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Sonntag, 23. August 2009

Erster! - Bolt's Arms - Weltmeister! - Vom Pharisäer und Zöllner, 11. n. Tr., 23.08.09, Reihe I

Text: Lk 18,9-14

Liebe Gemeinde!

Ich bin nicht der schnellste Mann der Welt. Ich war nicht der Beste bei den Prüfungen, die ich machen musste. Bei einem Schönheitswettbewerb würde ich nicht gewinnen. In meinem Leben habe ich nicht nur Sachen gemacht, auf die ich stolz sein kann, sondern auch manchmal was, was nicht in Ordnung war. Worauf kann ich stolz sein? Es ist ein tolles Gefühl, wenn man etwas besser kann als alle anderen, wenn man ganz vorne ist. Vielleicht ist ja heute auch jemand hier im Gottesdienst, der etwas besonders gut kann und in irgendwas ganz toll ist! Vielleicht traut er oder sie sich jetzt nicht, das zu sagen, um nicht als Angeber dazustehen. Ich glaube, dass es nicht nur heutzutage zwei hauptsächliche Typen von Menschen gibt. Die einen, die ziemlich schmerzfrei sind und mit allem, was sie haben, zeigen, wie toll sie sind. Und die anderen, die sich nicht trauen, auch mal zuzugeben, dass sie was können. Da wirkt der Satz, den Jesus am Ende von dem Gleichnis sagt, das wir gerade gehört haben, schon noch nach: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund… - aus großer Höhe kann man tief stürzen! Lieber die Belohnung zum Schluss als am Ende unten liegen! Dabei ist es doch etwas ganz Schönes, wenn man etwas gut kann, wenn man etwas gut gemacht hat und sich darüber auch richtig freuen kann. Es ist doch toll, wenn man hart trainiert hat und dann einen Wettkampf gewinnt und wirklich Bester oder Beste ist. Es ist doch schön, wenn man in der Schule gut gearbeitet hat und dann ein Abschlusszeugnis hat, auf das man stolz sein kann. Und es ist doch prima, wenn andere sehen, dass man gut arbeitet und dann das Zutrauen haben, dass der einen tollen Posten verdient und ein guter Vorgesetzter sein kann. Ich glaube, dass der Pharisäer, der fromme Mann, von dem Jesus in seinem Gleichnis erzählt, tatsächlich ein guter Kerl war, der auf seine Art zu leben stolz sein konnte. Ich glaube, dass er viel Gutes getan hat und sich viel mehr als andere bemüht hat, im Glauben an Gott alles richtig zu machen. Das Einzige, was man ihm vorwerfen kann, ist aber auch dann schon das Entscheidende: der fromme Mann, der Pharisäer, hat sich nicht einfach daran gefreut, dass er gut ist, sondern er hat es als Waffe gegen andere benutzt. „Danke, dass ich besser bin als die anderen“ - vielleicht ist das wirklich eine Haltung, die tief menschlich ist. Es reicht nicht, einfach nur gut zu sein. So richtig toll ist es erst dann, wenn ich auf andere herabsehen kann. So richtig schön ist es erst, wenn ich im Vergleich mit anderen als Bester dastehe. Im Sport ist ja auch nichts dagegen zu sagen. Und nicht nur als Kind haben mir Spiele dann am meisten Spaß gemacht, wenn ich gewonnen habe. Falsch wird es aber dann, wenn ich aus der gemachten Erfahrung, dass ich irgendwo mal besser als andere bin, den Schluss ziehe, dass der andere ein schlechterer Mensch ist. Falsch wird es, wenn ich den andern klein und dumm und unten lassen will, damit ich besser dastehe. Falsch ist die Denkweise, die nicht nur der Pharisäer in dem Gleichnis von Jesus hat: weil ich so toll bin, muss Gott mich einfach lieber haben als die anderen. Ich will lieb gehabt werden - möglichst lieber als andere. Das ist sehr menschlich. Das fängt bei Geschwistern an. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass einen da schon manchmal die Frage bewegt: Wen hat mein Papa, wen hat meine Mama eigentlich lieber? Und manchmal macht man dann auch so einen Wettbewerb im „Liebsein“, damit man lieb gehabt wird. Das macht der Pharisäer hier auch. Und ich glaube nicht, dass er damit bis heute allein da steht. „Du musst mich doch lieb haben, weil ich alles für dich tue! Und du musst mich nicht nur lieb haben, sondern die, die das so nicht machen, darfst du nicht lieb haben!“ Vielleicht kann man das Gebet des Pharisäers auch so verstehen. Ich hab’s verdient - im Gegensatz zu anderen. Aber Liebe kann man nicht verdienen. Respekt kann man sich verdienen und erarbeiten. Achtung vielleicht. Aber nicht Liebe. Liebe heißt auch, sich verletzlich machen. Sich selbst, das eigene Leben dem anderen anzuvertrauen - im Vertrauen darauf, dass der andere das nicht ausnutzt. Liebe heißt, sich fallenlassen können, auf Sicherheiten verzichten.

