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Samstag, 26. November 2011

Hoffentlich ist das der letzte Advent! - 1. Advent, 27.11.11, Marginaltext

Text: Sacharja 9,9-12
Liebe Gemeinde!


Es ist mal wieder so weit – 1. Advent! Alle Jahre wieder. Manche konnten es sicher nicht abwarten. Endlich wieder Weihnachtsmarkt und Festbeleuchtung in der Stadt. Endlich wieder die Deko für die Wohnung rausholen. Plätzchen backen und gemütlich Tee und Kaffee trinken, passende Musik hören. Vorbereitungen treffen, Geschenke kaufen und sich was wünschen. Viele freuen sich auf diese Zeit. Viele – nicht alle. Manche fürchten sich vor dem Stress. Jetzt nur nichts vergessen, damit Weihnachten möglichst perfekt wird. Die Geschäfte sind übervoll. An so vieles muss gedacht werden. Adventsfeiern, zu denen gegangen werden muss, in der Schule jede Woche Arbeiten schreiben bis kurz vor den Ferien. Und manche fürchten sich davor, in diesen Tagen noch mehr als sonst zu spüren, dass für sie ganz wichtige Menschen fehlen. Vielleicht ist in diesem Jahr oder schon vor längerer Zeit ein lieber Mensch gestorben. Vielleicht ist eine Beziehung in die Brüche gegangen oder ein Umzug hat Freundeskreise erst mal gestört und vieles ist anders als sonst.

Es ist mal wieder so weit – 1. Advent, in vier Wochen ist Weihnachten. Schön oder schaurig. Alle Jahre wieder. Und alle Jahre wieder wird an diesem Tag die Aktion „Brot für die Welt“ eröffnet. Zum 53. Mal bittet die Kirche um Spenden für Menschen in anderen Ländern, deren Leben durch Hunger und anderen Mangel bedroht ist.

Es ist mal wieder so weit: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt er Herr der Herrlichkeit“ und „Tochter Zion, freue dich, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer“. Alle Jahre wieder. Lieder, Bibelverse, die einfach dazu gehören.

Alle Jahre wieder… - wirklich? Wie wäre es denn, wenn es diesmal nicht wie alle Jahre wäre? Wie wäre es denn, wenn die 53. Aktion „Brot für die Welt“ die letzte wäre? Nicht, weil wir geiziger wären oder weil es sich eh nicht lohnt und der Hunger nie besiegt wird, sondern weil es der letzte Advent wäre, in dem Menschen noch hungern und der letzte Advent, bevor wir erleben, was in dem Predigttext herbeigesehnt und versprochen wird: eine friedliche Welt ohne Krieg. Eine gerechte Welt, in der Reichtum nicht mehr zählt. eine Welt, in der Freiheit herrscht. Eine Welt, in der sich die Hoffnungen auf ein gutes Leben mit Gott erfüllen.

Wie wäre es denn, wenn nicht alle Jahre wieder Schönes und Schauriges, Wohliges und Trauriges je nach persönlichem Erleben im letzten Jahr und eigener Stimmung diese Zeit bestimmen, sondern endgültig alles tatsächlich gut wird? Zu schön, um wahr zu sein? Ein Märchen? Ein Gedankenspiel für Spinner, hoffnungslose Romantiker oder weltfremde Träumer? Ja, vielleicht. Aber vielleicht auch

Samstag, 19. November 2011

Lebensmüde oder Lebensmunter? _ Totensonntag, 20.11.11, Reihe IV (statt III)

Text: Phil 1,21-26 (Gedenktag der Entschlafenen, nicht Ewigkeitssonntag)

Liebe Gemeinde!


