Text: 1. Korinther 11,23-26
Liebe Gemeinde!
Es ist völlig verrückt, was wir hier machen. Wir sitzen an einem Donnerstagabend im Jahr 2010 in Marburg in der Thomaskirche, werden gleich eine Oblate essen, noch nicht einmal richtiges Brot. Einen Schluck Traubensaft werden wir trinken oder die Oblate in den Saft tauchen. Wie mag das wohl auf Menschen wirken, die noch nie im Leben irgendetwas von Jesus oder vom Abendmahl gehört haben? Noch verrückter ist, dass wir uns dabei an ein echtes Festessen erinnern. Das letzte Passahmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gegessen hat. Ein echtes Festmahl, zu dem es mehr als eine Oblate und einen Schluck Traubensaft gab. Und dann werden wir auch vielleicht sogar noch glauben, dass Jesus auf besondere Art mitten unter uns ist. Verrückter geht es kaum noch. Ja, es ist verrückt, was wir hier machen. Verrückt für mich aber nicht in dem Sinn, dass es geistig nicht so ganz gesund ist. Verrückt in einem anderen Sinn. Verrückt, weil es die Maßstäbe und Grenzen, die uns von unserer Vernunft und unseren alltäglichen Erfahrungen gesetzt werden, in ein anderes, neues Licht rückt. Verrückt, weil es uns in ein neues Leben rückt, das sich nicht mit dem zufrieden gibt, was jeden Tag um uns ist und scheinbar unumstößliche Geltung beansprucht. Schön, dass sie hier sind. Dass sie den Mut haben, so verrückt zu sein, heute Abend mitzufeiern. Eigentlich spricht doch alles dafür, dass diese Feier längst eingegangen sein müsste. Beinahe seit es Christen gibt, streiten sie sich Christen darüber, was beim Abendmahl passiert oder auch nicht. Verwandelt sich ein bloßes Stück Brot, eine bloße Oblate, ein Schluck Wein wirklich in den Leib und das Blut Jesu? Oder ist das alles nur ein Symbol, eine Erinnerung an das letzte Mahl von Jesus mit seinen Jüngern oder an die vielen Essen, die Jesus mit Menschen am Rand der Gesellschaft gehabt hat? Bleibt Brot Brot und Wein Wein, aber Jesus kommt für die, die dran glauben mit dazu? Kann das Essen und Trinken die Vergebung von Sünden bewirken? Und überhaupt: Wer darf eigentlich mit essen und mit trinken? Es kann Spaß machen, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Als Jugendlicher war ich froh, dass ich in einer reformierten Gemeinde aufgewachsen bin, in der Brot und Wein bloße Symbole waren. Ich war naturwissenschaftlich und mathematisch interessiert. Vielleicht wäre ich aus der Kirche ausgetreten, wenn irgendjemand mich gezwungen hätte, zu glauben, dass da mehr ist. Auch ich bin älter und milder geworden. Ich sehe es heute etwas anders. Für mich ist Jesus da, wenn wir feiern. Aber Brot bleibt immer noch Brot und Wein bleibt Wein. Aber ist das wirklich das Entscheidende? Ich bin es leid. Ich bin es leid, das ausgerechnet diese Einladung, die Jesus macht, die sich auf Jesus beruft, benutzt wird um sich abzugren-zen und auf vorletzten Richtigkeiten zu bestehen. Wer darf mitfeiern, wer nicht? Sie sind hier und feiern. So soll es sein. Und Millionen von Christen feiern heute welt-weit. Klar, vielleicht denkt mancher heute im Gottes-dienst: Lohnt sich das? Wir sind so wenige! Es könnten doch mehr sein! Aber entscheidend ist nicht die Zahl der Menschen hier. Und auch nicht, dass jeder genau weiß, was jetzt nun beim Abendmahl passiert. Da gibt es nämlich wenig zu wissen und viel zu glauben. Und zu tun.
Das, was ich uns eben als Predigttext vorgelesen habe, was Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben hat, kommt, glaube ich, den meisten sehr bekannt vor. Da sind die Worte, die ein Pfarrer oder eine Pfarrerin heute noch sagt, wenn das Abendmahl gefeiert wird. Da ist die Erinnerung an die Nacht des Verrats. Da ist aber auch noch mehr. „So oft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“. Immer wenn wir bei dieser Feier mitmachen, geschieht etwas Besonderes. Nicht erst dann, wenn alle ganz genau wissen und nacherzählen können, was da passiert. Nicht wenn alle, die mitfeiern, eine Prüfung abgelegt haben, wenn alle das Gleiche denken. Sondern immer dann, wenn Menschen zusammenkommen, um miteinander unter Berufung auf Jesus miteinander Brot und Wein zu teilen. Das Entscheidende ist, das Menschen zusammenkommen, um diese Feier zu halten. Mit unterschiedlichen Vorgeschichten, mit unterschiedlichen Lebenswegen. Jesus hat bei dieser Feier selbst den er-tragen und nicht weggeschickt, der ihn verraten hat. Und auch die, von denen er wusste oder ahnte, dass sie es in schwierigen Stunden nicht schaffen, bei ihm zu bleiben, wie die Jünger, die im Garten Gethsemane bei ihm waren und eingeschlafen sind, wie Petrus, der nicht zugeben wollte, dass er ein Anhänger Jesu war, selbst die haben mitgefeiert. Da wurde nicht lange gefragt, ob sie es wert seien, ob sie verstehen, was sie da tun. Entscheidend ist, dass Jesus es ist, der einlädt. Entscheidend ist, dass sich Menschen einladen lassen. Und nicht, ob es Oblaten oder richtiges Brot gibt, Einzelkelche oder Gemeinschaftskelch, ob das Brot in den Wein getaucht wird oder der Wein direkt getrunken wird. Darüber kann man lange streiten und man findet für alles tolle Argumente. Aber wirklich wichtig ist, dass durch die Feier etwas passiert. „So oft ihr von diesem Brot esst und aus diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“. Die Feier macht sichtbar und öffentlich, dass Menschen darauf vertrauen, dass Jesus Gemeinschaft schenkt. Eine Gemeinschaft, die von der Vergebung lebt, die durch seinen Tod geschenkt ist. Es ist nicht die Gemeinschaft der Perfekten, die alles richtig machen, die sich heute Abend hier in der Thomaskirche, in der Elisabethkirche, in Jerusalem, in Kapstadt, Los Angeles, Santa Cruz, Moretele, Moshi oder anderswo trifft. Sondern die Gemeinschaft, die darauf vertrauen kann, dass Jesus auch für die da ist, die Schuld auf sich geladen haben. Eine Gemeinschaft, die weiß, dass jede und jeder, der mitfeiert, auf Vergebung angewiesen ist. Eine Gemeinschaft, die wissen darf, dass sie, so, wie sie ist, zum Leib Christi gehört. Wenn wir in unserer Feier den Tod Jesu, das Heil für die Menschen, die Versöhnung mit Gott verkünden, dann sind wir doch unglaubwürdig, wenn wir uns gegenseitig ausschließen, wenn wir hohe Zäune um diese Feier errichten. Als wollten und könnten wir irgendetwas besser machen als das, was Jesus schon längst für uns getan hat! Er hat uns Gemeinschaft mit Gott geschenkt. In seinem Tod hat er deutlich gemacht, dass uns nichts, auch keine Schuld, auch nicht schlimmstes Leid aus dieser Gemeinschaft ausschließt. Die Verantwortung, die wir haben, wenn wir feiern, ist nicht die, Jesus möglichst perfekt zu imitieren oder möglichst schön und nach außen heilig zu feiern. Das Heilige können wir gar nicht selbst herstellen. Es wird uns geschenkt. Unsere Verantwortung ist es, so zu feiern, dass auch Menschen, die außen stehen, merken: da geschieht etwas mit denen, die feiern. Da bildet sich eine Gemeinschaft ab, die eben mehr ist als eine nette Freundschaft der Menschen, die zufällig da sind. Wir verkünden den Tod Jesu, seine Einladung, es neu mit Gott zu versuchen, seine Einladung, Vergebung anzunehmen und ein Leben zu versuchen, dass nicht in dem aufgeht, was irgendeine Mehrheitsmeinung für richtig hält. Wir verkünden das in unserer Feier bis er kommt. Er, von dem wir alles Heil, alles Gute erwarten können. Er, dessen Kommen die Welt endgültig so sein lässt, wie sie im Guten gemeint ist. Voller Gerechtigkeit, Frieden und Wahrheit. Ohne Leid. Das Abendmahl will uns Wegzehrung der Hoffnung sein. Damit auch andere diese Hoffnung spüren können. Es will und kann nicht Endstation sein, die das alles schon abbildet. So wenig wie unser Miteinander das perfekt abbilden kann. Es ist verrückt, dass wir nicht aufgeben. Es ist verrückt, dass seit fast 2000 Jahren Menschen im gemeinsamen Essen und Trinken Jesus in ihre Mitte lassen. Es ist verrückt, nicht zu verzweifeln, sondern zu hoffen. Aber Gott sei Dank lädt er uns immer wieder ein, mit ihm zu feiern, unsere kleinlichen Streitereien zu begraben. Gott sei Dank bedient er sich immer wieder unseres unvollkommenen Miteinanders, um deutlich zu machen, dass er nicht für die Perfekten gekommen ist, sondern für die, die ihn wirklich nötig haben. In allem Streit, in aller Unsicherheit, in aller Vorläufigkeit des Lebens. Gott sei Dank dürfen wir feiern. Auch heute. Seinetwegen. Mit ihm. Unabhängig davon, wie wir uns sein Dabeisein vorstellen.
Amen
Predigten und Gedanken aus der Thomaskirche auf dem Richtsberg in Marburg
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Sonntag, 4. April 2010
Leben in Freiheit - Braucht Freiheit Regeln?
Hier der Vorstellungsgottesdienst des Richtsbergs - gehalten in den gottesdiensten am 21.03.10 in der Thomas- und am 28.03.10 in der Emmauskirche
Begrüßung
Liebe Gemeinde!
Zu diesem Gottesdienst heute begrüßen wir, die Konfirmandinnen und Konfirmanden des Jahrgangs 2010, sie herzlich. Es ist ein besonderer Gottesdienst. Es ist unser Vorstellungsgottesdienst. Deshalb wird manches anders als gewohnt sein.
Wir haben uns mit dem Thema „10 Gebote“ im Unterricht beschäftigt und wir haben versucht, dieses Thema in unsere Welt zu übersetzen. Statt einer Predigt sehen sie ein von uns selbst ausgedachtes Rollenspiel zum Thema. Wir haben Bilder gezeichnet, die sie jetzt schon sehen können, und fotografiert, was später zu sehen sein wird. Die Gebete haben wir ausgesucht und eigene Glaubensbekenntnisse geschrieben. Und die Musik, die sie hören, ist auch die Musik, die uns ein bisschen näher ist als die, die normalerweise im Gottesdienst gespielt wird.
Damit sie wissen, wer wir sind, möchten wir uns noch einmal kurz mit Namen vorstellen:
Hier sagt jeder einfach seinen Namen ins Mikro
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, der uns wie ein guter Vater beschützt, der durch Jesus an unserer Seite steht und der uns durch seinen Geist Kraft geben will. Amen.
Psalm
Wir beten Psalm 23 in einer Übersetzung von uns Konfirmandinnen und Konfirmanden:
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er bringt mich zu einem schönen Ort, einer Oase und erfrischt mich mit kühlem, heiligem Wasser.
Er sieht meine Seele und tut ihr gut.
Er lenkt mich in die richtige Richtung nach seinem Willen.
Auch wenn ich schon ganz allein im Dunkeln rumgelaufen bin, habe ich keine Angst, denn du, Gott, bist für mich.
Du beschützt mich vor allem Schrecklichen und bist da, wenn andere Menschen mir Leid zufügen wollen.
Du segnest mich, Gott, und sorgst dafür, dass ich von allem genug habe.
Du wirfst ein Leben lang ein Auge auf mich und ich werde mein Leben lang dein Kind bleiben und für immer zu dir halten.
Gebet
Gott, unser Vater, nicht immer sehen wir das Ziel klar vor Augen. Wir folgen den Spuren, die wir sehen. Die Spuren zeigen uns aber auch: Wir sind nicht allein, du gehst mit, auch wenn wir dich nicht sehen. Wir treffen uns und teilen den Weg, den wir gemeinsam neu entdecken. Und oft erkennen wir erst nachträglich, dass du mit uns gegangen bist und uns zum Leben geführt hast. Wir bitten dich: Führe uns Wege, die uns zum Ziel führen, zur Liebe, zu dir. Amen.
Lesung
Ich lese die Zehn Gebote in der Fassung, wie Martin Luther sie zusammengefasst hat:
Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
Du sollst den Feiertag heiligen.
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.
Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.
Jesus sagt über die Gebote: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
Glaubensbekenntnis
Als Glaubensbekenntnis spreche ich jetzt eines, das von einer Konfirmandin von uns stammt. Danach sprechen wir alle zusammen das Bekenntnis, das wir jeden Sonntag sprechen:
Ich glaube an Gott, den Schöpfer der Erde, der alles gemacht hat, auch den Menschen. Und an Jesus Christus, den einzigen Sohn Gottes, der sich für die Menschen geopfert hat und den Glauben weitergegeben hat. Er hilft uns in der Not und erhört unsere Gebete. Er ist oben im Himmel und sieht uns alle. Er ist heilig.
Und gemeinsam sprechen wir:
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde,
und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.
Rollenspiel 10 Gebote
1. Szene
(Mädchen und Junge umarmen sich, verabschieden sich)
HD: Bis später, Schatz, hab dich lieb! (Freund/in geht weg)
(Einige Freunde / Freundinnen kommen dazu)
HD (zu den anderen): So ein Mist! Jetzt hab ich ne 6 in Mathe. Die Müller, diese Ätzkuh! Jetzt krieg ich Ärger und Hausarrest. Am Wochenende ist doch die Party bei Jaqo! Wenn ich da nicht hindarf, dann wird sie schon sehen, was sie davon hat, mir ne 6 zu geben!
F : Was willst du denn da machen?
HD: Ich werde allen erzählen, dass sie minderjährige verführt! Die soll doch was mit dem Sven aus der 10 haben, die alte Schlampe!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „LÜGEN“
2. Szene (Musik: Home von Three Days Grace)
V: Was hast du denn in der Mathearbeit?
HD: Ne 4+, war ganz okay!
M: Wirklich? Du hast doch kaum gelernt.
HD: Ich schwör! Auf die Bibel!
V: Und wie kommt es dann, das Frau Müller angerufen hat, weil sie sich Sorgen macht, dass du mit deiner 6 in der Arbeit nicht mehr die Kurve kriegst!
M: Ich bin so enttäuscht! Du lügst uns an! Die Party kannst du vergessen!
HD: Ihr seid solche Scheißeltern! Ihr habt doch keine Ahnung! Am liebsten würde ich ausziehen und wäre weit weg von euch! Ohne euch ging’s mir viel besser!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „ELTERN EHREN“
M: Kind, versündige dich nicht! du weißt doch, was in der Bibel steht. Im Kindergottesdienst und im Konfirmandenunterricht hast du doch was anderes gelernt!
HD: Euer frommes Getue geht mir auf die Nerven! Und Gott auch, den gibt’s doch gar nicht! Sonst würde es doch nicht so viel Müll geben. Gott kann mich mal! Gott verdammt!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „GOTTES NAMEN MISSBRAUCHEN“
3. Szene
HD: So ein Elend! Jetzt hab ich Hausarrest! Aber am Wochenende geh ich trotzdem auf die Party. Wozu wohnt man denn im Erdgeschoss! Und das Taschengeld haben sie mir gesperrt. Ich brauch dringend nen Mascara, ich seh sonst so ätzend aus.
F: Ich hab jetzt auch keine mehr. Und Geld hab ich auch keins dabei.
HD: Kein Problem!
F: Was willst du denn machen?
HD: Na, siehst du doch… (klaut einen Mascara)
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „STEHLEN“
4. Szene (Musik zu Beginn: Disco Pogo)
Party, HD ist offensichtlich ziemlich besoffen
HD: (lallt) Das hier ist doch das wahre Leben! Alk, du machst mich so frei, ich bete dich an! Sex, du machst, dass ich mich so gut fühle, ich bete dich an! Und erst die Musik!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „ANDERE GÖTTER HABEN“
HD: (macht einen Jungen an): Ey, du bist aber süß! Hast du nicht Lust…
F: Hey, stopp, du bist besoffen! Wenn Kevin das mitkriegt! Lass doch!
HD: Na und? Ich hab jetzt keinen Bock auf Kevin, mit dem bin ich schon so lang zusammen. Wird mal Zeit für was Neues! (Zum Jungen:) Komm, wir gehen! Die haben hier bestimmt ein schönes Plätzchen für uns zwei!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „EHEBRECHEN“ (Musik: „Goodbye…“ James Blunt)
F: So’n Mist! Wie macht die das bloß? Die kriegt immer die süßen Typen ab, die hat immer die tollsten Klamotten, die ist immer so cool. Ich will das auch! Sonst dreh ich noch durch!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „NEIDISCH SEIN“
J: (Freund von HD, zur Freundin F) Hast du Lisa gesehen? Ich such sie schon den ganzen Abend!
F: (verlegen) Nö, eigentlich nicht…
J: wieso eigentlich? Lüg doch nicht! sie wollte doch kommen.
F: Na ja…
J: (sieht, wie sie mit einem anderen rummacht) Deshalb bist du so komisch! Ich mach die fertig! (Läuft auf sie zu, will sie schlagen, HD greift zu einem Messer, will es ihm in den Bauch rammen)
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „TÖTEN“
Eine Welt ohne Regeln, in der sich niemand Gedanken um richtig oder falsch macht, ist grausam und brutal. Leider ist die Wirklichkeit manchmal so. vielleicht haben wir hier oder da ein bisschen übertreiben. Aber auch wenn Regeln und Gebote oft nerven, ist es doch gut, wenn immer mal wieder jemand „Stopp!“ sagt. Regeln können nicht nur nervig sein, sondern sie können auch dazu helfen, Freiheit zu haben, weil sie vor schlimmen Fehlern schützen. So hat Gott auch die 10 Gebote gemeint.
Wir haben uns noch mehr Gedanken dazu gemacht. Dazu sehen sie jetzt noch ein paar Bilder und hören noch einige Gedanken.
Bild 1: „Du sollst keine anderen Götter haben!“ Menschen beten alles Mögliche an. Manchmal die komischsten Sachen. Aber viele sagen nicht gern, dass sie an Gott glauben. Gibt es wirklich nur einen Gott? Man darf niemanden zum glauben zwingen, aber auch niemanden davon abbringen.
Bild 2: „Du sollst Gottes Namen nicht missbrauchen.“ Es ist dumm, etwas in den Dreck zu ziehen, was anderen wirklich wichtig ist.
Bild 3: „Du sollst den Feiertag heiligen“. Auch wenn es schwer fällt, das einzusehen, ist es doch gut, wenn man sich auch mal Zeit nimmt, um über Gott nachzudenken oder für andere Menschen.
Bild 4: „Du sollst Vater und Mutter ehren“. Du darfst deine eigenen Wege gehen. Aber du kannst auch zurückschauen und die, die dir das Leben geschenkt haben, nicht aus den Augen verlieren und auch dann Respekt haben, wenn ihr euch gerade nicht versteht.
Bild 5: „Du sollst nicht töten“. Daran sollte sich jeder halten. Auch die Politiker.
Bild 6: „Du sollst nicht ehebrechen“. Liebe ist etwas wirklich Schönes.
Bild 7: Aber sie wird auch bedroht. von der Langeweile und von den Bildern, die man überall sieht. Es geht darum, nichts kaputt zu machen. Bei sich selbst könnte man das auch nicht ertragen.
Bild 8: „Du sollst nicht stehlen“. Wenn ich mich auf nichts mehr verlassen kann, wenn das Vertrauen kaputt geht, weil ich Angst um das, was mir gehört, haben muss, dann gibt es keine Sicherheit. Und die braucht man zum Leben.
Bild 9: „Du sollst nicht falsch Zeugnis über andere ablegen“. Lästern macht jeder Mal. Aber es gibt immer nur Stress, wenn ständig Gerüchte über andere erzählt werden.
Bild 10: „Du sollst nicht begehren.“ Leichter gesagt als getan. ein schönes Auto hätte wohl jeder gern.
Bild 11: Und Geld natürlich auch. Geld kann Neid auslösen, der wirklich eine Sucht wird.
Fürbittengebet
Ich danke dir, Vater. Du nimmst mich an, wie ich bin. Du machst mich nicht klein. Du vergibst mir und schenkst mir neuen Mut. Ich danke dir für mein Leben, für alle meine Fähigkeiten, dass ich denken, lernen und urteilen kann. Lass mich mit meinen Gaben nicht herrschen, sondern dienen.
Schenke mir die Kraft, anderen zu vergeben, so wie du mir vergeben hast. Schenke mir die Kraft, es neu zu versuchen, auch wenn du weißt, dass nicht alles ganz anders wird in meinem Leben. Ich möchte dir mein Vertrauen schenken. Schließe mich immer wieder in deine Arme, auch wenn mir nicht alles gelingt, was ich mir vornehme.
Danke, dass uns gesagt wird und wir glauben dürfen: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag. Du bist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Höre uns, wenn wir so zu dir beten, wie Jesus es uns gezeigt hat:
Segen
Gott, segne mir den Mond hoch über mir.
Gott, segne mir die Erde hier unter mir.
Gott, segne mir die Musik, die um mich ist.
Gott, segne mir alles, worauf mein Blick ruht.
Gott, segne mir das, worauf meine Hoffnung baut.
Gott, segne mir Verstand und willen; segne sie mir, o Gott, du Gott des Lebens.
Begrüßung
Liebe Gemeinde!
Zu diesem Gottesdienst heute begrüßen wir, die Konfirmandinnen und Konfirmanden des Jahrgangs 2010, sie herzlich. Es ist ein besonderer Gottesdienst. Es ist unser Vorstellungsgottesdienst. Deshalb wird manches anders als gewohnt sein.
