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Freitag, 21. Juni 2013

Enttäsuchend? Kein Porno, aber eine Zumutung! - 4. Sonntag n. Trinitatis, 23.06.2013

Liebe Gemeinde!
Die Geschichte hat es in sich! Auf den ersten Blick sieht man ihr das wahrscheinlich nicht an. Da sind vielleicht manche enttäuscht. Enttäuscht, weil gar nicht geschildert wird, wie der Ehebruch so geschah und was passiert ist oder was die Gründe dafür waren. Wir leben in einer pornografischen Welt. Und damit meine ich NICHT, dass es zu viele nackte Geschlechtsteile zu sehen gäbe oder Filme, in denen Sex die Hauptrolle spielen würde. Pornografie ist ein bisschen was anderes. Pornografie ist die Geschäftemacherei mit dem Intimen, die öffentliche Zurschaustellung  und Instrumentalisierung von dem, was eigentlich ganz persönlich ist. Der Körper. Die Liebe. Mit all ihren Facetten. Aber auch die seelische Verfassung, die Not des Menschen. Pornografie ist die Geschäftemacherei, die Bloßstellung, die den Menschen nicht Mensch, Subjekt, sein lässt, sondern zu einem Objekt macht, mit dem Geschäfte gemacht werden können, das in seiner Privatheit und Menschlichkeit zur Schau gestellt wird. Zu beobachten nicht nur in zweifelhaften Internetvideos oder einschlägigen Kinos, sondern auch im Fernsehen auf fast allen Kanälen. Nicht die Nacktheit macht den Porno, sondern die Ausbeutung und Zurschaustellung der Not oder Hilflosigkeit des Menschen. Wir leben in einer Gesellschaft, in einer Zeit, in der das alltäglich ist – und die Geschichte bedient diese Art pornografischer Sehnsucht NICHT. Für manche vielleicht enttäuschend. Enttäuschend aber vielleicht auch, weil nichts davon erzählt wird, was mit der Frau passiert, als sie nach Hause kommt. Oder enttäuschend, weil Jesus seine Gegner nicht fertig macht. Oder enttäuschend, weil der Satz „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ mittlerweile oft zu einer beliebigen Allerweltsentschuldigung für alles verkommen ist: „Ich tu dir nicht weh und du tust mir auch nicht weh, irgendwie hat doch jeder Dreck am Stecken.“
Aber obwohl so viel Enttäuschendes in der Geschichte liegt, hat sie es in sich, vielleicht auch erst auf den zweiten Blick. In den ältesten Fassungen des Johannesevangeliums ist die Geschichte nicht zu finden, obwohl ziemlich sicher fest steht, dass sie schon erzählt wurde, bevor die Geschichten von Jesus aufgeschrieben wurden. Manche Bischöfe und Gemeindeälteste fanden es anscheinend unerträglich, dass die Frau davonkommt, dass Jesus ihr noch nicht einmal eine Strafpredigt hält. Das kann nicht sein, das untergräbt die Moral! Wo kommen wir denn hin! So werden viele, die am Anfang mitentschieden haben, welche Geschichten in die Bibel kommen und welche nicht, gedacht haben. Die Geschichte hat es in sich, weil sie keine moralische Geschichte mit erhobenem Zeigefinger ist und ganz einfach anzuwenden wäre. Sie stellt Ansprüche ans Mitdenken.
Und sie hat es in sich, weil sie zeigt, wie Männer Frauen missbrauchen. Die Geschichte ist nicht nur, aber auch eine Missbrauchsgeschichte. Natürlich schlagen oder vergewaltigen die Schriftgelehrten und Pharisäer die Frau nicht. Aber sie machen sie zum Objekt. Genau das meine ich mit der pornografischen Gesellschaft, in der wir leben. Da werden Probleme oder Freuden, da wird Liebe,