„Sterben ist für mich ein Gewinn“ – Was muss in einem Menschen vorgehen, damit er so etwas sagen kann? Denken lässt sich da ganz viel. Das könnte ein religiös durchgedrehter Attentäter sagen, der darauf hofft, dass er von zweiundsiebzig Jungfrauen im Paradies bedient wird, wenn er sich und andere in die Luft sprengt. Viel alltäglicher und viel trauriger wird dieser Satz aber, wenn ihn schwer kranke Menschen sagen, die vor lauter Schmerzen nicht mehr ein und aus wissen und einfach genug davon haben. Oder, für mich noch viel trauriger, wenn oft schon ganz junge Menschen keine Lust mehr haben, es mit dem Leben aufzunehmen. Manchmal ist das Gefühl da, das alles schief geht. Beziehungen, Freundschaften, Liebe – all das geht vielleicht gerade kaputt. In der Schule oder im Beruf ist das Gefühl da, das alles, was man anpackt, nur noch danebengeht und nichts mehr klappt. Das Gefühl, das jeder an einem zerrt, jeder was von einem will und man gar nicht mehr weiß, wohin. „Sterben ist für mich ein Gewinn“ – da habe ich endlich meine Ruhe. Und dann werden die anderen schon sehen, was sie angerichtet haben! Ein ganz trauriges Gefühl, ein ganz trauriger Satz. Auch dann, wenn er von älteren und alten Menschen gesprochen wird, die müde geworden sind, weil sie schon so viele Abschiede haben hinnehmen müssen. Abschiede von lieben Menschen, die ihnen hier fehlen. Abschiede auch von manchen Fähigkeiten, die man früher vielleicht noch hatte und die das Alter genommen hat. „Sterben ist für mich ein Gewinn“ – Was soll ich eigentlich noch hier! Es gibt in jedem Leben Zeiten, da scheint es nur noch eine große Last zu sein, die man irgendwie loswerden will. Und vielleicht erwartet oder erhofft man sich dann, dass einem der Glauben an Gott, auch wenn er ganz fern zu sein scheint, dass einem die Bibel oder Gespräche mit einem Pfarrer oder anderen Menschen, von denen man hofft und denkt, dass wenigstens sie auf Gott vertrauen, dem Leben trauen und sich nicht unterkriegen lassen, aus einem solchen Loch wieder raushilft. Die Bibel, der Glauben, Jesus und auch sein Bodenpersonal – das soll doch für Hoffnung, für Leben, für ein gutes Leben stehen!

Und dann findet sich ausgerechnet in diesem Buch der Hoffnung der Satz: „Sterben ist mein Gewinn!“ Paulus hat diesen Satz geschrieben. Er schreibt ihn in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi im heutigen Griechen-land. Er schreibt ihn aus dem Gefängnis, in dem er zu Unrecht sitzt und in dem er nicht weiß, ob ihn nicht viel-leicht ein hartes, vielleicht sogar ein Todesurteil erwartet. „Ich habe es satt, ich will nicht mehr, ich kann nicht mehr, gut, wenn alles endlich zu Ende ist!“ Wenn man nur diesen Satz hätte und nur wüsste, dass er aus dem Gefängnis geschrieben ist, dann könnte man glauben, dass Paulus genau so etwas meint. Aber dieser Satz ist nicht das einzige, was er aus dem Gefängnis schrieb. Er schreibt diesen Satz nicht für sich allein, sondern

Sonntag, 13. November 2011

Geld oder Leben !? - Geld und Leben, vorletzter Sonntag des Kirchenjahres, 13.11.11, Reihe III

Text: Lukas 16,1-9 NGÜ

Liebe Gemeinde!


