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Freitag, 30. Oktober 2009

Hohe Berge - Reformationstag 2009, Reihe I


Text: Mt 5,2-10

Liebe Gemeinde!

Wer ist eigentlich wirklich ein Christ? Bin ich überhaupt ein Christ? Wie komme ich zu Gott? Der ist doch weit weg, der interessiert sich doch nicht für mich! Das ist mir zu schwer, zu kompliziert, Christ zu sein! Ich glaube zwar an Gott, aber trotzdem lebe ich doch nicht christlich. Fragen, Aussagen von Zehntklässlern in einer Vertretungsstunde in der letzten Woche. Und nicht nur bei Zehntklässlern oder manchmal auch Konfirmanden, auch bei Taufeltern oder älteren Menschen, die ich bei Geburtstagsbesuchen kennen lerne, bei Angehörigen, die im Altenheim zu Besuchen dazu kommen tauchen genau die Fragen und Bemerkungen auf. Menschen, die nicht selbstverständlich regelmäßig in den Gottesdienst kommen, die nicht selbstverständlich in der Bibel lesen oder beten haben oft den Eindruck, dass es ganz schwer ist, Christ zu sein, an Gott zu glauben und auf ihn zu vertrauen. Und wenn ich mich selbst anschaue, dann merke ich, dass auch ich als Pfarrer manchmal ganz ähnliche frage oder denke: Was muss ich eigentlich machen, damit ich ein guter Christ bin? Schaffe ich das überhaupt? Ist das nicht in einer Welt wie heute, in der Leben so vielfältig und kompliziert geworden ist, nicht viel zu schwer?

Ich habe heute ein Bild verteilt. Der Mount Everest ist darauf zu sehen, der höchste Berg der Welt, fast 9000 Meter erhebt sich der Gipfel über den Meeresspiegel. Wer mich kennt und weiß, dass ich Berge mag, findet es vielleicht nicht ganz so merkwürdig, aber es hört sich trotzdem vielleicht komisch an: dieser Berg, der Predigttext von heute und die Erinnerung daran, dass wir heute auch den Reformationstag nachfeiern und uns an Martin Luther erinnern, haben mir dabei geholfen, bei den ganzen Fragen über die Schwierigkeiten, Christ zu sein und als Christ zu leben, etwas klarer zusehen. Zwei, drei Punke gibt es, bei denen ich glaube, dass der Berg, das Gebirge, manches wirklich anschaulich machen kann.

Da ist einmal die Frage: Wie komme ich da hoch? Auf den Mount Everst kommt nicht jeder. Da braucht es jahrelanges Training, Ausdauer, Geschick, und vor allem: viel, viel Geld. Ich muss die Anfahrt bezahlen, Bergführer bezahlen, die Ausrüstung bezahlen. Es ist schwer und teuer. Christsein als Frage des Geldes und der Anstrengung? Das hat schon Martin Luther beschäftigt. Es gab damals Menschen, Tetzel hieß einer von ihnen, die haben den Menschen erzählt, sie müssten nur für ihre Sünden bezahlen und schon hätte Gott sie wieder liebe. Und es gab Menschen, die haben erzählt, dass man sich nur genug Mühe geben müsste und genug gute Taten vollbringen müsste, möglichst perfekt werden müsste, und schon wäre man ein guter Christ und Gott nahe. Martin Luther hat erkannt, dass beides nicht stimmt. Weder Geld noch eigene Anstrengung bringen Menschen auf Dauer Gott nahe. Da bin ich wieder beim Berg, der ja in vielen Religionen als Wohnsitz der Götter angesehen wird und auch im Judentum, zum Beispiel bei den 10 Geboten, und im Christentum, unser Predigttext ist ja Teil der Bergpredigt, ein Bild dafür ist, Gott nahe zu sein. Ich kann mir noch so viel Mühe geben, mich noch so sehr anstrengen, noch so viel Geld ausgeben und noch so viel tun, um das Ziel, am Gipfel anzukommen, zu erreichen: ich werde nie am Gipfel bleiben. Am Ende stehe ich wieder unten. Vielleicht mit dem schönen Gefühl, es mal geschafft zu haben. Aber auf Dauer kann ich nicht oben bleiben. Auf Dauer bringt mich nichts, was ich tun kann, wirklich nahe zu Gott. Immer wieder gibt es im Leben auch Abstiege und die Erfahrung, dass Anstrengungen, gut zu sein, Gutes zu tun, nicht reichen, sondern dass sich auch immer wieder die andere, dunkle Seite im Menschen, das Aufgeben, nach unten gehen, bemerkbar macht. Wer aus der Bergpredigt den Schluss zieht, er müsse alle Anstrengungen unternehmen, um immer friedfertig, barmherzig, sanftmütig, reinen Herzens und gerecht zu sein, wird scheitern. Jesus sagt in der Bergpredigt nicht: Ihr müsst euch anstrengen, dass ihr sanftmütig, friedfertig, reinen Herzens seid und wenn ihr das geschafft habt, seid ihr selig, seid ihr besonders nahe bei Gott. Sondern er stellt ganz einfach fest: dort, wo das jetzt da ist, wo Menschen an Unrecht leiden, wo Menschen friedfertig sind und barmherzig sind, also vergebungsbereit und bereit, auf den eigenen Vorteil zu verzichten, da ist jetzt schon ein Stück Himmel auf der Erde. Die, von denen man vielleicht sagt: Das sind doch die Opfer, die am Boden liegen, das sind die, die eigentlich auf dem Gipfel stehen.

Und da bin ich beim zweiten Punkt, der mir diesen Berg für die Bergpredigt so wichtig gemacht hat. Das, was unten liegt, wird ins Licht gestellt und nach oben geholt. Die größten Berge der Welt sind so ähnlich entstanden. Da sind zwei Kontinente, zwei Welten aufeinander geprallt und das, was ganz unten, unsichtbar, war ist nicht nur ans Licht gekommen, sondern hat sich zu beeindruckenden, majestätischen Gebirgen aufgetürmt. Da stoßen zwei Wirklichkeiten zusammen. Die Welt, die Erfolge sehen und messen will. Die Welt, in der Opfer nichts gelten, die Opfer, Schwache braucht, damit andere oben stehen können. Die Welt, die das Unrecht feiert, weil der Stärkere es nutzen kann, um sich vom Schwächeren zu nehmen. Die Welt, in der nicht Barmherzigkeit, Vergebung, Verzicht auf den eigenen Vorteil, sondern das oft genug rücksichtslose Durchsetzen der eigenen Interessen, das Aufrechnen und Gegenrechnen von Schuld wichtig ist. Diese Welt stößt zusammen mit der Welt Gottes. In Jesus greifbar geworden. Mit der Welt Gottes, der auf der Seite der Opfer steht. Mit der Welt Gottes, der Liebe und Vergebung und nicht Rache und Gewalt will. Mit der Welt Gottes, in der Liebe stärker als der Tod ist. Da stoßen zwei Welten zusammen - und erstmal wird nichts vernichtet, aber eine neue Wirklichkeit wird sichtbar. Eine Wirklichkeit, die größer und schöner ist als das, was bisher für normal und richtig und unverrückbar gehalten wurde. Die Opfer der alten Welt kommen nicht nur ans Licht, sondern ihnen wird eine besondere Würde und Wertschätzung zugesprochen. Die alte Welt ist noch da. Aber die Zeichen für das neue, für die große Wirklichkeit der Liebe Gottes werden unübersehbar. Wie beim Entstehen der Gebirge geschieht dieses Auffalten der neuen Wirklichkeit nicht ohne Brüche und Schmerzen, nicht ohne Widerstände. Und so, wie die Gebirge auch heute noch wachsen, wächst die neue Wirklichkeit weiter. Sie ist noch nicht fertig. Aber wir können sie sehen und staunend davor stehen.

Und da ist das dritte, was mir am Bild des Berges wichtig geworden ist, das ist das, was ein Mensch sehen kann, wenn er tatsächlich vor einem Berg steht. Wenn ich hoch schaue, erkenne ich, wie klein ich eigentlich bin, wie schutzbedürftig, manchmal auch schwach, wie arm angesichts dieser Größe. „Selig sind, die geistlich arm sind“ - für mich heißt das nicht nur: Gott hat ein besonders Auge auf die, die mit nicht so viel Intelligenz ausgestattet sind, Gott hat ein Auge auf die in ihrem Geist und ihrer Seele Kranken, auf die mit geistigen Einschränkungen. Das heißt es für mich sicher auch. Aber es heißt auch, gerade im Blick auf die mit weniger solchen Einschränkungen: Gott ist denen besonders nahe, die sich ihrer eigenen Armut, ihrer eigenen Fehlbarkeit und ihrer eigenen Schwäche bewusst sind. Denen, die sich trauen, das ehrlich einzugestehen. Denen, die wissen, dass sie sich oft genug schwer tun mit dem Glauben, mit der Liebe, mit der Hoffnung, die aber nicht aufgeben wollen. Denen, die anderen keine geistige oder moralische Größe vormachen, die sich nicht aufblasen, sondern die als Arme und Bedürftige unter Armen und Bedürftigen leben. Für mich ist dieses Dastehen vor dem Berg aber nichts, was mich hoffnungslos macht. Als Christ muss ich weder mir noch anderen ständig sagen, wie schlecht die Welt im Ganzen ist und ich im Besonderen bin. Nein, ich darf staunend dastehen: obwohl ich so klein bin, so arm, ist diese große andere, neue Wirklichkeit auch Teil meiner Wirklichkeit. Ich darf mich am Berg, an der Güte Gottes freuen. Ich darf staunen, wie anders die Welt sein kann.

Sind das nicht am Ende doch nur romantische Träumereien? Was haben die Opfer davon, dass in der Bibel steht, dass Gott ihnen besonders nahe ist? Was haben die, die auf Gewalt verzichten, davon Gottes Kinder zu sein, wenn sie, wie Dominik Brunner in München, erschlagne werden. Was haben die, die verfolgt werden, weil sie sich für Gerechtigkeit einsetzen davon, dass ihnen der Himmel gehört, wenn sie auf der Erde gefoltert werden, in Gefängnissen sitzen oder, weniger dramatisch, entlassen werden oder schlechte Noten bekommen? So, wie die Berge kein Traum sind, ist diese neue Wirklichkeit da. Sie kann Kraft geben. Hans Kammerlander, ein Extrembergsteiger, wurde mal gefragt, warum er immer wieder auf diese Berge steigt. Er hat gesagt: „Weil sie da sind“. Ja, die Wirklcihekit sit da. Wir werdne nie perekte Liebende und Gerechte sein und Anstrengungen werden scheitern. Wir bleiben angesichts der Größe der Liebe Gottes Arme und Bedürftige. Aber wir dürfen uns von dieser neuen Wirklichkeit anspornen lassen. Auch wenn mit unserer Macht und Kraft nichts getan ist. Wir müssen diese Wirklichkeit nicht herstellen. Aber wird dürfen mit ihr leben, auf sie zu gehen und aus ihr Kraft und Trost und Hoffnung gewinnen. Wir dürfen uns an ihr freuen. Sie ist da. Auch, wenn sie manchmal, wie ein Berg, nebelverhangen ist, unsichtbar zu sein scheint und an manchen Tagen vielleicht nur als schwaches Bild in unserer Erinnerung scheint. Amen

Lass mich nicht in Ruhe! - 17. n. Tr., 11.10.2009, Reihe I

Text: Mt 15,21-28

Liebe Gemeinde!

