber keiner wollte es rausholen und teilen. Als die Leute das Beispiel der Jünger gesehen haben und sich in kleinen Gruppen zusammensetzten und Jesus dankte, da gingen ihnen die Herzen auf und sie teilten und es war mehr als genug. Jesus öffnet die Herzen, das ist das Wunder, Menschen teilen – und da, wo Menschen teilen, ist genug da. Vernünftig, möglich – aber in der Geschichte steckt viel mehr.
Da ist aber noch die andere Brille, die alles wortwörtlich nimmt. Jemand mit der Brille würde vielleicht sagen: Jesus hat das wirklich vermehrt, der Mensch muss sich um nichts kümmern, Jesus verwandelt die Welt in eine Art Schlaraffenland für die, die bei ihm sind. Die müssen sich, solange sie auf sein Wort hören, um nichts weiter kümmern. Aber die Geschichte ist keine Schlaraffenlandgeschichte. Nirgends in der Bibel ist davon die Rede, das Gott die Menschen aus der Verantwortung für das Leben entlässt.
Jesus ist viel mehr als einer, der Menschen dazu bringt, ihre Vernunft zu gebrauchen und viel, viel mehr als ein Wundertäter für manche Auserwählten. Die Geschichte, so, wie Lukas sie uns weitererzählt, erzählt noch viel mehr und kann noch viel mehr bedeuten.
Da ist einmal der Anfang der Geschichte. Ganz wichtig: das alles war so nicht geplant.

Freitag, 5. Juli 2013

Mein Leben gehört mir!? - Freiheit ist das Einzige, was fehlt... - 6. n. Trinitatis, Reihe V, 07.07.2013

Text: Jesaja 43,1-7
Liebe Gemeinde!
Mein Leben gehört mir! Zumindest in den Ferien oder im Urlaub! Kein Zwang mehr, zu einer bestimmten Zeit aufstehen zu müssen, sich auf etwas vorbereiten zu müssen, Aufgaben abarbeiten zu müssen, sich morgens immer zu rasieren oder was man sonst als manchmal lästige Pflicht empfindet. Mein Leben gehört mir! Endlich kann ich sein wie ich will! Mein Leben gehört mir – ein gern ausgesprochener und erst gemeinter Satz, wenn Eltern gerade älteren Jugendlichen oder gerade erwachsen gewordenen Kindern versuchen, Ratschläge mitzugeben und Richtungen aufzuzeigen, die denen, für die diese Ratschläge gedacht sind, nicht so ganz passen. Mein Leben gehört mir! Ein Satz, den ich auch von Erwachsenen immer wieder mal höre, wenn es um die Frage des Lebensendes geht. Mein Leben gehört mir – ich will darüber bestimmen, wann es Zeit ist, dass dieses Leben zu Ende geht, bevor Ärzte das Kommando übernehmen oder Schmerzen übermächtig werden. Mein Leben gehört mir! Ein Satz, den ich oft höre, wenn Erwachsene in der Mitte ihres Lebens zum Teil langjährige Beziehungen oder Ehen beenden. Mein Leben gehört mir – aber die Ferien oder der Urlaub gehen zu Ende, und dann? Mein Leben gehört mir – und dann sind da auch in den Ferien, auch im Urlaub, die Verwandten und Freunde, die man ja schon lange mal besuchen wollte, die Renovierungsaktion, die man sich vorgenommen hatte, der Garten,  der dringend auf Vordermann gebracht werden muss, der Schreibtisch, der nach Aufräumen schriet, die vielen schönen Dinge, die alle unternommen werden müssen, damit sich der Urlaub, die Ferien wirklich lohnen – und am Ende bleibt das Gefühl, dass man längst nicht alles geschafft hat. Mein Leben gehört mir – ich kann bestimmen, wann es zu Ende ist. Aber: hast du den Anfang bestimmt? Hast du es dir verdient oder gekauft? Was ist mit den Leuten, die eine Beziehung zu dir haben? Genau, mein Leben gehört mir – und was ist mit dem Menschen, der dir bis vor kurzem gut genug war, deine Launen zu ertragen, die Kinder durchzubringen, für dich was zu tun?
„Freiheit ist das einzige, was zählt – Freiheit ist das einzige, was fehlt“ – so endet ein Lied von Marius Müller-Westernhagen, das vor gut zwanzig Jahren überall in Deutschland rauf und runter gesungen wurde. Aber ist es wirklich Freiheit, einfach so zu sagen: „mein Leben gehört mir“? Bleibe ich da nicht gefangen in meinen Bildern, in meinen Wünschen, in meinen Vorstellungen, in mir selber? Wird das nicht unglaublich eng und am Ende unfrei, wenn ich nur mich und mein Leben sehe?
Mein Leben gehört mir? Oder wem? In dem Predigttext heute aus dem Buch Jesaja haben wir etwas von Gott gehört, das für mich zu dem Schönsten gehört, das in der Bibel steht: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Mein Leben gehört mir? Dein Leben gehört mir, sagt Gott. Manchem stellen sich vielleicht die Nackenhaare hoch. Das ist doch das Gegenteil