Vielleicht ist das der große Unterschied zwischen dem Pharisäer und dem Zöllner. Der Pharisäer vertraut nicht auf die Liebe, er vertraut Gott nicht wirklich, sondern er traut in erster Linie sich selbst und seiner Leistung. Der Zöllner lässt sich fallen: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Er weiß, dass er nichts vorzuweisen hat. Er weiß, dass er jede Menge Dinge falsch gemacht und Schuld auf sich geladen hat. Er gibt sich ganz in Gottes Hand. Er vertraut darauf, dass Gott seine Schwäche nicht ausnutzt. Und so kann die Liebe ihren Platz bekommen. Er vergleicht sich nicht, er macht andere nicht schlecht, um besser da zu stehen. „Hier bin ich. So bin ich. Hilf mir. Nimm mich an.“ Liebe, Gnade, Vergebung, das ist kein Wettbewerb, sondern Ausdruck einer guten, einer lebendigen Beziehung.

Es geht in diesem Gleichnis, das Jesus erzählt, nicht darum, dass es schlecht wäre, sich an Regeln und Gebote zu halten. Es ist ein Missverständnis, wenn man die Geschichte so auslegen würde, dass derjenige, der sich an die Regeln hält, von Gott nicht geliebt wird und der, der alles oder zumindest viel falsch gemacht hat, von Gott mehr geliebt wird. Wenn ich weiß, dass etwas gut und richtig ist, dann muss ich das auch machen. Wenn ich etwas falsch gemacht habe und ich dazu stehe, aber nicht bereit bin, mich oder mein Verhalten zu ändern, dann hat das gar nichts mit Liebe zu tun. Es geht darum, vom Leistungsdenken in der Liebe und im Glauben weg zu kommen. Tolle Leistungen sind gut - aber sie machen einen nicht zu einem liebenswerteren, besseren Menschen. Was uns zu echten Menschen macht, ist die Fähigkeit, zu lieben, Liebe anzunehmen, nicht gegeneinander auf Kosten anderer, sondern miteinander zu leben. Uns gegenseitig zum Leben zu helfen und Gottes Hilfe anzunehmen. Seine Liebe, die uns wieder zurechtbringen will, wenn wir uns verrannt haben. Und auch in dieser Liebe keinen Wettbewerb zu sehen, den wir gewinne müssten, sondern eine Einladung, wirklich Mensch zu werden. Uns ehrlich anzuschauen - mit Gottes Augen. Als liebenswerte, aber eben nicht immer nur gute Geschöpfe. Amen