„Lasst mich doch einfach mal in Ruhe!“ - Können Sie sich vorstellen, dass Jesus so gedacht hat? Jesus war doch mehr als nur ein guter Mann. Als Gottes Sohn war er rund um die Uhr im Einsatz für die Kranken, Armen, Bedürftigen, für die großen und kleinen Sorgen und Nöte der Menschen. Wahrer Gott eben. Nein, so einer wird nie müde, will nie Ruhe haben. Aber Jesus ist eben nicht nur wahrer Gott, er ist auch wahrer Mensch. Was für mich eigentlich das Schönste am christlichen Glauben ist, ist, dass Gott uns Menschen da abholt, wo wir sind. Durch Jesus und in ihm kommt uns Gott entgegen. Er sagt nicht: „Bevor ich irgendwie für euch da bin, müsst ihr viele tausend Regeln befolgen und Bedingungen erfüllen und mir eure Liebe und Verehrung beweisen.“ Er sagt: „Bevor ihr überhaupt wirklich lieben könnt, komme ich euch entgegen, hole ich euch da ab, wo ihr seid, kenne ich längst eure Nöte. Ich bin für euch da, bevor ihr für mich da sein könnt. Ich liebe euch. Und deshalb könnt ihr auch lieben.“ Jesus ist eben auch wahrer Mensch. Und deshalb kann er den Menschen, uns Menschen, wirklich helfen und uns wirklich nahe sein. Hier, in dieser Geschichte aus dem Neuen Testament, wird das für mich wieder sehr deutlich. „Lasst mich doch einfach mal in Ruhe!“ Dieses Gefühl: Ich brauche jetzt mal Abstand, das außer mir sicher auch noch andere hier kennen, das steht ganz am Anfang. Jesus zieht sich zurück in die Gegend von Sidon und Tyrus. So fängt die Geschichte an. Er geht weg von den Menschenmassen, in eine Gegend, in der die Menschen eine ganz andere Religion haben. In eine Gegend, in der ihn vermutlich keiner kennt und keiner was von ihm will. Vorher wird erzählt von großen Reden, die Jesus gehalten hat, von Heilungen, von vielen Menschen, denen er begegnet ist und die etwas von ihm wollten. Jetzt reicht es ihm scheinbar. Mit seinen engsten Freunden will er auftanken. Neue Kraft für neue gute Taten sammeln. Und ausgerechnet da, wo man gar nicht vermuten kann, dass ihn überhaupt jemand kennt und was von ihm will, ausgerechnet da belästigt ihn eine Frau. Eine mit einer fremden Religion, eine, für die er doch gar nicht zuständig ist. „Sorg doch dafür, dass sie endlich Ruhe gibt“ - die Jünger, die Freunde von Jesus, sie sind genervt. Und Jesus reagiert gar nicht. So kennen wir ihn gar nicht, oder? Jesus, einer von uns, einer wie wir? Genervt, Ruhebedürftig, schlecht gelaunt?

Oder ist die Frau eine wie wir? Eine, die verzweifelt ist. Ihre Tochter ist schwer krank. Keiner kann der Tochter helfen. In ihrer Not sind ihr der Anstand, die Sitten, die Bräuche, die Religion egal. Hauptsache, ihrer Tochter wird geholfen. Dass eine Frau einen Mann anspricht - damals undenkbar. Dass eine Heidin, eine Ungläubige, etwas von einem jüdischen Lehrer und Meister will - ging gar nicht. Und dass sie ihn dann auch noch mit den besonderen Ehrentiteln „Sohn Davids“ und „Herr“ anredet, dass darf sie doch eigentlich gar nicht, sie glaubt doch an andere Götter! Aber in ihrer Not weiß sie sich nicht anders zu helfen. Für ihre Tochter tut sie alles. Und wenn Jesus wirklich so ein Freund der Menschen ist, wie immer erzählt wird, dann muss er doch auch für sie da sein! Ja, ich hoffe, dass die Frau eine von uns ist. Ich hoffe, dass wir wie die Frau sind. Dass wir uns nicht abspeisen lassen und nicht schnell zufrieden geben, wenn es um das Leben von Menschen geht, die uns wichtig sind. Dass wir uns trauen Jesus, Gott, anzusprechen, ihn auf die Liebe, die er doch nicht nur sein will, sondern auch ist, festnageln und uns nicht damit zufrieden geben, dass er manchmal einfach schweigt. Im Konfirmandenunterricht haben wir in den vergangen Wochen auch über das Gebet geredet. Und mehrere Konfirmanden haben das gesagt, was doch jeder, der es einmal ernsthaft mit dem Beten versucht hat, wahrscheinlich nachvollziehen kann: „Aber Gott antwortet doch nicht. Er lässt auch sinnvolle Bitten unerfüllt, er spricht nicht direkt so, dass ich es verstehen könnte.“ Ich wünsche allen, die diese Erfahrung machen, die Kraft der Frau in der Geschichte, die sich vom Schweigen nicht irre machen lässt, die dagegen hält, als sie eine Antwort bekommt, die sie nicht versteht, ich wünsche allen, die diese Erfahrung machen, die Kraft, dranzubleiben, dagegenzuhalten, die Hoffnung nicht zu verlieren. Wir dürfen Gott mit unseren Anliegen wirklich ansprechen. Das macht die Geschichte deutlich. Glauben, der Zweifel und Zurückweisung überwindet, hat eine Hoffnung und eine Verheißung.

Mir ist diese Geschichte wichtig geworden. Nicht nur, weil Jesus hier auch menschlich begegnet, und ich so wissen darf, dass mich auch meine manchmal schwierigen Seiten, Gereiztheit, Ruhebedürftigkeit und manches andere mehr nicht von ihm trennen. Gott kennt mich und meine Schwächen. Und in dieses Leben kommt er. Nicht in ein ideales Leben. Mir ist die Geschichte nicht nur wichtig, weil sie von der Hoffnung erzählt, dass Gott zuhört, dass er Not wirklich wendet. Mir ist sie vor allem auch deshalb wichtig, weil er das so tut, dass er auch Grenzen, die Menschenziehen, überwindet. Dass er auch die Grenzen, die auf ihn zurückzuführen sind, die Grenzen der Religionen, überwindet. Gottes Liebe macht nicht dort Halt, wo der Glauben an ihn seine Grenze hat. Die durch Jesus sichtbare Menschlichkeit Gottes lässt Menschen die Menschenfreundlichkeit Gottes erkennen. Es ist menschlich, dass wir Grenzen brauchen. Wir wären von einer Forderung nach Grenzenlosigkeit überfordert. Grenzen geben auch Halt und Orientierung. Da, wo zum Beispiel auch in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen, Grenzen vorenthalten werden, wird Leben schnell unmenschlich. Wir brauchen Grenzen. Nicht als absolute Trennung, sondern zur Orientierung, als Einladung, daran zu wachsen, zu schauen, wo sie nötig oder überflüssig sind. Aber diese Grenzen von uns dürfen wir nicht zu Grenzen Gottes machen. Hilfe, Zuwendung, zuhören, reden nur für die, mit denen, die so sind, so denken, so glauben wie wir - das ist nicht Gottes Programm. Menschsein, Menschlichkeit - das hat keine Grenze, das darf keine Grenze haben. Der wahre Mensch Jesus hat Gottes Liebe, Gottes Kraft über die Grenzen hinaus getragen und so Wege zu Gott geöffnet, von denen die Menschen, die an Gott glaubten, dachten, dass es sie gar nicht gäbe. Wenn wir als Menschen Gottes Liebe einschränken wollen, anderen vielleicht auch Glauben absprechen wollen, dann müssen wir mehr als nur vorsichtig damit sein. Jesus ist für Überraschungen gut, Gottes Liebe ist für Überraschungen gut.

Aber bei allem, was für mich in dieser Geschichte schön und wichtig ist, eine Frage bleibt. Die Tochter wird gesund. Der große Glaube der Frau hat geholfen. Aber wie ist das bei den vielen Söhnen und Töchtern, die nicht gesund werden? Bei dem Sohn, der an Leukämie stirbt und nach dessen Tod die Familie zerbricht? Bei dem Mädchen, dass die Schrecken des Missbrauchs nie verkraftet hat und dessen Leben in eine tödliche Spirale aus Abhängigkeiten gerät? War dort, war bei viel zu vielen anderen Fällen der Glauben etwa nicht groß genug? Nicht jeder, der glaubt, erfährt wirklich diese Hilfe - oder, und da sind wir wieder bei den Schwierigkeiten, die nicht nur Konfirmandinnen und Konfirmanden mit dem Beten haben, er erfährt diese Hilfe nicht so, dass er sie als Hilfe auch erkennt und wahrnimmt. Auch wenn ich lange predigen und reden kann - manchmal bin ich auch sprachlos. Gerade wenn es um die Erfahrungen geht, die in der Geschichte auftauchen. Um Krankheit und erfolgreiche oder eben erfolglose Versuche, sie zu beseitigen. Glauben und Gesundheit - nein, einen automatischen und immer erkennbaren Zusammenhang kann ich nicht sehen. Ich wünsche mir dann, dass ich auch dann so sein kann wie die Frau - mit Durchhaltevermögen und dem Mut, auch kritische Fragen zu stellen. Und dass ich die Hoffnung auf eine Antwort, die ich verstehe, nicht verliere. Diese Hoffnung und diese Kraft wünsche ich uns allen. Damit wir mitten in diesem oft so fragwürdigen Leben Gottes Zuwendung und Nähe erfahren, die Liebe des Mensch gewordenen Gottes, der unsere Not kennt, der uns liebt, bevor wir überhaupt auf die Idee kommen, ihm irgendetwas zurückgeben zu müssen. Ich wünsche uns, dass wir die Hoffnung behalten, auch dann, wenn wir uns schwer tun. Damit wir unsere Grenzen aushalten und Gott zutrauen, dass er größer ist als unsere Grenzen. Auch wenn wir manchmal zu anderen sagen: „Lasst mich doch in Ruhe“ - Gott lässt uns nicht endgültig in Ruhe. Wir sind geliebt. Gott sei Dank.

Überflüssig!? - Erntedankfest 2009

Text: Lk 12,16-21>

Anspiel:

A: sehr habgieriger Mensch / B: macht bei A mit, wird dann von ihm im Stich gelassen, C, D: erstmal Opfer der Habgier von A (und B)

A: Ich bin froh, dass ich genug Kohle hab. Hartz IV und immer rechnen, das wär nichts für mich!

B: Ja, da müsste man immer in so Billigkram rumlaufen. Und iPod oder iPhone wären auch nicht drin, höchstens so’n blödes altes Zeug.

A: Klar, aber guck mal. Siehst du den da drüben? Der hat auch n krasses Handy. Das hat der doch echt nicht verdient. Wollen wir ihm das abziehen?

B: Verdient hat der’s nicht, das Opfer. Aber lass den ruhig mal in Ruhe. Wir haben doch unsere iPhones.

A: Na und? Der Trend geht klar zum Zweithandy. Und ich brauch jetzt noch eins. Ich will doch nicht jeden Tag mit dem Gleichen telefonieren!

C: Hallo!

A: Was quatscht du uns denn an? Wer hat dir das denn erlaubt?

C: Ich geh ja schon, schon gut!

B: Moment, so einfach kommst du hier nicht weg.

C: Lasst mich doch in Ruhe!

A: Das könnte dir so passen. Du hast was, was eigentlich uns zusteht!

