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Sonntag, 16. Januar 2011

Zeig dich doch! - 2. Sonntag nach Epiphanias, 16.01.11, Reihe III

Predigttext: 2. Mose (Exodus) 33,17-23
Liebe Gemeinde!

Das Schlimme war nicht der Streit, sondern die Stille danach. Wird er je wieder mit mir reden? Ich weiß, dass ich es verdient hätte, dass er mich ganz verlässt. So, wie ich sein Vertrauen ausgenutzt und missbraucht habe. Ich weiß, dass es falsch war. Und noch schlimmer: ich weiß genau, dass ich nicht garantieren kann, dass so was nie wieder passiert. Er hätte jeden Grund, wegzugehen. Weiter zu schweigen. Er hat zwar versprochen, mich für immer zu lieben. Aber ich kann verstehen, wenn das jetzt endgültig aus ist. Aber ich will das nicht. Ich halte das Schweigen nicht mehr aus. Ich brauche doch die Nähe, die Zuwendung, die Liebe. Ich spreche ihn einfach an. „Bist du noch da? Zeig dich doch. Bitte. Lass mich sehen, wie groß, wie schön du bist mit deiner Liebe!“ Auch wenn ich weiß, dass ich es nicht verdient habe.

Streit ist selten schön. Vor allem, wenn ich weiß: ich bin eigentlich schuldig. Und ganz schlimm ist es, wenn Vertrauen missbraucht oder enttäuscht wurde. Worte helfen da nicht immer. „Ich will sehen, ich will spüren, dass du noch da bist, dass unsere Beziehung noch eine Chance hat!“ Nicht nur zwischen Eheleuten, Freunden, oft genug zwischen Eltern und Kindern geht das so. Auch bei Mose war es so ähnlich. Lange vor unserer Zeit. Er möchte Gott unbedingt sehen. Nicht deshalb, weil er einfach mal so denkt, dass es ganz nett wäre oder weil er angeben möchte. Sondern weil er wissen will, ob eine kaputtgegangene Beziehung noch eine Chance hat. Gott, so erzählt es die Bibel, hat dafür gesorgt, dass die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurden. Gott hat sich ihnen als Gott auf dem Weg gezeigt, als einer der mitgeht, aber nicht festgehalten werden kann. Und kaum sind sie unterwegs, ist dem Volk das zu wenig. Sie wollen einen Gott zum Anfassen und lassen sich ein goldenes Kalb machen, dass sie als ihren Gott anbeten. Ist jetzt alles aus?
Das war passiert, bevor Mose den Wunsch hatte, Gott wirklich zu sehen. Die Bibel, das 2. Buch Mose, erzählt so von diesem Wunsch und dem, was dann passiert:

Exodus 33,1-23

Gott ist hier nicht der große Zerschmetterer, der rach-süchtige, kleinliche Verfolger aller Übertretungen, son-dern der, der zu seiner Liebe, zu seinen Versprechungen steht. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wes-sen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Ich weiß nicht, wie sie diesen Satz, der hier als eine Aussage von Gott überliefert wird, hören. Ich höre ihn aber erst einmal so, wie ich ihn sagen würde, wenn ich die Macht dazu hätte und in der Position wäre: Ich mach, was ich will. Zu dem einen bin ich gütig und gnädig, zum ande-ren halt nicht. Meine Sache. Aber ich glaube, dass hier nicht unser menschlicher Überlegenheits- und Selbst-darstellungswahn mitspielt, sondern dass der Kern etwas ganz anderes ist. Wenn ich gnädig bin, dann bin ich wirklich gnädig. Dann kannst du dich darauf verlassen, dass ich zu dir halte, auch wenn du mein Vertrauen enttäuscht hast. Du lässt mich vielleicht im Stich – ich dich aber nicht. Wenn ich mich zu etwas bekenne, dann gilt das ganz und gar. Hier, im 2. Buch Mose, gilt diese Zusage nicht nur Mose allein, sondern dem ganzen Volk Israel, den Juden. Eine Geschichte, in der die Bibel Enttäuschungen, Schuld, Versagen nicht verschweigt. Eine Geschichte, die aber zuallererst von Gottes Treue und Gnade trotz aller Schuld geprägt ist. Auf Gott ist Verlass – auch dann, wenn auf die Menschen kein Verlass ist. Durch Jesus hat Gott uns in dieses Treueversprechen mit hineingenommen. Nicht, weil wir anders, besser, zuverlässiger als die Menschen des ersten Bundes wären. Sondern weil sichtbar werden sollte, dass diese Liebe, dieses Versprechen nicht nur einem auserwähltes Volk, sondern der Menschheit gilt. Dem Menschen, den, so erzählt es die Geschichte von der Erschaffung der Welt, Gott als angemessenes Gegenüber geschaffen hat.

Lass mich dich sehen. Lass mich spüren, dass wir eine Zukunft haben, dass Vertrauen wieder neu möglich ist – der Wunsch, den wir aus unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ganz gut kennen, der Wunsch, den Mose an Gott richtet – vielleicht ist das auch immer wieder einmal unser Wunsch an Gott. Ich würde gern glauben, ich würde gern hoffen, ich würde gern lieben – aber es fällt oft so schwer. Ich kann dich nicht sehen, wenn ich erlebe, wie ein Mensch qualvoll an Krebs stirbt. Ich kann dich nicht spüren, wenn immer noch Menschen hungern. Wo bist du, wenn nur noch die Gier regiert und schamlos Geld geklaut, Tiere und Menschen vergiftet werden? Ich würde dich gern sehen, wenn ich erlebe, wie die Spielsucht einer Frau ihre Familie in den Wahnsinn treibt. Gott, zeige dich doch, zeige doch, wie gütig du bist. Unsere Lebensumstände sind anders als bei Mose. Aber auch heute erleben wir Gott als einen, der nicht immer offensichtlich da ist, sondern der sich auch verbirgt. Gott sehen, damit ich glauben kann – an Güte, an Liebe, an Wahrheit. Vielleicht geht es uns manchmal dann doch so wie Mose. Und ich glaube, bei allem sagenhaften, was diese Geschichte aus der Bibel enthält, dass einige Punkte bis heute sehr wichtig sind. Nicht nur der, dass Gottes Erbarmen und Treue größer ist als menschliche Schuld und menschlicher Vertrauensbruch.

Gottes Güte – das Wort, das hier in der ursprünglichen Sprache der Bibel steht, heißt auch Schönheit, Glanz, Reichtum – geht vorüber. Ich finde, dass das gerade in der deutschen Sprache ein passendes Wortspiel ist. Nicht, weil die Güte, die Schönheit, der Reichtum Gottes irgendwann mal zeitlich gesehen ganz aus wären, son-dern weil das alles nicht festgehalten werden kann. Gott ist Gott auf dem Weg mit uns. Es gibt Momente, da kann ich das gut wahrnehmen. Da spüre ich, da erkenne ich, wie groß und gut Gott mit seiner Liebe ist. Aber festhalten kann ich das nicht. Es wird immer wieder auch die Momente geben, wo ich das nicht sehen und spüren kann. Gott, so wird es erzählt, stellt Mose auf einen festen, sicheren Grund und schützt ihn mit seiner Hand. Aber auch das führt eben nicht dazu, dass es da etwas festzuhalten gäbe. Für mich heißt das bis heute, dass ich Gott immer wieder bitten darf, dass er sich mir zeigt, dass er sich mir verständlich macht und dass ich da, wo ich Angst davor habe, dass alles Gute und Schöne und alle Liebe weg ist, vielleicht auch aus meiner eigenen Schuld, ihn bitten darf, sich wieder zu zeigen. Aber das wird immer nur ein vorübergehender Augenblick sein, kein Besitz. Ich kann Gott und die Begegnung mit ihm nicht einpacken. Nicht in ein Kreuz, das ich mit mir trage, nicht in Taufwasser, noch nicht einmal ins Abendmahl. Die Begegnung mit Gott geschieht im Vorübergehen. Dieser besondere Augenblick kann und soll dann wieder Kraftquelle für die Schritte im Alltag sein, meine Schritte. Das Erken-nen von Gottes Güte und Schönheit ist nichts Alltägliches, es ist etwas Besonderes, das immer wieder geschehen kann, das ausstrahlt in den Alltag. Das ist ein wichtiger Punkt für mich.

Ein anderer ist der, dass wir Menschen Gott nicht von Angesicht zu Angesicht, praktisch von Gleich zu Gleich erkennen können, sondern ihm nur hinterher sehen können. Im Nachhinein erkennen wir, wo Gott Spuren im Leben hinterlassen hat. An den Wirkungen und Eindrücken erkennen wir, wo Gott war, wie er ist. wir können diesen Spuren folgen. Nachfolgen. Nicht wir legen die Spur der Liebe und des Guten, Gott legt sie.

Ich wünsche uns, dass wir diese Spuren erkennen. Ich wünsche uns, dass wir den Mut finden, nach Gott zu fragen, auch dann, wenn wir das Gefühl haben, seine Liebe vielleicht gar nicht verdient zu haben. Ich wünsche uns, dass wir den Mut haben, nach Vertrauen zu suchen, nach Wegen, es wiederzufinden, auch dann, wenn es durch uns kaputt gegangen ist. Nicht nur in unserem glaubensleben, sondern auch im Alltag. Und ich wünsche uns die Kraft und den Mut, das vorübergehen auszuhalten. Die Kraft, der Versuchung zu widerstehen, Liebe und Glauben besitzen zu wollen. Mut zum Loslassen. Mut, sich vom Augenblick für den Alltag stärken zu lassen. Das wünsche ich uns immer wieder. Amen

Sonntag, 2. Januar 2011

Im Alltag steht der Himmel offen!? - 2. Sonntag n. Weihnachten, 02.01.2011, Reihe III

Text: Johannes 1,43-51
Liebe Gemeinde!