Freitag, 14. Juni 2013

Respekt! - 3. Sonntagnach Trinitatis, 16.06.2013

Text: Lukas 19,1-10
Liebe Gemeinde!
Zachäus heißt heute Zack. Und jeder hat Angst vor ihm. Aber die Leute, die ihm begegnen, wollen das nicht Angst nennen. Und Zack sagt es auch nicht. Respekt sagt er. Und das sagen die Leute auch. Wobei sie eigentlich nur Respekt sagen, aber Angst meinen. Respekt ist halt cooler. Zack ist klein. Aber er ist ein harter Hund. Er hat Kontakte nach ganz oben. Mit denen da oben, da will keiner gern zusammenarbeiten. Die haben Macht, einen einzusperren. Die haben Macht, einem das Leben schwer zu machen. Zack hatte keine Angst, sich mit denen da oben einzulassen. Jetzt kann er es sich leisten, durch die Gegend zu laufen und Respektschellen zu verteilen. Früher hießen die mal Nackenklatscher, aber Respektschellen sind cooler. Pervers ist es allemal. Da nimmt sich einer raus, andere zu schlagen. Einfach mal so auf den Hinterkopf, in den Nacken, egal. Und Zack grinst dazu. „Ist doch nur Spaß“, seine Worte. Ob’s für den, der geschlagen wird, auch nur Spaß ist? Aber wehe, der wehrt sich! Dann wird Zack ihm zeigen, was Respekt heißt. Und Zack läuft durch die Gegend, kassiert Geld von den Bistro- und Cafébesitzern, damit da nichts passiert. Zachäus heißt heute Zack und ist der, der von allen Respekt kriegt, wie sie es nennen, weil jeder Angst hat.
Oder heißt Zachäus heute Zachi? Eigentlich ein armes Würstchen. Klein, unauffällig, ohne Freunde. Zachi hat gute Kontakte nach oben und die decken seine Betrügereien. Deshalb fährt er auch den 7-er BMW und hat den dicken Flatscreen zu Hause. Aber heimlich machen sich alle über Zachi lustig. Keiner will was mit ihm zu tun haben. Einmal weil er echt klein ist und das manchmal schon fast lächerlich aussieht. Und dann auch, weil er sich mit denen Keiner sagt was laut, weil alle Angst haben, dass Zachi seine Beziehungen nach oben ausnutzt. Aber eigentlich ist Zachi das ärmste Würstchen im Viertel, einer, der ganz ohne Respekt dasteht, einer, der ganz allein ist.
Egal, ob Zachäus damals, als er Jesus begegnet ist, eher der Zack- oder der Zachi-Typ war, ein Wort aus beiden Möglichkeiten der Geschichte ist für mich ein Schlüssel zu dieser Geschichte aus der Bibel, zu dem, was Jesus hier macht, sagt, vorlebt. Und dieses Wort ist Respekt.
Viel zu oft wird im Alltag Respekt mit Angst verwechselt. Oder mit Unterwürfigkeit. Echter Respekt hat aber nichts damit zu tun, dass ich mich jemandem unterordne oder dass ich erwarte, dass andere sich mir unterordnen. Ob aus Angst oder aus anderen Gründen. Respekt heißt zuallererst: ich sehe im anderen den Menschen. Ich sehe im anderen den Menschen, der anders sein darf als ich, der es wert ist, fair und anständig behandelt zu werden. Weil er Mensch ist. Ich kann respektieren, dass er andere Gewohnheiten oder Gefühle hat und verletze ihn deshalb nicht, sondern ich will ihm zeigen, dass er das Recht hat, Mensch zu sein. Und für mich ist das genau das, was Jesus dem Zachäus aus der Bibel gibt, egal, ob der ein Zack- oder ein Zachi-Typ war. Und dieser Respekt, dieser echte Respekt ohne Angst, den Zachäus bekommt, der führt dazu, dass er sich ändert. Machen wir uns mal klar, was für Typen

Freitag, 7. Juni 2013

Baby bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld - 2. Sonntag nach Trinitatis, Reihe V, 09.06.2013

Text: Jesaja 55,1-5 (wird während der Predigt aus der Übersetzung "Die Bibel in gerechter Sprache" gelesen)
Zu Beginn der Predigt gibt es Ausschnitte aus "Einmal um die Welt" von Cro zu hören

Liebe Gemeinde!
„Baby, bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – Einmal um die ganze Welt als eine Rieseneinkaufstour mit einem Wandsafe, aus dem das Geld einfach so sprudelt. Purer Luxus im Überfluss. Das ist nicht gerade das, wozu Gott die Menschen eingeladen hat, zu einem grenzenlosen Luxusleben. Aber ich habe mir das Lied für diesen Gottesdienst nicht ausgesucht, um zu sagen: „Schaut mal da, die böse Welt, in der lauter falsche Werte vorgelebt werden! Wie gut, dass wir in der Kirche besser sind!“ Ich glaube nicht, dass man das so allgemein sagen kann. Ich habe das Lied aus zwei Gründen ausgesucht. Erstens hat es für mich, den Text mal gar nicht berücksichtigt, einen hohen Gute-Laune-Faktor. Ich höre morgens gern Radio und mir fällt das Wachwerden mit so einem Lied leichter. Und ich denke, dass man gar nicht genug Gute-Laune-Sachen im Gottesdienst haben kann. Glauben und Gottesdienst ist für mich nichts, was einem das Leben schwer macht, sondern einem das Aufstehen in jeder Hinsicht erleichtert und einem hoffentlich ein rundherum ein gutes Gefühl gibt. Und für mich drückt sich das auch in dem Predigttext aus, der für heute vorgesehen ist. Doch dazu gleich mehr. Zuerst noch der zweite Grund: Das Lied hält mir und vielen andere den Spiegel vor, wie wir mit Geld umgehen. „Mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – welche Rolle spielt Geld eigentlich? Im Moment dreht sich jede zweite Diskussion auch in der Kirche darum, dass das Geld immer knapper wird und hinten und vorne nicht reicht. Außerdem müssen sich nicht nur hier auf dem Richtsberg viele Menschen Sorgen ums Geld machen. Spätestens dann, wenn die Strom- oder Heizungsabrechnung kommt und ein saftiger Nachschlag wieder mal fällig wird. Diejenigen, die wenig haben, sorgen sich darum, wo das Nötigste herkommt. Diejenigen, die viel Geld haben, sorgen sich darum, wie sie noch mehr davon kriegen können. Und diejenigen, die irgendwo so in der Mitte sind, reden nicht gern darüber, wie viel sie verdienen oder auf dem Konto haben. Geld wird zu etwas ganz Besonderem gemacht. Oder ist es vielleicht auch in unserer Art zu leben. „Baby, bitte mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – wenn man nur diese eine Zeile nimmt und mal den Rest von dem Text streicht und die Gute-Laune-Melodie übrigbehält, könnte das Lied für mich die Vertonung unseres heutigen Predigttextes aus der Bibel sein. Er steht beim Propheten Jesaja im 55. Kapitel:
Lesen: Jes 55,1-5 (Bibel in gerechter Sprache)
„Mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ – denn dein sauer verdientes Geld brauchst du nicht für unnützes Zeug, das dir im Leben nicht weiter hilft, auszugeben. Du kriegst das, was du wirklich brauchst – Wasser und Brot sind Symbole dafür – völlig umsonst. Kauf ohne Geld. Und du kriegst nicht nur die Billigversion, das absolut Nötigste, sondern du kriegst den echten Überfluss an dem, was du für dein Leben wirklich brauchst – und auch hier sind Wein und Milch und Nahrhaftes, wörtlich steht da „fette Speisen“, auch wieder Symbole. Ohne Geld nicht im 1-Euro-Shop des Lebens, sondern im absoluten Lebens-Luxus-Kaufhaus einkaufen. Noch dazu  sich den Luxus nicht unrechtmäßig sich aneignen, also klauen, sondern hoch offiziell vom Chef persönlich geschenkt zu bekommen. Ein Traum, von dem der Prophet hier erzählt. Ein Traum – und zu schön, um wahr zu sein? Wenn man von teuren Schuhen, von Luxusurlaub oder Champagner bis zum Abwinken und

