Text: Matthäus 12,38-42
Liebe Gemeinde!
Wir wollen Beweise haben! Wir brauchen Zeichen, die eindeutig sind. Sichere Zeichen, die man nicht lange interpretieren muss. Zeichen, die so sind, wie wir sie eigentlich erwarten. Die Forderung, die vor langer Zeit an Jesus gestellt worden ist und die ich eben als Predigttext vorgelesen habe, die ist vielleicht gerade heute hochaktuell. Angesichts der Erdbeben-, Tsunami und Atomkatastrophe in Japan, der eigentlich hier bei uns schon vergessenen Erdbebenkatastrophe in Haiti vor gut einem Jahr, der Bürgerkriege und Aufstände in Libyen und anderen Ländern Nordafrikas und Arabiens habe ich mehr als einmal gehört: Wenn es Gott wirklich geben würde, dann müsste er uns doch jetzt ein Zeichen geben, dass es ihn wirklich gibt. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass bei so viel Leid und Zerstörung das Leben wirklich einen Sinn hat und es sich lohnt, zu leben. Ich weiß es nicht und ich will auch nicht zu viel in Natur- und technische Katastrophen hinein interpretieren. Aber vielleicht steckt ja in alle dem auch ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, zu akzeptieren, dass wir Menschen das Leben mit allen seinen Facetten, auch mit aller Technik, die hilfreich sein kann, nicht wirklich in den Griff bekommen und kontrollieren können. Ein Zeichen dafür, dass auch noch so viel Wohlstand und technisches Wissen das Restrisiko nicht zum Verschwinden bringen können. Ein Zeichen dafür, dass wir, trotz allem wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, das Leben nicht wirklich kontrollieren und risikolos halten können.
Wir wollen Zeichen, die eindeutig sind. Aber am liebsten so eindeutig, dass sie uns das bestätigen, was wir sowieso denken und glauben. Wir wollen Zeichen, die eindeutig beweisen, dass sich Leben, dass sich Risiko, dass sich Vertrauen und Glauben lohnen. Wir haben vielleicht auch Zeichen. Aber wenn wir sie nicht mit un-seren Mitteln und Maßstäben kontrollieren können, vertrauen wir ihnen nicht. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Ja, Kontrolle ist in vielem gut und wichtig. Ob es um die technische Sicherheit von Autos und Atomkraft-werken, um die richtige Abrechnung von Beihilfen oder auch nur die Einhaltung von Verkehrsregeln geht: Kontrolle ist wichtig. Aber sie kann Vertrauen nicht ersetzen. Ohne den Mut, Vertrautes loszulassen, ohne den Mut, auch ungewöhnlichen Zeichen und Hinweisen zu vertrauen, ohne den Mut, zu glauben und auch ohne Beweise zu lieben, ist Leben im Sinne Jesu, ist menschliches Leben nicht nur arm, sondern zum Scheitern veru-teilt. Nicht, dass ich jetzt so verstanden werde, dass Mut zum Risiko heißen würde, alles zu machen, was ich tun kann, ohne Rücksicht auf das Ergebnis. Mut zum Risiko zu haben heißt auch, den Mut zu haben, im richtigen Moment und auf scheinbare Vorteile verzichten zu können. Mut zum Risiko heißt auch, dem scheinbar wissenschaftlichen Wahn, dass alles, was gemacht werden kann, auch gemacht werden muss, entgegentreten zu können.
Die menschliche Sehnsucht, alles kontrollieren und im Griff haben zu wollen, ist nichts, was erst in den letzten Jahren aufgetaucht wäre. Dieser Wunsch nach Kontrolle und der Einordnung des Lebens und Glaubens in Kategorien, die ich selber im Griff habe, steckt für mich auch hinter dem Wunsch nach Zeichen, die eindeutig beweisen, dass Jesus von Gott kommt, so wie es die Predigtgeschichte von heute erzählt.
Predigten und Gedanken aus der Thomaskirche auf dem Richtsberg in Marburg
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Samstag, 19. März 2011
Sonntag, 13. März 2011
Es gibt kein zurück - Invokavit, 13.03.2011, Reihe III
Text: Genesis / 1. Mose 3,1-19
Liebe Gemeinde!
Es gibt kein zurück! Nein, ins Paradies, in eine Welt, in der die Menschen, die Tiere, die Schöpfung und Gott in völliger Harmonie miteinander leben, in der es kein Böses gibt, in eine solche Welt kommen wir nicht mehr. Und das alles bloß, weil die Frau mal wieder zu neugierig gewesen ist. Typisch Frau! Und das alles bloß, weil der Mann ohne nachzudenken einfach so das nimmt, was seine Frau ihm hinhält. Bisschen dumm vielleicht. Typisch Mann! Und das alles bloß, weil die Schlange Lust auf verbotene Früchte gemacht hat. Und das alles bloß, weil… - ist doch ungerecht! Ich kann doch nichts dafür! Sollen die doch büßen, die Schuld dran haben! Ich nicht, die anderen! Und schon sind wir mittendrin. Nicht in einer Geschichte, die tausende von Jahren alt ist und die auf bildliche Art erzählt, wie die Menschen das Paradies verloren haben. Wir sind mitten-drin in unserer Geschichte. In unserem Leben, das wahrlich kein Paradies ist. Wir sind mittendrin in unserer Welt, in der es an der Tagesordnung ist, Schuld erstmal von sich selbst weg zu weisen und bei anderen nach Schuld zu suchen. Nicht Guttenberg mit seiner fehlerhaften Doktorarbeit und seinem sehr wählerischen und nicht gerade offenen Umgang mit der Wahrheit war Schuld an seinem Rücktritt, sondern neidische politische Gegner und neidische Parteifreunde und die Medien. Nicht ich, die anderen - dieses Prinzip wird immer wieder rausgekramt. Seit Adam und Eva. Und es bringt uns immer wieder ein Stück weiter weg von Gott, ein Stück weiter weg vom Paradies. Es bringt nichts, sich in ein Paradies, in eine Welt perfekter Harmonie zurück zu träumen. Diese Welt haben wir verloren. Und aus eigener Kraft, wenn wir uns nur anstrengen würden und alle Menschen davon überzeugen könnten, Gutes zu tun, können wir sie nicht zurückgewinnen. Wir können sie nicht zurückgewinnen, weil wir von Anbeginn der Schöpfung an von Gott mit einer Komplettausstattung versehen wurden. Die biblischen Erzählungen von der Erschaffung des Menschen, gerade auch die Erzählung, die wir eben als Predigttext gehört haben, machen deutlich: Gott wollte kein willenloses Etwas, das sich einfach nur fortpflanzt und seinen Lebenssinn in der Zellteilung erfüllt sieht. Gott will ein Gegenüber, keine Marionette. Zum richtigen Gegenüber gehören auch die Möglichkeiten, zu zweifeln, zu denken, falsche Entscheidungen zu treffen. Die Freiheit des Scheiterns ist von Anfang an da.
Liebe Gemeinde!
Es gibt kein zurück! Nein, ins Paradies, in eine Welt, in der die Menschen, die Tiere, die Schöpfung und Gott in völliger Harmonie miteinander leben, in der es kein Böses gibt, in eine solche Welt kommen wir nicht mehr. Und das alles bloß, weil die Frau mal wieder zu neugierig gewesen ist. Typisch Frau! Und das alles bloß, weil der Mann ohne nachzudenken einfach so das nimmt, was seine Frau ihm hinhält. Bisschen dumm vielleicht. Typisch Mann! Und das alles bloß, weil die Schlange Lust auf verbotene Früchte gemacht hat. Und das alles bloß, weil… - ist doch ungerecht! Ich kann doch nichts dafür! Sollen die doch büßen, die Schuld dran haben! Ich nicht, die anderen! Und schon sind wir mittendrin. Nicht in einer Geschichte, die tausende von Jahren alt ist und die auf bildliche Art erzählt, wie die Menschen das Paradies verloren haben. Wir sind mitten-drin in unserer Geschichte. In unserem Leben, das wahrlich kein Paradies ist. Wir sind mittendrin in unserer Welt, in der es an der Tagesordnung ist, Schuld erstmal von sich selbst weg zu weisen und bei anderen nach Schuld zu suchen. Nicht Guttenberg mit seiner fehlerhaften Doktorarbeit und seinem sehr wählerischen und nicht gerade offenen Umgang mit der Wahrheit war Schuld an seinem Rücktritt, sondern neidische politische Gegner und neidische Parteifreunde und die Medien. Nicht ich, die anderen - dieses Prinzip wird immer wieder rausgekramt. Seit Adam und Eva. Und es bringt uns immer wieder ein Stück weiter weg von Gott, ein Stück weiter weg vom Paradies. Es bringt nichts, sich in ein Paradies, in eine Welt perfekter Harmonie zurück zu träumen. Diese Welt haben wir verloren. Und aus eigener Kraft, wenn wir uns nur anstrengen würden und alle Menschen davon überzeugen könnten, Gutes zu tun, können wir sie nicht zurückgewinnen. Wir können sie nicht zurückgewinnen, weil wir von Anbeginn der Schöpfung an von Gott mit einer Komplettausstattung versehen wurden. Die biblischen Erzählungen von der Erschaffung des Menschen, gerade auch die Erzählung, die wir eben als Predigttext gehört haben, machen deutlich: Gott wollte kein willenloses Etwas, das sich einfach nur fortpflanzt und seinen Lebenssinn in der Zellteilung erfüllt sieht. Gott will ein Gegenüber, keine Marionette. Zum richtigen Gegenüber gehören auch die Möglichkeiten, zu zweifeln, zu denken, falsche Entscheidungen zu treffen. Die Freiheit des Scheiterns ist von Anfang an da.
Sonntag, 6. März 2011
Mit Jesus chillen - Estomihi, 06.03.2011, Reihe III
Text: Lukas 10,38-42
Liebe Gemeinde!
Chillen, faulenzen, abhängen – ist das was Gutes? Kommt wahrscheinlich drauf an, wen man fragt. Wenn ich die Martha aus der Bibel fragen könnte, und mit ihr alle, die sich abrackern, damit es anderen gut geht, dann ist die Antwort klar: NEIN! Das ist nichts Gutes. Es ist doch gut und wichtig, anderen etwas Gutes zu tun. Für Gäste alles schön zu machen. Martha macht es ja nicht für sich. Sie hat Jesus – und mit ihm wahrscheinlich ja auch die Jünger oder andere, die mit ihm unterwegs waren - eingeladen. Und es macht viel Arbeit, etwas für andere vorzubereiten. Und die eigene Schwester setzt sich hin und chillt, hängt ab, faulenzt. Geht gar nicht. Es gibt viele, die, wie Martha, alles tun, damit es anderen gut geht. Frauen und Männer, ohne die kranke Angehörige nicht gepflegt würden. Die für ihre Kinder sich abrackern. Die in Kirchengemeinden oder Vereinen alles tun, damit es läuft und andere ihren Spaß haben. Die nicht nach Überstunden und Bezahlung fragen, sondern die für andere da sind und für andere arbeiten. Chillen, faulenzen, abhängen? Wenn alle anpacken wür-den, wäre vieles leichter und würde schneller gehen. Wenn Maria mit anpacken würde, hätte Martha auch früher Zeit, mit den Gästen da zu sitzen. Klar, dass für alle, die anpacken, die machen und tun, das nichts Gutes ist.
Und dann höre ich Schüler oder Konfis, die sagen: „Herr Kling-Böhm, chillen sie doch mal!“ Die sagen das, wenn ich sie zum Arbeiten bringen will, wenn ich will, das aufgeräumt wird oder dass es endlich losgehen kann. „Chillen sie doch mal!“ Wenn die Schüler oder die Kon-fis ein bisschen bibelfester wären und die Geschichte, die ich eben vorgelesen habe, kennen würden, dann könnten sie ja auch versuchen, mich sozusagen mit meinen eigenen Waffen, mit der Bibel, zu schlagen: „Jesus hat doch auch über Maria, die mit
Liebe Gemeinde!
Chillen, faulenzen, abhängen – ist das was Gutes? Kommt wahrscheinlich drauf an, wen man fragt. Wenn ich die Martha aus der Bibel fragen könnte, und mit ihr alle, die sich abrackern, damit es anderen gut geht, dann ist die Antwort klar: NEIN! Das ist nichts Gutes. Es ist doch gut und wichtig, anderen etwas Gutes zu tun. Für Gäste alles schön zu machen. Martha macht es ja nicht für sich. Sie hat Jesus – und mit ihm wahrscheinlich ja auch die Jünger oder andere, die mit ihm unterwegs waren - eingeladen. Und es macht viel Arbeit, etwas für andere vorzubereiten. Und die eigene Schwester setzt sich hin und chillt, hängt ab, faulenzt. Geht gar nicht. Es gibt viele, die, wie Martha, alles tun, damit es anderen gut geht. Frauen und Männer, ohne die kranke Angehörige nicht gepflegt würden. Die für ihre Kinder sich abrackern. Die in Kirchengemeinden oder Vereinen alles tun, damit es läuft und andere ihren Spaß haben. Die nicht nach Überstunden und Bezahlung fragen, sondern die für andere da sind und für andere arbeiten. Chillen, faulenzen, abhängen? Wenn alle anpacken wür-den, wäre vieles leichter und würde schneller gehen. Wenn Maria mit anpacken würde, hätte Martha auch früher Zeit, mit den Gästen da zu sitzen. Klar, dass für alle, die anpacken, die machen und tun, das nichts Gutes ist.
Und dann höre ich Schüler oder Konfis, die sagen: „Herr Kling-Böhm, chillen sie doch mal!“ Die sagen das, wenn ich sie zum Arbeiten bringen will, wenn ich will, das aufgeräumt wird oder dass es endlich losgehen kann. „Chillen sie doch mal!“ Wenn die Schüler oder die Kon-fis ein bisschen bibelfester wären und die Geschichte, die ich eben vorgelesen habe, kennen würden, dann könnten sie ja auch versuchen, mich sozusagen mit meinen eigenen Waffen, mit der Bibel, zu schlagen: „Jesus hat doch auch über Maria, die mit
Samstag, 19. Februar 2011
Erich-ERich-erICH-ERICH - Unnützer Knecht? Septuagesimae, 20.02.2011, Reihe III
Text: Lukas 17,7-10
Liebe Gemeinde!
So, jetzt sprechen wir das alle noch einmal gemeinsam: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.
Absurd, oder? Reicht es nicht, im Alltag immer wieder zu erleben, dass ich als Mensch nicht so viel wert bin? Als altgewordener Mensch – „Was willst du eigentlich? Du kostest doch nur Geld, sei froh, dass du eine Rente hast! Operationen werden langsam zu teuer, Pflege ist zu teuer, besser, du trittst bald ab.“ So deutlich wird es selten gesagt. Aber in einer Gesellschaft, in der es vor allem um wirtschaftliche Verwertbarkeit von Menschen und ihren Fähigkeiten geht, kommen solche Gedanken auf. Sie sind schon längst da. Auch bei Schülern: „Du bist was wert, wenn du einen guten Realschulabschluss oder mehr schaffst, mit den anderen kann man ja doch nichts anfangen.“ Das wird sogar noch offener gesagt als das mit den alten Menschen. Und Studenten: „Selber schuld, wenn ihr kein Prädikatsexamen macht und nichts studiert, was die Wirtschaft braucht! Für solche Studiengänge sollte man eigentlich die Mittel weiter kürzen.“ Und selbst wenn man arbeitet, Steuern zahlt, gesund ist: Dafür Dank zu erwarten, das wäre doch zuviel! Ist doch selbstverständlich! Also: In der Kirche wie im Alltag: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. Will Jesus die Menschen, am Ende eben auch uns, klein machen, damit wir ja nicht zu viel Selbstwertgefühl entwickeln? Ist es wirklich so, dass Erich eigentlich der wahre christliche Vorname ist: großes ER, kleines ich?
