Text: Johannes 8,1-11
Liebe Gemeinde!
Die Geschichte hat es in sich! Auf den ersten Blick sieht man ihr das wahrscheinlich nicht an. Da sind vielleicht manche enttäuscht. Enttäuscht, weil gar nicht geschildert wird, wie der Ehebruch so geschah und was passiert ist oder was die Gründe dafür waren. Wir leben in einer pornografischen Welt. Und damit meine ich NICHT, dass es zu viele nackte Geschlechtsteile zu sehen gäbe oder Filme, in denen Sex die Hauptrolle spielen würde. Pornografie ist ein bisschen was anderes. Pornografie ist die Geschäftemacherei mit dem Intimen, die öffentliche Zurschaustellung und Instrumentalisierung von dem, was eigentlich ganz persönlich ist. Der Körper. Die Liebe. Mit all ihren Facetten. Aber auch die seelische Verfassung, die Not des Menschen. Pornografie ist die Geschäftemacherei, die Bloßstellung, die den Menschen nicht Mensch, Subjekt, sein lässt, sondern zu einem Objekt macht, mit dem Geschäfte gemacht werden können, das in seiner Privatheit und Menschlichkeit zur Schau gestellt wird. Zu beobachten nicht nur in zweifelhaften Internetvideos oder einschlägigen Kinos, sondern auch im Fernsehen auf fast allen Kanälen. Nicht die Nacktheit macht den Porno, sondern die Ausbeutung und Zurschaustellung der Not oder Hilflosigkeit des Menschen. Wir leben in einer Gesellschaft, in einer Zeit, in der das alltäglich ist – und die Geschichte bedient diese Art pornografischer Sehnsucht NICHT. Für manche vielleicht enttäuschend. Enttäuschend aber vielleicht auch, weil nichts davon erzählt wird, was mit der Frau passiert, als sie nach Hause kommt. Oder enttäuschend, weil Jesus seine Gegner nicht fertig macht. Oder enttäuschend, weil der Satz „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ mittlerweile oft zu einer beliebigen Allerweltsentschuldigung für alles verkommen ist: „Ich tu dir nicht weh und du tust mir auch nicht weh, irgendwie hat doch jeder Dreck am Stecken.“
Aber obwohl so viel Enttäuschendes in der Geschichte liegt, hat sie es in sich, vielleicht auch erst auf den zweiten Blick. In den ältesten Fassungen des Johannesevangeliums ist die Geschichte nicht zu finden, obwohl ziemlich sicher fest steht, dass sie schon erzählt wurde, bevor die Geschichten von Jesus aufgeschrieben wurden. Manche Bischöfe und Gemeindeälteste fanden es anscheinend unerträglich, dass die Frau davonkommt, dass Jesus ihr noch nicht einmal eine Strafpredigt hält. Das kann nicht sein, das untergräbt die Moral! Wo kommen wir denn hin! So werden viele, die am Anfang mitentschieden haben, welche Geschichten in die Bibel kommen und welche nicht, gedacht haben. Die Geschichte hat es in sich, weil sie keine moralische Geschichte mit erhobenem Zeigefinger ist und ganz einfach anzuwenden wäre. Sie stellt Ansprüche ans Mitdenken.
Und sie hat es in sich, weil sie zeigt, wie Männer Frauen missbrauchen. Die Geschichte ist nicht nur, aber auch eine Missbrauchsgeschichte. Natürlich schlagen oder vergewaltigen die Schriftgelehrten und Pharisäer die Frau nicht. Aber sie machen sie zum Objekt. Genau das meine ich mit der pornografischen Gesellschaft, in der wir leben. Da werden Probleme oder Freuden, da wird Liebe,