Dienstag, 18. August 2009

Auf die Liebe, fertig, Los! 10. n. Tr., 16.08.09, Reihe I

Text: Mk 12-28-34

Liebe Gemeinde!
Kann man Liebe befehlen und verordnen? Wenn die Eltern oder die Freunde sagen: „Das wäre doch der richtige Mann oder die richtige Frau für dich, den oder die musst du heiraten!“ und bei einem selbst keine Gefühle da sind - dann wird es vermutlich schief gehen, wenn man es tut. Und selbst die scheinbar natürliche Liebe zwischen Eltern und Kind kann eben weder befohlen werden noch ist sie selbstverständlich. Malvin, Chanel und Michelle haben Glück gehabt - aber erst letzte Woche war wieder eine von leider viel zu vielen erschreckenden Meldungen in den Nachrichten, dass Eltern ihre Tochter haben verhungern lassen. Und ich glaube, dass man noch nicht mal bis zu diesen spektakulären Fällen gehen muss.Ich glaube, jedem von uns fallen Eltern ein, die mit ihren Kindern gar nicht liebevoll, vielleicht noch nicht einmal respektvoll umgehen und auch Kinder, die ihre Eltern weder liebe- noch respektvoll behandeln. Und damit meine ich nicht den Normalfall pubertierender Jugendlicher, die in einem schmerzhaften Prozess ihren eigenen Weg suchen und wo hinterher wieder Annäherung möglich ist, sondern vor allem längst erwachsene Kinder, die alles andere als liebe- und respektvoll sind. Liebe kann man nicht befehlen, sie ist leider auch nicht so selbstverständlich und natürlich, wie wir es oft gern hätten. Sie ist ein Geschenk, eine Gnade. Ist es deshalb vielleicht sinnlos, was Jesus in dem Gespräch, das wir als Predigttext gehört haben, dem Schriftgelehrten sagt, nämlich dass die unbedingte Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten wie zu sich selbst das höchste Gebot ist? Ist es Unsinn, dass der Schriftgelehrte das auch noch bestätigt und betont, dass uns nicht Äußerlichkeiten und Rituale zu Gott, dem Grund des Lebens, bringen, sondern die Liebe in dieser dreifachen Form - zu Gott, zum Nächsten, zu sich selbst? Nein, ich glaube nicht, dass es sinnlos oder unsinnig ist, so von Liebe zu reden. Vielleicht lenkt gerade diese scheinbar so widersprüchliche Art, von der Liebe zu reden, die Gedanken auf etwas Wichtiges. Liebe ist kostbar, nichts Selbstverständliches. Und wenn man nichts damit macht, nichts tut, dann wird sie verloren gehen.
Da ist einmal die erste Art der Liebe, von der Jesus und der Schriftgelehrte reden. Die Liebe zu Gott. Von ganzem Herzen, mit ganzer Kraft und Seele. Hier wird noch einmal extrem deutlich, dass man diese Liebe wirklich nicht befehlen kann. Glauben, in keiner Form, kann man herbeizwingen. Selbst im Koran, dem heiligen Buch der Muslime, die ja von vielen so oft mit Zwang im Glauben in Verbindung gebracht werden, steht der schöne Satz: „Zwang darf nicht im Glauben sein“. Zwang geht nicht - aber ich brauche eigenen Antrieb, eigene Initiative, wenn es um den Glauben und die Liebe zu Gott geht. Ich brauche den Mut, mich nicht auf messbare Lebenserfolge wie Geld, Ruhm und Ansehen zu beschränken. Den Mut, nicht dem Stärkeren einfach Recht zu geben. Den Mut, Nein zu sagen, wenn anderen gesagt wird: du bist nichts wert - als Hauptschüler, als Russe, als Behinderter, als… - da gibt es viel zu viel. Es braucht Mut und Kraft, sich nicht damit zufrieden zu geben, dass der Tod die letzte Macht im Leben hat. Es