Wir haben uns mit dem Thema „10 Gebote“ im Unterricht beschäftigt und wir haben versucht, dieses Thema in unsere Welt zu übersetzen. Statt einer Predigt sehen sie ein von uns selbst ausgedachtes Rollenspiel zum Thema. Wir haben Bilder gezeichnet, die sie jetzt schon sehen können, und fotografiert, was später zu sehen sein wird. Die Gebete haben wir ausgesucht und eigene Glaubensbekenntnisse geschrieben. Und die Musik, die sie hören, ist auch die Musik, die uns ein bisschen näher ist als die, die normalerweise im Gottesdienst gespielt wird.
Damit sie wissen, wer wir sind, möchten wir uns noch einmal kurz mit Namen vorstellen:
Hier sagt jeder einfach seinen Namen ins Mikro
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes, der uns wie ein guter Vater beschützt, der durch Jesus an unserer Seite steht und der uns durch seinen Geist Kraft geben will. Amen.
Psalm
Wir beten Psalm 23 in einer Übersetzung von uns Konfirmandinnen und Konfirmanden:
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er bringt mich zu einem schönen Ort, einer Oase und erfrischt mich mit kühlem, heiligem Wasser.
Er sieht meine Seele und tut ihr gut.
Er lenkt mich in die richtige Richtung nach seinem Willen.
Auch wenn ich schon ganz allein im Dunkeln rumgelaufen bin, habe ich keine Angst, denn du, Gott, bist für mich.
Du beschützt mich vor allem Schrecklichen und bist da, wenn andere Menschen mir Leid zufügen wollen.
Du segnest mich, Gott, und sorgst dafür, dass ich von allem genug habe.
Du wirfst ein Leben lang ein Auge auf mich und ich werde mein Leben lang dein Kind bleiben und für immer zu dir halten.
Gebet
Gott, unser Vater, nicht immer sehen wir das Ziel klar vor Augen. Wir folgen den Spuren, die wir sehen. Die Spuren zeigen uns aber auch: Wir sind nicht allein, du gehst mit, auch wenn wir dich nicht sehen. Wir treffen uns und teilen den Weg, den wir gemeinsam neu entdecken. Und oft erkennen wir erst nachträglich, dass du mit uns gegangen bist und uns zum Leben geführt hast. Wir bitten dich: Führe uns Wege, die uns zum Ziel führen, zur Liebe, zu dir. Amen.
Lesung
Ich lese die Zehn Gebote in der Fassung, wie Martin Luther sie zusammengefasst hat:
Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.
Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unnütz gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
Du sollst den Feiertag heiligen.
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.
Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen.
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.
Jesus sagt über die Gebote: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt. Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.
Glaubensbekenntnis
Als Glaubensbekenntnis spreche ich jetzt eines, das von einer Konfirmandin von uns stammt. Danach sprechen wir alle zusammen das Bekenntnis, das wir jeden Sonntag sprechen:
Ich glaube an Gott, den Schöpfer der Erde, der alles gemacht hat, auch den Menschen. Und an Jesus Christus, den einzigen Sohn Gottes, der sich für die Menschen geopfert hat und den Glauben weitergegeben hat. Er hilft uns in der Not und erhört unsere Gebete. Er ist oben im Himmel und sieht uns alle. Er ist heilig.
Und gemeinsam sprechen wir:
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde,
und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.
Rollenspiel 10 Gebote
1. Szene
(Mädchen und Junge umarmen sich, verabschieden sich)
HD: Bis später, Schatz, hab dich lieb! (Freund/in geht weg)
(Einige Freunde / Freundinnen kommen dazu)
HD (zu den anderen): So ein Mist! Jetzt hab ich ne 6 in Mathe. Die Müller, diese Ätzkuh! Jetzt krieg ich Ärger und Hausarrest. Am Wochenende ist doch die Party bei Jaqo! Wenn ich da nicht hindarf, dann wird sie schon sehen, was sie davon hat, mir ne 6 zu geben!
F : Was willst du denn da machen?
HD: Ich werde allen erzählen, dass sie minderjährige verführt! Die soll doch was mit dem Sven aus der 10 haben, die alte Schlampe!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „LÜGEN“
2. Szene (Musik: Home von Three Days Grace)
V: Was hast du denn in der Mathearbeit?
HD: Ne 4+, war ganz okay!
M: Wirklich? Du hast doch kaum gelernt.
HD: Ich schwör! Auf die Bibel!
V: Und wie kommt es dann, das Frau Müller angerufen hat, weil sie sich Sorgen macht, dass du mit deiner 6 in der Arbeit nicht mehr die Kurve kriegst!
M: Ich bin so enttäuscht! Du lügst uns an! Die Party kannst du vergessen!
HD: Ihr seid solche Scheißeltern! Ihr habt doch keine Ahnung! Am liebsten würde ich ausziehen und wäre weit weg von euch! Ohne euch ging’s mir viel besser!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „ELTERN EHREN“
M: Kind, versündige dich nicht! du weißt doch, was in der Bibel steht. Im Kindergottesdienst und im Konfirmandenunterricht hast du doch was anderes gelernt!
HD: Euer frommes Getue geht mir auf die Nerven! Und Gott auch, den gibt’s doch gar nicht! Sonst würde es doch nicht so viel Müll geben. Gott kann mich mal! Gott verdammt!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „GOTTES NAMEN MISSBRAUCHEN“
3. Szene
HD: So ein Elend! Jetzt hab ich Hausarrest! Aber am Wochenende geh ich trotzdem auf die Party. Wozu wohnt man denn im Erdgeschoss! Und das Taschengeld haben sie mir gesperrt. Ich brauch dringend nen Mascara, ich seh sonst so ätzend aus.
F: Ich hab jetzt auch keine mehr. Und Geld hab ich auch keins dabei.
HD: Kein Problem!
F: Was willst du denn machen?
HD: Na, siehst du doch… (klaut einen Mascara)
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „STEHLEN“
4. Szene (Musik zu Beginn: Disco Pogo)
Party, HD ist offensichtlich ziemlich besoffen
HD: (lallt) Das hier ist doch das wahre Leben! Alk, du machst mich so frei, ich bete dich an! Sex, du machst, dass ich mich so gut fühle, ich bete dich an! Und erst die Musik!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „ANDERE GÖTTER HABEN“
HD: (macht einen Jungen an): Ey, du bist aber süß! Hast du nicht Lust…
F: Hey, stopp, du bist besoffen! Wenn Kevin das mitkriegt! Lass doch!
HD: Na und? Ich hab jetzt keinen Bock auf Kevin, mit dem bin ich schon so lang zusammen. Wird mal Zeit für was Neues! (Zum Jungen:) Komm, wir gehen! Die haben hier bestimmt ein schönes Plätzchen für uns zwei!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „EHEBRECHEN“ (Musik: „Goodbye…“ James Blunt)
F: So’n Mist! Wie macht die das bloß? Die kriegt immer die süßen Typen ab, die hat immer die tollsten Klamotten, die ist immer so cool. Ich will das auch! Sonst dreh ich noch durch!
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „NEIDISCH SEIN“
J: (Freund von HD, zur Freundin F) Hast du Lisa gesehen? Ich such sie schon den ganzen Abend!
F: (verlegen) Nö, eigentlich nicht…
J: wieso eigentlich? Lüg doch nicht! sie wollte doch kommen.
F: Na ja…
J: (sieht, wie sie mit einem anderen rummacht) Deshalb bist du so komisch! Ich mach die fertig! (Läuft auf sie zu, will sie schlagen, HD greift zu einem Messer, will es ihm in den Bauch rammen)
SCHILDER HOCH HALTEN: „DU SOLLST“ „NICHT“ „TÖTEN“
Eine Welt ohne Regeln, in der sich niemand Gedanken um richtig oder falsch macht, ist grausam und brutal. Leider ist die Wirklichkeit manchmal so. vielleicht haben wir hier oder da ein bisschen übertreiben. Aber auch wenn Regeln und Gebote oft nerven, ist es doch gut, wenn immer mal wieder jemand „Stopp!“ sagt. Regeln können nicht nur nervig sein, sondern sie können auch dazu helfen, Freiheit zu haben, weil sie vor schlimmen Fehlern schützen. So hat Gott auch die 10 Gebote gemeint.
Wir haben uns noch mehr Gedanken dazu gemacht. Dazu sehen sie jetzt noch ein paar Bilder und hören noch einige Gedanken.
Bild 1: „Du sollst keine anderen Götter haben!“ Menschen beten alles Mögliche an. Manchmal die komischsten Sachen. Aber viele sagen nicht gern, dass sie an Gott glauben. Gibt es wirklich nur einen Gott? Man darf niemanden zum glauben zwingen, aber auch niemanden davon abbringen.
Bild 2: „Du sollst Gottes Namen nicht missbrauchen.“ Es ist dumm, etwas in den Dreck zu ziehen, was anderen wirklich wichtig ist.
Bild 3: „Du sollst den Feiertag heiligen“. Auch wenn es schwer fällt, das einzusehen, ist es doch gut, wenn man sich auch mal Zeit nimmt, um über Gott nachzudenken oder für andere Menschen.
Bild 4: „Du sollst Vater und Mutter ehren“. Du darfst deine eigenen Wege gehen. Aber du kannst auch zurückschauen und die, die dir das Leben geschenkt haben, nicht aus den Augen verlieren und auch dann Respekt haben, wenn ihr euch gerade nicht versteht.
Bild 5: „Du sollst nicht töten“. Daran sollte sich jeder halten. Auch die Politiker.
Bild 6: „Du sollst nicht ehebrechen“. Liebe ist etwas wirklich Schönes.
Bild 7: Aber sie wird auch bedroht. von der Langeweile und von den Bildern, die man überall sieht. Es geht darum, nichts kaputt zu machen. Bei sich selbst könnte man das auch nicht ertragen.
Bild 8: „Du sollst nicht stehlen“. Wenn ich mich auf nichts mehr verlassen kann, wenn das Vertrauen kaputt geht, weil ich Angst um das, was mir gehört, haben muss, dann gibt es keine Sicherheit. Und die braucht man zum Leben.
Bild 9: „Du sollst nicht falsch Zeugnis über andere ablegen“. Lästern macht jeder Mal. Aber es gibt immer nur Stress, wenn ständig Gerüchte über andere erzählt werden.
Bild 10: „Du sollst nicht begehren.“ Leichter gesagt als getan. ein schönes Auto hätte wohl jeder gern.
Bild 11: Und Geld natürlich auch. Geld kann Neid auslösen, der wirklich eine Sucht wird.
Fürbittengebet
Ich danke dir, Vater. Du nimmst mich an, wie ich bin. Du machst mich nicht klein. Du vergibst mir und schenkst mir neuen Mut. Ich danke dir für mein Leben, für alle meine Fähigkeiten, dass ich denken, lernen und urteilen kann. Lass mich mit meinen Gaben nicht herrschen, sondern dienen.
Schenke mir die Kraft, anderen zu vergeben, so wie du mir vergeben hast. Schenke mir die Kraft, es neu zu versuchen, auch wenn du weißt, dass nicht alles ganz anders wird in meinem Leben. Ich möchte dir mein Vertrauen schenken. Schließe mich immer wieder in deine Arme, auch wenn mir nicht alles gelingt, was ich mir vornehme.
Danke, dass uns gesagt wird und wir glauben dürfen: Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag. Du bist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Höre uns, wenn wir so zu dir beten, wie Jesus es uns gezeigt hat:
Segen
Gott, segne mir den Mond hoch über mir.
Gott, segne mir die Erde hier unter mir.
Gott, segne mir die Musik, die um mich ist.
Gott, segne mir alles, worauf mein Blick ruht.
Gott, segne mir das, worauf meine Hoffnung baut.
Gott, segne mir Verstand und willen; segne sie mir, o Gott, du Gott des Lebens.
Samstag, 13. März 2010
Ganz bei Trost... - Lätare, 14.03.10, Reihe II
Text: 2. Korinther 1,3-7
Liebe Gemeinde!
Manchmal wird es zu viel mit dem ganzen Trost. „Es wird schon wieder. Du wirst schon sehen. Die Zeit heilt alle Wunden. Ich kenne das auch. Ich weiß wie das ist. Du musst nur…“ – Sie meinen es ja nur gut, die anderen. Sie wollen nicht, dass da jemand traurig rumsitzt. Aber manchmal ist es einfach zu viel. Ich weiß nicht, ob sie das Gefühl kennen, das Trost manchmal auch zu viel werden kann. Ganz heftig habe ich das einmal nicht bei mir selbst, sondern bei Eltern erlebt, die ihr Kind bei einem Unfall verloren hatten. Am Anfang waren ständig Leute da. Jeder wollte was Gutes sagen, was Gutes tun. „Es war uns viel zu viel. Wir hatten gar keine Zeit, mal in Ruhe nachzudenken. Jeder hat es gut gemeint. Aber ich wollte gar nicht reden und gar nichts hören!“ So hat es mir die Mutter des Mädchens nach einer Weile mal erzählt. Es ging aber noch weiter. „Und dann, als die ersten Wochen rum waren, da war dann niemand mehr da. Als ich gern jemanden gehabt hätte, der mit mir redet, da hat jeder ge-dacht, er hätte das Nötige schon getan und der Trost hätte schon gewirkt. Für alle ging das Leben dann normal weiter. Für uns nicht. Erst war es zu viel und dann nichts mehr!“
Ich erzähle das jetzt nicht, weil ich die Bemühungen der anderen schlecht machen will. Nein, es ist gut, wenn Menschen sehen, dass es anderen schlecht geht und wenn sie versuchen, mit guten Worten und mit guten Taten die, denen es schlecht geht, aufzurichten. Das ist auf jeden Fall besser, als einfach so an der Traurigkeit und am Leid von anderen vorbeizugehen und zu sagen oder zu denken: „Das geht mich nichts an, die werden schon irgendwie damit fertig.“ Aber was, glaube ich, fast jeder von uns aus eigener Erfahrung kennt, ist das Gefühl, dass es sehr schwer ist, jemanden wirklich zu trösten. Auch deshalb, weil ich ja bei mir selber auch erlebe, dass nicht alles, was wirklich gut gemeint ist und was andere mir sagen oder an Gutem tun wollen, auch den richtigen Trosteffekt hat.
Was tröstet eigentlich wirklich? Gibt es einen Trost, der sozusagen funktioniert? Es wäre schön, wenn es den wirklich gäbe! Manchmal stehe ich als Pfarrer auch so ein bisschen ratlos da und denke mir: „Eigentlich ist alles, was du jetzt sagen kannst, irgendwie nicht richtig.“ Schwere Krebserkrankungen, Sucht, gewalttätige Eltern oder Freunde, und manchmal noch viel mehr unaussprechliches Leid, bei dem mir jedes Wort falsch vorkommt. Von mir als Pfarrer erwarten die Menschen, dass ich Trost spenden kann. Aber was soll ich sagen, wenn ich mitbekomme, dass ein Mädchen mit noch nicht mal zwölf Jahren nachts die Kotze ihrer betrunkenen Mutter wegwischt und die Betten neu bezieht, nur damit niemand die Alkoholsucht der Mutter bemerkt? Was soll ich sagen, wenn ein Mann die Krebsleiden seiner Frau nicht mehr ertragen kann und er sie mit einem Kissen erstickt? Soll ich dann sagen: „Gelobt sei Gott, der Gott allen Trostes, der uns in aller Trübsal tröstet“, so wie Paulus hier schreibt? Mir kommt das selber manchmal zu einfach vor. Da fehlen mir eigene Worte, da weiß ich nicht mehr weiter und dann benutze ich Gott als Joker. Und dann denke ich: warum eigentlich nicht. Vielleicht nicht mit diesen Worten. Bestimmt fühlen sich manche auf den Arm genommen, wenn ich so geschwollen daher rede, weil sie wissen, dass ich im Normalfall anders rede. Vielleicht sind sie skeptisch, weil sie denken, der sagt das nur als Pfarrer, weil er das sagen muss. Aber das ist doch billig und auswendig gelernt. Es kann wirklich billig, auswendig gelernt und einfach nur so daher gesagt sein, wenn man gleich auf Gott verweist und dann weiter geht. Genug getröstet, nächster Fall. Aber eigentlich bleibt uns Menschen, nicht nur uns als Christen, doch gar nichts anderes übrig, wenn es um echten Trost geht, das zu leben, was Paulus hier mit Worten beschreibt, die einem heute manchmal altmodisch und unpassend vorkommen. Trost kann nur dann wirklich entstehen, wenn wir uns als eine Leidens- und Trostgemeinschaft erleben. Das hört sich abgehobener an, als es eigentlich ist. Um andere wirklich trösten zu können, darf ich in mir selber nicht den absoluten Supermann oder die absolute Superfrau sehen, die alle Lebenslagen meistert, ohne dass Niederlagen, Schicksalsschläge oder schlimme Erfah-rungen mir was ausmachen. Wer so denkt, macht sich erstens was vor und wird zweitens den anderen, der im Moment wirklich Trost braucht, von oben herab behandeln. Ich bin der, der alles weiß und kann. Der andere wird sich dann immer klein und schlecht vorkommen. Wenn ich trösten will, muss ich nicht die gleichen traurigen Erfahrungen gemacht haben wie der, der Trost braucht. Aber ich muss mir eingestehen können, dass ich auch verletzlich bin und bedürftig bin. Wenn ich andere tröste, ist es manchmal hilfreich, nicht gerade selbst Trost zu brauchen. Aber trösten kann ich, glaube ich, dann am Besten, wenn ich von mir selber weiß, wie es ist, Trost zu brauchen und wenn ich solche guten Trosterfahrungen gemacht habe. Gott ist der Gott allen Trostes, von dem Paulus hier schreibt, nicht, weil er leidenschaftslos und leidenslos über allem schwebt, sondern weil er sich durch Jesus in diese Leidens- und Trostgemeinschaft mit uns Menschen gestellt hat. Gott ist das Leid nicht fremd. Er wird so sehr Mensch, dass er eben auch davor nicht wegläuft und uns dadurch zeigt, wie wichtig wir ihm sind. „Wenn’s brenzlig wird, haue ich ab!“ Ich denke, dass das eine für Menschen typische Haltung ist. Es macht ja auch keinen Spaß, in brenzlige Situationen zu geraten oder etwas so Trauruges zu erfahren, dass ich wirklich getröstet werden muss. Gott läuft nicht weg. Gott bleibt da. Weglaufen bringt nichts. Die traurigen Erfahrungen fressen sich dann nur immer tiefer in einen rein. Und wenn Menschen weglaufen, dann weiß ich: auf die kann ich mich nicht verlassen. Gott macht das anders. Er läuft nicht weg. Und er zeigt auch, dass das Leiden eben nicht das Letzte ist. Wenn Paulus an die Menschen in Korinth schreibt, dass Leiden auch mit Geduld getragen werden können und dass sich dann zeigen wird, wie stark der Trost ist, den Gott geben kann, dann schreibt er das nicht, weil Leiden etwas Tolles ist. Leiden ist traurig. Nicht toll. Und Gott ist kein Perversling, der will, dass die Menschen leiden, damit sie sich klein und mies fühlen und er groß da steht. Weglaufen bringt nichts. Wenn du dich dem Traurigen im Leben nicht stellst, dann wird auch der Trost nicht kom-men können. Die Botschaft steckt für mich in dem Brief an die Korinther. Als Christ hast du die Perspektive und die Hoffnung Leben. In der Taufe hast du ein Band mit Gott, das nicht kaputt geht. Ein sichtbares Zeichen für seine Liebe zu dir. Trost ist nicht ein Zukleistern des Bösen, sondern ein Wachhalten der Hoffnung. Das zeigt mir Paulus. Und so, wie wir mit Gott und untereinander im Leiden, im Traurigen zusammengehören, gehören wir eben auch in der Hoffnung zusammen. Trost entsteht und wächst eben vor allem dann, wenn ich weiß, dass ich nicht allein bin. Auch wenn die traurige Erfahrung einmalig ist und niemand sie wirklich mitfühlen kann, kann miteinander nach Hoffnung gesucht und Hoffnung wachgehalten werden. Hoffnung, die das Dunkel nicht überspielt, sondern die das Dunkle überwindet. Und wenn ich sie allein nicht sehen kann, allein nicht geben kann, dann gibt es eben eine große Gemeinschaft, die mir dabei helfen kann. Die Gemeinschaft der Kinder und Geliebten Gottes. Die Gemeinschaft mit Gott. Vielleicht war es das, was den Eltern, die um ihre Tochter getrauert haben, so gefehlt hat: die Gemeinschaft, die nicht weggeht, wenn der Alltag wieder da ist. Ich wünsche uns allen, dass wir nicht nur im Ausnahmefall, sondern jeden Tag, in unserem Alltag, diese Gemeinschaft spüren, die Trauriges nicht versteckt, nicht leugnet und so fähig wird, Trost zu geben. Mit Gottes Hilfe. Gott sei Dank.
Amen
Liebe Gemeinde!
Manchmal wird es zu viel mit dem ganzen Trost. „Es wird schon wieder. Du wirst schon sehen. Die Zeit heilt alle Wunden. Ich kenne das auch. Ich weiß wie das ist. Du musst nur…“ – Sie meinen es ja nur gut, die anderen. Sie wollen nicht, dass da jemand traurig rumsitzt. Aber manchmal ist es einfach zu viel. Ich weiß nicht, ob sie das Gefühl kennen, das Trost manchmal auch zu viel werden kann. Ganz heftig habe ich das einmal nicht bei mir selbst, sondern bei Eltern erlebt, die ihr Kind bei einem Unfall verloren hatten. Am Anfang waren ständig Leute da. Jeder wollte was Gutes sagen, was Gutes tun. „Es war uns viel zu viel. Wir hatten gar keine Zeit, mal in Ruhe nachzudenken. Jeder hat es gut gemeint. Aber ich wollte gar nicht reden und gar nichts hören!“ So hat es mir die Mutter des Mädchens nach einer Weile mal erzählt. Es ging aber noch weiter. „Und dann, als die ersten Wochen rum waren, da war dann niemand mehr da. Als ich gern jemanden gehabt hätte, der mit mir redet, da hat jeder ge-dacht, er hätte das Nötige schon getan und der Trost hätte schon gewirkt. Für alle ging das Leben dann normal weiter. Für uns nicht. Erst war es zu viel und dann nichts mehr!“
Ich erzähle das jetzt nicht, weil ich die Bemühungen der anderen schlecht machen will. Nein, es ist gut, wenn Menschen sehen, dass es anderen schlecht geht und wenn sie versuchen, mit guten Worten und mit guten Taten die, denen es schlecht geht, aufzurichten. Das ist auf jeden Fall besser, als einfach so an der Traurigkeit und am Leid von anderen vorbeizugehen und zu sagen oder zu denken: „Das geht mich nichts an, die werden schon irgendwie damit fertig.“ Aber was, glaube ich, fast jeder von uns aus eigener Erfahrung kennt, ist das Gefühl, dass es sehr schwer ist, jemanden wirklich zu trösten. Auch deshalb, weil ich ja bei mir selber auch erlebe, dass nicht alles, was wirklich gut gemeint ist und was andere mir sagen oder an Gutem tun wollen, auch den richtigen Trosteffekt hat.