C: Quatsch!

A: Du hast so ein Handy gar nicht verdient. Nen Blackberry könnte ich gut gebrauchen.

C: Aber du hast doch schon ein iPhone! Mein Patenonkel hat mir das geschenkt, sonst hätte ich es mir ja nie leisten können.

B: Siehst du, du hast es nicht verdient.

A: Und jetzt her damit. Du kennst doch Sascha und Kolja. Und wenn wir denen erzählen, was du neulich in der Schule über die gesagt hast und dass du damit dafür gesorgt hast, dass die jetzt fliegen…

C: Macht das nicht!

B: Dann her mit dem Blackberry!

A: Und zwar sofort. Und wehe, du sagst was! Du bist doch versichert. Erzähl doch, dass ein Laster drüber gefahren ist! Los, her damit und hau ab!

Kurz danach

B: Ich hab jetzt Hunger.

A: Ich auch. Guck mal, da kommt einer, der bestimmt Geld dabei hat.

B: Den kenn ich, der hat bestimmt nichts. Der geht nie auf Geburtstage, weil die es sich nicht leisten können, Geschenke zu kaufen.

A: Aber heute wird das Geld für die Klassenfahrt eingesammelt. Und ich weiß, dass der immer ein bisschen bezahlt, den Rest kriegt er vom Förderverein. Und das bisschen Geld hat er jetzt dabei. Reicht bestimmt für zweimal Subway!

B: Hey, komm mal her!

D: Ich?

A: Siehst du sonst noch jemanden? Wir haben Hunger!

D: Und?

A: Kohle her oder ich mach dir das Leben hier an der Schule so zur Hölle, dass du dir wünscht, nie geboren worden zu sein.

D: Aber ich brauch doch das Geld für die Klassenfahrt!

B: Quatsch, du erzählst halt, dass es diesmal gar nicht reicht und der Förderverein alles bezahlen muss. Und jetzt her damit und wehe du sagst was!

Einige Tage später

B: Hey, Glück muss man haben! Weißt du noch, das Preisausschreiben von neulich? Wir haben gewonnen! 5.000,-- Euro!

A: Ich weiß!

B: Woher denn? Die Mail hab ich doch gekriegt!

A: Bist du so blöd oder tust du nur so? Ich kenn doch dein Passwort. Meinst du, du kannst das an mir vorbei machen?

B: Wollte ich doch gar nicht! Du bist total fies!

A: Quatsch, ich geh nur gern auf Nummer sicher. Und deshalb habe ich denen auch schon meine Kontonummer gegeben. Und das Geld ist auch schon da.

B: Dann kannst du mir ja meinen Anteil überweisen. Aber fies ist das schon!

A: Wovon träumst du nachts? Du kriegst gar nichts! Wer so blöd ist wie du, hat es nicht besser verdient!

B: Und ich dachte, wir wären Freunde…

Liebe Gemeinde!

Freundschaft kann man nicht kaufen, nicht klauen, nicht erpressen. Für manche Menschen ist es das Wichtigste auf der ganzen Welt, möglichst viel für sich zu haben. Nicht viel Freundschaft, sondern viel Geld, viel Besitz, egal, wie es dazu kommt. Echte Freunde dabei zu finden, das geht gar nicht. Andere Menschen sind gut, solange sie einem dabei helfen, was für sich zu kriegen. Und sie sind lästig und im Weg, wenn man mit ihnen teilen muss. Das, was ich für mich habe, ist das einzige was zählt. Egal, mit welchen Mitteln und woher ich das kriege. So leben diese Menschen. Das ist schon ein bisschen anders, als es in der Geschichte aus der Bibel war, die wir vor dem Lied gehört haben. Der Bauer in der Geschichte hat seinen Reichtum ehrlich bekommen. Aber er hat auch gedacht, dass sein Besitz ihn von allen seinen Sorgen befreit und dass materieller Besitz das Wichtigste im Leben ist. Was gehört mir eigentlich im Leben? Was brauche ich? Was ist mir geschenkt? Wofür kann ich eigentlich wirklich „Danke“ sagen? Und kann ich das überhaupt noch? Oder habe ich das Gefühl, alles selbst nehmen oder machen zu müssen? Das Erntedankfest, das wir heute feiern, ist für mich ein Fest, in dem es nicht nur darum geht, was eigentlich im letzten Jahr auf dem Feld oder im Garten gewachsen ist, und wofür ich da dankbar sein soll oder kann. Erntedankfest ist für mich ein Fest, das die Chance bietet, mal drüber nachzudenken, welche Einstellung ich zum Leben, zum Besitz, zum Verdienen habe. Und vielleicht auch einen Ort zu finden, an dem die Seele wirklich Ruhe finden kann, einen Ort, der sicherer ist als volle Scheunen, volle Bankkonten, teure Handys oder scheinbare Freunde, die doch nur dazu gut sind, beim Ausnutzen von anderen zu helfen.

Etwas ganz anderes haben wir am Anfang vom Gottesdienst heute gesungen: Danke für alle guten Freunde, danke oh Herr für jedermann - für mich ist das der Beginn eines ErnteDANKfestes, wenn ich mich als Mensch unter Menschen begreifen kann. Der Beginn einer gesunden Seele, die sich nicht als Insel begreift, in der man sich gegen andere absichert, sondern einer Seele, die sich für das Leben, die Menschen und auch die Unsicherheiten öffnet. Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele schaden nimmt? so heißt es an anderer Stelle in der Bibel. Dadurch, dass ich mich als Mensch unter Menschen sehen kann, dass ich die Welt nicht als Eigentum, sondern als gute Leihgabe sehen kann, öffne ich mich, meine Seele, für Gottes Geschenk, für das Leben. Wenn ich mich abschließe von anderen, vom Leben, das manchmal auch Risiken hat, schließe ich mich damit auch von Gott ab. Das wollte der Bauer in der Geschichte. Und das wollte die eine, die zum Schluss übrig blieb, in der Geschichte der Konfis.

Mensch unter Menschen sein, das Leben mit seinen Möglichkeiten als Leihgabe und nicht als Eigentum sehen - geht das denn? Sind wir nicht doch eher Egoisten, Menschen die alles haben wollen? Sicher, perfekt sind wir nicht. Und ich glaube auch, dass es eine Überforderung wäre, wenn wir auf alles, was wir über das absolut Notwendige hinaus haben, verzichten müssten. Aber ich glaube auch, dass es gut ist, sich immer mal wieder darauf zu besinne, woher mein Leben eigentlich kommt, was ich eigentlich alles habe. Und wofür ich auch dankbar sein kann, was oft genug auch wirklich unverdient gut ist.

Hier vorn auf dem Altar gibt es zwei Teile: der eine Teil, den man vom Erntedankfest auch erwartet. Brot, Obst Gemüse, Blumen. Lauter eigentlich selbstverständliche Sachen. Ich will jetzt nicht mit dem Zeigefinger drohen und sagen: dafür müssten wir alle immer dankbar sein. Zu viele Menschen auf der Welt haben das nicht. Wer im Krieg oder in anderen Notzeiten froh war, wenn es überhaupt Brot gab und wenn das Wasser genießbar war, der weiß das zu schätzen. Meine Generation und erst recht die, die noch jünger sind, haben doch nur den zumindest relativen Überfluss erlebt. Ich will jetzt kein schlechtes Gewissen machen, nur weil Gott sei Dank vieles für uns selbstverständlich ist.

Auf dem anderen Teil des Altars sind andere Dinge zu sehen. Sekt. O-Saft. Exotische Lebensmittel. Computer. Schulheft. Ein Autoschlüssel, weil das Auto doch zu groß war. Zeichen für zumindest ein bisschen Luxus. Ich will jetzt kein schlechtes Gewissen machen und sagen: wir müssen lernen, auf so was zu verzichten, wir müssen uns auf die Natur und was Gott uns durch sie schenkt konzentrieren.

Nein. Ich bin dankbar, dass unser Leben meistens eben kein Kampf um das tägliche Überleben ist, sondern dass wir mehr haben. Ich bin dankbar, dass Kinder bei uns in die Schule gehen dürfen und nicht unter unwürdigen Bedingungen als Sklaven arbeiten müssen. Ich bin dankbar, dass ich nicht nur Wasser zu trinken habe und dass wir mobil sein können und dadurch andere Städte und Länder, andere Menschen und Ideen kennen lernen können. Dankbar, dass ich damit leichter als Mensch unter Menschen leben kann und nicht gegen andere um mein Dasein kämpfen muss. Dankbar, dass ich leben darf - und dass mit manches im Leben leichter fällt oder gemacht wird. Dankbar leben - das ist das Stichwort. Gott hat uns die Erde mit ihren Möglichkeiten gegeben, damit wir LEBEN - wer wie der Bauer oder die eine im Anspiel nur den Besitz sieht und glaubt, der würde Ruhe und Sinn verschaffen, der verpasst das Leben. Weil er sich an letztlich tote Dinge hängt. Weil er Hilfsmittel, Nebensächlichkeiten, zur Hauptsache werden lässt. Dankbar LEBEN - für mich heißt das, die Möglichkeiten erkennen und annehmen und, trotz allem, was dabei schief geht, etwas damit machen. Für andere und für sich. Andere zum Leben einzuladen, so wie Gott uns zum Leben einlädt. Immer wieder neu. Auch dann, wenn wir uns schwer mit dem Leben tun. Gott gibt uns nicht auf. Gebe Gott, dass wir daraus Kraft zum dankbaren Leben als Mensch unter Menschen ziehen. Amen

Sonntag, 20. September 2009

Wird alles gut? - 15. n. Trinitatis, 20.09.09, Reihe I

Text: Matthäus 6,25-33

Liebe Gemeinde!

„Alles wird gut“ - Ich würde das Ihnen und Euch so gern versprechen. „Alles wird gut, macht euch keine Sorgen!“ Alles wird gut, für die Schülerinnen und Schüler, die Angst vor der nächsten Klassenarbeit haben. Die Angst davor haben, keinen vernünftigen Abschluss zu kriegen und keine Lehrstelle. Die Angst davor haben, dass auch an ihrer Schule mal jemand durchdreht und Amok läuft. Die Angst davor haben, schief angeschaut zu werden, wenn sie mit Kleidung aus der Kleiderkammer, von C&A oder takko, statt von H&M, New Yorker, Karl Kani und so weiter in die Schule kommen. Die Angst davor haben, von ihrer Clique ausgelacht zu werden, wenn sich herausstellt, dass sie in Wirklichkeit nicht so hart und cool sind, wie sie sich gern geben. Ich würde so gern sagen: „Alles wird gut, macht euch keine Sorgen!“ - Auch den Eltern, die Angst davor haben, dass ihr Kind an falschen Freunden, an Drogen, an schlimmen Erfahrungen zerbricht. Die Angst davor haben, dass ihr Kind vor ihnen stirbt. Die sich entscheiden müssen, ob sie es von dem Geld, das noch zur Verfügung ist, im Winter schön warm haben wollen oder ob sie sich und ihre Kinder gesund ernähren, weil für beides das Geld nicht reicht. „Alles wird gut, macht euch keine Sorgen“ - ich würde es den älteren Menschen gern versprechen. Denen, die Angst davor haben, am Ende allein zu sein. Denen, die Angst vor einem langen und elenden Sterben haben und denen, die Angst davor haben, in einer Welt, die sich immer schneller ändert, nicht mehr mitzukommen. Ich würde das so gern versprechen: „Alles wird gut, sorgt euch nicht, Gott gibt euch, was ihr braucht!“ Und dann fallen mir Gespräche mit Menschen ein, jungen und alten, die mich fragen, warum es sich lohnt, mit Gott im Gebet zu reden und mit ihm zu rechnen, wenn er doch trotz Gebet nicht dafür gesorgt hat, dass der Vater aufhört zu saufen und die Familie zu quälen. Wenn Gott nicht verhindert hat, dass das Kind sich regelmäßig betrinkt und kriminell wird, wenn er das qualvolle Sterben des Ehemanns nicht gemildert hat oder einem die Situation, sich zwischen Heizung und guter Ernährung zu entscheiden, nicht erspart. Man muss gar nicht bis in unterentwickelte Länder gehen, bis hin zu Kindern, die dort immer noch massenhaft verhungern und an vermeidbaren Krankheiten sterben, um Schwierigkeiten zu kriegen, dieses „Sorgt euch nicht, Gott weiß, dass ihr Nahrung, Kleidung und so weiter braucht“, zynisch zu finden. Man findet schon auf dem Richtsberg mehr als genug Gründe dafür, vorsichtig zu sein mit dem Versprechen: „Alles wird gut, sorgt euch nicht!“ „Sorgt euch nicht!“ - Wer das als einen Befehl Jesu versteht, immer fröhlich durchs Leben zu ziehen, wer daraus sogar schließt, dass jemand, der sich Sorgen macht, kein richtiger Christ ist und nicht gut und fest genug an Gott glaubt, der denkt und handelt unmenschlich. Es gibt, Gott sei es geklagt, jede Menge echter Gründe, sich Sorgen zumachen.