Genau so ist das, was Jesus hier erzählt, immer wieder verstanden und gepredigt worden: Als Christ hast du die Pflicht zu dienen, und selbst das schaffst du als unnützer Knecht ja noch nicht mal richtig! Also erwarte bloß kei-nen Dank dafür, sondern tue deine Pflicht und halt den Mund!
Ich glaube, dass diese Art, das, was Jesus hier sagt, auszulegen, nicht richtig ist.
Liebe Gemeinde!
So, jetzt sprechen wir das alle noch einmal gemeinsam: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.
Absurd, oder? Reicht es nicht, im Alltag immer wieder zu erleben, dass ich als Mensch nicht so viel wert bin? Als altgewordener Mensch – „Was willst du eigentlich? Du kostest doch nur Geld, sei froh, dass du eine Rente hast! Operationen werden langsam zu teuer, Pflege ist zu teuer, besser, du trittst bald ab.“ So deutlich wird es selten gesagt. Aber in einer Gesellschaft, in der es vor allem um wirtschaftliche Verwertbarkeit von Menschen und ihren Fähigkeiten geht, kommen solche Gedanken auf. Sie sind schon längst da. Auch bei Schülern: „Du bist was wert, wenn du einen guten Realschulabschluss oder mehr schaffst, mit den anderen kann man ja doch nichts anfangen.“ Das wird sogar noch offener gesagt als das mit den alten Menschen. Und Studenten: „Selber schuld, wenn ihr kein Prädikatsexamen macht und nichts studiert, was die Wirtschaft braucht! Für solche Studiengänge sollte man eigentlich die Mittel weiter kürzen.“ Und selbst wenn man arbeitet, Steuern zahlt, gesund ist: Dafür Dank zu erwarten, das wäre doch zuviel! Ist doch selbstverständlich! Also: In der Kirche wie im Alltag: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren. Will Jesus die Menschen, am Ende eben auch uns, klein machen, damit wir ja nicht zu viel Selbstwertgefühl entwickeln? Ist es wirklich so, dass Erich eigentlich der wahre christliche Vorname ist: großes ER, kleines ich?
Genau so ist das, was Jesus hier erzählt, immer wieder verstanden und gepredigt worden: Als Christ hast du die Pflicht zu dienen, und selbst das schaffst du als unnützer Knecht ja noch nicht mal richtig! Also erwarte bloß kei-nen Dank dafür, sondern tue deine Pflicht und halt den Mund!
Ich glaube, dass diese Art, das, was Jesus hier sagt, auszulegen, nicht richtig ist.
Sonntag, 6. Februar 2011
Und was bleibt im Alltag? Tauferinnerungsgottesdienst mit Konfirmanden, 06.02.11
Rollenspielszenen zu Römer12,9-18 (wurde in der Basisbibelübersetzung gelesen)
1. Negativ Musik: Kollegah - Fanpost
a) Vers 12: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet
Spieler A: Hi, wie geht’s?
Spieler B: Frag bloß nicht! Und selbst?
Spieler A: Alles Mist! Dieses Jahr bleib ich bestimmt sitzen. Und überhaupt: Wofür lohnt sich’s noch zu leben? Ist doch nur Chaos! In der Stadt laufen immer mehr Dro-gensüchtige rum. Und ständig gibt’s irgendwo ne Prügelei. Und die Welt brauchst du dir doch erst gar nicht anzugucken! Echt übel. Krieg und Hunger und Terror. Da hilft auch beten nichts mehr!
Spieler B: Das ist doch sowieso Quatsch! Vor zwei Wochen ist ein Kumpel von mir gestorben. Leukämie. Ich hab so gebetet, dass der wieder gesund wird. Nützt doch nichts. Und dann hat auch noch mein Freund mit mir Schluß gemacht. Und lauter Lügen über mich erzählt. Jetzt redet keiner mehr mit mir. Ich bin das Leben so satt.
Spieler A: Das kannst du laut sagen!
b) Vers 18: Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden
(Spieler A und Spieler B kommen auf Spieler C und Spieler D zu)
Spieler A: Guck mal, wer da steht! Die können was erleben!
Spieler C: Na ihr Schlampen, dass ihr euch noch hierher traut!
Spieler B: Halt die Klappe, sonst tret ich dir..
Spieler D: Passt bloss auf, Streber! Ihr habt uns verpfiffen. We-gen euch kriegen wir ne 6 in der Mathearbeit!
Spieler A: Brauchst ja nicht abschreiben! In Deutsch hast du’s bei den Hausaufgaben nicht zugegeben und mir ne 6 reingewürgt! Wie du mir, so ich dir!
Spieler C: Ja und, du kannst dir’s leisten. Ich schaff jetzt den Abschluss nicht und die Lehrstelle ist weg!
Spieler B: Nicht unser Problem!
Spieler C: Ein Wort noch und...
Spieler A: Ihr könnt ja doch nur drohen, Schlappschwänze:
Spieler D: Wart’s ab...
(Alle bauen sich so voreinander auf als würden sie gleich los-schlagen)
2. Positiv Musik: Silberfee - Freundschaft
a) Vers 12: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet
SpielerA: Hi, wie geht’s?
Spieler B: Frag bloß nicht! Und selbst?
SpielerA: Alles Mist! Dieses Jahr bleib ich bestimmt sitzen. Und überhaupt: Wofür lohnt sich’s noch zu leben? Ist doch nur Chaos! Und die Welt brauchst du dir doch erst gar nicht anzugucken! Krieg und Hunger und Terror. Da hilft auch beten nichts mehr!
Spieler B: Denk ich auch manchmal! Vor zwei Wochen ist ein Kumpel von mir gestorben. Leukämie. Ich hab so gebe-tet, dass der wieder gesund wird. Aber dann denk ich wieder: Hey, ich leb noch! Und beim Beten, da kann ich wenigstens mal meine Gedanken ordnen. Und was los-werden, ohne dass mich einer ständig unterbricht oder sein eigenes Zeug quatscht. Dann merk ich irgendwie: da hört doch einer zu!
Und dann krieg ich wieder Lust, was zu tun! Jammern zieht einen doch nur runter! Wenn wir nicht anfangen, dann ändert sich nie was!
SpielerA. Dein Optimismus ist klasse! Hätte ich auch gern. Aber irgendwo hast du Recht. Wir sind nicht allein und wir leben. Und wir können was machen, damit’s besser wird.
Spieler B: Das kannst du laut sagen!
b) Vers 18: Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden
(SpielerA und Spieler B kommen auf Spieler C und Spieler D zu)
SpielerA: Guck mal, wer da steht! Die können was erleben!
Spieler C: Na ihr Schlampen, dass ihr euch noch hierher traut!
Spieler B: Halt die Klappe, sonst tret ich dir..
Spieler D: Komm, lass sein!
SpielerA: Ja, ist gut. War blöd, dass wir euch beim Abschreiben verpfiffen haben!
Spieler C: Das wir euch in Deutsch hängengelassen haben, war ja auch nicht so toll.
Spieler B: Dann sind wir ja quitt.
SpielerA. Ich glaub, wir gehen uns für ne Weile besser aus dem Weg!
Spieler D: Wenigstens können wir wieder normal reden!
Spieler B: Ist ja schon mal ein Anfang!
Wie gesagt, liebe Gemeinde, über Musik kann man unter-schiedlicher Meinung sein. Auch darüber, ob die Musik, die sich zwei Konfirmandinnen für diese Szenen ausgesucht haben, in den Gottesdienst gehört. Es wird niemanden wundern, dass ich denke, dass es geht, sonst hätte ich es ja nicht gespielt. Gerade in einem Gottesdienst, in dem es um die Taufe geht. Das ganze Leben gehört in den Gottesdienst – denn die Taufe betrifft ja den ganzen Menschen. Sie ist nicht nur was für die schönen Tage. Durch die Taufe will Gott sichtbar machen: Du gehörst ganz zu mir, mit deinem ganzen Leben. Und dazu gehört auch die Erfahrung, dass das Leben nicht immer nur gut und schön und heil ist. Und auch die Erfahrung, dass ich als Mensch, auch als getaufter Mensch, daran nicht immer unschuldig bin gehört dazu. „Kann man halt nichts machen, so ist das Leben, so bin ich!“ – Ja, so könnte eine Antwort sein. Aber wenn ich so lebe, dann ist die Taufe wirklich sinnlos.
1. Negativ Musik: Kollegah - Fanpost
a) Vers 12: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet
Spieler A: Hi, wie geht’s?
Spieler B: Frag bloß nicht! Und selbst?
Spieler A: Alles Mist! Dieses Jahr bleib ich bestimmt sitzen. Und überhaupt: Wofür lohnt sich’s noch zu leben? Ist doch nur Chaos! In der Stadt laufen immer mehr Dro-gensüchtige rum. Und ständig gibt’s irgendwo ne Prügelei. Und die Welt brauchst du dir doch erst gar nicht anzugucken! Echt übel. Krieg und Hunger und Terror. Da hilft auch beten nichts mehr!
Spieler B: Das ist doch sowieso Quatsch! Vor zwei Wochen ist ein Kumpel von mir gestorben. Leukämie. Ich hab so gebetet, dass der wieder gesund wird. Nützt doch nichts. Und dann hat auch noch mein Freund mit mir Schluß gemacht. Und lauter Lügen über mich erzählt. Jetzt redet keiner mehr mit mir. Ich bin das Leben so satt.
Spieler A: Das kannst du laut sagen!
b) Vers 18: Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden
(Spieler A und Spieler B kommen auf Spieler C und Spieler D zu)
Spieler A: Guck mal, wer da steht! Die können was erleben!
Spieler C: Na ihr Schlampen, dass ihr euch noch hierher traut!
Spieler B: Halt die Klappe, sonst tret ich dir..
Spieler D: Passt bloss auf, Streber! Ihr habt uns verpfiffen. We-gen euch kriegen wir ne 6 in der Mathearbeit!
Spieler A: Brauchst ja nicht abschreiben! In Deutsch hast du’s bei den Hausaufgaben nicht zugegeben und mir ne 6 reingewürgt! Wie du mir, so ich dir!
Spieler C: Ja und, du kannst dir’s leisten. Ich schaff jetzt den Abschluss nicht und die Lehrstelle ist weg!
Spieler B: Nicht unser Problem!
Spieler C: Ein Wort noch und...
Spieler A: Ihr könnt ja doch nur drohen, Schlappschwänze:
Spieler D: Wart’s ab...
(Alle bauen sich so voreinander auf als würden sie gleich los-schlagen)
2. Positiv Musik: Silberfee - Freundschaft
a) Vers 12: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet
SpielerA: Hi, wie geht’s?
Spieler B: Frag bloß nicht! Und selbst?
SpielerA: Alles Mist! Dieses Jahr bleib ich bestimmt sitzen. Und überhaupt: Wofür lohnt sich’s noch zu leben? Ist doch nur Chaos! Und die Welt brauchst du dir doch erst gar nicht anzugucken! Krieg und Hunger und Terror. Da hilft auch beten nichts mehr!
Spieler B: Denk ich auch manchmal! Vor zwei Wochen ist ein Kumpel von mir gestorben. Leukämie. Ich hab so gebe-tet, dass der wieder gesund wird. Aber dann denk ich wieder: Hey, ich leb noch! Und beim Beten, da kann ich wenigstens mal meine Gedanken ordnen. Und was los-werden, ohne dass mich einer ständig unterbricht oder sein eigenes Zeug quatscht. Dann merk ich irgendwie: da hört doch einer zu!
Und dann krieg ich wieder Lust, was zu tun! Jammern zieht einen doch nur runter! Wenn wir nicht anfangen, dann ändert sich nie was!
SpielerA. Dein Optimismus ist klasse! Hätte ich auch gern. Aber irgendwo hast du Recht. Wir sind nicht allein und wir leben. Und wir können was machen, damit’s besser wird.
Spieler B: Das kannst du laut sagen!
b) Vers 18: Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden
(SpielerA und Spieler B kommen auf Spieler C und Spieler D zu)
SpielerA: Guck mal, wer da steht! Die können was erleben!
Spieler C: Na ihr Schlampen, dass ihr euch noch hierher traut!
Spieler B: Halt die Klappe, sonst tret ich dir..
Spieler D: Komm, lass sein!
SpielerA: Ja, ist gut. War blöd, dass wir euch beim Abschreiben verpfiffen haben!
Spieler C: Das wir euch in Deutsch hängengelassen haben, war ja auch nicht so toll.
Spieler B: Dann sind wir ja quitt.
SpielerA. Ich glaub, wir gehen uns für ne Weile besser aus dem Weg!
Spieler D: Wenigstens können wir wieder normal reden!
Spieler B: Ist ja schon mal ein Anfang!
Wie gesagt, liebe Gemeinde, über Musik kann man unter-schiedlicher Meinung sein. Auch darüber, ob die Musik, die sich zwei Konfirmandinnen für diese Szenen ausgesucht haben, in den Gottesdienst gehört. Es wird niemanden wundern, dass ich denke, dass es geht, sonst hätte ich es ja nicht gespielt. Gerade in einem Gottesdienst, in dem es um die Taufe geht. Das ganze Leben gehört in den Gottesdienst – denn die Taufe betrifft ja den ganzen Menschen. Sie ist nicht nur was für die schönen Tage. Durch die Taufe will Gott sichtbar machen: Du gehörst ganz zu mir, mit deinem ganzen Leben. Und dazu gehört auch die Erfahrung, dass das Leben nicht immer nur gut und schön und heil ist. Und auch die Erfahrung, dass ich als Mensch, auch als getaufter Mensch, daran nicht immer unschuldig bin gehört dazu. „Kann man halt nichts machen, so ist das Leben, so bin ich!“ – Ja, so könnte eine Antwort sein. Aber wenn ich so lebe, dann ist die Taufe wirklich sinnlos.
Sonntag, 30. Januar 2011
Stürmische Zeiten - Übers Wasser laufen 4. n. Episphanias, 30.01.11, Reihe III
Text: Matthäus 14,22-33
Liebe Gemeinde!
Stürmische Zeiten. Zeiten, in denen die Angst da ist, dass alles, was wichtig ist, untergeht. Wie gut, wenn man in solchen Zeiten nicht allein ist. Wenn man sich gegenseitig unterstützt und hilft.