Samstag, 29. Juni 2013

Was bringt's denn überhaupt...? - Predigt am 30.06.2013

Text: Jesaja 40,28-31
Liebe Gemeinde!
Wie bekomme ich möglichst viel raus ohne einen allzu großen Einsatz zu bringen? Oder: wie bekomme ich so viel raus, dass sich mein Einsatz, meine Leistung auch auszahlt? Menschen denken und handeln oft genug nach diesen Fragen. Ich auch. Als Schüler habe ich in der Oberstufe die Fächer als Leistungskurse gewählt, in denen ich wenig lernen musste und doch mit ziemlicher Sicherheit gute Noten kriege. Bei dem einen, Mathe, war das klar, das lag mir einfach, bei dem anderen, Gesellschaftskunde, gab es einen Lehrer, bei dem ich wusste, dass ich gut mit ihm auskam. Die Wahl hat sich gelohnt, mein Abi war gut. Im Examen habe ich meine Hausarbeit in Kirchengeschichte geschrieben, das war das lernintensivste Fach, und so musste ich da keine weitere schriftliche Arbeit abliefern und konnte mich im Lernen auf was anderes konzentrieren, hat sich auch gelohnt. Deshalb kann ich auch meine Schüler verstehen, die bei den Notenbesprechungen der letzten Wochen für ihren Minieinsatz eine möglichst gute Note wollten. Ich habe einen Schüler, der ist von seinen schriftlichen Leistungen richtig gut, der könnte eine eins kriegen. Aber ihm reicht eine zwei oder drei, da kann er sich dann im Unterricht auf die faule Haut legen und er reißt es durch seine Hausaufgaben und Arbeiten trotzdem raus. Menschen handeln und denken sehr, sehr oft wirtschaftlich. Nicht nur Schüler, Studenten oder Kaufleute. Auch bei Spenden kann ich das beobachten. Manche Menschen spenden so, dass sich ihr Ansehen steigert. Sie spenden für das, was gerade „in“ ist und einen guten Ruf bringt. Oder sie fragen sich: Wo bringt meine Spende am meisten Effekt. Die Frage „Was bringt’s?“  gehört sehr, sehr oft zum Menschsein mit dazu. Auch in der Kirche, auch im Glauben.
Da soll’s ja immer wieder mal Konfis geben, die sich ausrechnen, wie hoch ihr Stundenlohn ist, das heißt, sie zählen den Wert der Geschenke, die sie erwarten oder dann bekommen zusammen und teilen ihn durch die Zahl der Konferstunden. Die wissen genau, was Konfer gebracht hat. Soll’s geben – obwohl in diesem Jahr ja alle aus totalem Interesse dabei sind. Und bis heute sind finanzielle Gründe der Hauptgrund dafür, aus der Kirche auszutreten. „Ich will erstmal nicht kirchlich heiraten, ich sterbe so schnell nicht, wozu soll ich für was bezahlen, was ich nicht in Anspruch nehme? Und wenn ich mal sterbe, dann ist es billiger, einen Trauerredner zu bezahlen, als mein Leben für einen Service zu bezahlen, der mir egal ist!“ Das höre ich oft. Menschen denken wirtschaftlich. Auch, wenn’s um den Glauben geht. Und so sehr ich mich über manches ärgere, im Grunde finde ich die Frage berechtigt. Es sind manchmal alte Menschen, die ich besuche, die mit einem Hauch von Verbitterung sagen: „Was hat’s mir eigentlich gebracht, an Gott zu glauben? Die Menschen, die mir mein Leben lang lieb und teuer waren, sind tot. Die Kinder und Enkel weit weg. Ich bin ziemlich allein und noch dazu fällt es fast jeden Tag schwerer, sich zu bewegen – oder gar: die Krankheiten sind nichtmehr zu ertragen!“ Und öfter sind es Jugendliche und junge Erwachsene, die mich fragen: „Was bringt’s mir eigentlich, wenn ich an Gott glaube? Menschen, die nicht an Gott glauben, werden nicht häufiger krank und haben in der Schule keine schlechteren Noten, im Gegenteil, vielleicht verdienen sie später sogar mal mehr Geld, weil sie keine Bedenken haben, sich auch unfair durchzusetzen!“
Es fällt mir manchmal schwer, darauf zu antworten. Wie gesagt, ich finde die Fragen nicht unberechtigt und ich kann sie verstehen. Wirtschaftliches Denken ist Teil unseres Lebens, Teil meines Lebens. Und schon für viele Beter der Psalmen im Alten Testament war es ein Problem, dass es Menschen, die nicht an Gott glauben, äußerlich offensichtlich nicht nur nicht schlechter, manchmal sogar deutlich besser geht als Menschen, die ihr Leben an dem orientieren, was sie als Grund ihres Daseins erfahren haben, an der Liebe Gottes zu den Menschen. Was bringt’s mir, an Gott zu glauben? Diese Frage ist fast so alt wie der Glauben an Gott.
Und die schönste Antwort seit langem hat mir eine Schülerin in der letzten Woche gegeben. Ich kenne sie gar nicht so gut, ich weiß aber, dass sie schon ein paar ziemlich traurige Erfahrungen gemacht hat, die mir bis jetzt, Gott sei Dank, erspart geblieben sind. Diese Schülerin hat, wortwörtlich kann ich es nicht wiedergeben, aber fast wörtlich, gesagt: „Das Vertrauen zu Gott kann unglaublich viel Kraft geben. Und so lange wir leben (und auch danach) ist er immer da. Er geht nicht einfach weg, sondern hilft uns, weiter zu kommen. Wenn wir ihm vertrauen, können wir einen Schritt vor den anderen setzen, und wir haben viel mehr Kraft, denn der Glaube an Gott ist der größte Kraftspender in den dunkelsten Zeiten.“ Und sie

