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Freitag, 22. Mai 2009

Unter den Wolken muss die Freiheit wohl... - Himmelfahrt 2009, Reihe I

Text: Lukas 24,50-53

Liebe Gemeinde!

(Einen imaginären Luftballon „nach oben holen“ und „in den Händen“ halten“) Nach oben, in den Himmel steigen - bis heute ist das für ganz viele Menschen mit besonderen, mit schönen Gefühlen verbunden. Reinhard Mey sang vor vielen Jahren „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“. Und bis heute ist zum Beispiel Ballon fahren für viele ein grandioses Erlebnis. Und selbst so ein Luftballon hier, wie ich ihn in der Hand halte, regt Menschen an, über Freiheit und Freude am Leben nachzudenken. Bunt und leicht ist er. Für manche hängen Erinnerungen an unbeschwerte Kindertage an einem solchen Ballon. Und wenn man ihn fliegen lässt, dann ist es so, als würde er das ganze Schwere im Leben einfach mit wegnehmen. Wenn ich ihn loslasse, dann fliegt er hoch in eine Welt, die wir zwar erforscht haben und physikalisch beschreiben können, die uns aber doch ein Stück weit entzogen ist. Wenn ich den Ballon jetzt loslasse, dann geben sie ihm doch einfach ihre Gedanken, Wünsche und Sorgen mit auf dem Weg in die Freiheit über den Wolken. (So tun, als würde er losgelassen und hinterher schauen)
Der spinnt - manche haben das vielleicht eben gedacht. Der hat doch gar nichts in der Hand, da gab’s doch gar nichts zu sehen. Und trotzdem gehe ich jede Wette ein, dass gar nicht mal so wenige eben tatsächlich an einen Luftballon gedacht haben, der einfach wegfliegt. Was ist nun wirklich wahr? Das, was wir mit unseren Fingern begreifen können? Oder auch das, was wir fühlen, spüren und wahrnehmen können, ohne dass wir es festhalten? Da ist nichts zu sehen und trotzdem ist etwas da. Wirklichkeit und Wahrheit sind größer als die Welt, die sich begreifen lässt. Und das gibt Freiheit. Weil wir nicht nur an das gefesselt sind, was wir sehen, hören, fühlen und schmecken können, sondern weil wir die Freiheit haben, mehr zu erfahren im Leben.
Für mich ist Himmelfahrt in diesem Sinn ein Fest, das uns wirklich Freiheit schenkt. Nüchtern betrachtet, gibt es eigentlich nicht viel zu sehen. Lukas hält sich nicht mit langen Beschreibungen auf, wie die Himmelfahrt ausgesehen haben könnte. Das Entscheidende ist, dass die Jünger erleben: Jesus ist in keiner Art und Weise mehr körperlich anwesend. Schon von der Auferstehung erzählen Lukas, aber auch Johannes, ja so, dass Jesus nicht einfach so hereinspaziert kam, als wäre gar nichts gewesen. Die Emmausjünger, von denen Lukas erzählt, waren lange mit dem Auferstandenen unterwegs. Sie haben ihn gesehen, sich mit ihm unterhalten. Aber erkannt haben sie ihn nicht an irgendwelchen Äußerlichkeiten, sondern erst an seinem Handeln. Himmelfahrt macht endgültig deutlich, dass die Bilder losgelassen werden müssen, dass die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu sich nicht an irgendetwas Biologisches klammern können, sondern dass sie auf Glauben, Vertrauen, Hoffnung und Liebe allein angewiesen sind. Die Jünger verzweifeln nicht, weil sie nun nichts mehr zum Klammern haben, sondern sie gehen getrost zurück ins Leben. Sie loben Gott und strahlen große Freude aus.
Eigentlich komisch. Die Jünger haben Sicherheit verloren und sie freuen sich. Wenn wir Sicherheit verlieren, dann sind wir traurig, frustriert oder wir sehnen uns danach, Dinge aus der Vergangenheit irgendwie konservieren zu wollen. Himmelfahrt macht etwas anderes deutlich: Die Sicherheit liegt nicht im Festhalten, sondern im Loslassen, im Vertrauen und im Annehmen der Freiheit, die Gott uns schenkt. Die Jünger machen sich frei davon, Jesus so behalten zu wollen, wie sie ihn kannten, ihn ein für allemal festzulegen - und sie gewinnen dadurch Freude am Leben und Freude am Glauben. Gott, Jesus - das ist eben mehr, als wir fassen, beschreiben, begreifen können.
Glauben schafft Freiheit - leider haben auch Christen, hat auch die Kirche diese Botschaft allzu oft verdunkelt. Menschen, die anders glaubten, anders dachten, anders lebten und anders liebten wurden im Namen Gottes verfolgt, mundtot gemacht, diskriminiert, manchmal bis zum Tode. Glauben schafft Freiheit - Gott sei Dank immer wieder auch die Freiheit, zu dieser Schuld zu stehen und einen anderen, besseren Weg zu gehen. Dort, wo offen miteinander geredet und auch gestritten werden kann, dort kann Glauben wachsen. Es ist traurig, dass gerade heute aber im Namen einer Scheinfreiheit, die kritischen Einwänden gegenüber intolerant ist, Christen nicht nur in Marburg diffamiert und verleumdet werden. Man muss und kann auch in der Kirche nicht immer über alles einer Meinung sein. Aber zu der Freiheit, zu der uns Christus befreit, zu der Freiheit, die zum Menschsein gehört, gehört auch, im anderen immer zuerst den Menschen und nicht den Gegner zu sehen. Diese Freiheit, die Gott uns schenkt, die Freiheit, uns nicht an Bildern, Urteilen und Vorurteilen festhalten zu müssen, die muss uns hellhörig machen, wo durch Diffamierung Freiheit genommen werden soll. Gott ist ein Gott der Freiheit. Weil er unsere menschlichen und weltlichen Grenzen sprengt. So, wie Himmelfahrt die Grenzen unserer Welt endgültig sprengt. Nicht, weil Naturgesetze außer Kraft gesetzt würden oder weil wir im Glauben zur Weltflucht angehalten würden, sondern weil hier deutlich wird: Das, was größer als diese Welt ist, die Liebe, die alle Grenzen sprengt, hilft dir, in dieser Welt und für diese Welt mit Freude zu leben und dich nicht mit den Grenzen, die Menschen ziehen und mit den Grenzen, die unsere Verstehensmöglichkeiten ziehen, für immer zufrieden zu sein.
Himmelfahrt ist ein Fest der Weite der von Gott geschenkten Freiheit. Für mich ist auch dieser Gottesdienst, den wir miteinander feiern, so ein Zeichen dafür. Ganz unterschiedliche Gemeinden und Konfessionen feiern zusammen. Ein Stück Himmel auf Erden, dass die Grenzen, die mal da waren und manchmal noch da sind, dazu einladen, drüberzuschauen und Verbindung zu suchen. Und dass Gott im Himmel seinen Platz in dieser Welt hat. Die Feuerwehr kümmert sich darum, dass dieser Gottesdienst einen schönen Rahmen hat. Kirche ist nichts, was irgendwo abseits steht, jenseits von dem, was in diesem Leben wichtig ist, sondern Kirche, die Gemeinschaft der Christinnen und Christen, gehört mitten ins Leben. Keine Angst vor der Welt, keine Angst vor dem anderen, denn in Jesus Christus schenkt Gott uns Weite und Freiheit, die über das, was wir denken können, hinausgeht. Die Freiheit der geliebten Kinder Gottes. Ich wünsche uns, dass wir, wie die Jünger damals, diese Freiheit annehmen, loslassen und ins Leben gehen. voller Freude. Und so einladend und ansteckend werden. Und der Welt etwas von der Freiheit und Liebe Gottes schenken. Himmelfahrt entführt uns nicht aus der Wirklichkeit in den Himmel, sondern lässt ein Stück Himmel auf der Erde Wirklichkeit werden. Amen.

Samstag, 16. Mai 2009

Da hilft nur noch beten... - Rogate, 17.05.09, Reihe V

Text: Matthäus 6,7-13
Liebe Gemeinde!
Wer kriegt am Ende seinen Willen? Derjenige, der kurz und knapp und sachlich sein Anliegen erzählt und auf Entscheidung wartet oder derjenige, der laut rumschreit, der nervt, lang und breit erklärt, warum gerade er seinen Willen kriegen muss, der das geschickt verpackt und so lang drumrumredet, dass man froh ist, ihn wieder loszuwerden? Ich habe den Eindruck, dass viel zu oft der zweite Typ kriegt was er will. Quengeln, dem Gegenüber in den Ohren liegen, bis sie anfangen zu bluten, auch Kinder und Jugendliche lernen schnell, dass das eine erfolgreiche Strategie bei Eltern sein kann. „Darf ich heute Abend länger weg, die anderen dürfen es auch!“ „Nein, morgen musst du zur 1. in die Schule!“ Welches Kind gibt sich damit zufrieden? Ich will jetzt die Diskussion nicht nachspielen, die kann sich viel zu lang ziehen und ich hab mir doch vorgenommen, weniger zu reden. „Du brauchst nicht zu quengeln und viele Erklärungen nachzuschieben, Gott kennt dich schon längst! Ihn brauchst du nicht zu überreden, er weiß, was du brauchst!“ Jesus macht denjenigen, die auf Gott vertrauen, Mut, auf den Punkt zu kommen. Ich finde es entspannend, dass Gott nicht danach entscheidet, wer am Besten schwätzen kann oder welche Nervensäge er am schnellsten wieder loswerden will. Nicht die klugen, gebildeten Redner und nicht die gnadenlosen Schwätzer sind im Vorteil, sondern diejenigen, die wirklich was wollen und was brauchen. Und die das dann mit ganz einfachen Worten auch sagen.
Aber warum soll ich überhaupt beten, wenn Jesus doch sagt: „Gott weiß, was ihr braucht, schon bevor ihr ihn darum bittet.“ Ja, Gott braucht unser Gebet nicht. Aber wir Menschen brauchen das Gebet. Und deshalb ist es alles andere als sinnlos. So wie ich als Mensch mit Eltern, mit Menschen, die mir was bedeuten, mit Menschen, von denen ich merke, dass sie mir gut tun, ja nicht nur rede, weil ich ihnen was abschwätzen will, sondern weil ich eine Beziehung habe, aufbauen oder festigen will, so ist das auch ein bisschen mit Gott. Das für eine gute Beziehung Wichtige ist ja nicht, dass jeder Wunsch erfüllt wird, sondern dass ich weiß: da ist jemand, dem kann ich meine Sorgen genauso sagen wie das, worüber ich mich freue. Der hört zu, der nimmt mich ernst, der macht mich nicht fertig und nützt mich nicht aus, auch wenn nicht alles, was ich will, in Erfüllung geht. Das Gebet ist kein magisches Zaubermittel, sondern unsere menschliche Möglichkeit, Beziehung zu Gott auszudrücken und in Beziehung zu Gott, dem Grund, der Quelle des Lebens und der Liebe zu leben. Und wie das bei Beziehungen von uns manchmal so ist: Da gibt es Zeiten, in denen hat man sich ganz viel zu sagen, da ist man ständig in Kontakt - und dann gibt es Zeiten, in denen verliert man sich ein bisschen aus den Augen. Wie gut eine Beziehung wirklich ist, kann man manchmal auch daran erkennen, dass sie auch solche dürren Zeiten übersteht. Und ich glaube, dass das auch für unsere Beziehung zu Gott gilt und für unser Gebet. Gott läuft nicht weg. Gott bleibt, auch wenn wir uns vielleicht manchmal schwer mit dieser Beziehung tun. Und wenn wir dann wieder Kontakt aufnehmen, in Beziehung treten, dann kriegen wir eben keine Strafpredigt und auch nicht die Frage gestellt, warum wir uns denn so lange nicht gemeldet hätten. Wie das klappen kann, Beten weder als Zaubermittel zur Wunscherfüllung zu sehen, noch als Pflichtübung, sondern als Beziehungspflege, wie ich auch dann, wenn es mir schwer fällt, die richtigen Worte finde: Jesus macht einen Vorschlag, wie das gehen kann. Das Vaterunser. Da steckt alles Wichtige drin. Ich finde es ganz gut, sich mal mit dem zu beschäftigen, was in jedem Gottesdienst gesprochen wird, was man spätestens in Konfer auswendig gelernt hat und was ich auch am Ende jeder Konferstunde bete. Sind die Worte hohl und leer, weil sie nichts Neues mehr sind und jeder sie spricht, weil sie keine eigenen Worte sind und auswendig gesagt werden oder steckt mehr dahinter? Für mich steckt, wen wundert’s, mehr dahinter. Da ist zum einen die Möglichkeit, überhaupt was Sinnvolles zu sagen, auch wenn mir die Beziehung zu Gott schwer fällt und sie dürr zu werden droht. Oder wenn mir die Worte fehlen, weil ich einfach nicht mehr weiter weiß. Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich mit ihrer Familie und ein paar Freundinnen von ihr am offenen Sarg einer 14-jährigen, die ich kurz vorher konfirmierte, stand. Das einzige, was ging, was weder peinlich noch aufgesetzt war, war ein Vaterunser.Und da ist auch die Verbindung, die dieses Gebet schafft. Es wird nicht nur in Deutschland und nicht nur von Evangelischen und nicht erst seit vorgestern gesprochen. Ich war mal in Russland in orthodoxen Gottesdiensten. Alles war mir fremd. Aber als das Vaterunser gebetet wurde, auch wenn es in einer fremden Sprache war, konnte ich das merken und auf meine Art mitbeten.