Stürmische Zeiten – Ich als Mensch, der in Deutschland aufgewachsen ist, die meisten jüngeren Menschen über-haupt, können sich nicht vorstellen, wie es in der Sowjetunion in den 40er, 50er, 60er und auch noch 70er Jahren war. Der Glauben an Gott war nicht nur nicht gern gesehen. Christen, noch dazu, wenn sie deutsch sprachen, wurde das Leben absichtlich schwer gemacht. In den Häusern konnte man sich treffen, miteinander beten, aus der Bibel und aus Predigtbüchern vorlesen. Gemeinden waren vom Untergang bedroht, Menschen wurden angegriffen. Aber es gab immer wieder welche, die sozusagen Wache hielten und aufpassten, dass die stürmischen Zeiten nicht allzu große Schäden anrichteten.
Stürmische Zeiten – wir können auch in Deutschland in der Gegenwart bleiben. Bei den jüdischen Gemeinden im unseren Land. Ihre Gottesdienste, ihre Schulen, Altersheime, Kindergärten, ihre Versammlungen müssen bewacht und beschützt werden, weil immer noch zu viele glauben, dass Menschen jüdischer Religion kein Recht zu leben haben. Eine Schande, dass das auch 66 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz noch so ist. Nicht nur, aber auch in Deutschland. Gut, dass es Menschen gibt, die aufpassen, dass die Gemeinden und Gottesdienste nicht untergehen.
Stürmische Zeiten. Wir können auch bei den Christen bleiben. Im Irak, in Ägypten, Nordkorea. Wo christliche Gemeinden nicht in Ruhe beten und feiern können, wo die Angst groß ist vor Verfolgung und Mord. Gut, dass es Menschen gibt, die Wache halten, die trotzdem Gottes Wort weitersagen, die trösten, beten, helfen.
Stürmische Zeiten. Wir können auch bei uns auf dem Richtsberg bleiben. Können wir uns dem Sog von Gleichgültigkeit, Gier, Egoismus, materieller und seeli-scher Not entziehen? Während anderswo die Kirchen wenigstens am Heiligabend brechend voll waren, haben bei uns in vier Gottesdiensten am oberen Richtsberg 220 Menschen Gottesdienst gefeiert. 220 von fast 2000 Ge-tauften. Werden wir in der Gleichgültigkeit untergehen? Gut, dass es Menschen gibt, die Wache halten, die mit offenen Augen Gottes Wort leben. Im Alltag, auch au-ßerhalb der Gottesdienste.
Stürmische Zeiten – und was hat das mit mir zu tun? Ich kann mir gut vorstellen, dass manche von euch Konfir-manden oder auch andere im Gottesdienst so fragen. „Was gehen mich die alten Geschichten aus Russland, die Juden, die Christen weit weg oder die Gemeinde-wirklichkeit hier auf dem Richtsberg an? Ich lebe mein eigenes Leben!“ Vielleicht denkt mancher so. Ich glaube aber, dass auch zum Leben mit 13, 14 oder auch zum Leben, dass von den Erfahrungen, von denen ich eben erzählt habe, wenig berührt ist, die Erfahrung gehört, in stürmischen Zeiten zu leben. Die Angst, unterzugehen und die Erfahrung, dass es gut ist, in solchen Zeiten, wenn man Angst hat, nicht allein zu sein, sondern sich beim Aufpassen, dass nichts passiert, abwechseln zu können. Angst, dass alles, was wichtig ist, kaputt geht – die Erfahrung machen leider viel zu viele junge Men-schen. Sorgen wegen kranker Menschen in der Familie, wegen des Geldes, das fehlt, wegen der Schule, wegen Freunden, die sich als falsche Freunde rausstellen, wegen Schwierigkeiten mit Lehrern, mit der Polizei, mit den Eltern, mit Geschwistern. Gut, wenn in den stürmischen Zeiten jemand da ist, der mit Wache hält und hilft, aufzupassen, damit das Allerschlimmste nicht passiert.
Stürmische Zeiten. Zeiten, in denen die Angst da ist, dass alles, was wichtig ist, untergeht. Wie gut, wenn man nicht allein ist in solchen Zeiten. Wenn man sich gegenseitig unterstützt und hilft.
Warum ich so ausführlich davon erzähle? Weil es auch um diese Erfahrungen in der Geschichte geht, die Matthäus von Jesus und seinen Jüngern erzählt:
Mt 14,22-33
Klar, auf den ersten Blick kann es vielleicht für manche interessanter sein, das Wunderbare an dieser Geschichte näher zu betrachten. Jesus läuft übers Wasser. Seit Jahr-hunderten versuchen Menschen, das irgendwie logisch zu erklären oder zu sagen, dass man das genau so glauben müsse, damit man wirklich Christ ist. Aber Jesus macht das doch nicht, um zu zeigen, dass er ein cooler Superheld ist, für den die Naturgesetze nicht gelten oder um den Glauben im Jahr 2011 auf eine Probe zu stellen. Die Bibel erzählt diese Geschichte, weil es um Erfahrungen mit Gott und mit Jesus geht, die auch heute noch gemacht werden können. Wir sind nicht nachts im Sturm auf dem See Genezareth. Aber Menschen, auch Menschen, die an Gott glauben, die Jesus vertrauen, machen bis heute die Erfahrung, dass sie stürmische Zeiten erleben und da erst mal ohne direkten Draht zu Gott sind. Jesus schickt die Jünger allein auf den See. Wir als Gemeinde, jeder einzelne als Christ erfährt Gott nicht nur als den, der ganz of-fensichtlich da ist, sondern manchmal auch als den, der nicht so leicht zu erkennen ist. Ich denke, dass es einmal um Erfahrungen wie die geht, dass ich angesichts von den Stürmen um mich herum, angesichts der Ratlo-sigkeit, Leid, Krankheit, Begegnungen mit dem Ende des Lebens mich manchmal wirklich frage: „Gott, wo bist du denn da?“ Es geht aber auch darum, Gott nicht von vornherein als Joker zu missbrauchen. Gott traut uns eine ganze Menge zu, was wir auch selbst machen kön-nen. Die Jünger in der Geschichte: sie vergehen erstmal nicht vor lauter Angst im Sturm. Sie tun das Nötige und Richtige. Auch wenn Jesus nicht gleich da ist. Sie halten Nachtwache, sie passen in stürmischen Zeiten aufeinan-der auf. Deshalb auch die Geschichten vom Anfang. Gott mutet uns zu, in stürmischen Zeiten eigene Mög-lichkeiten und Kräfte zu entdecken.
Das zweite in der Geschichte: Jesus taucht auf. Unvor-hersehbar, wunderbar, nicht wirklich zu erklären. Unverfügbar. Wenn mich jemand fragt, eine Konfirmandin, jemand in einem Beerdigungsgespräch, in der Schule: „Sag mir doch mal, wo ich Jesus begegnen kann!“ Dann kann ich, wenn ich ehrlich bin, nur sagen: „Ich weiß es nicht!“ Jesus begegnet oft da, wo ich ihn am wenigsten vermute. Oft ganz wunderbar. Aber auch so, dass ich ihn auf den ersten Blick vielleicht gar nicht erkenne. Die Jünger halten ihn erstmal für ein Gespenst. Sie erkennen ihn daran, dass er ihnen die Furcht, die Angst nimmt. Die Bibel erzählt hier nicht, dass sich der Sturm legt. Die Zeiten bleiben stürmisch. Aber die Angst ist weg. Für mich persönlich ist das das wichtigste Kennzeichen einer Begegnung mit Jesus. Dass er mir die Angst nimmt. Die Angst vor dem, was mein Leben durcheinanderbringt, die Angst davor, in den Stürmen des Lebens unterzugehen. Mir ganz persönlich, mir als Mensch, aber auch uns als Gemeinde. Jesus ist nicht der Zauberer, der die Zeiten einfach macht und das Schwere wegzaubert. Er ist der, der die Angst kleiner werden lässt und hilft, in Stürmen zu bestehen.
Petrus will mehr, so überliefert es uns Matthäus. Er will zu Jesus übers Wasser gehen. Er überwindet die Furcht, macht erste Schritte. Es klappt. So lange er sich an Jesus orientiert. Und dann nimmt er die Umgebung wahr, den Sturm, bekommt Angst und fängt an, zu versinken. Für mich ein gutes Bild. Auch für meinen Glauben, für den Glauben von Menschen heute. Es gibt Momente, da ist wirklich alles möglich. Da ist klar, wo Jesus steht, woran ich mich orientieren kann. Und dann kommt das Leben um mich herum mit aller Macht, mit allen Problemen und Stürmen. Es droht mich, hier im wörtlichen Sinn, wirklich runterzuziehen. Die Orientierung geht oft verloren, die Fragen werden größer als die Antworten. Jesus lässt Petrus nicht untergehen. Er zieht ihn raus. „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ So wird Petrus von Jesus gefragt. Die Frage könnte Jesus oft genug auch mir stellen. Eine Antwort von Petrus ist nicht überliefert. Ich glaube, dass die Antwort auch nicht nötig ist. Ich glaube, dass hier deut-lich werden soll: Gerade da, wo Glauben verlorenzuge-hen droht, wo nur noch ein kleiner Rest Glauben da ist, reicht Jesus die Hand. Nicht die starken Glaubenshelden, die jeder Anfechtung, jedem Zweifel, jeder Gefahr und jedem Sturm trotzen sind es, die seine Hand und seine Hilfe brauchen und bekommen. Es sind die, die, wie Petrus, erste Schritte wagen und dann an ihrem Glauben und Mut im Alltag zu verzweifeln drohen. Die Kleingläubigen. Ich.
Ja, für mich ist diese Geschichte keine, die von einem Supermann Jesus erzählt, für den Naturgesetze nicht gel-ten. Mir erzählt die Geschichte von Jesus, der nicht im-mer gleich da ist, sondern der uns was zutraut. Von Je-sus, der ganz unvorhersehbar da sein kann, unberechen-bar, manchmal schwer zu erkennen. Von Jesus, der Mut macht, auch ungewöhnliche Schritte in schweren Zeiten zu gehen.
Stürmische Zeiten. Zeiten, in denen die Angst da ist, dass alles, was wichtig ist, untergeht. Wie gut, wenn man nicht allein ist in solchen Zeiten. Wenn man sich gegenseitig unterstützt und hilft. Wie gut, wenn er dann kommt. Unvorhersehbar. Unverfügbar. Und uns heraus-zieht aus der Angst, unterzugehen. Amen.
Liebe Gemeinde!
Stürmische Zeiten. Zeiten, in denen die Angst da ist, dass alles, was wichtig ist, untergeht. Wie gut, wenn man in solchen Zeiten nicht allein ist. Wenn man sich gegenseitig unterstützt und hilft.
Stürmische Zeiten – Ich als Mensch, der in Deutschland aufgewachsen ist, die meisten jüngeren Menschen über-haupt, können sich nicht vorstellen, wie es in der Sowjetunion in den 40er, 50er, 60er und auch noch 70er Jahren war. Der Glauben an Gott war nicht nur nicht gern gesehen. Christen, noch dazu, wenn sie deutsch sprachen, wurde das Leben absichtlich schwer gemacht. In den Häusern konnte man sich treffen, miteinander beten, aus der Bibel und aus Predigtbüchern vorlesen. Gemeinden waren vom Untergang bedroht, Menschen wurden angegriffen. Aber es gab immer wieder welche, die sozusagen Wache hielten und aufpassten, dass die stürmischen Zeiten nicht allzu große Schäden anrichteten.
Stürmische Zeiten – wir können auch in Deutschland in der Gegenwart bleiben. Bei den jüdischen Gemeinden im unseren Land. Ihre Gottesdienste, ihre Schulen, Altersheime, Kindergärten, ihre Versammlungen müssen bewacht und beschützt werden, weil immer noch zu viele glauben, dass Menschen jüdischer Religion kein Recht zu leben haben. Eine Schande, dass das auch 66 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz noch so ist. Nicht nur, aber auch in Deutschland. Gut, dass es Menschen gibt, die aufpassen, dass die Gemeinden und Gottesdienste nicht untergehen.
Stürmische Zeiten. Wir können auch bei den Christen bleiben. Im Irak, in Ägypten, Nordkorea. Wo christliche Gemeinden nicht in Ruhe beten und feiern können, wo die Angst groß ist vor Verfolgung und Mord. Gut, dass es Menschen gibt, die Wache halten, die trotzdem Gottes Wort weitersagen, die trösten, beten, helfen.
Stürmische Zeiten. Wir können auch bei uns auf dem Richtsberg bleiben. Können wir uns dem Sog von Gleichgültigkeit, Gier, Egoismus, materieller und seeli-scher Not entziehen? Während anderswo die Kirchen wenigstens am Heiligabend brechend voll waren, haben bei uns in vier Gottesdiensten am oberen Richtsberg 220 Menschen Gottesdienst gefeiert. 220 von fast 2000 Ge-tauften. Werden wir in der Gleichgültigkeit untergehen? Gut, dass es Menschen gibt, die Wache halten, die mit offenen Augen Gottes Wort leben. Im Alltag, auch au-ßerhalb der Gottesdienste.
Stürmische Zeiten – und was hat das mit mir zu tun? Ich kann mir gut vorstellen, dass manche von euch Konfir-manden oder auch andere im Gottesdienst so fragen. „Was gehen mich die alten Geschichten aus Russland, die Juden, die Christen weit weg oder die Gemeinde-wirklichkeit hier auf dem Richtsberg an? Ich lebe mein eigenes Leben!“ Vielleicht denkt mancher so. Ich glaube aber, dass auch zum Leben mit 13, 14 oder auch zum Leben, dass von den Erfahrungen, von denen ich eben erzählt habe, wenig berührt ist, die Erfahrung gehört, in stürmischen Zeiten zu leben. Die Angst, unterzugehen und die Erfahrung, dass es gut ist, in solchen Zeiten, wenn man Angst hat, nicht allein zu sein, sondern sich beim Aufpassen, dass nichts passiert, abwechseln zu können. Angst, dass alles, was wichtig ist, kaputt geht – die Erfahrung machen leider viel zu viele junge Men-schen. Sorgen wegen kranker Menschen in der Familie, wegen des Geldes, das fehlt, wegen der Schule, wegen Freunden, die sich als falsche Freunde rausstellen, wegen Schwierigkeiten mit Lehrern, mit der Polizei, mit den Eltern, mit Geschwistern. Gut, wenn in den stürmischen Zeiten jemand da ist, der mit Wache hält und hilft, aufzupassen, damit das Allerschlimmste nicht passiert.
Stürmische Zeiten. Zeiten, in denen die Angst da ist, dass alles, was wichtig ist, untergeht. Wie gut, wenn man nicht allein ist in solchen Zeiten. Wenn man sich gegenseitig unterstützt und hilft.