Freitag, 21. Juni 2013

Enttäsuchend? Kein Porno, aber eine Zumutung! - 4. Sonntag n. Trinitatis, 23.06.2013

Liebe Gemeinde!
Die Geschichte hat es in sich! Auf den ersten Blick sieht man ihr das wahrscheinlich nicht an. Da sind vielleicht manche enttäuscht. Enttäuscht, weil gar nicht geschildert wird, wie der Ehebruch so geschah und was passiert ist oder was die Gründe dafür waren. Wir leben in einer pornografischen Welt. Und damit meine ich NICHT, dass es zu viele nackte Geschlechtsteile zu sehen gäbe oder Filme, in denen Sex die Hauptrolle spielen würde. Pornografie ist ein bisschen was anderes. Pornografie ist die Geschäftemacherei mit dem Intimen, die öffentliche Zurschaustellung  und Instrumentalisierung von dem, was eigentlich ganz persönlich ist. Der Körper. Die Liebe. Mit all ihren Facetten. Aber auch die seelische Verfassung, die Not des Menschen. Pornografie ist die Geschäftemacherei, die Bloßstellung, die den Menschen nicht Mensch, Subjekt, sein lässt, sondern zu einem Objekt macht, mit dem Geschäfte gemacht werden können, das in seiner Privatheit und Menschlichkeit zur Schau gestellt wird. Zu beobachten nicht nur in zweifelhaften Internetvideos oder einschlägigen Kinos, sondern auch im Fernsehen auf fast allen Kanälen. Nicht die Nacktheit macht den Porno, sondern die Ausbeutung und Zurschaustellung der Not oder Hilflosigkeit des Menschen. Wir leben in einer Gesellschaft, in einer Zeit, in der das alltäglich ist – und die Geschichte bedient diese Art pornografischer Sehnsucht NICHT. Für manche vielleicht enttäuschend. Enttäuschend aber vielleicht auch, weil nichts davon erzählt wird, was mit der Frau passiert, als sie nach Hause kommt. Oder enttäuschend, weil Jesus seine Gegner nicht fertig macht. Oder enttäuschend, weil der Satz „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ mittlerweile oft zu einer beliebigen Allerweltsentschuldigung für alles verkommen ist: „Ich tu dir nicht weh und du tust mir auch nicht weh, irgendwie hat doch jeder Dreck am Stecken.“
Aber obwohl so viel Enttäuschendes in der Geschichte liegt, hat sie es in sich, vielleicht auch erst auf den zweiten Blick. In den ältesten Fassungen des Johannesevangeliums ist die Geschichte nicht zu finden, obwohl ziemlich sicher fest steht, dass sie schon erzählt wurde, bevor die Geschichten von Jesus aufgeschrieben wurden. Manche Bischöfe und Gemeindeälteste fanden es anscheinend unerträglich, dass die Frau davonkommt, dass Jesus ihr noch nicht einmal eine Strafpredigt hält. Das kann nicht sein, das untergräbt die Moral! Wo kommen wir denn hin! So werden viele, die am Anfang mitentschieden haben, welche Geschichten in die Bibel kommen und welche nicht, gedacht haben. Die Geschichte hat es in sich, weil sie keine moralische Geschichte mit erhobenem Zeigefinger ist und ganz einfach anzuwenden wäre. Sie stellt Ansprüche ans Mitdenken.
Und sie hat es in sich, weil sie zeigt, wie Männer Frauen missbrauchen. Die Geschichte ist nicht nur, aber auch eine Missbrauchsgeschichte. Natürlich schlagen oder vergewaltigen die Schriftgelehrten und Pharisäer die Frau nicht. Aber sie machen sie zum Objekt. Genau das meine ich mit der pornografischen Gesellschaft, in der wir leben. Da werden Probleme oder Freuden, da wird Liebe,