Aber für mich ist es vor allem der Inhalt, der dieses Gebet wichtig macht. Das fängt schon bei der Anrede an. „Vater unser oder unser Vater“. Gott ist nicht der, dem die Menschen egal wären und der weit weg ist. Jetzt sind nicht alle menschlichen Vaterbeziehungen gut. Aber Gott als Vater anreden zu können heißt, eine Beziehung zu ihm zu haben, die über das Zufällige hinausgeht. Eine Beziehung, die nicht ausgelöscht werden kann. Eine Beziehung, die auch Auseinandersetzungen mit sich bringt, die aber, wie im besten menschlichen Fall, an diesen Auseinandersetzungen wächst. Und die vor allem, wieder wie im besten, leider nicht in jedem, menschlichen Fall, von Liebe, Zuwendung und Fürsorge geprägt ist. Und eine Beziehung, die uns Menschen, die wir ihn so anreden dürfen, über alle Unterschiede hinweg zu einer großen Familie verbindet. Für mich seid ihr drei, die ihr heute getauft worden seid, gerade hierfür ein tolles Beispiel. Eure Familie ist ja wirklich groß und bunt und in vielem ganz unterschiedlich. Aber so, wie ich euch kennen gelernt habe, so, wie ich z.B. eure wkw-Seiten erlebe, ist das Bewusstsein da, dass ihr trotz allem, was bunt und unterschiedlich ist, zusammengehört. Wenn das bei den Menschen, die an Gott glauben und ernsthaft das Vaterunser beten, auch so ist, dann wäre wirklich was gewonnen. Aber Was beten wir eigentlich, wenn wir mit Gott, den wir Vater nennen können, reden? „Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme“ - Das ist für mich nichts, was irgendwo weit weg, bei anderen spielt, sondern bei mir: „Hilf mir, deinen Namen heilig zuhalten, dich nicht für meine Bequemlichkeit in Anspruch zu nehmen und deinen Namen, der die Liebe ist, nicht in den Dreck zu ziehen. „Dein Reich komme“ - nicht irgendwo, sondern auch bei uns, auf dieser Welt, lass Frieden und Gerechtigkeit nicht nur wachsen, sondern zur alles bestimmenden Kraft werden. Damit keinem Menschen mehr gesagt wird, er sei nichts wert, damit alle wirklich leben können und keiner ausgebeutet wird. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“ - für mich der Kernsatz des Gebets. Eben nicht nur irgendwo in einem Jenseits, sondern hier in dieser Welt soll sich Gottes Wille zum Guten verwirklichen. Und hilf mir, meine Wünsche von deinem Willen zu unterscheiden. Und gib mir die Einsicht und die Kraft, dich, Gott zu verstehen. Ich vertraue dir, dass du es besser meinst, als ich manchmal denke und glaube. Für mich steckt das alles und noch vielmehr in diesem Satz. So wie auch in der nächsten Bitte: „Unser tägliches Brot gib uns heute“. Martin Luther hat einmal gesagt, dass Gott auch ohne unsere Bitte bösen Menschen Brot gibt, dass es hier darum gehe, Gottes Zuwendung auch zu erkennen und dankbar zu bleiben. Denn zum täglichen Brot gehört viel mehr als nur Nahrung. Luther sagt, es ist „alles, was not tut für Leib und Leben“. Und in seiner Aufzählung fehlen fromme Kinder und Eheleute genauso wenig wie eine gute Regierung, Schuhe, gute Freunde, Geld, Gesundheit und gute Nachbarn. Dafür lohnt es sich doch wirklich, zu beten. Wo das fehlt, tut’s weh, das merken wir doch fast täglich. Und die Bitten darum, Vergebung annehmen zu können, was ja auch manchmal schwer fällt und anderen vergeben zu können, sind für unseren Alltag genauso nötig wie die Bitte darum, nicht in Versuchung geführt zu werden, das Böse, das sich oft so einladend und leicht präsentiert, zu tun und vor Bösem bewahrt zu werden. Zuzugeben, dass ich Schuld bin, dass ich anderen weh tue, fällt nicht leicht. Und dann für sich anzunehmen, dass der andere mir wirklich vergibt, auch nicht. Denn ich kenne mich ja: mein Verlangen, dass der andere für das, was er mir getan hat, gefälligst bezahlen soll, ist oft genug größer als die Bereitschaft, es gut werden zu lassen. Lass es anders sein, Gott, lass uns das Trennende überwinden. Vielleicht kann man es auch so ausdrücken. Macht nicht viele Worte, vertraut dem, der das Leben und die Liebe ist - vielleicht kann man das, was Jesus gesagt hat, auch so zusammenfassen. Und jetzt hab ich schon wieder so viele Worte gemacht. Ich bin jetzt endlich ruhig und wünsche uns, dass wir uns trauen, die Beziehung, die Gott uns anbietet, auch von uns mit Leben zu füllen.

Sonntag, 10. Mai 2009

Laut werden - Kantate, 10.05.09, Reihe I

Text: Matthäus 11,25-30
Liebe Gemeinde!
Was macht den Menschen eigentlich zum Menschen? In einer Zeit, in der die Forscher immer mehr entdecken und in der Menschen immer mehr wissen, lässt sich das immer schwerer sagen. Kluge Menschen haben herausgefunden, dass 91% unserer Erbinformationen mit denen von Fadenwürmern identisch sind und gut 98% mit denen von Schimpansen. Es ist nicht viel, was uns von Würmern unterscheidet und noch weniger unterscheidet uns von Affen. Aufrecht gehen, Werkzeuge benutzen, Stimmungen ausdrücken, Mitleid empfinden oder auch planmäßig jemanden ärgern oder ihm absichtlich weh tun, das alles können Menschenaffen auch. Eine
Sache, die uns, glaube ich, zu Menschen macht ist die Gabe, einfach so, ohne tiefere Absicht oder vorher festgelegten Zweck zu singen. Wenn Vögel singen, dann tun sie das, weil sie gerade jemanden suchen, mit dem sie sich vermehren können, weil ihre Hormone sie genauso programmieren, dass sie lossingen. Wenn Wale das tun, dann ist das ihre einzige Möglichkeit, über weite Strecken im Meer Botschaften auszutauschen. Kantate! Singt! So heißt der Sonntag heute. Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Vielleicht ist das wirklich die schönste Art, Gott einfach mal Danke zu sagen: Einfach drauflos zu singen, weil ich mich gerade gut fühle und merke, dass das Leben richtig schön sein kann. Vielleicht müssen das auch gar nicht immer fromme Lieder mit frommen Texten sein, vielleicht kann das auch einfach etwas sein, was einem gerade in den Kopf kommt. Ich glaube, Gott versteht dann schon, warum wir singen. Ich glaube nicht, dass wir ihm unsere Freude übersetzen müssen. Wenn wir uns denn trauen würden, einfach so drauflos zu singen. Kleine Kinder machen das noch, die singen oft unbekümmert drauflos, auch wenn nicht jeder Ton getroffen wird. Aber wenn man älter wird, 10,12,14 oder erwachsen, dann verliert man leider leicht diese spontane Fähigkeit. Vielleicht wenn der Staubsauger laut genug brummt oder wenn man unter der Dusche steht, wenn man das Gefühl hat: mir hört keiner zu. Da singt man. Aber sonst: „Ich kann das nicht. Ich hab so eine hässliche Stimme. Was sollen denn die anderen denken? Ich blamiere mich voll! Eigentlich gibt es doch gar keinen Grund zu singen, wenn ich richtig drüber nachdenke, dann geht es doch ziemlich schlecht in der Welt zu“ - ganz viele Gedanken kommen einem, warum man es doch sein lässt und den Mund hält. Man schleppt ganz viel Ballast mit sich rum. Gedanken, Vorurteile, schlechte Erlebnisse, die es einem verleiden, die Freude, die Leben machen kann, wirklich mal laut werden zu lassen. Die Angst, vor anderen schlecht oder dumm dazustehen genauso wie die Trauer über eine kaputt gegangene Beziehung oder die Angst wegen einer Krankheit und vieles andere mehr. In den Versen aus der Bibel, die für heute als Predigttext vorgeschlagen sind, macht Jesus einen Vorschlag, wie wir das loswerden können. Er sagt im 11. Kapitel des Matthäusevangeliums: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Erquicken ist ein Wort, das meine Konfirmanden oder Schüler oft nicht verstehen, weil es im Alltag eigentlich gar nicht mehr benutzt wird. Erfrischen, frisch und froh will Jesus uns machen. Ein Joch, das hat man früher über die Schulter gelegt, damit man schwere Lasten schleppen konnte. Die Lasten, die wir schleppen, die kann und will Jesus mittragen. Unsere Angst vor dem Versagen. Unsere Angst, wenn wir oder Menschen, die uns ganz nahe sind, krank sind. Unsere Angst vor dem Tod, unsere Trauer über Tote. Unsere Schuld, weil wir ja genau wissen, dass wir anderen auch Unrecht tun und ihnen das Leben schwer machen. Und vielleicht auch die Unterdrückung, die manche von uns spüren, die Vorurteile, die ihnen entgegengebracht werden, weil sie anders aussehen oder anders Deutsch sprechen. Kommt her. Ich will euch wieder frisch machen, damit ihr leichter durchs Leben gehen könnt. Wem eine schwere Last auf den Schultern liegt, wer sich niedergedrückt fühlt, der kann eben schlecht drauflos singen. Wer aber weiß, dass jemand ihm hilft, die Last zu tragen, der hat auch genug Luft, zu singen. Ein Beispiel hierfür ist für mich die Geschichte der Gospels und Spirituals aus Amerika. Heute bewundern viele, gerade jüngere Menschen, diese oft mitreißende Musik. Aber die ersten, die diese Lieder gesungen haben, waren Sklaven, die unterdrückt wurden und ganz viel zu leiden hatten. Was ihnen Halt und Mut und Kraft zum Singen gegeben hat, war ihr Glauben an Gott. Sie wussten: Für Jesus sind wir nicht der letzte Dreck. Für ihn sind wir ganz viel wert. Andere können uns schlagen und unseren Körper kaputt machen. Aber die Freiheit unserer Seele, die Freiheit, die uns Gott schenkt, die kann uns keiner nehmen. Nehmt mein Joch, meine Lastenstange, auf euch, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen, sagt Jesus. Ja, auch der Glauben bedeutet kein lastenfreies Leben. Erstens geht es auch Menschen, die an Gott glauben, nicht nur gut. Und zweitens ist es ja auch manchmal eine Last, Jesus nachzufolgen. Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig - damit kann man heute nicht mehr gewinnen. Wer Gewalt nicht mit Rache beantwortet, wer nicht mit aller Macht nach vorn kommen will, wer sich zurücknehmen und anstellen kann - der wird oft genug dumm angeschaut, manchmal auch dumm angemacht. Aber es bringt Ruhe und Kraft, nicht alles von sich selbst erwarten zu müssen. Es bringt Ruhe, sich Anerkennung nicht erkämpfen zu müssen, sondern wissen zu können: Gott hat mich schon längst angenommen. Ich muss nicht der Beste, die Schönste oder der Größte sein, damit ich was wert bin. Gott sagt: für mich bist du eine große Nummer, egal was die anderen sagen und denken. Hoffentlich bringt das Menschen, uns dazu, einfach mal loszusingen. Weil wir es uns leisten können, Mensch zu sein. Weil wir nicht jeden Ton treffen müssen, weil wir auch unsere traurigen Lieder singen können. Die Bibel ist voll davon, dass wir auch das dürfen. In den Psalmen, in alten Liedern, heißt es auch: „Ich bin ein Wurm und kein Mensch, alle verachten mich“. Aber die Bibel zeigt auch, dass die, die die Kraft haben, diese traurigen Lieder zu singen, die Kraft bekommen werden, auch andere Lieder zu singen. Weil sie Lasten loswerden, weil Leben auch dadurch leichter wird und neue, fröhliche Lieder möglich werden.
Sache, die uns, glaube ich, zu Menschen macht ist die Gabe, einfach so, ohne tiefere Absicht oder vorher festgelegten Zweck zu singen. Wenn Vögel singen, dann tun sie das, weil sie gerade jemanden suchen, mit dem sie sich vermehren können, weil ihre Hormone sie genauso programmieren, dass sie lossingen. Wenn Wale das tun, dann ist das ihre einzige Möglichkeit, über weite Strecken im Meer Botschaften auszutauschen. Kantate! Singt! So heißt der Sonntag heute. Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder! Vielleicht ist das wirklich die schönste Art, Gott einfach mal Danke zu sagen: Einfach drauflos zu singen, weil ich mich gerade gut fühle und merke, dass das Leben richtig schön sein kann. Vielleicht müssen das auch gar nicht immer fromme Lieder mit frommen Texten sein, vielleicht kann das auch einfach etwas sein, was einem gerade in den Kopf kommt. Ich glaube, Gott versteht dann schon, warum wir singen. Ich glaube nicht, dass wir ihm unsere Freude übersetzen müssen.
Jesus sagt aber hier im Matthäusevangelium noch mehr. Er sagt: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Man muss nicht besonders schlau sein, man muss nicht gut in der Schule sein, besonders gebildet oder besonders alt, um zu verstehen, dass Gott es gut mit einem meint und dass ich als Mensch für Gott was wert bin. Gerade die, denen keiner was zutraut, die in den Augen der anderen, und vielleicht auch nach eigener Meinung, gar nichts Besonderes sind, gerade die erkenne oft mehr von Gott als die, die sich für besonders schlau halten. Für mich ist die Taufe von Bettina, die wir heute feiern und die Taufen von drei Menschen zwischen 17 und 22, die wir, wenn keine Geburt dazwischen kommt, nächste Woche feiern können, genau so ein Zeichen dafür und mehr wert als jede Predigt, die ich halten könnte. Die vier können wahrscheinlich keine langen Vorträge halten, was Glauben alles ist und wer und wie Gott ist. Aber einfach dadurch, dass sie sich mit 12, mit 17, 21 und 22 taufen lassen, predigen sie: Sie zeigen, dass Gott für Menschen in jedem Alter da ist, dass es kein zu früh oder zu spät gibt, seine Einladung, sich lieben zu lassen, anzunehmen. Ich hoffe, dass das für uns alle ein Grund ist, 91% Wurm, 98% Schimpanse und 100% Mensch zu sein und dass wir einfach so in der Lage sind, auch durch ein Lied mal „Danke“ zu sagen. Nicht weil wir müssen, sondern weil wir spüren: Jetzt ist es an der Zeit.