Samstag, 18. Mai 2013

Fischmarkt, Flatrate, Inklusion - Pfingsten 2013 (Reihe II statt Reihe V)

Text: 1. Korinther 12,4-11 (Pfingstmontag, Reihe II)

Predigt Pfingstsonntag 13, 18.05.13, Reihe II Pfingstmontag
Text: 1. Kor 12,4-11

Liebe Gemeinde!
Hamburg, Fischmarkt, bei Aal-Paul: „Kommen sie näher, kommen sie ran! Diese schöne Scholle hier gibt’s heute für nur 15 Euro! Und wissen sie was, ich pack ihnen für 15 Euro nicht nur die Scholle ein, heute gibt’s auch noch diese Heringe dazu! Und nur heute, und nur weil Feiertag ist, pack ich auch noch zwei leckere Räucherforellen dazu! Und, gute Frau, weil sie so schön lächeln, gibt’s dann noch den Räucheraal gratis! Kommen sie näher, kommen sie ran, nur heute hier beim Aal-Paul: Diese schöne Scholle und die Heringe und die Räucherforellen und den Räucheraal und hier und heute noch dazu eine Portion leckerer Nordseekrabben und das alles in einer Tüte und für nur 15 Euro! Sonst kostet allein schon die Scholle so viel! Greifen sie zu!“ Natürlich wissen die meisten, dass der Fischhändler schon vorher die Preise für alles kalkuliert hat und er mit den 15 Euro auf seine Kosten kommt und nichts zu verschenken hat. Aber es ist ein gutes Gefühl, ganz viel eingepackt zu bekommen und zu glauben, man bekäme dabei ganz viel geschenkt. Beim Telefonieren mit den heute üblichen Flatrates ist das ja ähnlich. Einmal bezahlt – und schon kann man so oft, wie man will, telefonieren, SMS schreiben und im Internet surfen und hat das Gefühl, ein Schnäppchen zu machen. Natürlich haben auch die Telefongesellschaften nachgerechnet. Damit wenige ein Schnäppchen machen, bezahlen viele eigentlich zu viel, aber es ist halt ein schönes Gefühl, ganz viel eingepackt zu bekommen. Obwohl wir eigentlich wissen, dass es nichts geschenkt gibt, nutzen wir das trotzdem mit dem Gefühl, etwas geschenkt bekommen zu haben.
Komischerweise scheint das aber dort, wo wirklich was verschenkt wird, gar nicht so gut zu funktionieren. Paulus schreibt der Gemeinde in Korinth davon, wie viel der eine Gott verschenkt. Es gibt ganz viele und ganz unterschiedliche Begabungen, ganz viele und ganz unterschiedliche Ämter, die Menschen ausüben und ganz viele und unterschiedliche Kräfte und Möglichkeiten. Aber in allem wirkt der Geist des einen Gottes. In allem ist Gott selbst am Werk. Ganz viel wird eingepackt in die große Gemeinschaft der Menschen, die sich auf Jesus berufen und die auf Gott vertrauen – und manchmal habe ich bis heute den Eindruck, dass wir diese Megaflatrate, bei der wir wirklich profitieren und nichts draufzahlen, diese wirklich kostenlose Riesentüte mit allem, was man sich an Schönem vorstellen kann, gar nicht haben wollen. Zwei Haltungen begegnen mir oft bis heute. Die eine Haltung ist die: Was nicht so ist wie das, was ich selber habe, was ich kenne und was ich selber gut finde, ist nicht richtig und gehört nicht dazu. Das soll draußen bleiben, das will und brauche ich nicht. Da werden Möglichkeiten, Geschenke, Gaben, abgelehnt, weil sie anders sind, weil sie nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. Im Bild der Fischtüte hieße das, den Aal und die Krabben und den Hering vielleicht dem Fischhändler zurückzugeben, weil ich sie nicht mag, statt sie sich einpacken zu lassen und zu überlegen, ob ich vielleicht jemanden kenne, dem genau das schmeckt und der sich über genau dieses Geschenk freut oder es dringend braucht. Ich will nur das, was meinem Geschmack entspricht. Die Haltung gibt es auch im Glauben.
Die andere Haltung ist die, nicht auf das zu schauen, was ich habe, und damit dann was anzufangen, sondern immer zu glauben, das, was andere haben, wäre besser und richtiger. Im Bild der Fischtüte hieße das: der nächste Kunde bekäme vielleicht Lachs statt Krabben und Thunfisch statt Forelle eingepackt. Und auf einmal wollte ich unbedingt das andere, obwohl ich bis dahin mit meinem eigentlich ganz zufrieden war, weil das andere ja möglicherweise besser oder mehr Fisch ist.
Beides sind Haltungen, die eben nicht nur auf dem Fischmarkt möglich sind