So schnell werden Kinder groß! Vor einer Woche haben wir Weihnachten gefeiert und uns an die Geburt Jesu erinnert. In einem neugeborenen Kind lässt Gott sich finden, so wurde es in allen Kirchen dieser Welt verkündigt. Und jetzt ist er schon erwachsen. Die Festtage liegen hinter uns, Weihnachten, Silvester, Neujahr – jetzt kommt der Alltag wieder. Jesus ist erwachsen geworden. Er beginnt mit seiner Mission. Vielleicht wäre der eine oder die andere gern noch ein wenig in der ruhigen, stillen Zeit geblieben, hätte sich gern noch länger an den so vertrauten Szenen der Weihnachtszeit, dem Kind in der Krippe, den klugen Sterndeutern aus dem Morgenland gefreut. Aber uns hat der beginnende Alltag wieder. Eigentlich gut so. Über-haupt als Bild für unser Leben, für den Glauben. Es ist gut, dass es Festzeiten gibt. Erholung vom Alltag. Es ist gut, dass es Orte gibt, ob die nun real oder durch gemeinsame Überlieferung und gemeinsamen Glauben geprägt sind, an denen wir uns aufgehoben fühlen, an denen wir zur Ruhe kommen – wie hoffentlich an der Krippe im Stall zu Bethlehem. Da war zwar keiner von uns körperlich, aber die Vorstellung kann fast jeder teilen. Es ist gut, dass es diese Orte jenseits des Alltags gibt. Aber wichtig ist es, da nicht stehenzubleiben und diese Orte nicht zu den Hauptorten des eigenen Glaubens werden zu lassen. Gott ist, und das macht er gerade in Jesus und durch ihn deutlich, Gott auf dem Weg mit den Menschen, auf dem Weg zu den Menschen. Gott ist Gott unterwegs. Aufbruch ins Leben, in den neuen Alltag. So wie wir uns dem stellen müssen, gerade zu Beginn eines neuen Jahres, so macht auch Jesus klar, dass der Weg mit ihm kein Verweilen im Lieb-gewonnenen ist, sondern ein Aufbruch. Die, die mit Je-sus gehen, gehen in einen neuen, veränderten Alltag. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es kommt der Alltag – aber der ist anders als vorher.
Wenn wir uns jetzt, nach den ganzen Festtagen, in den Alltag aufmachen, dann bleibt auch für uns die Frage: „Hat sich unser Alltag verändert? Wird alles immer so weitergehen? Hat Weihnachten, die Erinnerung daran, dass Gott sich ganz menschlich zeigt, uns und unseren Alltag verändert? Oder wird es immer so weitergehen, bis zum nächsten Advent, alle Jahre wieder?“
Der Alltag ist stark, keine Frage. Und vieles hält uns da-von ab, wirklich neue Wege zu gehen. Nicht nur die Gewohnheit, sondern auch die Angst vor dem Unbe-kannten, die Angst vor Überforderung. Und die Frage, ob ich überhaupt richtig glaube und ob mein Glauben stark genug ist, den Weg, auf den mich Jesus führt, wirklich zu gehen. Unsicherheit, vielleicht sogar Angst, auf dem Weg schlapp zu machen.
Wie anders ist das, was das Johannesevangelium hier erzählt. Da ist zuerst einmal von Philippus die Rede. Je-sus findet ihn, bittet ihn, ihm nachzufolgen, und der zö-gert nicht und geht mit. Jesus findet ihn. Das steht so im Evangelium. Und das ist schon mal was ganz Entschei-dendes. Bei aller Wertschätzung eigener Aktivität im Glauben, ist es zuallererst Jesus, der den Menschen fin-det. Glauben ist kein Verdienst, auch nicht das Ergebnis langer Nachdenk- und Suchbewegung, sondern ein Angesprochen werden und sich ansprechen lassen. Der erste Schritt ist nicht der, den wir Menschen machen, sondern der, der auf uns zu gemacht wird. Philippus lässt sich finden und geht dann mit. Etwas anders dann der zweite Mensch, von dem Johannes in seinem Evangelium erzählt. Nathanael. Philippus findet ihn, offensichtlich einen, der sich in seinem jüdischen Glauben gut auskennt. „Jesus ist der, auf den wir gewartet haben. Er ist der, den Mose im Gesetz und den die Propheten verkündigt haben.“ So macht Philippus ihm, Nathanael, die Begegnung mit Jesus schmackhaft. Für mich ist Philippus da so ähnlich wie Menschen, die heute andere zum Glauben einladen wollen. „Da ist einer, Jesus, in dem zeigt sich Gott ganz. In dem erfüllen sich auch deine Hoffnungen und Sehnsüchte nach einem Leben, das gelingt“ – sicherlich mit viel mehr Worten, aber im Grundsatz mit ähnlicher Aussage versuche ich als Pfarrer, versuchen Eltern und Großeltern, Freunde und Bekannte anderen einen Weg zum Glauben zu zeigen. Aber dann kommt Nathanael mit seinem Einwand „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Eigentlich hätte alles doch ganz anders sein müssen! Nazareth, das war zur Zeit Jesu ein kleines, unbedeutendes Dorf in Galiläa. Und dort vermutete man eher das einfache, bäuerliche oder handwerkliche Leben. Leute wie Jesus, Zimmerleute, in scheinbar ganz normalen Familien aufgewachsen, die gab es zuhauf. Und so einer soll der Messias sein, der, in dem die Hoffnungen auf ein Leben mit Gott sich erfüllen? Das erwartete man wohl eher von jemandem aus den großen, vornehmen Städten in Judäa, der mit Recht als neuer David, als König hätte durchgehen können. Aber so ein Handwerker? Menschen heute, auch wir sind anders. Wir haben andere Erwartungen, andere Vorurteile. Aber ich glaube, dass es manchen Eltern oder Großeltern ähn-lich geht wie Philippus. Dass sie, wenn sie ihre Kinder oder Enkel zum Glauben einladen wollen, zu hören be-kommen: Das passt doch nicht in unsere Zeit. Wenn’s Gott gibt, dann habe ich ihn mir aber ganz anders vorge-stellt. Und als Pfarrer bekomme ich so etwas auch immer wieder zu hören. Auch von Leuten, die gebildet sind und die sich gut in der Bibel auskennen. Und auch bei uns selbst sind doch manchmal ähnliche Vorurteile da. Wir haben unsere eigenen Vorstellungen, wie Glauben zu sein hat und wie Gott uns begegnen soll. Je nach Typ hat man es gern feierlich oder locker-fröhlich. Oder man erwartet Gott dort, wo die ganz Armen sind. Oder in schönen Kirchen, wo man sich ihm näher fühlt. Wenn etwas nicht so ist, dann wird man skeptisch. Ob das seine Richtigkeit hat? Mir haben doch alle immer erzählt, Gott müsse majestätisch oder revolutionär, kumpelhaft oder erhaben sein. Was kann denn gut daran sein, wenn es anders ist?
Die Vorurteile werden dann nicht durch Argumente, sondern durch lebendige Begegnung überwunden. Jesus begegnet Nathanael. Und er macht sich nicht lustig über dessen Vorurteile. Er lobt ihn dafür, dass er sich Gedan-ken gemacht hat und eine Position hat. Und diese Be-gegnung bringt Nathanael zum Glauben. Nicht die Ein-ladung des Philippus. Vielleicht muss ich mir das sagen, wenn ich enttäuscht bin über den Gottesdienstbesuch, über Schüler, Konfis und andere, vielleicht müssen sich Eltern und Großeltern oder andere, die selbst im Glau-ben stehen, immer wieder bewusst machen: Unsere Einladungen, unsere Argumente stoßen immer wieder an Grenzen. Sie können Menschen dazu bringen, im guten Fall, dass sie sich ein Stück bewegen und neugierig werden. Aber Glauben wecken kann nur Gott, kann nur Jesus selbst. Nathanael kommt zum Glauben, weil er erfährt: „Jesus kennt mich!“ Aber für Jesus selbst ist das nur der erste Schritt. Er verspricht mehr: der Himmel wird offen stehen. Jesus lässt die Welt zum Himmel hin durchsichtig werden. Auf dem Weg im Glauben, auf dem Weg mit Jesus den Himmel sehen – nicht, in dem wir den Kopf von der Erde wegdrehen und unseren Blick nur in den Himmel richten, sondern indem wir hier, auf dem Weg, sehen, was da ist und in vielem ein Stück Himmel auf der Erde sehen. Das ist das Versprechen, das uns Jesus gibt. Natürlich ist unsere Welt alles andere als himmlisch. Aber in der Gemeinschaft mit Gott, dort, wo Gerechtigkeit herrscht, dort, wo Kranke nicht ausgegrenzt werden, wo Heilung erfahren wird. dort, wo Hungernde satt werden. Dort, wo Jugendliche ernst ge-nommen werden und alte Menschen nicht missachtet oder abgeschoben werden, dort, wo Not gelindert wird. Dort, wo Menschen sich aufmachen und etwas gegen menschenunwürdige Zustände tun, überall dort sehen wir den Himmel offen.
Was wird uns auf unserem Weg im vor uns liegenden Jahr begegnen? Werden wir den Himmel offen sehen? Werden wir mit Jesus gehen? Wird unser Alltag neu, anders sein? Oder werden Zweifel und Vorurteile es uns schwer machen, den Weg, den er mit uns gehen will, zu gehen?
Wir wissen es nicht. Keiner von uns kann in die Zukunft sehen. Was wir aber, was wir nicht nur zu Beginn eines neuen Jahres wissen und uns sagen lassen dürfen, was auch in diesen Versen aus dem Johannesevangelium steckt: wir müssen in den Alltag gehen. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Jesus uns in unserem Alltag fin-det, zu uns kommt oder Menschen schickt, die uns im-mer wieder zu ihm führen. Wir dürfen sagen, was uns belastet und was Verstehen schwer macht. Und wir dür-fen glauben und vertrauen, dass gerade das uns näher zu ihm führt. Ich wünsche uns, dass unser Alltag in diesem Jahr neu wird. Gestärkt, gehalten, begleitet. Ich wünsche uns, dass wir ganz oft den Himmel offen sehen.
Amen.

Freitag, 24. Dezember 2010

Es war einmal? - Es wird einmal! 1. Weihnachtstag 2010, Reihe III

Text: Micha 5,1-4a
Liebe Gemeinde!


Es war einmal… - Es war einmal, in einer Zeit, in der glückliche Kinder in glücklichen Familien aufwuchsen, in einer Zeit, in der die Kinder brav waren und die Erwachsenen viel Zeit für die Kinder hatten. Es war einmal in einer Zeit, in der jeder zufrieden war mit dem, was er hatte, in einer Zeit, in der Neid und Habgier Fremdwörter waren. Es war einmal in einer Zeit, in der kein Mensch auf der Welt hungern musste und in der keine Kriege geführt wurden, in der jeder ein Dach über dem Kopf hatte. Es war einmal in einer Zeit, in der einfach nur ein großer Frieden in der Welt war. Es war einmal – so fangen Märchen an. Märchen erzählen oft von Sehnsüch-ten und Hoffnungen und verlegen das, was in der Gegenwart nicht möglich ist, in die gute, alte Zeit. Die aber in der Wirklichkeit selten so gut war wie in der nachträglichen Erinnerung. Es war einmal eine Welt, die gut und schön und richtig war – nein, das war nicht irgendwann einmal. Auch nicht zur Weihnachtszeit. Für die allermeisten Menschen ist Weihnachten ein Fest der Erinnerung. Gedanken gehen zurück. Und wenn die Vergangenheit, die Kindheit und Jugend, die Zeit als junge Familie als gut und beglückend empfunden wurde, dann hat man den Wunsch, das möge immer so bleiben und immer so sein. Und wenn die Erinnerungen traurig und belastend sind, dann möchte man sich wenigstens jetzt davon absetzen und alles anderes machen. Auch bei mir geht in der Weihnachtszeit der Blick öfter zurück als sonst im Jahr. Das mag auch daran liegen, dass der Keim des Weihnachtsfestes alle Jahre wieder eine Erinnerung an ein Ereignis ist, das wir uns alle bildhaft vorstellen können und das in der Lebenswelt so vieler Menschen eine Entsprechung hat: ein Kind wird geboren. Und in diesem Kind bündeln sich viele Hoffnungen und Erwartungen. Klar, die Geburt wird ausgeschmückt erzählt. Und der Herbergswirt, die Engel, Hirten, Weisen aus dem Morgenland und all das andere Personal tragen dazu bei, dass schöne Krippenspiele in Kirchen auf der ganzen Welt aufgeführt werden können, dass Krippen in Kirchen und zu Hause schön dekoriert werden können. Aber der Kern der Erinnerung ist der: ein Kind wird geboren und auf diesem Kind ruhen ganz viele Hoffnungen. Menschlich. Weihnachten ist vielleicht wirklich das menschlichste all unserer Feste. Erinnerung an den Anfang des Lebens, an dem alles noch möglich schien. Und dieses Kind in der Krippe, das lebt ja auch von der Erinnerung. Menschen erinnerten sich an Worte, die Männer Gottes, Propheten lange vor seiner Geburt sagten. Und plötzlich schienen für manche diese Worte in diesem Kind wahr zu werden. So auch die Worte, die der Prophet Micha über 700 Jahre vor der Geburt dieses Kindes sagte und die für den 1. Weihnachtstag in diesem Jahr Predigttext sind:

1 Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. 2 Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. 3 Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. 4 Und er wird der Friede sein.

Es war einmal – eine Zeit, in der diese Worte wahr wurden? Im Bewusstsein, von Gott dazu beauftragt worden zu sein, hat Micha den Menschen in Israel diese Worte nach einem katastrophal verlorenen Krieg gesagt. Der Krieg wurde angezettelt, weil die Könige sich in ihren Phantasien, eine Großmacht zu werden, verkalkuliert hatten und, vor allem, weil es im Land nicht mehr gestimmt hat. Arme wurden ausgebeutet und unterdrückt, die Reichen wurden auf Kosten der Armen immer reicher und der Glauben an Gott verkam zu einem Ritual für Feiertage. Keine gute, alte Zeit. Diesen verzweifelten Menschen macht Micha neue Hoffnung. Einer wird kommen. Und die Menschen werden sicher wohnen. Und er wird der Friede sein. Und dann, gut 700 Jahre später, fingen Menschen an, in Jesus die Erfüllung dieser Hoffnung zu sehen. Und jetzt, noch einmal 2000 Jahre später? Können wir sagen: es war einmal, eine Zeit, in der alles unfriedlich war, aber jetzt, gut 2000 Jahre nach Christi Geburt, ist das alles vergessen, hat sich alles erledigt. Jetzt wohnen die Menschen sicher und in Frieden, denn er hat ja den Frieden gebracht, so wie es die Engel den Hirten sagten: Frieden auf Erden! Können wir das sagen: Es war einmal, die böse alte Zeit, jetzt haben wir die gute Zeit des Friedens und des sicheren Wohnens? Ich denke, gerade wenn ich die Worte Michas höre und lese, daran, was Soldaten in Afghanistan, denen das vielleicht auch heute in einem Weihnachtsgottesdienst im Lager in Kundus gepredigt wird, über diese Worte denken. Ich denke an unsere christlichen Brüder und Schwestern im Irak, in Palästina. Wie hören sie wohl diese Worte? Frieden und sicheres Wohnen, das scheint für sie unendlich weit weg zu sein. Und wir brauchen gar nicht so weit weg zu gehen. Sicher wohnen – wie werden dieses Versprechen die Wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen hören, die sich in der Tagesaufenthaltsstätte der Diakonie in der Gisselberger Str. treffen? Wie werden es die Menschen auf dem Richtsberg hören, die sich unsicher fühlen, wenn viele dunkel gekleidete Jugendliche mit Kapuzenpullis dastehen und sie an ihnen vorbei müssen? Frieden – wie werden das diejenigen hören, die mit ihren Eltern im Streit leben, die gerade dabei sind, sich vom Lebenspartner zu trennen, die in der Schule oder am Arbeitsplatz gemobbt werden und die sich deshalb schon davor fürchten, wenn die Feiertage wieder vorbei sind? Sicher wohnen, Frieden haben – davon sind wir manchmal im Kleinen, bei uns selbst, im eigenen Leben, in der eigenen Familie, ganz sicher aber im Weltmaßstab immer noch sehr, sehr weit entfernt.