Montag, 4. Mai 2009

Feiern, Freude, Früchte - Jubilate, 03.05.09, Reihe I

Text: Johannes 15,1-8

Liebe Gemeinde!
Soll ich Ihnen heute etwas über die schlechte Wirtschaftslage erzählen? Über die schlechten Lebensbedingungen in der so genannten Dritten Welt oder Entlassungen und Arbeitslosigkeit in Deutschland? Oder vielleicht über die Schweinegrippe? Oder darüber, wie schwer das Leben und wie schlecht die Welt oft genug ist? Oder wollen wir lieber uns zusammensetzen, ein, zwei Gläschen Wein trinken oder, wer keinen Wein mag, Saft oder so und ein bisschen feiern und Spaß am Leben haben? Als Christ muss man ernst sein, oder? Zumindest den Ernst der Lage erkennen. Und ein Gottesdienst ist auch etwas Ernstes, man muss ja nicht immer nur die Schlagzeilen und schlechten Meldungen, die überall zu hören sind, weiter verbreiten, aber feiern und Spaß haben, das ist nicht ernst genug. Oder?
Eigentlich wäre mir heute danach, mit ihnen zu feiern. Und keine lange Predigt zu halten. Aber wenn ich das jetzt machen würde, dann würden die frisch Konfirmierten, wenn sie es denn mitkriegen, sagen: „Ausgerechnet jetzt, wo wir weg sind, macht der Pfarrer das, was wir uns immer gewünscht hätten!“ Und außerdem weiß ich, dass Menschen ja auch deshalb sonntags in den Gottesdienst kommen, weil sie etwas hören wollen, weil ihnen Predigten, auch wenn sie vielleicht nicht immer mit dem Prediger einverstanden sind, etwas bedeuten. „Jubilate“ - jubelt! So heißt dieser Sonntag. Wir haben doch Grund, uns an Gott zu freuen. Wir haben Grund, zu feiern, dass Jesus die Welt verändert hat. Dass er Hoffnung wach hält, auch wenn vieles noch so düster zu sein scheint. Und wir haben jeden Grund, dem auch durch überfließende Freude, auch durch ein Glas Wein, Ausdruck zu geben. Gerade, wenn wir den Predigttext, das heutige Sonntagsevangelium, ernst nehmen. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ - das sagt Jesus von sich und von uns. Ich finde es bemerkenswert, dass Jesus eben offensichtlich wollte, dass unsere Verbindung zu ihm, unser Dasein in der Welt nicht nur mit dem alltäglichen und zum Leben Notwendigen verglichen wird wie bei seinem Wort „Ich bin das Brot des Lebens“. Sondern dass Raum für das ist, was für Überfluss und Lebensfreude steht. Die Welt kann ohne Weinstock und Reben, ohne die Früchte davon und den Wein locker überleben - aber das Leben mit Gott, mit Jesus ist eben nicht nur ein nüchternes Überleben in einer oft genug bösen und traurigen Welt, sondern wirklich richtig Grund, Freude am Leben zu entwickeln, den Überfluss auch im scheinbaren Mangel zu entdecken und mit Lust gut zu leben. Gott gönnt uns ein gutes Leben und Freude am Leben - schon das erste Zeichen, das von Jesus im Johannesevangelium berichtet wird, deutet darauf hin. Darauf, dass mit Jesus wirklich Grund zur Freude auch im Alltag da ist. Das erste Zeichen von ihm ist die Verwandlung von Wasser in Wein. Nichts Lebensnotwendiges, sondern etwas, was wirklich weit über das Notwendige hinausgeht und deutlich macht, dass es beim Leben mit Gott, bei der Begegnung mit Jesus wirklich um Fülle und Freude geht. Und diese Freude, diese Fülle, die ist dann zu erleben, wenn ich bleiben kann. „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht“, so sagt es Jesus.
Bleiben - das hört sich für manche Menschen nach Stillstand an. Und manchmal ist es das auch. Wenn ich will, dass alles so bleibt, wie es im Moment ist, wenn es mir gerade gut geht. Wenn ich Angst vor Neuem habe und mich gern einigeln würde. Wenn ich versuchen will, die Zeit anzuhalten. Aber das meint Jesus ja gar nicht, wenn er vom Bleiben redet. Ich muss nicht immer wieder neu um die Liebe kämpfen, ich muss nicht immer wieder neu um die Kraft zum Leben kämpfen, beides ist mir in der Verbindung zu Jesus geschenkt. Ich darf bleiben. In Verbindung bleiben mit dem, was dem Leben Sinn, Halt und Kraft gibt. In Verbindung bleiben mit der Liebe und der Quelle des Lebens. Ich muss mich nicht ständig neu erfinden. Um im Bild mit dem Weinstock zu bleiben: Ich muss nicht jedes Jahr alles rausreißen und neue Weinstöcke pflanzen. Neue Rebsorten, nur weil sich die Vorlieben der anderen geändert haben. Als Christen, als Gemeinde, als Kirche müssen wir nicht jedem neuen Trend, jeder mode hinterherlaufen und so tun, als müssten wir ständig alles neu erfinden und als würde nur durch unser Tun die Welt in Verbindung mit der Quelle des Lebens, der Wurzel, die Halt gibt, bleiben. Zeit haben, Ruhe finden - etwas ganz wichtiges, um leben und wachsen zu können. Und hier kommt die andere Bedeutung des Bleibens hier bei Jesus zum Tragen. Bleiben heißt nicht Stillstand, sondern das Bleiben an der Quelle des Lebens ist die Voraussetzung, um wachsen zu können.
Bleiben im biblischen Sinne ist heißt nicht, dass sich nichts verändert, sondern es ist die Voraussetzung für Wachstum. Bei einem Weinstock gehört es dazu, dass nicht jeder Jahrgang gleich ist. Die äußeren Einflüsse, denen der Weinstock ausgesetzt ist, tragen mit dazu bei, wie sich die Früchte entwickeln. In zwei Richtungen ist das für mich wichtig.
Zum einen im Blick auf mich ganz persönlich. Es gibt gute Zeiten. Zeiten mit vielen fruchtbaren Begegnungen. Zeiten, in denen ich ganz viel aufnehmen kann, viele gute Ideen habe, in denen ich mich voller Saft und Kraft fühle. In solchen Zeiten können auch ganz pralle Früchte wachsen. Da kann ich viel tun, nicht nur für mich, auch für andere. Da fühlt sich das Leben gut und leicht an und mir fällt es leicht, Liebe zu schenken, Vertrauen zu schenken, anderen Menschen Freude am Leben zu vermitteln. Aber es gibt auch die anderen Momente. Zeiten persönlicher Dürre. Zeiten, in denen ich mich ausgebrannt fühle. Zeiten, in denen ich mit mir selbst so viel zu tun habe, dass die ganze Lebensenergie, die aus der Wurzel kommt, gar nicht so richtig in Früchte wandern kann, sondern von mir selbst gebraucht wird. Die Trauben, die Früchte, sind dann nicht prall und süß, sondern klein und manchmal auch herb.
Zum andern gilt das auch in Richtung auf mich als Christ in dieser Welt, auf uns als Gemeinde, als Kirche in dieser Welt. Als Christ leben, Früchte entwickeln, das geht nicht unabhängig von meinem Lebensumfeld. Christliche Gemeinde auf dem Richtsberg sieht anders aus als in der Elisabethkirche. Es war falsch, als vor 100 und mehr Jahren Missionare zum Beispiel aus Deutschland in Afrika forderten, dass Kirche dort ein Abbild der deutschen oder europäischen Kirche sein sollte. Umgekehrt ist es heute genauso falsch, einfach zu sagen, Kirche ist in Afrika oder in den USA besser, wir müssten versuchen, so viel wie möglich zu kopieren. Die Verbindung zum Weinstock, zu Jesus, die Verwurzelung in der Liebe Gottes, die sorgen dafür, dass etwas wächst, dass Früchte entstehen. Aber wie die Früchte genau aussehen, wie sie im Einzelnen schmecken, das ist nicht unabhängig von der Umgebung, in der sie sich entfalten.
Und wie ist das mit den Reben, die der Weingärtner wegschneidet, weil sie keine Frucht bringen? Müssen wir Gott in jedem Herbst unsere tollen Früchte zeigen, damit wir unsere Daseinsberechtigung behalten, damit er uns nicht von der Quelle des Lebens und der Liebe entfernt? „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun“, das sagt Jesus. Die Frucht, die wir bringen, ist nicht unsere persönliche Leistung, sondern Ausdruck dafür, dass wir mit der Leben spendenden Quelle verbunden sind. Die Frucht wächst von allein. Weil eben sie eben vom Weinstock her mit Leben versorgt wird. In manchem Jahr stärker und schöner als in anderen. Ich verstehe das Bild anders. Nicht ich persönlich muss mir Angst machen, dass Gott mich von der Quelle des Lebens trennt. Aber so wie Reben im Herbst auch zurück geschnitten werden, damit sie im kommenden Jahr wieder Frucht bringen, wird es im Laufe meines Lebens manches geben, was sich von der Quelle des Lebens, von Gottes Leben spendender Liebe, so weit entfernt hat, dass es tot ist und zurück geschnitten werden muss. Und das gilt auch für das, was wir für ein christliches Leben halten oder was wir für die Kirche und Gemeinschaft der Christen als wichtig ansehen. Manches überlebt sich, erweist sich als unfruchtbar. Gott sei Dank sieht Kirche heute nicht mehr so aus wie noch vor 100 Jahren, als der Kaiser nicht nur die Politische macht hatte, sondern auch oberster evangelischer Kirchenführer war. Gott sei Dank ist es mittlerweile klar, dass Judenfeindlichkeit in der Kirche nichts zu suchen hat. Gott sei Dank sind gewaltsame Taufen und Bekehrungen und Unterdrückung von Andersgläubigen in unserer Art, Kirche zu leben, Geschichte. Manchmal ist es doch gut, dass Gott totes, was keine Frucht bringt, abschneidet.
Jubilate - Jubelt! Weil unser Gott ein Gott des Lebens ist. Weil er uns mit sich verbunden hat. Und weil seine Liebe, die dem Leben dient und Leben schafft, auch durch uns Frucht bringt. Jubelt, feiert, genießt die Früchte.
Amen