Freitag, 10. Mai 2013

Wir gehören doch zu den Guten, wir haben die Wahrheit! - Exaudi, 12.05.13, Reihe V

Text: Johannes 14,15-19
Liebe Gemeinde!
„Die Welt wird es nicht verstehen und nicht sehen können, aber ihr werdet die Wahrheit erkennen!“ Es ist alles andere als ungefährlich, was Jesus hier sagt. Mit dem Muster, dass die Welt schlecht ist, man selbst aber zu den Guten gehört und vor allem die Wahrheit im Gegensatz zu den anderen kennt, versuchen immer wieder und seit allen Zeiten Terroristen, Selbstmordattentäter, radikale Fundamentalisten, Amokläufer ihre Taten zu begründen. Das funktioniert eben nicht nur in manchen missverstandenen islamischen  Zusammenhängen so, das gibt es auch in Zusammenhängen, die sich christlich verstehen. Wir hier drinnen sind die Guten, die da draußen haben keine Ahnung und können, dürfen, müssen bekämpft werden. Mir  fällt das auch manchmal in Gesprächen über Moscheeneubauten oder die Umwidmung leerstehender Kirchengebäude auf. Selbst Menschen, die jahrelang außerhalb des Urlaubs, in dem sie vielleicht eine historisch wertvolle Kirche besichtigt haben, keine Kirche mehr von innen gesehen haben, rufen plötzlich dazu auf, sich gegen gefühlte Multikulti- und Islamisierungstendenzen zu wehren. Wir gehören doch zu den Guten, wir haben die Wahrheit!
Wir leben in der Welt! In einer Welt, die in manchem sicher ganz anders ist, als zu der Zeit, in der Jesus seinen Jüngern das mit auf den Weg gegeben hat oder der Evangelist, den wir als Johannes kennen, das aufgeschrieben hat. Wir leben in der Welt – und die Jünger Jesu, die Gemeinden der ersten Zeit lebten auch in der Welt. Wo denn auch sonst? Ich glaube auch nicht, dass Jesus hier oder anderer Stelle zur Flucht in eine Parallelwelt aufrufen will. Im Gegenteil. „Der Vater sendet euch einen – und jetzt wird es schwer, das Wort, das im Johannesevangelium hier überliefert ist, zu übersetzen – der Vater sendet euch einen Tröster, Beistand, Fürsprecher, der euch hilft, mitten in der Welt, in der ihr lebt, die Wahrheit zu sehen und in der Wahrheit zu bleiben und zu leben, die Wahrheit nicht zu verraten.“ Welche Wahrheit eigentlich und vor allem: was ist die Welt, in der wir doch Christen, und von der wir doch auch ein Teil sind?
Was ist die Welt? Jesus meint hier in erster Linie keinen Ort, der in seiner Position im Weltall definiert werden kann, sondern eine bestimmte Lebenseinstellung. Welt ist hier auch die Lebenshaltung, die sich selbst genügt, die sich ständig auf sich selbst bezieht. Und dazu gehört auch die Unfähigkeit, Schuld wirklich zu sehen und auch anzunehmen und so auch die Unfähigkeit, Vergebung anzunehmen und anderen zu vergeben. Bis heute leben wir oft in einer Kultur der permanenten Selbstentschuldigung, der ständigen Suche nach Ausflüchten, des Zeigens auf den oder die Anderen. Beispiel Steuern zahlen. Wer macht das schon gern? Wer nutzt da nicht gern legale Schlupflöcher, auch wenn sie vielleicht nicht richtig sind, oder vergisst einfach mal, was anzugeben, in der Hoffnung, dass es nicht auffällt. Sind ja nur kleine Beträge. Und außerdem: Unsere Steuergelder werden verschwendet. Da geht zu wenig in die Förderung von Familien mit Kindern, stattdessen wird zum Beispiel Amazon, der amerikanische Internetkonzern, für die Ansiedlung in Bad Hersfeld und bei Leipzig mit Millionen gefördert. Dafür zahl ich doch nicht!