Die Frage, vor die uns das, was Jesus hier sagt, stellt, ist nicht die, ob wir als uns Christen Sorgen machen müssen oder dürfen. Die Frage ist vielmehr die, wie wir mit Sorgen und Nöten umgehen. Ob wir uns von ihnen vielleicht im wahrsten Sinn des Wortes auffressen lassen und langsam zugrunde gehen oder ob wir diesem Sog der Angst, der Not und der Sorge etwas entgegensetzen können. Es geht letztlich um die Frage: „Wem gebe ich Macht über mein Leben?“

Dass Jesus mit diesem „Sorgt euch nicht!“ nicht jede Angst und Sorge verbieten will, sondern dass er den Blick auf das lenken will, was Leben wirklich gut macht, zeigt schon der Zusammenhang der Verse. Direkt vor dieser Aufforderung, sich nicht um Kleidung oder Nahrung zu sorgen, steht die Aussage Jesu, dass niemand sowohl Gott als auch dem Mammon, dem Scheingott, dem Götzen des Geldes, dienen kann. Ordne ich mein Leben dem Geld unter? Geht es mir darum, mich durch das, was ich anhabe, besser als andere zu machen? Geht’s drum, mich durch meine Essgewohnheiten als besonders wichtig und wertvoll darzustellen? Weder Schampus, Kaviar und Austern noch der ausschließliche Genuss von Biogemüse, Bioeiern und Biofleisch machen einen zu einem guten Menschen. Weder der Anzug von Boss noch das T-Shirt von Ed Hardy, weder die goldene Uhr noch das schöne eigene Haus geben dem Leben wirklich Sinn. Wer nur nach diesen, manchmal vielleicht ja auch schönen und sinnvollen, Dingen schaut und sein Leben danach ausrichtet, möglichst viel davon für sich zu bekommen, wird wichtiges verpassen. Weil er vorletzten Dingen zu viel Macht einräumt. So verstehe ich Jesus hier. „Trachtet zuerst nach Gottes Reich und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen“. Nicht Schuld aufrechnen sondern Schuld vergeben, auch für mich selbst damit rechnen, dass mir vergeben werden kann und ich mir nicht alles verdienen muss, Liebe, neben den eigenen Bedürfnissen auch die der anderen wahrnehmen, ja, das kann eine Gelassenheit schaffen, die Freiheit eröffnet. Auch ein Stück Freiheit von der Sorge, zu wenig zu haben, zu kurz zu kommen, zu schlecht zu sein.

Aber für mich geht das, was Jesus will, noch tiefer. Es geht ihm nicht darum, Sorgen zu verbieten, sondern es geht Gott darum, ein Angebot zu machen, Sorgen erträglich werden zu lassen. Sich eben nicht auffressen zu lassen. Weder von den Sorgen um vielleicht manchmal zu wichtig genommene Äußerlichkeiten noch von den wirklich lebenswichtigen Sorgen. „Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ Das sagt nicht einer, der mit Mittelstandsbauch satt und zufrieden in die Welt schaut, da geht es nicht um eine Wunschmaschine und einen Zauberer, dem man seine Wünsche anvertrauen soll und der dann schon für Erfüllung sorgt. Sondern da macht einer ein Angebot, der weiß, wie es ist, unten zu sein. Der bespuckt und geschlagen wurde, der das Gefühl kannte, allein, sogar gottverlassen zu sein. Da macht einer ein Angebot, der nicht in höheren Sphären dem Ernst des Lebens und der Härte der Welt entzogen ist, sondern der bis zum letzten auf der Seite der Menschen steht, der Leidenden, der Armen, derer, die zu kurz kommen, derer, die Angst haben. Da ist einer, der weiß wirklich, wie’s mir geht, wenn’s mir schlecht geht, dem kann ich nichts vormachen und der macht mir nichts vor. Gott macht in Jesus nicht das Angebot, Sorgen einfach so wegzuzaubern. Sondern er macht das Angebot, mitzutragen, mitzugehen, nichts unter den Teppich zu kehren, sondern durch ehrliches Anschauen des Lebens Kraft und Hoffnung wachsen zu lassen und so Sorgen loszuwerden oder wenigstens erträglich werden zu lassen.

Es geht darum, Freiheit zum Leben zu gewinnen. Durch Loslassen. Von Sorgen, vielleicht auch manchmal von Menschen. Und auch durch Loslassen von Überforderungen. Manchmal entstehen die ja auch dadurch, dass ich glaube, für alles wirklich selbst verantwortlich sein und sorgen zu müssen. Und das „ich“ meine ich jetzt ganz und gar nicht rhetorisch. Loslassen, weil ich weiß, dass ich abgeben darf. Sorgen, Ängste, Überforderungen. Und dadurch die Freiheit gewinnen, das zu tun, was in meiner Macht steht und für das ich Verantwortung trage. Vielleicht hilft dazu nicht nur mir, sondern auch anderen, die dieses kennen, ein Gebet. „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und Gott, gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Amen.

Samstag, 12. September 2009

Danke für nichts!? - 14. n. Trinitatis, 13.09.2009, Reihe I

Predigttext: Lukas 17,11-19

Liebe Gemeinde!

Dienstag, 8. September, 16.55 Uhr. Seit einer Stunde liegen in Konfer sichtbar Süßigkeiten neben mir auf dem Tisch. Die Stunde geht zu Ende, ich sage den Konfis, warum sie da liegen, dass ich sie ihnen schenken möchte und dass sie sich jetzt was nehmen können. Es ist genug für alle da. Manche nehmen sich gleich zwei Teile, versuchen mit einem Grinsen noch ein drittes Teil zu kriegen. Wenn’s hoch kommt, hat die Hälfte der Konfis „Danke“ gesagt, ein paar weniger sind auf den Grund für das Geschenk eingegangen. Vielleicht hört sich das jetzt so an, als würde ich mich über die Konfis beschweren wollen und sagen: „Ja, ja, die Jugend von heute! Verwöhnte Gören! Früher hätte es das nicht gegeben!“ Aber ich glaube kaum, dass es sehr viel anders gelaufen wäre, wenn ich es mit einer beliebigen Gruppe Erwachsener gemacht hätte. Jugendliche benehmen sich in der Regel so, wie sie es vorgelebt bekommen. Und da leben wir in einer Zeit, in der ich den Eindruck habe, dass Dankbarkeit oft genug als Schwäche ausgelegt wird. „Ich nehme, was ich kriegen kann, steht mir doch irgendwie zu. Und wenn jemand so dumm ist, mir das umsonst oder zu billig zu geben, dann ist das doch sein Problem. Wer schlau ist sieht zu, dass er aus allem das Meiste rausholt!“ Es sind nicht Jugendliche, die zuerst genauso leben. Und es sind nicht nur arme Menschen, die so leben. Bei denen könnte man es ja noch verstehen. Trotz Wirtschaftskrise: Gier und Egoismus spielen immer noch eine große Rolle. Und Dankbarkeit hat in dieser Welt oft wenig Platz. Ich will mich jetzt nicht lang beschweren. Mit ungefähr 50% Dankbarkeit hatte ich im Vergleich zu Jesus ja eine Spitzenquote. Und ich hatte nur ein paar Süßigkeiten. Jesus hat in der Predigtgeschichte, die ich gerade vorgelesen habe, eine Dankbarkeitsquote von 10%. Und das, obwohl er Menschen, die unter einer schweren Krankheit litten, die wegen dieser Krankheit von ihren Familien, ihren Freunden und jeder Arbeitsmöglichkeit ausgeschlossen waren, geheilt und ins Leben zurückgeholt hat. Er hat nicht nur Schokolade verteilt, sondern den Menschen etwas wirklich Lebenswichtiges gegeben: Gesundheit und die Möglichkeit, am ganz normalen Leben teilzunehmen. Und trotzdem kommt nur einer von zehn zurück und sagt Danke. Und was macht Jesus? Er wünscht denen, die nicht zurückgekommen sind, nicht die Pest an den Hals und verflucht sie nicht und beschwert sich nicht lange. Er nimmt das Geschenk nicht zurück. Er lässt die neun ihren Weg gehen und beschäftigt sich mit dem Einen, der zurückgekommen ist.

Mir erzählt diese Geschichte eine Menge von Gott, über das Wesen des Gebens und Schenkens. Gott, der sich ja in Jesus zeigt, ist ein Gott, der Menschen die Möglichkeit zum Leben eröffnen will. In Würde, unabhängig von Almosen, die andere einem zuteilen, leben zu können: diese Möglichkeit bekommen die zehn Kranken durch Jesus geschenkt. Und dieses Geschenk wird eben nicht zurückgenommen. Jesus schenkt nicht, weil er geliebt oder bewundert werden will. Er schenkt nicht, damit sich sein Ruhm oder seine Anerkennung vermehren, sondern weil die Menschen, die ihm begegnen, hier die zehn Aussätzigen, das Geschenk brauchen. Niemand von uns hier im Gottesdienst ist Jesus. Aber im Blick auf dieses Wesen seines Schenkens sind mir mindestens zwei Beobachtungen bis heute wichtig.

Erstens: Wer schenkt, damit er geliebt oder verehrt wird, wer schenkt, um selbst gut da zu stehen, hat eigentlich schon verloren. Das, was Jesus vorlebt und was als gute Grundregel eigentlich in jeder Beziehung bis heute auch unabhängig vom Glauben gültig ist, drückt Joachim Ringelnatz in seinem Gedicht über das Schenken unter anderem so aus: Schenke herzlich und frei. Schenke mit Geist ohne List. Wer schenkt, um sich Liebe zu kaufen oder um gut da zu stehen, muss sich nicht wundern, wenn Dankbarkeit fehlt. Ein Geschenk ist dann ein Geschenk, wenn es nicht um mich, sondern um den anderen geht. Für mich wird das in dem Geschenk „Gesundheit“, das Jesus hier macht, sehr deutlich. Und in der Art und Weise, wie er mit dem nicht abgestatteten Dank umgeht.