Was tröstet eigentlich wirklich? Gibt es einen Trost, der sozusagen funktioniert? Es wäre schön, wenn es den wirklich gäbe! Manchmal stehe ich als Pfarrer auch so ein bisschen ratlos da und denke mir: „Eigentlich ist alles, was du jetzt sagen kannst, irgendwie nicht richtig.“ Schwere Krebserkrankungen, Sucht, gewalttätige Eltern oder Freunde, und manchmal noch viel mehr unaussprechliches Leid, bei dem mir jedes Wort falsch vorkommt. Von mir als Pfarrer erwarten die Menschen, dass ich Trost spenden kann. Aber was soll ich sagen, wenn ich mitbekomme, dass ein Mädchen mit noch nicht mal zwölf Jahren nachts die Kotze ihrer betrunkenen Mutter wegwischt und die Betten neu bezieht, nur damit niemand die Alkoholsucht der Mutter bemerkt? Was soll ich sagen, wenn ein Mann die Krebsleiden seiner Frau nicht mehr ertragen kann und er sie mit einem Kissen erstickt? Soll ich dann sagen: „Gelobt sei Gott, der Gott allen Trostes, der uns in aller Trübsal tröstet“, so wie Paulus hier schreibt? Mir kommt das selber manchmal zu einfach vor. Da fehlen mir eigene Worte, da weiß ich nicht mehr weiter und dann benutze ich Gott als Joker. Und dann denke ich: warum eigentlich nicht. Vielleicht nicht mit diesen Worten. Bestimmt fühlen sich manche auf den Arm genommen, wenn ich so geschwollen daher rede, weil sie wissen, dass ich im Normalfall anders rede. Vielleicht sind sie skeptisch, weil sie denken, der sagt das nur als Pfarrer, weil er das sagen muss. Aber das ist doch billig und auswendig gelernt. Es kann wirklich billig, auswendig gelernt und einfach nur so daher gesagt sein, wenn man gleich auf Gott verweist und dann weiter geht. Genug getröstet, nächster Fall. Aber eigentlich bleibt uns Menschen, nicht nur uns als Christen, doch gar nichts anderes übrig, wenn es um echten Trost geht, das zu leben, was Paulus hier mit Worten beschreibt, die einem heute manchmal altmodisch und unpassend vorkommen. Trost kann nur dann wirklich entstehen, wenn wir uns als eine Leidens- und Trostgemeinschaft erleben. Das hört sich abgehobener an, als es eigentlich ist. Um andere wirklich trösten zu können, darf ich in mir selber nicht den absoluten Supermann oder die absolute Superfrau sehen, die alle Lebenslagen meistert, ohne dass Niederlagen, Schicksalsschläge oder schlimme Erfah-rungen mir was ausmachen. Wer so denkt, macht sich erstens was vor und wird zweitens den anderen, der im Moment wirklich Trost braucht, von oben herab behandeln. Ich bin der, der alles weiß und kann. Der andere wird sich dann immer klein und schlecht vorkommen. Wenn ich trösten will, muss ich nicht die gleichen traurigen Erfahrungen gemacht haben wie der, der Trost braucht. Aber ich muss mir eingestehen können, dass ich auch verletzlich bin und bedürftig bin. Wenn ich andere tröste, ist es manchmal hilfreich, nicht gerade selbst Trost zu brauchen. Aber trösten kann ich, glaube ich, dann am Besten, wenn ich von mir selber weiß, wie es ist, Trost zu brauchen und wenn ich solche guten Trosterfahrungen gemacht habe. Gott ist der Gott allen Trostes, von dem Paulus hier schreibt, nicht, weil er leidenschaftslos und leidenslos über allem schwebt, sondern weil er sich durch Jesus in diese Leidens- und Trostgemeinschaft mit uns Menschen gestellt hat. Gott ist das Leid nicht fremd. Er wird so sehr Mensch, dass er eben auch davor nicht wegläuft und uns dadurch zeigt, wie wichtig wir ihm sind. „Wenn’s brenzlig wird, haue ich ab!“ Ich denke, dass das eine für Menschen typische Haltung ist. Es macht ja auch keinen Spaß, in brenzlige Situationen zu geraten oder etwas so Trauruges zu erfahren, dass ich wirklich getröstet werden muss. Gott läuft nicht weg. Gott bleibt da. Weglaufen bringt nichts. Die traurigen Erfahrungen fressen sich dann nur immer tiefer in einen rein. Und wenn Menschen weglaufen, dann weiß ich: auf die kann ich mich nicht verlassen. Gott macht das anders. Er läuft nicht weg. Und er zeigt auch, dass das Leiden eben nicht das Letzte ist. Wenn Paulus an die Menschen in Korinth schreibt, dass Leiden auch mit Geduld getragen werden können und dass sich dann zeigen wird, wie stark der Trost ist, den Gott geben kann, dann schreibt er das nicht, weil Leiden etwas Tolles ist. Leiden ist traurig. Nicht toll. Und Gott ist kein Perversling, der will, dass die Menschen leiden, damit sie sich klein und mies fühlen und er groß da steht. Weglaufen bringt nichts. Wenn du dich dem Traurigen im Leben nicht stellst, dann wird auch der Trost nicht kom-men können. Die Botschaft steckt für mich in dem Brief an die Korinther. Als Christ hast du die Perspektive und die Hoffnung Leben. In der Taufe hast du ein Band mit Gott, das nicht kaputt geht. Ein sichtbares Zeichen für seine Liebe zu dir. Trost ist nicht ein Zukleistern des Bösen, sondern ein Wachhalten der Hoffnung. Das zeigt mir Paulus. Und so, wie wir mit Gott und untereinander im Leiden, im Traurigen zusammengehören, gehören wir eben auch in der Hoffnung zusammen. Trost entsteht und wächst eben vor allem dann, wenn ich weiß, dass ich nicht allein bin. Auch wenn die traurige Erfahrung einmalig ist und niemand sie wirklich mitfühlen kann, kann miteinander nach Hoffnung gesucht und Hoffnung wachgehalten werden. Hoffnung, die das Dunkel nicht überspielt, sondern die das Dunkle überwindet. Und wenn ich sie allein nicht sehen kann, allein nicht geben kann, dann gibt es eben eine große Gemeinschaft, die mir dabei helfen kann. Die Gemeinschaft der Kinder und Geliebten Gottes. Die Gemeinschaft mit Gott. Vielleicht war es das, was den Eltern, die um ihre Tochter getrauert haben, so gefehlt hat: die Gemeinschaft, die nicht weggeht, wenn der Alltag wieder da ist. Ich wünsche uns allen, dass wir nicht nur im Ausnahmefall, sondern jeden Tag, in unserem Alltag, diese Gemeinschaft spüren, die Trauriges nicht versteckt, nicht leugnet und so fähig wird, Trost zu geben. Mit Gottes Hilfe. Gott sei Dank.
Amen
Donnerstag, 4. März 2010
PorNO - Okuli, 07.03.10, Reihe II
Text: Epheser 5,1-8
Liebe Gemeinde!
Nochmal davongekommen! Gerade so die Kurve gekriegt. „Folgt Gottes Beispiel! Lebt in der Liebe! Von Unzucht, dummem Geschwätz oder Habsucht soll noch nicht mal die Rede sein!“ Es sind extrem hohe Ansprüche. Christen sollen erkennbar sein. Nicht nur daran, dass sie irgendwie ganz nett und lieb und freundlich zu anderen sind. Sondern daran, dass sie Liebe wirklich leben. Pornografie, Bordellbesuche, Sex mit ständig wechselnden Partnern, das soll keinen Platz haben in ihrem Leben. Und auch kein dummes Geschwätz, das andere Menschen lächerlich und verächtlich macht. Habsucht natürlich erst recht nicht. Nochmal davongekommen, sich jetzt allzu viele Gedanken über sich selbst und das eigene Leben zu machen. Schließlich gibt es ja im Moment genug, auf die mit dem Finger gezeigt werden kann. Seit Wochen beherrschen vor allem katholische Geistliche, die Kinder und Jugendliche sexuell oder durch Bestrafungen anders körperlich und seelisch missbraucht haben, die Schlagzeilen. Und Bischöfe, die in den Augen der Öffentlichkeit viel zu lasch damit umgehen. Nochmal davongekommen – gut, dass die katholische Kirche so ein schlechtes Bild abgibt und so davon ablenkt, dass es gerade in den 50er und 60er Jahren in Kinderheimen, die von der evangelischen Kirche geführt wurden, ähnlich schlimme Zustände gab. Die Glaubwürdigkeit der Kirche ist erschüttert. Respekt hat ihr ein bisschen die Konsequenz verschafft, mit der Frau Käßmann nach ihrer Trunkenheitsfahrt zurücktrat. Sie hat, anders als leider manche Politiker, nicht nach billigen Ausflüchten gesucht. Ich will nicht ablenken und uns evangelische Christen als besser hinstellen. Auch wenn der Rücktritt Respekt verdient, höre ich doch Sätze wie „Wenn die Oberen nicht besser sind als ich selbst, dann brauch ich die Kirche doch nicht!“ So schlimm wie die Missbrauchsfälle auch sind, so falsch eine Fahrt im besoffenen Kopf auch ist: das alles kann prima als Entschuldigung für eigene Bequemlichkeit missbraucht werden. Kirche sind nicht Bischöfe, Priester, Pfarrer. Jeder getaufte Christ ist Teil der Kirche. Für mich wird hier deutlich, was Paulus im 1. Korintherbrief schreibt: „Wir sind ein Leib! Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit!“ Es sind viele, zu viele, aber Gott sei Dank immer noch Einzelne und alles andere als die Mehrheit der Pfarrer, Priester, Bischöfe, Lehrer und Erzieher, die solche Schuld auf sich geladen haben. Trotzdem leidet das Ansehen der GANZEN Kirche darunter. Umgekehrt gilt aber auch. Wenn der Kopf Probleme macht, gibt es immer noch die Beine, die ihn zum Arzt tragen können. Für mich ist das der Liebesdienst, mit dem unser Predigttext heute beginnt. „Folgt Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe“. Für mich heißt das auch: „Benutzt die Fehler, die Unglaubwürdigkeit anderer nicht als bequeme Ausrede zur Vertuschung eigener Fehler. Bleibt glaubwürdig, bliebt in der Liebe und helft denen, die lieblos sind, dadurch wieder zurechtzukommen.“ Wenn wir Jesus Christus ernst nehmen, dann geht es doch nicht darum, Menschen zu ver-dammen, sondern Schuld aufzudecken und so zu ermögli-chen, dass neue Wege gegangen werden können. Gott liebt uns nicht deshalb, weil wir so sind, wie wir sind, sondern obwohl wir so sind, wie wir sind. Weder als einzelner Christ noch als Priester oder Bischöfin sind wir frei von Schuld. Gott liebt den Sünder, nicht die Sünde.
Uns wird was zugetraut. Damit beginnt der Abschnitt aus dem Epheserbrief, der heute Predigttext ist. Uns wird nicht zuerst gesagt, was wir alles nicht tun sollen oder falsch machen. Uns wird zugetraut, in der Liebe, die uns Gott durch Jesus geschenkt hat, zu leben und einander und anderen Menschen mit Liebe zu begegnen. Christsein findet seinen Ausdruck nicht in Vorwürfen und Ablenkungsmanövern von eigener Schwäche, sondern in Liebe. Schöne Aussichten. Und von da aus ergibt sich eigentlich das andere, was sich nicht nur hart anhört, sondern auch hart ist, wenn man es wirklich umsetzt. Weil die Welt bis heute wirklich anders tickt. Meidet die Unzucht! Ja, das ist jahrhundertelang so ausgelegt worden, als sollten Christen keine Freude an ihrer Sexualität haben und als wäre es gut, wenn die Frau ihren Mann zum ersten Mal auszieht, wenn sie ihm das Totenhemd anzieht. Darum geht es gar nicht. Es geht um ganz moderne Lebenseinstellungen. Es geht um die Befriedigung der eige-nen Triebe, der eigenen Lust, am besten sofort, ohne Rück-sicht auf den anderen, ohne Rücksicht auf die Konsequen-zen. Körper werden zur Ware gemacht, Frauen nach der Größe ihrer Brüste, Männer nach der Festigkeit ihres Pos beurteilt. Nicht nur Kindern und Jugendlichen wird vorgemacht, dass Schönheit allein auf einen vom anderen Geschlecht begehrenswerten Körper reduziert werden kann. Die Bibel will nicht Spaß und Freude verbieten und lauter langweilige oder prüde und verklemmte Menschen. Jesus will Menschen. Nicht Körper. Liebe, die mehr ist als ausschließlich Triebbefriedigung. Das kann und darf ganz viel Spaß machen. In dieser etwas alten biblischen Sprache steht Unzucht für alles, was den Menschen klein macht und ihn reduziert. Und da geht es eben nicht nur darum, zu schauen, wo andere das machen, sondern wo bei mir, in meinem Leben die Gefahr da ist. Menschen klein zu machen. Das ist auch gemeint mit den närrischen Reden, von denen im Epheserbrief die Rede ist. Hört sich ja vielleicht so an, als ob man als Christ keine Witze machen dürfte und Spaßverbot hätte. Gemeint ist aber dummes Geschwätz, das andere herabsetzt und verletzt. Nicht Witze an sich sind gemeint, sondern Witze auf Kosten von anderen. Witze, die dem anderen keinen Ausweg lassen. Witze über Schwule, über Politiker, über katholische Priester zum Beispiel, die den anderen nur als Deppen da stehen lassen. Als Objekt, an dem man die eigene Lust, größer und besser als andere zu sein, ausleben kann. Mit Habsucht ist das eigentlich das gleiche. Ich will mich auf Kosten anderer bereichern. Ich will das haben, was der andere hat – egal, ob ich es brauche, egal, ob es mir hilft. Ich gönne dem anderen wenig, weil ich alles haben will. „Folgt Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe“. Ja, für mich heißt das zuerst: so, wie Gott dich, mich, Mensch sein lässt, so soll das auch im Umgang mit anderen sein. Christsein soll nicht für ein spaßfreies, sondern für ein menschenwürdiges Leben stehen. Für ein Leben, das seinen Reichtum nicht aus der Armut anderer bezieht. Für ein Leben, dass nicht deshalb groß ist, weil andere klein gemacht werden, sondern weil es weiß, dass es aus der Liebe leben darf. Aus der Liebe, die dem Menschen gilt – nicht unbedingt seinem Verhalten. Aus der Liebe, die dem Menschen, mir, hilft, sein Leben mit offenen und ehrlichen Augen zu sehen, auch die Schuld zu sehen, und es so möglich macht, umzukehren. Dort, wo Menschen sich gegenseitig zu Objekten machen, mit denen man skrupellos umgehen kann, dort entsteht Schuld.
Kinder des Lichts sind wir, sagt der Epheserbrief. Das heißt nicht, dass wir hier im Gottesdienst oder in der evangelischen Kirche oder in den christlichen Kirchen überhaupt die guten wären und alle anderen die Bösen. Kinder des Lichts – das heißt, dass wir die Wahrheit aushalten und weitersagen können. Dass Christus die Wahrheit über das Leben aufdeckt und wir diese Wahrheit aushalten und daraus Konsequenzen ziehen. Nicht zuallererst aus der manchmal schrecklichen Wahrheit des Lebens anderer, sondern aus der oft genug erschreckenden Wahrheit über unser eigenes Leben. Weder in meinem Leben noch im Leben von ihnen und euch, die heute Gottesdienst mitfeiern ist alles nur hell und schön und Licht. Aber Gottes Liebe gibt die Kraft, in all dem Grau das Licht zu ahnen. Die Liebe, die den Grauschleier wegwischt. Lebt als Kinder des Lichts. Diese Aufforderung aus dem Epheserbrief, dieses Vertrauen, das Gott nicht in Bischöfe, Pfarrer oder Glaubensprofis, sondern in jeden setzt, die will uns weg bringen von dem Weg, sich auch durch die Schuld anderer besser zu fühlen. Sie will uns Mut machen, dort, wo Finsternis und Dunkelgrau vorherrscht, in Liebe das Licht zu suchen. Miteinander. Nicht durch das Kleinmachen von Menschen, nicht durch Befriedigung eigener Bedürfnisse auf Kosten anderer, sondern durch die Liebe Gottes, die in mir und den anderen den Menschen sieht.
Amen
Liebe Gemeinde!
Nochmal davongekommen! Gerade so die Kurve gekriegt. „Folgt Gottes Beispiel! Lebt in der Liebe! Von Unzucht, dummem Geschwätz oder Habsucht soll noch nicht mal die Rede sein!“ Es sind extrem hohe Ansprüche. Christen sollen erkennbar sein. Nicht nur daran, dass sie irgendwie ganz nett und lieb und freundlich zu anderen sind. Sondern daran, dass sie Liebe wirklich leben. Pornografie, Bordellbesuche, Sex mit ständig wechselnden Partnern, das soll keinen Platz haben in ihrem Leben. Und auch kein dummes Geschwätz, das andere Menschen lächerlich und verächtlich macht. Habsucht natürlich erst recht nicht. Nochmal davongekommen, sich jetzt allzu viele Gedanken über sich selbst und das eigene Leben zu machen. Schließlich gibt es ja im Moment genug, auf die mit dem Finger gezeigt werden kann. Seit Wochen beherrschen vor allem katholische Geistliche, die Kinder und Jugendliche sexuell oder durch Bestrafungen anders körperlich und seelisch missbraucht haben, die Schlagzeilen. Und Bischöfe, die in den Augen der Öffentlichkeit viel zu lasch damit umgehen. Nochmal davongekommen – gut, dass die katholische Kirche so ein schlechtes Bild abgibt und so davon ablenkt, dass es gerade in den 50er und 60er Jahren in Kinderheimen, die von der evangelischen Kirche geführt wurden, ähnlich schlimme Zustände gab. Die Glaubwürdigkeit der Kirche ist erschüttert. Respekt hat ihr ein bisschen die Konsequenz verschafft, mit der Frau Käßmann nach ihrer Trunkenheitsfahrt zurücktrat. Sie hat, anders als leider manche Politiker, nicht nach billigen Ausflüchten gesucht. Ich will nicht ablenken und uns evangelische Christen als besser hinstellen. Auch wenn der Rücktritt Respekt verdient, höre ich doch Sätze wie „Wenn die Oberen nicht besser sind als ich selbst, dann brauch ich die Kirche doch nicht!“ So schlimm wie die Missbrauchsfälle auch sind, so falsch eine Fahrt im besoffenen Kopf auch ist: das alles kann prima als Entschuldigung für eigene Bequemlichkeit missbraucht werden. Kirche sind nicht Bischöfe, Priester, Pfarrer. Jeder getaufte Christ ist Teil der Kirche. Für mich wird hier deutlich, was Paulus im 1. Korintherbrief schreibt: „Wir sind ein Leib! Wenn ein Glied leidet, leiden alle mit!“ Es sind viele, zu viele, aber Gott sei Dank immer noch Einzelne und alles andere als die Mehrheit der Pfarrer, Priester, Bischöfe, Lehrer und Erzieher, die solche Schuld auf sich geladen haben. Trotzdem leidet das Ansehen der GANZEN Kirche darunter. Umgekehrt gilt aber auch. Wenn der Kopf Probleme macht, gibt es immer noch die Beine, die ihn zum Arzt tragen können. Für mich ist das der Liebesdienst, mit dem unser Predigttext heute beginnt. „Folgt Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe“. Für mich heißt das auch: „Benutzt die Fehler, die Unglaubwürdigkeit anderer nicht als bequeme Ausrede zur Vertuschung eigener Fehler. Bleibt glaubwürdig, bliebt in der Liebe und helft denen, die lieblos sind, dadurch wieder zurechtzukommen.“ Wenn wir Jesus Christus ernst nehmen, dann geht es doch nicht darum, Menschen zu ver-dammen, sondern Schuld aufzudecken und so zu ermögli-chen, dass neue Wege gegangen werden können. Gott liebt uns nicht deshalb, weil wir so sind, wie wir sind, sondern obwohl wir so sind, wie wir sind. Weder als einzelner Christ noch als Priester oder Bischöfin sind wir frei von Schuld. Gott liebt den Sünder, nicht die Sünde.