braucht Kraft, auch zu Zweifeln und Fragen zu stehen und Gott auch auf das anzusprechen, was man nicht versteht. Liebe kostet Kraft. Sie ist eigentlich nie der einfache, billige Weg. „du sollst Gott lieben mit allem, was zu dir gehört“ - das heißt nicht, du sollst dich zwingen lassen, an Gott zu glauben, sondern es ist die Aufforderung: Setz deine Kraft ein. Glaub nicht, dass es einfach und billig ist. Sei bereit, auch Anstrengungen, auch im Geist, auf dich zu nehmen. Ich finde es ehrlich, nicht so zu tun, als wäre alles immer nur einfach, sondern auch zu sagen: Glauben an Gott, der die Liebe ist, ist nicht der leichteste Weg im Leben. Äußerlichkeiten sind leichter. Auch wenn ich denke, meinen Glauben so zeigen zu können. Durch Opfer, durch Geldspenden, dadurch, dass ich auf eine bestimmte Art bete oder immer in die Kirche gehe. Das alles kann ein guter Ausdruck des Glaubens und der Liebe sein, aber das alles bleibt leer, wenn es an der inneren Beteiligung fehlt. as Wichtigste aber an dem, was Jesus und der Schriftgelehrte hier deutlich machen ist, dass es in der Beziehung zu Gott nicht nur um mich und mein ganz persönliches Seelenheil geht. Du sollst Gott lieben - investiere deine Kraft, keine Frage - und auch deinen Nächsten wie dich selbst. Gott lieben, an Gott glauben kann ich nicht, ohne dass ich die Menschen um mich herum nicht wahrnehme. Wenn ich sage: „Ich glaube an Gott und ich gehe in die Kirche und ich bete jeden Tag und lese immer in der Bibel“ und dabei meine Mitmenschen übersehe und sie wie Dreck behandle, dann nützt mir auch mein frommes Getue nichts. Gott und die Menschen gehören zusammen. Glauben, Religion, das ist was, was im Alltag spielt - oder es spielt eben keine Rolle mehr. Den Nächsten lieben - das heißt ja nicht, dass sich bei jedem, der mir begegnet, gleich Kribbeln im Bauch kriege, sondern dass ich ihn als Menschen sehe und seine Lebensmöglichkeiten fördere und mich da für ihn einsetze, wo er es bzw. mich braucht. Der springende Punkt bei alldem, bei der Liebe zu Gott und der Nächstenliebe, ist aber das Dritte, das hier nicht erst von Jesus erwähnt wird, sondern das ja schon im Alten Testament steht: „Liebe deinen Nächsten WIE DICH SELBST“. Es geht im Glauben nicht darum, sich selbst aufzugeben und als unwichtig ganz nach hinten zu stellen. Sondern es geht auch darum, sich selbst lieben zu lernen. Nicht selbstverliebt nur sich selbst zu sehen, sondern sich als liebenswert in der Gemeinschaft mit anderen zu erleben. Bevor wir überhaupt anfangen zu lieben - ob nun Gott oder Mitmenschen oder eben beide - dürfen wir wissen, dass wir geliebt werden. Bevor wir antworten können, hat Gott schon längst Ja zu uns, zu unserem Leben gesagt. Du bist was wert, du bist geliebt. Lieben, Liebe schenken, das kann nur der Mensch, der Liebe empfangen hat. Wer glaubt, nicht liebenswert zu sein, der kann zwar anderen Gutes tun, aber nicht wirklich lieben. Ich wünsche uns, dass wir durch die Art und Weise, wie wir miteinander leben
-
als Gemeinde, auf dem Richtsberg und in den Familien und Freundeskreisen, anderen Menschen helfen, zu entdecken, dass sie was wert sind, dass sie geliebt sind - auch von Gott. Dass wir der Liebe nicht im Weg stehen und sie verdunkeln, sondern dass wir sie selbst erleben und mit eigenem Leben füllen. Amen