Und da ist die zweite Beobachtung, jetzt mehr im Blick auf mich als Pfarrer, auf uns als christliche Gemeinde. Einer von zehn kommt zurück zu Jesus. Einer von zehn dankt Gott. Man gibt sich Mühe. Als Pfarrer. Als Gemeinde. Man möchte einladend und ansteckend sein. Menschen für Gott öffnen und begeistern. Zu Jesus selbst kommt einer von zehn. Und Jesus gibt trotzdem nicht auf. Und in ihm begegnet Gott den Menschen selbst. Wir tun manchmal so, als sei die große Zahl wichtig. Wir lassen uns verführen von anderen, die Erfolg in Massenbewegungen messen. Nicht die große Zahl ist wichtig. Der einzelne Mensch ist es, auf den es ankommt. Für mich ist gerade dieser Teil der Geschichte ein großes Geschenk. Gerade wenn Kirchenleitungen oder amerikanisch geprägte Freikirchen oder Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internet nach Wachstumszahlen fragen und hören wollen, dass Gottesdienste immer besser besucht werden, immer mehr Jugendliche aktiv werden oder, oder, oder. Wir sehen dann, dass wir es nicht schaffen. Und vergessen vielleicht hin und wieder, dass nicht wir mit unseren beschränkten Mitteln, nicht wir, die wir auch manchmal daneben liegen und frustriert sind, das Entscheidende sind, sondern dass Martin Luther Recht hatte, wenn er dichtete: „Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren. Es streit für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.“ Nicht die Zahl macht’s, sondern der Mensch. Nicht wir müssen alles machen, sondern wir haben einen, der schon etwas für uns gemacht hat. Und dieser Jesus, auf den wir uns berufen dürfen, steht auch nicht für den 100%-Fetischismus mancher Öffentlichkeitsarbeiter und PR-Strategen.

In der Geschichte stecken noch viel mehr schöne Geschenke. Schon der Anfang ist so ein Geschenk. Und es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. In Jesus begegnet Gott als einer, der auf Wanderschaft ist. Er begegnet Menschen unterwegs im Leben und ist keiner, der feste Sprechstunden, Orte und Zeiten hat. Gott kommt zu uns Menschen, lange bevor wir uns zu ihm aufmachen. Es ist ein Geschenk, das wahrnehmen zu dürfen.

Auch wenn ich mich oft genug schwer damit tue, dankbar zu sein, weil sich viel zu viel Schlechtes in den Vordergrund drängt. Auch wenn ich mich mit meinem Glauben schwer tue, weil Krankheiten oder erlebtes Unrecht oder tragische persönliche Erfahrungen Zweifel an einem guten Gott aufkommen lassen: obwohl oder vielleicht sogar weil das so ist, darf ich darauf hoffen und vertrauen, dass ich nicht erst alles ausräumen muss, damit ich Gott angenehm und wertvoll genug bin, sondern dass er kommt bevor ich aufgeräumt habe.

Ein weiteres mir wichtiges Geschenk zeigt sich erst auf den zweiten oder dritten Blick. Es ist der Weg, den Jesus hier zurücklegt. Sein Weg führt ihn durch Galiläa und Samarien, er geht auf der Grenze und überschreitet Grenzen. Galiläa galt zur Zeit Jesu als eine Art Bauernland. Da wohnte eben nicht die angesehene Elite, sondern die Hinterwäldler. Und Samarien, noch schlimmer, da wohnten die, deren Glauben ein bisschen anders war, die nicht nur in den Augen der Frommen ihrer Zeit wenig wert waren und denen man nichts Gutes zutraute. Jesus gibt sich mit den Grenzen, die Menschen ziehen, mit denen Menschen sich gegenseitig in Gut und Böse, Wertvoll und Nichtsnutzig einteilen, nicht zufrieden. Er überschreitet Grenzen. Er erregt dadurch Anstoß. Aber erst durch diese Grenzüberschreitung wird das Geschenk „Leben“ erst so richtig deutlich und wertvoll. Es ist eben nicht beschränkt auf die, die schon immer dazugehört haben, auf die, denen man es selbst gern gönnt. Ein Geschenk. Und eine Einladung an die, die im Sinne Jesu leben möchten, sich eben auch nicht mit Grenzen, die Menschen ziehen, zufrieden zu geben, anstößig zu sein und so Menschen zum Leben einzuladen und zu ermutigen.

In Würde gut leben zu können - das Geschenk, das durch Jesus hier gemacht wird. Was hindert daran, dankbar zu sein? Manchmal, Gott sei Dank, eigentlich gar nichts. Dafür ist die Taufe, die wir heute feiern dürfen, ein gutes Zeichen. Auch wenn im Vorfeld nicht alles einfach war und einfach ist: ich habe sie in allen Begegnungen so erlebt, dass nicht die Schwierigkeiten im Vordergrund standen, sondern dass die Dankbarkeit dafür, dass Amelie Teil ihres Lebens geworden ist, ganz oben steht. Und dass trotz aller Traurigkeit, dass ein Mensch, der wirklich wichtig ist, nicht mehr mitfeiern kann, die Gewissheit da ist, dass trotzdem eine Verbundenheit und eine Art mitfeiern da ist, die über das Sichtbare hinausgeht. Eine Gewissheit, dass eben durch die Liebe, die Gott in Jesus hat lebendig sein lassen, Leben mehr ist als das, was wir vor Augen haben. Dass Gott wirklich Leben schenkt, Leben, das unsere Grenzen sprengt. Danke, dass wir heute mit ihnen feiern dürfen.

Es ist der Fremde, der, von dem es keiner erwarten würde, der zurückkehrt und dankt. Ich wünsche uns, dass wir immer wieder zu solchen Fremden werden. Dass wir uns nicht in scheinbare Selbstverständlichkeiten hineinbegeben, sondern uns irritieren lassen. Von Jesus, von Gott, von seinem Geschenk des Lebens.

Amen

Samstag, 5. September 2009

Ran an die Wurzel! - 13. n. Tr., 6.9.09, Reihe I

Text: Lk 10,25-37

Liebe Gemeinde!

Eine Woche später. Wie an jedem Donnerstag war der Samariter auf dieser Strecke unterwegs. Sein Beruf brachte das mit sich. Schon wieder fand er einen Verletzten, fast an der gleichen Stelle. Er wusste, was zu tun war, packte ihn auf sein Maultier, brachte ihn in die Herberge. Wieder eine Woche später, wieder am Donnerstag. Schon wieder lag ein Überfallener am Straßenrand, der Samariter versorgte ihn, brachte ihn in die ihm gut bekannte Herberge und zog weiter. Die darauf folgende Woche. Donnerstag. Verletzter, sich kümmern, in die Herberge bringen, weiter. Wie auch in der nächsten Woche. Diesmal war der Samariter schlau. Er handelte mit dem Herbergsbesitzer einen Geschäftskundenrabatt aus. So ging das über drei Monate weiter. Donnerstag. Verletzter. Herberge. Der Samariter war halt ein guter Mensch. Nach über drei Monaten hatte der Samariter aber genug. Er brachte den Verletzten zwar in die Herberge, ritt dann aber zurück nach Jericho, stellte eine Polizeitruppe zusammen, suchte mit ihnen den Unterschlupf der Straßenräuber, ließ sie festnehmen und verurteilen - und nie wieder hat der Samariter einen verletztes Überfallopfer donnerstags an der Straße zwischen Jerusalem und Jericho gefunden. Hätte ich doch nur früher an der Ursache des Übels angesetzt und nicht nur die Folgen behandelt, dachte er bei sich. Dann hätte ich mir doch schon längst einen neuen Mantel kaufen könne und den Ledersattel, von dem ich schon so lange träume.

Zugegeben, die Fortsetzung ist jetzt frei erfunden. Aber gerade, wenn einem eine Geschichte so vertraut ist wie die vom barmherzigen Samariter schadet es nichts, sie so ein bisschen mit anderen Augen zu sehen. Jesus erzählt hier eine Geschichte, die auch deshalb so bekannt ist, weil sie von einer scheinbaren Selbstverständlichkeit erzählt, die leider so selbstverständlich nicht ist. Ich glaube, Christen, Muslime, Juden, auch Buddhisten, Hindus, vermutlich auch Kommunisten oder Atheisten können sich darin wiederfinden. Wenn einer Hilfe braucht, muss ihm geholfen werden. Punkt. Ich muss nicht lange suchen, wo denn nun einer ist, dem ich helfen sollte und der mir interessant genug sein könnte. Auf meinem alltäglichen Weg durchs Leben habe ich die Chance, für einen anderen zum Nächsten zu werden und ihm zu helfen. Unabhängig von seiner und meiner Religion und Volkszugehörigkeit. Samariter waren für die Menschen im damaligen Israel unerwünschte, fast aussätzige Personen. Und ausgerechnet so einer, dem man nur Übles zutraut, zeigt sich als Mensch unter Menschen. Diejenigen, die ihre Vorstellungen von Gott und Reinheit und Gesetzen über den Mitmenschen stellen, so wie der Priester und der Levit, ein Diener im Tempel, die versagen. Gottes Wille ist die Mitmenschlichkeit, nicht die buchstabengetreue Verehrung. Man kann das heute politisch korrekt prima aktualisieren und betonen, dass Ayse aus der Türkei, Ivan aus Russland, Said aus Palästina oder Anja aus Polen in konkreten Situationen vielleicht eher helfen als Erwin, der Pfarrer oder Gerlinde, die Oberkirchenrätin, die doch fromm sein müssten aber in der Praxis… Praktische Beispiele für die Richtigkeit solcher Unterstellungen ließen sich, Gott sei es geklagt, sicher genügend finden. Und, Gott sei Dank, sicher auch Gegenbeispiele, wo Pfarrerinnen und Kirchenvorsteher, wo Bischöfe und Diakonissen leuchtende Beispiele praktizierter Nächstenliebe sind und Menschen, von denen alle nichts Gutes erwarten, tatsächlich auch nichts Gutes tun. Dieses Bombardement mit Beispielen finde ich langweilig. Liebe zu Gott ohne Liebe zum Nächsten bleibt leer. Und den Nächsten kann und muss ich mir nicht aussuchen, sondern er ist, manchmal buchstäblich, nahe liegend. Er oder sie ist da. Und dadurch, dass ich ihn und seine Anfrage an mich wahr- und ernstnehme, werde ich selbst Nächster. Mitmenschlichkeit macht mich menschlich. Spannender als 1000 Beispiele für die Richtigkeit dessen, was Jesus gesagt hat, zu finden und jedem, der an einem bettelnden Menschen vorbeigeht, ohne ihm was in den Plastikbecher zu legen, ein schlechtes Gewissen zu machen, finde ich die Frage, die die Fortsetzung der Geschichte vom barmherzigen Samariter aufwirft. Erstens: Wie helfe ich wirksam? Und zweitens: muss ich alles Geld für Bedürftige ausgeben oder darf ich auch was behalten und mir einfach was Schönes kaufen?

Zum ersten. Zwei ganz praktische Fragen. Soll ich jedes Mal, wenn Marco meine Hausaufgaben zum Abschreiben will, sie ihm auch geben und ihn bei jeder Arbeit abschreiben lassen? Soll ich jedes Mal, wenn einer der Besoffenen Hartz-IV Empfänger Geld für Brot haben will, weil er Hunger hat und kein Geld mehr, sich welches zu kaufen, ihm welches geben?