Jeder schaut auf seinen Vorteil. Solange das Geld, das ich ausgebe oder mit dem ich handele, nicht mein eigenes ist, kann ich damit machen was ich will und fremdes Geld zu meinem Vorteil einsetzen. Und wenn ich dadurch auch noch gute Beziehungen aufbauen kann, die mir nützen: umso besser! Vor drei Jahren begann die weltweite Finanzkrise genau nach diesem Muster. Da haben Menschen mit Geld, das ihnen nicht gehörte, rumgespielt, ihren Vorteil gehabt, aber ausbaden mussten das andere. Treue, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, diese Werte spielten keine Rolle mehr. Hauptsache, die eigene Kasse stimmt. Von der Kirche, von Christen, von Jesus selbst, da wird zu Recht anderes erwartet. Wenn ich mich als Christ verstehe und denke, dass dazu mehr gehört als nur ein geistiges Leben mit Gebeten und Bibellesen und Gottesdienstbesuchen, dann erwarte ich von mir – und anderen – im Sinn von dem, was ich glaube, von Jesus verstanden zu haben, auch in meinem Alltag ein ganz anderes Verhalten. Da erwarte ich Treue, nicht nur in der Ehe oder anderen Beziehungen, sondern auch gegenüber Aufgaben, die ich übernommen habe. Da erwarte ich Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit. Von mir selbst, von Menschen, die sich auf Jesus berufen und sagen, dass sie an ihn glauben. Und natürlich gehe ich davon aus, dass Jesus selbst genau so was auch den Menschen, denen er begegnet ist, vorgelebt und erzählt hat. Und dann finde ich in der Bibel, im Lukasevangelium, eine Geschichte, die mich ganz ernsthaft verwirrt. eine Geschichte, bei der ich mich frage, welches Verhalten da eigentlich von Jesus gut gefunden wird. Eine Geschichte, bei der ich mich frage, wie sie ernst gemeint sein kann und wie ich sie verstehen soll. Sie steht bei Lukas im 16. Kapitel:
Vorlesen, Neue Genfer Übersetzung
Für alle, die das Wort Mammon nicht kennen: in der Sprache, die Jesus wirklich gesprochen hat, heißt das Geld, Besitz. Beim ersten Lesen, beim ersten Hören – und vielleicht auch noch beim zweiten, dritten und vier-ten – da wirkt diese Geschichte, die Jesus erzählt, fast so wie ein Aufruf, es mit der Ehrlichkeit nicht so genau zu nehmen und sich für den Notfall Freunde zu kaufen, die einen raushauen können, wenn man keine Lust auf körperliche Arbeit oder Betteln hat. Treue, Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit sieht so jedenfalls nicht aus. Ich habe im Internet den Hinweis gefunden: „Wenn sie ihre Gemeinde nicht verwirren wollen, dann predigen sie nicht über diese Geschichte!“ Aber genau das wäre ja auch wieder nicht ehrlich und aufrichtig. Der Pfarrer, der soll die Gemeinde schonen und nur das erzählen, was einfach zu verstehen ist und nicht die ganze Wahrheit. Ich halte aber niemanden für dumm: die Konfis nicht, die Erwachsenen nicht und ich will niemandem erzählen, dass Jesus es uns immer leicht macht. Es kostet manchmal ein bisschen Anstrengung und Nachdenken,

Samstag, 5. November 2011

Dämonen raus - Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 6.11.2011, Reihe III

Text: Lukas 11,13-24 (Übersetzung: Basisbibel)

Liebe Gemeinde!


Wer hat eigentlich verstanden, was ich da gerade vorgelesen habe? Ich meine jetzt nicht nur die einzelnen Wörter und nicht nur die Frage, ob ich laut und deutlich genug gesprochen habe. Ich meine eher den Sinn, den Inhalt. Ich habe die Bibelstelle in den letzten Tagen oft gelesen. Laut und leise, aber es ist mir nicht leicht gefallen, das, was da steht, wirklich zu verstehen. Dämonen und Beelzebul, der Oberste der Dämonen, ein bewaffneter Starker und ein Stummer, der von einem Dämon besessen ist, der ausgetrieben wird – für mich passt das nicht richtig in meine Welt, in mein Leben im Jahr 2011. Für mich passt das in eine Zeit vor vielen hundert Jahren, in der die Medizin und die Wissenschaft ihre Erklärungslücken, die unglaublich groß waren, mit Geisterwesen gefüllt haben. Aber heute ist die Welt doch anders. Dämonen, Satan, Beelzebul, Krankheit als Besessenheit – das ist 2011 nicht zu verstehen. Das ist nicht normal.

Und dann kam mir der Gedanke, dass vielleicht gerade dieses Nichtverstehen, dieses Unnormale der Schlüssel dazu ist, das, was Jesus hier auch für heute noch sagen will, besser zu verstehen. Schon wieder so ein verrückter und unverständlicher Satz vom Pfarrer. Leben ist oft ganz schön normal. Gott sei Dank. Da passiert nicht immer viel Aufregendes, da ist, Gott sei Dank, nicht immer gleich eine schlimme Krankheit am Start. Aber trotz allem wissenschaftlichen Fortschritt, gerade in der Medizin, trotz allem, was wir mit Hilfe der Wissenschaft erklären können, gibt es im Leben immer etwas, das unbeherrschbar und unverfügbar ist. Es gibt Angst, die auch alle menschliche Kunst, die alles menschliche Handeln nicht besiegen kann. Es gibt Böses, Schlimmes, das sich nicht einfach weg reden, leugnen lässt. Böses, Schlimmes, wo unsere Vernunft und Normalität und Kunst an ein Ende kommen. Zwei, drei alltägliche Beispiele.