Uns wird was zugetraut. Damit beginnt der Abschnitt aus dem Epheserbrief, der heute Predigttext ist. Uns wird nicht zuerst gesagt, was wir alles nicht tun sollen oder falsch machen. Uns wird zugetraut, in der Liebe, die uns Gott durch Jesus geschenkt hat, zu leben und einander und anderen Menschen mit Liebe zu begegnen. Christsein findet seinen Ausdruck nicht in Vorwürfen und Ablenkungsmanövern von eigener Schwäche, sondern in Liebe. Schöne Aussichten. Und von da aus ergibt sich eigentlich das andere, was sich nicht nur hart anhört, sondern auch hart ist, wenn man es wirklich umsetzt. Weil die Welt bis heute wirklich anders tickt. Meidet die Unzucht! Ja, das ist jahrhundertelang so ausgelegt worden, als sollten Christen keine Freude an ihrer Sexualität haben und als wäre es gut, wenn die Frau ihren Mann zum ersten Mal auszieht, wenn sie ihm das Totenhemd anzieht. Darum geht es gar nicht. Es geht um ganz moderne Lebenseinstellungen. Es geht um die Befriedigung der eige-nen Triebe, der eigenen Lust, am besten sofort, ohne Rück-sicht auf den anderen, ohne Rücksicht auf die Konsequen-zen. Körper werden zur Ware gemacht, Frauen nach der Größe ihrer Brüste, Männer nach der Festigkeit ihres Pos beurteilt. Nicht nur Kindern und Jugendlichen wird vorgemacht, dass Schönheit allein auf einen vom anderen Geschlecht begehrenswerten Körper reduziert werden kann. Die Bibel will nicht Spaß und Freude verbieten und lauter langweilige oder prüde und verklemmte Menschen. Jesus will Menschen. Nicht Körper. Liebe, die mehr ist als ausschließlich Triebbefriedigung. Das kann und darf ganz viel Spaß machen. In dieser etwas alten biblischen Sprache steht Unzucht für alles, was den Menschen klein macht und ihn reduziert. Und da geht es eben nicht nur darum, zu schauen, wo andere das machen, sondern wo bei mir, in meinem Leben die Gefahr da ist. Menschen klein zu machen. Das ist auch gemeint mit den närrischen Reden, von denen im Epheserbrief die Rede ist. Hört sich ja vielleicht so an, als ob man als Christ keine Witze machen dürfte und Spaßverbot hätte. Gemeint ist aber dummes Geschwätz, das andere herabsetzt und verletzt. Nicht Witze an sich sind gemeint, sondern Witze auf Kosten von anderen. Witze, die dem anderen keinen Ausweg lassen. Witze über Schwule, über Politiker, über katholische Priester zum Beispiel, die den anderen nur als Deppen da stehen lassen. Als Objekt, an dem man die eigene Lust, größer und besser als andere zu sein, ausleben kann. Mit Habsucht ist das eigentlich das gleiche. Ich will mich auf Kosten anderer bereichern. Ich will das haben, was der andere hat – egal, ob ich es brauche, egal, ob es mir hilft. Ich gönne dem anderen wenig, weil ich alles haben will. „Folgt Gottes Beispiel als die geliebten Kinder und lebt in der Liebe“. Ja, für mich heißt das zuerst: so, wie Gott dich, mich, Mensch sein lässt, so soll das auch im Umgang mit anderen sein. Christsein soll nicht für ein spaßfreies, sondern für ein menschenwürdiges Leben stehen. Für ein Leben, das seinen Reichtum nicht aus der Armut anderer bezieht. Für ein Leben, dass nicht deshalb groß ist, weil andere klein gemacht werden, sondern weil es weiß, dass es aus der Liebe leben darf. Aus der Liebe, die dem Menschen gilt – nicht unbedingt seinem Verhalten. Aus der Liebe, die dem Menschen, mir, hilft, sein Leben mit offenen und ehrlichen Augen zu sehen, auch die Schuld zu sehen, und es so möglich macht, umzukehren. Dort, wo Menschen sich gegenseitig zu Objekten machen, mit denen man skrupellos umgehen kann, dort entsteht Schuld.
Kinder des Lichts sind wir, sagt der Epheserbrief. Das heißt nicht, dass wir hier im Gottesdienst oder in der evangelischen Kirche oder in den christlichen Kirchen überhaupt die guten wären und alle anderen die Bösen. Kinder des Lichts – das heißt, dass wir die Wahrheit aushalten und weitersagen können. Dass Christus die Wahrheit über das Leben aufdeckt und wir diese Wahrheit aushalten und daraus Konsequenzen ziehen. Nicht zuallererst aus der manchmal schrecklichen Wahrheit des Lebens anderer, sondern aus der oft genug erschreckenden Wahrheit über unser eigenes Leben. Weder in meinem Leben noch im Leben von ihnen und euch, die heute Gottesdienst mitfeiern ist alles nur hell und schön und Licht. Aber Gottes Liebe gibt die Kraft, in all dem Grau das Licht zu ahnen. Die Liebe, die den Grauschleier wegwischt. Lebt als Kinder des Lichts. Diese Aufforderung aus dem Epheserbrief, dieses Vertrauen, das Gott nicht in Bischöfe, Pfarrer oder Glaubensprofis, sondern in jeden setzt, die will uns weg bringen von dem Weg, sich auch durch die Schuld anderer besser zu fühlen. Sie will uns Mut machen, dort, wo Finsternis und Dunkelgrau vorherrscht, in Liebe das Licht zu suchen. Miteinander. Nicht durch das Kleinmachen von Menschen, nicht durch Befriedigung eigener Bedürfnisse auf Kosten anderer, sondern durch die Liebe Gottes, die in mir und den anderen den Menschen sieht.
Amen
Überleben im Niemandsland - Sonntagsgedanken Oberhessische Presse
Er kann nicht vor. Er kann nicht zurück. Er ist ein Mensch ohne Heimat. Staatenlos, so nennt man ihn. Gefangen im Transitbereich des Flughafens. Kein Land will ihn. Er richtet sich ein, im Niemandsland des Transitterminals. Heimat, weil sonst keine da sein will. Mit Tom Hanks wurde vor einigen Jahren diese wahre Geschichte verfilmt. Was hier schrullig, irgendwie liebenswert daherkommt, ist für Tausende von Menschen weltweit bittere Wirklichkeit. Ohne Papiere, immer in Angst, abgeschoben zu werden – aus „unserem“ Land, das nicht ihres sein will, in „ihr“ Land, das längst nicht mehr ihre Heimat ist. Niemandsland – nicht Heimatland, nicht Freundesland, nicht Feindesland. Unbestimmt, unsicher.
Die Verheißung, sicher zu wohnen, gehört beim Propheten Jeremia im Alten Testament zum Kern dessen, was er im Auftrag Gottes verkündigt. Bis heute ist das leider Verheißung für eine Zukunft, kein Bild der Realität. Nicht nur für Staatenlose ohne Papiere, auch für die Menschen in Israel. Befeuert von der iranischen Regierung wollen viel zu viele ihr Land auslöschen. Und, Gott sei es geklagt, auch keine Wirklichkeit für palästinensische Familien in Gaza und in den Autonomiegebieten. Niemandsland statt sicherer Wohnung. Menschen sprechen Menschen ab, sich dort, wo sie sich wohl und sicher fühlen, Heimat finden zu dürfen.
Ich kann nicht vor. Ich kann nicht zurück. Dort, wo ich bin, bin ich nicht zu Hause. Ich glaube, dass dies nicht nur ein Lebensgefühl von Flüchtlingen, von Opfern der Diplomatie und Politik, von fehlgeleiteten Ansprüchen auf Landbesitz ist. Im Niemandsland, zwischen den Grenzen, zwischen Ländern leben zu müssen, das trifft auch im übertragenen Sin auf viele zu. Sicher auf nicht wenige Jugendliche. Noch nicht Zuhause im Land der Erwachsenen. Auch, weil wir Erwachsenen ihnen die Einreise nicht immer leicht machen. „Werd‘ erst mal vernünftig. Lern erst mal was Ordentliches. Beweise erst mal, dass du zu uns gehörst!“ Bestenfalls wird ein Besuchervisum ausgestellt, für den Daueraufenthalt muss man erst mal was leisten. Aber eben auch nicht mehr zu Hause im Land der Kindheit. „Du bist dafür doch schon zu alt! Sei doch endlich mal vernünftig! Das musst du doch können!“ Rausgeworfen aus dem einen Land – was ja auch gut ist. Ohne Einreiseerlaubnis in das andere. Niemandsland. ein Land, das ja auch jede Menge Freiheiten bietet. Wo niemand zuständig ist, lässt sich vieles machen. Vieles, was auch an den Grenzen der anderen rüttelt und sie in Frage stellt. Der Theologe Paul Tillich hat einmal die Grenze als den eigentlichen, fruchtbaren Ort christlicher Existenz beschrieben. An Grenzen wachsen wir, arbeiten wir uns ab, ohne Grenzen verliert sich Leben im Nichts. Mir hat das lange eingeleuchtet.
Mittlerweile denke ich aber manchmal, dass vielleicht auch das Niemandsland unser Ort ist. Gottes Verheißungen von einem sicheren Wohnen, von einer gerechten Welt, machen es mir schwer, mich in einer Welt zu Hause zu fühlen, in der Menschenwürde auch vom richtigen Pass oder vom richtigen Stempel im eigentlich falschen Pass abhängt. In einer Welt, in der mit bestenfalls geringem Wimpernzucken Milliarden an Steuern Hoteliers geschenkt werden (ich übernachte gern in Hotels und gönne ihnen, dass sie gut laufen), die aber immer noch akzeptiert, dass Menschen für eine Stundenlohn von weniger als 7,50 Euro arbeiten müssen. Nicht wirklich zu Hause in dieser Welt – aber auch noch nicht zu Hause in der Welt, in der uns Gerechtigkeit und sicheres Wohnen verheißen ist. Niemandsland – vielleicht gibt uns das ja auch den Freiraum, so wie Tom Hanks in dem Film „Terminal“, den Raum zwischen den Grenzen zu einem eignen Land zu gestalten, das diejenigen, die sich mit ihren Grenzen zu schnell zufrieden geben, zum Nachdenken bringt und in gutem Sinn anstößig ist. Und schließlich: das Niemandsland gehört niemandem. Leben ist kein Besitz. Es gehört niemandem. Vielleicht nicht mal mir selbst. Es gehört Gott. Jedes Leben. Auch das nur geduldete, illegal gemachte, papierlose.
Die Verheißung, sicher zu wohnen, gehört beim Propheten Jeremia im Alten Testament zum Kern dessen, was er im Auftrag Gottes verkündigt. Bis heute ist das leider Verheißung für eine Zukunft, kein Bild der Realität. Nicht nur für Staatenlose ohne Papiere, auch für die Menschen in Israel. Befeuert von der iranischen Regierung wollen viel zu viele ihr Land auslöschen. Und, Gott sei es geklagt, auch keine Wirklichkeit für palästinensische Familien in Gaza und in den Autonomiegebieten. Niemandsland statt sicherer Wohnung. Menschen sprechen Menschen ab, sich dort, wo sie sich wohl und sicher fühlen, Heimat finden zu dürfen.
Ich kann nicht vor. Ich kann nicht zurück. Dort, wo ich bin, bin ich nicht zu Hause. Ich glaube, dass dies nicht nur ein Lebensgefühl von Flüchtlingen, von Opfern der Diplomatie und Politik, von fehlgeleiteten Ansprüchen auf Landbesitz ist. Im Niemandsland, zwischen den Grenzen, zwischen Ländern leben zu müssen, das trifft auch im übertragenen Sin auf viele zu. Sicher auf nicht wenige Jugendliche. Noch nicht Zuhause im Land der Erwachsenen. Auch, weil wir Erwachsenen ihnen die Einreise nicht immer leicht machen. „Werd‘ erst mal vernünftig. Lern erst mal was Ordentliches. Beweise erst mal, dass du zu uns gehörst!“ Bestenfalls wird ein Besuchervisum ausgestellt, für den Daueraufenthalt muss man erst mal was leisten. Aber eben auch nicht mehr zu Hause im Land der Kindheit. „Du bist dafür doch schon zu alt! Sei doch endlich mal vernünftig! Das musst du doch können!“ Rausgeworfen aus dem einen Land – was ja auch gut ist. Ohne Einreiseerlaubnis in das andere. Niemandsland. ein Land, das ja auch jede Menge Freiheiten bietet. Wo niemand zuständig ist, lässt sich vieles machen. Vieles, was auch an den Grenzen der anderen rüttelt und sie in Frage stellt. Der Theologe Paul Tillich hat einmal die Grenze als den eigentlichen, fruchtbaren Ort christlicher Existenz beschrieben. An Grenzen wachsen wir, arbeiten wir uns ab, ohne Grenzen verliert sich Leben im Nichts. Mir hat das lange eingeleuchtet.
Mittlerweile denke ich aber manchmal, dass vielleicht auch das Niemandsland unser Ort ist. Gottes Verheißungen von einem sicheren Wohnen, von einer gerechten Welt, machen es mir schwer, mich in einer Welt zu Hause zu fühlen, in der Menschenwürde auch vom richtigen Pass oder vom richtigen Stempel im eigentlich falschen Pass abhängt. In einer Welt, in der mit bestenfalls geringem Wimpernzucken Milliarden an Steuern Hoteliers geschenkt werden (ich übernachte gern in Hotels und gönne ihnen, dass sie gut laufen), die aber immer noch akzeptiert, dass Menschen für eine Stundenlohn von weniger als 7,50 Euro arbeiten müssen. Nicht wirklich zu Hause in dieser Welt – aber auch noch nicht zu Hause in der Welt, in der uns Gerechtigkeit und sicheres Wohnen verheißen ist. Niemandsland – vielleicht gibt uns das ja auch den Freiraum, so wie Tom Hanks in dem Film „Terminal“, den Raum zwischen den Grenzen zu einem eignen Land zu gestalten, das diejenigen, die sich mit ihren Grenzen zu schnell zufrieden geben, zum Nachdenken bringt und in gutem Sinn anstößig ist. Und schließlich: das Niemandsland gehört niemandem. Leben ist kein Besitz. Es gehört niemandem. Vielleicht nicht mal mir selbst. Es gehört Gott. Jedes Leben. Auch das nur geduldete, illegal gemachte, papierlose.
Aufrecht gehen - Invokavit, 21.02.10, Reihe II
Text: Hebräer 4,14-16
Liebe Gemeinde!
Manchmal tut es gut, einen zu haben, der die unangenehmen Aufgaben erledigt. Jemanden, der wichtige Kontakte herstellt, wenn man sich nicht traut, selbst nachzufragen. Jemanden, der vermittelt, wenn wieder was schief gegangen ist. Praktisch, wenn man solche Leute hat. Aber nicht nur praktisch, sondern manchmal auch schädlich. Es macht eigentlich bequem und abhängig, wenn man sich ständig drauf verlässt, dass andere für einen alles machen. Oder es führt dazu, dass man sich nichts zutraut. Ich kann das nicht – dafür bin ich nicht der Richtige, dafür bin ich zu alt oder zu jung, zu dumm, nicht gut genug. Das gibt es nicht nur bei unangenehmen Sachen in Schule und Beruf, nicht nur beim Ausfüllen der Steuererklärung, bei Konflikten im Haus oder anderen, alltäglichen Dingen, sondern auch im Glauben. Manchmal, wenn ich mich mit Menschen über den Glauben und die Kirche unterhalte, dann kriege ich zu hören: „Ach, ich glaub zwar irgendwie an Gott, aber ich kenn mich da nicht so aus. Da gibt’s andere, die sollen das mal machen, die können das besser!“ Andere sagen: Ich bin doch nicht gut genug. Ich hab auch Zweifel, und vor allem: Ich hab in meinem Leben schon so viel Blödsinn gemacht, das wird nichts mehr!“ Und es gibt auch Menschen, die sagen: „Für den richtigen Kontakt zu Gott brauchen wir Profis. Pfarrer, Priester, die die richtigen Gebete sprechen, die den richtigen Draht zu Gott haben. So als einfacher, normaler Mensch funktioniert das nicht.“ Ja, das gab und gibt es immer wieder. Auch Menschen, die sagen: „Ja, ich bin der Profi, der dir den richtigen Weg zu Gott zeigt. Ich kenne die richtigen Gebete, die richtigen Handlungen, wenn du das so machst, wie ich es dir vormache, dann wirst du mit Gott verbunden. Oder du lässt es mich gleich ganz machen, denn ich bin was Besonderes!“ Früher, in der Zeit von Jesus und davor, hat man solche Menschen „Hohe-priester“ genannt. Das waren die einzigen, die im Tempel in das Allerheiligste durften. Das waren die, die die Opfer und Gebete richtig machen und sprechen konnten und die sozusagen zwischen den Menschen und Gott vermittelt haben.
Von so einem Hohepriester erzählt auch der Hebräerbrief, aus dem ich eben ein kleines Stück vorgelesen habe. Aber dieser Brief erzählt ganz neu und anders von diesem Hohe-priester. Er sagt nicht: Du brauchst als Christ einen anderen Menschen, der stellvertretend für dich bei Gott tätig ist. Du bist ungeeignet, deshalb brauchst du einen besonderen Menschen zwischen dir und Gott. Er sagt etwas ganz anderes: Als Christ brauchst du keinen Menschen, der vermittelt. Jesus hat dich schon längst zu Gott gebracht. Der kennt sich wirklich aus bei Gott, der ist der einzige, der weiß, was für Gott wirklich Sache ist. Er ist „der Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat“, so sagt es der Brief. Etwas, was kein Mensch von sich sagen kann. Und der kennt sich nicht nur im Himmel aus, sondern auch auf der Erde. Jesus ist keiner, der denkt, er wäre besser als wir Menschen, sondern einer, der mitleidet. Einer, der die Schwächen und die Schwachheit von uns Menschen sieht. Einer, der nicht ignoriert, wenn es einem schlecht geht, einem, dem es nicht egal ist, wenn einer sein Leben nicht in den Griff kriegt. Jesus ist als Sohn Gottes keiner, der von oben auf die Menschen herabschaut, sich für was Besseres hält, sondern einer, der da ist, wo es weh tut. Ganz wörtlich sogar. In diesen Wochen vor Ostern erinnern wir besonders an den Weg, den er gegangen ist. An den Weg, der ihn zu den Menschen geführt hat, die wirklich etwas falsch gemacht haben, die Hilfe brauchten. Dieser Weg hat ihn ans Kreuz geführt. Er wurde verraten, gefoltert. Auch deshalb, weil er eben die Menschen direkt, ohne Umwege über andere, mit Gott in Verbindung gebracht hat.
Wozu braucht man denn dann noch einen Pfarrer? Gute Frage! Aber als Pfarrer bin ich niemand, der näher an Gott ist als Isabell oder Mirjam, als Marcos oder Marlene, als David, Maurice oder irgendjemand sonst, der an Gott glaubt und seinen Weg im Glauben gehen will. Als Pfarrer kann ich niemandem den Glauben, das Vertrauen abnehmen. Ich kann niemandem Schuld vergeben oder einen neuen Anfang schenken. Das kann nur Gott. Ich kann höchstens Anregungen zum Nachdenken geben, Anstöße. Ich kann Menschen begleiten, für Menschen da sein, wenn sie Trost, Unterstützung, Rat brauchen. Aber einen besseren, direkteren Draht zu Gott habe ich nicht. Jesus hat für jeden von uns die Leitung zu Gott freigeschaltet. Und das ist der Grund dafür, dass wir mit Zuversicht, wie es Martin Luther in seiner Übersetzung sagt, offen, freimütig, mit erhobenem Haupt, wie man auch übersetzen kann, zum Thron der Gnade, zu Gott gehen kann, um Barmherzigkeit zu empfangen und Gnade zu erlangen, wenn wir Hilfe nötig haben. Gott will uns nicht fertig machen. Es geht im Glauben nicht in erster Linie darum, zu erkennen, wo ich überall nicht toll bin, wo ich versagt habe und sich deshalb klein und dumm zu fühlen. Es geht auch nicht darum, sich das alles egal sein zu lassen und sich selbst als den Größten und tollsten zu sehen, dem nichts was anhaben kann. Es geht darum, ehrlich zu sich, ehrlich zu Gott zu sein. Zu erkennen, wo ich Hilfe brauchen. Sich für Hilfe und Hilfsbedürftigkeit nicht zu schämen, sondern sie anzunehmen. Sich nicht darauf auszuruhen, sondern sie als Ansporn, dem Leben eine neue Richtung zu geben, zu verstehen.
Jeder darf zu Gott kommen. Mit erhobenem Haupt, offen, freimütig. Nicht, weil jeder so toll ist, sondern weil Gott unsere Schwächen kennt und aushält. Weil Jesus für uns da ist. Weil er weiß, wie es ist, unten zu sein. Gott ist nicht der, der uns rausreißt, wenn’s brenzlig wird. Sondern der, der uns hilft, das Brenzlige auszuhalten, und uns hilft, wenn wir uns die Finger verbrannt haben. Damit wir es anders und besser machen.
Gott nimmt uns unser Leben nicht ab. Er erspart uns auch das Schwere nicht. Er erledigt nicht unsere Aufgaben. Aber er hilft uns, mit ihnen fertig zu werden. Und er hilft uns, uns selbst und unser Leben ehrlich anzuschauen. Nicht die rosarote Brille lässt die Liebe wachsen, sondern der offene Blick aufs Leben. Wir brauchen niemanden, der uns im Leben und im Glauben vertritt, sondern Gott traut uns zu, das selbst zu können. Offen, mit erhobenem Haupt. Als Hilfsbedürftige, klar. Aber nicht als für dumm und klein gehaltene, sondern als eigene Menschen.
Liebe Gemeinde!
Manchmal tut es gut, einen zu haben, der die unangenehmen Aufgaben erledigt. Jemanden, der wichtige Kontakte herstellt, wenn man sich nicht traut, selbst nachzufragen. Jemanden, der vermittelt, wenn wieder was schief gegangen ist. Praktisch, wenn man solche Leute hat. Aber nicht nur praktisch, sondern manchmal auch schädlich. Es macht eigentlich bequem und abhängig, wenn man sich ständig drauf verlässt, dass andere für einen alles machen. Oder es führt dazu, dass man sich nichts zutraut. Ich kann das nicht – dafür bin ich nicht der Richtige, dafür bin ich zu alt oder zu jung, zu dumm, nicht gut genug. Das gibt es nicht nur bei unangenehmen Sachen in Schule und Beruf, nicht nur beim Ausfüllen der Steuererklärung, bei Konflikten im Haus oder anderen, alltäglichen Dingen, sondern auch im Glauben. Manchmal, wenn ich mich mit Menschen über den Glauben und die Kirche unterhalte, dann kriege ich zu hören: „Ach, ich glaub zwar irgendwie an Gott, aber ich kenn mich da nicht so aus. Da gibt’s andere, die sollen das mal machen, die können das besser!“ Andere sagen: Ich bin doch nicht gut genug. Ich hab auch Zweifel, und vor allem: Ich hab in meinem Leben schon so viel Blödsinn gemacht, das wird nichts mehr!“ Und es gibt auch Menschen, die sagen: „Für den richtigen Kontakt zu Gott brauchen wir Profis. Pfarrer, Priester, die die richtigen Gebete sprechen, die den richtigen Draht zu Gott haben. So als einfacher, normaler Mensch funktioniert das nicht.“ Ja, das gab und gibt es immer wieder. Auch Menschen, die sagen: „Ja, ich bin der Profi, der dir den richtigen Weg zu Gott zeigt. Ich kenne die richtigen Gebete, die richtigen Handlungen, wenn du das so machst, wie ich es dir vormache, dann wirst du mit Gott verbunden. Oder du lässt es mich gleich ganz machen, denn ich bin was Besonderes!“ Früher, in der Zeit von Jesus und davor, hat man solche Menschen „Hohe-priester“ genannt. Das waren die einzigen, die im Tempel in das Allerheiligste durften. Das waren die, die die Opfer und Gebete richtig machen und sprechen konnten und die sozusagen zwischen den Menschen und Gott vermittelt haben.