Freitag, 14. Juni 2013

Respekt! - 3. Sonntagnach Trinitatis, 16.06.2013

Text: Lukas 19,1-10
Liebe Gemeinde!
Zachäus heißt heute Zack. Und jeder hat Angst vor ihm. Aber die Leute, die ihm begegnen, wollen das nicht Angst nennen. Und Zack sagt es auch nicht. Respekt sagt er. Und das sagen die Leute auch. Wobei sie eigentlich nur Respekt sagen, aber Angst meinen. Respekt ist halt cooler. Zack ist klein. Aber er ist ein harter Hund. Er hat Kontakte nach ganz oben. Mit denen da oben, da will keiner gern zusammenarbeiten. Die haben Macht, einen einzusperren. Die haben Macht, einem das Leben schwer zu machen. Zack hatte keine Angst, sich mit denen da oben einzulassen. Jetzt kann er es sich leisten, durch die Gegend zu laufen und Respektschellen zu verteilen. Früher hießen die mal Nackenklatscher, aber Respektschellen sind cooler. Pervers ist es allemal. Da nimmt sich einer raus, andere zu schlagen. Einfach mal so auf den Hinterkopf, in den Nacken, egal. Und Zack grinst dazu. „Ist doch nur Spaß“, seine Worte. Ob’s für den, der geschlagen wird, auch nur Spaß ist? Aber wehe, der wehrt sich! Dann wird Zack ihm zeigen, was Respekt heißt. Und Zack läuft durch die Gegend, kassiert Geld von den Bistro- und Cafébesitzern, damit da nichts passiert. Zachäus heißt heute Zack und ist der, der von allen Respekt kriegt, wie sie es nennen, weil jeder Angst hat.
Oder heißt Zachäus heute Zachi? Eigentlich ein armes Würstchen. Klein, unauffällig, ohne Freunde. Zachi hat gute Kontakte nach oben und die decken seine Betrügereien. Deshalb fährt er auch den 7-er BMW und hat den dicken Flatscreen zu Hause. Aber heimlich machen sich alle über Zachi lustig. Keiner will was mit ihm zu tun haben. Einmal weil er echt klein ist und das manchmal schon fast lächerlich aussieht. Und dann auch, weil er sich mit denen Keiner sagt was laut, weil alle Angst haben, dass Zachi seine Beziehungen nach oben ausnutzt. Aber eigentlich ist Zachi das ärmste Würstchen im Viertel, einer, der ganz ohne Respekt dasteht, einer, der ganz allein ist.
Egal, ob Zachäus damals, als er Jesus begegnet ist, eher der Zack- oder der Zachi-Typ war, ein Wort aus beiden Möglichkeiten der Geschichte ist für mich ein Schlüssel zu dieser Geschichte aus der Bibel, zu dem, was Jesus hier macht, sagt, vorlebt. Und dieses Wort ist Respekt.
Viel zu oft wird im Alltag Respekt mit Angst verwechselt. Oder mit Unterwürfigkeit. Echter Respekt hat aber nichts damit zu tun, dass ich mich jemandem unterordne oder dass ich erwarte, dass andere sich mir unterordnen. Ob aus Angst oder aus anderen Gründen. Respekt heißt zuallererst: ich sehe im anderen den Menschen. Ich sehe im anderen den Menschen, der anders sein darf als ich, der es wert ist, fair und anständig behandelt zu werden. Weil er Mensch ist. Ich kann respektieren, dass er andere Gewohnheiten oder Gefühle hat und verletze ihn deshalb nicht, sondern ich will ihm zeigen, dass er das Recht hat, Mensch zu sein. Und für mich ist das genau das, was Jesus dem Zachäus aus der Bibel gibt, egal, ob der ein Zack- oder ein Zachi-Typ war. Und dieser Respekt, dieser echte Respekt ohne Angst, den Zachäus bekommt, der führt dazu, dass er sich ändert. Machen wir uns mal klar, was für Typen