Die Wissenschaft kann erklären, was eine Krankheit mit dem Körper macht, oft genug auch, wo sie herkommt. Und viele Krankheiten können geheilt werden. Aber oft genug können wir gar nicht anders, als von Krankheiten als „Schicksalsschlag“, als „Prüfung“, als „Katastrophe“ zu reden. Weil Normalität durchbrochen wird, weil Angst da ist, weil wir eben merken, dass wir nicht alles im Griff haben.

Wir wissen, wie sich Alkoholismus auf die Familie aus-wirkt, wir haben oft genug mehr als nur eine Ahnung davon, warum ein Mensch gewalttätig oder kriminell wird. Aber wir haben Angst davor, solchen Menschen zu begegnen oder selbst so zu sein oder zu werden. Und wir wissen ganz genau, dass auch alle menschliche Kunst und Redegewandtheit einen Alkoholiker nicht von der Flasche bringt und dass alles Wegsperren und psychologische Betreuen aus einem Gewalttäter oder Straftäter nicht unbedingt einen Menschen macht, der für andere keine Bedrohung mehr ist.

Dämon, Satan, Beelzebul, diese persönlichen Benennun-gen sind ein Versuch, dieses Böse, was da ist, durch Namensgebung ein Stück weit in seiner Macht zu be-schränken, weil ich ja einen Namen dafür habe und es nicht so ganz unbekannt ist. Im Jahr 2011 finde ich die Vorstellung einer personalisierten, gegengöttlichen, bö-sen Geisterwelt nicht mehr hilfreich. Gott sei Dank ha-ben wir zum Beispiel gelernt, in Menschen, die stumm sind, nicht mehr böse Geister am Werk zu sehen.

Was aber, trotz aller Entgeisterung der Welt, geblieben ist, ist die Angst vor dem, was Menschen nie in den Griff kriegen können. Das Böse, das den normalen, glatten Alltag durchbricht und schwer macht. Mir hilft es, hier eben nicht persönliche Wesen am Werk zu sehen,

Zwischen kuntergrau und dunkelbunt im Nebel

Sonntagsgedanken in der Oberhessischen Presse, die Anregung zu dem "Farbwortspiel" verdanke ich dem Song "XOXO" von Casper

Verwirrung, nichts als Verwirrung, scheint die Welt ergriffen zu haben. Keiner weiß mehr Bescheid. Rezepte für ein gutes Leben, Rezepte für den Erfolg von Menschen, Wirtschaft, Staaten und Staatengemeinschaften, die gestern noch richtig waren, scheinen heute falsch zu sein. Oder doch nicht? Wirtschaftsexperten, Bildungsexperten, Terrorismusexperten, Experten für gelingende Lebensführung erklären uns die Welt. Und am Ende scheint mir oft nur noch Bertold Brecht zu bleiben: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/ Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Es gibt anscheinend keine klaren Linien, kein klaren Farben, keine klaren Richtungen mehr. Kuntergrau und dunkelbunt, ein Mischmasch, der alles zu vereinen und verschlingen scheint, der nichts mehr klar erkennbar macht.


Vielleicht sind auch diese Worte, vielleicht ist auch diese Zustandsbeschreibung Teil einer Herbstdepression. Der Mangel an Licht, an Aufklärung, die Zunahme an Nebel und Dunkel führt Menschen in Stimmungen, die sich oft genug von allein nicht aufhellen lassen. Die Volkskrankheit Depression und das Burn-Out-Syndrom sind, Zufall oder nicht, gerade in diesem so verwirrenden Jahr verstärkt ins Blickfeld gerückt. Junge Fußballspieler, gute Lehrerinnen, nach außen erfolgreiche Manager – keiner ist mehr sicher davor. Auswege? Da gibt’s wieder gut gemeinte und gut gemachte Ratgeber und Ratschläger – aber was hilft’s?!