Montag, 27. April 2009

Von Top-Konfis und neuen Einsichten - Predigten im Abendmahlsgottesdienst und zur Konfirmation 2009



Predigt Abendmahlsgottesdienst 2009
Schriftlesung: Lk 15,11-32
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern und Verwandte, liebe Gemeinde!
Wer von den Konfis hat es denn überhaupt verdient, konfirmiert zu werden? Vielleicht wäre Konfer ja witziger, wenn wir eine Konf-Casting-Show daraus machen würden. Richtsbergs next Topkonfi oder Richtsberg sucht den Superkonfi. Und zu solchen Castingshows gehört es ja auch, dass manchmal die Kandidaten gefragt werden, wen sie denn rauswerfen würden, wer es ihrer Meinung nach nicht verdient hat. Könnte ich ja mal versuchen - vielleicht würde ja auch jemand sich selbst rauswerfen, vielleicht andere, die es seiner oder ihrer Meinung nach nicht verdient haben. Wer von euch hat’s verdient - konfirmiert zu werden und wer hat verdient, dass für ihn oder für sie eine Feier ausgerichtet wird, die von einem selbst nicht bezahlt wird und zu der man auch noch Geschenke kriegt? Mal ehrlich!

Wollt ihr wissen, was ich denke, wer es verdient hat? Ich sag’s euch gern und ehrlich - KEINER! Keine Angst, ich kann euch und eure Eltern beruhigen! Ich schmeiß jetzt keinen mehr raus heute Abend, ihr werdet morgen konfirmiert. Wenn ihr selber morgen „Ja“ dazu sagt, wenn ich euch frage. Keiner hat’s verdient, weil es eben nichts ist, was man sich verdienen kann. Viele haben sich an die meistens Regeln gehalten, waren eigentlich immer da, haben, so gut sie konnten, das gelernt, was zu lernen war und waren in den Gottesdiensten und haben da sogar, so wie heute Abend ja auch, das ein oder andere gemacht. Manche haben meine Geduld da etwas mehr strapaziert. Aber ich will jetzt heute Abend keine Noten geben und von gestern erzählen. Denn genau das ist ja der Clou an der Geschichte, die ihr eben aus der Bibel vorgelesen habt, der Geschichte vom verlorenen Sohn. Die räumt auf mit unseren Vorstellungen davon, dass man sich alles verdienen muss und dass das Leben und vor allem der Glauben an Gott und die Kirche als Gemeinschaft der Menschen, die an Gott glauben, ein System von sich was verdienen müssen und dann dafür belohnt werden ist. Ich glaube, in unserem Alltag verstehen die meisten von uns den älteren Sohn in der Geschichte am besten. Der kleine Bruder hats doch selbst vergeigt. Der hat seine Chance gehabt, hat das Geld zum Fenster rausgeschmissen, Alkohol, Drogen, Frauen, dem war die Familie und der Hof egal. Der hats nicht verdient, dass für ihn ein tolles Fest ausgerichtet wird und dass er auch noch Geschenke kriegt. Der ältere Bruder hat doch Recht, wenn er sauer ist. Er schuftet sich ab, hält sich an die Regeln und dann wird der Vater weich und knickt ein. Aber ich finde nicht, dass der Vater hier einknickt. Der jüngere Sohn stellt nämlich keine Ansprüche. Er will einfach nur da sein dürfen, er will dazu gehören, und wenn’s am allerniedrigsten Platz ist. Er weiß, dass er es vergeigt hat und dass er das auch nicht auf die Umstände, die Schule, die Gesellschaft oder irgendjemand anders schieben kann. Und der Vater merkt das. Er merkt, dass der Wille da ist, neu anzufangen und er gibt eben die Chance, wieder richtig dazuzugehören. Einfach so. Nicht als Verdienst, sondern aus Liebe. Jesus erzählt die Geschichte, weil er klar machen will, wie Gott mit Menschen umgeht. Dass die Menschen sich die Liebe nicht verdienen können, dass Gott nicht nach Verdiensten bezahlt, sondern seine Liebe darauf wartet, dass Menschen zu ihm kommen wollen. Auch wenn sie es nach Ansicht von anderen nicht verdient haben. Gottes Liebe kann man nicht verdienen. Sie ist da. Man kann sie nur annehmen. Und deshalb finde ich es schwierig, wenn Menschen in der Kirche sagen: du musst dir was verdienen, zum Beispiel, dass du dazugehörst. Konfirmation, das Zeichen dafür, sozusagen erwachsen zur Gemeinschaft mit Gott zu gehören, kann man sich nicht verdienen. Deshalb hats von euch auch keiner verdient. Man kann sie nur wollen. Auch die, die sich nicht immer leicht damit getan haben, die Regeln, die ja auch dazu da sind, den gegenseitigen Respekt auszudrücken, einzuhalten, haben am Ende sich immer wieder aufgerafft und gezeigt, dass sie das wollen. Wie ernst und wie ehrlich das jeder einzelne meint - das kann ich nicht beurteilen. Ich kann jedem nur bis vor den Kopf und vor das Herz schauen. Lügen, Unehrlichkeit, das muss jeder mit sich selbst und mit Gott ausmachen. Nicht nur wenn’s um die Konfirmation geht. So, wie der jüngere Sohn auch dann, wenn man’s total vergeigt hat, ehrlich bleiben - das ist etwas, was ich nicht nur euch Konfis, sondern uns allen wünsche, dass wir das schaffen. Und dass wir es schaffen, auch zuzugeben, wenn wir versagt haben. Und den Mut haben, einen Neuanfang in die Hand zu nehmen und zu wagen. Und die Chance zum Neuanfang kriegen. Von Gott und von andern Menschen. Deshalb gehört gleich auch ein Sündenbekenntnis zum Gottesdienst. Keiner wird gezwungen, sich vor anderen dabei lächerlich zu machen oder Peinliches zu sagen. aber es ist eine Chance, ehrlich zu sich selbst und zu Gott zu sein. Und das Abendmahl ist das äußere Zeichen dafür, dass Gott uns einlädt, wirklich zu feiern, mit ihm, miteinander, die Liebe zu feiern, auch wenn wir nicht perfekt sind. Verdienen kann man sich das nicht. Nur annehmen und leben. Und deshalb habt ihr die Konfirmation nicht verdient - und ich konfirmiere euch gern. Nicht, weil ich euch loswerden will und froh bin, wenn ich euch nicht mehr sehen muss, sondern weil ich finde, dass ihr dazugehört und dass ich ein Stück ärmer wäre, wenn ich euch nicht kenne würde und dass sowohl unserer Gemeinde als auch der Gemeinschaft aller Christen ohne euch was fehlen würde.
Amen

Predigt Konfirmation 09, 26.04.09, Text: Ps 119,66 Herr, lehre mich heilsame Einsicht und Erkenntnis, denn ich traue deinen Geboten.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, Paten, Großeltern, Verwandte und Freunde, liebe Gemeinde!
Warum steht eigentlich eine Leiter hier vorne rum? Der Hausmeister hat nicht vergessen, die wegzuräumen. Sie steht hier, weil man da prima draufklettern kann. Und von hier oben sieht die Welt schon ganz anders aus. Man hat einen prima Überblick. Ich sehe viel besser, wer alles da ist. Ich sehe, wer vielleicht gerade Dummheiten macht und nicht aufpasst. Und außerdem: Wenn man oben steht, müssen alle zu einem aufschauen. Nicht umsonst steht ja auch bei Siegerehrungen der Erste immer ganz oben. Aber wer oben ist, kann auch leicht runterfallen. Kommt immer auf den Blickwinkel an, ob das gut ist oder schlecht, oben zu stehen. Auf alle Fälle kriegt man neue Einsichten, wenn an oben steht. Ich komm aber mal wieder runter. Und räum auch gleich die Leiter aus dem Blickfeld, damit sie nicht den Blick auf das Wesentliche, das gleich sein wird, verstellt.

Auf den Blickwinkel kommt’s an, auf die Einsichten und Erkenntnisse, die man gewinnt. Oben hat man einen guten Überblick, sieht viel, aber oben ist man auch einsam. Mittendrin ist es doch viel kuschliger. Da kann man sich ein bisschen verstecken, kann sehen, wie sich vorne einer oder eine abhampelt. Man sieht, wird aber nicht so gut gesehen. Und man gehört irgendwie dazu, wenn man mittendrin sitzt. Auch nicht schlecht. Aber heute merke ich: heute gehöre ich nicht hierhin. Das ist nicht mein Platz. Ich sehe ein, dass ich heute vielleicht doch auf der Kanzel stehen sollte. In einem Konfirmationsgottesdienst gehört sich das so. Auch wenn Dirk oder Jacqueline oder Bianca oder Aline oder jemand von den anderen wieder sagen, dass ich sowieso immer viel zu lang rede und eine von den Michelles oder Alex vielleicht zu Recht sagen: „Sie reden mal wieder viel zu kompliziert.“ Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Der erste Schritt - und nicht das Ende des Wegs.