Freitag, 7. Juni 2013

Baby bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld - 2. Sonntag nach Trinitatis, Reihe V, 09.06.2013

Text: Jesaja 55,1-5 (wird während der Predigt aus der Übersetzung "Die Bibel in gerechter Sprache" gelesen)
Zu Beginn der Predigt gibt es Ausschnitte aus "Einmal um die Welt" von Cro zu hören

Liebe Gemeinde!
„Baby, bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – Einmal um die ganze Welt als eine Rieseneinkaufstour mit einem Wandsafe, aus dem das Geld einfach so sprudelt. Purer Luxus im Überfluss. Das ist nicht gerade das, wozu Gott die Menschen eingeladen hat, zu einem grenzenlosen Luxusleben. Aber ich habe mir das Lied für diesen Gottesdienst nicht ausgesucht, um zu sagen: „Schaut mal da, die böse Welt, in der lauter falsche Werte vorgelebt werden! Wie gut, dass wir in der Kirche besser sind!“ Ich glaube nicht, dass man das so allgemein sagen kann. Ich habe das Lied aus zwei Gründen ausgesucht. Erstens hat es für mich, den Text mal gar nicht berücksichtigt, einen hohen Gute-Laune-Faktor. Ich höre morgens gern Radio und mir fällt das Wachwerden mit so einem Lied leichter. Und ich denke, dass man gar nicht genug Gute-Laune-Sachen im Gottesdienst haben kann. Glauben und Gottesdienst ist für mich nichts, was einem das Leben schwer macht, sondern einem das Aufstehen in jeder Hinsicht erleichtert und einem hoffentlich ein rundherum ein gutes Gefühl gibt. Und für mich drückt sich das auch in dem Predigttext aus, der für heute vorgesehen ist. Doch dazu gleich mehr. Zuerst noch der zweite Grund: Das Lied hält mir und vielen andere den Spiegel vor, wie wir mit Geld umgehen. „Mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – welche Rolle spielt Geld eigentlich? Im Moment dreht sich jede zweite Diskussion auch in der Kirche darum, dass das Geld immer knapper wird und hinten und vorne nicht reicht. Außerdem müssen sich nicht nur hier auf dem Richtsberg viele Menschen Sorgen ums Geld machen. Spätestens dann, wenn die Strom- oder Heizungsabrechnung kommt und ein saftiger Nachschlag wieder mal fällig wird. Diejenigen, die wenig haben, sorgen sich darum, wo das Nötigste herkommt. Diejenigen, die viel Geld haben, sorgen sich darum, wie sie noch mehr davon kriegen können. Und diejenigen, die irgendwo so in der Mitte sind, reden nicht gern darüber, wie viel sie verdienen oder auf dem Konto haben. Geld wird zu etwas ganz Besonderem gemacht. Oder ist es vielleicht auch in unserer Art zu leben. „Baby, bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – wenn man nur diese eine Zeile nimmt und mal den Rest von dem Text streicht und die Gute-Laune-Melodie übrigbehält, könnte das Lied für mich die Vertonung unseres heutigen Predigttextes aus der Bibel sein. Er steht beim Propheten Jesaja im 55. Kapitel:
Lesen: Jes 55,1-5 (Bibel in gerechter Sprache)
„Mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – denn dein sauer verdientes Geld brauchst du nicht für unnützes Zeug, das dir im Leben nicht weiter hilft, auszugeben. Du kriegst das, was du wirklich brauchst – Wasser und Brot sind Symbole dafür – völlig umsonst. Kauf ohne Geld. Und du kriegst nicht nur die Billigversion, das absolut Nötigste, sondern du kriegst den echten Überfluss an dem, was du für dein Leben wirklich brauchst – und auch hier sind Wein und Milch und Nahrhaftes, wörtlich steht da „fette Speisen“, auch wieder Symbole. Ohne Geld nicht im 1-Euro-Shop des Lebens, sondern im absoluten Lebens-Luxus-Kaufhaus einkaufen. Noch dazu  sich den Luxus nicht unrechtmäßig sich aneignen, also klauen, sondern hoch offiziell vom Chef persönlich geschenkt zu bekommen. Ein Traum, von dem der Prophet hier erzählt. Ein Traum – und zu schön, um wahr zu sein? Wenn man von teuren Schuhen, von Luxusurlaub oder Champagner bis zum Abwinken und