Und trotzdem feiern wir Weihnachten, alle Jahre wieder. Nicht als Fest einer schönen, harmonischen Vergangenheit, sondern als Fest des Anbruchs der Zukunft. Weihnachten setzt keinen Schlusspunkt hinter die Verkündigung der Propheten Israels, Weihnachten setzt einen Doppelpunkt. Die Verheißungen, die bis dahin auf den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat, bezogen sind, sollen endgültig im Weltmaßstab gelten.

Frieden hat Jesus gebracht: Frieden zwischen Gott und den Menschen. Gott verzichtet auf Rache, Gott lädt alle ein, auch die Menschen mit Not und Schuld. In Jesus, in dem Kind in der Krippe, im Mann der Verkündigung, der Heilungen, im geschundenen Menschen am Kreuz und in seiner Auferstehung zeigt uns Gott, dass er seinen Frieden mit der Welt gemacht hat. Mit unserer Welt, die nicht gerade so ist, wie sie nach seinem Willen sein sollte. Weil er uns die Freiheit gegeben hat, eigenen Wege zu gehen. eigene Wege, die oft genug auch von ihm, von seinem Frieden wegführen. ER wird der Friede sein. Ja, die Erfüllung dieser Verheißung von Micha dürfen wir in Jesus Christus glauben. Friede zwischen Gott und den Menschen. Was oft genug fehlt, ist der Friede zwischen uns Menschen und zwischen uns Menschen und Gott. Der Friede zwischen uns und Gott, den wir oft nicht verstehen. Trotz seiner Offenbarung in Jesus scheint uns Gott manchmal der ganz Ferne zu sein. Dann, wenn wir Leid begegnen, eigenem und fremden. Dann, wenn wir zweifeln, ob die Hoffnung, ob der Glaube, den wir haben wirklich ausreicht. Friede zwischen uns und Gott fehlt – und vor allem Friede zwischen uns Menschen. Weil wir immer wieder glauben, unseren Platz im Leben selbst behaupten zu müssen – gegen andere. Weil wir oft genug unser Leben als einen Kampf um die beste Position, um das höchste Ansehen, um Vorteile für das eigen Leben verstehen. Weil wir glauben, unseren Platz nicht sicher zu haben, sondern weil uns unser Platz im Leben bedroht scheint. Dabei will Gott uns sicher wohnen lassen. Gerade in Jesus hat er uns gezeigt, dass wir um unseren Platz nicht kämpfen müssen, dass wir da sein dürfen. Gott will uns und das Leben. In Jesus hat sich Gott von Anfang an ganz besonders den Menschen zugewandt, denen Lebensrecht und Lebensraum abgesprochen wurde. Kranken, Kindern, Frauen, Menschen am Rand der Gesellschaft. Vor allem auch denen, die durch eigene Schuld sich vom Frieden mit Gott und den Menschen entfernt haben. Gott gibt in Jesus Raum zum Frieden. Raum, in dem Menschen sicher wohnen können. Wie wir Menschen diesen Lebensraum gestalten, das liegt eben auch an uns. Ob wir diesen Raum annehmen, anderen Räume öffnen, Frieden leben – oder ob wir weiter kämpfen, streiten, verzweifeln. Es liegt an uns – auch wenn wir wissen, dass wir es nicht perfekt hinkriegen und dass wir nicht fertig werden mit dem Frieden und dem sicheren Wohnen. Das kann allein Gott herstellen. Es war einmal – nein, das ist nicht die Botschaft von Weih-nachten. Kein Rückblick auf eine gute alte Zeit. Es ist – das ist ein Teil der Botschaft. Es ist Zeit, sich zu freuen, Zeit, das Geschenk, den Frieden, den Lebensraum, den Gott uns durch Jesus schenkt, anzunehmen. Es ist – und: es wird. Gottes Welt ist im Werden. Nicht gegen uns, nicht an uns vorbei, sondern mit uns. Er ist der Friede – und in seinem Namen und auf ihn hin dürfen wir, mit aller Vorläufigkeit und mit allen Rückschlägen Schritte auf dem Weg des Friedens gehen. Und sicher wohnen. In diesem Leben. Amen

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Nach Hause kommen - Homecoming - Christmette 2010

Die Ansprache wurde inspiriert vom Predigttext der Reihe III, 2. Samuel 7,1-16, ohne dass dieser Text explizit auftaucht, von dem Bild "Der brennende Dornbusch" von Nicolas Froment, dass als Klappkarte verteilt wird und allen Strophen des Liedes "Stille Nacht"

Liebe Gemeinde!

Weihnachten heißt: Nach Hause kommen! Für ganz viele Menschen in einem nahezu wörtlichen Sinn. Zurückkom-men an den Ort der Kindheit, in das Haus, in dem man aufge¬wachsen ist. Wenn ein Gottesdienstbesuch dazuge-hört, dann möglichst in der Kirche, in der man schon als Kind war. Und wenn dieses örtliche nach Hause Kommen aus verschiedenen Gründen zu schwer oder nicht mehr möglich ist, dann heißt nach Hause kommen zu Weihnachten für andere, zu den Menschen zu kommen und mit den Menschen zu feiern, die ein Gefühl des Zuhauseseins schenken können. Weihnachten bringt weltweit Millionen Menschen in Bewegung. Und nicht die Weihnachtsflüchtlinge prägen das Bild auf den Bahnhöfen, Autobahnen und an den Flughäfen, sondern die Nachhausekommer. Dieses nach Hause kommen ist nicht immer einfach. Es treffen unterschiedliche Erwar-tungen aufeinander, nicht immer glücklich, es gibt Enttäuschungen. Aber es gibt auch viel Gelingen und Ge-borgenheit. In diesem Miteinander von Unterwegssein und nach Hause kommen, von enttäuschten Erwartungen, vom Festhalten an alten Erinnerungen und vom guten Gelingen von Begegnung und Zusammengehörigkeit bildet sich für mich der Sinn des Weihnachtsfestes, der Sinn dieser Nacht ab.

Gott kommt nach Hause. „Er kam in sein Eigentum“, so beschreibt es Johannes in seinem Evangelium. Er will nicht der Gott sein, der fern von den Menschen ist, sondern: wo die Menschen sind, da will Gott sein, da ist er zu Hause. Gott kommt nach Hause. Im Kind in der Krippe, da lässt er sich finden. Aber er ist ein Gott, der immer wieder im Kommen ist. Auf einer Reise wird Jesus geboren. Nicht in einem festen Zuhause, das ein für allemal sein Haus wäre und in dem er verehrt wird. Unterwegs, ohne festes Zuhause, so ist Jesus. Wo wäre denn auch sein Zuhause? In Bethlehem, im Stall, den er mit seinen Eltern bald wieder verlassen hat? In Nazareth, wo er den größten Teil seiner Jahre auf dieser Welt zugebracht hat? Unterwegs bei den Menschen auf seiner Reise durch Galiläa, Samaria, Judäa? In Jerusalem, wo sich in Kreuz und Auferstehung vollendet, was in seiner Menschwerdung begann? Gott kommt nach Hause – und er bleibt doch der Gott ohne festes Zuhause, der Gott unterwegs. Unterwegs mit Menschen, unterwegs zu den Menschen. Gott bindet sich nicht an Orte, an denen er sich finden lässt, er bindet sich an Menschen. Gerade in der Heiligen Nacht ist mir das wichtig. Der Mensch gewordene Gott ist heute Nacht in der Thomaskirche nicht näher und nicht ferner als in der Elisabethkirche oder im Petersdom oder in der Geburtskirche in Bethlehem. Er ist unter der Brücke, die Obdachlosen wenigstens den Rest von einem Dach über den Kopf gibt, genauso nah wie in der Wohnung der Rentnerin, die über den Verlust des Mannes und des Sohnes und die kaputtgegangene Beziehung zu den Enkeln trauert. Gott kommt nach Hause – zu den Menschen. Wir können ihn nicht an einem Ort festbinden. Nicht sozialromantisch dort, wo große Not ist, aber auch nicht in der vollen Kirche mit gut inszenierter Kirchenmusik. Gott will bei uns Menschen sein. Das ist die Botschaft dieser Nacht. Und wie jedes nach Hause kommen, so trägt auch dieses die Möglichkeiten zu Enttäuschungen und zum Gelingen in sich. Gottes nach Hause kommen enttäuscht – im wahrsten Sinn des Wortes. Es befreit die Menschen von der Täuschung, dass Gott nur für besonders fromme und besonders perfekte Menschen da wäre. Es befreit von der Täuschung, dass Gott in Reichtum und Prunk zu verehren und zu finden sei. Es enttäuscht die Erwartung vom machtvollen König, der kommt, genauso wie die Erwartung vom bedingungslosen Kämpfer. Das Kind in der Krippe enttäuscht die Erwartung, dass Gott mir mein Leben abnimmt. Nein, es sagt durch sein Dasein zu uns: „Nimm mich an. Ich lebe nicht an deiner Statt, sondern du darfst und kannst mit mir gemeinsam leben.“ Die Hoffnung, dass mit dem Messias Gottes Reich gleich perfekt hergestellt wird und Schöpfer und Schöpfung in vollendeter Harmonie leben könnten, wird enttäuscht. Gottes Reich ist im Werden, so wie das Kind heranwächst und Geschichte hat und macht. Aber diese Enttäuschungen eröffnen Möglichkeiten, dass das Nachhause Kommen Gottes Gelingen schenkt. Leben, das heil wird, weil erfahren werden kann: auch da, wo Schuld ist, werde ich geliebt und wird Vergebung möglich. Krankheit schließt nicht von Menschlichkeit aus. Gerade im Blick auf Menschen mit Behinderungen ist mir das ganz wichtig in einer Zeit, in der „behindert“ eines der beliebtesten Schimpfworte unter jungen Menschen zu sein scheint. Das nach Hause Kommen Gottes schenkt Gelingen – dann, wenn auch ich spüren kann, dass die Wege und Umwege, die mein Leben hat, die Sackgassen, die Abbrüche von Gott begleitet sind. Weihnachten dürfen wir ganz bei uns sein, weil Gott ganz zu uns kommt. Nicht wir müssen ihm Häuser bauen, sondern er baut uns ein Haus. Kein Haus aus Ziegeln oder Beton. Ein lebendiges Haus. In der Bibel und ihrer Sprache bezieht sich Haus auf die Menschen, die dazugehören. Je-sus, das ist denen, die uns sein Leben überliefert haben, wichtig, Jesus gehört zum Haus Davids, dem Gott ewigen Bestand versprochen hat. Das Haus Davids, das wurde gleichbedeutend mit dem Volk des ersten Bundes, Israel, benutzt. Jesus schließt uns die Tür zu diesem Bund der Gnade und des Friedens auf, er nimmt uns mit hinein in dieses Haus. Gott baut uns ein Haus in dieser Nacht von Bethlehem, er schenkt uns ein Zuhause. Deshalb dürfen wir gerade in dieser Nacht zur Ruhe kommen, bei uns sein. Ich möchte ihnen und euch heute Nacht eine Karte mit einem Bild schenken, das für mich dieses Hineingenommensein, dieses Zuhause sein bei Gott und unterwegs sein in der Welt, den tiefen Sinn dieser Nacht ganz ungewöhnlich ausdrückt. Zu sehen ist erst einmal ein Hirte mit einer Herde und einem Engel. Aber dieser Hirte ist keiner vom Feld bei Bethlehem, sondern Mose. Wenn man die Karte aufklappt, sieht man einen brennenden Dornbusch. Die Bibel erzählt, dass Gott sich dort Mose offenbart hat. Ich werde dasein, als der ich da-sein werde, ICH-BIN-DA. Mit diesen Worten gibt sich Gott Mose zu erkennen. So soll Mose von Gott reden. Und da sein wird er als Kind in der Krippe, als Sohn der Maria, als Jesus. Das ist, so malt es der Künstler, das Zentrum des brennenden Dornbuschs. Jesus ist Gott auf dem Weg mit uns Menschen und zu uns Menschen. So, wie Matthäus in seinem Evangelium die Worte Jesajas aufnimmt, die in der aufgeklappten Karte zu lesen sind: Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. „Gott sucht unsere Wohngemeinschaft. Er prüft uns nicht, ob wir wert sind, ihn aufzunehmen. Es hängt nicht von uns ab, ob er bei uns einzieht.“ (Zitat: Anne- Kathrin Kruse, Christnacht, in: GPM 65/1, 53) Gott kommt zu uns, damit wir zu uns finden können. Gott baut uns ein Haus, ein Zuhause, nicht aus Steinen, sondern aus Menschen, aus Liebe, aus Gnade. Damit wir Ruhe finden, Kraft, Wege zu gehen, neue Wege. Für mich selbst drückt sich ganz viel von dem, was diese Nacht ausmacht, in dem Lied aus, das wir gleich und dann nach dem Segen singen Werden. „Stille Nacht, heilige Nacht“, das wohl bekannteste Weihnachtslied der Welt. Ich habe es lang für süßlichen Kitsch gehalten. Bis ich gelernt habe, dass wir Menschen auch ganz einfache Worte und Melodien brau-chen, mit denen Gott Herzen erreicht. Worte und Melo-dien, die vertraut sind, die ein Zuhause auf Zeit geben, aus dem ich aufbrechen darf und Wege gehen darf. Von Weihnachten in den Alltag. Und vor allem bis ich die Strophen entdeckte, die zu dem Lied gehören, die aber nicht im Gesangbuch stehen.