Montag, 10. August 2009

Mehrwert - mehr Vertrauen! 9. n. Trinitatis, Reihe 1

Text: Matthäus 25,14-30

Liebe Gemeinde!
Es ist schon ein bisschen seltsam, dass ausgerechnet in einer Zeit, in der deutlich wird, dass die Gier, große Gewinne bei Geschäften zu machen, zum Zusammenbruch führt, ein Gleichnis, das Jesus erzählt, als Predigttext vorgesehen ist, in dem zwei dafür gelobt werden, dass sie das eingesetzte Geld verdoppelt haben und der, der vorsichtig war, rausgeschmissen wird. Gibt’s jetzt gewissermaßen doch göttlichen Segen für die, die den Sinn des Lebens darin sehen, möglichst viel Gewinn anzuhäufen und für sich selbst möglichst viel dabei herauszuholen?
Gott als der, der hohe Gewinne fordert - auf den ersten Blick kann man diese Geschichte von Jesus so verstehen. Ein Gott, der Angst vor dem Versagen macht. Aber wie so oft im Leben täuscht der erste Blick. Eigentlich geht es um das Gegenteil. Der unermesslich reiche Mensch im Gleichnis, den man sicher in vielem mit Gott vergleichen kann, ist zuallererst nicht der, der Angst macht, sondern der, der Freiheit und Vertrauen schenkt. Er vertraut seinen Knechten, seinen Sklaven, sein Vermögen an. Es ist für alle drei mehr, als jeder von ihnen je hätte sparen können, für den ersten sogar viel mehr, als er in seinem ganzen Leben als Lohn hätte bekommen können. Er gibt keine Drohungen mit, er setzt keinen Oberaufpasser ein. Er gibt ihnen einfach sein Vermögen und sagt: „Macht was draus!“ Und dann geht er weg, ist außer Landes, außer Reichweite. Für mich ist das ein sehr gutes Bild von menschlichen Erfahrungen mit Gott. Gott lässt uns Menschen Freiheit. Er ist nicht ständig als Oberaufseher da und sagt „Tu, dies, lass das!“ Er gibt den Menschen Möglichkeiten, was zu tun - aber er nimmt Menschen das Leben, das Handeln nicht ab. Dietrich Bonhoeffer, ein Pfarrer, der seinen Einsatz gegen die Nazis mit dem eigenen Leben bezahlt hat, hat einmal gesagt: „… wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, daß wir in der Welt leben müssen. … Gott gibt uns zu wissen, daß wir leben müssen als solche, die mit dem Leben ohne Gott fertig werden. … Der Gott, der uns in der Welt leben läßt ohne Arbeitshypothese Gott, ist der Gott, vor dem wir dauernd stehen. Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.“ Hört sich kompliziert an. Heißt aber nichts anderes, als dass wir Gott missbrauchen, wenn wir ihn als Lückenbüßer, Joker oder Oberaufpasser darstellen. Wir müssen in diesem Leben, in dieser Welt damit fertig werden, dass wir Gott nicht immer direkt begegnen und dass er manchmal ganz weit weg zu sein scheint. Und ganz praktisch: Wenn ich einem anderen Menschen helfe und ihm was Gutes tue, dann ist es für das Ergebnis zwar egal, ob ich das tue, weil ich Angst habe, dass Gott mich sonst bestraft oder ob ich es tue, einfach weil der andere da ist und Hilfe braucht und ich die Möglichkeit dazu habe. Aber es macht mich kaputt, wenn ich ständig Angst vor Strafe haben will. Gott will, und das macht auch diese Geschichte, die Jesus erzählt, klar, die Angst vor Strafe nehmen und uns frei dazu machen, wegen unserer Möglichkeiten und weil andere es nötig haben zu handeln. Angst vor Strafe schafft eine Welt, die wirklich wie ein Gefängnis ist und in der „Heulen und Zähneklappern“, wie es im Gleichnis heißt, sein wird. Der Punkt, um den es in dem Gleichnis, das Jesus erzählt, geht, ist, dass nicht der wirtschaftliche Misserfolg bestraft wird, sondern dass sich die Angst vor Strafe und die Angst vor Misserfolg, die dazu geführt hat, das Vertrauen nicht mit eigenem Handeln zu führen, praktisch selbst bestraft. Angst und Misstrauen schaffen eine Welt, die nicht lebenswert ist. Und erst recht gilt das für das, was Jesus hier „Himmelreich“ nennt. Wer in Gott nur den strafenden Prüfer und Oberaufpasser sieht, wer geschenktes Vertrauen nicht annehmen kann, der wird die Freiheit, die Gott schenkt, das Leben, das bei ihm möglich ist, das Gute nie erfahren. Aber in dem Gleichnis stecken noch mehr Dinge, die, wie ich finde, für den Alltag ganz brauchbar sind. Da ist das Aufräumen mit dem Missverständnis, dass die Gleichwertigkeit der Menschen gleichbedeutend mit der Gleichheit sein muss. Der reiche Mann im Gleichnis verteilt sein Vermögen nach den Fähigkeiten und Möglichkeiten, die die Einzelnen haben. Wer viel hat, wer viel kann, von dem kann man viel erwarten. Es gibt andere, deren Möglichkeiten sind beschränkter, da können die Erwartungen geringer sein. Menschen sind ungleich in ihren Voraussetzungen, Fähigkeiten, Talenten. Aber auch der mit weniger Möglichkeiten und Talenten bekommt das gleiche Vertrauen in seine Möglichkeiten und am Ende wird bei denen, die nach ihren Möglichkeiten ihre Talente und Fähigkeiten eingesetzt haben, kein Unterschied gemacht. Es kommt also nicht drauf an, darauf zu schielen, was der andere vielleicht mehr bekommt oder besser kann oder sich schlecht zu fühlen, weil man manches nicht kann oder weniger hat, sondern aus dem, was man hat, was zu machen. Jeder ist es wert, dass man ihm Vertrauen schenkt. Jeder, der mit seinen Möglichkeiten was gemacht hat, egal, wie viel herauskommt, wird in dem Gleichnis gleich wert geschätzt. Ob ich reiche Eltern habe, ein Studium gemacht habe oder ob ich in Armut, vielleicht ohne Eltern und vielleicht auch ohne Schulabschluss aufwachse: ich bin nicht mehr oder weniger wert. Auch wenn manches mehr Möglichkeiten eröffnet. Aber auch wenn ich wenig habe: ich kann was draus machen. Der Dritte in dem Gleichnis macht eben nichts aus dem Vertrauen, nichts aus dem, was er bekommt. Selbst wenn es zutreffen würde, dass der reiche Mann hart und ungerecht ist, was er ja nicht ist, hätte er mit seiner Angst einen sicheren Weg gehen können, wenigstens ein Minimum aus dem Vertrauen herauszuholen. Aber er bleibt, wie gesagt, in Angst und Misstrauen gefangen. Die Angst macht ihn blind. Wenn es in dem Gleichnis um das Reich Gottes geht, das noch nicht da ist, aber mit Jesus schon angefangen hat, dann wird deutlich, dass es darum geht, dass Vertrauen Früchte bringt, dass es nicht um ungerechten Gewinn, sondern um geteilte Freude geht, dass Gott nicht fesseln will, sondern Menschen in dieser Welt zum Guten in Freiheit leben lassen will. Und es geht darum, dass Menschen unterschiedlich leistungsfähig und doch gleich viel wert sein können. Dem Leben vertrauen weil Gott uns vertraut - schöne Aussichten, wie ich finde.
Amen