Für mich ist deshalb die Konfirmation heute auch kein Schlusspunkt, nichts, mit dem etwas endgültig fertig wäre. Klar, die Zeit, in der ihr am Dienstagnachmittag hier sein musstet, ist vorbei. Auch die Zeit, in der ich drauf achte, wie oft ihr in den Gottesdienst kommt. Ich freue mich natürlich, wenn ich euch nicht nur in der Schule oder beim Rewe sehe, sondern auch mal sonntags hier. Aber die Zeit, in der das nicht immer so ganz freiwillig ist, die ist vorbei. Trotzdem ist die Konfirmation für mich kein Schlusspunkt, sondern höchstens eine Erholungspause auf dem Weg, sich zu dem Menschen zu entwickeln, der man im Guten sein kann. Man entwickelt sich durch die Einsichten und Erkenntnisse, die man im Leben entwickelt und bekommt. Man entwickelt sich durch die Fähigkeit, auch mal neue Sichtweisen auszuprobieren und dadurch auch das, von dem man glaubt, man kennt es ganz genau, mal ganz neu und anders zu sehen. Ich habe deshalb auch für heute keinen langen Bibeltext für die Predigt ausgesucht, sondern einen einzigen Vers: „Herr, lehre mich heilsame Einsicht und Erkenntnis, denn ich traue deinen Geboten.“ Das ist eigentlich das, was ich euch wünsche, was euch die Konfirmandenzeit gebracht hat: dass ihr Einsichten und Erkenntnisse bekommen habt, die euch gut tun und die euch ein Stück weiter gebracht haben. Natürlich habt ihr nichts erfahren, was unmittelbar für einen Schulabschluss oder einen Beruf unbedingt wichtig wäre. Aber ich glaube schon, dass mindestens ein paar von euch was erlebt haben: zum Beispiel, dass es gar nicht schlimm ist, mal den Blickwinkel zu tauschen und vorne zu stehen, statt immer nur mittendrin zu sitzen. Sogar heute, wo viele Verwandte und Freunde da sind, stellen sich ein paar von euch hier hin, zeigen sich, lesen etwas, tragen etwas vor. Ich finde das wichtig. Sich was zu trauen. Zu wissen: Ich kann was, ich bin was wert. Ich hoffe, dass auch sie als Eltern oder Verwandte oder ihr als Freunde durch die Konfirmandenzeit oder den Gottesdienst heute manche neue Einsicht oder manchen überraschenden Einblick bekommen habt. Manche, die im Moment in der Schule oder in anderen Bereichen ganz große Schwierigkeiten haben, haben immerhin Konfer durchgehalten und sich immer wieder aufgerafft, auch nach Tiefpunkten. Auch das finde ich eine wichtige Erkenntnis. Dass eben niemand nur so ist, wie ich ihn kenne - als Pfarrer, als Eltern, als Freundin oder Freund, sondern auch andere Seiten hat und haben kann. Oder dass man, auch wenn man sich dienstags wenig oder nichts zu sagen hat, in Fulda zusammen Spaß haben kann. Und wenn’s bei der nächtlichen Suche nach „Geldbeuteln“ ist, gell, Christian. Nein, im Ernst: Ich wünsche euch als bald Konfirmierte, ihnen als Eltern, Familien, Freunde, mir als Pfarrer, uns allen als Gemeinde, dass die Bitte, die heute auf dem Gottesdienstblatt steht, wirklich eure, ihre, unsere, meine Bitte wird: „Herr, lehre mich heilsame Einsicht und Erkenntnis.“ Gott, hilf mir nicht blind zu werden. Hilf mir, nicht immer nur das zu sehen, was ich sehen will und kenne, sondern hilf mir, Leben neu zu erkennen und neu zu entdecken. Hilf mir, das für mich Gute zu finden und nicht in Sachen, Meinungen und so weiter festzustecken, die mich gefangen nehmen und krank machen. Dazu braucht es Begleiter, die einem helfen, hinzuschauen. die einem manchmal auch helfen, das auszuhalten, was man nicht gern sieht. Die einem auch mal über Zweifel hinweg helfen. In der Geschichte aus der Bibel, die Frau Pieh eben vorgelesen hat, ging es ja um Thomas, der einfach etwas Greifbares für seinen Glauben brauchte. Der seine Zweifel hatte. Ich finde es wichtig, dass auch solche Geschichten in der Bibel stehen. Glauben hat nicht damit was zu tun, unmögliche oder unwahrscheinliche Dinge für wahr zu halten. Glauben heißt, dass ich weiß, dass es Wege gibt, die gut sind, auch wenn ich sie manchmal nicht sehen kann. Dass ich ehrlich sein darf. Auch zu mir selbst. Dass ich auch Angst und Zweifel haben darf und daran nicht kaputt gehe. Und da ist es wichtig, nicht allein zu sein. Und manchmal auch mehr zu haben als die Menschen, die sowieso um einen herum sind. Das drückt sich auch in manchen von den Konfirmationssprüchen aus, die ihr euch ausgesucht habt. Jacqueline und die beiden Michelles haben sich einen Spruch ausgesucht, der davon erzählt. Von dem Vertrauen, dass es auch Begleitung durch Gott gibt, wenn Menschen nicht greifbar sind. Davon, das es zum Leben gehört, einen oft unbekannten Weg zu gehen und davon, dass es gut ist, wenn manchmal einer von oben den Überblick behält und die Übersicht über das hat, was ich nicht sehe. In der Sprache der Bibel sind Engel, Boten Gottes, diese Begleiter und ihr Spruch heißt: Siehe, ich sende einen Engel vor dir her, der dich behüte auf dem Wege und dich bringe an den Ort, den ich bestimmt habe.

Dass es auf diesem Weg nicht immer einfach zugeht und dass ich auch als Getaufter und Konfirmierter Zeiten habe, in denen ich mich schlecht fühle, dass aber Gott einen auch da nicht allein lässt, davon erzählt der Spruch, den Dirk sich ausgesucht hat: Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Von dem Selbstbewusstsein, mit dem wir durchs Leben gehen können, weil wir sehen dürfen, dass wir geliebt werden und uns was zugetraut wird, erzählen die Sprüche von Alex Ihr seid das Salz der Erde und Natalia Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte. Aus diesem Selbstbewusstsein kann der Mut entstehen, Gutes an andere weiterzugeben, wovon die Sprüche von Karina Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit und Bianca Lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit erzählen. Das alles kann deshalb klappen, weil es ein sicheres Fundament gibt, eine Grundlage, auf die wir bauen können: die Liebe Gottes. Davon erzählen die Sprüche Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die Liebe ist aber die Größte unter ihnen, ausgesucht von Aline und Maxim, und Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm, ausgesucht von Christian. Zur Liebe, zum Fundament gehört auch mit dazu, dass wir wissen können, wo wir dran sind, was gut ist und Leben vorwärts bringt und was dem Leben schadet. Neue Einsichten gewinnen wir dann, wenn wir uns orientieren können und nicht in völliger Orientierungslosigkeit mal hierhin und mal dorthin gucken und nicht wissen, was los ist. Deshalb heißt es ja auch: Herr, lehre mich heilsame Einsicht und Erkenntnis, denn ich traue deinen Geboten. Menschen brauchen einen festen Grund, von dem aus und auf dem sie ihren Standpunkt finden und immer wieder überprüfen und neue finden können. Gottes Gebote wollen kein Gefängnis sein, sondern eine Einladung, im Guten auf Entdeckungsreise zu gehen, Höhenflüge zu machen, für andere vielleicht auch zu Engeln, Boten der Liebe Gottes zu werden. Wir dürfen oben stehen, herausgehoben sein, aber auch mal die Freiheit haben, einfach nur mittendrin zu sein. Gott lässt uns leben - nicht in einem Gefängnis, sondern auf einem Weg voller Möglichkeiten und Entdeckungen. Davon erzählt der Spruch von Claudius: Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit. Diese Freiheit, die hilft, mehr Leben zu entdecken und sich selbst, die Menschen und Gott zu lieben, die wünsche ich euch und uns allen. Amen

Donnerstag, 9. April 2009

Wie sie sehen, sehen sie nichts - Ostersonntag 2009, Reihe I

Text: Markus 16,1-8

Liebe Gemeinde!
Wissen sie, wer den Schlüssel zur Grabeskirche hat, dem Ort, an dem Jesu Grab gewesen sein soll und an dem sich demnach die Auferstehung ereignet hat? Wenn ja, gewinnen sie jetzt leider keine Traumreise oder viel Geld, wenn nein, brauchen sie auch keinen Telefonjoker, ich verrate es ihnen: ein palästinensischer Moslem. Und wissen sie auch, warum das so ist? Wieder gibt es kein Geld zu gewinnen und für die, die es nicht wissen, verrate ich es jetzt: Weil sich sonst, die Christen, die in der Kirche eigentlich Gottesdienst feiern und die sich als Hüter dieser besonderen Stätte fühlen, gegenseitig die Köpfe einschlagen würden. Das ist leider so. Sechs ihrem Selbstverständnis nach christliche Konfessionen wachen über den Ort der Auferstehung und ihr Verhältnis untereinander ist leider von Eifersucht, Missgunst, Neid und Gewalt geprägt, so dass sie nichtchristliche Schiedsrichter brauchen. Seit über 1000 Jahren. Als ich letzte Woche im Fernsehen einen Bericht darüber gesehen habe, habe ich mich geschämt. Na dann: Frohe Ostern!
Ich denke, genau so was kommt davon, wenn man Ostern nicht ernst nimmt, weil man es zu ernst, zu genau nimmt. Wir Menschen, Christen und Nichtchristen, glauben immer wieder, dass wir etwas brauchen, an dem wir uns festhalten können. Orte, Menschen, historische Wahrheiten. Wir schauen auf Gutes zurück und möchten gern, dass die Zukunft am Besten so wird wie das, was wir in der Vergangenheit als gut erlebt haben. Wir wollen absichern, versichern, besitzen - und verlieren dabei das Leben, das Jesus Christus in seiner Auferstehung schenkt. Darum geht es doch in dem Osterevangelium, das uns Markus überliefert hat. Wer dieses Evangelium, diese frohe Botschaft ernst nimmt, der wird sich nicht am Grab festhalten wollen, der wird nicht um Orte kämpfen. Die Botschaft ist doch eindeutig: Weg vom Grab - hin in das Leben. „Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Geht! Er wird vor euch hergehen - nach Galiläa! Dort werdet ihr ihn sehen.“ Das ist die Osterbotschaft. Gottes Geschichte mit den Menschen, Gottes Liebe zu den Menschen ist nicht fertig. Gott ist nicht fertig mit uns, der Tod Jesu war nicht das Ende einer Geschichte, sondern die Liebe geht weiter. Die Liebe ist lebendig und begegnet - aber nicht dort, wo der Tod ist. Der Platz ist leer. Der Tod ist überwunden. Gottes Liebe begegnet dort, wo das Leben ist. Die Bewegung, die von Ostern ausgeht, ist nach vorn gerichtet, nicht zurück.
Den Frauen macht das Angst - „und sie fürchteten sich“, so schließt die eigentlich doch frohe Botschaft. Ich glaube, auch das gehört zu Ostern bis heute mit dazu, zum Ernstnehmen der Osterbotschaft. Wir müssen erkennen, dass uns das Unbekannte, das vor uns liegt, die Zukunft, oft mehr Angst macht als die Vergangenheit, auch wenn sie, wie bei den Frauen, die den Tod eines geliebten Menschen zu beklagen hatten, traurig war. Wir wissen, was war, wir lernen, damit mehr oder weniger umzugehen. Es ist sicher. Was sein wird - das ist immer unsicher, mit Risiko behaftet. Die Frauen, die zum Grab gingen, wollten die Vergangenheit bewahren, konservieren. Mit den besten Gefühlen und den besten Absichten. Sie hatten Öle mitgebracht, um dem Toten einen letzten Liebesdienst zu erweisen. Auch wenn ihre Liebe nun nicht mehr lebendig war - sie hatten einen Ort, der sie konservierte, sie konnten und wollten etwas tun. Aber schon hier wird deutlich: Liebe lässt sich nicht konservieren, einbalsamieren, an einem Ort ablegen. Aber Liebe bringt in Bewegung. Liebe bringt Menschen dazu, aufzubrechen. Genau das tun die Frauen ja. Sie vergraben sich nicht in ihrer Trauer, sie igeln sich nicht ein, sie brechen auf. En Schritt ins Leben. Ein Schritt hin zu dem, was Ostern ausmacht. Viele Anspielungen auf das Neue, dem die Frauen begegnen werden, hat Markus in seiner frohen Botschaft verpackt. Die Frauen machen sich auf am Beginn der neuen Woche, zu Sonnenaufgang. Lauter Zeichen für den Anbruch eines Neuanfangs. Aber noch sind sie mit ihrer Liebe auf die Vergangenheit fixiert. Sie sehen das, was war, das, was jetzt eben nicht mehr so sein kann, wie es früher einmal war. Und dann der erste Schreck: der Stein, den sie in ihrem Gespräch noch fast für unüberwindlich hielten, der Stein, der das Verlorene festhält und den Verlust sozusagen besiegelt, ist schon weggerückt. Ostern ist eigentlich ein verrücktes Fest. Das, was uns felsenfest sicher scheint, wird im wahrsten Sinn des Wortes verrückt. Und so öffnen sich neue, erstmal erschreckende oder zumindest verstörende Einsichten. Das Erwartete ist nicht mehr da. Der Leichnam, der tote Jesus, die gestorbene Liebe. Einfach weg. Da sitzt nur einer, der Hinweise gibt. Der auf eine Zukunft hinweist.
Für mich ist das eigentlich das schönste Bild von Ostern. Ein leeres Grab und einer, der in das Leben weist. Einer, der darauf dringt, Schritte ins Leben zu gehen, weil nur dort dem lebendigen Christus, der lebendigen Liebe begegnet werden kann. Menschen brauchen immer wieder den Anstoß von außen, neue Wege zu gehen, an neuen Orten zu suchen, nicht in der Vergangenheit zu bleiben. Gott gönnt uns und schickt uns solche Anstöße. Menschen, die einem Horizonte öffnen, die einem neue Ideen geben, die es einem aber nicht abnehmen, den Weg dorthin selbst zu gehen. Menschen, die manchmal etwas sagen, was ich gar nicht hören will. Die Frauen wollten das gar nicht hören. Die wollten hören: Jesus wird gleich wieder hier sein. Ich will manchmal auch nicht hören, dass ich meine Blickrichtung ändern muss, dass ich etwas, was mir lieb ist, zurücklassen muss, dass ich Gewohnheiten oder Sichtweisen aufgeben muss. Die Bedeutung von Gottes Liebe in meinem Leben und für mein Leben, die Bedeutung von Ostern, die werde ich nicht erkennen, wenn ich es festhalten will, nach hinten schaue, es an Orten festmache. Liebe werde ich nicht finden, wenn mein Denken und Handeln nach hinten geht. Das ist das Eine, das ich an diesem Bild so schön finde. Die Hilfe, die wir manchmal brauchen, um das Wesentliche erfassen zu können. Das andere, was ich gerade an diesem Bild so schön finde, ist, dass hier keine Biologie betrieben wird. Das Grab ist leer. Das ist die Botschaft. Nicht wie das biologisch ausgesehen haben kann, nicht wie es historisch genau war. Das Grab ist leer. Jesus lebt. Ostern ist so unerwartet, so unerklärlich, dass Raum bleibt. Natürlich gibt es in der Bibel auch Geschichten, die die Begegnung mit dem Auferstandenen erzählen. Aber die wichtigsten dieser Geschichten haben eines gemeinsam: erstmal wird der Auferstandene nicht erkannt. Maria Magdalena, so erzählt es Johannes, begegnet er in Gestalt eines Gärtners. Den Emmausjüngern begegnet er auf dem Weg, ohne dass sie ihn erkennen, erst an seinem Handeln, am Brotbrechen, wird er erkennbar. Paulus gar schreibt, dass der Auferstandene ihm als Frühgeburt erschienen ist. Es geht eben nicht um biologische Wahrheit und biologische Korrektheit und Beschreibbarkeit. Es geht nicht um Spekulationen, dass Jesus nur scheintot war oder sein Leichnam geraubt wurde. Es geht darum, dass das Grab leer ist, dass Jesus nicht länger begraben ist und dass gerade dadurch diese lebendige Liebe Gottes neu Gestalt gewinnen kann, dass gerade dadurch, dass etwas eben nicht auf eine bestimmte Erscheinungsform festgelegt ist, Zukunft und lebendige Begegnung mit der Leben schaffenden und Leben verändernden Liebe geschehen kann. Ostern ist ein Fest des leeren Grabes. Der Tod hat seine letzte Macht eingebüßt. Wie das Leben neue Gestalt gewinnt, wie die Liebe sichtbar wird, das lässt sich nicht festlegen und festschreiben, sondern nur erleben und immer wieder neu erfahren. Den Frauen am Grab fällt es schwer, mit dieser Unsicherheit zu leben. Sie fürchten sich. Wir wahrscheinlich auch. Wir wollen wissen, genau ergründen, festhalten, verstehen. Das ist auch nicht falsch. Aber lebendige Liebe, und dafür steht Ostern, lässt sich so nicht erleben. Durch das Loslassen von alten Ängsten, durch das Loslassen von dem, was gestorben ist, empfange ich neues Leben und neue Liebe. Wer besitzen, wer festhalten will, der wird auf Dauer nicht lieben können, sondern, wie die verschiedenen Konfessionen an der Grabeskirche, sich festfahren. Ich wünsche uns als Christen und als Menschen nicht nur zu Ostern den Mut, loszulassen, damit wir die Angst besiegen und neues Leben und neue Liebe erfahren können. Ostern ist ein Fest, das in Bewegung bringt, das zu Bewegung verhilft. Gebe Gott, dass wir uns in diese Bewegung mitnehmen lassen und nicht starr bleiben.
Amen