Mir drängt sich in diesen Tagen noch einmal eine Aussage von Jesus ins Bewusstsein. In der Auseinandersetzung mit seinen Kritikern wird ihm im Johannesevangelium die Aussage „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ zugeschrieben. Wahrheit und Freiheit gehören für Christen unmittelbar zusammen. Und Wahrheit gibt es nicht ohne die schmerzhafte Erkenntnis von

Sonntag, 16. Oktober 2011

Kämpfernaturen - 17. Sonntag nach Trinitatis, 16.10.2011, Marginaltext

Text: Gen 32,23-33


Liebe Gemeinde!

Wenn man einem anderen was kaputt gemacht hat, dann reicht oft eine Entschuldigung, ein Anruf bei der Versicherung, und schon wird der Schaden behoben. Selbst wenn man sich mit einem anderen geprügelt hat, dann kann man, wenn die erste Hitze abgeklungen ist, vielleicht doch noch einmal darüber reden und wieder zusammenkommen. Materieller Schaden ist ganz gut zu ersetzen, körperliche Wunden heilen oft, manchmal schneller als man denkt. Gestohlenes Geld, ein zerstochener Reifen – alles zu ersetzen. Aber missbrauchtes Vertrauen, die Enttäuschung darüber, dass gelogen und betrogen wurde, nicht von Fremden, sondern von einem Menschen, der mir ganz nahe stand? Ganz, ganz schwierig wird es, wieder zusammenzukommen, wenn Eltern merken, dass ihr Kind es wirklich ernsthaft bestohlen hat. Wenn ein Kind merkt, dass dem Vater die Drogen wichtiger sind als das eigene Kind. Wenn in der Ehe mehr Betrug war als ein flüchtiger Gedanke an einen anderen Mann oder eine andere Frau. Wenn der eine Bruder den anderen um sein Erbe betrügt. Vieles kann man ersetzen. Vertrauen nicht. Gebrochenes Vertrauen muss lange und mühsam wieder wachsen. Wenn das überhaupt gelingt. Manchmal bleibt nur noch Wüste zurück, da wächst nichts mehr.

Verständlich, dass Jakob, der Betrüger, Angst davor hatte, seinem Bruder wieder zu begegnen. Jahrzehnte sind vergangen, beide sind längst erwachsen und haben große Familien. Aber der Vertrauensbruch steht immer noch zwischen ihnen. Jakob hat seinem älteren Bruder das Erbe weggenommen. Den blinden Vater hat er belogen und betrogen. Vor langer Zeit. Aber die Zeit heilt eben nicht alle Wunden. Morgen wollen sie sich wieder begegnen. Das erste Mal seit dem Betrug. Sie wollen neu miteinander anfangen. Aber wird das verlorene Vertrauen als zartes Pflänzchen wieder wachsen können? Oder wird der Bruder seine Wut an ihm auslassen? Jakob spürt, dass er allein sein muss an diesem Abend, in dieser Nacht. Er schickt seine Familie weg und bleibt allein, um sich auf das schwierige Wiedersheen vorbereiten. Und dann geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Davon erzählt die Bibel, das erste Buch Mose, so:
Genesis 32,23-33
Ganz merkwürdig, diese Geschichte. Wie viele wichtige Geschichten der Bibel spielt sie nachts.

Sonntag, 2. Oktober 2011

So perfekt - Erntedankfest 2011, Predigt und Anspiel von und mit Konfis, Reihe III

Natürlich ist auch hier die Überschrift geklaut - aber am Ende komm das Lied wirklich vor und wurde im Gottesdienst gespielt.
Text: Jesaja 58,7-11

Milena: Der Predigttext zum Erntedankfest steht in diesem Jahr beim Propheten Jesaja. Ich lese den 7. Vers aus dem 58. Kapitel:


Ladet die Hungernden an euren Tisch, nehmt die Obdachlosen in euer Haus auf, gebt denen, die in Lumpen herumlaufen, etwas zum Anziehen und helft allen in eurem Volk, die Hilfe brauchen!