Von so einem Hohepriester erzählt auch der Hebräerbrief, aus dem ich eben ein kleines Stück vorgelesen habe. Aber dieser Brief erzählt ganz neu und anders von diesem Hohe-priester. Er sagt nicht: Du brauchst als Christ einen anderen Menschen, der stellvertretend für dich bei Gott tätig ist. Du bist ungeeignet, deshalb brauchst du einen besonderen Menschen zwischen dir und Gott. Er sagt etwas ganz anderes: Als Christ brauchst du keinen Menschen, der vermittelt. Jesus hat dich schon längst zu Gott gebracht. Der kennt sich wirklich aus bei Gott, der ist der einzige, der weiß, was für Gott wirklich Sache ist. Er ist „der Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat“, so sagt es der Brief. Etwas, was kein Mensch von sich sagen kann. Und der kennt sich nicht nur im Himmel aus, sondern auch auf der Erde. Jesus ist keiner, der denkt, er wäre besser als wir Menschen, sondern einer, der mitleidet. Einer, der die Schwächen und die Schwachheit von uns Menschen sieht. Einer, der nicht ignoriert, wenn es einem schlecht geht, einem, dem es nicht egal ist, wenn einer sein Leben nicht in den Griff kriegt. Jesus ist als Sohn Gottes keiner, der von oben auf die Menschen herabschaut, sich für was Besseres hält, sondern einer, der da ist, wo es weh tut. Ganz wörtlich sogar. In diesen Wochen vor Ostern erinnern wir besonders an den Weg, den er gegangen ist. An den Weg, der ihn zu den Menschen geführt hat, die wirklich etwas falsch gemacht haben, die Hilfe brauchten. Dieser Weg hat ihn ans Kreuz geführt. Er wurde verraten, gefoltert. Auch deshalb, weil er eben die Menschen direkt, ohne Umwege über andere, mit Gott in Verbindung gebracht hat.
Wozu braucht man denn dann noch einen Pfarrer? Gute Frage! Aber als Pfarrer bin ich niemand, der näher an Gott ist als Isabell oder Mirjam, als Marcos oder Marlene, als David, Maurice oder irgendjemand sonst, der an Gott glaubt und seinen Weg im Glauben gehen will. Als Pfarrer kann ich niemandem den Glauben, das Vertrauen abnehmen. Ich kann niemandem Schuld vergeben oder einen neuen Anfang schenken. Das kann nur Gott. Ich kann höchstens Anregungen zum Nachdenken geben, Anstöße. Ich kann Menschen begleiten, für Menschen da sein, wenn sie Trost, Unterstützung, Rat brauchen. Aber einen besseren, direkteren Draht zu Gott habe ich nicht. Jesus hat für jeden von uns die Leitung zu Gott freigeschaltet. Und das ist der Grund dafür, dass wir mit Zuversicht, wie es Martin Luther in seiner Übersetzung sagt, offen, freimütig, mit erhobenem Haupt, wie man auch übersetzen kann, zum Thron der Gnade, zu Gott gehen kann, um Barmherzigkeit zu empfangen und Gnade zu erlangen, wenn wir Hilfe nötig haben. Gott will uns nicht fertig machen. Es geht im Glauben nicht in erster Linie darum, zu erkennen, wo ich überall nicht toll bin, wo ich versagt habe und sich deshalb klein und dumm zu fühlen. Es geht auch nicht darum, sich das alles egal sein zu lassen und sich selbst als den Größten und tollsten zu sehen, dem nichts was anhaben kann. Es geht darum, ehrlich zu sich, ehrlich zu Gott zu sein. Zu erkennen, wo ich Hilfe brauchen. Sich für Hilfe und Hilfsbedürftigkeit nicht zu schämen, sondern sie anzunehmen. Sich nicht darauf auszuruhen, sondern sie als Ansporn, dem Leben eine neue Richtung zu geben, zu verstehen.
Jeder darf zu Gott kommen. Mit erhobenem Haupt, offen, freimütig. Nicht, weil jeder so toll ist, sondern weil Gott unsere Schwächen kennt und aushält. Weil Jesus für uns da ist. Weil er weiß, wie es ist, unten zu sein. Gott ist nicht der, der uns rausreißt, wenn’s brenzlig wird. Sondern der, der uns hilft, das Brenzlige auszuhalten, und uns hilft, wenn wir uns die Finger verbrannt haben. Damit wir es anders und besser machen.
Gott nimmt uns unser Leben nicht ab. Er erspart uns auch das Schwere nicht. Er erledigt nicht unsere Aufgaben. Aber er hilft uns, mit ihnen fertig zu werden. Und er hilft uns, uns selbst und unser Leben ehrlich anzuschauen. Nicht die rosarote Brille lässt die Liebe wachsen, sondern der offene Blick aufs Leben. Wir brauchen niemanden, der uns im Leben und im Glauben vertritt, sondern Gott traut uns zu, das selbst zu können. Offen, mit erhobenem Haupt. Als Hilfsbedürftige, klar. Aber nicht als für dumm und klein gehaltene, sondern als eigene Menschen.
Samstag, 13. Februar 2010
Lass es Liebe sein! - Estomihi, 14.02.10, Reihe II
Text: 1. Korinther 13
Gemeinde!
Jetzt wisst ihr wie es geht! Liebt gefälligst! Seid für den anderen da! Denkt nicht an euch! Liebt!
Amen.
Da fehlt doch was. Etwas ganz Entscheidendes: die Liebe. Also noch einmal von vorne:
Liebe Gemeinde!
Klar, es ist vielleicht einfach nur höflich, in einem freundlichen Ton zu sprechen und sie und euch alle mit „Liebe“ anzureden. Aber ich glaube schon, dass Höflichkeit und Wertschätzung ein erster Schritt zu dem sind, was Liebe wirklich meint. Gerade die Liebe, von der Paulus hier in so vielen und überschwänglichen Worten schreibt, wie ich sie vorgelesen habe. Liebe heißt doch nicht zuletzt, einem anderen Menschen zu zeigen: Du bist mir was wert. Und das fängt für mich bei scheinbar so nebensächlichen Dingen wie einer Anrede an. Gerade bei einer Predigt. Ich kann eine Predigt aus reinem Pflichtgefühl halten. Es ist mal wieder Sonntag, ich muss halt, dafür werde ich bezahlt. Ich kann denken: Ist mir doch egal, was die Gemeinde davon hält! Die Predigt könnte noch so toll formuliert sein, noch so witzig, heute vielleicht als Büttenrede, sie wäre nichts wert. Das Entscheidende sind nicht Klugheit und tolle Worte, das Entscheidende ist die Liebe. Die Liebe als die entscheidende Lebensgrundlage. Leben ohne Liebe, Glauben ohne Liebe trocknet aus. Wird zu bloßen Hülle. Außen vielleicht noch ganz passabel. Aber innen tot, hohl und leer. Natürlich weiß keiner von ihnen und euch, ob ich die Menschen im Gottesdienst, die Gemeinde hier, meine Konfis, meine Schüler, meine Frau und vor allem Gottes Wort wirklich liebe. Oder ob ich was vorspiele. Liebe, menschlich betrachtet, ist immer voller Risiko. Vor ein paar Jahren gab es ein Lied, in dem immer wieder gesungen wurde „Lass es Liebe sein“. Die Band, die es sang, war alles andere als christlich. Aber diese Zeile ist für mich so was wie ein Gebet. Gerade heute, wo auch noch der Valentinstag, der Tag der Liebenden, auf diesen Sonntag fällt. Liebe ist so groß, so schön, aber eben auch so verwirrend, so mehrdeutig, dass ich glaube, dass uns oft nichts anderes übrigbleibt, als Gott zu bitten: „Lass es Liebe sein“. Lass es nicht Überheblichkeit, nicht Stolz, Hochmut, der Wunsch nach Anerkennung sein, sondern lass es einfach Liebe sein. Mach aus dem, was wir nicht immer allein schaffen, etwas Gutes und Schönes! Lass es Liebe sein! Liebe ist alles – so heißt es auch in diesem Lied. Ich würde nicht so weit gehen. Wir brauchen schon noch ein paar andere Dinge und Fähigkeiten. Ein Chirurg, der seine Patienten liebt, aber mit dem Skalpell nicht umgehen kann, der schadet nur. Liebe ist nicht alles – aber ohne Liebe ist am Ende alles nichts! Darum geht’s doch auch bei Paulus. Ich kann noch so toll von Gott erzählen und ihm singen wie sonst nur die Engel singen, ich kann nach außen fromm sein, mich an alle Gebote halten, besser, schöner, länger beten als alle anderen, ich kann alles, was ich habe, armen Leuten spenden – ohne Liebe ist das nichts wert. Schreibt er doch. Da sind selbst die tollsten Worte und der schönste Lobgesang nicht mehr als irgendein Geplärr und Lärm. Glauben an Gott, Liebe, das ist kein Wettbewerb um Frömmigkeit, Klugheit, Schönheit. Da geht’s nicht drum, mehr zu spenden, besser zu beten, schöner zu singen, frommer zu reden, aktiver zu handeln.
Vielleicht, hoffentlich, ein Hoffnungsschimmer für alle, die denken, sie können nicht gut genug lieben, sie tun zu wenig, sie zweifeln manchmal, sie beten zu wenig oder was auch immer. Liebe und Glauben – das lässt sich nicht an Äußerlichkeiten messen. Und das macht es auch so schwer. Es wäre, denke ich, manchmal leichter mit ganz festen Regeln: Wenn Du liebst, dann hast du mindestens 10 % deines Einkommens zu spenden, dann hast du regelmäßig deiner Frau Blumen zu schenken, deinem Mann zu kochen, alles zu ertragen, was deine Kinder oder Konfis oder Schüler so machen. Wenn du glaubst, dann hast du täglich mindestens drei Abschnitte aus der Bibel zu lesen, mindestens zwei Mal täglich zu beten, sonntags in die Kirche zu gehen und mindestens 3 Stunden in der Woche in der Gemeinde ehrenamtlich zu arbeiten. Feste Regeln – aber Liebe hält sich nicht an Regeln. Es gab mal vor ein paar Jahren ein Plakat der Evangelischen Kirche in Köln. Darauf waren zwei Männer zu sehen, die sich küssen, mit der Überschrift: Gott ist die Liebe – aber manchmal verstehen wir sie nicht. Es gab viele Proteste. Ob das Bild gut und richtig war, darüber kann man lange streiten. Ich denke, wir brauchen manchmal Provokationen, auch in der Liebe, auch bei Gott, damit wir aus Selbstverständlichkeiten wachgerüttelt werden. Wir tun so, als wüssten wir was Liebe ist. Wir Pfarrer – und auch viele andere Christen – tun oft genug so, als wüssten wir, was Gottes Liebe ist – dabei wissen wir gar nichts! Und verstehen oft genug auch nichts. Denn zu verstehen ist das nicht, was Paulus da weiter schreibt. Die Liebe ist geduldig und freundlich. Sie ist nicht neidisch oder überheblich, stolz oder anstößig. Die Liebe ist nicht selbstsüchtig. Sie lässt sich nicht reizen, und wenn man ihr Böses tut, trägt sie es nicht nach. Sie freut sich niemals über Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich immer an der Wahrheit. Die Liebe erträgt alles, verliert nie den Glauben, bewahrt stets die Hoffnung und bleibt bestehen, was auch geschieht. Wie soll man das denn schaffen?! Ich glaube, dass wir hier falsch liegen, wenn wir diese Worte als Patentrezept für eine glückliche Beziehung, egal ob Mann-Frau, Eltern-Kind oder anders verstehen wollen. Paulus erzählt uns von Gottes Liebe zu uns Menschen. Sie hält es aus, wie Jesus am Kreuz, zum Opfer von Verrat und Unmenschlichkeit zu werden. Sie hält es aus, verleugnet, missachtet zu werden. Sie kommt nicht mit Pomp daher, stellt sich nicht zur Schau. Wo wir Menschen das untereinander in den Beziehungen, in denen wir leben, schaffen, da blitzt etwas von dieser großen Liebe Gottes auf. Da wird Gott in der Liebe greifbar – auch wenn wir manchmal gar nicht verstehen, wie und warum. Es gab mal ein Terroristin, Gudrun Ensslin, schon länger ist sie tot. Sie war für den Tod von vielen Menschen verantwortlich und hat wirklich viele richtig böse Sachen gemacht. Selbst umgebracht hat sie sich, als ich so etwa 12 Jahre alt war. Was mich damals als fast noch Kind beeindruckt hat, waren ihre Eltern. Die haben immer, auch bei der Beerdigung, deutlich gemacht, dass sie trotz aller Verletzungen, die ihre Tochter auch ihnen zugefügt hat, zu ihr als Mensch stehen und sie lieben, auch wenn sie ihre Taten verurteilen. Liebe redet Lieblosigkeit nicht schön. Einen Mörder, einen Schläger, einen Vergewaltiger im Namen der Liebe zu decken, nur weil er oder sie mein Kind, mein Freund, mein Mann, meine Frau, meine Freundin ist, das hat mit Liebe nichts zu tun. Aber sagen zu können: Ich hasse deine Tat, ich verurteile deine Lieblosigkeit, aber ich liebe dich – vielleicht auch dadurch, dass ich dich vor die Konsequenzen deiner Lieblosigkeit stelle ohne die Beziehung zu dir abzubrechen, das ist ein Spiegel der Liebe, mit der Gott uns Menschen liebt. Aber das kann, glaube ich, nicht trainiert werden. Es ist ein Geschenk, über das wir nicht verfügen können. Und an dem wir immer wieder scheitern. Der entscheidende Satz in diesem Absatz ist für mich „Die Liebe freut sich an der Wahrheit“. Die Liebe hilft, auch traurigen Wahrheiten ins Auge zu sehen. Wir müssen nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Wir müssen nichts schön reden. Weder die Lieblosigkeit und das Versagen von anderen noch unsere eigene Lieblosigkeit und unser eigenes Versagen. Da berührt sich dieses Reden von Gottes Liebe mit der Einsicht von Paulus, dass wir bei allem, was wir tun, selbst bei unseren ehrlichen Versuchen, es mit der Liebe ernst zu nehmen, immer nur Stückwerk und nie das Perfekte schaffen. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Das ist eigentlich mein persönlicher Lieblingsvers. Das, was wir in unserem Leben schaffen, ist immer nur ein Teil der Liebe, die eigentlich möglich ist. Manchmal verdunkelt. Durch Unfähigkeit, durch traurige Erfahrungen. Aber trotzdem da. Und vor allem: wir sind jetzt schon erkannt – von Gott als liebenswert. Und Gott wird unser Stückwerk, unsere ganzen losen Enden, unsere unsortierten Lebenspuzzleteile so zusammenfügen, dass wir seine Liebe auch in uns und durch uns erkennen. Nicht, indem wir jetzt schon versuchen, besser als andere zu sein. Nicht, indem wir versuchen, alles von uns aus perfekt zu machen. Sondern indem wir uns einlassen. Auf die Liebe Gottes. Und indem wir dann diese Liebe weiterschenken. An andere. An uns. Mit allem, was auch schief geht. Da bleibt nichts mehr zu sagen als: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Amen
Gemeinde!
Jetzt wisst ihr wie es geht! Liebt gefälligst! Seid für den anderen da! Denkt nicht an euch! Liebt!
Amen.
Da fehlt doch was. Etwas ganz Entscheidendes: die Liebe. Also noch einmal von vorne:
Liebe Gemeinde!
Klar, es ist vielleicht einfach nur höflich, in einem freundlichen Ton zu sprechen und sie und euch alle mit „Liebe“ anzureden. Aber ich glaube schon, dass Höflichkeit und Wertschätzung ein erster Schritt zu dem sind, was Liebe wirklich meint. Gerade die Liebe, von der Paulus hier in so vielen und überschwänglichen Worten schreibt, wie ich sie vorgelesen habe. Liebe heißt doch nicht zuletzt, einem anderen Menschen zu zeigen: Du bist mir was wert. Und das fängt für mich bei scheinbar so nebensächlichen Dingen wie einer Anrede an. Gerade bei einer Predigt. Ich kann eine Predigt aus reinem Pflichtgefühl halten. Es ist mal wieder Sonntag, ich muss halt, dafür werde ich bezahlt. Ich kann denken: Ist mir doch egal, was die Gemeinde davon hält! Die Predigt könnte noch so toll formuliert sein, noch so witzig, heute vielleicht als Büttenrede, sie wäre nichts wert. Das Entscheidende sind nicht Klugheit und tolle Worte, das Entscheidende ist die Liebe. Die Liebe als die entscheidende Lebensgrundlage. Leben ohne Liebe, Glauben ohne Liebe trocknet aus. Wird zu bloßen Hülle. Außen vielleicht noch ganz passabel. Aber innen tot, hohl und leer. Natürlich weiß keiner von ihnen und euch, ob ich die Menschen im Gottesdienst, die Gemeinde hier, meine Konfis, meine Schüler, meine Frau und vor allem Gottes Wort wirklich liebe. Oder ob ich was vorspiele. Liebe, menschlich betrachtet, ist immer voller Risiko. Vor ein paar Jahren gab es ein Lied, in dem immer wieder gesungen wurde „Lass es Liebe sein“. Die Band, die es sang, war alles andere als christlich. Aber diese Zeile ist für mich so was wie ein Gebet. Gerade heute, wo auch noch der Valentinstag, der Tag der Liebenden, auf diesen Sonntag fällt. Liebe ist so groß, so schön, aber eben auch so verwirrend, so mehrdeutig, dass ich glaube, dass uns oft nichts anderes übrigbleibt, als Gott zu bitten: „Lass es Liebe sein“. Lass es nicht Überheblichkeit, nicht Stolz, Hochmut, der Wunsch nach Anerkennung sein, sondern lass es einfach Liebe sein. Mach aus dem, was wir nicht immer allein schaffen, etwas Gutes und Schönes! Lass es Liebe sein! Liebe ist alles – so heißt es auch in diesem Lied. Ich würde nicht so weit gehen. Wir brauchen schon noch ein paar andere Dinge und Fähigkeiten. Ein Chirurg, der seine Patienten liebt, aber mit dem Skalpell nicht umgehen kann, der schadet nur. Liebe ist nicht alles – aber ohne Liebe ist am Ende alles nichts! Darum geht’s doch auch bei Paulus. Ich kann noch so toll von Gott erzählen und ihm singen wie sonst nur die Engel singen, ich kann nach außen fromm sein, mich an alle Gebote halten, besser, schöner, länger beten als alle anderen, ich kann alles, was ich habe, armen Leuten spenden – ohne Liebe ist das nichts wert. Schreibt er doch. Da sind selbst die tollsten Worte und der schönste Lobgesang nicht mehr als irgendein Geplärr und Lärm. Glauben an Gott, Liebe, das ist kein Wettbewerb um Frömmigkeit, Klugheit, Schönheit. Da geht’s nicht drum, mehr zu spenden, besser zu beten, schöner zu singen, frommer zu reden, aktiver zu handeln.