Stille Nacht! Heilige Nacht! /Wo sich heut alle Macht /Väterlicher Liebe ergoß / Und als Bruder huldvoll um-schloß /Jesus die Völker der Welt! / Jesus die Völker der Welt!

Jesus als Bruder der Völker der Welt. Gott lässt sich nicht in ein Land einsperren, er ist nicht nur für mich, mein Volk da.

Stille Nacht! Heilige Nacht! / Die der Welt Heil gebracht, / Aus des Himmels goldenen Höh’n / Uns der Gnade Fülle läßt seh’n / Jesum in Menschengestalt! / Jesum in Men-schengestalt!

Die Fülle der Gnade, der Reichtum des Himmels wird im Menschen Jesus sichtbar. Gott kommt nach Hause, auf diese Welt, in diese Welt, damit wir Heimat finden. Heimat im Unterwegssein. Weihnachten bringt Menschen in Bewegung. Nachhause. Gebe Gott, dass wir Teil dieser Bewegung sein und bleiben dürfen. Gebe Gott, dass wir zu ihm und zu uns finden, dass wir unser Zuhause auf dem Weg finden. Gebe Gott, dass wir auch anderen helfen, die an der Bewegung zu verzweifeln drohen, die ein Zuhause suchen und doch keins finden, helfen, Nachhause zu kommen. Nachhause zu Gott, der in Jesus sein Zuhause bei uns hat. Amen.

Lass mich doch in Frieden - Krippenspiel und Kurzansprache, Hl. Abend 2010

Hier das Krippenspiel:
Erzähler: Der Kaiser Augustus wollte wissen, wie viele Menschen in seinem Reich leben. Deshalb schickte er seine Soldaten und Beamten in alle Städte seines Landes. Sie verkündeten:



„Jeder von euch soll in die Stadt gehen, in der er geboren wurde, jeder Mann und jede Frau. Dort müsst ihr euch in Listen eintragen lassen, damit alle Leute gezählt werden können.“


Die Leute hörten zu, was die Soldaten verkündeten, und machten sich auf die Reise, denn dem Kaiser musste man gehorchen. Sie packten ein paar Sachen zusammen und zogen los: die Reichen mit einem Pferd oder einem Wagen, manche hatten vielleicht einen Esel oder einen Ochsenkarren, aber die meisten gingen sicher einfach zu Fuß. Du kannst dir sicher vorstellen, was das für ein Gedrängel auf den Straßen war.


Wenn die Leute an ihrem Zielort angekommen waren, waren sie natürlich müde und hungrig. Sie mussten an den Volkszählungs¬büros furchtbar lang anstehen und sogar am nächsten Tag noch einmal wiederkommen. Die Reise war ja so lang gewesen, dass sie nicht am gleichen Tag wieder zurücklaufen konnten. Ganz viele wollten in einem Gasthaus zu Abend essen und übernach¬ten. Für die Wirte war das ein gutes Geschäft. So einen Andrang hatten sie schon lange nicht mehr. Aber es war halt auch furcht¬bar viel Arbeit. Und so hatten die Wirte schon Grund zum Stöh¬nen, wie auch der Wirt, von dem ich heute erzählen will.


Wirt: schaut vor die Tür


So ich glaub, das war’s. Heute kommt keiner mehr. Es ist ja auch schon dunkel. Da ist bestimmt niemand mehr unterwegs.


Außerdem ist mein Gasthaus voll bis aufs letzte Bett. Sogar mein eigenes Bett hab ich vermietet. Ich schlafe heute hier auf dem Gästebett neben der Tür.


War das ein Stress heute. Und jetzt bin ich furchtbar müde. Bin ich froh, dass ich jetzt endlich auch ins Bett gehen kann.


Erzähler: Nichts schätzte der Wirt so sehr, wie einen ruhigen, ungestörten Schlaf.


Schlafmusik instrumental: Seht die gute Zeit ist da


Josef u. Maria kommen von hinten durch die Mitte


Josef: Maria, schau, da vorn ist ein Gasthaus. Jetzt ist es nicht mehr weit.


Maria: Hoffentlich haben sie noch ein Zimmer für uns frei. Ich bin so müde. Klopfen an die Tür


Wirt: Wacht auf, stöhnt, kommt an die Tür und macht auf


Was wollt ihr denn noch so spät?


Josef: Wir suchen ein Zimmer für die Nacht.


Wirt: Gähnt Kein Zimmer frei!


Maria: Aber wir sind müde! Wir sind schon Tag und Nacht unterwegs!


Wirt: Es gibt nur noch den Stall hinterm Haus. Hier habt ihr zwei Decken. Füllt die Anmeldung aus.


Josef: Schreibt Vielen Dank und gute Nacht. Gehen hinter die Bühne


Wirt: Liest Maria und Josef aus Nazareth.


Erzähler: Der Wirt schloss die Tür, legte sich ins Bett und schlief weiter.


Schlafmusik instrumental: Seht die gute Zeit ist da


Josef: Kommt von hinten und klopft


Entschuldigung, dass ich noch einmal störe, aber könnten Sie uns noch eine dritte Decke leihen? Eine kleinere?


Wirt: Da. Eine kleinere Decke.


Josef: Dankeschön! geht zurück hinter die Bühne.


Erzähler: Der Wirt schloss die Tür, legte sich ins Bett und schlief weiter.


Schlafmusik instrumental: Seht die gute Zeit ist da


Sternengel mit Stern kommt von hinten und klopft an die Tür


Wirt: Macht auf und ist geblendet


Sternengel: Entschuldigung, ich suche einen Stall, der muss hier ganz in der Nähe sein, Josef und Maria ...


Wirt: Das hat mir grade noch gefehlt! Der Stall ist hinterm Haus.


Sternengel: Vielen Dank! Geht hinter die Bühne


Erzähler: Er schloss die Tür, legte sich ins Bett, zog sich die Decke über den Kopf, weil er bei der Helligkeit sonst nicht einschlafen konnte und schlief weiter.


Schlafmusik instrumental: Seht die gute Zeit ist da


Lied Gemeinde: Kommet, ihr Hirten (EG 48,1-3)


Hirte 1: Hast du auch den Engel gesehen?


Hirte 2: Nein, welchen Engel?


Hirte 3: Ein Engel war bei uns auf dem Feld. Alles war ganz hell. Auf einmal ist der da gestanden und hat gesagt: “Fürchtet euch nicht.“


Hirte 1: Ich hab mich aber trotzdem gefürchtet.


Hirte 3: Er hat gesagt: Heut ist Gottes Sohn geboren. Ihr findet ihn in Windeln gewickelt in einer Krippe in einem Stall.


Hirte 2: In welchem Stall? Hier sind so viele.


Hirte 3: Er hat gesagt, ein Stern steht drüber.


Hirten schauen sich um.


Hirte 1: Ich seh keinen.


Hirte 3: Ich auch nicht.


Hirte 2: Da vorn ist ein Gasthaus. Wir fragen einfach.


Hirten klopfen


Wirt: Was ist denn jetzt schon wieder?


Hirte 1: Wir sind drei Hirten.


Wirt: Na und? Was ist los? Die Schafe verloren?


Hirte 2: Wir suchen einen Stall.


Hirte 3: Da drüber müsste ein Stern stehen.


Wirt: Brüllt Hinterm Haus!


Hirten: Danke! gehen hinter die Bühne


Erzähler: Er schloss die Tür, legte sich ins Bett und schlief weiter.


Schlafmusik instrumental: Seht die gute Zeit ist da

Lied Gemeinde: Wisst ihr noch wie es geschehen EG 52, 1+4


bei der 2. Stophe (= Strophe 4) kommen die 3 Könige von hinten durch die Mitte


Kaspar: Ich kann den Stern nicht mehr sehen.


Melchior: Er sollte uns doch den Weg zu dem neugeborenen König weisen.


Balthasar: Es muss aber hier irgendwo sein. Ich habs genau ausgerechnet.


Kaspar: Und wo ist er dann bitteschön?


Melchior: Hier ist ein Gasthaus. Wir fragen nach dem Weg. klopft


Wirt macht auf und ist sauer


Melchior: Edler Mann, entschuldigt die Störung, aber wir suchen einen Stern. Haben Sie vielleicht...


Wirt: schreit Im Stall hinterm Haus!!!


Melchior : Entschuldigung. Gehen hinter die Bühne


Erzähler: Der Wirt knallte die Türe zu, legte sich ins Bett und schlief weiter.


Schlafmusik instrumental und Gesang Kinder: Seht die gute Zeit ist da

Lied Gemeinde: Vom Himmel hoch, da komm ich her EG 24, 1 3+5


Engel kommen während des Liedes von hinten durch die Mitte und verschwinden hinter dem Vorhang


Engel: Flöten vor der Türe


Wirt: Hält sich die Ohren zu


Engel: Gehen hinter die Bühne


Wirt geht vor die Tür und schimpft


Aus! Schluss! Jetzt reicht’s! Was ist heut Nacht bloß los? Da kann ja kein Mensch schlafen! Jetzt schau ich nach, was da los ist und beschwer mich!


Geht los


Erzähler: Er stampfte ums Haus stürmte zum Stall und wollte gerade losbrüllen, als ...


Vorhang auf


alle: „Psst!“,


einer: Du weckst das Baby!


Wirt: „Baby?“ ungläubig


einer: Ja, heute Nacht ist ein Baby geboren.


Wirt: Ach ja? brummig und beugt sich ärgerlich über die Krippe.


Erzähler: Und in diesem Moment schien sein ganzer Ärger unbegreiflicherweise einfach so davonzufliegen!


Wirt: Oh!, erstaunt Ist es nicht wunderschön?


Erzähler: Und er weckte alle Gäste in seinem Gasthaus auf, denn auch sie sollten in den Stall kommen und dieses ganz besondere Baby anschauen.


Wirt geht herum und holt die Kinder nach vorne


Lied Gemeinde: Seht die gute Zeit ist da, EG 18,1+2; im Kanon mit Instrumenten
 
Und hier die Ansprache:
Liebe Gemeinde!