Sonntag, 12. Juli 2009

Vorbild? - 5. n. Trinitatis, Reihe I, 12.07.09

Text: Lukas 5,1-11

Liebe Gemeinde!

Was haben wohl seine Frau und seine Kinder gesagt, als Petrus eines Tages nicht mehr nach Hause gekommen ist? Als Fischer hat er die Familie ernährt, sicher hat die Familie nicht im Luxus gelebt, aber sie hatten durch den Beruf des Vaters ihr Auskommen. Und dann geht er weg. Geht mit einem, der ihn, so heißt es hier wörtlich, zu einem machen will, der Menschen fängt. Petrus war verheiratet, davon erzählt das Neue Testament. Und vermutlich hat er auch Kinder gehabt. Wenn er getrunken hätte und seine Familie verprügelt hätte, dann wären sie vielleicht froh gewesen, ihn endlich los zu sein. Aber so? Klar, er ist nicht wegen einer jüngeren Frau weggelaufen. Aber macht es das wirklich besser? Da kommt einer, kann offensichtlich toll reden, denn ihm wollten ja so viele zuhören, dass er das Boot von Petrus als Bühne brauchte, weil am Ufer nicht genug Platz war. Da kommt einer, erzählt von Gott, sagt: „Folge mir nach, du wirst Menschen fangen!“ Und schon lässt er sich einfangen und gibt alles auf.

Für Männer, die von Freiheit träumen, ist Petrus vielleicht eine Art Vorbild. „Das ist ein echter Kerl, der zieht sein Ding durch, ein Mann muss halt konsequent sein!“ Für Frauen, die ihre Kinder allein erziehen, weil sich der Erzeuger aus dem Staub gemacht hat, für Kinder, die ihren Vater kaum kennen, weil er sich einfach abgemacht hat, ist Petrus vielleicht höchstens ein weiteres Beispiel für „noch so einen Typen, auf den man sich halt nicht verlassen kann!“ Vielleicht war es nicht wirklich so dramatisch, die Bibel erzählt davon, dass Petrus später seine kranke Schwiegermutter besuchte und Jesus sie heilte. Aber mir macht diese Geschichte deutlich, dass wir uns vor zweierlei hüten müssen. Zum einen davor, zu leicht und zu schnell zu sagen: „Im christlichen Glauben geht es um die heile Familie, darin spiegelt sich Jesus wieder.“ Und zum anderen davor, so zu tun, als würde einen der Glauben an Gott davor bewahren, unbequeme Entscheidungen treffen zu müssen.