Vielleicht, hoffentlich, ein Hoffnungsschimmer für alle, die denken, sie können nicht gut genug lieben, sie tun zu wenig, sie zweifeln manchmal, sie beten zu wenig oder was auch immer. Liebe und Glauben – das lässt sich nicht an Äußerlichkeiten messen. Und das macht es auch so schwer. Es wäre, denke ich, manchmal leichter mit ganz festen Regeln: Wenn Du liebst, dann hast du mindestens 10 % deines Einkommens zu spenden, dann hast du regelmäßig deiner Frau Blumen zu schenken, deinem Mann zu kochen, alles zu ertragen, was deine Kinder oder Konfis oder Schüler so machen. Wenn du glaubst, dann hast du täglich mindestens drei Abschnitte aus der Bibel zu lesen, mindestens zwei Mal täglich zu beten, sonntags in die Kirche zu gehen und mindestens 3 Stunden in der Woche in der Gemeinde ehrenamtlich zu arbeiten. Feste Regeln – aber Liebe hält sich nicht an Regeln. Es gab mal vor ein paar Jahren ein Plakat der Evangelischen Kirche in Köln. Darauf waren zwei Männer zu sehen, die sich küssen, mit der Überschrift: Gott ist die Liebe – aber manchmal verstehen wir sie nicht. Es gab viele Proteste. Ob das Bild gut und richtig war, darüber kann man lange streiten. Ich denke, wir brauchen manchmal Provokationen, auch in der Liebe, auch bei Gott, damit wir aus Selbstverständlichkeiten wachgerüttelt werden. Wir tun so, als wüssten wir was Liebe ist. Wir Pfarrer – und auch viele andere Christen – tun oft genug so, als wüssten wir, was Gottes Liebe ist – dabei wissen wir gar nichts! Und verstehen oft genug auch nichts. Denn zu verstehen ist das nicht, was Paulus da weiter schreibt. Die Liebe ist geduldig und freundlich. Sie ist nicht neidisch oder überheblich, stolz oder anstößig. Die Liebe ist nicht selbstsüchtig. Sie lässt sich nicht reizen, und wenn man ihr Böses tut, trägt sie es nicht nach. Sie freut sich niemals über Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich immer an der Wahrheit. Die Liebe erträgt alles, verliert nie den Glauben, bewahrt stets die Hoffnung und bleibt bestehen, was auch geschieht. Wie soll man das denn schaffen?! Ich glaube, dass wir hier falsch liegen, wenn wir diese Worte als Patentrezept für eine glückliche Beziehung, egal ob Mann-Frau, Eltern-Kind oder anders verstehen wollen. Paulus erzählt uns von Gottes Liebe zu uns Menschen. Sie hält es aus, wie Jesus am Kreuz, zum Opfer von Verrat und Unmenschlichkeit zu werden. Sie hält es aus, verleugnet, missachtet zu werden. Sie kommt nicht mit Pomp daher, stellt sich nicht zur Schau. Wo wir Menschen das untereinander in den Beziehungen, in denen wir leben, schaffen, da blitzt etwas von dieser großen Liebe Gottes auf. Da wird Gott in der Liebe greifbar – auch wenn wir manchmal gar nicht verstehen, wie und warum. Es gab mal ein Terroristin, Gudrun Ensslin, schon länger ist sie tot. Sie war für den Tod von vielen Menschen verantwortlich und hat wirklich viele richtig böse Sachen gemacht. Selbst umgebracht hat sie sich, als ich so etwa 12 Jahre alt war. Was mich damals als fast noch Kind beeindruckt hat, waren ihre Eltern. Die haben immer, auch bei der Beerdigung, deutlich gemacht, dass sie trotz aller Verletzungen, die ihre Tochter auch ihnen zugefügt hat, zu ihr als Mensch stehen und sie lieben, auch wenn sie ihre Taten verurteilen. Liebe redet Lieblosigkeit nicht schön. Einen Mörder, einen Schläger, einen Vergewaltiger im Namen der Liebe zu decken, nur weil er oder sie mein Kind, mein Freund, mein Mann, meine Frau, meine Freundin ist, das hat mit Liebe nichts zu tun. Aber sagen zu können: Ich hasse deine Tat, ich verurteile deine Lieblosigkeit, aber ich liebe dich – vielleicht auch dadurch, dass ich dich vor die Konsequenzen deiner Lieblosigkeit stelle ohne die Beziehung zu dir abzubrechen, das ist ein Spiegel der Liebe, mit der Gott uns Menschen liebt. Aber das kann, glaube ich, nicht trainiert werden. Es ist ein Geschenk, über das wir nicht verfügen können. Und an dem wir immer wieder scheitern. Der entscheidende Satz in diesem Absatz ist für mich „Die Liebe freut sich an der Wahrheit“. Die Liebe hilft, auch traurigen Wahrheiten ins Auge zu sehen. Wir müssen nicht so tun, als wäre alles in Ordnung. Wir müssen nichts schön reden. Weder die Lieblosigkeit und das Versagen von anderen noch unsere eigene Lieblosigkeit und unser eigenes Versagen. Da berührt sich dieses Reden von Gottes Liebe mit der Einsicht von Paulus, dass wir bei allem, was wir tun, selbst bei unseren ehrlichen Versuchen, es mit der Liebe ernst zu nehmen, immer nur Stückwerk und nie das Perfekte schaffen. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Das ist eigentlich mein persönlicher Lieblingsvers. Das, was wir in unserem Leben schaffen, ist immer nur ein Teil der Liebe, die eigentlich möglich ist. Manchmal verdunkelt. Durch Unfähigkeit, durch traurige Erfahrungen. Aber trotzdem da. Und vor allem: wir sind jetzt schon erkannt – von Gott als liebenswert. Und Gott wird unser Stückwerk, unsere ganzen losen Enden, unsere unsortierten Lebenspuzzleteile so zusammenfügen, dass wir seine Liebe auch in uns und durch uns erkennen. Nicht, indem wir jetzt schon versuchen, besser als andere zu sein. Nicht, indem wir versuchen, alles von uns aus perfekt zu machen. Sondern indem wir uns einlassen. Auf die Liebe Gottes. Und indem wir dann diese Liebe weiterschenken. An andere. An uns. Mit allem, was auch schief geht. Da bleibt nichts mehr zu sagen als: Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Amen
Freitag, 5. Februar 2010
Der Himmel sucht das Supertalent - Taufgedächtnisgottesdienst 31.01.10
ANSPIEL TAUFGEDÄCHTNISGOTTESDIENST 2010
Mitspieler: Jury (J) 1(Kata), 2(Olga), 3(Valeria) / Kandidat (K) 1(Maria), 2(Janine), 3(Feli) / Moderator (M) (Clara)
Musik: Paramore, Crushcrushcrush
M: So, da sitzt sie wieder. Die unerbittliche Jury. Drei Experten, die sich anschauen, wer wirklich Talent hat. Und das braucht man, um weiter zu kommen. Um einen Platz im Himmel zu kriegen. Da ist ja schon Kandidat 1.
(Jury unterhält sich, achtet nicht auf den Kandidaten, der räuspert sich ein paar Mal, bevor es endlich losgeht.)
J1: Hallo, wer bist du denn?
K1: Ich bin der Sven und ich bin der absolute Himmelsstürmer!
J2: Na, dann zeig uns mal, was du so kannst!
K1: Okay, dann leg ich mal los!
J3 (zu J2): Na, da bin ich ja mal gespannt…
J1: Und, nun mach mal. Was hast du denn vor?
K1: Ich fang dann mal an: Ich glaube an Gott, den Vater, den Almmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an…
J3(unterbricht ihn): Was soll denn das?
K1: Ich kann das Glaubensbekenntnis auswendig!
J2: Und was willst du uns damit zeigen?
K1: Na, das ich in den Himmel gehöre! Ich bin das Superhimmelstalent!
J1: Hast du denn nichts anderes drauf?
K1: Ich war in Konfer fast jeden Sonntag im Gottesdienst!
J1: Hast du denn nichts anderes drauf als so auswendig gelerntes oder so?
K1: Ich hab den Pfarrer in Konfer praktisch nie geärgert. die Anderen waren immer viel schlimmer als ich!
J2: Ich glaub’s nicht! Du hast ja gar nichts Eigenes! Sind wir uns einig?
J1,2,3 nicken, schauen sich an, halten das rote „X“ hoch
J1: Du bist raus!
M: Na, das war wohl nix. Brave Mädchen und Jungs kommen in den Himmel? Na, wer hätte gedacht, das Bravsein die Jury nicht beeindruckt!
J2: Mal sehen, wen sie jetzt reinschicken…
K2: Hallo, ich bin der Martin und ich bin getauft.
J3: Schön. Und weiter?
K2: Wie? Und weiter?
J3: Ja, hast du denn sonst nichts drauf, kein Talent, das uns zeigt, dass du hierher gehörst?
K2: Ach, das meinst du! Klar! Ich seh’ gut aus! Guck mich doch an! Ich zieh mich immer so an, dass es meinen Eltern und meinen Großeltern und den Erwachsenen gefällt. Ich bin der liebste und bravste. Ich will doch nicht auffallen. Ich…
J1: Mach mal Pause. Dein Talent ist es also, so zu sein, wie andere dich haben wollen!
K2: Ja, das kann nicht jeder! Guckt doch mal, wie die anderen rumlaufen! So assig!
J2: jetzt hab ich es kapiert: Dein Talent ist, dass du dich für was Besseres hältst?!
K2: Na ja, so direkt also, ich weiß, aber…
J1: Für mich ist der fall klar.
J2: Für mich auch
J3: Logo!
Alle drei halten ein rotes „X“ hoch
K2: Das könnt ihr doch nicht machen, ich…
J1: Mach die Fliege…
K2 geht raus.
J3: Also, Leute gibt’s… hoffentlich schicken die jetzt mal was Gescheites rein. Ich krieg schon Kopfschmerzen!
M: Und wieder ist eine Karriere im Himmel vorbei bevor sie richtig angefangen hat…
K3 kommt rein, lässt vom Handy / MP3-Player Musik laufen, bewegt sich ein bisschen dazu, grinst die Jury an
J1: Wer bist du denn?
K3: Moment, das Beste kommt gleich…
J3: jetzt mach endlich das Teil aus, das nervt!
K3: Wieso? Ich will mit Jay-Z (halt das, was da läuft) in den Himmel, den Engeln mal was Schönes bieten!
J2: Und was ist dein Talent? MP3s abspielen kann jeder!
K3: Aber nicht jeder hat so einen guten Geschmack wie ich! Und ich dachte, ich bin halt wie Jay-Z. Damit will ich den Engel Flügel machen! Gut, der hat mehr drauf als ich. Hab ich mir gedacht. Dann klau ich alt bei ihm. Ist doch auch ein Talent!
J1: Das wird ja immer schlimmer!
Alle der halten das rote „X“ hoch.
J2: Tschaui, und grüß Jay-Z von uns!
J1,2,3 stecken die Köpfe zusammen, tuscheln
M: Das war ja überhaupt nichts! Aber was ist denn mit der Jury los? Fallen die gleich in Ohnmacht?
J1 verlässt den Tisch, geht nach vorn zu den drei Verlierern
J1: Leute, ich glaub, ihr habt nicht so richtig kapiert, worauf es ankommt, wenn ihr das Himmelstalent werden wollt. Wir geben euch noch eine Chance!
K1,2,3 freuen sich, jubeln…
(Musik: Rihanna, Photographs)
M: Willkommen zum Recall, zur zweiten Chance für unsere drei Kandidaten bei „Der Himmel sucht das Supertalent“ Mal sehen, ob jetzt ein Platz im Himmel für einen von ihnen frei ist! Aber was sehe ich denn da? Das ist ja völlig ungewöhnlich…
K1,2,3 kommen zusammen zum Jurytisch, K2 hat sich in der Zwischenzeit was anderes angezogen
J3: Hey, da seid ihr ja wieder. Und wie ich sehe, hat einer von euch sich ja auch äußerlich verändert!
K2: Ja, ich hab gemerkt, dass das nicht meins ist. Ich bin halt so. Ich will ja nicht die anderen nerven und ich freu mich ja, wenn meine Eltern auch mal was an mir gut finden. Aber mein Talent soll doch nicht sein, dass ich mich anpasse, sondern dass ich meinen Eltern Arbeit abnehme. Die haben genug Sorgen. Mein Vater ist arbeitslos geworden, da fehlt’s überall. Ich kann super Skateboard fahren. Und da verbinde ich das Angenehme mit dem Nützlichen und fahre durch die Gegend und teil Prospekte aus. Krieg ich ein paar Euro für und das hilft mehr als die Klamotten anzuziehen, die meinen Eltern gefallen!
J2: Das gefällt mir!
J1: Ich glaub, wir sind uns einig!
Alle drei halten die grüne „0“ hoch, K1 und K3 klatsche K2 ab
J1 (zu K3): Und du?
K3: Vergiss Jay-Z. eigentlich ist mein Talent ja nicht jemanden nachzumachen. Oder so ein bisschen doch. Meine Klasse bring ich immer total zum Lachen, wenn ich unseren Direktor nachmache. Und wenn meine kleine Schwester mal wieder weint, weil unsere Mutter nicht mehr da ist, dann denk ich mir Geschichten aus und mach dabei Stimmen nach und dann quietscht sie immer so süß!
J1,2,3 schauen sich an, halten die grüne „0“ hoch.
J2: Rein mit dir, wir brauchen dich!
K1 will jetzt gerade gehen, verabschiedet sich von K1 und K2
J1: Hey, was ist mit dir? du warst noch gar nicht dran!
K1: Hat eh keinen Zweck.
J2: Wieso?
K1: Ich kann halt nicht so tolle Sachen wie die andern. Das war am Anfang schon ehrlich gemeint. Ich kann nichts Tolles. Ich glaub einfach an Gott. Aber scheinbar reicht das nicht!
J3: Wer sagt denn das?
K1: Na, ihr! Ich fing mit dem Glaubensbekenntnis an – und ihr wolltet mich nicht. Ich hab’s ernst gemeint. Ich kann glauben. Mehr nicht.
J2: Echt?
J1 (zu J2 und J3): Ich glaub, wir haben da vielleicht was übersehen, lassen wir ihn rein?
J2 und J3 nicken, alle drei halten, die grünen „0“ hoch., dann legen sie die Karten hin, wollen gehen.
K1: Wo wollt ihr denn hin?
J3: Keine Ahnung, nur weg.
J2: Ich glaub, wir sollten aufhören, Leute zu beurteilen. Macht zwar Spaß. Aber du hast Recht: eigentlich muss man gar keine Mätzchen machen, um rein zu dürfen.
J1: Ich glaube, in Zukunft lassen wir den da oben allein Jury spielen, wer rein darf. Ist wohl besser so. Wir gehen. Tschüss.
K1: Kommt doch mit rein. Hat doch Spaß gemacht mit euch. Und ein Plätzchen ist da bestimmt auch noch für euch frei. Mit euch wird’s da echt schöner!
Musik: Rihanna, dann Lied 632
Ansprache
Ja, wer kommt eigentlich in den Himmel? Wer ist da der Superstar, wer hat das Supertalent, um da wohl hinzukommen? Ich glaube ja, dass die Frage schon falsch ist. Das Talent, um Gott ganz nah zu sein, das hat jeder Mensch. Es gibt niemandem, dem Gott sagen würde: Du bist es nicht wert, geliebt zu werden. Aber wie das bei Talenten so ist: eine Sache ist es, ein Talent zu haben, eine andere, es zu entdecken und damit etwas anzufangen. Für mich kommt da die Taufe ins Spiel.
Wenn ich es von uns Menschen her sehe, dann heißt die Taufe erst mal: ja, ich stehe dazu, dass ich das Talent habe, die Begabung, ein Mensch zu sein, den Gott liebt. Wenn ich mich selbst dafür entscheide, getauft zu werden, dann wird das besonders deutlich. Aber auch dann, wenn Eltern das für mehr oder weniger kleine Kinder entscheiden, dann ist das eigentlich klar. Ich als Mutter, ich als Vater, wir als Paten, wir vertrauen darauf, dass das Kind nicht nur von der Liebe lebt, die wir ihm geben können, sondern dass Gott schon längst Liebe in sein Leben gelegt hat. Wir wollen ihm helfen, die zu entdecken. Taufe ist immer auch mit dem Vertrauen verbunden, dass Gott es gut mein mit uns Menschen. Dass er auch dann für uns da ist, wenn Menschen nicht da sein können oder wollen. Dass er das, was wir nicht verstehen, was uns schwer ist, zu einem guten Ende führt und dass er uns auch auf Wegen, die wir nicht gern gehen, begleitet.
Von Gott her heißt die Taufe aber auch noch mehr: Ich habe mich mit dir verbunden, ich will bei dir sein. Wenn Du was falsch gemacht hast, darfst du umkehren. Du kriegst eine Chance. Wenn du dein Talent wegwirfst, darfst du es wieder suchen. Ich gebe dich nicht auf, auch dann, wenn Menschen dich aufgeben.
Taufe ist ein tolles Angebot. Das Angebot, wirklich als eigener Mensch in jeder Situation zu leben, zu lieben und sich mit Gott verbunden zu wissen. Das Angebot, sich nicht vom Lob oder von der Ablehnung von Menschen abhängig zu machen, sondern zu wissen: Egal, in welche Kästchen Menschen dich stecken, Gott kennt dich und will dich. Bei ihm hast du auch dann einen Platz, wenn Menschen dir in ihrem Leben keinen Platz geben wollen.
Taufe ist keine Zauberei, die uns aus diesem Leben weg in den Himmel bringt. Sie ist ein Geschenk, dass unser Talent, geliebt zu sein und leiben zu können, sichtbar machen will. Das uns Mut machen will, nicht irgendwo im Himmel, sondern jetzt, hier, in dieser Welt und in diesem Leben etwas aus dem Geschenk zu machen, das Gott uns mitgibt. Ein eigener, einzigartiger Mensch zu sein, der Teil der großen Talentfamilie Gottes ist.
Mitspieler: Jury (J) 1(Kata), 2(Olga), 3(Valeria) / Kandidat (K) 1(Maria), 2(Janine), 3(Feli) / Moderator (M) (Clara)
Musik: Paramore, Crushcrushcrush
M: So, da sitzt sie wieder. Die unerbittliche Jury. Drei Experten, die sich anschauen, wer wirklich Talent hat. Und das braucht man, um weiter zu kommen. Um einen Platz im Himmel zu kriegen. Da ist ja schon Kandidat 1.
(Jury unterhält sich, achtet nicht auf den Kandidaten, der räuspert sich ein paar Mal, bevor es endlich losgeht.)
J1: Hallo, wer bist du denn?
K1: Ich bin der Sven und ich bin der absolute Himmelsstürmer!
J2: Na, dann zeig uns mal, was du so kannst!
K1: Okay, dann leg ich mal los!
J3 (zu J2): Na, da bin ich ja mal gespannt…
J1: Und, nun mach mal. Was hast du denn vor?
K1: Ich fang dann mal an: Ich glaube an Gott, den Vater, den Almmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Und an…
J3(unterbricht ihn): Was soll denn das?
K1: Ich kann das Glaubensbekenntnis auswendig!
J2: Und was willst du uns damit zeigen?
K1: Na, das ich in den Himmel gehöre! Ich bin das Superhimmelstalent!
J1: Hast du denn nichts anderes drauf?
K1: Ich war in Konfer fast jeden Sonntag im Gottesdienst!
J1: Hast du denn nichts anderes drauf als so auswendig gelerntes oder so?
K1: Ich hab den Pfarrer in Konfer praktisch nie geärgert. die Anderen waren immer viel schlimmer als ich!
J2: Ich glaub’s nicht! Du hast ja gar nichts Eigenes! Sind wir uns einig?
J1,2,3 nicken, schauen sich an, halten das rote „X“ hoch
J1: Du bist raus!
M: Na, das war wohl nix. Brave Mädchen und Jungs kommen in den Himmel? Na, wer hätte gedacht, das Bravsein die Jury nicht beeindruckt!
J2: Mal sehen, wen sie jetzt reinschicken…
K2: Hallo, ich bin der Martin und ich bin getauft.
J3: Schön. Und weiter?
K2: Wie? Und weiter?
J3: Ja, hast du denn sonst nichts drauf, kein Talent, das uns zeigt, dass du hierher gehörst?
K2: Ach, das meinst du! Klar! Ich seh’ gut aus! Guck mich doch an! Ich zieh mich immer so an, dass es meinen Eltern und meinen Großeltern und den Erwachsenen gefällt. Ich bin der liebste und bravste. Ich will doch nicht auffallen. Ich…
J1: Mach mal Pause. Dein Talent ist es also, so zu sein, wie andere dich haben wollen!
K2: Ja, das kann nicht jeder! Guckt doch mal, wie die anderen rumlaufen! So assig!
J2: jetzt hab ich es kapiert: Dein Talent ist, dass du dich für was Besseres hältst?!
K2: Na ja, so direkt also, ich weiß, aber…
J1: Für mich ist der fall klar.
J2: Für mich auch
J3: Logo!
Alle drei halten ein rotes „X“ hoch
K2: Das könnt ihr doch nicht machen, ich…
J1: Mach die Fliege…
K2 geht raus.
J3: Also, Leute gibt’s… hoffentlich schicken die jetzt mal was Gescheites rein. Ich krieg schon Kopfschmerzen!
M: Und wieder ist eine Karriere im Himmel vorbei bevor sie richtig angefangen hat…
K3 kommt rein, lässt vom Handy / MP3-Player Musik laufen, bewegt sich ein bisschen dazu, grinst die Jury an
J1: Wer bist du denn?
K3: Moment, das Beste kommt gleich…
J3: jetzt mach endlich das Teil aus, das nervt!
K3: Wieso? Ich will mit Jay-Z (halt das, was da läuft) in den Himmel, den Engeln mal was Schönes bieten!
J2: Und was ist dein Talent? MP3s abspielen kann jeder!
K3: Aber nicht jeder hat so einen guten Geschmack wie ich! Und ich dachte, ich bin halt wie Jay-Z. Damit will ich den Engel Flügel machen! Gut, der hat mehr drauf als ich. Hab ich mir gedacht. Dann klau ich alt bei ihm. Ist doch auch ein Talent!
J1: Das wird ja immer schlimmer!
Alle der halten das rote „X“ hoch.
J2: Tschaui, und grüß Jay-Z von uns!
J1,2,3 stecken die Köpfe zusammen, tuscheln
M: Das war ja überhaupt nichts! Aber was ist denn mit der Jury los? Fallen die gleich in Ohnmacht?
J1 verlässt den Tisch, geht nach vorn zu den drei Verlierern
J1: Leute, ich glaub, ihr habt nicht so richtig kapiert, worauf es ankommt, wenn ihr das Himmelstalent werden wollt. Wir geben euch noch eine Chance!
K1,2,3 freuen sich, jubeln…
(Musik: Rihanna, Photographs)
M: Willkommen zum Recall, zur zweiten Chance für unsere drei Kandidaten bei „Der Himmel sucht das Supertalent“ Mal sehen, ob jetzt ein Platz im Himmel für einen von ihnen frei ist! Aber was sehe ich denn da? Das ist ja völlig ungewöhnlich…
K1,2,3 kommen zusammen zum Jurytisch, K2 hat sich in der Zwischenzeit was anderes angezogen
J3: Hey, da seid ihr ja wieder. Und wie ich sehe, hat einer von euch sich ja auch äußerlich verändert!
K2: Ja, ich hab gemerkt, dass das nicht meins ist. Ich bin halt so. Ich will ja nicht die anderen nerven und ich freu mich ja, wenn meine Eltern auch mal was an mir gut finden. Aber mein Talent soll doch nicht sein, dass ich mich anpasse, sondern dass ich meinen Eltern Arbeit abnehme. Die haben genug Sorgen. Mein Vater ist arbeitslos geworden, da fehlt’s überall. Ich kann super Skateboard fahren. Und da verbinde ich das Angenehme mit dem Nützlichen und fahre durch die Gegend und teil Prospekte aus. Krieg ich ein paar Euro für und das hilft mehr als die Klamotten anzuziehen, die meinen Eltern gefallen!
J2: Das gefällt mir!
J1: Ich glaub, wir sind uns einig!
Alle drei halten die grüne „0“ hoch, K1 und K3 klatsche K2 ab
J1 (zu K3): Und du?
K3: Vergiss Jay-Z. eigentlich ist mein Talent ja nicht jemanden nachzumachen. Oder so ein bisschen doch. Meine Klasse bring ich immer total zum Lachen, wenn ich unseren Direktor nachmache. Und wenn meine kleine Schwester mal wieder weint, weil unsere Mutter nicht mehr da ist, dann denk ich mir Geschichten aus und mach dabei Stimmen nach und dann quietscht sie immer so süß!
J1,2,3 schauen sich an, halten die grüne „0“ hoch.
J2: Rein mit dir, wir brauchen dich!
K1 will jetzt gerade gehen, verabschiedet sich von K1 und K2
J1: Hey, was ist mit dir? du warst noch gar nicht dran!
K1: Hat eh keinen Zweck.
J2: Wieso?
K1: Ich kann halt nicht so tolle Sachen wie die andern. Das war am Anfang schon ehrlich gemeint. Ich kann nichts Tolles. Ich glaub einfach an Gott. Aber scheinbar reicht das nicht!
J3: Wer sagt denn das?
K1: Na, ihr! Ich fing mit dem Glaubensbekenntnis an – und ihr wolltet mich nicht. Ich hab’s ernst gemeint. Ich kann glauben. Mehr nicht.