Freitag, 3. Mai 2013

Austauschen anstatt nur zu reden - Rogate, 05.05.2013, Reihe V

Text: Matthäus 6,7-15
Liebe Gemeinde!
„Beten heißt: mit Gott zu reden!“ – Ich bin schon froh, wenn im Konfirmandenunterricht oder in der Schule wenigstens das als Aussage kommt und das Gebet nicht völlig unbekannt ist. Und vor lauter Begeisterung, dass da so etwas wie eine Ahnung oder sogar eine tatsächliche Gebetspraxis ist, schließe ich dann oft noch an: „Ja, du kannst mit Gott wirklich reden, du kannst ihm alles sagen, was dir wichtig ist!“ Natürlich ist das alles nicht falsch und ist gut biblisch. Aber je älter ich werde, desto mehr denke ich, dass ich dadurch nicht nur Jugendliche auf der Suche nach ihrem eigenen Glauben, nach ihrem Zugang zu Gott, auf eine missverständliche Spur schicke. Jesus sagt hier ganz deutlich: ein Gebet braucht nicht viele Worte. Es gibt Christen, die sehr viele Worte beim Beten machen. Und manchmal scheint es mir so, als würden Menschen glauben, dass Anliegen von Gott eher wahrgenommen würden, wenn ganz viele Menschen mit möglichst vielen Worten sozusagen den Gebetsdruck pro Quadratmeter auf Gott erhöhen würden. Jesus sagt hier ganz klar: das braucht es EIGENTLICH gar nicht. Bevor ihr anfangt zu reden, weiß Gott schon, was ihr wollt. Vielleicht sollte ich, auch wenn es sich viel weniger griffig anhört, Konfis und Schülern eher sagen: „Beten heißt: sich mit Gott auszutauschen“. Zum Austausch gehört auch das Stillwerden, das Hinhören, den anderen zu Wort kommen zu lassen. Austausch mit Gott, Beziehungspflege, nicht Totlabern – für mich steckt das ganz Wesentlich auch in den wenigen Worten, die Jesus uns als Gebet geschenkt hat. Das Gebet, das Jesus den Menschen empfiehlt und das Christen auf der ganzen Welt verbindet und das uns auch mit denen verbindet, die vor uns schon auf Christus vertraut haben, das öffnet mit ganz wenigen Worten eine riesige Welt des Austausches, der lebendigen Gottesbegegnung.
Da ist die Anrede: „Unser Vater im Himmel“. Wobei die deutsche Übersetzung „Vater“ eigentlich auch schon falsche Bilder produzieren kann. Manche haben vielleicht das Bild eines sehr strengen, autoritären Vaters, der notfalls auch mal zuschlägt. Oder haben eigene Erfahrungen mit einem Vater, der sich aus dem Staub gemacht hat und seine Verantwortung nicht wahrnimmt. Oder haben vielleicht gar keine Erfahrung mit einem Vater, weil er früh gestorben ist oder weil er durch den Beruf dauernd abwesend ist oder war oder sich einfach nicht gekümmert hat. Vater als bloßer Erzeuger oder als strenger Hüter der Tradition und der Regeln – Jesus benutzt eigentlich wörtlich ein ganz anderes Bild. „Papa, Paps, Vati, Dad“ – oder wie man auch immer den anredet, mit dem man zutiefst vertraut ist und dem man wirklich vertrauen kann. Gott nicht als den strengen Übervater oder den Schöpfer, der sich dann aber verabschiedet, sondern

Freitag, 26. April 2013

Vorfreude ist die schönste Freude - oder: mach' deinen eigenen Remix - Kanate, 28.04.2013, Reihe V