Warum ich so ausführlich davon erzähle? Weil es auch um diese Erfahrungen in der Geschichte geht, die Matthäus von Jesus und seinen Jüngern erzählt:
Mt 14,22-33
Klar, auf den ersten Blick kann es vielleicht für manche interessanter sein, das Wunderbare an dieser Geschichte näher zu betrachten. Jesus läuft übers Wasser. Seit Jahr-hunderten versuchen Menschen, das irgendwie logisch zu erklären oder zu sagen, dass man das genau so glauben müsse, damit man wirklich Christ ist. Aber Jesus macht das doch nicht, um zu zeigen, dass er ein cooler Superheld ist, für den die Naturgesetze nicht gelten oder um den Glauben im Jahr 2011 auf eine Probe zu stellen. Die Bibel erzählt diese Geschichte, weil es um Erfahrungen mit Gott und mit Jesus geht, die auch heute noch gemacht werden können. Wir sind nicht nachts im Sturm auf dem See Genezareth. Aber Menschen, auch Menschen, die an Gott glauben, die Jesus vertrauen, machen bis heute die Erfahrung, dass sie stürmische Zeiten erleben und da erst mal ohne direkten Draht zu Gott sind. Jesus schickt die Jünger allein auf den See. Wir als Gemeinde, jeder einzelne als Christ erfährt Gott nicht nur als den, der ganz of-fensichtlich da ist, sondern manchmal auch als den, der nicht so leicht zu erkennen ist. Ich denke, dass es einmal um Erfahrungen wie die geht, dass ich angesichts von den Stürmen um mich herum, angesichts der Ratlo-sigkeit, Leid, Krankheit, Begegnungen mit dem Ende des Lebens mich manchmal wirklich frage: „Gott, wo bist du denn da?“ Es geht aber auch darum, Gott nicht von vornherein als Joker zu missbrauchen. Gott traut uns eine ganze Menge zu, was wir auch selbst machen kön-nen. Die Jünger in der Geschichte: sie vergehen erstmal nicht vor lauter Angst im Sturm. Sie tun das Nötige und Richtige. Auch wenn Jesus nicht gleich da ist. Sie halten Nachtwache, sie passen in stürmischen Zeiten aufeinan-der auf. Deshalb auch die Geschichten vom Anfang. Gott mutet uns zu, in stürmischen Zeiten eigene Mög-lichkeiten und Kräfte zu entdecken.
Das zweite in der Geschichte: Jesus taucht auf. Unvor-hersehbar, wunderbar, nicht wirklich zu erklären. Unverfügbar. Wenn mich jemand fragt, eine Konfirmandin, jemand in einem Beerdigungsgespräch, in der Schule: „Sag mir doch mal, wo ich Jesus begegnen kann!“ Dann kann ich, wenn ich ehrlich bin, nur sagen: „Ich weiß es nicht!“ Jesus begegnet oft da, wo ich ihn am wenigsten vermute. Oft ganz wunderbar. Aber auch so, dass ich ihn auf den ersten Blick vielleicht gar nicht erkenne. Die Jünger halten ihn erstmal für ein Gespenst. Sie erkennen ihn daran, dass er ihnen die Furcht, die Angst nimmt. Die Bibel erzählt hier nicht, dass sich der Sturm legt. Die Zeiten bleiben stürmisch. Aber die Angst ist weg. Für mich persönlich ist das das wichtigste Kennzeichen einer Begegnung mit Jesus. Dass er mir die Angst nimmt. Die Angst vor dem, was mein Leben durcheinanderbringt, die Angst davor, in den Stürmen des Lebens unterzugehen. Mir ganz persönlich, mir als Mensch, aber auch uns als Gemeinde. Jesus ist nicht der Zauberer, der die Zeiten einfach macht und das Schwere wegzaubert. Er ist der, der die Angst kleiner werden lässt und hilft, in Stürmen zu bestehen.
Petrus will mehr, so überliefert es uns Matthäus. Er will zu Jesus übers Wasser gehen. Er überwindet die Furcht, macht erste Schritte. Es klappt. So lange er sich an Jesus orientiert. Und dann nimmt er die Umgebung wahr, den Sturm, bekommt Angst und fängt an, zu versinken. Für mich ein gutes Bild. Auch für meinen Glauben, für den Glauben von Menschen heute. Es gibt Momente, da ist wirklich alles möglich. Da ist klar, wo Jesus steht, woran ich mich orientieren kann. Und dann kommt das Leben um mich herum mit aller Macht, mit allen Problemen und Stürmen. Es droht mich, hier im wörtlichen Sinn, wirklich runterzuziehen. Die Orientierung geht oft verloren, die Fragen werden größer als die Antworten. Jesus lässt Petrus nicht untergehen. Er zieht ihn raus. „Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ So wird Petrus von Jesus gefragt. Die Frage könnte Jesus oft genug auch mir stellen. Eine Antwort von Petrus ist nicht überliefert. Ich glaube, dass die Antwort auch nicht nötig ist. Ich glaube, dass hier deut-lich werden soll: Gerade da, wo Glauben verlorenzuge-hen droht, wo nur noch ein kleiner Rest Glauben da ist, reicht Jesus die Hand. Nicht die starken Glaubenshelden, die jeder Anfechtung, jedem Zweifel, jeder Gefahr und jedem Sturm trotzen sind es, die seine Hand und seine Hilfe brauchen und bekommen. Es sind die, die, wie Petrus, erste Schritte wagen und dann an ihrem Glauben und Mut im Alltag zu verzweifeln drohen. Die Kleingläubigen. Ich.
Ja, für mich ist diese Geschichte keine, die von einem Supermann Jesus erzählt, für den Naturgesetze nicht gel-ten. Mir erzählt die Geschichte von Jesus, der nicht im-mer gleich da ist, sondern der uns was zutraut. Von Je-sus, der ganz unvorhersehbar da sein kann, unberechen-bar, manchmal schwer zu erkennen. Von Jesus, der Mut macht, auch ungewöhnliche Schritte in schweren Zeiten zu gehen.
Stürmische Zeiten. Zeiten, in denen die Angst da ist, dass alles, was wichtig ist, untergeht. Wie gut, wenn man nicht allein ist in solchen Zeiten. Wenn man sich gegenseitig unterstützt und hilft. Wie gut, wenn er dann kommt. Unvorhersehbar. Unverfügbar. Und uns heraus-zieht aus der Angst, unterzugehen. Amen.
Sonntag, 16. Januar 2011
Zeig dich doch! - 2. Sonntag nach Epiphanias, 16.01.11, Reihe III
Predigttext: 2. Mose (Exodus) 33,17-23
Liebe Gemeinde!
Das Schlimme war nicht der Streit, sondern die Stille danach. Wird er je wieder mit mir reden? Ich weiß, dass ich es verdient hätte, dass er mich ganz verlässt. So, wie ich sein Vertrauen ausgenutzt und missbraucht habe. Ich weiß, dass es falsch war. Und noch schlimmer: ich weiß genau, dass ich nicht garantieren kann, dass so was nie wieder passiert. Er hätte jeden Grund, wegzugehen. Weiter zu schweigen. Er hat zwar versprochen, mich für immer zu lieben. Aber ich kann verstehen, wenn das jetzt endgültig aus ist. Aber ich will das nicht. Ich halte das Schweigen nicht mehr aus. Ich brauche doch die Nähe, die Zuwendung, die Liebe. Ich spreche ihn einfach an. „Bist du noch da? Zeig dich doch. Bitte. Lass mich sehen, wie groß, wie schön du bist mit deiner Liebe!“ Auch wenn ich weiß, dass ich es nicht verdient habe.
Streit ist selten schön. Vor allem, wenn ich weiß: ich bin eigentlich schuldig. Und ganz schlimm ist es, wenn Vertrauen missbraucht oder enttäuscht wurde. Worte helfen da nicht immer. „Ich will sehen, ich will spüren, dass du noch da bist, dass unsere Beziehung noch eine Chance hat!“ Nicht nur zwischen Eheleuten, Freunden, oft genug zwischen Eltern und Kindern geht das so. Auch bei Mose war es so ähnlich. Lange vor unserer Zeit. Er möchte Gott unbedingt sehen. Nicht deshalb, weil er einfach mal so denkt, dass es ganz nett wäre oder weil er angeben möchte. Sondern weil er wissen will, ob eine kaputtgegangene Beziehung noch eine Chance hat. Gott, so erzählt es die Bibel, hat dafür gesorgt, dass die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurden. Gott hat sich ihnen als Gott auf dem Weg gezeigt, als einer der mitgeht, aber nicht festgehalten werden kann. Und kaum sind sie unterwegs, ist dem Volk das zu wenig. Sie wollen einen Gott zum Anfassen und lassen sich ein goldenes Kalb machen, dass sie als ihren Gott anbeten. Ist jetzt alles aus?
Das war passiert, bevor Mose den Wunsch hatte, Gott wirklich zu sehen. Die Bibel, das 2. Buch Mose, erzählt so von diesem Wunsch und dem, was dann passiert:
Exodus 33,1-23
Gott ist hier nicht der große Zerschmetterer, der rach-süchtige, kleinliche Verfolger aller Übertretungen, son-dern der, der zu seiner Liebe, zu seinen Versprechungen steht. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wes-sen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Ich weiß nicht, wie sie diesen Satz, der hier als eine Aussage von Gott überliefert wird, hören. Ich höre ihn aber erst einmal so, wie ich ihn sagen würde, wenn ich die Macht dazu hätte und in der Position wäre: Ich mach, was ich will. Zu dem einen bin ich gütig und gnädig, zum ande-ren halt nicht. Meine Sache. Aber ich glaube, dass hier nicht unser menschlicher Überlegenheits- und Selbst-darstellungswahn mitspielt, sondern dass der Kern etwas ganz anderes ist. Wenn ich gnädig bin, dann bin ich wirklich gnädig. Dann kannst du dich darauf verlassen, dass ich zu dir halte, auch wenn du mein Vertrauen enttäuscht hast. Du lässt mich vielleicht im Stich – ich dich aber nicht. Wenn ich mich zu etwas bekenne, dann gilt das ganz und gar. Hier, im 2. Buch Mose, gilt diese Zusage nicht nur Mose allein, sondern dem ganzen Volk Israel, den Juden. Eine Geschichte, in der die Bibel Enttäuschungen, Schuld, Versagen nicht verschweigt. Eine Geschichte, die aber zuallererst von Gottes Treue und Gnade trotz aller Schuld geprägt ist. Auf Gott ist Verlass – auch dann, wenn auf die Menschen kein Verlass ist. Durch Jesus hat Gott uns in dieses Treueversprechen mit hineingenommen. Nicht, weil wir anders, besser, zuverlässiger als die Menschen des ersten Bundes wären. Sondern weil sichtbar werden sollte, dass diese Liebe, dieses Versprechen nicht nur einem auserwähltes Volk, sondern der Menschheit gilt. Dem Menschen, den, so erzählt es die Geschichte von der Erschaffung der Welt, Gott als angemessenes Gegenüber geschaffen hat.
Lass mich dich sehen. Lass mich spüren, dass wir eine Zukunft haben, dass Vertrauen wieder neu möglich ist – der Wunsch, den wir aus unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ganz gut kennen, der Wunsch, den Mose an Gott richtet – vielleicht ist das auch immer wieder einmal unser Wunsch an Gott. Ich würde gern glauben, ich würde gern hoffen, ich würde gern lieben – aber es fällt oft so schwer. Ich kann dich nicht sehen, wenn ich erlebe, wie ein Mensch qualvoll an Krebs stirbt. Ich kann dich nicht spüren, wenn immer noch Menschen hungern. Wo bist du, wenn nur noch die Gier regiert und schamlos Geld geklaut, Tiere und Menschen vergiftet werden? Ich würde dich gern sehen, wenn ich erlebe, wie die Spielsucht einer Frau ihre Familie in den Wahnsinn treibt. Gott, zeige dich doch, zeige doch, wie gütig du bist. Unsere Lebensumstände sind anders als bei Mose. Aber auch heute erleben wir Gott als einen, der nicht immer offensichtlich da ist, sondern der sich auch verbirgt. Gott sehen, damit ich glauben kann – an Güte, an Liebe, an Wahrheit. Vielleicht geht es uns manchmal dann doch so wie Mose. Und ich glaube, bei allem sagenhaften, was diese Geschichte aus der Bibel enthält, dass einige Punkte bis heute sehr wichtig sind. Nicht nur der, dass Gottes Erbarmen und Treue größer ist als menschliche Schuld und menschlicher Vertrauensbruch.
Gottes Güte – das Wort, das hier in der ursprünglichen Sprache der Bibel steht, heißt auch Schönheit, Glanz, Reichtum – geht vorüber. Ich finde, dass das gerade in der deutschen Sprache ein passendes Wortspiel ist. Nicht, weil die Güte, die Schönheit, der Reichtum Gottes irgendwann mal zeitlich gesehen ganz aus wären, son-dern weil das alles nicht festgehalten werden kann. Gott ist Gott auf dem Weg mit uns. Es gibt Momente, da kann ich das gut wahrnehmen. Da spüre ich, da erkenne ich, wie groß und gut Gott mit seiner Liebe ist. Aber festhalten kann ich das nicht. Es wird immer wieder auch die Momente geben, wo ich das nicht sehen und spüren kann. Gott, so wird es erzählt, stellt Mose auf einen festen, sicheren Grund und schützt ihn mit seiner Hand. Aber auch das führt eben nicht dazu, dass es da etwas festzuhalten gäbe. Für mich heißt das bis heute, dass ich Gott immer wieder bitten darf, dass er sich mir zeigt, dass er sich mir verständlich macht und dass ich da, wo ich Angst davor habe, dass alles Gute und Schöne und alle Liebe weg ist, vielleicht auch aus meiner eigenen Schuld, ihn bitten darf, sich wieder zu zeigen. Aber das wird immer nur ein vorübergehender Augenblick sein, kein Besitz. Ich kann Gott und die Begegnung mit ihm nicht einpacken. Nicht in ein Kreuz, das ich mit mir trage, nicht in Taufwasser, noch nicht einmal ins Abendmahl. Die Begegnung mit Gott geschieht im Vorübergehen. Dieser besondere Augenblick kann und soll dann wieder Kraftquelle für die Schritte im Alltag sein, meine Schritte. Das Erken-nen von Gottes Güte und Schönheit ist nichts Alltägliches, es ist etwas Besonderes, das immer wieder geschehen kann, das ausstrahlt in den Alltag. Das ist ein wichtiger Punkt für mich.
Ein anderer ist der, dass wir Menschen Gott nicht von Angesicht zu Angesicht, praktisch von Gleich zu Gleich erkennen können, sondern ihm nur hinterher sehen können. Im Nachhinein erkennen wir, wo Gott Spuren im Leben hinterlassen hat. An den Wirkungen und Eindrücken erkennen wir, wo Gott war, wie er ist. wir können diesen Spuren folgen. Nachfolgen. Nicht wir legen die Spur der Liebe und des Guten, Gott legt sie.
Ich wünsche uns, dass wir diese Spuren erkennen. Ich wünsche uns, dass wir den Mut finden, nach Gott zu fragen, auch dann, wenn wir das Gefühl haben, seine Liebe vielleicht gar nicht verdient zu haben. Ich wünsche uns, dass wir den Mut haben, nach Vertrauen zu suchen, nach Wegen, es wiederzufinden, auch dann, wenn es durch uns kaputt gegangen ist. Nicht nur in unserem glaubensleben, sondern auch im Alltag. Und ich wünsche uns die Kraft und den Mut, das vorübergehen auszuhalten. Die Kraft, der Versuchung zu widerstehen, Liebe und Glauben besitzen zu wollen. Mut zum Loslassen. Mut, sich vom Augenblick für den Alltag stärken zu lassen. Das wünsche ich uns immer wieder. Amen
Liebe Gemeinde!