J2: Echt?
J1 (zu J2 und J3): Ich glaub, wir haben da vielleicht was übersehen, lassen wir ihn rein?
J2 und J3 nicken, alle drei halten, die grünen „0“ hoch., dann legen sie die Karten hin, wollen gehen.
K1: Wo wollt ihr denn hin?
J3: Keine Ahnung, nur weg.
J2: Ich glaub, wir sollten aufhören, Leute zu beurteilen. Macht zwar Spaß. Aber du hast Recht: eigentlich muss man gar keine Mätzchen machen, um rein zu dürfen.
J1: Ich glaube, in Zukunft lassen wir den da oben allein Jury spielen, wer rein darf. Ist wohl besser so. Wir gehen. Tschüss.
K1: Kommt doch mit rein. Hat doch Spaß gemacht mit euch. Und ein Plätzchen ist da bestimmt auch noch für euch frei. Mit euch wird’s da echt schöner!
Musik: Rihanna, dann Lied 632
Ansprache
Ja, wer kommt eigentlich in den Himmel? Wer ist da der Superstar, wer hat das Supertalent, um da wohl hinzukommen? Ich glaube ja, dass die Frage schon falsch ist. Das Talent, um Gott ganz nah zu sein, das hat jeder Mensch. Es gibt niemandem, dem Gott sagen würde: Du bist es nicht wert, geliebt zu werden. Aber wie das bei Talenten so ist: eine Sache ist es, ein Talent zu haben, eine andere, es zu entdecken und damit etwas anzufangen. Für mich kommt da die Taufe ins Spiel.
Wenn ich es von uns Menschen her sehe, dann heißt die Taufe erst mal: ja, ich stehe dazu, dass ich das Talent habe, die Begabung, ein Mensch zu sein, den Gott liebt. Wenn ich mich selbst dafür entscheide, getauft zu werden, dann wird das besonders deutlich. Aber auch dann, wenn Eltern das für mehr oder weniger kleine Kinder entscheiden, dann ist das eigentlich klar. Ich als Mutter, ich als Vater, wir als Paten, wir vertrauen darauf, dass das Kind nicht nur von der Liebe lebt, die wir ihm geben können, sondern dass Gott schon längst Liebe in sein Leben gelegt hat. Wir wollen ihm helfen, die zu entdecken. Taufe ist immer auch mit dem Vertrauen verbunden, dass Gott es gut mein mit uns Menschen. Dass er auch dann für uns da ist, wenn Menschen nicht da sein können oder wollen. Dass er das, was wir nicht verstehen, was uns schwer ist, zu einem guten Ende führt und dass er uns auch auf Wegen, die wir nicht gern gehen, begleitet.
Von Gott her heißt die Taufe aber auch noch mehr: Ich habe mich mit dir verbunden, ich will bei dir sein. Wenn Du was falsch gemacht hast, darfst du umkehren. Du kriegst eine Chance. Wenn du dein Talent wegwirfst, darfst du es wieder suchen. Ich gebe dich nicht auf, auch dann, wenn Menschen dich aufgeben.
Taufe ist ein tolles Angebot. Das Angebot, wirklich als eigener Mensch in jeder Situation zu leben, zu lieben und sich mit Gott verbunden zu wissen. Das Angebot, sich nicht vom Lob oder von der Ablehnung von Menschen abhängig zu machen, sondern zu wissen: Egal, in welche Kästchen Menschen dich stecken, Gott kennt dich und will dich. Bei ihm hast du auch dann einen Platz, wenn Menschen dir in ihrem Leben keinen Platz geben wollen.
Taufe ist keine Zauberei, die uns aus diesem Leben weg in den Himmel bringt. Sie ist ein Geschenk, dass unser Talent, geliebt zu sein und leiben zu können, sichtbar machen will. Das uns Mut machen will, nicht irgendwo im Himmel, sondern jetzt, hier, in dieser Welt und in diesem Leben etwas aus dem Geschenk zu machen, das Gott uns mitgibt. Ein eigener, einzigartiger Mensch zu sein, der Teil der großen Talentfamilie Gottes ist.
Freitag, 22. Januar 2010
Auf Schatzsuche - letzter n. Epiphanias, 24.01.10, Reihe II
Text: 2. Korinther 4,6-10
Liebe Gemeinde!
Haben sie heute Morgen schon in den Spiegel geschaut? Und wenn ja, was haben sie da gesehen? Vielleicht, und das hoffe ich, einen schönen, strahlenden Menschen. Einen Schatz für die ganze Menschheit. Wahrscheinlicher ist aber, zumindest nach meiner Erfahrung etwas anderes. Da blickt mich im Spiegel am Morgen ein Gesicht an, das noch etwas zerknit-tert ist. Und wenn alle Lampen im Bad an sind, dann wird auch deutlich, dass das ein oder andere Fältchen so langsam zur Falte wird, dass die Rasur nicht perfekt war, eine Hautun-reinheit zu sehen ist, ein vorwitziges Pickelchen sich seinen Platz erkämpft hat und noch vieles mehr. Und den Haaren kann ich dabei zusehen, wie sie auf dem Kopf weniger und grauer werden. Älterwerden halt. Klar, es gibt Nachhilfe. Schminken, Haare tönen oder färben und wenn nichts mehr hilft, kann man sich immer noch operieren lassen. Mit dem Alter geht’s bergab. Ich merke das nicht nur an meinen Haa-ren. Auch meine Augen werden immer schlechter. Selbst, die, die jung sind und eigentlich alle Voraussetzungen hätten, sich wirklich schön zu finden, die tun das oft nicht. Es fällt einem immer was ein und was auf, was gerade nicht passt. Und auch für junge Menschen gilt: Das Leben hinterlässt Gebrauchsspuren. Ist das schlimm? Für manche nicht, die sagen ganz selbstbewusst: es ist doch schön, dass man mir mein Leben ansieht, ich werde gern älter. Die meisten versu-chen aber, dieses Älterwerden zu bremsen und den Körper auszutricksen. Es ist eine einfach und harte Wahrheit: Wir verbrauchen uns, wenn wir leben. Trübe Aussichten. Aber eigentlich doch nur dann, wenn wir sagen: Das ist das Ent-scheidende. Was sehen sie, was seht ihr, was sehe ich mor-gens im Spiegel? Die müden Augen und ungewaschenen Haare? Die Pickel und Mitesser? Die vorstehenden Zähne und Falten, die grauen Haare und alles, was einen dazu bringt, sich manchmal richtig klein und hässlich zu fühlen? Oder einen Schatz, der uns aus diesem manchmal recht wi-derspenstigen und merkwürdigen Körper entgegenstrahlt? Paulus lädt uns in dem Stück aus dem Korintherbrief, das heute Predigttext ist, ein, auf Schatzsuche zu gehen. Wir ha-ben einen Schatz in uns, aber in irdenen Gefäßen. So schreibt Paulus. Für die jüngeren hört sich dieser Ausdruck „irdene Gefäße“ sicher komisch an. Irden, das heißt: aus Erde ge-macht. Klar, die, die sich in der Bibel auskennen, ziehen viel-leicht schnell die Verbindung zur Geschichte vom Paradies, in der erzählt wird, dass Gott den Menschen aus einem Erd-klumpen macht. Hat Paulus wahrscheinlich auch mitgemeint. Aber auch dann, wenn man die Geschichte gar nicht kennt, dann kann man wissen: da handelt es sich um Gefäße aus Ton. Die sind nicht kostbar. Da gibt’s schnell Kratzer, da platzt auch mal eine Ecke ab und irgendwann geht es mal richtig kaputt. Gefäße aus kostbaren Metallen waren, als Pau-lus gelebt hat, natürlich viel toller und teurer. Der Schatz, den wir haben, der ist in einer Hülle, die nicht viel her macht, die benutzt wird, der man das ansieht und die ziemlich zerbrech-lich ist. Aber der Schatz ist riesig. Seid ihr, sind sie heute schon auf Schatzsuche gewesen? Habt ihr, haben sie den Schatz gefunden? Es steckt ein Schatz in uns drin. Das schreibt Paulus ganz deutlich. Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuch-tung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. Diesen Schatz haben wir. Paulus schreibt das einfach so. Ohne Einschränkung. Das ist wichtig. Vor allem, wenn man weiß, dass Paulus vorher und nachher ganz viel darüber schreibt, was die Leute, die den Brief bekommen, alles falsch machen. Er ärgert sich richtig. Und trotzdem sagt er nicht: „Ich habe den Schatz und alle, die so sind wie ich, haben ihn, und ihr habt ihn nicht!“ Nein, auch die, über die er sich ärgert, haben diesen Schatz. Das ist mir persönlich im Moment ganz wichtig. Ich habe mich über ein paar Konfir-manden in der letzten Zeit geärgert. Und in der Schule gibt es auch immer wieder Schüler, über die ich mich ärgere. Und es gibt nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene, mit denen ich mich manchmal ganz schön schwer tue. Und trotz-dem glaube ich, dass auch in diesen Gefäßen, in diesen Men-schen, in diesen Herzen dieser Schatz ist. Vielleicht lenkt das Äußere tatsächlich manchmal davon ab, diesen Schatz zu se-hen. Vielleicht ist er manchmal auch gut versteckt. Vielleicht denken sogar manche: Diesen Schatz habe ich gar nicht! Es ist nicht immer einfach, auf Schatzsuche zu gehen. Schätze haben es nun mal an sich, dass sie oft versteckt und nur auf Umwegen zu erreichen sind. Aber wir können schon wissen, was dieser Schatz ist, den wir in unseren zerbrechlichen Ge-fäßen haben. Der helle Schein in unseren Herzen, von dem Paulus schreibt, die Erleuchtung, die andere durch unseren Schatz bekommen sollen, damit durch Jesus Christus Gott sichtbar wird, das ist die Liebe.
Vielleicht sind manche jetzt enttäuscht. Vielleicht hätten sie sich was Spektakuläreres gewünscht oder sie sagen: „In der Kirche geht’s doch immer irgendwie um Liebe, schon wieder das Gleiche wie immer!“ Aber leider kann ich nicht anders. Ich glaube schon, dass die Liebe der größte und kostbarste Schatz ist, den wir haben. Die Liebe, die Gott uns schenkt, mit der er uns liebt und die sich auch in der Liebe zeigt, die uns von anderen geschenkt wird – und die Fähigkeit, selbst Liebe zu schenken. Schon wieder so viel Gerede von der Liebe und über die Liebe. Ja, dieser Schatz macht es uns nicht leicht. Liebe ist so schwer zu fassen, anders als Gold und Geld. Man kann sie nicht festhalten. Wenn ich das ver-suche, dann wird sie sich ganz schnell wegschleichen. Es ist praktisch unmöglich, über diesen Schatz zu reden. Seine Kraft zeigt er im Leben. Ich habe die Frage vom Anfang schon ernst gemeint: „Was sehe ich, wenn ich in den Spiegel schaue? – Die schiefen Zähne, die Falten, vielleicht auch das, was ich an mir nicht leiden kann, weil ich Dinge falsch ma-che, die Tatsache, dass das Leben Spuren bei mir hinterlassen hat und dass das, was mir da entgegenschaut, eines Tages nicht mehr sein wird – oder einen liebenswerten, geliebten Menschen, der lieben kann?“ Ich hoffe, beides. Weil beides die Wahrheit über unser Leben ist und beides zusammenge-hört. Paulus sagt nicht, dass das Leben immer schön ist. Er sagt: „Wir werden bedrängt, verfolgt, unterdrückt, wir haben Angst, wir tragen das Sterben von Jesus an uns.“ Der Schatz, den wir haben, der bewahrt uns nicht davor, traurige Erfah-rungen zu machen. Wer lieben kann und Liebe spürt, der spürt noch viel deutlicher, wo sie nicht ist. Wo sich Stärkere mit Gewalt oder der Androhung von Gewalt durchsetzen. Wo zuerst aufs Geld geschaut wird und dann auf den Menschen. Wo der, der die richtigen Leute kennt, weniger Steuern zah-len muss. Wo beleidigt wird, wo Menschen für weniger wert gehalten werden, weil sie anders aussehen, eine andere Spra-che sprechen oder, oder, oder… - es gibt viel zu viel und es wäre langweilig, das alles aufzuzählen. Und nicht nur im Großen, sondern auch im eigenen Leben fällt das auf. Hof-fentlich. Als ich mich in meiner Ausbildung mal über Kon-firmanden, die nicht so wollten wie ich, beschwert habe, hat mein Ausbilder mir keine Tipps und Tricks verraten, sondern mich gefragt: „Was ist denn an diesem Mädchen, über die sie zu Recht so ärgerlich sind, liebenswert?“ Ich glaube wirklich, dass dieser Perspektivwechsel dabei hilft, den Schatz wirk-lich zu entdecken. Nicht zuerst, weder bei sich noch bei an-deren, weder in der Kirche noch in der Politik, zuerst auf das zu schauen, was bei anderen oder bei mir falsch und schlecht und schwer auszuhalten ist, sondern mit dem Schatz in uns zu wuchern und nach dem Schatz in anderen zu suchen und ih-nen zu helfen, diesen Schatz zu entdecken. Ein langer, müh-samer, steiniger Weg mit vielen Rückschlägen. Ein Weg, der Jesus ans Kreuz gebracht hat – und der es möglich gemacht hat, Schuld zu vergeben und Leben auch dort entstehen zu lassen, wo Schuld und menschliches Unvermögen nur den Tod wachsen lassen. Wir haben einen Schatz. Nicht nur ich, nicht nur die Menschen, die sonntags in die Kirche kommen, nicht nur die Menschen, die mich nicht nerven. Wir haben einen Schatz, der uns von Gott geschenkt ist. Wir haben ihn uns nicht verdient, aber wir können mit ihm arbeiten. Und anderen helfen, ihn zu entdecken. vielleicht auch, damit sie uns helfen, ihn bei uns wiederzufinden, wenn wir nur die Pi-ckel, die Falten, das Traurige in unserem Leben sehen.
Amen.
Liebe Gemeinde!
Haben sie heute Morgen schon in den Spiegel geschaut? Und wenn ja, was haben sie da gesehen? Vielleicht, und das hoffe ich, einen schönen, strahlenden Menschen. Einen Schatz für die ganze Menschheit. Wahrscheinlicher ist aber, zumindest nach meiner Erfahrung etwas anderes. Da blickt mich im Spiegel am Morgen ein Gesicht an, das noch etwas zerknit-tert ist. Und wenn alle Lampen im Bad an sind, dann wird auch deutlich, dass das ein oder andere Fältchen so langsam zur Falte wird, dass die Rasur nicht perfekt war, eine Hautun-reinheit zu sehen ist, ein vorwitziges Pickelchen sich seinen Platz erkämpft hat und noch vieles mehr. Und den Haaren kann ich dabei zusehen, wie sie auf dem Kopf weniger und grauer werden. Älterwerden halt. Klar, es gibt Nachhilfe. Schminken, Haare tönen oder färben und wenn nichts mehr hilft, kann man sich immer noch operieren lassen. Mit dem Alter geht’s bergab. Ich merke das nicht nur an meinen Haa-ren. Auch meine Augen werden immer schlechter. Selbst, die, die jung sind und eigentlich alle Voraussetzungen hätten, sich wirklich schön zu finden, die tun das oft nicht. Es fällt einem immer was ein und was auf, was gerade nicht passt. Und auch für junge Menschen gilt: Das Leben hinterlässt Gebrauchsspuren. Ist das schlimm? Für manche nicht, die sagen ganz selbstbewusst: es ist doch schön, dass man mir mein Leben ansieht, ich werde gern älter. Die meisten versu-chen aber, dieses Älterwerden zu bremsen und den Körper auszutricksen. Es ist eine einfach und harte Wahrheit: Wir verbrauchen uns, wenn wir leben. Trübe Aussichten. Aber eigentlich doch nur dann, wenn wir sagen: Das ist das Ent-scheidende. Was sehen sie, was seht ihr, was sehe ich mor-gens im Spiegel? Die müden Augen und ungewaschenen Haare? Die Pickel und Mitesser? Die vorstehenden Zähne und Falten, die grauen Haare und alles, was einen dazu bringt, sich manchmal richtig klein und hässlich zu fühlen? Oder einen Schatz, der uns aus diesem manchmal recht wi-derspenstigen und merkwürdigen Körper entgegenstrahlt? Paulus lädt uns in dem Stück aus dem Korintherbrief, das heute Predigttext ist, ein, auf Schatzsuche zu gehen. Wir ha-ben einen Schatz in uns, aber in irdenen Gefäßen. So schreibt Paulus. Für die jüngeren hört sich dieser Ausdruck „irdene Gefäße“ sicher komisch an. Irden, das heißt: aus Erde ge-macht. Klar, die, die sich in der Bibel auskennen, ziehen viel-leicht schnell die Verbindung zur Geschichte vom Paradies, in der erzählt wird, dass Gott den Menschen aus einem Erd-klumpen macht. Hat Paulus wahrscheinlich auch mitgemeint. Aber auch dann, wenn man die Geschichte gar nicht kennt, dann kann man wissen: da handelt es sich um Gefäße aus Ton. Die sind nicht kostbar. Da gibt’s schnell Kratzer, da platzt auch mal eine Ecke ab und irgendwann geht es mal richtig kaputt. Gefäße aus kostbaren Metallen waren, als Pau-lus gelebt hat, natürlich viel toller und teurer. Der Schatz, den wir haben, der ist in einer Hülle, die nicht viel her macht, die benutzt wird, der man das ansieht und die ziemlich zerbrech-lich ist. Aber der Schatz ist riesig. Seid ihr, sind sie heute schon auf Schatzsuche gewesen? Habt ihr, haben sie den Schatz gefunden? Es steckt ein Schatz in uns drin. Das schreibt Paulus ganz deutlich. Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsre Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuch-tung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi. Diesen Schatz haben wir. Paulus schreibt das einfach so. Ohne Einschränkung. Das ist wichtig. Vor allem, wenn man weiß, dass Paulus vorher und nachher ganz viel darüber schreibt, was die Leute, die den Brief bekommen, alles falsch machen. Er ärgert sich richtig. Und trotzdem sagt er nicht: „Ich habe den Schatz und alle, die so sind wie ich, haben ihn, und ihr habt ihn nicht!“ Nein, auch die, über die er sich ärgert, haben diesen Schatz. Das ist mir persönlich im Moment ganz wichtig. Ich habe mich über ein paar Konfir-manden in der letzten Zeit geärgert. Und in der Schule gibt es auch immer wieder Schüler, über die ich mich ärgere. Und es gibt nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene, mit denen ich mich manchmal ganz schön schwer tue. Und trotz-dem glaube ich, dass auch in diesen Gefäßen, in diesen Men-schen, in diesen Herzen dieser Schatz ist. Vielleicht lenkt das Äußere tatsächlich manchmal davon ab, diesen Schatz zu se-hen. Vielleicht ist er manchmal auch gut versteckt. Vielleicht denken sogar manche: Diesen Schatz habe ich gar nicht! Es ist nicht immer einfach, auf Schatzsuche zu gehen. Schätze haben es nun mal an sich, dass sie oft versteckt und nur auf Umwegen zu erreichen sind. Aber wir können schon wissen, was dieser Schatz ist, den wir in unseren zerbrechlichen Ge-fäßen haben. Der helle Schein in unseren Herzen, von dem Paulus schreibt, die Erleuchtung, die andere durch unseren Schatz bekommen sollen, damit durch Jesus Christus Gott sichtbar wird, das ist die Liebe.
Vielleicht sind manche jetzt enttäuscht. Vielleicht hätten sie sich was Spektakuläreres gewünscht oder sie sagen: „In der Kirche geht’s doch immer irgendwie um Liebe, schon wieder das Gleiche wie immer!“ Aber leider kann ich nicht anders. Ich glaube schon, dass die Liebe der größte und kostbarste Schatz ist, den wir haben. Die Liebe, die Gott uns schenkt, mit der er uns liebt und die sich auch in der Liebe zeigt, die uns von anderen geschenkt wird – und die Fähigkeit, selbst Liebe zu schenken. Schon wieder so viel Gerede von der Liebe und über die Liebe. Ja, dieser Schatz macht es uns nicht leicht. Liebe ist so schwer zu fassen, anders als Gold und Geld. Man kann sie nicht festhalten. Wenn ich das ver-suche, dann wird sie sich ganz schnell wegschleichen. Es ist praktisch unmöglich, über diesen Schatz zu reden. Seine Kraft zeigt er im Leben. Ich habe die Frage vom Anfang schon ernst gemeint: „Was sehe ich, wenn ich in den Spiegel schaue? – Die schiefen Zähne, die Falten, vielleicht auch das, was ich an mir nicht leiden kann, weil ich Dinge falsch ma-che, die Tatsache, dass das Leben Spuren bei mir hinterlassen hat und dass das, was mir da entgegenschaut, eines Tages nicht mehr sein wird – oder einen liebenswerten, geliebten Menschen, der lieben kann?“ Ich hoffe, beides. Weil beides die Wahrheit über unser Leben ist und beides zusammenge-hört. Paulus sagt nicht, dass das Leben immer schön ist. Er sagt: „Wir werden bedrängt, verfolgt, unterdrückt, wir haben Angst, wir tragen das Sterben von Jesus an uns.“ Der Schatz, den wir haben, der bewahrt uns nicht davor, traurige Erfah-rungen zu machen. Wer lieben kann und Liebe spürt, der spürt noch viel deutlicher, wo sie nicht ist. Wo sich Stärkere mit Gewalt oder der Androhung von Gewalt durchsetzen. Wo zuerst aufs Geld geschaut wird und dann auf den Menschen. Wo der, der die richtigen Leute kennt, weniger Steuern zah-len muss. Wo beleidigt wird, wo Menschen für weniger wert gehalten werden, weil sie anders aussehen, eine andere Spra-che sprechen oder, oder, oder… - es gibt viel zu viel und es wäre langweilig, das alles aufzuzählen. Und nicht nur im Großen, sondern auch im eigenen Leben fällt das auf. Hof-fentlich. Als ich mich in meiner Ausbildung mal über Kon-firmanden, die nicht so wollten wie ich, beschwert habe, hat mein Ausbilder mir keine Tipps und Tricks verraten, sondern mich gefragt: „Was ist denn an diesem Mädchen, über die sie zu Recht so ärgerlich sind, liebenswert?“ Ich glaube wirklich, dass dieser Perspektivwechsel dabei hilft, den Schatz wirk-lich zu entdecken. Nicht zuerst, weder bei sich noch bei an-deren, weder in der Kirche noch in der Politik, zuerst auf das zu schauen, was bei anderen oder bei mir falsch und schlecht und schwer auszuhalten ist, sondern mit dem Schatz in uns zu wuchern und nach dem Schatz in anderen zu suchen und ih-nen zu helfen, diesen Schatz zu entdecken. Ein langer, müh-samer, steiniger Weg mit vielen Rückschlägen. Ein Weg, der Jesus ans Kreuz gebracht hat – und der es möglich gemacht hat, Schuld zu vergeben und Leben auch dort entstehen zu lassen, wo Schuld und menschliches Unvermögen nur den Tod wachsen lassen. Wir haben einen Schatz. Nicht nur ich, nicht nur die Menschen, die sonntags in die Kirche kommen, nicht nur die Menschen, die mich nicht nerven. Wir haben einen Schatz, der uns von Gott geschenkt ist. Wir haben ihn uns nicht verdient, aber wir können mit ihm arbeiten. Und anderen helfen, ihn zu entdecken. vielleicht auch, damit sie uns helfen, ihn bei uns wiederzufinden, wenn wir nur die Pi-ckel, die Falten, das Traurige in unserem Leben sehen.