Text: Jesaja 12 (Zürcher)
Liebe Gemeinde!
Vorfreude ist die schönste Freude! Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen dieser Satz wahr zu sein scheint. Vor dem Urlaub. Wochenlang wird geplant, und jeden Tag steigt die Freude. Bald ist es soweit. Vorfreude. Und dann… - war die Hinreise so anstrengend, ist die Unterkunft nicht so, wie gedacht, ist das Wetter nicht so prickelnd, ist alles sowieso viel zu schnell vorbei. Weihnachten… - und dann hat’s nicht geschneit, ist es viel zu warm, waren die Geschenke nicht so passend… Das erste Wiedersehen mit alten Freunden nach langer Zeit – und dann merkt man, dass man sich nur noch wenig zu sagen hat, wird man dauernd auf die grauer gewordenen Haare oder den größer gewordenen Bauch angesprochen oder man muss sich ständig anhören, wie supertoll es bei den andere im Beruf läuft oder wie perfekt die Kinder sind. Klar, es läuft nicht immer so negativ. Gut so! Aber jeder kennt, glaube ich, aus eigener Erfahrungen solche Erlebnisse, bei denen die Vorfreude groß war – und dann schnell genug die Ernüchterung kam. Ich kenne das auch. Und trotzdem: immer wieder kommt Vorfreude auf, wenn die Hoffnung da ist, das bald etwas richtig Schönes passieren wird. Trotz aller Alltagserfahrungen, trotz allem, was im Moment schwer ist und was auch nicht so laufen wird, wie ich es mir ausmale: Vorfreude ist in jedem Fall eine schöne, manchmal auch die schönste Freude. Um Vorfreude geht es auch in den Versen aus dem Buch Jesaja, die heute als Predigttext vorgeschlagen sind.  Da heißt es: (Jesaja 12,1-6, Zürcher)
Möge dein Zorn sich wenden, dass du mich tröstest. Offensichtlich ist das im Moment noch gar nicht so. Offensichtlich gibt es im Moment vieles, was Gott als den, der zornig ist, der Leben schwer macht, erscheinen lässt. Und obwohl Gott nicht der liebe Gott ist, der schön brav macht, was die Menschen wollen, damit sie immer so weiter machen können und sich nichts ändern muss, obwohl Gott ganz offensichtlich den Menschen eine Menge zumutet, geht es dann vor lauter Vorfreude richtig stark weiter, so, als ob das alles schon längst passiert wäre. Die Hoffnung auf eine gute Zukunft mit Gott, die Vorfreude darauf, lässt die schwere Gegenwart nicht nur erträglich sein, sondern lässt sie gar nicht mehr so ins Gewicht fallen:  Sieh, Gott ist meine Rettung! Ich bin voll Vertrauen und habe keine Angst, denn meine Stärke und meine Kraft ist Gott, der HERR: Er war meine Rettung. In der Musik würde man vielleicht sagen, dass das, was wir hier haben, ein Remix ist. Ein Lied wird neu abgemischt, mit andere Instrumenten unterlegt, mit einem veränderten Rhythmus versehen, so dass es neu und frisch wirkt und ganz eigen, obwohl es manchmal schon ein paar Jährchen alt ist und es in der alten Version niemand mehr hören wollte. Hier wird auch ein Lied zitiert. Die Bibel erzählt, dass Miriam, die Schwester von Mose, es gesungen hat, nachdem die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten weggelaufen waren und die Armee des Pharaos am Schilfmeer vernichtet wurde, so dass der Weg in die Freiheit endgültig offen war. Mit fast genau den gleichen Worten hat Miriam gesungen, so wird es im 2. Buch Mose erzählt. Offensichtlich hat es den Menschen unglaublich viel Hoffnung gemacht, dass andere, lange vor ihrer Zeit, so begeistert Gott loben konnten, weil sie erfahren haben: Gott befreit uns. Gott hält auch in schweren Zeiten zu uns und er eröffnet uns Wege in die Freiheit. Und lange Zeit danach der Remix: Das gleiche Lied, aber neu, anders, frisch. So, dass es für heute, für die Gegenwart der Menschen, die Gott in einer neuen traurigen Situation brauchen, wirklich zu einem Lied wird, dass die Traurigkeit und das Böse zwar nicht ungeschehen macht, aber das frische Hoffnung weckt. Und Dankbarkeit trotz allem, was drum herum ist. Vorfreude ist die schönste Freude. Weil sie kraftvolle