Auf die erste Frage würden alle Schüler vermutlich sofort sagen: Ja klar! Auf die zweite Frage würden sicher viele sagen: Nein, der ist doch selbst schuld, wenn er sein Geld versäuft. Wieso der Unterschied? In Not sind doch beide! Ich denke, wenn man, auch im Sinne Jesu, danach fragt: was braucht der andere tatsächlich zum Menschsein?, dann werden die Antworten gar nicht so verschieden sein. Klar, wenn die Gefahr da ist, dass der Abschreiber Ärger mit dem Lehrer kriegt und der es dann nach Hause meldet und zu Hause nicht nur Ärger, sondern Prügel wartet, dann würde ich sagen: Dieses eine Mal ja. Aber das nächste Mal sag vorher Bescheid, dann lernen wir zusammen oder machen die Hausaufgaben zusammen. Ich will dir helfen, dass du es SELBST schaffen kannst. Und wenn der Alkoholiker vor Hunger kurz vorm Zusammenklappen ist, dann kriegt er auch Brot. Aber nicht als Dauerhilfe, sondern ich muss gerade auch bei Suchtkranken NEIN sagen. Ich will dir helfen, von dem, was dich abhängig macht, loszukommen. Ich bin da, wenn du wirklich Hilfe willst und brauchst. Aber ich bin nicht dazu da, dich krank zu halten, weiter krank zu machen und deine Krankheit zu verfestigen. Die Menschlichkeit des anderen sehen und achten heißt auch, in aller Hilfsbedürftigkeit auch die Freiheit und Verantwortung des anderen zu stärken und zu respektieren. Und die eigene Menschlichkeit zu entdecken. Und auch zu den eigenen Grenzen zu stehen. Materielle Grenzen, sicher, Grenzen des Könnens, natürlich, aber auch seelische Grenzen. Wenn ich selbst kaputt gehe, kann ich anderen auch nicht helfen. Das soll keine billige Entschuldigung sein, zu früh zu sagen: das kann ich nicht, das schaff ich nicht. Aber der Samariter hat sich eben auch nur um den einen Verletzten am Wegesrand gekümmert. Und nicht gleichzeitig auch noch um die 150 Waisenkinder in Jericho und die 24 Aussätzigen in einem Dorf bei Bethanien, die 82 unversorgten Alten in einem Jerusalemer Stadtteil und so weiter, die auch an seiner Strecke lagen. Gerade in einer Zeit und in einer Welt, in der man praktisch in Echtzeit von Not rund um die Welt erfährt, ist es erstens wichtig, möglichst viel Not an der Wurzel zu lindern und Hilfe dort dann überflüssig werden zu lassen und sich zweitens nicht durch Allmachts- und Allzuständigkeitsphantasien zu lähmen - ich muss alles, ohne mich geht nichts - sondern sich in der unübersehbaren Fülle auf den einen oder die zwei zu konzentrieren, für die ich wirklich Mensch sein kann und nicht aus einem Überlastungsgefühl heraus letztlich nichts zu machen.

Und wo wir gerade bei den Grenzen sind, sind wir auch bei der zweiten Frage: darf ich mir was Schönes gönnen, wo ich doch auch mit dem Geld anderen helfen könnte? Gerade heute für unsere Gemeinde wichtig. Als Kirchengemeinde haben wir uns schöne neue Paramente, Tücher für Kanzel und Altar gekauft. Von dem Geld hätten bestimmt zwei Menschen in Afrika ein Jahr essen können oder man hätte einem in Bangladesh ein Ausbildungsstipendium geben können. Und gerade heute, bei dem Predigttext, legen wir sie zum ersten Mal auf. Ich mache das ohne schlechtes Gewissen. Liebe deinen Nächsten, sagt nicht nur Jesus, sondern das steht schon im Alten Testament, wie dich selbst. Für mich zeigen die neuen Paramente, dass kirchliche Gemeinschaft auch auf dem Richtsberg wertvoll ist und was Schönes verdient hat. Wir sind nicht weniger wert als die Elisabethkirche oder die Pfarrkirche, sondern wir sind auf unsere eigene Art wichtig und dürfen uns an Schönem freuen. Nur wer ein gesundes Selbstwertgefühl hat, kann beim Aufbau oder beim Wiederfinden eines eigenen Selbstwertgefühls helfen.

Jesus ermuntert uns dazu, das zu werden, was wir in Gottes Augen sind: Mensch für Menschen, Mensch durch Menschen, Mensch mit Menschen. Dazu gebe er uns Mut, Kraft und seinen Segen.

Amen

Sonntag, 23. August 2009

Erster! - Bolt's Arms - Weltmeister! - Vom Pharisäer und Zöllner, 11. n. Tr., 23.08.09, Reihe I

Text: Lk 18,9-14

Liebe Gemeinde!

Ich bin nicht der schnellste Mann der Welt. Ich war nicht der Beste bei den Prüfungen, die ich machen musste. Bei einem Schönheitswettbewerb würde ich nicht gewinnen. In meinem Leben habe ich nicht nur Sachen gemacht, auf die ich stolz sein kann, sondern auch manchmal was, was nicht in Ordnung war. Worauf kann ich stolz sein? Es ist ein tolles Gefühl, wenn man etwas besser kann als alle anderen, wenn man ganz vorne ist. Vielleicht ist ja heute auch jemand hier im Gottesdienst, der etwas besonders gut kann und in irgendwas ganz toll ist! Vielleicht traut er oder sie sich jetzt nicht, das zu sagen, um nicht als Angeber dazustehen. Ich glaube, dass es nicht nur heutzutage zwei hauptsächliche Typen von Menschen gibt. Die einen, die ziemlich schmerzfrei sind und mit allem, was sie haben, zeigen, wie toll sie sind. Und die anderen, die sich nicht trauen, auch mal zuzugeben, dass sie was können. Da wirkt der Satz, den Jesus am Ende von dem Gleichnis sagt, das wir gerade gehört haben, schon noch nach: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund… - aus großer Höhe kann man tief stürzen! Lieber die Belohnung zum Schluss als am Ende unten liegen! Dabei ist es doch etwas ganz Schönes, wenn man etwas gut kann, wenn man etwas gut gemacht hat und sich darüber auch richtig freuen kann. Es ist doch toll, wenn man hart trainiert hat und dann einen Wettkampf gewinnt und wirklich Bester oder Beste ist. Es ist doch schön, wenn man in der Schule gut gearbeitet hat und dann ein Abschlusszeugnis hat, auf das man stolz sein kann. Und es ist doch prima, wenn andere sehen, dass man gut arbeitet und dann das Zutrauen haben, dass der einen tollen Posten verdient und ein guter Vorgesetzter sein kann. Ich glaube, dass der Pharisäer, der fromme Mann, von dem Jesus in seinem Gleichnis erzählt, tatsächlich ein guter Kerl war, der auf seine Art zu leben stolz sein konnte. Ich glaube, dass er viel Gutes getan hat und sich viel mehr als andere bemüht hat, im Glauben an Gott alles richtig zu machen. Das Einzige, was man ihm vorwerfen kann, ist aber auch dann schon das Entscheidende: der fromme Mann, der Pharisäer, hat sich nicht einfach daran gefreut, dass er gut ist, sondern er hat es als Waffe gegen andere benutzt. „Danke, dass ich besser bin als die anderen“ - vielleicht ist das wirklich eine Haltung, die tief menschlich ist. Es reicht nicht, einfach nur gut zu sein. So richtig toll ist es erst dann, wenn ich auf andere herabsehen kann. So richtig schön ist es erst, wenn ich im Vergleich mit anderen als Bester dastehe. Im Sport ist ja auch nichts dagegen zu sagen. Und nicht nur als Kind haben mir Spiele dann am meisten Spaß gemacht, wenn ich gewonnen habe. Falsch wird es aber dann, wenn ich aus der gemachten Erfahrung, dass ich irgendwo mal besser als andere bin, den Schluss ziehe, dass der andere ein schlechterer Mensch ist. Falsch wird es, wenn ich den andern klein und dumm und unten lassen will, damit ich besser dastehe. Falsch ist die Denkweise, die nicht nur der Pharisäer in dem Gleichnis von Jesus hat: weil ich so toll bin, muss Gott mich einfach lieber haben als die anderen. Ich will lieb gehabt werden - möglichst lieber als andere. Das ist sehr menschlich. Das fängt bei Geschwistern an. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass einen da schon manchmal die Frage bewegt: Wen hat mein Papa, wen hat meine Mama eigentlich lieber? Und manchmal macht man dann auch so einen Wettbewerb im „Liebsein“, damit man lieb gehabt wird. Das macht der Pharisäer hier auch. Und ich glaube nicht, dass er damit bis heute allein da steht. „Du musst mich doch lieb haben, weil ich alles für dich tue! Und du musst mich nicht nur lieb haben, sondern die, die das so nicht machen, darfst du nicht lieb haben!“ Vielleicht kann man das Gebet des Pharisäers auch so verstehen. Ich hab’s verdient - im Gegensatz zu anderen. Aber Liebe kann man nicht verdienen. Respekt kann man sich verdienen und erarbeiten. Achtung vielleicht. Aber nicht Liebe. Liebe heißt auch, sich verletzlich machen. Sich selbst, das eigene Leben dem anderen anzuvertrauen - im Vertrauen darauf, dass der andere das nicht ausnutzt. Liebe heißt, sich fallenlassen können, auf Sicherheiten verzichten.

Vielleicht ist das der große Unterschied zwischen dem Pharisäer und dem Zöllner. Der Pharisäer vertraut nicht auf die Liebe, er vertraut Gott nicht wirklich, sondern er traut in erster Linie sich selbst und seiner Leistung. Der Zöllner lässt sich fallen: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Er weiß, dass er nichts vorzuweisen hat. Er weiß, dass er jede Menge Dinge falsch gemacht und Schuld auf sich geladen hat. Er gibt sich ganz in Gottes Hand. Er vertraut darauf, dass Gott seine Schwäche nicht ausnutzt. Und so kann die Liebe ihren Platz bekommen. Er vergleicht sich nicht, er macht andere nicht schlecht, um besser da zu stehen. „Hier bin ich. So bin ich. Hilf mir. Nimm mich an.“ Liebe, Gnade, Vergebung, das ist kein Wettbewerb, sondern Ausdruck einer guten, einer lebendigen Beziehung.