Schlag die Tür nicht so laut zu! Der poltrige Wirt wird auf einmal ganz ruhig, als er das Baby in seinem Stall sieht. Eben war er noch genervt vom ganzen Trubel um ihn herum, da wollte er nur seine Ruhe haben. Und jetzt, da wird er ganz ruhig. Schlag die Tür nicht so laut zu! Klingt erst einmal ja ganz selbstverständlich, wenn es um neugeborene Kinder geht. Kennt jeder, der mit kleineren Geschwistern groß geworden ist oder in dessen Haus ein Baby war oder ist. Schlag die Tür nicht so laut zu – dieses eigentlich so selbstverständliche ist der erste Schritt zum Frieden. Das hat Franz von Sales, der vor ungefähr 400 Jahren in Frankreich gelebt hat, einmal jemandem gesagt, der wissen wollte, was er für den Frieden tun könne. Für mich ist das, wie wir gerade auch gesehen haben, ein Teil der Botschaft von Weihnachten. Schlag die Tür nicht so laut zu – Frieden fängt nicht erst da an, wo keine Waffen mehr benutzt werden, sondern da, wo ein Mensch auf den anderen Rücksicht nimmt. Frieden fängt da an, wo ich mich darauf einlassen kann, dass jemand meine Hilfe, meine Rücksicht, meine Umsicht braucht. Frieden fängt da an, wo ich den anderen nicht durch Lärm und Poltern und Geschrei beeindrucken will, sondern wo ich auf ihn zugehen kann, wo ruhig und klar geredet, geliebt und viel-leicht auch mal gestritten werden kann. „Frieden auf Erden“, das ist die Botschaft, die die Engel den Hirten mitgeben, bevor diese in den Stall gehen und im Kind in der Krippe, in einem ganz normalen Baby Gott entdecken. Frieden, das ist das, was dieses Kind, was Gott, der sich in diesem Kind zeigt, den Menschen geben möchte. Aber er tut das nicht dadurch, dass er sich groß aufspielt, mit viel Macht und Panzern und Waffen und Strafen droht, sondern indem er sich ganz klein und ganz hilfsbedürftig macht. Frieden fängt eben nicht ganz oben an, sondern ganz unten. Bei jedem von uns. Groß und Klein. Türen kann jeder leise zu machen. Das Kind nicht stören, das Poltern lassen, sich anstecken lassen davon, dass Gott als hilfsbedürftiger Helfer in diese Welt kommt. Es ist gar kein so neuer Blick auf die Welt, den Gott uns an Weihnachten schenken und öffnen will. Es ist die Erinnerung an die eigene Menschlichkeit. Gott wird Mit-Mensch, damit wir mitmenschlich sein und bleiben können, damit wir unsere Menschlichkeit neu entdecken. Gott bringt uns Frieden und stiftet uns zum Frieden an. Im Großen wie im Kleinen. Beginnen wir doch im Kleinen. Die Großen und die Kleinen. Indem wir Türen nicht zuschlagen, sondern öffnen, indem wir wahrnehmen, was der andere braucht und was wir brauchen, damit wir friedlich miteinander leben können. Indem wir nicht darauf warten, dass der andere anfängt, sondern indem wir anfangen, den Frieden, den Gott uns in dem Kind in der Krippe schenkt, einfach zu leben.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Wegbereiter - 3. Advent, 12.12.10, Reihe III

Text: Lukas 3,1-14
Die Predigt wurde von Juliane Schneider, Mitarbeiterin im Konfirmandenunterricht, mit vorbereitet und mit gehalten

Liebe Gemeinde!


Juliane: Nach dieser langen Aufzählung, in welche Zeit dieses Geschehen einzuordnen ist, kommt das Wichtigste: Das Wort geschah zu Johannes. Gott hat zu Johannes gesprochen und ihm einen Auftrag gegeben. Dieser Satz ist entscheidend. Johannes hat nicht aus sich heraus die Idee, durch die Gegend zu ziehen und zur Buße aufzurufen. Er ist auch kein Spinner, der sich irgendetwas Verrücktes ausgedacht hat. Nein, Gott hat Johannes einen Auftrag gegeben. Sein Auftrag war es, ein Wegbereiter von Jesus zu sein und zur Buße, das heißt zum Bekennen der Sünden aufzurufen. Johannes ist bereit, sein bisheriges Leben für diesen Auftrag zu ändern. Bisher hat er abgeschieden in der Wüste gelebt, war vielleicht bei einigen Leuten als Eigenbrötler bekannt, aber hatte wahrscheinlich nicht viel mit Menschen zu tun. Dann spricht Gott zu ihm und gibt ihm eine Aufgabe. Auf einmal hat er einen Sinn. Und er ändert seine Lebensweise vom abgeschiedenen Eigenbrötler zu einem, der den Menschen etwas zu sagen hat. So heftig ist das, wenn Gott in ein Leben spricht!!

Johannes hat diesen Auftrag bekommen, bevor die Menschen Jesus kannten. Johannes war der Wegbereiter für Jesus. Er sollte die Menschen darauf vorbereiten, dass Jesus bald kommen würde und ihren Glauben und ihre Leben auf den Kopf stellen würde.

Heute ist der 3. Advent. Wir befinden uns genau in einer solchen Vorbereitungszeit für Jesus. An Weihnachten erinnern wir uns daran, dass Jesus als Gottes Sohn den Himmel verlassen hat und als schwaches Baby auf die Erde gekommen ist. Wir befinden uns aber auch noch in einer anderen Zeit. Jesus hat versprochen, dass er wieder auf die Erde kommen wird. Dann jedoch nicht als schwaches Baby, sondern als mächtiger Herrscher, als König.

Wir befinden uns also in einer Zeit, die darauf wartet, dass Jesus wieder kommt. Wir sind gerade in einer sehr ähnlichen Situation wie Johannes damals. Damals warteten die Menschen auf den Erlöser, heute warten wir als Christen auch auf den Erlöser. Also darauf, dass er ein zweites Mal kommt und uns mit in sein herrliches Reich nimmt.

Der Auftrag, den Gott Johannes damals gegeben hat, war: Sei ein Wegbereiter von Jesus. Sage allen, dass sie sich für Jesus baldige Ankunft bereit machen sollen! Dieser Auftrag gilt auch für uns. So wie Johannes sein bisheriges Leben hinter sich gelassen hat und bereit dazu war, den Sinn seines Lebens völlig neu festzulegen und auf Gott auszurichten, so sollen auch wir, wenn wir Nachfolger von Jesus werden, bereit sein, dem Auftrag Gottes zu folgen und unser altes Leben komplett hinter uns lassen. Wir sollen von nun an für Gott leben.

Wie geht das? Wie können wir Wegbereiter für Jesus sein und im Auftrag des Herrn unterwegs sein?? Unser Auftrag in dieser Zeit ist es, so zu leben und vorzuleben, als ob Gottes Himmelreich schon hier auf der Erde wäre. In der Bibel gibt es viele Vergleiche, wie es dort aussehen wird, wohin Jesus uns Christen mitnimmt, wenn er das zweite Mal kommt. Kranke sind dort nicht mehr krank, es gibt keine Enttäuschungen, keine Einsamkeit, niemand wird angelogen oder betrogen. Es gibt keine Außenseiter oder Mobber. Es gibt dort keine Armen und Reichen. Und vor allem werden wir alle in ganz enger Gemeinschaft mit Gott leben. Genial, oder?

Wenn wir jetzt also den Auftrag von Gott haben, so zu leben, als wäre dieses Himmelreich schon jetzt da, dann haben wir den Auftrag, für Kranke zu beten, damit sie wieder gesund werden, niemanden zu enttäuschen, zu belügen oder zu betrügen, sich mit Außenseitern und Einsamen anzufreunden, niemanden zu mobben, als Reicher den Armen etwas abzugeben und schon jetzt in ganz enger Gemeinschaft mit Gott zu leben. Der Auftrag kann jedoch auch heißen, anderen Menschen von Jesus zu erzählen, damit auch sie später in diesem herrlichen Reich wohnen können. Es kann heißen, einen Hauskreis zu gründen, wo es um Jesus geht oder auch als Missionar nach Afrika oder China zu reisen, um den Menschen dort von Jesus zu erzählen. Gott hat also große Dinge mit uns vor. Die Frage ist nur, ob wir bereit dazu sind.

Uli: Ja, Gott hat Großes mit uns vor. Und die Frage ist auch für mich: sind wir wirklich bereit dazu? Mindestens zwei Dinge sind dabei wichtig. Zum einen ist es wichtig, den Blick für den ersten und den zweiten Schritt zu behalten, und nicht vor lauter Großem, was einen ja vielleicht auch überfordern kann, das Kleine, das groß wird, aus dem Blick zu verlieren. Jesus selbst vergleicht den Glauben mit einem ganz kleinen Senfkorn, aus dem eine große Pflanze wächst. Gott selbst zeigt sich als einfacher, hilfsbedürftiger Mensch, in einem Baby, aus dem ein großer Neuanfang seiner Liebe zu uns entsteht. Nicht jeder ist geeignet, als Missionar in die Fremde zu gehen. Und Mission, das hört sich für viele verstaubt und vorgestrig an. Mission, hinweisen auf die Kraft der Liebe Gottes, das heißt zu-erst mal das, was Johannes hier deutlich macht: „Lebt so, dass niemand unter euch leidet“. Das ist es, was er den Soldaten und den Zöllnern als Ratschlag gibt. Was sich so einfach anhört, ist im Alltag schwer genug. Menschen tun einander weh. Körperlich, materiell, seelisch. Im Kleinen und im Weltmaßstab. Der Wohlstand in Europa, in der entwickelten Welt hängt immer noch daran, dass viel zu viele Menschen keinen gerechten Lohn für ihre Arbeit bekommen. Man könnte noch mehr Beispiele finden. Der erste Schritt, missionarisch, auf die Liebe Gottes hinweisend zu leben, ist es, den anderen, der mir anvertraut ist, der mir begegnet, in den Blick zu nehmen. Für mich hier auf dem Richtsberg wird das in vielen Beispielen ganz praktisch. Da gibt es Menschen, die sorgen dafür, dass sich in den Häusern, in denen sie wohnen, was tut, dass es da nicht wie der letzte Dreck aussieht. Da gibt es Menschen, die haben schon vor langer Zeit angefangen, sich um Kinder zu kümmern, die in ihren Familien manchmal nicht richtig wahrgenommen werden. Es sind die kleinen Schritte, die kleinen Anfänge, aus denen Großes wächst. „Lebt so, dass niemand unter euch leidet.“ – Ein Anfang.

Neben diesem Blick für den kleinen Anfang gehört als Zweites für mich Bereitschaft dazu, sich selbst, den Glauben, die eigenen Selbstverständlichkeiten hinterfragen zu lassen. Johannes sagt den Leuten, die zu ihm kommen: Nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Vielleicht auf den ersten Blick merkwürdig. Aber eigentlich kann man das ganz leicht übersetzen: Lebt eure Berufung! Verlasst euch nicht auf das, was ihr schon seid, sondern lebt es auch! Gott hat ja seinen Bund der Liebe mit dem Volk Israel, mit den Juden, geschlossen. Mit Abrahams Kindern. Gott hat, sichtbar in der Taufe, auch einen Bund mit uns geschlossen. Er verspricht, da zu sein. Er verspricht Liebe und Vergebung. Die Antwort, die anscheinend viele Menschen zur Zeit von Johannes gegeben haben, war: „Toll, Gott, dass du für uns da bist. Wir machen dann mal, was wir wollen, du musst uns ja liebhaben, wir sind doch Abrahams Kinder.“ Und viel-leicht ist das auch eine Antwort, die ich als Getaufter zu oft gebe: „Danke Gott, dass du für mich da bist. Aber ich bin dann mal weg und mach, was ich will!“ Lebe deine Taufe. Lebe die Liebe, mit der du geliebt wirst. Lass dich fragen, ob das, was du tust und lässt, dieser Liebe entspricht. Sei kritisch mit dir selbst. Und bleib nicht bei dir stehen. Nimm die Welt in deinen Glauben mit hinein. Gerade die erste Antwort, die Johannes der Menge gibt, als sie fragt, was sie tun sollen, zeigt das: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es geht nicht nur um das persönliche Seelenheil, es geht um Gerechtigkeit in der Welt. Glauben schaut nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Für mich ist das die Botschaft, die Johannes uns auch heute noch mitgibt.

Und da merke ich, dass es gut ist, dass Johannes nicht Gottes letztes Wort ist. Johannes bereitet das vor, was durch Jesus zu Ende gebracht wird. Johannes macht auf das aufmerksam, was nicht in Ordnung ist. Er hält den Menschen schonungslos den Spiegel vor. Jesus hilft uns, diesen schonungslosen Blick auf uns, auf unser Versagen auch auszuhalten. Johannes zeigt uns unsere Wunden, unsere Verletzungen und die, die wir anderen zufügen. Und Jesus verbindet und heilt sie. Die Botschaft, die er uns von Gott zeigt, ist die: Ich liebe dich trotz deiner Schuld, trotz allem, was nicht in Ordnung ist. Du darfst neu anfangen. Mach was draus. Wir brauchen beides: Den, der die Wunden aufzeigt und den, der sie verbindet und heilt. Sind wir also bereit, für das Große, das Gott vorhat und das so klein beginnt? Ich wünsche uns, dass wir in diesem Advent Großes erleben. Dass wir erleben, wie aus Not Segen werden kann, wie Kleines groß wird, wie ein ehrlicher Blick auf Schwächen und Schuld neue Liebe wachsen lässt. Gott hat Großes mit uns vor. Durch Liebe, in Liebe. Gott sei Dank.

Amen.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Katastrophale Hoffnung - 2. Advent, 5.12.2010, Reihe III

Text: Matthäus 24,1-14

Liebe Gemeinde!


Morgen kommt der Nikolaus und in knapp drei Wochen das Christkind. Da gibt’s Geschenke für alle, die lieb waren – und wer war das nicht? Kleine und große Geschenke, die Freude machen sollen. Und hoffentlich tun sie das auch. Vorfreude, sie gehört zum Advent. Und Ruhe, Besinnlichkeit, Kerzen, Tee, Plätzchen, Glühwein, Freunde, Familie. Ja, es soll so sein, wie es das Christkind aus dem offenen Himmelstor Knecht Ruprecht in Theodor Storms Gedicht entgegenruft: „Alt‘ und Junge sollen nun / von der Jagd des Lebens einmal ruh’n“.