Samstag, 18. Mai 2013

Fischmarkt, Flatrate, Inklusion - Pfingsten 2013 (Reihe II statt Reihe V)

Text: 1. Korinther 12,4-11 (Pfingstmontag, Reihe II)

Predigt Pfingstsonntag 13, 18.05.13, Reihe II Pfingstmontag
Text: 1. Kor 12,4-11

Liebe Gemeinde!
Hamburg, Fischmarkt, bei Aal-Paul: „Kommen sie näher, kommen sie ran! Diese schöne Scholle hier gibt’s heute für nur 15 Euro! Und wissen sie was, ich pack ihnen für 15 Euro nicht nur die Scholle ein, heute gibt’s auch noch diese Heringe dazu! Und nur heute, und nur weil Feiertag ist, pack ich auch noch zwei leckere Räucherforellen dazu! Und, gute Frau, weil sie so schön lächeln, gibt’s dann noch den Räucheraal gratis! Kommen sie näher, kommen sie ran, nur heute hier beim Aal-Paul: Diese schöne Scholle und die Heringe und die Räucherforellen und den Räucheraal und hier und heute noch dazu eine Portion leckerer Nordseekrabben und das alles in einer Tüte und für nur 15 Euro! Sonst kostet allein schon die Scholle so viel! Greifen sie zu!“ Natürlich wissen die meisten, dass der Fischhändler schon vorher die Preise für alles kalkuliert hat und er mit den 15 Euro auf seine Kosten kommt und nichts zu verschenken hat. Aber es ist ein gutes Gefühl, ganz viel eingepackt zu bekommen und zu glauben, man bekäme dabei ganz viel geschenkt. Beim Telefonieren mit den heute üblichen Flatrates ist das ja ähnlich. Einmal bezahlt – und schon kann man so oft, wie man will, telefonieren, SMS schreiben und im Internet surfen und hat das Gefühl, ein Schnäppchen zu machen. Natürlich haben auch die Telefongesellschaften nachgerechnet. Damit wenige ein Schnäppchen machen, bezahlen viele eigentlich zu viel, aber es ist halt ein schönes Gefühl, ganz viel eingepackt zu bekommen. Obwohl wir eigentlich wissen, dass es nichts geschenkt gibt, nutzen wir das trotzdem mit dem Gefühl, etwas geschenkt bekommen zu haben.
Komischerweise scheint das aber dort, wo wirklich was verschenkt wird, gar nicht so gut zu funktionieren. Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth davon, wie viel der eine Gott verschenkt. Es gibt ganz viele und ganz unterschiedliche Begabungen, ganz viele und ganz unterschiedliche Ämter, die Menschen ausüben und ganz viele und unterschiedliche Kräfte und Möglichkeiten. Aber in allem wirkt der Geist des einen Gottes. In allem ist Gott selbst am Werk. Ganz viel wird eingepackt in die große Gemeinschaft der Menschen, die sich auf Jesus berufen und die auf Gott vertrauen – und manchmal habe ich bis heute den Eindruck, dass wir diese Megaflatrate, bei der wir wirklich profitieren und nichts draufzahlen, diese wirklich kostenlose Riesentüte mit allem, was man sich an Schönem vorstellen kann, gar nicht haben wollen. Zwei Haltungen begegnen mir oft bis heute. Die eine Haltung ist die: Was nicht so ist wie das, was ich selber habe, was ich kenne und was ich selber gut finde, ist nicht richtig und gehört nicht dazu. Das soll draußen bleiben, das will und brauche ich nicht. Da werden Möglichkeiten, Geschenke, Gaben, abgelehnt, weil sie anders sind, weil sie nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. Im Bild der Fischtüte hieße das, den Aal und die Krabben und den Hering vielleicht dem Fischhändler zurückzugeben, weil ich sie nicht mag, statt sie sich einpacken zu lassen und zu überlegen, ob ich vielleicht jemanden kenne, dem genau das schmeckt und der sich über genau dieses Geschenk freut oder es dringend braucht. Ich will nur das, was meinem Geschmack entspricht. Die Haltung gibt es auch im Glauben.
Die andere Haltung ist die, nicht auf das zu schauen, was ich habe, und damit dann was anzufangen, sondern immer zu glauben, das, was andere haben, wäre besser und richtiger. Im Bild der Fischtüte hieße das: der nächste Kunde bekäme vielleicht Lachs statt Krabben und Thunfisch statt Forelle eingepackt. Und auf einmal wollte ich unbedingt das andere, obwohl ich bis dahin mit meinem eigentlich ganz zufrieden war, weil das andere ja möglicherweise besser oder mehr Fisch ist.
Beides sind Haltungen, die eben nicht nur auf dem Fischmarkt möglich sind