Es geht in diesem Gleichnis, das Jesus erzählt, nicht darum, dass es schlecht wäre, sich an Regeln und Gebote zu halten. Es ist ein Missverständnis, wenn man die Geschichte so auslegen würde, dass derjenige, der sich an die Regeln hält, von Gott nicht geliebt wird und der, der alles oder zumindest viel falsch gemacht hat, von Gott mehr geliebt wird. Wenn ich weiß, dass etwas gut und richtig ist, dann muss ich das auch machen. Wenn ich etwas falsch gemacht habe und ich dazu stehe, aber nicht bereit bin, mich oder mein Verhalten zu ändern, dann hat das gar nichts mit Liebe zu tun. Es geht darum, vom Leistungsdenken in der Liebe und im Glauben weg zu kommen. Tolle Leistungen sind gut - aber sie machen einen nicht zu einem liebenswerteren, besseren Menschen. Was uns zu echten Menschen macht, ist die Fähigkeit, zu lieben, Liebe anzunehmen, nicht gegeneinander auf Kosten anderer, sondern miteinander zu leben. Uns gegenseitig zum Leben zu helfen und Gottes Hilfe anzunehmen. Seine Liebe, die uns wieder zurechtbringen will, wenn wir uns verrannt haben. Und auch in dieser Liebe keinen Wettbewerb zu sehen, den wir gewinne müssten, sondern eine Einladung, wirklich Mensch zu werden. Uns ehrlich anzuschauen - mit Gottes Augen. Als liebenswerte, aber eben nicht immer nur gute Geschöpfe. Amen

Dienstag, 18. August 2009

Auf die Liebe, fertig, Los! 10. n. Tr., 16.08.09, Reihe I

Text: Mk 12-28-34

Liebe Gemeinde!
Kann man Liebe befehlen und verordnen? Wenn die Eltern oder die Freunde sagen: „Das wäre doch der richtige Mann oder die richtige Frau für dich, den oder die musst du heiraten!“ und bei einem selbst keine Gefühle da sind - dann wird es vermutlich schief gehen, wenn man es tut. Und selbst die scheinbar natürliche Liebe zwischen Eltern und Kind kann eben weder befohlen werden noch ist sie selbstverständlich. Malvin, Chanel und Michelle haben Glück gehabt - aber erst letzte Woche war wieder eine von leider viel zu vielen erschreckenden Meldungen in den Nachrichten, dass Eltern ihre Tochter haben verhungern lassen. Und ich glaube, dass man noch nicht mal bis zu diesen spektakulären Fällen gehen muss.Ich glaube, jedem von uns fallen Eltern ein, die mit ihren Kindern gar nicht liebevoll, vielleicht noch nicht einmal respektvoll umgehen und auch Kinder, die ihre Eltern weder liebe- noch respektvoll behandeln. Und damit meine ich nicht den Normalfall pubertierender Jugendlicher, die in einem schmerzhaften Prozess ihren eigenen Weg suchen und wo hinterher wieder Annäherung möglich ist, sondern vor allem längst erwachsene Kinder, die alles andere als liebe- und respektvoll sind. Liebe kann man nicht befehlen, sie ist leider auch nicht so selbstverständlich und natürlich, wie wir es oft gern hätten. Sie ist ein Geschenk, eine Gnade. Ist es deshalb vielleicht sinnlos, was Jesus in dem Gespräch, das wir als Predigttext gehört haben, dem Schriftgelehrten sagt, nämlich dass die unbedingte Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst das höchste Gebot ist? Ist es Unsinn, dass der Schriftgelehrte das auch noch bestätigt und betont, dass uns nicht Äußerlichkeiten und Rituale zu Gott, dem Grund des Lebens, bringen, sondern die Liebe in dieser dreifachen Form - zu Gott, zum Nächsten, zu sich selbst? Nein, ich glaube nicht, dass es sinnlos oder unsinnig ist, so von Liebe zu reden. Vielleicht lenkt gerade diese scheinbar so widersprüchliche Art, von der Liebe zu reden, die Gedanken auf etwas Wichtiges. Liebe ist kostbar, nichts Selbstverständliches. Und wenn man nichts damit macht, nichts tut, dann wird sie verloren gehen.
Da ist einmal die erste Art der Liebe, von der Jesus und der Schriftgelehrte reden. Die Liebe zu Gott. Von ganzem Herzen, mit ganzer Kraft und Seele. Hier wird noch einmal extrem deutlich, dass man diese Liebe wirklich nicht befehlen kann. Glauben, in keiner Form, kann man herbeizwingen. Selbst im Koran, dem heiligen Buch der Muslime, die ja von vielen so oft mit Zwang im Glauben in Verbindung gebracht werden, steht der schöne Satz: „Zwang darf nicht im Glauben sein“. Zwang geht nicht - aber ich brauche eigenen Antrieb, eigene Initiative, wenn es um den Glauben und die Liebe zu Gott geht. Ich brauche den Mut, mich nicht auf messbare Lebenserfolge wie Geld, Ruhm und Ansehen zu beschränken. Den Mut, nicht dem Stärkeren einfach Recht zu geben. Den Mut, Nein zu sagen, wenn anderen gesagt wird: du bist nichts wert - als Hauptschüler, als Russe, als Behinderter, als… - da gibt es viel zu viel. Es braucht Mut und Kraft, sich nicht damit zufrieden zu geben, dass der Tod die letzte Macht im Leben hat. Es braucht Kraft, auch zu Zweifeln und Fragen zu stehen und Gott auch auf das anzusprechen, was man nicht versteht. Liebe kostet Kraft. Sie ist eigentlich nie der einfache, billige Weg. „du sollst Gott lieben mit allem, was zu dir gehört“ - das heißt nicht, du sollst dich zwingen lassen, an Gott zu glauben, sondern es ist die Aufforderung: Setz deine Kraft ein. Glaub nicht, dass es einfach und billig ist. Sei bereit, auch Anstrengungen, auch im Geist, auf dich zu nehmen. Ich finde es ehrlich, nicht so zu tun, als wäre alles immer nur einfach, sondern auch zu sagen: Glauben an Gott, der die Liebe ist, ist nicht der leichteste Weg im Leben. Äußerlichkeiten sind leichter. Auch wenn ich denke, meinen Glauben so zeigen zu können. Durch Opfer, durch Geldspenden, dadurch, dass ich auf eine bestimmte Art bete oder immer in die Kirche gehe. Das alles kann ein guter Ausdruck des Glaubens und der Liebe sein, aber das alles bleibt leer, wenn es an der inneren Beteiligung fehlt. as Wichtigste aber an dem, was Jesus und der Schriftgelehrte hier deutlich machen ist, dass es in der Beziehung zu Gott nicht nur um mich und mein ganz persönliches Seelenheil geht. Du sollst Gott lieben - investiere deine Kraft, keine Frage - und auch deinen Nächsten wie dich selbst. Gott lieben, an Gott glauben kann ich nicht, ohne dass ich die Menschen um mich herum nicht wahrnehme. Wenn ich sage: „Ich glaube an Gott und ich gehe in die Kirche und ich bete jeden Tag und lese immer in der Bibel“ und dabei meine Mitmenschen übersehe und sie wie Dreck behandle, dann nützt mir auch mein frommes Getue nichts. Gott und die Menschen gehören zusammen. Glauben, Religion, das ist was, was im Alltag spielt - oder es spielt eben keine Rolle mehr. Den Nächsten lieben - das heißt ja nicht, dass sich bei jedem, der mir begegnet, gleich Kribbeln im Bauch kriege, sondern dass ich ihn als Menschen sehe und seine Lebensmöglichkeiten fördere und mich da für ihn einsetze, wo er es bzw. mich braucht. Der springende Punkt bei alldem, bei der Liebe zu Gott und der Nächstenliebe, ist aber das Dritte, das hier nicht erst von Jesus erwähnt wird, sondern das ja schon im Alten Testament steht: „Liebe deinen Nächsten WIE DICH SELBST“. Es geht im Glauben nicht darum, sich selbst aufzugeben und als unwichtig ganz nach hinten zu stellen. Sondern es geht auch darum, sich selbst lieben zu lernen. Nicht selbstverliebt nur sich selbst zu sehen, sondern sich als liebenswert in der Gemeinschaft mit anderen zu erleben. Bevor wir überhaupt anfangen zu lieben - ob nun Gott oder Mitmenschen oder eben beide - dürfen wir wissen, dass wir geliebt werden. Bevor wir antworten können, hat Gott schon längst Ja zu uns, zu unserem Leben gesagt. Du bist was wert, du bist geliebt. Lieben, Liebe schenken, das kann nur der Mensch, der Liebe empfangen hat. Wer glaubt, nicht liebenswert zu sein, der kann zwar anderen Gutes tun, aber nicht wirklich lieben. Ich wünsche uns, dass wir durch die Art und Weise, wie wir miteinander leben
-
als Gemeinde, auf dem Richtsberg und in den Familien und Freundeskreisen, anderen Menschen helfen, zu entdecken, dass sie was wert sind, dass sie geliebt sind - auch von Gott. Dass wir der Liebe nicht im Weg stehen und sie verdunkeln, sondern dass wir sie selbst erleben und mit eigenem Leben füllen. Amen