Natürlich ist es toll, wenn Familien funktionieren. Es ist schön, wenn beide Elternteile Verantwortung übernehmen und sich auch unabhängig von einem gemeinsamen Kind lieben. Aber ich finde es, gerade um der vielen Menschen willen, die eben, auch hier bei uns, keine in diesem Sinn heile Familie haben, wichtig zu sehen, dass Gott keine Lebensform bevorzugt und dass diejenigen, die eben nicht in heilen Familien leben, für Gott nicht minderwertig sind. Damit kein Missverständnis aufkommt: Das soll keine Entschuldigung für verantwortungslose Männer sein, sich abzumachen. Zum Kreis um Jesus gehörten, das wird an anderer Stelle deutlich, auch Frauen, die mit Männern sehr schlechte Erfahrungen machten.

Unbequeme Entscheidungen zu treffen, wenn es um den Glauben geht - auch darum geht es hier in der Geschichte von Petrus. Was steht an erster Stelle? Familie, Freundschaft - oder das, was wahr, richtig und für das Leben gut ist? Gott sei Dank ist das ja nicht unbedingt ein Gegensatz. Aber mich beschäftigt immer noch ein Fall von Kindesmissbrauch hier am Richtsberg, bei dem sehr lange geschwiegen wurde, um die Familie zusammenzuhalten. Oder die Frage, ob ich es sagen darf, wenn ein Freund klaut, Drogen nimmt, Schlägereien anzettelt, Schwächere mobbt - Wenn ich es ernst nehme, dass Gott die Liebe ist, dass Gott ein Gott des Lebens ist, dass der Glaube Menschen zum Leben führt, dann muss ich mich vielleicht manchmal gegen die Freundschaft, oder sogar gegen die Familie stellen. Unbequeme Wahrheiten sagen, auch deshalb, weil der andere nur dann eine Chance hat, sich zum Guten zu ändern, wenn er merkt, was falsch ist.

Wo jetzt schon mal das Stichwort „gut“ gefallen ist: Vielleicht fragt sich ja der eine oder die andere, wo in meiner Predigt das Gute bleibt, gerade heute, wo wir doch auch Taufe feiern? Ja, ich könnte noch mehr Negatives sagen: Darüber, dass ich es nicht gut finde, dass Petrus Menschen fangen soll. Glauben, das zeigt doch eigentlich die Art und Weise, wie Jesus mit Menschen umgeht, fängt Leute doch nicht gegen ihren Willen ein, sondern er öffnet ihnen die Augen, damit sie einen guten Weg finden und von falschen Wegen umkehren. In Freiheit, freiwillig, nicht gezwungen. Aber jetzt endlich zum Guten. Das Beste kommt eben zum Schluss. In dieser Erzählung von Petrus steckt als eine ganz wichtige, richtig gute Erkenntnis, dass der Mut, Vertrauen zu haben und Entscheidungen zu treffen, belohnt wird. Petrus war Fischer. In seinem Beruf weiß er, dass man Fische in einem See entweder frühmorgens oder spätabends und nachts fängt, wenn es kühler wird und die Fische wieder zur Wasseroberfläche kommen. In der Tageshitze fängt man nichts. Trotzdem hat er den Mut, Jesus zu vertrauen und sich nicht nur auf seine Erfahrung zu verlassen. Er wird nicht enttäuscht. Vertrauen lohnt sich - nicht, weil wir irgendwelche spektakulären Wunder erleben werden, sondern weil wir durch das Vertrauen in Gottes Liebe, in Jesus, Lebensmöglichkeiten im Überfluss bekommen. Dafür steht der große Fischfang. Überfluss nicht in dem Sinn, dass wir Paläste, Villen, Champagner und Diener bekämen, sondern in dem Sinn, dass wir immer wieder auch in schweren Situationen sehen werden, dass Leben möglich ist und Gott bei uns ist.