Praktisch gibt es so etwas nicht nur in großen Städten oder in fremden Ländern. Und das Ganze ist auch nicht nur etwas, was Erwachsene betrifft. Nur leider klappt das im Alltag nicht immer so, wie es in der Bibel steht. An drei Beispielen aus der Welt von Jugendlichen wollen wir Ihnen und euch das zeigen. Zwischen den kurzen Szenen gibt es Musik. „So perfekt“ heißt das Lied. In dem Lied geht es auch darum, dass manche gemobbt werden oder nicht alles können, dass man sich aber nicht irre machen lassen soll und dass man das, was man tut, richtig machen soll, denn nur dann kann die Welt perfekter werden:

1. Szene: 2 Mädels (Alina, Vikki) schauen auf eine dritte (Christina), die gerade Bier trinkt, lästern –

Alina: Boah, schau dir die da drüben mal an, die ist schon wieder total dicht!

Vikki: Wie eklig! Guck mal, wie die rumtorkelt! Die säuft jeden Tag, die stinkt schon in der Schule nach Schnaps!

Alina: Wenn sie überhaupt kommt! Die ist ja nie vor der 4. Stunde da.

Vikki: Und bis dahin schläft sie bestimmt in ihrer Kotze, so wie die aussieht, säuft und stinkt.

Christina: (kommt näher): Habt ihr mal…

Alina, Vikki: Hau ab, du stinkst!





2. Szene: Pause in der Schule, 2 (Christina, Ela) lästern über eine (Alina), die einfach nur da steht

Christina: Guck mal da drüben, die Caro, voll die Schlampe!

Ela: Die soll ja letztes Wochenende auf der Party bei Jannick die Sau rausgelassen haben. Die hat da echt mit Alex rumgemacht!

Sonntag, 11. September 2011

9/11 - böse Welt und gute Hoffnung, 12. n. Trinitatis, Reihe III

Text: Jes 29,17-24

Liebe Gemeinde!

Bei vielen, die älter als 18 oder 20 sind, gehen heute die Gedanken 10 Jahre zurück. 11. September 2011, das Undenkbare geschieht. Flugzeuge werden entführt und in das World Trade Center, in das Pentagon, das amerikanische Verteidigungsministerium, gelenkt. Weit über 3000 Tote bringt dieser Tag direkt. Bilder, die sich ins Bewusstsein eingebrannt haben. Töne, die einem kaum aus dem Kopf gehen. Wenn ich an diese Zeit vor 10 Jahren denke, dann geht mir eine Toncollage nicht aus dem Kopf. Handygespräche von Menschen aus dem World Trade Center, in denen sie ihren Angehörigen erzählen, wie sehr sie lieben, kurz bevor die Häuser einstürzen und die Gesprächsteilnehmer umkommen, rein gemischt in das Lied „Angel“ der amerikanischen Liedermacherin Sara McLachlan. Weit über 3000 direkte Tote – und ungezählte Tote in der Folge in den Kriegen im Irak, in Afghanistan, durch Terroranschläge in London, Madrid, vielen Ländern Afrikas und Asiens, durch Folter und Hass. Heute vor 10 Jahren. Ein Tag, der die Welt böser und schlimmer gemacht hat. Nicht nur, weil ein paar von blindem Hass getriebene Terroristen durch eine mehr als zweifelhafte Auslegung des Korans Tod und Schrecken gebracht haben und ihre ganze Religion im Westen unter den völlig irrsinnigen Generalverdacht des Terrors gestellt haben. Sondern auch weil Menschen, die sich im christlichen Glauben verwurzelt fühlten oder fühlen, auf diesen Hass angesprungen sind .