Samstag, 20. April 2013

Keine Angst, die beißt nicht, die Liebe - Konfirmation 2013

Text: 1. Johannes 4,9.10.16.18.19
Liebe Konfis, liebe Gemeinde!
Er zu ihr, frisch verliebt: Schatz, weißt du, wir sind jetzt schon vier Wochen zusammen und ich liebe dich wie am allerersten Tag. Eigentlich noch viel mehr. Und ich will dir jetzt was sagen, was ich noch nie im Leben einem Mädchen gesagt habe. Was, was mir total wichtig ist. Jetzt ist es endlich so weit. Schatz, willst du heute Abend mit mir und Marc und Niko Black Ops 2 zocken?
Anderer Tag, anderes Paar, sie zu ihm: Schatz, weißt du, wir sind jetzt schon vier Wochen zusammen und ich liebe dich wie am allerersten Tag. Eigentlich noch viel mehr. Und ich will dir jetzt was sagen, was ich noch nie im Leben einem Jungen gesagt habe. Was, was mir total wichtig ist. Jetzt ist es endlich so weit. Schatz, willst du morgen mit mir und meinen Mädels bei H&M shoppen gehen und hinterher einen richtig schönen Cappuccino trinken?
Das Ende zweier wunderbarer Beziehungen? Wer weiß?! Natürlich gibt’s Mädels, die gern Computer zocken und Jungs, die gern mal shoppen gehen. Aber ich glaube, dass sich die wenigsten Mädchen und Frauen über einen Abend mit den besten Kumpels des Freundes und einem relativ brutalen Computerspiel und die wenigsten Jungs oder Männer über eine Shopping-Cappuccino-Tour mit den besten Freundinnen der eigenen Freundin freuen würden. Es könnte das Ende der Beziehung sein, der Liebe. Vielleicht, weil der Gedanke da ist: „Sag mal, hat der (oder die) mich in den vier Wochen nicht besser kennengelernt? Denkt der (oder die) nur an die eigenen Hobbys und Freunde? Anscheinend bin ich ihm (oder ihr) gar nicht wichtig!“ Da gibt sich jemand keine Mühe, mal nachzudenken, was ich brauche, denke, fühle – also hat das alles keinen Sinn. Es könnte das Ende sein. Es könnte aber auch der Start in eine neue Phase sein. „Okay, das ist zwar nicht mein Traum, aber offensichtlich liebt er oder sie mich so, dass er oder sie mich bei etwas dabei haben will, was sehr wichtig ist. Und offensichtlich bin ich ihm oder ihr vor seinen Freunden oder ihren Freundinnen nicht peinlich!“ Beides denkbar – das Ende oder die Vertiefung der Liebe. Wer weiß?! Eben keiner. Liebe kann man nicht wissen. Liebe kann man nur leben. Liebe ist etwas höchst Lebendiges. Sie kann wachsen oder eingehen, sie muss gepflegt werden und ist nie unabhängig von denen, die lieben. Es gibt keine objektive Liebe, die man betrachten und beschreiben und dann wieder weglegen kann. Liebe ist immer subjektiv. Weil da immer Subjekte, eigene Persönlichkeiten, die nicht austauschbar sind, miteinander eine Beziehung haben. Ich will jetzt in der Predigt keinen Beziehungsratgeber für die erste oder zweite Liebe von Konfis, die schon da ist oder die noch kommen wird, geben. Mir ist nur aufgefallen, dass neun von sechzehn Konfis

Regeln lenken nur vom Wesentlichen ab - Konfirmation 2013, Abendmahlsgottesdienst

Text: Lukas 19,1-10
Liebe Konfis, liebe Gemeinde!
Ich finde, dass wir in Konfer viel zu viele Regeln hatten und haben. Als Voraussetzung für die Konfirmation sollte man jede Woche in Konfer gewesen sein oder eine Entschuldigung gehabt haben, mindestens 23 mal im Gottesdienst gewesen sein, sich weniger als vier rote Karten abgeholt haben, das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser, den 23. Psalm und die Zehn Gebote auswendig können, mitarbeiten, nicht dauernd dazwischen schwätzen, auf das hören, was ich und die anderen Mitarbeiter sagen und, und, und… - ganz schön viele Regeln. Und für manche von euch Konfis war es gar nicht so einfach, die Regeln alle einzuhalten und für mich und die anderen Mitarbeiter war es auch nicht immer leicht, darauf zu achten, dass die Regeln wenigstens so einigermaßen eingehalten wurden. Das hat ganz schön viel Kraft gekostet. Was wäre eigentlich passiert, wenn wir gar keine Regeln gehabt hätten? Das wäre eigentlich mein ganz persönlicher Traum. Ein Konfirmandenunterricht, der keine Regeln braucht. Zumindest keine Regeln über das Auswendiglernen, den regelmäßigen Gottesdienstbesuch, das gegenseitige Zuhören, das regelmäßige Kommen. Ob der wohl funktioniert? Was würde wohl passieren?
Ich bin Realist. Ich glaube, dass Menschen Regeln brauchen. Erwachsene genauso wie Kinder und Jugendliche. Menschen brauchen Regeln, damit die Ehrlichen, die Rücksichtsvollen, aber auch die Schwächeren geschützt werden und sich entwickeln können. Aber gerade in Konfer und vielleicht auch in der Kirche und der Gemeinde überhaupt würde ich gern mal auf Regeln verzichten. Weil Regeln gerade in Konfer manchmal zu einem Missverständnis führen. Konfirmation – übersetzt heißt das ja nichts anderes als eine feste Beziehung zu Gott – Konfirmation wäre eine verdiente Belohnung dafür, dass man sich an Regeln hält. So was wäre wirklich ein Missverständnis. Eigentlich ist es eher umgekehrt – dass ich rücksichtsvoll bin, dass ich Schwächeren helfe, zu ihrem Recht zu kommen, dass ich nachfrage, was in der Bibel steht, dass ich in einer Gemeinde nicht nur für mich selber lebe, sondern Kontakte zu anderen suche, im Gottesdienst und bei andern Gelegenheiten, dass ich mich mit andere treffe, um was aus der Bibel zu hören, um zusammen zu beten, das ist alles keine Voraussetzung für eine gute Beziehung zu Gott, das ist alles nicht die Voraussetzung dafür, dass Gott einen Menschen, mich , liebt, sondern eher das Ergebnis davon, dass ich das in mir drin spüre und weiß: ich bin für Gott was wert.
Die Voraussetzung für eine gute Beziehung zu Gott ist kein perfektes oder auch nur annähernd gutes Leben, das den Regeln entspricht. Es gibt nur eine einzige echte Voraussetzung: Neugier. Den Wunsch, Jesus kennenzulernen. Alles andere kann dann erst später kommen. Wie ist das mit euch: Wart ihr neugierig