In Schönheit sterben? - Karfreitag 2009, Reihe I

Text: Johannes 19,16-30

Liebe Gemeinde!
So möchte ich einmal sterben. Nicht nur ich, sondern die meisten, mit denen ich über das Sterben geredet habe. Bis zuletzt klar im Kopf und in der Lage, mit den mir wichtigen Menschen, die selbstverständlich dabei sind, das Leben zu teilen und das Sterben zu ordnen. Für klare Verhältnisse sorgen. Und dann, ohne einen Schmerzenschrei oder sichtbares Leid abtreten. „Es ist vollbracht“ - mein Leben hat sein Ziel gefunden. Ideal, ein solches Sterben. Aber gefragt wird keiner von uns. Die Opfer des Erdbebens in Italien, die in der Nacht unvorbereitet aus dem Leben gerissen wurden. Der 37-jährige Vater und seine 12-jährige Tochter, durch einen Fahrfehler eines Busfahrers aus dem Leben gerissen. Die krebskranke Frau, die seit Monaten unvorstellbare Schmerzen leidet, die sterben will und doch nicht sterben kann, der an Demenz erkrankte Mann, der seiner Ehefrau und seinen Kindern gegenüber aggressiv wird, dessen Leben nicht mehr viel mit Selbstbestimmung zu tun hat. Die nach einer Operation Dahindämmernde 92-Jährige, die nur noch dank künstlicher Ernährung lebt, ohne Hoffnung, dass sie je wieder zu sich kommt.
Sterben kann nicht nur gelassen und sanft sein, sondern auch verdammt dreckig, gemein und wehtun. Es ist gut, dass die Bibel nicht nur auf eine so ideale Weise wie im Johannesevangelium vom Sterben Jesu erzählt. Markus und Matthäus erzählen von den Schmerzen und vom Blut, das geflossen ist. Sie erzählen, dass Jesus mit dem verzweifelten Ausruf „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ starb. Was ist denn nun die Wahrheit? Der verzweifelte Jesus, der wirklich leidet, von dem Matthäus und Markus erzählen? Der vertrauensvolle Jesus, von dem Lukas erzählt, der sich im Sterben mit den Worten: „In deine Hände befehle ich meinen Geist“ ganz Gott anvertraut? Oder der Jesus, von dem Johannes erzählt? Der Jesus, der selbstbestimmt seinen Weg als Gottes Sohn zu Ende geht, der bis zum Schluss souverän handelt und mit dem selbstbewussten „Es ist vollbracht“ auf den Lippen stirbt?
Die Wahrheit ist die, dass es den idealen Tod nicht gibt. Die Wahrheit ist die, dass es, auch an Karfreitag, nicht um den Tod, sondern um das Leben geht. Karfreitag ist der große Tag des Protestes gegen die Macht, die der Tod hat. Als Mensch habe ich auch Angst vor dem Tod, Angst vor dem Leid. Und Dank der frohen Botschaft, die Matthäus und Markus weitererzählt haben, darf ich glauben und hoffen, dass Gott das Leid von Menschen, die Angst und die Einsamkeit angesichts des Todes nicht egal ist. Gott ist im Leid, in der Einsamkeit gegenwärtig. Als der, der mitleidet. Jesus läuft nicht weg vor dem letzten Schrecken, den Menschen aushalten müssen. Er bleibt Mensch - bis ans bittere Ende. Sein Tod ist ein einziger Protest gegen Grausamkeit, gegen sinnloses Leid. Dass dieser Protest gegen den Tod, dieser Aufstand gegen die Macht des Todes nicht erst mit Ostern, mit dem neuen Leben, seine Wendung zum Guten findet, macht die frohe Botschaft, die Johannes erzählt deutlich. Es ist derselbe Jesus, der stirbt. Aber Johannes erzählt neu, anders von ihm. Klar, geschichtlich gesehen kann nur eine der Sichtweisen stimmen. Wahrheit in diesem Sinn lässt sich aber nicht mehr feststellen. Aber neben der Wahrheit, die man äußerlich nachprüfen kann, gibt es eine innere Wahrheit. Und diese innere Wahrheit ist, dass die Wahrheit über den Tod, über das Sterben, und damit auch über das Leben, erst dann zu Tage tritt, wenn kein Teil der Wahrheit ausgeblendet wird. Deshalb ist es gut, dass die Evangelisten, die Überlieferer der frohen Botschaft, die Wahrheit der Gegenwart Gottes in Jesus aus verschiedenen Blickwinkeln beschreiben und so der ganzen und großen Wahrheit zum Durchbruch verhelfen.
Durch die Art und Weise, wie Johannes das Sterben Jesu beschreibt, wird erkennbar, dass der Tod schon jetzt seine letzte Macht verloren hat. Er ist noch da, er lässt sich nicht verleugnen, aber das von Jesus geschenkte neue Leben ist stärker. Jesus verweist die, die um ihn trauern werden, die wegen der Grausamkeit, die ihm angetan wird, leiden, zurück in ihr Leben. Seine Mutter und der Jünger, von dem Johannes erzählt, dass er Jesus besonders nahe war, werden nicht auf ein Später vertröstet, sondern in diesem Leben zusammengebracht. „Siehe, dein Sohn! - Siehe, deine Mutter“. Der Blick bleibt nicht am Tod, am Verlust hängen, sondern geht in die Zukunft, ins Leben. Das ist die Sichtweise, die wir im Glauben an Jesus Christus dem Karfreitag verdanken können: der Tod ist eine Wirklichkeit, die ernst zu nehmen ist, eine Wirklichkeit, die weh tut. Aber der Blick, mit dem Gott uns ansieht, geht in das Leben. Aber dieses Leben geht eben nicht bruchlos weiter, so, als ob nichts geschehen wäre. Es ändert sich, neue Beziehungen sind nötig. Und es braucht, trotz allem, Zeit - zum Trauern, zum Loslassen. Maria und der Lieblingsjünger sind ja auch nicht gleich freudestrahlend vom Kreuz weg gesprungen, haben schnell noch gerufen „Danke, lieber Jesus“ und ein neues Leben gestartet. Es braucht Zeit, bis der Blick auf das Leben und in das Leben wieder scharf werden kann und die Tränen über den Tod nicht alles wie einen Schleier verwischen. Wörtlich und bildlich.
Denn es wäre zu billig, dem Vater eine 3-jährigen Jungen, der seine hochschwangere Frau bei einem Autounfall verloren hat, den Eltern, deren Kinder bei dem Amoklauf getötet wurden, der Ehefrau, die mit ansehen musste, wie ihr Mann elend und schmerzvoll starb, und so vielen anderen, die den Tod alles andere als sanft oder erlösend erleben mussten, zu sagen: „Wird schon wieder, wechselt doch einfach mal den Blickwinkel, Gott ist schon mit euch!“ Das kann nicht verordnet werden. Das kann nur wachsen. Manchmal unerträglich langsam.
„Es ist vollbracht“ - vielleicht müssen wir, manchmal traurig genug, ernst nehmen, dass diese Worte tatsächlich Jesu Worte sind und nicht Worte von uns Menschen. In Jesus hat Gott sich wortwörtlich festnageln lassen - ich denke, wir dürfen das im übertragenen Sinn auch tun. Wir dürfen - und müssen - ihn darauf ansprechen, dass er ein Gott des Lebens ist, wo im Leben oft so viel Tod spürbar ist. Wir müssen ihn darauf ansprechen, dass er uns immer wieder neu die Augen für das Leben öffnen möge und unseren Blick nicht am Kreuz, am Leiden, damals und vor allem heute, gefangen halten möge.
Wie gesagt, ich denke erst in der ganzen Breite, in der die frohe Botschaft von ihren Boten erzählt wird, wird die Wahrheit Gottes über uns, unser Leben, den Tod und das wahre Leben, das stärker ist, deutlich. Deshalb finde ich es manchmal schade, dass nur im Zusammenhang von einem selbstbestimmten Tod, bei dem der Sterbende bis zuletzt alle Fäden in der Hand hält, von einem gnädigen und wünschenswerten Tod die Rede ist. So, als ob Gott nicht da wäre, wenn der Tod anders ist. Es gibt nicht den idealen, gnädigen Tod. Tod tut weh. Weil er das Leben derer, die in diesem Leben bleiben, verändert. Weil er einen Bruch darstellt, der spürbar bleibt. Es gibt aber keinen Tod, der uns von Gott trennen würde. Jesus will uns von der Sorge befreien, was danach kommt, er will uns von der Sorge befreien, dass wir die idealen Umstände für das Sterben oder den guten Tod schaffen müssten. Wir müssen nichts schaffen. Wir müssen uns nicht sorgen, weil für uns gesorgt ist. Wir müssen uns nicht von der Sorge um den Tod gefangen nehmen lassen, sondern wir dürfen uns dem Leben zuwenden. Immer wieder. So, wie Paulus es im Römerbrief sagt: „Niemand lebt für sich selber und niemand stirbt für sich selber. Ganz gleich, ob wir leben oder sterben: Wir gehören dem Herrn. Denn Christus ist gestorben und zu neuem Leben auferstanden, um Herr über die Toten und die Lebenden zu sein.“ Gebe Gott, dass wir gerade am Karfreitag, gerade dann, wenn uns der Tod als bestimmende Macht zu begegnen scheint, diese Botschaft annehmen und uns ins Leben weisen lassen. So wie Maria und der Lieblingsjünger. Nicht, weil wir den Tod verdrängen und vor ihm weglaufen wollen, sondern weil wir ihm ins Auge sehen können. Gott sei Dank.
Amen