Und dann, mitten in diese schönen Erwartungen hinein, kommt so eine katastrophale Rede von Jesus, die so gar nicht zur Adventsstimmung passt und erstmal überhaupt nicht auf Weihnachten einstimmt. Sie ist ziemlich ungemütlich. Kriege, Naturkatastrophen, Hungersnöte, Hass und Abfall vom Glauben, falsche Propheten, kein Stein bleibt mehr auf dem anderen, die Welt wird zu Grunde gehen. – Alle schlechten Nachrichten des zu Ende gehenden Jahres scheinen in dieser Rede von Jesus vorzukommen. Angefangen vom Erdbeben in Haiti über den nicht enden wollenden Krieg in Afghanistan, die Terrorgefahr und die Erfahrung, dass Christen durchaus noch verfolgt werden - offen im Irak oder Nordkorea, versteckt durchaus auch da, wo Menschen lächerlich gemacht werden, die sich aus ihrer christlichen Überzeugung heraus für mehr Gerechtigkeit in Schule, Wirtschaft, in der Gesellschaft einsetzen – bis hin zu den Auswüchsen, dass Menschen sich als Christen bezeich-nen, aber dann Menschen, die anders oder gar nicht glau-ben, Rechte absprechen und sich nicht für Gerechtigkeit und Liebe, sondern für Intoleranz und Abgrenzung ein-setzen. Muss das sein, im Advent, in der Kirche? Kann man da nicht die gute Nachricht weitersagen? Erholung vom Alltag, der anstrengend genug ist – dafür ist die Kir-che doch da, oder etwa nicht? Gute Nachrichten – so wie es das Wort Evangelium, das ja nichts anderes heißt, ver-spricht!

Ja, gute Nachrichten! Ja, dafür ist Jesus da. Und alle, die behaupten, von Jesus zu reden, müssen sich, gerade in dieser Zeit, auch daran messen lassen, ob sie die gute Nachricht wirklich weiter sagen. Und die gute Nachricht ist die: Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen. Wir Menschen, ob Christen oder nicht, neigen dazu, den Augenblick für das Ganze zu nehmen. Wir neigen dazu, in unseren Grenzen und Schubladen zu denken und zu bleiben. Da bleibt we-nig Raum für Hoffnung. Da bleibt wenig Raum für Weite. Jesus will Mut zur Hoffnung machen. Er will nicht, dass Menschen sich von den Schwierigkeiten, die es im Alltag gibt, gefangen nehmen lassen und das für die ganze Wirk-lichkeit nehmen. Wenn wir von der Gegenwart her den-ken, dann gibt es tatsächlich wenig Grund zur Hoffnung. Grund zur Hoffnung gibt es nur, wenn wir mit Jesus von der Zukunft her denken. Ganz deutlich macht das der Wochenspruch für den 2. Advent, den wir nachher noch mal hören: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht (Lk 21,28). Wer den Kopf gesenkt hält, der wird nur einen schmalen Bereich um sich herum wahrnehmen. Auswege, Hoffnungen, all das wird dort schwer zu finden sein. Seht auf, macht den Blick weit. Erhebt den Kopf – lasst ihn nicht hängen. Erlösung ist nahe. Hoffnung ist nahe. Hoffnung ist nahe – und sie kann gesehen werden, wenn die Augen vor dem nicht zugemacht werden, was Hoffnung schwer macht. Erlösung ist nahe – und sie kann erhofft werden, wenn wir, auch wir Christen, uns frei machen von dem Gedanken, dass wir uns selbst erlösen müssten. Diese so ungemütliche, scheinbar so unadventliche Rede Jesu ist eigentlich ein richtig adventlicher Aufruf, auf das Kommen Gottes zu warten. Nicht dadurch, dass wir, ich oder du oder sie als Christ in ein stilles, gemütliches Kämmerlein gehen und dort still und heimlich die ungemütliche Wirklichkeit überleben, sondern in dem wir uns auch der ungemütlichen Wirklichkeit bewusst werden und beharrlich bei dem bleiben, was dem Leben dient.

Bevor Jesus seinen Jüngern von dem erzählt, was der totalen Umgestaltung der Welt vorausgeht, geschieht etwas, was ganz leicht überhört wird. Jesus zieht aus dem Tempel aus und er blickt zurück und sagt: Da wird kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Man kann es sich leicht machen und sagen, dass Matthäus das in Anlehnung an die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 aufgeschrieben hat. Aber es geht, denke ich, um etwas Grundsätzliches. Die feste Grenze, die Mauer, zwischen dem Bereich, in dem Gott ist, und der Welt wird brüchig. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen. Das Allerheiligste ist nicht mehr ummauert, sondern geht in die Welt. Ein Segen – aber nicht nur. Unsicherheit macht sich breit. Was ist denn nun Gottes Welt? Was ist denn christlich? Wann wird denn offenbar, wie die Welt nach Gottes Willen sein soll? Die Jünger wollen gern Berechnungsgrundlagen. Sie wollen sichere Zeichen, an denen sie erkennen, dass Jesus wiederkommt. Aber Jesus entlässt sie in die Unsicherheit. Die konkreten Beispiele, die er nennt: Kriege, Hungersnöte, falsche Propheten, kalt werdende Liebe, sind so konkret, dass sie in jedem Jahr, zu allen Zeiten zu finden sind. Jederzeit, tagtäglich ist Zeit, in der Glauben schwer fällt. Und immer wieder ist dieser Blick vom Ende her, von der Hoffnung her nötig, um an der Gegenwart nicht zu verzweifeln. Das Aufsehen auf die Erlösung. Kein Stein bleibt mehr auf dem anderen, das Allerheiligste zieht in die Welt – und macht sich dadurch verwechselbar. Uneindeutig. Wie kann das sein, fragen vielleicht manche jetzt. Christen sollen doch unverwechselbar sein, eindeutig in dieser Welt. Gott soll doch eindeutig zu erkennen sein! Jesus warnt vor falschen Propheten, vor Christussen und Christussis, die so etwas versprechen. Er warnt davor, eine erlöste Welt vorzugaukeln, wo so vieles noch auf Erlösung wartet. In dieser Welt, die noch nicht vollendet ist, die darauf wartet, dass die in Christus erschienene Liebe sich endgültig durchsetzt, ist es immer wieder verführerisch, einen einfachen Weg, der einfache Lösungen verspricht, zu predigen. Jesus spricht selbst davon, dass diejenigen, die in seinem Sinn leben, das oft gar nicht richtig erkennen. Wann haben wir dich hungrig, im Gefängnis, nackt, bedürftig gesehen? So fragen die Menschen. Wenn Christus einfach und eindeutig zu erkennen wäre, dann wäre diese Frage nicht nötig. In dieser Welt ist Gott, ist Christus verborgen. Wer einfache Wege verspricht, der führt von Christus weg. Aber auch die Ungerechtigkeit, die Menschen ja immer wieder erfahren, kann von Christus wegführen. Weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten, so heißt es im Predigttext. Alltag, glaube ich. Ich kenne es gut, auch von mir selbst. Die erste Begeisterung, voller Liebe, und dann die Erfahrung, dass eben nicht alles so läuft, wie es richtig wäre. Reiche werden immer reicher und Arme immer ärmer. Unschuldige leiden und Schuldige werden nicht bestraft. Krankheiten fressen Menschen auf, die es in meinen Augen nicht verdient haben. Wozu noch lieben, glauben, hoffen? Ungerechtigkeit lässt Liebe kalt werden. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen. Ja, eigentlich bleibt uns nichts anderes. Beharrlich sein. Beharrlich Gott auf seine Verheißungen, seine Liebe, seine Erlösung ansprechen. Beharrlich der Versuchung widerstehen, vorschnelle Antworten zu geben. Beharrlich nicht vom eignen Tun und Lassen die Vollendung zu erwarten. Martin Luther hat Gott mit einem glühenden Backofen voll Liebe verglichen. Gebe Gott, dass wir uns nicht verheizen und ausbrennen, indem wir nur auf unsere Liebe und unsere Möglichkeiten vertrauen, sondern dass wir diesem Back-ofen zutrauen, unseren immer wieder anzufeuern. Nicht ausbrennen – vielleicht ist das nötig, damit die Hoffnung, auf die hin und von der her wir leben, da bleiben kann. vielleicht braucht es dazu auch manchen adventlichen Rückzug in Wohlfühloasen, in Ruheräume für Leib und Seele. Nicht, damit die Wirklichkeit geleugnet wird und wir so tun, als wäre alles schon fertig, sondern damit die Hoffnung nicht stirbt und wir in dieser unerlösten Welt leben können. Damit wir getrost aufstehen, die Häupter erheben und die nahende Erlösung sehen können. Nicht im Nikolaus und auch nicht im Christkind, das Geschen-ke unter den Weihnachtsbaum legt, sondern in Christus, dem Kind, dem Mann, dem Sohn Gottes, der uns die Freiheit schenkt, Kind Gottes sein zu dürfen. Die Freiheit, leben zu dürfen. Voller Liebe, in einer Welt, die nicht immer liebevoll ist. Nicht nur im Advent.

Amen.

Sonntag, 21. November 2010

Alles neu! - Ewigkeitssonntag, 21.11.10, Reihe II

Text: Offenbarung 21,1-7
Liebe Gemeinde!


Alles wird neu, anders, besser. Diesmal nutze ich die Chance. Ich lerne mehr in der Schule, verspricht Niki. Ich häng nicht mehr mit den Leuten rum, die mich runterziehen. Ich will nicht mehr so viel Ärger haben und nicht mehr so viel Ärger machen. Ich mache was aus meinem Leben. Alles wird neu, anders, besser. Ich trink nicht mehr, verspricht der Mann. Ich trinke nicht mehr, ich kümmere mich um Arbeit. Und ihr müsst keine Angst mehr haben, dass ich um mich schlage, wenn ich voll bin. Alles wird neu, anders, besser. Ich betrüge dich nicht mehr, ich gehe nicht mehr fremd. Ich stehe zu dir, zu unserer Familie. Gib uns noch eine Chance. Alles wird neu, anders, besser. Yes, we can. Ja, gemeinsam schaffen wir es, unser Land, die Welt besser, sicherer zu machen. Ich zeige euch den Weg. Alles wird neu, anders, besser. Ich will jetzt wirklich ernst¬haft an Gott glauben, ganz auf Jesus vertrauen. Ich will nicht mehr wie früher gleichgültig sein oder über Leute, die an Gott glauben, lächeln. Alles wird neu, anders, besser. Und wie lange? Was ist, wenn die Freunde nur noch „Streber“ sagen, einen schneiden, von tollen Wochenenden erzählen, an de¬nen Niki selbst nur gelernt hat? Was ist, wenn statt der er¬hofften Arbeit nur Absagen kommen, wenn Meinungsverschiedenheiten da sind und das Gefühl, dass alles zu viel wird? Was ist, wenn einem die Kumpels abends in der Kneipe sagen, dass die Evi gut im Bett ist und nur auf ihn wartet, er kann das doch? Was ist, wenn die politische Wirklichkeit kommt und Wahlkampfversprechen mühsamen Kompromissen wei-chen? Wie ist das, wenn eine schwere Krankheit und der quälende Tod eines geliebten Menschen dann doch Zweifel an dem gütigen Gott aufkommen lassen? Alles wird neu, besser, anders – tatsächlich für immer oder nur bis zur ersten, zweiten oder spätestens dritten Schwierig-keit?