Das Schlimme war nicht der Streit, sondern die Stille danach. Wird er je wieder mit mir reden? Ich weiß, dass ich es verdient hätte, dass er mich ganz verlässt. So, wie ich sein Vertrauen ausgenutzt und missbraucht habe. Ich weiß, dass es falsch war. Und noch schlimmer: ich weiß genau, dass ich nicht garantieren kann, dass so was nie wieder passiert. Er hätte jeden Grund, wegzugehen. Weiter zu schweigen. Er hat zwar versprochen, mich für immer zu lieben. Aber ich kann verstehen, wenn das jetzt endgültig aus ist. Aber ich will das nicht. Ich halte das Schweigen nicht mehr aus. Ich brauche doch die Nähe, die Zuwendung, die Liebe. Ich spreche ihn einfach an. „Bist du noch da? Zeig dich doch. Bitte. Lass mich sehen, wie groß, wie schön du bist mit deiner Liebe!“ Auch wenn ich weiß, dass ich es nicht verdient habe.
Streit ist selten schön. Vor allem, wenn ich weiß: ich bin eigentlich schuldig. Und ganz schlimm ist es, wenn Vertrauen missbraucht oder enttäuscht wurde. Worte helfen da nicht immer. „Ich will sehen, ich will spüren, dass du noch da bist, dass unsere Beziehung noch eine Chance hat!“ Nicht nur zwischen Eheleuten, Freunden, oft genug zwischen Eltern und Kindern geht das so. Auch bei Mose war es so ähnlich. Lange vor unserer Zeit. Er möchte Gott unbedingt sehen. Nicht deshalb, weil er einfach mal so denkt, dass es ganz nett wäre oder weil er angeben möchte. Sondern weil er wissen will, ob eine kaputtgegangene Beziehung noch eine Chance hat. Gott, so erzählt es die Bibel, hat dafür gesorgt, dass die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurden. Gott hat sich ihnen als Gott auf dem Weg gezeigt, als einer der mitgeht, aber nicht festgehalten werden kann. Und kaum sind sie unterwegs, ist dem Volk das zu wenig. Sie wollen einen Gott zum Anfassen und lassen sich ein goldenes Kalb machen, dass sie als ihren Gott anbeten. Ist jetzt alles aus?
Das war passiert, bevor Mose den Wunsch hatte, Gott wirklich zu sehen. Die Bibel, das 2. Buch Mose, erzählt so von diesem Wunsch und dem, was dann passiert:
Exodus 33,1-23
Gott ist hier nicht der große Zerschmetterer, der rach-süchtige, kleinliche Verfolger aller Übertretungen, son-dern der, der zu seiner Liebe, zu seinen Versprechungen steht. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wes-sen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Ich weiß nicht, wie sie diesen Satz, der hier als eine Aussage von Gott überliefert wird, hören. Ich höre ihn aber erst einmal so, wie ich ihn sagen würde, wenn ich die Macht dazu hätte und in der Position wäre: Ich mach, was ich will. Zu dem einen bin ich gütig und gnädig, zum ande-ren halt nicht. Meine Sache. Aber ich glaube, dass hier nicht unser menschlicher Überlegenheits- und Selbst-darstellungswahn mitspielt, sondern dass der Kern etwas ganz anderes ist. Wenn ich gnädig bin, dann bin ich wirklich gnädig. Dann kannst du dich darauf verlassen, dass ich zu dir halte, auch wenn du mein Vertrauen enttäuscht hast. Du lässt mich vielleicht im Stich – ich dich aber nicht. Wenn ich mich zu etwas bekenne, dann gilt das ganz und gar. Hier, im 2. Buch Mose, gilt diese Zusage nicht nur Mose allein, sondern dem ganzen Volk Israel, den Juden. Eine Geschichte, in der die Bibel Enttäuschungen, Schuld, Versagen nicht verschweigt. Eine Geschichte, die aber zuallererst von Gottes Treue und Gnade trotz aller Schuld geprägt ist. Auf Gott ist Verlass – auch dann, wenn auf die Menschen kein Verlass ist. Durch Jesus hat Gott uns in dieses Treueversprechen mit hineingenommen. Nicht, weil wir anders, besser, zuverlässiger als die Menschen des ersten Bundes wären. Sondern weil sichtbar werden sollte, dass diese Liebe, dieses Versprechen nicht nur einem auserwähltes Volk, sondern der Menschheit gilt. Dem Menschen, den, so erzählt es die Geschichte von der Erschaffung der Welt, Gott als angemessenes Gegenüber geschaffen hat.
Lass mich dich sehen. Lass mich spüren, dass wir eine Zukunft haben, dass Vertrauen wieder neu möglich ist – der Wunsch, den wir aus unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ganz gut kennen, der Wunsch, den Mose an Gott richtet – vielleicht ist das auch immer wieder einmal unser Wunsch an Gott. Ich würde gern glauben, ich würde gern hoffen, ich würde gern lieben – aber es fällt oft so schwer. Ich kann dich nicht sehen, wenn ich erlebe, wie ein Mensch qualvoll an Krebs stirbt. Ich kann dich nicht spüren, wenn immer noch Menschen hungern. Wo bist du, wenn nur noch die Gier regiert und schamlos Geld geklaut, Tiere und Menschen vergiftet werden? Ich würde dich gern sehen, wenn ich erlebe, wie die Spielsucht einer Frau ihre Familie in den Wahnsinn treibt. Gott, zeige dich doch, zeige doch, wie gütig du bist. Unsere Lebensumstände sind anders als bei Mose. Aber auch heute erleben wir Gott als einen, der nicht immer offensichtlich da ist, sondern der sich auch verbirgt. Gott sehen, damit ich glauben kann – an Güte, an Liebe, an Wahrheit. Vielleicht geht es uns manchmal dann doch so wie Mose. Und ich glaube, bei allem sagenhaften, was diese Geschichte aus der Bibel enthält, dass einige Punkte bis heute sehr wichtig sind. Nicht nur der, dass Gottes Erbarmen und Treue größer ist als menschliche Schuld und menschlicher Vertrauensbruch.
Gottes Güte – das Wort, das hier in der ursprünglichen Sprache der Bibel steht, heißt auch Schönheit, Glanz, Reichtum – geht vorüber. Ich finde, dass das gerade in der deutschen Sprache ein passendes Wortspiel ist. Nicht, weil die Güte, die Schönheit, der Reichtum Gottes irgendwann mal zeitlich gesehen ganz aus wären, son-dern weil das alles nicht festgehalten werden kann. Gott ist Gott auf dem Weg mit uns. Es gibt Momente, da kann ich das gut wahrnehmen. Da spüre ich, da erkenne ich, wie groß und gut Gott mit seiner Liebe ist. Aber festhalten kann ich das nicht. Es wird immer wieder auch die Momente geben, wo ich das nicht sehen und spüren kann. Gott, so wird es erzählt, stellt Mose auf einen festen, sicheren Grund und schützt ihn mit seiner Hand. Aber auch das führt eben nicht dazu, dass es da etwas festzuhalten gäbe. Für mich heißt das bis heute, dass ich Gott immer wieder bitten darf, dass er sich mir zeigt, dass er sich mir verständlich macht und dass ich da, wo ich Angst davor habe, dass alles Gute und Schöne und alle Liebe weg ist, vielleicht auch aus meiner eigenen Schuld, ihn bitten darf, sich wieder zu zeigen. Aber das wird immer nur ein vorübergehender Augenblick sein, kein Besitz. Ich kann Gott und die Begegnung mit ihm nicht einpacken. Nicht in ein Kreuz, das ich mit mir trage, nicht in Taufwasser, noch nicht einmal ins Abendmahl. Die Begegnung mit Gott geschieht im Vorübergehen. Dieser besondere Augenblick kann und soll dann wieder Kraftquelle für die Schritte im Alltag sein, meine Schritte. Das Erken-nen von Gottes Güte und Schönheit ist nichts Alltägliches, es ist etwas Besonderes, das immer wieder geschehen kann, das ausstrahlt in den Alltag. Das ist ein wichtiger Punkt für mich.
Ein anderer ist der, dass wir Menschen Gott nicht von Angesicht zu Angesicht, praktisch von Gleich zu Gleich erkennen können, sondern ihm nur hinterher sehen können. Im Nachhinein erkennen wir, wo Gott Spuren im Leben hinterlassen hat. An den Wirkungen und Eindrücken erkennen wir, wo Gott war, wie er ist. wir können diesen Spuren folgen. Nachfolgen. Nicht wir legen die Spur der Liebe und des Guten, Gott legt sie.
Ich wünsche uns, dass wir diese Spuren erkennen. Ich wünsche uns, dass wir den Mut finden, nach Gott zu fragen, auch dann, wenn wir das Gefühl haben, seine Liebe vielleicht gar nicht verdient zu haben. Ich wünsche uns, dass wir den Mut haben, nach Vertrauen zu suchen, nach Wegen, es wiederzufinden, auch dann, wenn es durch uns kaputt gegangen ist. Nicht nur in unserem glaubensleben, sondern auch im Alltag. Und ich wünsche uns die Kraft und den Mut, das vorübergehen auszuhalten. Die Kraft, der Versuchung zu widerstehen, Liebe und Glauben besitzen zu wollen. Mut zum Loslassen. Mut, sich vom Augenblick für den Alltag stärken zu lassen. Das wünsche ich uns immer wieder. Amen
Sonntag, 2. Januar 2011
Im Alltag steht der Himmel offen!? - 2. Sonntag n. Weihnachten, 02.01.2011, Reihe III
Text: Johannes 1,43-51
Liebe Gemeinde!
So schnell werden Kinder groß! Vor einer Woche haben wir Weihnachten gefeiert und uns an die Geburt Jesu erinnert. In einem neugeborenen Kind lässt Gott sich finden, so wurde es in allen Kirchen dieser Welt verkündigt. Und jetzt ist er schon erwachsen. Die Festtage liegen hinter uns, Weihnachten, Silvester, Neujahr – jetzt kommt der Alltag wieder. Jesus ist erwachsen geworden. Er beginnt mit seiner Mission. Vielleicht wäre der eine oder die andere gern noch ein wenig in der ruhigen, stillen Zeit geblieben, hätte sich gern noch länger an den so vertrauten Szenen der Weihnachtszeit, dem Kind in der Krippe, den klugen Sterndeutern aus dem Morgenland gefreut. Aber uns hat der beginnende Alltag wieder. Eigentlich gut so. Über-haupt als Bild für unser Leben, für den Glauben. Es ist gut, dass es Festzeiten gibt. Erholung vom Alltag. Es ist gut, dass es Orte gibt, ob die nun real oder durch gemeinsame Überlieferung und gemeinsamen Glauben geprägt sind, an denen wir uns aufgehoben fühlen, an denen wir zur Ruhe kommen – wie hoffentlich an der Krippe im Stall zu Bethlehem. Da war zwar keiner von uns körperlich, aber die Vorstellung kann fast jeder teilen. Es ist gut, dass es diese Orte jenseits des Alltags gibt. Aber wichtig ist es, da nicht stehenzubleiben und diese Orte nicht zu den Hauptorten des eigenen Glaubens werden zu lassen. Gott ist, und das macht er gerade in Jesus und durch ihn deutlich, Gott auf dem Weg mit den Menschen, auf dem Weg zu den Menschen. Gott ist Gott unterwegs. Aufbruch ins Leben, in den neuen Alltag. So wie wir uns dem stellen müssen, gerade zu Beginn eines neuen Jahres, so macht auch Jesus klar, dass der Weg mit ihm kein Verweilen im Lieb-gewonnenen ist, sondern ein Aufbruch. Die, die mit Je-sus gehen, gehen in einen neuen, veränderten Alltag. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es kommt der Alltag – aber der ist anders als vorher.
Wenn wir uns jetzt, nach den ganzen Festtagen, in den Alltag aufmachen, dann bleibt auch für uns die Frage: „Hat sich unser Alltag verändert? Wird alles immer so weitergehen? Hat Weihnachten, die Erinnerung daran, dass Gott sich ganz menschlich zeigt, uns und unseren Alltag verändert? Oder wird es immer so weitergehen, bis zum nächsten Advent, alle Jahre wieder?“
Der Alltag ist stark, keine Frage. Und vieles hält uns da-von ab, wirklich neue Wege zu gehen. Nicht nur die Gewohnheit, sondern auch die Angst vor dem Unbe-kannten, die Angst vor Überforderung. Und die Frage, ob ich überhaupt richtig glaube und ob mein Glauben stark genug ist, den Weg, auf den mich Jesus führt, wirklich zu gehen. Unsicherheit, vielleicht sogar Angst, auf dem Weg schlapp zu machen.
Wie anders ist das, was das Johannesevangelium hier erzählt. Da ist zuerst einmal von Philippus die Rede. Je-sus findet ihn, bittet ihn, ihm nachzufolgen, und der zö-gert nicht und geht mit. Jesus findet ihn. Das steht so im Evangelium. Und das ist schon mal was ganz Entschei-dendes. Bei aller Wertschätzung eigener Aktivität im Glauben, ist es zuallererst Jesus, der den Menschen fin-det. Glauben ist kein Verdienst, auch nicht das Ergebnis langer Nachdenk- und Suchbewegung, sondern ein Angesprochen werden und sich ansprechen lassen. Der erste Schritt ist nicht der, den wir Menschen machen, sondern der, der auf uns zu gemacht wird. Philippus lässt sich finden und geht dann mit. Etwas anders dann der zweite Mensch, von dem Johannes in seinem Evangelium erzählt. Nathanael. Philippus findet ihn, offensichtlich einen, der sich in seinem jüdischen Glauben gut auskennt. „Jesus ist der, auf den wir gewartet haben. Er ist der, den Mose im Gesetz und den die Propheten verkündigt haben.“ So macht Philippus ihm, Nathanael, die Begegnung mit Jesus schmackhaft. Für mich ist Philippus da so ähnlich wie Menschen, die heute andere zum Glauben einladen wollen. „Da ist einer, Jesus, in dem zeigt sich Gott ganz. In dem erfüllen sich auch deine Hoffnungen und Sehnsüchte nach einem Leben, das gelingt“ – sicherlich mit viel mehr Worten, aber im Grundsatz mit ähnlicher Aussage versuche ich als Pfarrer, versuchen Eltern und Großeltern, Freunde und Bekannte anderen einen Weg zum Glauben zu zeigen. Aber dann kommt Nathanael mit seinem Einwand „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Eigentlich hätte alles doch ganz anders sein müssen! Nazareth, das war zur Zeit Jesu ein kleines, unbedeutendes Dorf in Galiläa. Und dort vermutete man eher das einfache, bäuerliche oder handwerkliche Leben. Leute wie Jesus, Zimmerleute, in scheinbar ganz normalen Familien aufgewachsen, die gab es zuhauf. Und so einer soll der Messias sein, der, in dem die Hoffnungen auf ein Leben mit Gott sich erfüllen? Das erwartete man wohl eher von jemandem aus den großen, vornehmen Städten in Judäa, der mit Recht als neuer David, als König hätte durchgehen können. Aber so ein Handwerker? Menschen heute, auch wir sind anders. Wir haben andere Erwartungen, andere Vorurteile. Aber ich glaube, dass es manchen Eltern oder Großeltern ähn-lich geht wie Philippus. Dass sie, wenn sie ihre Kinder oder Enkel zum Glauben einladen wollen, zu hören be-kommen: Das passt doch nicht in unsere Zeit. Wenn’s Gott gibt, dann habe ich ihn mir aber ganz anders vorge-stellt. Und als Pfarrer bekomme ich so etwas auch immer wieder zu hören. Auch von Leuten, die gebildet sind und die sich gut in der Bibel auskennen. Und auch bei uns selbst sind doch manchmal ähnliche Vorurteile da. Wir haben unsere eigenen Vorstellungen, wie Glauben zu sein hat und wie Gott uns begegnen soll. Je nach Typ hat man es gern feierlich oder locker-fröhlich. Oder man erwartet Gott dort, wo die ganz Armen sind. Oder in schönen Kirchen, wo man sich ihm näher fühlt. Wenn etwas nicht so ist, dann wird man skeptisch. Ob das seine Richtigkeit hat? Mir haben doch alle immer erzählt, Gott müsse majestätisch oder revolutionär, kumpelhaft oder erhaben sein. Was kann denn gut daran sein, wenn es anders ist?