Samstag, 13. April 2013

"Schatz, hast du mich lieb??" - von nervigen Fragen und klugen antworten Misericordias Domini, 14.04.2013, Reihe V

Text: Johannes 21,15-19 (Zürcher Bibel)
Liebe Gemeinde!
„Schatz, liebst du mich?“ – „Ja, klar“ – „Liebst du mich wirklich?“  - „Natürlich, das weißt du doch!“ – „Aber liebst du mich so richtig?“ – Wer als derjenige oder diejenige, der oder die gefragt wird, nicht schon bei der zweiten Frage die Augen gerollt hat, ist spätestens jetzt dem Wahnsinn nahe und kurz vor dem Ausrasten. Ich glaube fast jeder, der schon einmal die unglaublich schöne Erfahrung einer liebevollen Beziehung zu einem anderen Menschen gemacht hat, kennt diese oder ganz ähnliche Dialoge. Und zwar meistens von beiden Seiten. Als der, der so hartnäckig fragt oder als derjenige, der bei der dritten Frage genervt nicht mehr weiß, was er oder sie noch alles sagen soll. Ich glaube auch, dass diese Erfahrung relativ altersunabhängig ist. Von der ersten großen Liebe bis zur goldenen oder diamantenen Hochzeit nach vielen Ehejahrzehnten solche Gespräche schleichen sich ein. Eigentlich weiß ja fast jede und jeder, dass solche Gesprächsgänge wenig bis gar nichts bringen, außer vielleicht dem Gefühl der Gereiztheit. Über Liebe kann man schlecht reden, Liebe spürt man. Aber trotzdem: ich glaube, dass jede und jeder manchmal einfach Bestätigung braucht und sie auch durch solche Fragen sucht. Da kann es sein, dass so viel im Leben gerade schief läuft, dass in der Schule nichts passt oder in der Familie Streit ist oder im Beruf viel Stress ist oder eine Krankheit das Leben ganz schwer macht oder, oder, oder. Und da will ich an einem Punkt wissen, dass ich sicher bin. Dass ich neues Selbstvertrauen schöpfen kann. Als Mensch brauche ich einfach immer wieder mal Bestätigung.
Vielleicht ein bisschen seltener, aber auch nicht ganz unbekannt sind Fragen im Freundeskreis: „Hey, wir zwei sind doch dickere Freunde als ich mit dem Rest, oder?“ Oder auch in der Familie: „Mama, du hast mich doch lieber als Papa mich lieb hat, oder?“ Auch da steckt auf der Seite des Fragenden oft eine Menge Unsicherheit dahinter, manchmal aber auch der Versuch, einen Keil zwischen den, der gefragt wird und die anderen zu schieben. Und was soll man als Gefragter darauf antworten? „Klar, ich bin besser, liebevoller, verlässlicher als die anderen, als der andere?“ Es ist nicht immer leicht, der Versuchung zu widerstehen, sich gegen andere und auf Kosten von anderen in ein gutes Licht zu stellen und durch solche Fragen, Spielchen und Antworten zu profilieren. Genauso menschlich wie die Sehnsucht nach Bestätigung.
Und weil das alles so menschlich ist und so einen komischen Beigeschmack hat, kann man sich schon wundern, dass Johannes von so einem merkwürdigen Gespräch zwischen dem auferstandenen Jesus und Petrus erzählt. Hat Jesus das etwa nötig? Ist er so wenig selbstbewusst, dass er sich so Bestätigung holen muss? Will er einen Keil zwischen die Jünger treiben? Spielt er mit Petrus? Ich glaube, dass wir uns wirklich wundern müssen und wundern dürfen, wenn wir so scheinbarmenschliche Geschichten  dem Auferstandenen, in der Bibel lesen und nicht zu schnell einfach sagen: „Das ist alles doch anders gemeint!“ Die Bibel ist kein glattes Lesebuch, keine nette Lektüre für den entspannten Sommerurlaub am Meer im Liegestuhl, sondern sie ist interaktiv, wie es heute so schön heißt. Sie will anregen, Fragen zu finden, sich in Frage stellen zu lassen, Selbstverständliches nicht als selbstverständlich hinzunehmen und dabei Wahrheiten zu finden, die tiefer liegen, als es uns unsere mittlerweile oft auf oberflächliche Schönheit und oberflächliche Unterhaltsamkeit getrimmte Welt manchmal weismachen will. Die Bibel ist ein echtes interaktives Mitmachbuch, in dem es auch auf mich, meine Fragen, mein Leben ankommt. Und so ist es auch mit dieser Geschichte. Warum redet Jesus also so merkwürdig mit Petrus? Ich glaube, weil Jesus hier auch so ein interaktives Mitmachprogramm für Petrus