Freitag, 10. Mai 2013

Wir gehören doch zu den Guten, wir haben die Wahrheit! - Exaudi, 12.05.13, Reihe V

Text: Johannes 14,15-19
Liebe Gemeinde!
„Die Welt wird es nicht verstehen und nicht sehen können, aber ihr werdet die Wahrheit erkennen!“ Es ist alles andere als ungefährlich, was Jesus hier sagt. Mit dem Muster, dass die Welt schlecht ist, man selbst aber zu den Guten gehört und vor allem die Wahrheit im Gegensatz zu den anderen kennt, versuchen immer wieder und seit allen Zeiten Terroristen, Selbstmordattentäter, radikale Fundamentalisten, Amokläufer ihre Taten zu begründen. Das funktioniert eben nicht nur in manchen missverstandenen islamischen  Zusammenhängen so, das gibt es auch in Zusammenhängen, die sich christlich verstehen. Wir hier drinnen sind die Guten, die da draußen haben keine Ahnung und können, dürfen, müssen bekämpft werden. Mir  fällt das auch manchmal in Gesprächen über Moscheeneubauten oder die Umwidmung leerstehender Kirchengebäude auf. Selbst Menschen, die jahrelang außerhalb des Urlaubs, in dem sie vielleicht eine historisch wertvolle Kirche besichtigt haben, keine Kirche mehr von innen gesehen haben, rufen plötzlich dazu auf, sich gegen gefühlte Multikulti- und Islamisierungstendenzen zu wehren. Wir gehören doch zu den Guten, wir haben die Wahrheit!
Wir leben in der Welt! In einer Welt, die in manchem sicher ganz anders ist, als zu der Zeit, in der Jesus seinen Jüngern das mit auf den Weg gegeben hat oder der Evangelist, den wir als Johannes kennen, das aufgeschrieben hat. Wir leben in der Welt – und die Jünger Jesu, die Gemeinden der ersten Zeit lebten auch in der Welt. Wo denn auch sonst? Ich glaube auch nicht, dass Jesus hier oder anderer Stelle zur Flucht in eine Parallelwelt aufrufen will. Im Gegenteil. „Der Vater sendet euch einen – und jetzt wird es schwer, das Wort, das im Johannesevangelium hier überliefert ist, zu übersetzen – der Vater sendet euch einen Tröster, Beistand, Fürsprecher, der euch hilft, mitten in der Welt, in der ihr lebt, die Wahrheit zu sehen und in der Wahrheit zu bleiben und zu leben, die Wahrheit nicht zu verraten.“ Welche Wahrheit eigentlich und vor allem: was ist die Welt, in der wir doch Christen, und von der wir doch auch ein Teil sind?
Was ist die Welt? Jesus meint hier in erster Linie keinen Ort, der in seiner Position im Weltall definiert werden kann, sondern eine bestimmte Lebenseinstellung. Welt ist hier auch die Lebenshaltung, die sich selbst genügt, die sich ständig auf sich selbst bezieht. Und dazu gehört auch die Unfähigkeit, Schuld wirklich zu sehen und auch anzunehmen und so auch die Unfähigkeit, Vergebung anzunehmen und anderen zu vergeben. Bis heute leben wir oft in einer Kultur der permanenten Selbstentschuldigung, der ständigen Suche nach Ausflüchten, des Zeigens auf den oder die Anderen. Beispiel Steuern zahlen. Wer macht das schon gern? Wer nutzt da nicht gern legale Schlupflöcher, auch wenn sie vielleicht nicht richtig sind, oder vergisst einfach mal, was anzugeben, in der Hoffnung, dass es nicht auffällt. Sind ja nur kleine Beträge. Und außerdem: Unsere Steuergelder werden verschwendet. Da geht zu wenig in die Förderung von Familien mit Kindern, stattdessen wird zum Beispiel Amazon, der amerikanische Internetkonzern, für die Ansiedlung in Bad Hersfeld und bei Leipzig mit Millionen gefördert. Dafür zahl ich doch nicht!