Die Vorurteile werden dann nicht durch Argumente, sondern durch lebendige Begegnung überwunden. Jesus begegnet Nathanael. Und er macht sich nicht lustig über dessen Vorurteile. Er lobt ihn dafür, dass er sich Gedan-ken gemacht hat und eine Position hat. Und diese Be-gegnung bringt Nathanael zum Glauben. Nicht die Ein-ladung des Philippus. Vielleicht muss ich mir das sagen, wenn ich enttäuscht bin über den Gottesdienstbesuch, über Schüler, Konfis und andere, vielleicht müssen sich Eltern und Großeltern oder andere, die selbst im Glau-ben stehen, immer wieder bewusst machen: Unsere Einladungen, unsere Argumente stoßen immer wieder an Grenzen. Sie können Menschen dazu bringen, im guten Fall, dass sie sich ein Stück bewegen und neugierig werden. Aber Glauben wecken kann nur Gott, kann nur Jesus selbst. Nathanael kommt zum Glauben, weil er erfährt: „Jesus kennt mich!“ Aber für Jesus selbst ist das nur der erste Schritt. Er verspricht mehr: der Himmel wird offen stehen. Jesus lässt die Welt zum Himmel hin durchsichtig werden. Auf dem Weg im Glauben, auf dem Weg mit Jesus den Himmel sehen – nicht, in dem wir den Kopf von der Erde wegdrehen und unseren Blick nur in den Himmel richten, sondern indem wir hier, auf dem Weg, sehen, was da ist und in vielem ein Stück Himmel auf der Erde sehen. Das ist das Versprechen, das uns Jesus gibt. Natürlich ist unsere Welt alles andere als himmlisch. Aber in der Gemeinschaft mit Gott, dort, wo Gerechtigkeit herrscht, dort, wo Kranke nicht ausgegrenzt werden, wo Heilung erfahren wird. dort, wo Hungernde satt werden. Dort, wo Jugendliche ernst ge-nommen werden und alte Menschen nicht missachtet oder abgeschoben werden, dort, wo Not gelindert wird. Dort, wo Menschen sich aufmachen und etwas gegen menschenunwürdige Zustände tun, überall dort sehen wir den Himmel offen.
Was wird uns auf unserem Weg im vor uns liegenden Jahr begegnen? Werden wir den Himmel offen sehen? Werden wir mit Jesus gehen? Wird unser Alltag neu, anders sein? Oder werden Zweifel und Vorurteile es uns schwer machen, den Weg, den er mit uns gehen will, zu gehen?
Wir wissen es nicht. Keiner von uns kann in die Zukunft sehen. Was wir aber, was wir nicht nur zu Beginn eines neuen Jahres wissen und uns sagen lassen dürfen, was auch in diesen Versen aus dem Johannesevangelium steckt: wir müssen in den Alltag gehen. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Jesus uns in unserem Alltag fin-det, zu uns kommt oder Menschen schickt, die uns im-mer wieder zu ihm führen. Wir dürfen sagen, was uns belastet und was Verstehen schwer macht. Und wir dür-fen glauben und vertrauen, dass gerade das uns näher zu ihm führt. Ich wünsche uns, dass unser Alltag in diesem Jahr neu wird. Gestärkt, gehalten, begleitet. Ich wünsche uns, dass wir ganz oft den Himmel offen sehen.
Amen.
Liebe Gemeinde!
So schnell werden Kinder groß! Vor einer Woche haben wir Weihnachten gefeiert und uns an die Geburt Jesu erinnert. In einem neugeborenen Kind lässt Gott sich finden, so wurde es in allen Kirchen dieser Welt verkündigt. Und jetzt ist er schon erwachsen. Die Festtage liegen hinter uns, Weihnachten, Silvester, Neujahr – jetzt kommt der Alltag wieder. Jesus ist erwachsen geworden. Er beginnt mit seiner Mission. Vielleicht wäre der eine oder die andere gern noch ein wenig in der ruhigen, stillen Zeit geblieben, hätte sich gern noch länger an den so vertrauten Szenen der Weihnachtszeit, dem Kind in der Krippe, den klugen Sterndeutern aus dem Morgenland gefreut. Aber uns hat der beginnende Alltag wieder. Eigentlich gut so. Über-haupt als Bild für unser Leben, für den Glauben. Es ist gut, dass es Festzeiten gibt. Erholung vom Alltag. Es ist gut, dass es Orte gibt, ob die nun real oder durch gemeinsame Überlieferung und gemeinsamen Glauben geprägt sind, an denen wir uns aufgehoben fühlen, an denen wir zur Ruhe kommen – wie hoffentlich an der Krippe im Stall zu Bethlehem. Da war zwar keiner von uns körperlich, aber die Vorstellung kann fast jeder teilen. Es ist gut, dass es diese Orte jenseits des Alltags gibt. Aber wichtig ist es, da nicht stehenzubleiben und diese Orte nicht zu den Hauptorten des eigenen Glaubens werden zu lassen. Gott ist, und das macht er gerade in Jesus und durch ihn deutlich, Gott auf dem Weg mit den Menschen, auf dem Weg zu den Menschen. Gott ist Gott unterwegs. Aufbruch ins Leben, in den neuen Alltag. So wie wir uns dem stellen müssen, gerade zu Beginn eines neuen Jahres, so macht auch Jesus klar, dass der Weg mit ihm kein Verweilen im Lieb-gewonnenen ist, sondern ein Aufbruch. Die, die mit Je-sus gehen, gehen in einen neuen, veränderten Alltag. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es kommt der Alltag – aber der ist anders als vorher.
Wenn wir uns jetzt, nach den ganzen Festtagen, in den Alltag aufmachen, dann bleibt auch für uns die Frage: „Hat sich unser Alltag verändert? Wird alles immer so weitergehen? Hat Weihnachten, die Erinnerung daran, dass Gott sich ganz menschlich zeigt, uns und unseren Alltag verändert? Oder wird es immer so weitergehen, bis zum nächsten Advent, alle Jahre wieder?“
Der Alltag ist stark, keine Frage. Und vieles hält uns da-von ab, wirklich neue Wege zu gehen. Nicht nur die Gewohnheit, sondern auch die Angst vor dem Unbe-kannten, die Angst vor Überforderung. Und die Frage, ob ich überhaupt richtig glaube und ob mein Glauben stark genug ist, den Weg, auf den mich Jesus führt, wirklich zu gehen. Unsicherheit, vielleicht sogar Angst, auf dem Weg schlapp zu machen.
Wie anders ist das, was das Johannesevangelium hier erzählt. Da ist zuerst einmal von Philippus die Rede. Je-sus findet ihn, bittet ihn, ihm nachzufolgen, und der zö-gert nicht und geht mit. Jesus findet ihn. Das steht so im Evangelium. Und das ist schon mal was ganz Entschei-dendes. Bei aller Wertschätzung eigener Aktivität im Glauben, ist es zuallererst Jesus, der den Menschen fin-det. Glauben ist kein Verdienst, auch nicht das Ergebnis langer Nachdenk- und Suchbewegung, sondern ein Angesprochen werden und sich ansprechen lassen. Der erste Schritt ist nicht der, den wir Menschen machen, sondern der, der auf uns zu gemacht wird. Philippus lässt sich finden und geht dann mit. Etwas anders dann der zweite Mensch, von dem Johannes in seinem Evangelium erzählt. Nathanael. Philippus findet ihn, offensichtlich einen, der sich in seinem jüdischen Glauben gut auskennt. „Jesus ist der, auf den wir gewartet haben. Er ist der, den Mose im Gesetz und den die Propheten verkündigt haben.“ So macht Philippus ihm, Nathanael, die Begegnung mit Jesus schmackhaft. Für mich ist Philippus da so ähnlich wie Menschen, die heute andere zum Glauben einladen wollen. „Da ist einer, Jesus, in dem zeigt sich Gott ganz. In dem erfüllen sich auch deine Hoffnungen und Sehnsüchte nach einem Leben, das gelingt“ – sicherlich mit viel mehr Worten, aber im Grundsatz mit ähnlicher Aussage versuche ich als Pfarrer, versuchen Eltern und Großeltern, Freunde und Bekannte anderen einen Weg zum Glauben zu zeigen. Aber dann kommt Nathanael mit seinem Einwand „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Eigentlich hätte alles doch ganz anders sein müssen! Nazareth, das war zur Zeit Jesu ein kleines, unbedeutendes Dorf in Galiläa. Und dort vermutete man eher das einfache, bäuerliche oder handwerkliche Leben. Leute wie Jesus, Zimmerleute, in scheinbar ganz normalen Familien aufgewachsen, die gab es zuhauf. Und so einer soll der Messias sein, der, in dem die Hoffnungen auf ein Leben mit Gott sich erfüllen? Das erwartete man wohl eher von jemandem aus den großen, vornehmen Städten in Judäa, der mit Recht als neuer David, als König hätte durchgehen können. Aber so ein Handwerker? Menschen heute, auch wir sind anders. Wir haben andere Erwartungen, andere Vorurteile. Aber ich glaube, dass es manchen Eltern oder Großeltern ähn-lich geht wie Philippus. Dass sie, wenn sie ihre Kinder oder Enkel zum Glauben einladen wollen, zu hören be-kommen: Das passt doch nicht in unsere Zeit. Wenn’s Gott gibt, dann habe ich ihn mir aber ganz anders vorge-stellt. Und als Pfarrer bekomme ich so etwas auch immer wieder zu hören. Auch von Leuten, die gebildet sind und die sich gut in der Bibel auskennen. Und auch bei uns selbst sind doch manchmal ähnliche Vorurteile da. Wir haben unsere eigenen Vorstellungen, wie Glauben zu sein hat und wie Gott uns begegnen soll. Je nach Typ hat man es gern feierlich oder locker-fröhlich. Oder man erwartet Gott dort, wo die ganz Armen sind. Oder in schönen Kirchen, wo man sich ihm näher fühlt. Wenn etwas nicht so ist, dann wird man skeptisch. Ob das seine Richtigkeit hat? Mir haben doch alle immer erzählt, Gott müsse majestätisch oder revolutionär, kumpelhaft oder erhaben sein. Was kann denn gut daran sein, wenn es anders ist?
Die Vorurteile werden dann nicht durch Argumente, sondern durch lebendige Begegnung überwunden. Jesus begegnet Nathanael. Und er macht sich nicht lustig über dessen Vorurteile. Er lobt ihn dafür, dass er sich Gedan-ken gemacht hat und eine Position hat. Und diese Be-gegnung bringt Nathanael zum Glauben. Nicht die Ein-ladung des Philippus. Vielleicht muss ich mir das sagen, wenn ich enttäuscht bin über den Gottesdienstbesuch, über Schüler, Konfis und andere, vielleicht müssen sich Eltern und Großeltern oder andere, die selbst im Glau-ben stehen, immer wieder bewusst machen: Unsere Einladungen, unsere Argumente stoßen immer wieder an Grenzen. Sie können Menschen dazu bringen, im guten Fall, dass sie sich ein Stück bewegen und neugierig werden. Aber Glauben wecken kann nur Gott, kann nur Jesus selbst. Nathanael kommt zum Glauben, weil er erfährt: „Jesus kennt mich!“ Aber für Jesus selbst ist das nur der erste Schritt. Er verspricht mehr: der Himmel wird offen stehen. Jesus lässt die Welt zum Himmel hin durchsichtig werden. Auf dem Weg im Glauben, auf dem Weg mit Jesus den Himmel sehen – nicht, in dem wir den Kopf von der Erde wegdrehen und unseren Blick nur in den Himmel richten, sondern indem wir hier, auf dem Weg, sehen, was da ist und in vielem ein Stück Himmel auf der Erde sehen. Das ist das Versprechen, das uns Jesus gibt. Natürlich ist unsere Welt alles andere als himmlisch. Aber in der Gemeinschaft mit Gott, dort, wo Gerechtigkeit herrscht, dort, wo Kranke nicht ausgegrenzt werden, wo Heilung erfahren wird. dort, wo Hungernde satt werden. Dort, wo Jugendliche ernst ge-nommen werden und alte Menschen nicht missachtet oder abgeschoben werden, dort, wo Not gelindert wird. Dort, wo Menschen sich aufmachen und etwas gegen menschenunwürdige Zustände tun, überall dort sehen wir den Himmel offen.
Was wird uns auf unserem Weg im vor uns liegenden Jahr begegnen? Werden wir den Himmel offen sehen? Werden wir mit Jesus gehen? Wird unser Alltag neu, anders sein? Oder werden Zweifel und Vorurteile es uns schwer machen, den Weg, den er mit uns gehen will, zu gehen?
Wir wissen es nicht. Keiner von uns kann in die Zukunft sehen. Was wir aber, was wir nicht nur zu Beginn eines neuen Jahres wissen und uns sagen lassen dürfen, was auch in diesen Versen aus dem Johannesevangelium steckt: wir müssen in den Alltag gehen. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Jesus uns in unserem Alltag fin-det, zu uns kommt oder Menschen schickt, die uns im-mer wieder zu ihm führen. Wir dürfen sagen, was uns belastet und was Verstehen schwer macht. Und wir dür-fen glauben und vertrauen, dass gerade das uns näher zu ihm führt. Ich wünsche uns, dass unser Alltag in diesem Jahr neu wird. Gestärkt, gehalten, begleitet. Ich wünsche uns, dass wir ganz oft den Himmel offen sehen.
Amen.
Freitag, 24. Dezember 2010
Es war einmal? - Es wird einmal! 1. Weihnachtstag 2010, Reihe III
Text: Micha 5,1-4a
Liebe Gemeinde!