Menschen zweifeln, wenn ihnen versprochen wird, dass alles neu, anders, besser wird. Weil sie bei anderen und bei sich selbst aus eigener Erfahrung merken, dass die Kraft zu wirklicher Veränderung oft nicht lang anhält und dann alles weiter geht wie gewohnt – manchmal eben wirklich alles andere als gut. Menschen zweifeln. Aus Enttäuschung. Über sich selbst, über andere. Und weil wir Menschen die Erfahrung machen, dass Veränderungen manchmal sehr weh tun. Gerade heute. Alles wird anders – 29 Namen werden gleich vorgelesen. 29 Namen von 29 Menschen, die in unserer Gemeinde seit dem letzten Ewigkeitssonntag gestorben sind. 29 Menschen, die fehlen. 29 Leben von Kindern, Ehemännern und Ehefrauen, Geschwistern, Verwandten, Freunden, die sich geändert haben. Was soll das Gerede von einem neuen Himmel, einer neuen Erde, wenn ein wichtiger Teil des eigenen Lebens unter diesem Himmel und auf dieser Erde fehlt? Wieder so eine Vertröstung, „alles wird gut“, wo doch nichts gut ist? Wieder so ein Warten, das kein Ende nehmen will? Nein, vertrösten und von harter Wirklichkeit ablenken wollen diese Worte aus der Bibel nicht. Sie wollen helfen, über eine harte und traurige Welt hinauszusehen und Gott mehr zuzutrauen, als Menschen je zu tun in der Lage wären. Der Seher Johannes, eine Art Prophet, schreibt vor diesem Bild von einer schönen, neuen Welt in ganz viel düsteren Bildern, die den neuen Harry Potter und alle düsteren Filme, die je im Kino gelaufen sind, weit in den Schatten stellen, von der Wirklichkeit der Christen seiner Zeit. Von Verfolgung und Bedrohung. Von Lebensgefahr. Von der Schwäche, aus Angst Gott und sich selbst zu verraten. Von der Gleichgültigkeit. Und er schreibt von dem Leid, das durch Hass, Rache, Gleichgültigkeit und aus der Erfahrung, dass wir Menschen unser Leben ganz und gar nicht im Griff haben, entsteht. Er schreibt davon in Bil-dern, die schwer zu verstehen sind. Er redet nichts schön. Er macht den Menschen nicht vor, dass sie nur ganz fest glauben müssten und schon bliebe ihnen das alles erspart. Im Gegenteil. Oft scheint es ja denen, die nicht auf Gott vertrauen, die zynisch leben, die sich am Leid und der Angst anderer freuen, besser zu gehen. Denen, die skrupellos andere ausnutzen, damit sie im Vorteil sind. Denen, die sagen, es ist doch nicht schlimm, wenn ein Mensch stirbt, eine Ansammlung von Molekülen weniger in dieser Welt, mehr nicht. Denen, die vor Krieg, Vergewaltigung, Menschenhandel und Mord nicht zurückschrecken, um Gewinn zu machen. Denen, die mit dem Tod Geschäft machen und aufgeschnittene Körper ausstellen, die den Menschen als eine Art Maschine sehen. Nein, schonungslos wird die Wirklich-keit erzählt. Zu der Leid und Trauer gehören. Leid, Trauer, Zweifel, auch einem, der noch so fest und vertrauensvoll glauben kann, bleibt das nicht erspart. Im Vertrauen auf die neue Wirklichkeit, die Gott in Jesus hat anbrechen lassen, schreibt Johannes aber auch von dieser neuen Welt. Johannes erzählt davon, dass Gottes Ziel für das Leben nicht ist, dass wir im Sumpf der Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit, der Trauer und des Verlustes steckenbleiben oder uns nur an ein irgendwie schöneres Gestern klammern könnten, weil alles, was kommt, nur schlechter als die Vergangenheit sein könnte. Nein, es gibt eine Zukunft. Eine Zukunft, von der nur in Bildern erzählt werden kann. Eine Zukunft, die ans Licht bringen wird, was wirklich stark ist. Es gibt eine Zukunft, die die Hoffnung auf eine gute, gerechte Welt, auf einen Sieg des Lebens rechtfertigt. Gott wird mitten unter den Menschen wohnen: siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er selbst wird bei ihnen wohne. Gottes Hütte oder, so kann es auch übersetzt sein, Zelt. Ein Bild, das auf das Alte Testament zurückgeht. Gott, so erzählt die Bibel, zog wie in einem Zelt mit dem Volk Israel. Wo dieses Zelt, diese Hütte auf der langen Wanderung von Ägypten in das gelobte Land aufgeschlagen wurde, da war Gott wirklich da. Eine tolle Vorstellung und für mich die Grundlage des Glaubens. Gott wohnt nicht in einem Palast oder im Himmel, sondern mitten unter den Menschen. In Jesus hat er das ganz deutlich gemacht. In ihm war Gott in dieser Welt, in diesem Leben erfahrbar. Nicht weit weg. Nicht wir müssen uns auf einen weiten Weg zu Gott machen, sondern bevor wir uns aufmachen, hat Gott sich schon zu uns aufgemacht. Gott kommt zu uns. Und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Der Tod behält nicht das letzte Wort. Das Leben im Glauben ist kein Leben ohne Tränen und ohne Leid, aber ein Leben, das wissen darf, dass Trost wartet. Auch in Zeiten, in denen er noch so fern zu sein scheint. Das alles steht un-ter der Verheißung: Siehe, ich mach alles neu! Der, der das von sich sagt, Gott, macht alles neu. Er ist es, der die Hoffnung wachhält, dass sich Leben lohnt, dass sich Ge-rechtigkeit und Frieden durchsetzen, dass Leid und Unterdrückung ein Ende haben. Er macht alles neu. Wo Menschen alles neu machen wollen, wo Menschen endgültige Erlösung versprechen, wird es schiefgehen. Wir Menschen bleiben mit unseren Möglichkeiten begrenzt. Das, was wir tun, wird nie perfekt sein und unglaublich viel Leid entsteht dadurch, dass Menschen andere mit Gewalt zu ihrem Glück oder zu einem Glauben zwingen wollen, der angeblich glücklich macht. Wir Menschen müssen und dürfen uns nicht an Gottes Stelle setzen und absolute Herrschaft über das Leben und Sterben anderer ausüben wollen. Wir können uns gegenseitig keine endgültige Erlösung verschaffen. Was wir können ist es, zu hoffen und aus dieser Hoffnung heraus zu leben. Vorzuleben, was dem Leben dient, weil das Leben von Anfang an Gottes Wille ist. Die Zukunft hat begonnen. Sie ist noch nicht da, noch nicht fertig. Wir dürfen an der Zukunft, an Gott Zukunft für die Welt mit bauen. Durch Vertrauen, das wir trotz aller Versagenserfahrungen uns gegenseitig schenken. Weil wir hoffen dürfen, dass Gott auch das, was scheitert, zum Guten führen kann. Wir dürfen mit bauen, mitarbeiten, besser machen. Aber wenn wir glauben, es fertig machen zu müssen, werden wir uns und die Menschen, die mit uns leben, letztlich wirklich fertigmachen und scheitern.

Es ist nicht die Erfahrung, die dafür spricht, dass alles anders, besser, alles neu wird. Gute Absichten scheitern. Menschen verletzen sich gegenseitig, weil wir nicht in der Lage sind, perfekt zu sein. Es ist nicht die Erfahrung, die uns Hoffnung schenkt. Zu oft erfahren wir, das Leben abbricht, das Abschied weh tut. Es ist der hoffende Glaube, das Vertrauen, das Gott wirklich A und O ist, Anfang und Ende, dass Gott alles Reden, Tun und Handeln umfasst. In ihm ist der Anfang und das Ziel des Lebens und das Ziel ist gut. Das Ziel liegt im Leben, das Gott schenkt. Im Leben, das getröstet und gut ist. Das Ziel ist ein Geschenk. Wir können darauf hin leben und glauben. Mit Rückschlägen und Umwegen. Wir müssen es nicht zwingen. Wir dürfen leben.

Amen

Sonntag, 14. November 2010

It's the Hope, Stupid... - Hoffnung ist (fast) alles?!, Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 14.11.2010, Reihe II

Text: Römer 8,18-25
Liebe Gemeinde!


Können Sie sich an die Zeit vor 35000 Jahren erinnern? Kleine Gedächtnishilfe: damals entstanden die allerersten Höhlenmalereien. Mitten in der Steinzeit. Lange her. Natürlich jenseits unserer Vorstellungskraft. Aber in 35000 Jahren wird das Plutonium, das heute als Atommüll aus unserem Stromverbrauch eingelagert wird, immer noch lebensgefährlich strahlen. Menschen haben letztes Wochenende gegen diesen Müll demonstriert. Allein der Polizeieinsatz hat so viel Geld gekostet, dass 1600 Familien, die Hartz IV bekommen, ein Jahr lang davon unterstützt werden könnten. Jeden Tag verschwinden Regenwaldflächen von der mehrfachen Größe Marburgs für immer. Jeden Tag sterben in Eritrea, Somalia und Äthiopien unzählige Menschen an Hunger und vermeidbaren Krankheiten, weil dort Krieg geführt wird. Christen im Irak werden immer häufiger bedroht und umgebracht, die Welt schaut staunend zu, auch wir Christen in sicheren Ländern. Auch 65 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs und der Massenvernichtung von Juden und Andersdenkenden gibt es immer noch genügend Menschen, die Menschen mit jüdischer Religion als Unglück für unser Volk ansehen und die sich mehr oder weniger heimlich einen neuen Hitler wünschen, der für Ordnung sorgt. Keine Angst, ich habe die Predigt nicht mit den Fernsehnachrichten, mit hart aber fair, Anne Will oder Menschen bei Maischberger verwechselt. Es geht nicht um politische Propaganda. Es geht nicht darum, dass ich als Pfarrer jetzt erst mal allen sagen will, was richtig und was falsch ist. Es geht um das Erbe, das Paulus uns mit dem hinterlassen hat, was er an die Gemeinde in Rom lange vor unserer Zeit geschrieben hat. Als Christ, noch dazu als Pfarrer, bekomme ich öfter mal zu hören: „Weißt du, die Bibel, das ist doch was für das Privatleben. Eigentlich gar nicht mehr aktuell. Fürs stille Kämmerlein und die seelische Erbauung in schlechten Zeiten vielleicht gut.“ Das, was Paulus im 8. Kapitel des Römerbriefs schreibt, hat aber mit Rückzug ins stille Kämmerlein und mit Beschränkung auf die eigene Seele rein gar nichts zu tun. Er macht den Blick ganz weit. Es geht eben nicht nur um mich und meine Seele, um meine Familie, meine Kirche oder mein Land, mein Volk. Mit Jesus hat Gott ein Zeichen der Hoffnung für die ganze Schöpfung aufgerichtet. Die Hoffnung, die Erlösung, die Liebe, macht vor den Grenzen, die wir immer wieder gern ziehen, nicht halt. Seine Liebe, die Erlösung durch ihn, ist maß- und grenzenlos. Gott nimmt die Welt, die Schöpfung in den Blick. Und als Christ, als Mensch, der sich zu Jesus bekennt, der auf ihn seine Hoffnung setzt, kann ich deshalb die Augen nicht vor der Welt zu machen. Der Theologieprofessor und Pfarrer Karl Barth soll vor ungefähr 90 Jahren mal sinngemäß gesagt haben: als Pfarrer, als Christ, muss ich immer die Bibel in der einen und die Zeitung in der anderen Hand haben. Heute würde man vielleicht sagen, mit einem Auge muss ich in die Bibel und mit dem anderen ins Internet und ins Fernsehen schauen. Es geht darum, dass ich die Welt sehe, wie sie ist, wahrnehme, was in der Welt los ist. Denn diese Welt ist Gottes Welt. Diese Welt ist es, der Gott Erlösung verspricht. Nicht meine kleine, private Welt, in der ich es mir so einrichte, dass es mir passt. Wer mit offenen Augen, Ohren und Herzen in der Welt unterwegs ist, der hört ganz bestimmt eine Menge von dem Seufzen der Schöpfung, der bekommt etwas mit vom ängstlichen Warten darauf, dass sich endlich mal was zum Guten ändert. Und das ist ja nicht nur bei anderen und irgendwo in der Welt so. Auch im eigenen Leben gibt es manches, was Angst macht. Ich erspare mir, euch und ihnen mal, Beispiele aufzuzählen. Gott sei es geklagt, viel zu viel ist da, wo Erlösung dringend nötig ist. Aber ich glaube, über alle ganz persönlichen Probleme und Angstmacher hinaus gibt es zwei, drei Dinge, die grundlegend Angst machen und die Paulus in diesen Versen aus dem Römerbrief auch anspricht.

Da ist einmal die Erfahrung der Vergänglichkeit. Leben in dieser Welt hat ein sichtbares Ende. Und von Menschen, die für mein Leben wichtig sind, muss ich immer wieder Abschied nehmen. Und zuletzt sicher auch von dem Wunsch, ewig jung und kraftvoll bleiben zu können und ohne Leid leben zu können. Nichts von dem, was Menschen sich in ihrem Leben aufbauen, bleibt ewig.

Zum anderen ist da, und das hängt mit der Erfahrung der Vergänglichkeit zusammen, das Erleben des Gefühls von Überforderung und auch Resignation. Von mir selbst kenne ich ganz gut den Gedanken: „Ich muss anpacken, ich muss selbst dafür sorgen, dass das was wird.“ Und dann merke ich doch mehr oder weniger schnell, dass ich eben nicht jedem das geben kann, was er braucht und mich nicht für jedes Problem, das dringend ist, einsetzen kann. Manche wollen vielleicht auch die Hilfe, die ich anbieten kann, gar nicht. Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, wer sich nicht von vornherein gegen alles abschirmt und sagt: das geht mich nichts an, der wird heute mit einer solchen Fülle von Nachrichten, Eindrücken und Möglichkeiten bombardiert, dass es er sich schnell ganz klein und ohnmächtig fühlt und sich dann doch aus Frust, nicht alles, was wichtig ist, tun zu können, zurückzieht. Paulus verabreicht uns aber durch das, was er hier im Römerbrief schreibt, eine Art Frustschutzmittel.