Freitag, 3. Mai 2013

Austauschen anstatt nur zu reden - Rogate, 05.05.2013, Reihe V

Text: Matthäus 6,7-15
Liebe Gemeinde!
„Beten heißt: mit Gott zu reden!“ – Ich bin schon froh, wenn im Konfirmandenunterricht oder in der Schule wenigstens das als Aussage kommt und das Gebet nicht völlig unbekannt ist. Und vor lauter Begeisterung, dass da so etwas wie eine Ahnung oder sogar eine tatsächliche Gebetspraxis ist, schließe ich dann oft noch an: „Ja, du kannst mit Gott wirklich reden, du kannst ihm alles sagen, was dir wichtig ist!“ Natürlich ist das alles nicht falsch und ist gut biblisch. Aber je älter ich werde, desto mehr denke ich, dass ich dadurch nicht nur Jugendliche auf der Suche nach ihrem eigenen Glauben, nach ihrem Zugang zu Gott, auf eine missverständliche Spur schicke. Jesus sagt hier ganz deutlich: ein Gebet braucht nicht viele Worte. Es gibt Christen, die sehr viele Worte beim Beten machen. Und manchmal scheint es mir so, als würden Menschen glauben, dass Anliegen von Gott eher wahrgenommen würden, wenn ganz viele Menschen mit möglichst vielen Worten sozusagen den Gebetsdruck pro Quadratmeter auf Gott erhöhen würden. Jesus sagt hier ganz klar: das braucht es EIGENTLICH gar nicht. Bevor ihr anfangt zu reden, weiß Gott schon, was ihr wollt. Vielleicht sollte ich, auch wenn es sich viel weniger griffig anhört, Konfis und Schülern eher sagen: „Beten heißt: sich mit Gott auszutauschen“. Zum Austausch gehört auch das Stillwerden, das Hinhören, den anderen zu Wort kommen zu lassen. Austausch mit Gott, Beziehungspflege, nicht Totlabern – für mich steckt das ganz Wesentlich auch in den wenigen Worten, die Jesus uns als Gebet geschenkt hat. Das Gebet, das Jesus den Menschen empfiehlt und das Christen auf der ganzen Welt verbindet und das uns auch mit denen verbindet, die vor uns schon auf Christus vertraut haben, das öffnet mit ganz wenigen Worten eine riesige Welt des Austausches, der lebendigen Gottesbegegnung.
Da ist die Anrede: „Unser Vater im Himmel“. Wobei die deutsche Übersetzung „Vater“ eigentlich auch schon falsche Bilder produzieren kann. Manche haben vielleicht das Bild eines sehr strengen, autoritären Vaters, der notfalls auch mal zuschlägt. Oder haben eigene Erfahrungen mit einem Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat und seine Verantwortung nicht wahrnimmt. Oder haben vielleicht gar keine Erfahrung mit einem Vater, weil er früh gestorben ist oder weil er durch den Beruf dauernd abwesend ist oder war oder sich einfach nicht gekümmert hat. Vater als bloßer Erzeuger oder als strenger Hüter der Tradition und der Regeln – Jesus benutzt eigentlich wörtlich ein ganz anderes Bild. „Papa, Paps, Vati, Dad“ – oder wie man auch immer den anredet, mit dem man zutiefst vertraut ist und dem man wirklich vertrauen kann. Gott nicht als den strengen Übervater oder den Schöpfer, der sich dann aber verabschiedet, sondern