Es war einmal… - Es war einmal, in einer Zeit, in der glückliche Kinder in glücklichen Familien aufwuchsen, in einer Zeit, in der die Kinder brav waren und die Erwachsenen viel Zeit für die Kinder hatten. Es war einmal in einer Zeit, in der jeder zufrieden war mit dem, was er hatte, in einer Zeit, in der Neid und Habgier Fremdwörter waren. Es war einmal in einer Zeit, in der kein Mensch auf der Welt hungern musste und in der keine Kriege geführt wurden, in der jeder ein Dach über dem Kopf hatte. Es war einmal in einer Zeit, in der einfach nur ein großer Frieden in der Welt war. Es war einmal – so fangen Märchen an. Märchen erzählen oft von Sehnsüch-ten und Hoffnungen und verlegen das, was in der Gegenwart nicht möglich ist, in die gute, alte Zeit. Die aber in der Wirklichkeit selten so gut war wie in der nachträglichen Erinnerung. Es war einmal eine Welt, die gut und schön und richtig war – nein, das war nicht irgendwann einmal. Auch nicht zur Weihnachtszeit. Für die allermeisten Menschen ist Weihnachten ein Fest der Erinnerung. Gedanken gehen zurück. Und wenn die Vergangenheit, die Kindheit und Jugend, die Zeit als junge Familie als gut und beglückend empfunden wurde, dann hat man den Wunsch, das möge immer so bleiben und immer so sein. Und wenn die Erinnerungen traurig und belastend sind, dann möchte man sich wenigstens jetzt davon absetzen und alles anderes machen. Auch bei mir geht in der Weihnachtszeit der Blick öfter zurück als sonst im Jahr. Das mag auch daran liegen, dass der Keim des Weihnachtsfestes alle Jahre wieder eine Erinnerung an ein Ereignis ist, das wir uns alle bildhaft vorstellen können und das in der Lebenswelt so vieler Menschen eine Entsprechung hat: ein Kind wird geboren. Und in diesem Kind bündeln sich viele Hoffnungen und Erwartungen. Klar, die Geburt wird ausgeschmückt erzählt. Und der Herbergswirt, die Engel, Hirten, Weisen aus dem Morgenland und all das andere Personal tragen dazu bei, dass schöne Krippenspiele in Kirchen auf der ganzen Welt aufgeführt werden können, dass Krippen in Kirchen und zu Hause schön dekoriert werden können. Aber der Kern der Erinnerung ist der: ein Kind wird geboren und auf diesem Kind ruhen ganz viele Hoffnungen. Menschlich. Weihnachten ist vielleicht wirklich das menschlichste all unserer Feste. Erinnerung an den Anfang des Lebens, an dem alles noch möglich schien. Und dieses Kind in der Krippe, das lebt ja auch von der Erinnerung. Menschen erinnerten sich an Worte, die Männer Gottes, Propheten lange vor seiner Geburt sagten. Und plötzlich schienen für manche diese Worte in diesem Kind wahr zu werden. So auch die Worte, die der Prophet Micha über 700 Jahre vor der Geburt dieses Kindes sagte und die für den 1. Weihnachtstag in diesem Jahr Predigttext sind:
1 Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. 2 Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. 3 Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. 4 Und er wird der Friede sein.
Es war einmal – eine Zeit, in der diese Worte wahr wurden? Im Bewusstsein, von Gott dazu beauftragt worden zu sein, hat Micha den Menschen in Israel diese Worte nach einem katastrophal verlorenen Krieg gesagt. Der Krieg wurde angezettelt, weil die Könige sich in ihren Phantasien, eine Großmacht zu werden, verkalkuliert hatten und, vor allem, weil es im Land nicht mehr gestimmt hat. Arme wurden ausgebeutet und unterdrückt, die Reichen wurden auf Kosten der Armen immer reicher und der Glauben an Gott verkam zu einem Ritual für Feiertage. Keine gute, alte Zeit. Diesen verzweifelten Menschen macht Micha neue Hoffnung. Einer wird kommen. Und die Menschen werden sicher wohnen. Und er wird der Friede sein. Und dann, gut 700 Jahre später, fingen Menschen an, in Jesus die Erfüllung dieser Hoffnung zu sehen. Und jetzt, noch einmal 2000 Jahre später? Können wir sagen: es war einmal, eine Zeit, in der alles unfriedlich war, aber jetzt, gut 2000 Jahre nach Christi Geburt, ist das alles vergessen, hat sich alles erledigt. Jetzt wohnen die Menschen sicher und in Frieden, denn er hat ja den Frieden gebracht, so wie es die Engel den Hirten sagten: Frieden auf Erden! Können wir das sagen: Es war einmal, die böse alte Zeit, jetzt haben wir die gute Zeit des Friedens und des sicheren Wohnens? Ich denke, gerade wenn ich die Worte Michas höre und lese, daran, was Soldaten in Afghanistan, denen das vielleicht auch heute in einem Weihnachtsgottesdienst im Lager in Kundus gepredigt wird, über diese Worte denken. Ich denke an unsere christlichen Brüder und Schwestern im Irak, in Palästina. Wie hören sie wohl diese Worte? Frieden und sicheres Wohnen, das scheint für sie unendlich weit weg zu sein. Und wir brauchen gar nicht so weit weg zu gehen. Sicher wohnen – wie werden dieses Versprechen die Wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen hören, die sich in der Tagesaufenthaltsstätte der Diakonie in der Gisselberger Str. treffen? Wie werden es die Menschen auf dem Richtsberg hören, die sich unsicher fühlen, wenn viele dunkel gekleidete Jugendliche mit Kapuzenpullis dastehen und sie an ihnen vorbei müssen? Frieden – wie werden das diejenigen hören, die mit ihren Eltern im Streit leben, die gerade dabei sind, sich vom Lebenspartner zu trennen, die in der Schule oder am Arbeitsplatz gemobbt werden und die sich deshalb schon davor fürchten, wenn die Feiertage wieder vorbei sind? Sicher wohnen, Frieden haben – davon sind wir manchmal im Kleinen, bei uns selbst, im eigenen Leben, in der eigenen Familie, ganz sicher aber im Weltmaßstab immer noch sehr, sehr weit entfernt.
Und trotzdem feiern wir Weihnachten, alle Jahre wieder. Nicht als Fest einer schönen, harmonischen Vergangenheit, sondern als Fest des Anbruchs der Zukunft. Weihnachten setzt keinen Schlusspunkt hinter die Verkündigung der Propheten Israels, Weihnachten setzt einen Doppelpunkt. Die Verheißungen, die bis dahin auf den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat, bezogen sind, sollen endgültig im Weltmaßstab gelten.
Frieden hat Jesus gebracht: Frieden zwischen Gott und den Menschen. Gott verzichtet auf Rache, Gott lädt alle ein, auch die Menschen mit Not und Schuld. In Jesus, in dem Kind in der Krippe, im Mann der Verkündigung, der Heilungen, im geschundenen Menschen am Kreuz und in seiner Auferstehung zeigt uns Gott, dass er seinen Frieden mit der Welt gemacht hat. Mit unserer Welt, die nicht gerade so ist, wie sie nach seinem Willen sein sollte. Weil er uns die Freiheit gegeben hat, eigenen Wege zu gehen. eigene Wege, die oft genug auch von ihm, von seinem Frieden wegführen. ER wird der Friede sein. Ja, die Erfüllung dieser Verheißung von Micha dürfen wir in Jesus Christus glauben. Friede zwischen Gott und den Menschen. Was oft genug fehlt, ist der Friede zwischen uns Menschen und zwischen uns Menschen und Gott. Der Friede zwischen uns und Gott, den wir oft nicht verstehen. Trotz seiner Offenbarung in Jesus scheint uns Gott manchmal der ganz Ferne zu sein. Dann, wenn wir Leid begegnen, eigenem und fremden. Dann, wenn wir zweifeln, ob die Hoffnung, ob der Glaube, den wir haben wirklich ausreicht. Friede zwischen uns und Gott fehlt – und vor allem Friede zwischen uns Menschen. Weil wir immer wieder glauben, unseren Platz im Leben selbst behaupten zu müssen – gegen andere. Weil wir oft genug unser Leben als einen Kampf um die beste Position, um das höchste Ansehen, um Vorteile für das eigen Leben verstehen. Weil wir glauben, unseren Platz nicht sicher zu haben, sondern weil uns unser Platz im Leben bedroht scheint. Dabei will Gott uns sicher wohnen lassen. Gerade in Jesus hat er uns gezeigt, dass wir um unseren Platz nicht kämpfen müssen, dass wir da sein dürfen. Gott will uns und das Leben. In Jesus hat sich Gott von Anfang an ganz besonders den Menschen zugewandt, denen Lebensrecht und Lebensraum abgesprochen wurde. Kranken, Kindern, Frauen, Menschen am Rand der Gesellschaft. Vor allem auch denen, die durch eigene Schuld sich vom Frieden mit Gott und den Menschen entfernt haben. Gott gibt in Jesus Raum zum Frieden. Raum, in dem Menschen sicher wohnen können. Wie wir Menschen diesen Lebensraum gestalten, das liegt eben auch an uns. Ob wir diesen Raum annehmen, anderen Räume öffnen, Frieden leben – oder ob wir weiter kämpfen, streiten, verzweifeln. Es liegt an uns – auch wenn wir wissen, dass wir es nicht perfekt hinkriegen und dass wir nicht fertig werden mit dem Frieden und dem sicheren Wohnen. Das kann allein Gott herstellen. Es war einmal – nein, das ist nicht die Botschaft von Weih-nachten. Kein Rückblick auf eine gute alte Zeit. Es ist – das ist ein Teil der Botschaft. Es ist Zeit, sich zu freuen, Zeit, das Geschenk, den Frieden, den Lebensraum, den Gott uns durch Jesus schenkt, anzunehmen. Es ist – und: es wird. Gottes Welt ist im Werden. Nicht gegen uns, nicht an uns vorbei, sondern mit uns. Er ist der Friede – und in seinem Namen und auf ihn hin dürfen wir, mit aller Vorläufigkeit und mit allen Rückschlägen Schritte auf dem Weg des Friedens gehen. Und sicher wohnen. In diesem Leben. Amen
Liebe Gemeinde!
Es war einmal… - Es war einmal, in einer Zeit, in der glückliche Kinder in glücklichen Familien aufwuchsen, in einer Zeit, in der die Kinder brav waren und die Erwachsenen viel Zeit für die Kinder hatten. Es war einmal in einer Zeit, in der jeder zufrieden war mit dem, was er hatte, in einer Zeit, in der Neid und Habgier Fremdwörter waren. Es war einmal in einer Zeit, in der kein Mensch auf der Welt hungern musste und in der keine Kriege geführt wurden, in der jeder ein Dach über dem Kopf hatte. Es war einmal in einer Zeit, in der einfach nur ein großer Frieden in der Welt war. Es war einmal – so fangen Märchen an. Märchen erzählen oft von Sehnsüch-ten und Hoffnungen und verlegen das, was in der Gegenwart nicht möglich ist, in die gute, alte Zeit. Die aber in der Wirklichkeit selten so gut war wie in der nachträglichen Erinnerung. Es war einmal eine Welt, die gut und schön und richtig war – nein, das war nicht irgendwann einmal. Auch nicht zur Weihnachtszeit. Für die allermeisten Menschen ist Weihnachten ein Fest der Erinnerung. Gedanken gehen zurück. Und wenn die Vergangenheit, die Kindheit und Jugend, die Zeit als junge Familie als gut und beglückend empfunden wurde, dann hat man den Wunsch, das möge immer so bleiben und immer so sein. Und wenn die Erinnerungen traurig und belastend sind, dann möchte man sich wenigstens jetzt davon absetzen und alles anderes machen. Auch bei mir geht in der Weihnachtszeit der Blick öfter zurück als sonst im Jahr. Das mag auch daran liegen, dass der Keim des Weihnachtsfestes alle Jahre wieder eine Erinnerung an ein Ereignis ist, das wir uns alle bildhaft vorstellen können und das in der Lebenswelt so vieler Menschen eine Entsprechung hat: ein Kind wird geboren. Und in diesem Kind bündeln sich viele Hoffnungen und Erwartungen. Klar, die Geburt wird ausgeschmückt erzählt. Und der Herbergswirt, die Engel, Hirten, Weisen aus dem Morgenland und all das andere Personal tragen dazu bei, dass schöne Krippenspiele in Kirchen auf der ganzen Welt aufgeführt werden können, dass Krippen in Kirchen und zu Hause schön dekoriert werden können. Aber der Kern der Erinnerung ist der: ein Kind wird geboren und auf diesem Kind ruhen ganz viele Hoffnungen. Menschlich. Weihnachten ist vielleicht wirklich das menschlichste all unserer Feste. Erinnerung an den Anfang des Lebens, an dem alles noch möglich schien. Und dieses Kind in der Krippe, das lebt ja auch von der Erinnerung. Menschen erinnerten sich an Worte, die Männer Gottes, Propheten lange vor seiner Geburt sagten. Und plötzlich schienen für manche diese Worte in diesem Kind wahr zu werden. So auch die Worte, die der Prophet Micha über 700 Jahre vor der Geburt dieses Kindes sagte und die für den 1. Weihnachtstag in diesem Jahr Predigttext sind:
1 Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. 2 Indes lässt er sie plagen bis auf die Zeit, dass die, welche gebären soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Brüder wiederkommen zu den Söhnen Israel. 3 Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des HERRN und in der Macht des Namens des HERRN, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. 4 Und er wird der Friede sein.
Es war einmal – eine Zeit, in der diese Worte wahr wurden? Im Bewusstsein, von Gott dazu beauftragt worden zu sein, hat Micha den Menschen in Israel diese Worte nach einem katastrophal verlorenen Krieg gesagt. Der Krieg wurde angezettelt, weil die Könige sich in ihren Phantasien, eine Großmacht zu werden, verkalkuliert hatten und, vor allem, weil es im Land nicht mehr gestimmt hat. Arme wurden ausgebeutet und unterdrückt, die Reichen wurden auf Kosten der Armen immer reicher und der Glauben an Gott verkam zu einem Ritual für Feiertage. Keine gute, alte Zeit. Diesen verzweifelten Menschen macht Micha neue Hoffnung. Einer wird kommen. Und die Menschen werden sicher wohnen. Und er wird der Friede sein. Und dann, gut 700 Jahre später, fingen Menschen an, in Jesus die Erfüllung dieser Hoffnung zu sehen. Und jetzt, noch einmal 2000 Jahre später? Können wir sagen: es war einmal, eine Zeit, in der alles unfriedlich war, aber jetzt, gut 2000 Jahre nach Christi Geburt, ist das alles vergessen, hat sich alles erledigt. Jetzt wohnen die Menschen sicher und in Frieden, denn er hat ja den Frieden gebracht, so wie es die Engel den Hirten sagten: Frieden auf Erden! Können wir das sagen: Es war einmal, die böse alte Zeit, jetzt haben wir die gute Zeit des Friedens und des sicheren Wohnens? Ich denke, gerade wenn ich die Worte Michas höre und lese, daran, was Soldaten in Afghanistan, denen das vielleicht auch heute in einem Weihnachtsgottesdienst im Lager in Kundus gepredigt wird, über diese Worte denken. Ich denke an unsere christlichen Brüder und Schwestern im Irak, in Palästina. Wie hören sie wohl diese Worte? Frieden und sicheres Wohnen, das scheint für sie unendlich weit weg zu sein. Und wir brauchen gar nicht so weit weg zu gehen. Sicher wohnen – wie werden dieses Versprechen die Wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen hören, die sich in der Tagesaufenthaltsstätte der Diakonie in der Gisselberger Str. treffen? Wie werden es die Menschen auf dem Richtsberg hören, die sich unsicher fühlen, wenn viele dunkel gekleidete Jugendliche mit Kapuzenpullis dastehen und sie an ihnen vorbei müssen? Frieden – wie werden das diejenigen hören, die mit ihren Eltern im Streit leben, die gerade dabei sind, sich vom Lebenspartner zu trennen, die in der Schule oder am Arbeitsplatz gemobbt werden und die sich deshalb schon davor fürchten, wenn die Feiertage wieder vorbei sind? Sicher wohnen, Frieden haben – davon sind wir manchmal im Kleinen, bei uns selbst, im eigenen Leben, in der eigenen Familie, ganz sicher aber im Weltmaßstab immer noch sehr, sehr weit entfernt.