Amen.
Ratschläge sind auch Schläge? - 2. nach Epiphanias, 17.01.10, Reihe II
Text:Römer 12,9-16
Liebe Gemeinde!
Sei ordentlich! Benimm dich anständig! Rauche nicht! Be-trinke dich nicht! Mach uns keine Schande! Zieh dich warm genug an! – Es war noch ein bisschen mehr, was der Zehnt-klässler Ulrich von seiner Mutter an Verhaltensregeln vor einer zweiwöchigen Klassenfahrt in die Berge mitbekommen hatte. Viele gut gemeinte Ratschläge. Aber ob sie alle von mir beachtet wurden, ob ich mich an alles gehalten habe? – Das verrate ich jetzt nicht. Ich wusste auch damals, dass mei-ne Mutter mit dem, was sie sagte, nicht falsch lag. Aber es hat mich schon etwas genervt und ich wusste genau, dass ich mich nicht an alles halten werde.
Heute bin ich der, der zum Beispiel Schülern oder Konfir-manden sagt, was gutes Verhalten ist. Ich weiß genau, dass ich sie damit manchmal nerve. Und ich weiß auch, dass sie sich längst nicht an alles halten. Und ich werde trotzdem wei-termachen. Nicht, weil ich so gern frustriert werde oder weil ich so gern Jugendliche nerve. Sondern weil ich denke: Manchmal muss man das sagen, von dem man überzeugt ist, dass es richtig und gut ist, obwohl es wenig Gehör findet und obwohl es vielleicht auch manchmal die Fähigkeiten und die Möglichkeiten von den Menschen, denen man das sagt, über-steigt. Etwas Richtiges wird nicht dadurch falsch, dass Men-schen nicht danach handeln. Etwas Gutes wird nicht dadurch schlecht, dass es manchmal vielleicht auch nervt.
Wie gesagt, früher ging es mir mit den Ratschlägen meiner Mutter, meiner Eltern überhaupt, manchmal so. Und manch-mal geht es mir auch mit manchem, was in der Bibel steht, so ähnlich. Auch mit dem, was Paulus den Menschen in Rom geschrieben hat. Haben sie eben genau zugehört? Das waren nicht nur 10 Gebote. Einundzwanzig Verhaltenswünsche hat Paulus da in dem kurzen Abschnitt aufgestellt. Wenn man das Kapitel, das nicht mehr lang ist, ganz zu Ende liest, kommen noch mal acht gute Ratschläge mit dazu. Sinnlos, weil sich das ja doch keiner merken kann, denkt jetzt viel-leicht jemand. Oder: sinnlos, weil sich ja doch keiner dran hält. Oder sogar: sinnlos, weil Gott am Ende doch Sünden vergibt und es egal ist, wie man sich verhält. Und dann macht jeder was er will. Ja, auch ich denke manchmal: Paulus, wa-rum hast du nicht einfach weniger geschrieben. Das überfor-dert doch alle. Andere denken und sagen: Es ist doch toll, dass Paulus das alles so genau aufschreibt. Da weiß ich we-nigstens, wie ich mich verhalten muss oder was ich als Christ von anderen Christen erwarten kann. Wenn man sich an diese Regeln hält, dann ist man ein guter Christ und wird von Gott belohnt. Und wird, so glaube ich, mit der Zeit krank. Denn nicht erst Martin Luther hat erkannt, dass ich als Mensch es gar nicht schaffen kann, alles, was gut und richtig ist, zu tun. Ich werde nie perfekt leben und lieben können. Ich werde scheitern. Ich werde schuldig – an Gott und an anderen Men-schen.
Ist es dann vielleicht doch sinnlos, was Paulus hier als gut für das Leben einer christlichen Gemeinde schreibt? Soll ich nicht lieber aufhören, etwas darüber zu erzählen? Vielleicht sollte ich das wirklich, weil ich heute vielleicht auch gar nicht das Richtige dazu sage. Ich bin nicht Gott. Ich bin nicht Paulus. Ich weiß nicht, was er wirklich gemeint hat. Und ich muss zugeben, dass das, was Paulus hier an Verhaltensregeln schreibt, für den Alltag ziemlich merkwürdig zu sein scheint. Das fängt für mich schon bei der Aufforderung an: „Die ge-schwisterliche Liebe untereinander sei herzlich“. Ich habe jetzt erst wieder mit Geschwistern zu tun gehabt, die seit fast zehn Jahren kein Wort mehr miteinander geredet haben und die alles getan haben, um nicht Kontakt zu bekommen. Leib-liche Geschwister. Liebe kann man nicht befehlen. Und wenn schon die gleiche Familie kein Grund ist, der Liebe und der Vergebung eine Chance zu geben, warum sollte es denn der Glaube an Gott sein? In einer Konfirmandengruppe, in einer Gottesdienstgemeinde, in einer Kirchengemeinde und schon ganz und gar in der weltweiten Gemeinschaft aller Glauben-den und Kirchen gibt es nicht nur ein liebevolles Miteinan-der. Da gibt es Streit, Neid, manchmal sogar auch Hass. Da gibt es Menschen, mit denen man sich sehr verbunden fühlt, und welche, denen man eher aus dem Weg geht. Und das ist nicht erst in den letzten zwei, drei Jahren so. Ich glaube, auch in Rom gab es das, als Paulus den Brief geschrieben hat. Und in Briefen an andere Gemeinden schreibt Paulus sehr deutlich von diesen Schwierigkeiten. Aber ist das ein Grund, zu sa-gen: „Das ist Quatsch, was Paulus da schreibt! Er hätte sich das auch sparen können!“? Das finde ich gerade nicht. Gott ist die Liebe – und da soll es egal sein, wie die Menschen, die an ihn glauben und die sich auf ihn berufen, miteinander um-gehen? Auch ich scheitere an der Liebe – aber das heißt doch nicht, dass es die Liebe nicht gibt und dass Liebe falsch ist. Eine Gemeinschaft, die sich auf Gott beruft, die aber in ihrem Umgang miteinander nur egoistisch ist, in der die Menschen sich mit bösen Gesichtern anschauen oder sogar sich gar nicht mehr anschauen, eine Gemeinschaft, in der Menschen sich Schlechtes wünschen, wo Sitzplätze in Kirchen vertei-digt werden und Neuankömmlinge misstrauisch angeschaut werden, das gibt’s zwar alles, immer wieder, überall – aber so darf und soll es doch nicht sein oder bleiben. Es ist wich-tig, einen Stachel zu spüren, der deutlich macht, was auch falsch läuft. Ein solcher Stachel ist für mich auch diese Auf-forderung „Segnet, die euch verfolgen; segnet und flucht nicht!“ Unserem Alltag, auch meinem, läuft das völlig entge-gen. Wer mir nichts Gutes will, dem wünsche ich doch eher die Pest an den Hals als dass ich ihm was Gutes wünsche, ihn sogar segne. Aber was heißt eigentlich „segnen“? Es heißt, jemandem Gottes Beistand wünschen, jemanden mit Gott in Beziehung setzen, jemandem Gutes zusagen. Es ist mensch-lich, auf Gewalt mit Gewalt, auf Hass mit Hass zu reagieren. Sich zu wehren. Auf Schuld mit Strafe. Kein Opfer sein zu wollen. Gott hat in Jesus für uns diese Spirale der Gewalt, die sich immer weiter dreht, durchbrochen. Auf Schuld reagiert er mit dem Angebot zur Vergebung. Auf ein Leben, das sich in Hass verstrickt, mit dem Angebot, umzukehren und neu anzufangen. Ich gebe dem Gewalttäter Recht, wenn ich mit Gewalt antworte. Ich gebe dem Mörder Recht, wenn ich die Todesstrafe einsetze, weil ich dann sage, es ist okay, wenn ein Mensch dem anderen das Leben nimmt. Gott zeigt einen anderen Weg. Wie gesagt, hier ist für mich der Stachel be-sonders schmerzhaft. Denn ich weiß auch, dass man manch-mal Gewalt nur mit Gewalt ein Ende setzen kann. Dass man, um Schwächere zu schützen, Stärkere manchmal mit Gewalt davon abhalten muss, sich an Schwachen zu vergehen. Wenn ich mitbekomme, dass eine Frau vergewaltigt wird, dann hilft es nicht viel, dem Vergewaltiger zu sagen: Gott segne dich. Dann muss ich ihn notfalls mit Gewalt von der Frau weg be-kommen. Es geht für mich hier darum, wachsam zu bleiben, damit Gewalt sich nicht verselbständigt. Es geht darum, im anderen, auch und gerade im Täter, nie ein Monster zu sehen, sondern immer einen Menschen. Dem auch die Chance zum Neuanfang von Gott geschenkt wird – auch wenn der Neuan-fang möglicherweise darin besteht, ihm durch Strafe und Freiheitsentzug die Chance zu geben, erst einmal überhaupt über sein Verhalten nachzudenken und nicht immer mehr Schaden anzurichten. Für mich heißt das zum Beispiel seg-nen: einen anderen aus den verkehrten Wegen herauszureißen und ihm die Chance zu geben, umzukehren und eine Bezie-hung zu Gott, zur Liebe zu finden.
Ich glaube, ich könnte jetzt noch stundenlang so weiterma-chen. Je länger ich nachdenke, desto mehr fällt mir zu jedem einzelnen Satz, den Paulus schreibt, etwas ein. Wie viele wa-ren es? Einundzwanzig glaube ich, und ich habe erst zu zwei-en etwas gesagt! Keine Angst, ich werde die neunzehn ande-ren jetzt nicht nach und nach alle irgendwie behandeln. Viel-leicht sind sie ja bei ganz anderen Sätzen hängengeblieben. Gut so. Die Fülle der Sätze, die Ansprüche, die sie stellen, die machen mir etwas ganz deutlich: Wir haben keinen Grund, uns mit wenig zufriedne zu geben. Gottes Liebe ist so groß, dass wir davon auch etwas in unseren Umgang mitein-ander legen können. Wenn wir uns wahrnehmen, wenn wir mitfühlen und mitleiden, dann wird etwas von dem deutlich, was Gottes Umgang mit uns ist. Mitfühlen – ich glaube, dazu wollen uns die vielen Aufforderungen Mut machen. Mitfüh-len – auch mit unserem Versagen, unserer Schwäche. Denn wir dürfen darauf vertrauen: Wir sollen nicht klein werden und uns schlecht fühlen, sondern Gott will uns die Größe der Möglichkeiten eröffnen. Wir können in aller Unzulänglich-keit anfangen, so zu leben, weil Gott mit uns mitfühlt und mit leidet und uns auch dort segnet und auf gute Wege bringt, wo wir ihn, wo wir die Liebe verfolgen.
Amen.
Liebe Gemeinde!
Sei ordentlich! Benimm dich anständig! Rauche nicht! Be-trinke dich nicht! Mach uns keine Schande! Zieh dich warm genug an! – Es war noch ein bisschen mehr, was der Zehnt-klässler Ulrich von seiner Mutter an Verhaltensregeln vor einer zweiwöchigen Klassenfahrt in die Berge mitbekommen hatte. Viele gut gemeinte Ratschläge. Aber ob sie alle von mir beachtet wurden, ob ich mich an alles gehalten habe? – Das verrate ich jetzt nicht. Ich wusste auch damals, dass mei-ne Mutter mit dem, was sie sagte, nicht falsch lag. Aber es hat mich schon etwas genervt und ich wusste genau, dass ich mich nicht an alles halten werde.
Heute bin ich der, der zum Beispiel Schülern oder Konfir-manden sagt, was gutes Verhalten ist. Ich weiß genau, dass ich sie damit manchmal nerve. Und ich weiß auch, dass sie sich längst nicht an alles halten. Und ich werde trotzdem wei-termachen. Nicht, weil ich so gern frustriert werde oder weil ich so gern Jugendliche nerve. Sondern weil ich denke: Manchmal muss man das sagen, von dem man überzeugt ist, dass es richtig und gut ist, obwohl es wenig Gehör findet und obwohl es vielleicht auch manchmal die Fähigkeiten und die Möglichkeiten von den Menschen, denen man das sagt, über-steigt. Etwas Richtiges wird nicht dadurch falsch, dass Men-schen nicht danach handeln. Etwas Gutes wird nicht dadurch schlecht, dass es manchmal vielleicht auch nervt.
Wie gesagt, früher ging es mir mit den Ratschlägen meiner Mutter, meiner Eltern überhaupt, manchmal so. Und manch-mal geht es mir auch mit manchem, was in der Bibel steht, so ähnlich. Auch mit dem, was Paulus den Menschen in Rom geschrieben hat. Haben sie eben genau zugehört? Das waren nicht nur 10 Gebote. Einundzwanzig Verhaltenswünsche hat Paulus da in dem kurzen Abschnitt aufgestellt. Wenn man das Kapitel, das nicht mehr lang ist, ganz zu Ende liest, kommen noch mal acht gute Ratschläge mit dazu. Sinnlos, weil sich das ja doch keiner merken kann, denkt jetzt viel-leicht jemand. Oder: sinnlos, weil sich ja doch keiner dran hält. Oder sogar: sinnlos, weil Gott am Ende doch Sünden vergibt und es egal ist, wie man sich verhält. Und dann macht jeder was er will. Ja, auch ich denke manchmal: Paulus, wa-rum hast du nicht einfach weniger geschrieben. Das überfor-dert doch alle. Andere denken und sagen: Es ist doch toll, dass Paulus das alles so genau aufschreibt. Da weiß ich we-nigstens, wie ich mich verhalten muss oder was ich als Christ von anderen Christen erwarten kann. Wenn man sich an diese Regeln hält, dann ist man ein guter Christ und wird von Gott belohnt. Und wird, so glaube ich, mit der Zeit krank. Denn nicht erst Martin Luther hat erkannt, dass ich als Mensch es gar nicht schaffen kann, alles, was gut und richtig ist, zu tun. Ich werde nie perfekt leben und lieben können. Ich werde scheitern. Ich werde schuldig – an Gott und an anderen Men-schen.
Ist es dann vielleicht doch sinnlos, was Paulus hier als gut für das Leben einer christlichen Gemeinde schreibt? Soll ich nicht lieber aufhören, etwas darüber zu erzählen? Vielleicht sollte ich das wirklich, weil ich heute vielleicht auch gar nicht das Richtige dazu sage. Ich bin nicht Gott. Ich bin nicht Paulus. Ich weiß nicht, was er wirklich gemeint hat. Und ich muss zugeben, dass das, was Paulus hier an Verhaltensregeln schreibt, für den Alltag ziemlich merkwürdig zu sein scheint. Das fängt für mich schon bei der Aufforderung an: „Die ge-schwisterliche Liebe untereinander sei herzlich“. Ich habe jetzt erst wieder mit Geschwistern zu tun gehabt, die seit fast zehn Jahren kein Wort mehr miteinander geredet haben und die alles getan haben, um nicht Kontakt zu bekommen. Leib-liche Geschwister. Liebe kann man nicht befehlen. Und wenn schon die gleiche Familie kein Grund ist, der Liebe und der Vergebung eine Chance zu geben, warum sollte es denn der Glaube an Gott sein? In einer Konfirmandengruppe, in einer Gottesdienstgemeinde, in einer Kirchengemeinde und schon ganz und gar in der weltweiten Gemeinschaft aller Glauben-den und Kirchen gibt es nicht nur ein liebevolles Miteinan-der. Da gibt es Streit, Neid, manchmal sogar auch Hass. Da gibt es Menschen, mit denen man sich sehr verbunden fühlt, und welche, denen man eher aus dem Weg geht. Und das ist nicht erst in den letzten zwei, drei Jahren so. Ich glaube, auch in Rom gab es das, als Paulus den Brief geschrieben hat. Und in Briefen an andere Gemeinden schreibt Paulus sehr deutlich von diesen Schwierigkeiten. Aber ist das ein Grund, zu sa-gen: „Das ist Quatsch, was Paulus da schreibt! Er hätte sich das auch sparen können!“? Das finde ich gerade nicht. Gott ist die Liebe – und da soll es egal sein, wie die Menschen, die an ihn glauben und die sich auf ihn berufen, miteinander um-gehen? Auch ich scheitere an der Liebe – aber das heißt doch nicht, dass es die Liebe nicht gibt und dass Liebe falsch ist. Eine Gemeinschaft, die sich auf Gott beruft, die aber in ihrem Umgang miteinander nur egoistisch ist, in der die Menschen sich mit bösen Gesichtern anschauen oder sogar sich gar nicht mehr anschauen, eine Gemeinschaft, in der Menschen sich Schlechtes wünschen, wo Sitzplätze in Kirchen vertei-digt werden und Neuankömmlinge misstrauisch angeschaut werden, das gibt’s zwar alles, immer wieder, überall – aber so darf und soll es doch nicht sein oder bleiben. Es ist wich-tig, einen Stachel zu spüren, der deutlich macht, was auch falsch läuft. Ein solcher Stachel ist für mich auch diese Auf-forderung „Segnet, die euch verfolgen; segnet und flucht nicht!“ Unserem Alltag, auch meinem, läuft das völlig entge-gen. Wer mir nichts Gutes will, dem wünsche ich doch eher die Pest an den Hals als dass ich ihm was Gutes wünsche, ihn sogar segne. Aber was heißt eigentlich „segnen“? Es heißt, jemandem Gottes Beistand wünschen, jemanden mit Gott in Beziehung setzen, jemandem Gutes zusagen. Es ist mensch-lich, auf Gewalt mit Gewalt, auf Hass mit Hass zu reagieren. Sich zu wehren. Auf Schuld mit Strafe. Kein Opfer sein zu wollen. Gott hat in Jesus für uns diese Spirale der Gewalt, die sich immer weiter dreht, durchbrochen. Auf Schuld reagiert er mit dem Angebot zur Vergebung. Auf ein Leben, das sich in Hass verstrickt, mit dem Angebot, umzukehren und neu anzufangen. Ich gebe dem Gewalttäter Recht, wenn ich mit Gewalt antworte. Ich gebe dem Mörder Recht, wenn ich die Todesstrafe einsetze, weil ich dann sage, es ist okay, wenn ein Mensch dem anderen das Leben nimmt. Gott zeigt einen anderen Weg. Wie gesagt, hier ist für mich der Stachel be-sonders schmerzhaft. Denn ich weiß auch, dass man manch-mal Gewalt nur mit Gewalt ein Ende setzen kann. Dass man, um Schwächere zu schützen, Stärkere manchmal mit Gewalt davon abhalten muss, sich an Schwachen zu vergehen. Wenn ich mitbekomme, dass eine Frau vergewaltigt wird, dann hilft es nicht viel, dem Vergewaltiger zu sagen: Gott segne dich. Dann muss ich ihn notfalls mit Gewalt von der Frau weg be-kommen. Es geht für mich hier darum, wachsam zu bleiben, damit Gewalt sich nicht verselbständigt. Es geht darum, im anderen, auch und gerade im Täter, nie ein Monster zu sehen, sondern immer einen Menschen. Dem auch die Chance zum Neuanfang von Gott geschenkt wird – auch wenn der Neuan-fang möglicherweise darin besteht, ihm durch Strafe und Freiheitsentzug die Chance zu geben, erst einmal überhaupt über sein Verhalten nachzudenken und nicht immer mehr Schaden anzurichten. Für mich heißt das zum Beispiel seg-nen: einen anderen aus den verkehrten Wegen herauszureißen und ihm die Chance zu geben, umzukehren und eine Bezie-hung zu Gott, zur Liebe zu finden.
Ich glaube, ich könnte jetzt noch stundenlang so weiterma-chen. Je länger ich nachdenke, desto mehr fällt mir zu jedem einzelnen Satz, den Paulus schreibt, etwas ein. Wie viele wa-ren es? Einundzwanzig glaube ich, und ich habe erst zu zwei-en etwas gesagt! Keine Angst, ich werde die neunzehn ande-ren jetzt nicht nach und nach alle irgendwie behandeln. Viel-leicht sind sie ja bei ganz anderen Sätzen hängengeblieben. Gut so. Die Fülle der Sätze, die Ansprüche, die sie stellen, die machen mir etwas ganz deutlich: Wir haben keinen Grund, uns mit wenig zufriedne zu geben. Gottes Liebe ist so groß, dass wir davon auch etwas in unseren Umgang mitein-ander legen können. Wenn wir uns wahrnehmen, wenn wir mitfühlen und mitleiden, dann wird etwas von dem deutlich, was Gottes Umgang mit uns ist. Mitfühlen – ich glaube, dazu wollen uns die vielen Aufforderungen Mut machen. Mitfüh-len – auch mit unserem Versagen, unserer Schwäche. Denn wir dürfen darauf vertrauen: Wir sollen nicht klein werden und uns schlecht fühlen, sondern Gott will uns die Größe der Möglichkeiten eröffnen. Wir können in aller Unzulänglich-keit anfangen, so zu leben, weil Gott mit uns mitfühlt und mit leidet und uns auch dort segnet und auf gute Wege bringt, wo wir ihn, wo wir die Liebe verfolgen.
Amen.
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