In Gefängnissen nicht nur im Irak wurden Menschen gefoltert und gedemütigt, in Gefangenenlagern das Recht auf einen fairen Prozess außer Kraft gesetzt. Und Menschen, die irgendwie muslimisch aussehen oder arabische Namen haben, wurden und werden immer noch bei Sicherheitskontrollen eher scharf und unfreundlich behandelt. Die Beschimpfung von Muslimen im Internet ist genauso salonfähig geworden wie rassistische Parteien in unseren Nachbarländern. Muslime sind mit Sicherheit keine besseren Menschen. Es gibt dort auch viele Gestalten, die sehr, sehr zweifelhaft sind und die Hass anstacheln. Aber dürfen wir als Christen uns davon in unserer Hoffnung und in dem, was wir in der Hoffnung auf das, was Gott möglich macht, leben, irre machen lassen? Ich glaube nicht. Wer sich, ob als Politiker oder als einfacher Bürger, auf das christliche Abendland und christliche Werte beruft, der kommt an den wunderbaren Frie-denshoffnungen der Propheten, die uns auch mit den Juden und dem Volk Israel verbinden, nicht vorbei. Und deshalb finde ich es mehr als nur einen gelungenen Zu-fall, dass ausgerechnet heute, am 11. September 2011, so ein Text der von der Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit, auf die hin wir leben, als Predigttext vorgesehen ist. Diese Hoffnung hat der Prophet Jesaja aufgeschrieben, sie steht in Kapitel 29 seines Buches:

Lesen: Jesaja 29,17-24

Augen und Ohren gehen auf, Menschen, denen Recht und Gerechtigkeit und ein das Überleben gut sicherndes Einkommen vorenthalten wurde, kommen zu ihrem Recht, Tyrannen und Unterdrücker werden beseitigt und das alles wird eine große Einladung dazu sein, Gott als wahren Herrn der Welt zu erkennen. Eine Einladung zum Glauben an Gott, die nicht durch Krieg

Sonntag, 4. September 2011

Huren im Himmel? - 11. . Trinitatis, Reihe V (statt III)

(Die Predigt wurde zu einem Gemeindefest mit der Überschrift "Dem Himmel so nah" gehalten)

Text: Lukas 7,36-50 (Gute Nachricht, weil das die Übersetzung ist, die die Konfis haben)

Liebe Gemeinde!


Ganz nah am Himmel sind wir hier auf dem Richtsberg – zumindest ein paar Meter näher dran als auf dem Schlossberg. Ganz nah am Himmel sind wir auch mit dem, was die Geschichte erzählt, die ein paar von den Konfis eben vorgelesen haben und über die ich heute predigen will. Klar, die meisten werden mit recht sagen: auf dem Richtsberg geht’s nicht immer gerade himmlisch zu. Und manche wundert’s vielleicht auch, dass in der Bibel was von Prostituierten steht. Und das soll himmlisch sein? Wenn ich jetzt mal eine Spontanumfrage machen würde, käme wahrscheinlich raus: Himmel, das ist doch was anderes. Ein perfekter Ort. Ein Ort, an dem es nichts Böses gibt. Ein Ort, an dem niemand mehr unter Gewalt leiden muss. Ein Ort, an dem Engel sind, die auf eine aufpassen, die einem helfen. Ein Ort ohne Trauer, ohne Leiden, ohne Tränen, ohne jedes Böse. Ein Ort, an dem man sich leicht und gut fühlt. So oder so ähnlich sind wahrscheinlich die Antworten auf das, was den Himmel ausmacht. Und dann so was, so eine Geschichte, in der sogar von einer Prostituierten, einer Frau, die ihren Körper an Männer verkauft, die Rede ist! Das steht in der Bibel? So haben sich manche meiner Konfis, mit denen ich vor ein paar Wochen über die Geschichte gesprochen habe, gewundert. Ja, das steht in der Bibel. Und das das drinsteht, ist für mich schon ein Stück vom Himmel.

Prostitutes are close to heaven!?

Luke 7, 36-50

Dear concegration,


we're very close to the sky here at the Richtsberg – at least some meters closer than on the

Schlossberg (the other mountain in Marburg). The story we just heard as it was read by the

confirmees is also quite heavenly. It's the basis for today's sermon. Well, most people will say

the daily life here at the Richtsberg is not that heavenly. And maybe some are wondering why

the bible talks about prostitutes. Does heaven look like this? If I did a spontaneous survey,

most of you would say: Heaven, that's different. Heaven is a perfect place - a place without any

evil, a place where no one has to suffer violence, a place where the angels are, where they take

care and help us; a place without mourning, suffering, without tears or any evil. A place where

you feel good and easy. That's what the answers to a survey might look like. But, however, the

story today is about a prostitute – a woman who sells her body to men. Is that really in the

bible? Some weeks ago I discussed this story with some confirmees and they had exactly that

question. Yes, it's in the bible. And just this fact feels like heaven for me.