Erstens erwartet er nicht von Christen, dass sie Super-männer und Superfrauen sind, die sich für alles einsetzen und perfekt sind. Wir stehen als Christen in einer Reihe mit der ganzen Schöpfung, die auf die Erlösung wartet. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes, schreibt er. Zweitens ist die Offenbarung der Herrlichkeit, das Ende aller Leiden, die Vollendung zum Guten nichts, was Menschen herstellen können. Auch noch so gute Christen nicht. Wir alle unterliegen der Vergänglichkeit. Alles, was wir tun und lassen ist vorläufig, nicht ewig. Wo das verwechselt wird, wo Menschen sich anmaßen, allein die Welt zum Guten bringen zu können, ist Diktatur und Unterdrückung nicht weit. Gottesstaaten, Führerstaaten, der Sozialismus mit menschlichem Gesicht – alle Versuche, als Mensch vollkommenes Glück, und sei es auch nur für das eigene Volk oder die eigene Glaubensgemeinschaft, herstellen zu wollen, scheitern und führen zu Gewalt, Maßlosigkeit und Unterdrückung. In Nord-Korea und im Iran, in China, früher in der Sowjetunion, erst recht in Deutschland zur Zeit der Nazis, aber auch in dem Gottesstaat, der vor fast 500 Jahren in Genf eingerichtet wurde oder bei den Verfolgungen von sogenannten Ketzern oder Hexen. Wo Menschen Erlösung herbeizwingen wollen bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke. Heute, am Volkstrauertag, wird vielerorts an die Opfer solcher Unmenschlichkeit, von Krieg, Nazidiktatur und Stalinismus erinnert. Zu Recht. Damit wir nicht ver-gessen, wohin es führt, wenn Menschen sich an Gottes Stelle setzen. Und sei es manchmal auch angeblich im Namen Gottes. Nicht ich, nicht wir müssen letzte Erlösung schaffen. Der zweite Teil des Frustschutzmittels Römerbrief.

Der dritte Teil ist die Hoffnung, von der Paulus erzählt. Die Hoffnung, dass die Herrlichkeit Gottes alle Leiden überstrahlt, nicht ungeschehen, aber erträglich macht. Die Hoffnung, dass wir und mit uns die Welt durch Gott von allem Leiden, von aller Vorläufigkeit und Vergänglichkeit erlöst wird. Eine Hoffnung, die manchmal dem widerspricht, was sichtbar ist. Hoffnung als Widerspruch gegen das, was als normal, als unabwendbar hingestellt wird. Ein, wie ich finde, schöner Gedanke. Auch bei dem, was offene Augen einem alles zeigen: die ungelösten Fragen beim Atommüll, Gewalt und Leid in Kriegen, Verfolgungen wegen des Glaubens, Menschen, die glauben, andere zu Menschen zweiter oder dritter Klasse machen zu müssen. Hoffnung als Widerspruch gegen das Sichtbare. Paulus macht uns Mut, so zu hoffen. Wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. So schreibt es Paulus. Hoffnung. Nicht, weil wir Träumer sind, die ihre Augen vor der Wirklichkeit zumachen. Sondern weil wir wissen, dass die Wirklichkeit, die Gott schenken wird, mehr bringt als das, was wir kennen und uns vorstellen können. Hoffen, nicht, in dem wir unsere Hände in den Schoß legen oder mit Gewalt unsere Hoffnung durchsetzen. Sondern in dem wir uns für das Leben, das Gott bereit hält, einsetzen. Ohne dabei unseren Willen mit Gottes Willen zu verwechseln. Was in 35000 Jahren sein wird, wissen wir nicht. Aber wir können heute Hoffnung leben und so Zeichen für das Leben setzen.



Amen

Sonntag, 7. November 2010

Ich bin... - Wirklich? Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 7.11.2010, Reihe II

Predigttext: Römer 14,7-9
Eingangsdialog

Lisa: Wer bin ich?
Marcel: Na, Lisa natürlich!
Lisa: Das weiß ich selbst! Aber wer bin ich eigentlich?
Marcel: Du bist fast meine Nachbarin und die Tochter von Sabiene Kellermann.
Lisa: Ja, schon klar. Aber das reicht doch nicht! Ich bin doch mehr!
Marcel: Also gut, von mir aus: du bist die Schwester von Maurice und Raphael, du bist Schülerin der Martin-Luther-Schule, du bist Konfirmandin…
Lisa: Das weiß ich doch, aber da muss doch noch mehr sein! Wer bin ich denn wirklich?
Marcel: Also, da kann ich dir jetzt auch nicht weiterhelfen. Wer du bist, wer soll das denn wissen, wenn du das nicht weißt?

Liebe Gemeinde!

Spinnereien von Jugendlichen, Haarspaltereien, Kleinkram – so kann man das Gespräch von Lisa und Marcel abtun. Typisch Pubertät, nicht mehr richtig Kind, längst noch nicht erwachsen, irgendwo dazwischen, da ist man halt verwirrt und fragt sich so komisches Zeug, wer man denn nun ist. Ja, als Erwachsener, da muss man im Leben stehen und wissen, wer man ist. Aber weiß ich wirklich, wer ich bin? Der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der im Konzentrationslager saß, weil er ein Attentat auf Hitler vorbereitete und der von den Nazis umgebracht wurde, hatte da auch als Erwachsener so seine Zweifel. Er schrieb an einen Freund: Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß? Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer? Bin ich beides zugleich? Wer bin ich? Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! Klar, auch bei ihm könnte man sagen: der hat halt im Gefängnis zu viel Zeit zum Nachdenken gehabt und das KZ hat ihn unsicher gemacht. Als Erwachsener weiß man, wer man ist. Kann man sagen. Man. Ich nicht. Zu vielfäl-tig ist das, was mich zu dem gemacht hat, der ich im Moment bin. Und meine Eltern nehmen mich anders wahr als meine Frau. Meine Schüler anders als die Menschen im Altersheim, die ich besuche. Und was denke ich über mich? An Tagen, an denen alles klappt und ich net-ten Menschen begegne oft, dass ich ein ganz guter Kerl bin. Aber leider gibt’s auch andre Tage. Mit dem Ich ist das doch so eine Sache. Keiner von uns kommt als unbe-schriebenes Blatt zur Welt. Nicht nur genetisch geben uns unsere Eltern etwas mit. Und die Umgebung, in die wir hineinwachsen, lässt uns auch nicht unberührt. Niemand kann was für seine Eltern. Und trotzdem steht schon eine Menge auf unserem Lebensblatt, wenn wir die ersten Atemzüge außerhalb des Mutterleibes machen. Eine Menge können wir dann selbst auf das Blatt unseres Le-bens schreiben. Aber es ist schlicht falsch, einfach zu sagen: jeder ist seines Glückes Schmied und hat sein Schicksal selbst in der Hand. Wer bin ich also? Dietrich Bonhoeffer hat eine Antwort gefunden: Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott! Eine Antwort, die eigentlich schon viel älter ist als die fast 70 Jahre, die der Brief von Bonhoeffer an seinen Freund auf dem Buckel hat. Paulus schreibt nämlich in seinem Brief an die Gemeinde in Rom im 14. Kapitel: Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Ja, keiner lebt sich selber. Hört sich altmodischer an, als es ist. Keiner lebt, weil er das für sich selbst entschieden hätte, aus eigenem Antrieb und aus eigenem Willen. Und keiner lebt für sich allein. Binsenweisheiten. Aber es tut gut, sich immer mal wieder klar zu machen, dass es weder mein Verdienst noch meine Schuld ist, dass ich lebe. Und das alles, was ich tue oder lasse, auch Auswirkungen auf andere hat. Ich kann andere zum Lachen oder zum Weinen bringen, ich kann ihnen Gutes tun oder schaden. Selbst Gleichgültigkeit kann manchmal gut tun, wenn sie dem anderen zeigt: mach ruhig, was du für richtig hältst. Gleichgültigkeit kann aber auch schaden, weil eine eigentlich nötige Hilfe nicht geleistet wird. Keiner lebt sich selber – und keiner stirbt sich sel-ber. Scheinbar ganz banal: jeder Tod hat Auswirkungen auf das Leben von anderen, und sei es vielleicht auch nur dadurch, dass ein Platz in einem Seniorenheim frei wird, wenn keiner da ist, der wirklich trauert. Aber hinter beidem, hinter keiner lebt sich selber und hinter keiner stirbt sich selber steckt sehr, sehr viel mehr. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Dem Herrn leben, Gott zu leben, das heißt nicht, dass wir mit unserem Leben Gott dadurch eine Freude machen sollen, dass wir immer schön dass machen, wovon andere sagen, dass Gott es so will. Dem Herrn zu le-ben, das heißt, Gott die Ehre zu geben. Und zwar dadurch, dass wir unser Leben wirklich als unser Leben annehmen. Dadurch, dass wir die Verantwortung annehmen, die Gott uns für unser Leben gibt. Und dass wir daraufhin leben, der oder die zu werden, den oder die Gott in uns sieht. Typisch komplizierter Kling-Böhm-Satz, denken manche vielleicht mal wieder. Dem Herrn, also Gott, zu leben, das heißt erstmal, kein anderer sein zu wollen und Verantwortung für das Leben nicht abzuschieben. Eigentlich Trost und Freiheit. Ich bin was wert, auch wenn ich die Erwartungen meiner Eltern oder meiner Kinder, je nach Blickwinkel, nicht erfülle. Ich bin ein Christ, auch wenn ich nicht alles mache, von dem andere sagen, dass es unbedingt dazugehört. Wir leben nicht, um vor anderen gut da zu stehen, wir leben nicht, um von anderen geliebt zu werden, sondern um selbst zu lieben. Die Menschen und Gott. Wir leben, weil wir geliebt werden. Von Gott. Paulus schreibt seine Be-trachtung über das Leben und Sterben in einem ganz kon-kreten Zusammenhang. Ganz verkürzt könnte man sagen: es ging unter anderem darum, ob ich als Christ Fleisch essen darf oder nicht. Keiner von euch steht höher als der andere, schreibt Paulus dann. Jeder steht mit seinem Glauben und seinem Leben vor Gott. Jeder muss sich für sein Leben, für seinen Glauben verantworten. Gott schenkt uns Freiheit, und wenn du daraus ableitest, dass es keine Gebote über das Essen gibt, dann iss das Fleisch mit gutem Gewissen. Aber du hast es doch nicht nötig, andere zu provozieren. Wenn solche dabei sind, die sich dadurch angegriffen fühlen, dann halte dich ruhig auch mal zurück. Das sind doch alles vorletzte Dinge. Mach nichts wichtiger als es ist. Und wenn es für dich wichtig ist, kein Fleisch zu essen, dann akzeptiere auch, dass es für andere anders sein kann. Vor Gott muss sich der andere verantworten, nicht vor dir! Gelassenheit im Glauben, Gelassenheit im Umgang miteinander. Gelassenheit, nicht Gleichgültigkeit. Gelassenheit, aus der Liebe wachsen kann. Weil ich weder mich noch den anderen ständig umformen muss, sondern weil ich mich und mein Leben ganz Gott anvertrauen darf und weiß, dass der der andere das auch darf. Auch dann, wenn er ganz anders ist als ich. Ich glaube, dass diese Denkweise bis heute wichtig und leider immer seltener anzutreffen ist. Viel zu viel Energie wird aufs Rechthaben verschwendet und die fehlt dann beim rechten Handeln. Wer bin ich nun also? Da kann ich keine Antwort drauf geben. Niemanden. Denn die Frage kann nie abstrakt einfach so beantwortet werden. Immer nur in Beziehung. Wer bin ich – für mich, für meine Freunde, für meine Familie, für die Gemeinde, für den Menschen, der mir morgen früh begegnet? Und die Antworten werden ver-schieden ausfallen. Wer bin ich – am Ende lässt sich das nur von Gott beantworten. Niemand von uns überblickt sein Leben, sein Tun und Lassen, die Konsequenzen davon ganz und gar. Wer bin ich – ein Mensch. Dessen Leben einen sichtbaren Anfang und ein sichtbares Ende hat. Dessen Leben aber vor Gott und für Gott mehr ist als diese sichtbare Zeitspanne. Ein Mensch mit Freiheit und Verantwortung. Ein Mensch, der sich auf das verlassen darf, was Paulus auch schreibt: Dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über tote und Lebendige Herr sei. Gott lässt uns nicht im Tod, nicht in unserer Schuld stehen. Gott wird uns vor unser Leben, vor unsere Verantwortung, vor das Gelungene und vor die Schuld stellen. Wir werden die Konsequenzen sehen. Aber wir können sie tragen, weil Gottes Liebe, die er uns in Christus gezeigt hat, uns trägt. Wir können leben. Wir müssen dabei nicht ein anderer werden, sondern wir dürfen wir selbst werden. Weil Gott mein Leben will. Weil Gott mein Leben hält. Mein Leben. Und nicht ein fremdes Leben, das ich vorspiele, um anderen zu gefallen.
Amen