Montag, 10. August 2009

Mehrwert - mehr Vertrauen! 9. n. Trinitatis, Reihe 1

Text: Matthäus 25,14-30

Liebe Gemeinde!
Es ist schon ein bisschen seltsam, dass ausgerechnet in einer Zeit, in der deutlich wird, dass die Gier, große Gewinne bei Geschäften zu machen, zum Zusammenbruch führt, ein Gleichnis, das Jesus erzählt, als Predigttext vorgesehen ist, in dem zwei dafür gelobt werden, dass sie das eingesetzte Geld verdoppelt haben und der, der vorsichtig war, rausgeschmissen wird. Gibt’s jetzt gewissermaßen doch göttlichen Segen für die, die den Sinn des Lebens darin sehen, möglichst viel Gewinn anzuhäufen und für sich selbst möglichst viel dabei herauszuholen?
Gott als der, der hohe Gewinne fordert - auf den ersten Blick kann man diese Geschichte von Jesus so verstehen. Ein Gott, der Angst vor dem Versagen macht. Aber wie so oft im Leben täuscht der erste Blick. Eigentlich geht es um das Gegenteil. Der unermesslich reiche Mensch im Gleichnis, den man sicher in vielem mit Gott vergleichen kann, ist zuallererst nicht der, der Angst macht, sondern der, der Freiheit und Vertrauen schenkt. Er vertraut seinen Knechten, seinen Sklaven, sein Vermögen an. Es ist für alle drei mehr, als jeder von ihnen je hätte sparen können, für den ersten sogar viel mehr, als er in seinem ganzen Leben als Lohn hätte bekommen können. Er gibt keine Drohungen mit, er setzt keinen Oberaufpasser ein. Er gibt ihnen einfach sein Vermögen und sagt: „Macht was draus!“ Und dann geht er weg, ist außer Landes, außer Reichweite. Für mich ist das ein sehr gutes Bild von menschlichen Erfahrungen mit Gott. Gott lässt uns Menschen Freiheit. Er ist nicht ständig als Oberaufseher da und sagt „Tu, dies, lass das!“ Er gibt den Menschen Möglichkeiten, was zu tun - aber er nimmt Menschen das Leben, das Handeln nicht ab. Dietrich Bonhoeffer, ein Pfarrer, der seinen Einsatz gegen die Nazis mit dem eigenen Leben bezahlt hat, hat einmal gesagt: „… wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, daß wir in der Welt leben müssen. … Gott gibt uns zu wissen, daß wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. … Der Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.“ Hört sich kompliziert an. Heißt aber nichts anderes, als dass wir Gott missbrauchen, wenn wir ihn als Lückenbüßer, Joker oder Oberaufpasser darstellen. Wir müssen in diesem Leben, in dieser Welt damit fertig werden, dass wir Gott nicht immer direkt begegnen und dass er manchmal ganz weit weg zu sein scheint. Und ganz praktisch: Wenn ich einem anderen Menschen helfe und ihm was Gutes tue, dann ist es für das Ergebnis zwar egal, ob ich das tue, weil ich Angst habe, dass Gott mich sonst bestraft oder ob ich es tue, einfach weil der andere da ist und Hilfe braucht und ich die Möglichkeit dazu habe. Aber es macht mich kaputt, wenn ich ständig Angst vor Strafe haben will. Gott will, und das macht auch diese Geschichte, die Jesus erzählt, klar, die Angst vor Strafe nehmen und uns frei dazu machen, wegen unserer Möglichkeiten und weil andere es nötig haben zu handeln. Angst vor Strafe schafft eine Welt, die wirklich wie ein Gefängnis ist und in der „Heulen und Zähneklappern“, wie es im Gleichnis heißt, sein wird. Der Punkt, um den es in dem Gleichnis, das Jesus erzählt, geht, ist, dass nicht der wirtschaftliche Misserfolg bestraft wird, sondern dass sich die Angst vor Strafe und die Angst vor Misserfolg, die dazu geführt hat, das Vertrauen nicht mit eigenem Handeln zu führen, praktisch selbst bestraft. Angst und Misstrauen schaffen eine Welt, die nicht lebenswert ist. Und erst recht gilt das für das, was Jesus hier „Himmelreich“ nennt. Wer in Gott nur den strafenden Prüfer und Oberaufpasser sieht, wer geschenktes Vertrauen nicht annehmen kann, der wird die Freiheit, die Gott schenkt, das Leben, das bei ihm möglich ist, das Gute nie erfahren. Aber in dem Gleichnis stecken noch mehr Dinge, die, wie ich finde, für den Alltag ganz brauchbar sind. Da ist das Aufräumen mit dem Missverständnis, dass die Gleichwertigkeit der Menschen gleichbedeutend mit der Gleichheit sein muss. Der reiche Mann im Gleichnis verteilt sein Vermögen nach den Fähigkeiten und Möglichkeiten, die die Einzelnen haben. Wer viel hat, wer viel kann, von dem kann man viel erwarten. Es gibt andere, deren Möglichkeiten sind beschränkter, da können die Erwartungen geringer sein. Menschen sind ungleich in ihren Voraussetzungen, Fähigkeiten, Talenten. Aber auch der mit weniger Möglichkeiten und Talenten bekommt das gleiche Vertrauen in seine Möglichkeiten und am Ende wird bei denen, die nach ihren Möglichkeiten ihre Talente und Fähigkeiten eingesetzt haben, kein Unterschied gemacht. Es kommt also nicht drauf an, darauf zu schielen, was der andere vielleicht mehr bekommt oder besser kann oder sich schlecht zu fühlen, weil man manches nicht kann oder weniger hat, sondern aus dem, was man hat, was zu machen. Jeder ist es wert, dass man ihm Vertrauen schenkt. Jeder, der mit seinen Möglichkeiten was gemacht hat, egal, wie viel herauskommt, wird in dem Gleichnis gleich wert geschätzt. Ob ich reiche Eltern habe, ein Studium gemacht habe oder ob ich in Armut, vielleicht ohne Eltern und vielleicht auch ohne Schulabschluss aufwachse: ich bin nicht mehr oder weniger wert. Auch wenn manches mehr Möglichkeiten eröffnet. Aber auch wenn ich wenig habe: ich kann was draus machen. Der Dritte in dem Gleichnis macht eben nichts aus dem Vertrauen, nichts aus dem, was er bekommt. Selbst wenn es zutreffen würde, dass der reiche Mann hart und ungerecht ist, was er ja nicht ist, hätte er mit seiner Angst einen sicheren Weg gehen können, wenigstens ein Minimum aus dem Vertrauen herauszuholen. Aber er bleibt, wie gesagt, in Angst und Misstrauen gefangen. Die Angst macht ihn blind. Wenn es in dem Gleichnis um das Reich Gottes geht, das noch nicht da ist, aber mit Jesus schon angefangen hat, dann wird deutlich, dass es darum geht, dass Vertrauen Früchte bringt, dass es nicht um ungerechten Gewinn, sondern um geteilte Freude geht, dass Gott nicht fesseln will, sondern Menschen in dieser Welt zum Guten in Freiheit leben lassen will. Und es geht darum, dass Menschen unterschiedlich leistungsfähig und doch gleich viel wert sein können. Dem Leben vertrauen weil Gott uns vertraut - schöne Aussichten, wie ich finde.
Amen

Sonntag, 12. Juli 2009

Vorbild? - 5. n. Trinitatis, Reihe I, 12.07.09

Text: Lukas 5,1-11

Liebe Gemeinde!

Was haben wohl seine Frau und seine Kinder gesagt, als Petrus eines Tages nicht mehr nach Hause gekommen ist? Als Fischer hat er die Familie ernährt, sicher hat die Familie nicht im Luxus gelebt, aber sie hatten durch den Beruf des Vaters ihr Auskommen. Und dann geht er weg. Geht mit einem, der ihn, so heißt es hier wörtlich, zu einem machen will, der Menschen fängt. Petrus war verheiratet, davon erzählt das Neue Testament. Und vermutlich hat er auch Kinder gehabt. Wenn er getrunken hätte und seine Familie verprügelt hätte, dann wären sie vielleicht froh gewesen, ihn endlich los zu sein. Aber so? Klar, er ist nicht wegen einer jüngeren Frau weggelaufen. Aber macht es das wirklich besser? Da kommt einer, kann offensichtlich toll reden, denn ihm wollten ja so viele zuhören, dass er das Boot von Petrus als Bühne brauchte, weil am Ufer nicht genug Platz war. Da kommt einer, erzählt von Gott, sagt: „Folge mir nach, du wirst Menschen fangen!“ Und schon lässt er sich einfangen und gibt alles auf.

Für Männer, die von Freiheit träumen, ist Petrus vielleicht eine Art Vorbild. „Das ist ein echter Kerl, der zieht sein Ding durch, ein Mann muss halt konsequent sein!“ Für Frauen, die ihre Kinder allein erziehen, weil sich der Erzeuger aus dem Staub gemacht hat, für Kinder, die ihren Vater kaum kennen, weil er sich einfach abgemacht hat, ist Petrus vielleicht höchstens ein weiteres Beispiel für „noch so einen Typen, auf den man sich halt nicht verlassen kann!“ Vielleicht war es nicht wirklich so dramatisch, die Bibel erzählt davon, dass Petrus später seine kranke Schwiegermutter besuchte und Jesus sie heilte. Aber mir macht diese Geschichte deutlich, dass wir uns vor zweierlei hüten müssen. Zum einen davor, zu leicht und zu schnell zu sagen: „Im christlichen Glauben geht es um die heile Familie, darin spiegelt sich Jesus wieder.“ Und zum anderen davor, so zu tun, als würde einen der Glauben an Gott davor bewahren, unbequeme Entscheidungen treffen zu müssen.

Natürlich ist es toll, wenn Familien funktionieren. Es ist schön, wenn beide Elternteile Verantwortung übernehmen und sich auch unabhängig von einem gemeinsamen Kind lieben. Aber ich finde es, gerade um der vielen Menschen willen, die eben, auch hier bei uns, keine in diesem Sinn heile Familie haben, wichtig zu sehen, dass Gott keine Lebensform bevorzugt und dass diejenigen, die eben nicht in heilen Familien leben, für Gott nicht minderwertig sind. Damit kein Missverständnis aufkommt: Das soll keine Entschuldigung für verantwortungslose Männer sein, sich abzumachen. Zum Kreis um Jesus gehörten, das wird an anderer Stelle deutlich, auch Frauen, die mit Männern sehr schlechte Erfahrungen machten.

Unbequeme Entscheidungen zu treffen, wenn es um den Glauben geht - auch darum geht es hier in der Geschichte von Petrus. Was steht an erster Stelle? Familie, Freundschaft - oder das, was wahr, richtig und für das Leben gut ist? Gott sei Dank ist das ja nicht unbedingt ein Gegensatz. Aber mich beschäftigt immer noch ein Fall von Kindesmissbrauch hier am Richtsberg, bei dem sehr lange geschwiegen wurde, um die Familie zusammenzuhalten. Oder die Frage, ob ich es sagen darf, wenn ein Freund klaut, Drogen nimmt, Schlägereien anzettelt, Schwächere mobbt - Wenn ich es ernst nehme, dass Gott die Liebe ist, dass Gott ein Gott des Lebens ist, dass der Glaube Menschen zum Leben führt, dann muss ich mich vielleicht manchmal gegen die Freundschaft, oder sogar gegen die Familie stellen. Unbequeme Wahrheiten sagen, auch deshalb, weil der andere nur dann eine Chance hat, sich zum Guten zu ändern, wenn er merkt, was falsch ist.

Wo jetzt schon mal das Stichwort „gut“ gefallen ist: Vielleicht fragt sich ja der eine oder die andere, wo in meiner Predigt das Gute bleibt, gerade heute, wo wir doch auch Taufe feiern? Ja, ich könnte noch mehr Negatives sagen: Darüber, dass ich es nicht gut finde, dass Petrus Menschen fangen soll. Glauben, das zeigt doch eigentlich die Art und Weise, wie Jesus mit Menschen umgeht, fängt Leute doch nicht gegen ihren Willen ein, sondern er öffnet ihnen die Augen, damit sie einen guten Weg finden und von falschen Wegen umkehren. In Freiheit, freiwillig, nicht gezwungen. Aber jetzt endlich zum Guten. Das Beste kommt eben zum Schluss. In dieser Erzählung von Petrus steckt als eine ganz wichtige, richtig gute Erkenntnis, dass der Mut, Vertrauen zu haben und Entscheidungen zu treffen, belohnt wird. Petrus war Fischer. In seinem Beruf weiß er, dass man Fische in einem See entweder frühmorgens oder spätabends und nachts fängt, wenn es kühler wird und die Fische wieder zur Wasseroberfläche kommen. In der Tageshitze fängt man nichts. Trotzdem hat er den Mut, Jesus zu vertrauen und sich nicht nur auf seine Erfahrung zu verlassen. Er wird nicht enttäuscht. Vertrauen lohnt sich - nicht, weil wir irgendwelche spektakulären Wunder erleben werden, sondern weil wir durch das Vertrauen in Gottes Liebe, in Jesus, Lebensmöglichkeiten im Überfluss bekommen. Dafür steht der große Fischfang. Überfluss nicht in dem Sinn, dass wir Paläste, Villen, Champagner und Diener bekämen, sondern in dem Sinn, dass wir immer wieder auch in schweren Situationen sehen werden, dass Leben möglich ist und Gott bei uns ist.

Mut zur Hoffnung, Mut zum Vertrauen, Mut auch zu unbequemen Entscheidungen, das wünsche ich nicht nur Anastasia (und Andreas), die wir heute getauft haben. Sondern das wünsche ich uns allen. Ich wünsche den Kindern und uns Erwachsenen, dass wir Halt in der Familie finden, keine Frage. Ich wünsche Anastasia, Andreas und uns allen, dass wir in ihr das erfahren, was in dieser Geschichte angelegt ist: dass wir sie als Ort erleben, an dem wir eigene Wege gehen können, der uns Raum dafür lässt und uns den Weg der Liebe, der Gerechtigkeit und der Wahrheit gehen lässt. Dass wir aber auch da, wo wir erleben, dass das anders ist, nicht die Biologie vor Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit stellen, sondern den Mut haben, auf dem Weg Jesu zu bleiben. Und ich wünsche uns, dass wir so offen werden für die Vielfalt der Lebensmöglichkeiten wie es die Gemeinschaft um Jesus war. Dass niemand sich schlecht fühlen muss, weil er anders leben will oder leben muss als wir es normalerweise richtig finden. Amen.