Dienstleistungsabend - Gründonnerstag 2009, Reihe I

Text: Johannes 13,1-15
Liebe Gemeinde!
Zeigt her eure Füße! Wenn ich sie jetzt bitten würde, ihre Schuhe und Strümpfe auszuziehen und ich mich hinknien würde, um ihnen die Füße zu waschen - wenn sie mich nicht gleich für verrückt halten würden, wären die meisten doch peinlich berührt. Dabei sagt Jesus doch ausdrücklich: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe“. Und in Rom wird der Papst heute in der Gründonnerstagsliturgie tatsächlich einigen ausgewählten Menschen die Füße waschen. Ich habe vor vielen Jahren mal versucht, mit Konfirmanden als wir das Thema Abendmahl hatten, eine Fußwaschung mit einzubauen - es ging grandios daneben. Mir zeigt diese Fußwaschung, wie schwer es ist, die Bibel einfach so eins zu eins wörtlich zu nehmen. Heute würde das, was zur Zeit Jesu zwar anstößig, aber Teil der Kultur war, vorwiegend Beklemmung und Kopfschütteln auslösen und den Blick auf das, was Jesus eigentlich will, verstellen.
Was Jesus hier tut, ist eigentlich ungeheuerlich. Dass ein guter Gastgeber dafür sorgt, dass den Gästen zur Erfrischung die Füße gewaschen werden, in einer staubigen Weltgegend, in der es heiß ist und die Menschen in einfachen Sandalen unterwegs waren, war nichts Ungewöhnliches. Wer etwas auf sich hielt als Gastgeber, hat den Gästen das zukommen lassen. Aber er hat es eben nicht selber gemacht. Es war eine typische Sklavenarbeit. Sie war, im wahrsten Sinn des Wortes, erniedrigend.
Und hier ist für mich der erste wichtige Punkt, an dem sich das letzte Abendmahl, von dem die anderen drei berichten, die Fußwaschung, von der Johannes erzählt, und unser Leben heute berühren. Jesus gibt sich ganz und gar hin. Seine Herrschaft erfüllt sich im Dienen. Nachfolge Jesu ist immer zuerst Dienstleistung. Als einzelner Christ, als einzelne Christin, als Gemeinde, als Kirche im Ganzen. Dienstleistung für den Nächsten. Natürlich geht es auch darum, die guten Dienste, die in der Nachfolge Jesu geleistet werden, bekannt zu machen. Aber wo Machterhalt und Machtgewinn, wo Einfluss und Bekanntheitsgrad von Spitzenpersonen Antriebsfeder oder Messlatte für die Qualität und den Erfolg kirchlicher Arbeit sind, läuft etwas gehörig schief.
Eine andere wichtige Gemeinsamkeit von letztem Abendmahl, Fußwaschung und Gemeinde in der Nachfolge Jesu 2009 ist, dass Jesus nicht in die Gemeinschaft der absolut Reinen und Vollkommenen beruft und die Gemeinschaft, die sich um Jesus schart, nicht die perfekte Gemeinschaft ist. Hier, bei der Fußwaschung, wird das in zwei Momenten deutlich: der Verräter wird nicht weggeschickt. Er behält seinen Platz. Jesus macht sich vor ihm genauso klein, er bückt sich vor ihm genauso wie vor allen anderen. Es ist nicht Jesus, der den Verräter ausschließt, sondern er schließt sich selbst aus. „Ihr seid rein, aber nicht alle“ - das liegt nicht daran, dass Jesus es ihm nicht gönnen würde oder ihn anders behandelt, sondern es liegt daran, dass Judas bereit ist, einen Verrat zu begehen. Gott lädt in Jesus wirklich jeden ein, zu ihm zu kommen, sich von ihm dienen zu lassen. Was Menschen aus dieser Einladung machen - das steht dann auf einem anderen Blatt. Aber gerade wenn es um das Abendmahl geht, dann machen mir dieser Gründonnerstag und das, was über ihn in der Bibel steht, noch einmal sehr deutlich, dass nicht wir Menschen die Einladenden sind. Kein Kirchenvorstand, kein Pfarrer, kein Bischof. Jesus lädt ein. Und kein Mensch, und sei er auch noch so hoch in kirchlichen Hierarchien aufgestiegen, hat das Recht, andere auszuladen. Wer darin eine Kritik an der katholischen Kirche hören will, hat Recht. So sehr ich die Ökumene liebe, so sehr leide ich auch darunter, dass die Einladung, die Gott uns in Jesus und diesem Mahl, in dem wir seine lebendige Gegenwart feiern, nicht an alle weitergegeben wird. Aber auch wir Evangelischen sollten hier die Nase nicht zu hoch tragen. Gerade im evangelischen Bereich gibt es eine lange und, wie ich finde, unrühmliche Geschichte der Kirchenzucht, in der Pfarrer oder Kirchenvorstände Menschen, die sie für unwürdig hielten, von der Teilnahme am Abendmahl ausschlossen. Wenn Jesus sogar seinen Verräter einlädt, weshalb sollten unsere Herzen dann so eng sein?
Der zweite Moment, in dem deutlich wird, wie gemischt die Gemeinschaft ist, die eingeladen ist, zeigt sich, als Jesus den übereifrigen Petrus zurechtweist. Petrus möchte mal wieder besser sein als alle anderen. „Nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!“ So hätte er es gern. Die Übereifrigen, diejenigen, die immer noch mehr wollen und vielleicht auch brauchen - auch sie sind Teil der Gemeinschaft. Heil wirst du, heil wird dein Leben nicht durch die Masse der guten Dienstleistungen, die du vielleicht auch über dich ergehen lässt und für dich forderst. Heil wirst du dadurch, dass du die Liebe Gottes, die in Jesus Gestalt gewonnen hat, einfach geschehen lässt. Heil wird dein Leben dann, wenn du Liebe wirklich annehmen kannst. Das ist ja das Problem, das Petrus hatte. Er wollte die Liebe, die Jesus ihm zeigte, nicht annehmen und nicht geschehen lassen. Lieber wollte er selbst was tun. Und vielleicht ist Petrus da ja auch ganz modern. Etwas schaffen, etwas verdienen, damit können wir ganz leicht etwas anfangen. Aber Liebe einfach so anzunehmen, ohne Gegenleistung, einfach sich was Gutes tun zu lassen - das fällt oft nicht leicht. Ich meine nicht die manchmal zu weit verbreitete Haltung: Ich nehme, was ich kriegen kann, egal, ob es mir zusteht. Ich meine nicht das Schmarotzertum, das lügt und betrügt und sich alles irgendwie zusammenschnorrt. Um diese Haltung geht es hier nicht. Hier geht es um die Grundhaltung, dass ich glaube, mir Liebe verdienen zu müssen. Aber nur der, der Liebe erst einmal annehmen kann, wird fähig, selber zu lieben. Nur der, der Dienste annehmen kann, wird mit freiem Herzen, ohne Hintergedanken, dienen können. Nur wenn ich weiß, dass ich etwas wert bin, werde ich andere wirklich wertschätzen können. Das ist das Geschenk, das Jesus hier macht: die voraussetzungslose Liebe, der stärkende Dienst, die Freiheit, die aus der Grunderfahrung entsteht, dass ich geliebt und angenommen bin. Du musst nicht um dein Leben, um deinen Wert kämpfen. Du musst dich nicht groß machen, denn du bist schon längst etwas. Um dieses Geschenk Jesu geht es. Das ist das Vermächtnis, das er am Abend vor seiner Gefangennahme und Hinrichtung seinen Jüngern hinterlassen hat. Wir feiern gerade heute, am Gründonnerstag, die Liebe, die Gott uns in Jesus Christus geschenkt hat. Die lebendige Gegenwart dieser Liebe, die eben auch erträgt, dass die Gemeinschaft derer, die mitfeiern, nicht vollkommen ist. Die Liebe, die nicht ausgrenzt, sondern hereinholen will. Sowenig, wie wir heute ein richtiges Passahmahl feiern, so wenig waschen wir uns dabei auch untereinander die Füße. Entscheidend möge aber sein, dass wir die Worte Jesu nicht vergessen: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“ Es geht nicht darum, wortwörtlich Jesus abzubilden. Das könnten wir gar nicht. Es geht darum, seine Liebe weiterzutragen. Als dienende Liebe, die nicht den eigenen Vorteil sucht. Als offene Liebe, die auch die erträgt, die nach unseren Maßstäben der Liebe nicht wert sind. Als einladende Liebe, die Mut auch in schweren Zeiten macht. Aus dem Bewusstsein heraus, dass wir alle längst geliebt und wertvoll sind.
Amen