Und trotzdem feiern wir Weihnachten, alle Jahre wieder. Nicht als Fest einer schönen, harmonischen Vergangenheit, sondern als Fest des Anbruchs der Zukunft. Weihnachten setzt keinen Schlusspunkt hinter die Verkündigung der Propheten Israels, Weihnachten setzt einen Doppelpunkt. Die Verheißungen, die bis dahin auf den Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat, bezogen sind, sollen endgültig im Weltmaßstab gelten.
Frieden hat Jesus gebracht: Frieden zwischen Gott und den Menschen. Gott verzichtet auf Rache, Gott lädt alle ein, auch die Menschen mit Not und Schuld. In Jesus, in dem Kind in der Krippe, im Mann der Verkündigung, der Heilungen, im geschundenen Menschen am Kreuz und in seiner Auferstehung zeigt uns Gott, dass er seinen Frieden mit der Welt gemacht hat. Mit unserer Welt, die nicht gerade so ist, wie sie nach seinem Willen sein sollte. Weil er uns die Freiheit gegeben hat, eigenen Wege zu gehen. eigene Wege, die oft genug auch von ihm, von seinem Frieden wegführen. ER wird der Friede sein. Ja, die Erfüllung dieser Verheißung von Micha dürfen wir in Jesus Christus glauben. Friede zwischen Gott und den Menschen. Was oft genug fehlt, ist der Friede zwischen uns Menschen und zwischen uns Menschen und Gott. Der Friede zwischen uns und Gott, den wir oft nicht verstehen. Trotz seiner Offenbarung in Jesus scheint uns Gott manchmal der ganz Ferne zu sein. Dann, wenn wir Leid begegnen, eigenem und fremden. Dann, wenn wir zweifeln, ob die Hoffnung, ob der Glaube, den wir haben wirklich ausreicht. Friede zwischen uns und Gott fehlt – und vor allem Friede zwischen uns Menschen. Weil wir immer wieder glauben, unseren Platz im Leben selbst behaupten zu müssen – gegen andere. Weil wir oft genug unser Leben als einen Kampf um die beste Position, um das höchste Ansehen, um Vorteile für das eigen Leben verstehen. Weil wir glauben, unseren Platz nicht sicher zu haben, sondern weil uns unser Platz im Leben bedroht scheint. Dabei will Gott uns sicher wohnen lassen. Gerade in Jesus hat er uns gezeigt, dass wir um unseren Platz nicht kämpfen müssen, dass wir da sein dürfen. Gott will uns und das Leben. In Jesus hat sich Gott von Anfang an ganz besonders den Menschen zugewandt, denen Lebensrecht und Lebensraum abgesprochen wurde. Kranken, Kindern, Frauen, Menschen am Rand der Gesellschaft. Vor allem auch denen, die durch eigene Schuld sich vom Frieden mit Gott und den Menschen entfernt haben. Gott gibt in Jesus Raum zum Frieden. Raum, in dem Menschen sicher wohnen können. Wie wir Menschen diesen Lebensraum gestalten, das liegt eben auch an uns. Ob wir diesen Raum annehmen, anderen Räume öffnen, Frieden leben – oder ob wir weiter kämpfen, streiten, verzweifeln. Es liegt an uns – auch wenn wir wissen, dass wir es nicht perfekt hinkriegen und dass wir nicht fertig werden mit dem Frieden und dem sicheren Wohnen. Das kann allein Gott herstellen. Es war einmal – nein, das ist nicht die Botschaft von Weih-nachten. Kein Rückblick auf eine gute alte Zeit. Es ist – das ist ein Teil der Botschaft. Es ist Zeit, sich zu freuen, Zeit, das Geschenk, den Frieden, den Lebensraum, den Gott uns durch Jesus schenkt, anzunehmen. Es ist – und: es wird. Gottes Welt ist im Werden. Nicht gegen uns, nicht an uns vorbei, sondern mit uns. Er ist der Friede – und in seinem Namen und auf ihn hin dürfen wir, mit aller Vorläufigkeit und mit allen Rückschlägen Schritte auf dem Weg des Friedens gehen. Und sicher wohnen. In diesem Leben. Amen
Donnerstag, 23. Dezember 2010
Nach Hause kommen - Homecoming - Christmette 2010
Die Ansprache wurde inspiriert vom Predigttext der Reihe III, 2. Samuel 7,1-16, ohne dass dieser Text explizit auftaucht, von dem Bild "Der brennende Dornbusch" von Nicolas Froment, dass als Klappkarte verteilt wird und allen Strophen des Liedes "Stille Nacht"Liebe Gemeinde!
Weihnachten heißt: Nach Hause kommen! Für ganz viele Menschen in einem nahezu wörtlichen Sinn. Zurückkom-men an den Ort der Kindheit, in das Haus, in dem man aufge¬wachsen ist. Wenn ein Gottesdienstbesuch dazuge-hört, dann möglichst in der Kirche, in der man schon als Kind war. Und wenn dieses örtliche nach Hause Kommen aus verschiedenen Gründen zu schwer oder nicht mehr möglich ist, dann heißt nach Hause kommen zu Weihnachten für andere, zu den Menschen zu kommen und mit den Menschen zu feiern, die ein Gefühl des Zuhauseseins schenken können. Weihnachten bringt weltweit Millionen Menschen in Bewegung. Und nicht die Weihnachtsflüchtlinge prägen das Bild auf den Bahnhöfen, Autobahnen und an den Flughäfen, sondern die Nachhausekommer. Dieses nach Hause kommen ist nicht immer einfach. Es treffen unterschiedliche Erwar-tungen aufeinander, nicht immer glücklich, es gibt Enttäuschungen. Aber es gibt auch viel Gelingen und Ge-borgenheit. In diesem Miteinander von Unterwegssein und nach Hause kommen, von enttäuschten Erwartungen, vom Festhalten an alten Erinnerungen und vom guten Gelingen von Begegnung und Zusammengehörigkeit bildet sich für mich der Sinn des Weihnachtsfestes, der Sinn dieser Nacht ab.
Gott kommt nach Hause. „Er kam in sein Eigentum“, so beschreibt es Johannes in seinem Evangelium. Er will nicht der Gott sein, der fern von den Menschen ist, sondern: wo die Menschen sind, da will Gott sein, da ist er zu Hause. Gott kommt nach Hause. Im Kind in der Krippe, da lässt er sich finden. Aber er ist ein Gott, der immer wieder im Kommen ist. Auf einer Reise wird Jesus geboren. Nicht in einem festen Zuhause, das ein für allemal sein Haus wäre und in dem er verehrt wird. Unterwegs, ohne festes Zuhause, so ist Jesus. Wo wäre denn auch sein Zuhause? In Bethlehem, im Stall, den er mit seinen Eltern bald wieder verlassen hat? In Nazareth, wo er den größten Teil seiner Jahre auf dieser Welt zugebracht hat? Unterwegs bei den Menschen auf seiner Reise durch Galiläa, Samaria, Judäa? In Jerusalem, wo sich in Kreuz und Auferstehung vollendet, was in seiner Menschwerdung begann? Gott kommt nach Hause – und er bleibt doch der Gott ohne festes Zuhause, der Gott unterwegs. Unterwegs mit Menschen, unterwegs zu den Menschen. Gott bindet sich nicht an Orte, an denen er sich finden lässt, er bindet sich an Menschen. Gerade in der Heiligen Nacht ist mir das wichtig. Der Mensch gewordene Gott ist heute Nacht in der Thomaskirche nicht näher und nicht ferner als in der Elisabethkirche oder im Petersdom oder in der Geburtskirche in Bethlehem. Er ist unter der Brücke, die Obdachlosen wenigstens den Rest von einem Dach über den Kopf gibt, genauso nah wie in der Wohnung der Rentnerin, die über den Verlust des Mannes und des Sohnes und die kaputtgegangene Beziehung zu den Enkeln trauert. Gott kommt nach Hause – zu den Menschen. Wir können ihn nicht an einem Ort festbinden. Nicht sozialromantisch dort, wo große Not ist, aber auch nicht in der vollen Kirche mit gut inszenierter Kirchenmusik. Gott will bei uns Menschen sein. Das ist die Botschaft dieser Nacht. Und wie jedes nach Hause kommen, so trägt auch dieses die Möglichkeiten zu Enttäuschungen und zum Gelingen in sich. Gottes nach Hause kommen enttäuscht – im wahrsten Sinn des Wortes. Es befreit die Menschen von der Täuschung, dass Gott nur für besonders fromme und besonders perfekte Menschen da wäre. Es befreit von der Täuschung, dass Gott in Reichtum und Prunk zu verehren und zu finden sei. Es enttäuscht die Erwartung vom machtvollen König, der kommt, genauso wie die Erwartung vom bedingungslosen Kämpfer. Das Kind in der Krippe enttäuscht die Erwartung, dass Gott mir mein Leben abnimmt. Nein, es sagt durch sein Dasein zu uns: „Nimm mich an. Ich lebe nicht an deiner Statt, sondern du darfst und kannst mit mir gemeinsam leben.“ Die Hoffnung, dass mit dem Messias Gottes Reich gleich perfekt hergestellt wird und Schöpfer und Schöpfung in vollendeter Harmonie leben könnten, wird enttäuscht. Gottes Reich ist im Werden, so wie das Kind heranwächst und Geschichte hat und macht. Aber diese Enttäuschungen eröffnen Möglichkeiten, dass das Nachhause Kommen Gottes Gelingen schenkt. Leben, das heil wird, weil erfahren werden kann: auch da, wo Schuld ist, werde ich geliebt und wird Vergebung möglich. Krankheit schließt nicht von Menschlichkeit aus. Gerade im Blick auf Menschen mit Behinderungen ist mir das ganz wichtig in einer Zeit, in der „behindert“ eines der beliebtesten Schimpfworte unter jungen Menschen zu sein scheint. Das nach Hause Kommen Gottes schenkt Gelingen – dann, wenn auch ich spüren kann, dass die Wege und Umwege, die mein Leben hat, die Sackgassen, die Abbrüche von Gott begleitet sind. Weihnachten dürfen wir ganz bei uns sein, weil Gott ganz zu uns kommt. Nicht wir müssen ihm Häuser bauen, sondern er baut uns ein Haus. Kein Haus aus Ziegeln oder Beton. Ein lebendiges Haus. In der Bibel und ihrer Sprache bezieht sich Haus auf die Menschen, die dazugehören. Je-sus, das ist denen, die uns sein Leben überliefert haben, wichtig, Jesus gehört zum Haus Davids, dem Gott ewigen Bestand versprochen hat. Das Haus Davids, das wurde gleichbedeutend mit dem Volk des ersten Bundes, Israel, benutzt. Jesus schließt uns die Tür zu diesem Bund der Gnade und des Friedens auf, er nimmt uns mit hinein in dieses Haus. Gott baut uns ein Haus in dieser Nacht von Bethlehem, er schenkt uns ein Zuhause. Deshalb dürfen wir gerade in dieser Nacht zur Ruhe kommen, bei uns sein. Ich möchte ihnen und euch heute Nacht eine Karte mit einem Bild schenken, das für mich dieses Hineingenommensein, dieses Zuhause sein bei Gott und unterwegs sein in der Welt, den tiefen Sinn dieser Nacht ganz ungewöhnlich ausdrückt. Zu sehen ist erst einmal ein Hirte mit einer Herde und einem Engel. Aber dieser Hirte ist keiner vom Feld bei Bethlehem, sondern Mose. Wenn man die Karte aufklappt, sieht man einen brennenden Dornbusch. Die Bibel erzählt, dass Gott sich dort Mose offenbart hat. Ich werde dasein, als der ich da-sein werde, ICH-BIN-DA. Mit diesen Worten gibt sich Gott Mose zu erkennen. So soll Mose von Gott reden. Und da sein wird er als Kind in der Krippe, als Sohn der Maria, als Jesus. Das ist, so malt es der Künstler, das Zentrum des brennenden Dornbuschs. Jesus ist Gott auf dem Weg mit uns Menschen und zu uns Menschen. So, wie Matthäus in seinem Evangelium die Worte Jesajas aufnimmt, die in der aufgeklappten Karte zu lesen sind: Das ist aber alles geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. „Gott sucht unsere Wohngemeinschaft. Er prüft uns nicht, ob wir wert sind, ihn aufzunehmen. Es hängt nicht von uns ab, ob er bei uns einzieht.“ (Zitat: Anne- Kathrin Kruse, Christnacht, in: GPM 65/1, 53) Gott kommt zu uns, damit wir zu uns finden können. Gott baut uns ein Haus, ein Zuhause, nicht aus Steinen, sondern aus Menschen, aus Liebe, aus Gnade. Damit wir Ruhe finden, Kraft, Wege zu gehen, neue Wege. Für mich selbst drückt sich ganz viel von dem, was diese Nacht ausmacht, in dem Lied aus, das wir gleich und dann nach dem Segen singen Werden. „Stille Nacht, heilige Nacht“, das wohl bekannteste Weihnachtslied der Welt. Ich habe es lang für süßlichen Kitsch gehalten. Bis ich gelernt habe, dass wir Menschen auch ganz einfache Worte und Melodien brau-chen, mit denen Gott Herzen erreicht. Worte und Melo-dien, die vertraut sind, die ein Zuhause auf Zeit geben, aus dem ich aufbrechen darf und Wege gehen darf. Von Weihnachten in den Alltag. Und vor allem bis ich die Strophen entdeckte, die zu dem Lied gehören, die aber nicht im Gesangbuch stehen.
Stille Nacht! Heilige Nacht! /Wo sich heut alle Macht /Väterlicher Liebe ergoß / Und als Bruder huldvoll um-schloß /Jesus die Völker der Welt! / Jesus die Völker der Welt!
Jesus als Bruder der Völker der Welt. Gott lässt sich nicht in ein Land einsperren, er ist nicht nur für mich, mein Volk da.
Stille Nacht! Heilige Nacht! / Die der Welt Heil gebracht, / Aus des Himmels goldenen Höh’n / Uns der Gnade Fülle läßt seh’n / Jesum in Menschengestalt! / Jesum in Men-schengestalt!
Die Fülle der Gnade, der Reichtum des Himmels wird im Menschen Jesus sichtbar. Gott kommt nach Hause, auf diese Welt, in diese Welt, damit wir Heimat finden. Heimat im Unterwegssein. Weihnachten bringt Menschen in Bewegung. Nachhause. Gebe Gott, dass wir Teil dieser Bewegung sein und bleiben dürfen. Gebe Gott, dass wir zu ihm und zu uns finden, dass wir unser Zuhause auf dem Weg finden. Gebe Gott, dass wir auch anderen helfen, die an der Bewegung zu verzweifeln drohen, die ein Zuhause suchen und doch keins finden, helfen, Nachhause zu kommen. Nachhause zu Gott, der in Jesus sein Zuhause bei uns hat. Amen.
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