Sonntag, 5. April 2009

Angesteckt vom Leben - Palmsonntag, 5.4.2009, Reihe I

Text: Johannes 12,12-19

Liebe Gemeinde!
1910 - Kaiser Wilhelm kommt in die Stadt. Alle haben sich fein herausgeputzt, Fähnchen werden geschwenkt, alle jubeln, der Männergesangverein und das Blasorchester stimmen „Heil dir im Siegerkranz“, die Nationalhymne, an, als der ersehnte Gast auftaucht.
15. März 1938 - Eine unüberschaubare Menge hat sich auf dem Heldenplatz in Wien versammelt, um IHM zuzujubeln. Als er auftaucht, gibt es kein Halten mehr. Zehtausendfach „Heil Hitler“, da ist er, von dem man sich Heil verspricht, der es geschafft hat, Österreich dem Deutschen Reich einzuverleiben.
30. September 1989 - Tausende DDR-Flüchtlinge im Garten der Deutschen Botschaft in Prag starren erwartungsvoll auf den Mann im gelben Pullunder, der auf dem Balkon steht. Hans-Dietrich Genscher, der Außenminister der Bundesrepublik, beginnt: „Ich bin gekommen, um ihnen mitzuteilen…“ Weiter kommt er nicht, alles andere geht im Jubel unter.
20. Januar 2009, Washington DC. Millionen stehen auf den Straßen, um ihm zuzujubeln, ihm, der als kleiner Fleck auf den Stufen des Kapitols gerade so auszumachen ist, der später meist im schwarzen Wagen sitzt. Ihm, von dem sie sich Glück, Verbesserung ihrer Verhältnisse, eine Wende in der Weltpolitik versprechen.
Berlin, im Februar 2009. Tausende stehen frierend vor dem Sony-Center am Potsdamer Platz, in dem an diesem Abend der neue Film von Brad Pitt Premiere hat. Als er mit seiner Frau Angelina Jolie auf dem roten Teppich erscheint, bricht Geschrei und Jubel aus. Tausende wollen den sehen, den sie für den schönsten Mann der Welt halten.
Menschen jubeln, immer wieder. Begeisterung ist ansteckend - auch wenn sie manchmal falschen Zielen oder falschen Menschen gilt. Heute ist es einfach zu sagen: „Wie konntet ihr nur Hitler zujubeln?“ Aber wenn ich vor gut 70 Jahren gelebt hätte - ich weiß nicht, ob ich so vernünftig gewesen wäre, nicht mit zu jubeln! Menschen erwarten immer wieder, dass jemand kommt, der ihnen Gutes tut, der ihnen die Schwierigkeiten im Leben erleichtert - und nicht immer setzen sie dabei auf den Richtigen. Menschen lassen sich verführen, von den falschen Menschen für falsche Ziele einspannen. Menschen jubeln - und manche stehen daneben und schütteln mit dem Kopf. Sie sind nachdenklich, ob wirklich dem Richtigen zugejubelt wird. Oder sie sind neidisch, weil man ihnen nicht zujubelt.
Ich kann die Pharisäer gut verstehen, von denen die Bibel erzählt, dass sie mit dem Jubel um Jesus, als er nach Jerusalem kommt, nichts anfangen konnten. „Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet! Alle Welt läuft ihm nach!“ Da wird einer zum Liebling der Massen - das kann doch nicht gut gehen! Der ist doch so anders. Der erzählt von Gott nicht als dem strengen Richter, der nach Gut und Böse sortiert und bestraft, sondern der erzählt von dem Gott, der Schuld vergibt. Der lässt sich mit denen ein, die einen schlechten Ruf haben. Mit Prostituierten, Ehebrechern, Armen, Kranken, mit Frauen, mit Ausländern. Zu neu, zu anders. Kein Wunder, dass sie dem Jubel nicht trauen.
Lange her, dass Jesus in Jerusalem so begrüßt worden ist. Für mich aber nicht lang genug, um mir und uns die Frage zu stellen: Wo wären wir damals gewesen? Hätte ich, hätten sie mitgejubelt? Oder wie die Pharisäer den Kopf geschüttelt? Oder, wie wahrscheinlich ganz viele, von denen nichts in der Bibel steht, gesagt: „Was geht mich das an? Ich hab genug mit mir und meinem Leben zu tun!“
Ich finde es schön, wenn man sich begeistern und mitreißen lassen kann. Und ich hoffe, dass das auch heute noch klappt. Dass Menschen sich für das Leben begeistern. Darum geht es doch hier. Die Menschen jubeln, erzählt Johannes, weil sie von den Zeichen gehört haben, die Jesus gesetzt hat. Ein Toter ist ins Leben zurückgekehrt. Ich glaube mal, dass die Menschen damals nicht so blöd waren, dass sie geglaubt haben, dass jetzt jeder Tote einfach so weiter lebt in dieser Welt und sich nichts mehr ändert. Aber das Zeichen war klar: Da ist einer, der nimmt unsere Angst, unsere Trauer ernst. Da ist einer, der kümmert sich nicht um ein Jenseits, sondern der setzt Zeichen der Hoffnung hier und jetzt! Da ist einer, der bringt Gott zu den Menschen. Da ist einer, der nicht verlangt, dass die Menschen perfekt werden müssen und Mätzchen machen, damit Gott sie liebt, sondern der macht deutlich: die Liebe ist da. Jetzt. Auch wenn nicht alles in Ordnung ist. Da ist einer, der bringt Leben und Freude. Die anderen Zeichen haben das ja schon vorbereitet. Da wird Wasser zu Wein, da gibt’s Essen im Überfluss, da werden einem Blinden die Augen geöffnet und einer, der sich nicht bewegen kann, wird mobil. Frauen, die nichts galten, werden ernst genommen und Menschen, die Falsches getan haben, nicht verdammt. Da geht es ums Leben! Die Menschen spüren: Wir müssen nicht in ein Raster passen, sondern da ist einer, der interessiert sich für uns, für unser Leben, der steht auf unserer Seite. Ob der Glauben an Gott, die Begegnung mit Jesus auch heute noch eine solche Begeisterung auslösen kann? Ich hoffe es, vor allem, wenn Menschen spüren, dass es gerade im Glauben nicht darauf ankommt, den Vorstellungen von anderen zu entsprechen und bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen, sondern dass es wirklich darum geht, dass Gott den Menschen ganz nahe kommt.
Ich glaube nicht, dass die Menschen, die damals gejubelt haben, erwartet haben, dass ihr Leben durch Jesus perfekt wird. Ich glaube, dass auch sie gespürt haben, dass die Zeichen auf etwas hinweisen, das noch nicht da ist. Nicht alle Menschen wurden und werden gesund. Der Tod spielt immer noch eine Rolle. Trauer gibt es immer noch. Aber das alles hat nicht das letzte Wort. Die Menschen damals haben Jesus als König begrüßt. Die Jünger, die ihn kannten, haben sich gewundert. Weil er so gar nichts von einem König hatte. Er stammte nicht aus den angesehensten Familien, er hat nicht auf militärische Stärke oder Gewalt gesetzt, er hat nicht beansprucht, neue Gesetze zu erlassen, er kam nicht reich und prächtig daher. Hinterher, als Jesus am Kreuz hing, starb, da verstanden auch die: Ja, das ist wirklich der wahre König. Nicht der, der Gewalt ausübt, der seine Macht darauf baut, dass andere Angst haben, ist wirklich stark, sondern wirkliche Macht hat der, der es auch aushält, Opfer zu sein. Der sich zum Opfer macht, damit die, die von anderen zu Opfern gemacht werden, neuen Mut schöpfen können. Der vor dem Leiden nicht wegläuft, sondern der durch sein Leiden sich ein für allemal auf die Seite des Lebens stellt und dem Leben zum Sieg verhilft.
Es geht nicht darum, auch nicht im Glauben, sich etwas schön zu reden. Und vor lauter Begeisterung die Augen zuzumachen. Wie wenig perfekt die Menschen sind, das sieht man ja auch in der Fortsetzung der Geschichte. Diejenigen, die Jesus so begeistert empfangen haben, haben keine Woche später geschrieen: „Lasst den Verbrecher Barrabas frei und kreuzigt Jesus!“ Es geht nur darum, sich die Begeisterung nicht schlecht reden oder kaputt machen zu lassen. Mit offenen Augen zu leben und zu glauben. Den Blick nicht einseitig immer nur auf das zu richten, was nicht in Ordnung ist, im eigenen Leben, in der Gesellschaft, in der Kirche, im Glauben, sondern auch offene Augen zu haben für das, was gut ist und gut tut. Für die Zeichen des Lebens, die Gott auch durch Jesus gesetzt hat. Manchmal sind das Kleinigkeiten. wie die zwei Jugendlichen, die mir letzte Woche klar gemacht haben, dass ich sie nicht per SMS erinnern muss, mir zu helfen, sondern die zu Recht gesagt haben: „Sie können sich schon auf uns verlassen.“
Ja, Augen auf. Es gibt Grund, zu jubeln. Auch mitten in der Passionszeit. Auch mitten im Leid. Denn unser Gott ist ein Gott des Lebens.
Amen.

Donnerstag, 26. März 2009

Ratlos - Okuli, 15.03.09, Reihe I

Text: Lukas 9,57-62

Liebe Gemeinde!
Es gibt Momente, wenn ich mir überlege, was ich im Gottesdienst am Sonntag sagen will, da würde ich am liebsten die Bibel in die Ecke schmeißen und Gott zurufen: „Das kannst du doch nicht ernst meinen!“ Ich weiß nicht, wie es Ihnen und Euch ging, als ich eben den Text vorgelesen habe, der für heute als Predigttext einfach dran ist. Ich fand ihn schon nicht gerade einfach, als ich mir Ende letzter Woche mal angeschaut habe, was dran ist. Aber als es dann mit der Gottesdienstvorbereitung ernst wurde, hätte ich ihn am liebsten aus der Bibel rausgerissen. „Lasst die Toten ihre Toten begraben!“ Sie werden es nachher vor den Fürbitten hören, in dieser Woche sind einige aus unserer Gemeinde gestorben beziehungsweise begraben worden. Und dann am Mittwoch der sinnlose Tod von 16 Menschen in Winnenden. „Lasst die Toten ihre Toten begraben!“ Was würden die Kinder, die Lebensgefährten, Verwandten, Freunde der Toten aus unserer Gemeinde dazu sagen? Was würden die Eltern, die Geschwister, Mitschüler, Kollegen, Freunde der Toten dazu sagen? Ich weiß es natürlich nicht. Aber wenn ich mir vorstelle, in so einer Situation zu sein, dann würde ich vielleicht sagen: „Was will Gott eigentlich? Da stirbt jemand, den ich lieb hatte, da wird mir mein Herz rausgerissen und dann soll ich noch nicht mal das Letzte, was ich noch tun kann, tun dürfen? Lass mich doch in Ruh!“ Gott macht es uns nicht leicht mit ihm. Er versteckt sich manchmal ziemlich gut. Ausgerechnet heute, wo wir eine Taufe feiern, von Xenia, einem quirligen und lebenslustigen Mädchen, so ein schwerer Text. Und so eine schwere Woche. Und das mit den Toten, die die Toten begraben sollen, ist ja nicht die einzige Zumutung in dem, was Jesus hier sagt. Einer, der mit Jesus gehen will, möchte sich noch von seiner Familie verabschieden. Eigentlich ist ja schon das eine Zumutung, dass ein Mann, damals tatsächlich Ernährer der Familie, die, die mit ihm leben, um Jesu willen verlassen will. Und dem sagt Jesus auch noch „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes!“ Mir kommen sofort die Väter in den Sinn, die sich auch oft genug einfach so von der Familie abgemacht haben. Die sich oft jahrelang noch nicht mal zum Geburtstag der Kinder gemeldet haben. Klar, ich könnte jetzt sagen, es ist doch ein Unterschied, ob ich die, die zu mir gehören und die mich brauchen, wegen einer anderen Frau verlasse oder weil ich zu viel saufe oder ob ich sie wegen Jesus verlasse. Aber ob die, die gruß- und kommentarlos zurückbleiben, die Frauen und Kinder, den Unterschied wirklich merken?
Sie merken, ihr merkt, dass ich mit dem, was Jesus hier sagt, nicht wirklich ins Reine komme. Und trotzdem wollte ich uns allen das nicht ersparen. Weil mir wichtig ist, dass ich eben nicht der einzige bin, der das hört, was hier gesagt wird, was Jesus sagt. Vielleicht hört ja auch gerade heute, gerade in dieser Woche, jemand, der trauert, jemand, dessen Vater, Mann oder Lebensgefährte sich aus dem Staub gemacht hat, diese Worte von Jesus ganz anders. Vielleicht kann man ja in dem, was sich so hart anhört, auch eine Hoffnung hören: Gott ist ein Gott, der Zukunft schenkt. Wenn wir an Gott glauben, wenn wir uns für ein Leben mit Jesus entscheiden, dann geht es um die Zukunft. Gott lässt uns nicht in alten Bindungen, die ja auch oft genug wirklich fesseln und Leben verhindern. Diese Hoffnung macht manchmal auch heimatlos. „Die Füchse haben Gruben und die Vögle haben Nester, aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegt“. Vielleicht merkt man ja schon, dass gerade dann, wenn man an Gott glaubt, vieles, was anderen oft für so furchtbar wichtig gehalten wird, seinen Wert verliert. Vielleicht beim Thema Geld, wenn so viele einem weismachen, dass man viel davon braucht. Wer nimmt einen Ernst, wenn man sagt: Geld ist mir egal? Vielleicht beim Thema Freundschaft, die viele über alles stellen. Aber wo hört sie auf? Wann muss ich einschreiten, was sagen, einen Freund, der was wirklich Böses tut, vielleicht auch verraten? Wie ist das, wenn meine Freundin oder mein Freund sagt: „Ich hab so nen Hass auf die Lehrer, die haben mir meinen Abschluss versaut, die leg ich um?“ Wie ist das, wenn der beste Freund seine Frau, seine Kinder betrügt? Wie ist das, wenn der Vater prügelt, die Mutter säuft? Familie ist alles? Um jeden Preis? Vielleicht hört ja jemand, der es dringend braucht, diese Worte Jesu so, dass er hört: „Unsere Beziehung gibt dir die Kraft, anders zu sein, den Mut, Richtiges zu tun, auch wenn du allein da stehst, den Mut, nach vorne zu schauen!“ Wie oft lassen wir uns denn von so genannten Sachzwängen einschüchtern, irre machen? Auch in der Kirche, gerade da! Warum fällt es uns denn so schwer, statt in Kirchengebäude in Menschen zu investieren? Weil wir uns daran gewöhnt haben, dass alles schon immer so war? Ich wünsche uns, dass wir die Worte Jesu als uns manchmal vielleicht fremde Hoffnung hören und nicht als Anfechtung, so wie ich sie im Moment höre. Was mir hilft, sie trotzdem zu hören, sind Worte von einer Wand im Warschauer Ghetto. Aufgeschrieben von einem Juden, kurz bevor er vergast wurde im Angesicht der Verfolgung und des Leides: „Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint. Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre. Ich glaube an Gott, auch wenn ich ihn nicht sehe!“ Ja, manchmal sehe ich ihn nicht. Aber vielleicht sieht ihn ja dann jemand anders. Und die Hoffnung, dass ich ihn wieder sehe, die habe ich. Und vielleicht braucht es ja gar nicht so viele Worte vom Pfarrer. Meine Konfis sagen sowieso, ich rede in der Kirche zu viel. Manchmal haben sie bestimmt auch Recht damit. Deshalb will ich den Worten von Jesus jetzt auch wirklich die Chance geben, bei jedem das zu wecken, was jetzt wichtig ist. Sie haben die Worte bekommen. Und ich verspreche ihnen, dass ich IHM jetzt nicht mehr dazwischen rede.
LANGE PAUSE
Und der Friede Gottes…
Amen