Mut zur Hoffnung, Mut zum Vertrauen, Mut auch zu unbequemen Entscheidungen, das wünsche ich nicht nur Anastasia (und Andreas), die wir heute getauft haben. Sondern das wünsche ich uns allen. Ich wünsche den Kindern und uns Erwachsenen, dass wir Halt in der Familie finden, keine Frage. Ich wünsche Anastasia, Andreas und uns allen, dass wir in ihr das erfahren, was in dieser Geschichte angelegt ist: dass wir sie als Ort erleben, an dem wir eigene Wege gehen können, der uns Raum dafür lässt und uns den Weg der Liebe, der Gerechtigkeit und der Wahrheit gehen lässt. Dass wir aber auch da, wo wir erleben, dass das anders ist, nicht die Biologie vor Liebe, Gerechtigkeit und Wahrheit stellen, sondern den Mut haben, auf dem Weg Jesu zu bleiben. Und ich wünsche uns, dass wir so offen werden für die Vielfalt der Lebensmöglichkeiten wie es die Gemeinschaft um Jesus war. Dass niemand sich schlecht fühlen muss, weil er anders leben will oder leben muss als wir es normalerweise richtig finden. Amen.

Sonntag, 5. Juli 2009

Respekt! - 05.07.09, 4. Sonntag nach Trinitatis, Reihe I

Text: Lukas 6,36-42

Liebe Gemeinde!
Wie ist das, wenn sie kritisiert werden, wenn ihr kritisiert werdet? Bleiben sie, bleibt ihr ruhig und sachlich? Sind die ersten Gedanken: „Ja, der andere hat vielleicht Recht?“ Oder macht die Kritik fertig, so etwa dass man denkt „Ich bin nichts wert, ich kann ja gar nichts!“? Oder ist die Reaktion auf Kritik meistens, dass man dem Kritiker sagt: „Was willst du denn, bei dir ist das doch auch so, du brauchst mich gar nicht zu kritisieren, du kannst oder machst das ja auch nicht besser!“ Oder ist die Reaktion vielleicht die, dass einem Kritik grundsätzlich nichts ausmacht, weil man denkt: „Mir kann ja doch keiner was, ich bin halt so und so wie ich bin, bin ich toll!“
Urteile von anderen zu hören und auszuhalten und richtig damit umzugehen, das ist nicht immer einfach. Und noch viel schwerer ist es, andere zu beurteilen und andere gerecht positiv oder negativ zu kritisieren. Vielleicht lobt man andere öffentlich viel zu viel aus Angst, dass dann, wenn man das, was einem nicht gefällt, auch laut sagt, man selber auch negativ beurteilt wird. Oder man kritisiert ständig ganz hart und merkt gar nicht, dass man anderen damit weh tut oder dass der andere aus ganz verschiedenen Gründen gar nicht den Ansprüchen, die man stellt, gerecht werden kann.
Man kann es mit dem halten, was Jesus sagt und was ich eben vorgelesen habe: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ Aber es ist falsch, wenn man aus dem, was Jesus sagt, einfach den Schluss zieht: „Verzichtet drauf, Schlechtes schlecht und Böses böse zu nennen, damit ihr nett behandelt werdet.“ Und es ist auch falsch, wenn man so einfach den Schluss zieht: „Wie du mir, so ich dir“ oder: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus.“ Natürlich ist es so, dass einem andere Menschen eher nett, freundlich und aufgeschlossen begegnen, wenn man so auf andere zu geht. Aber aus Angst vor einem Urteil über sich selbst auf Wahrheit verzichten, das ist nicht im Sinne Jesu. Mich hat am letzten Dienstag eine Konfirmandin gefragt, warum Gott Adolf Hitler und das Böse, das er und andere mit ihm gemacht haben, zugelassen hat. Eine Antwort ist nicht leicht. Aber Menschen sind keine Marionetten Gottes, sondern haben ihre Freiheiten und können Freiheit auch zum Bösen missbrauchen. Und weil zu viele Menschen die Freiheit, die sie haben, nicht genutzt haben und das Böse, dass sie in Hitler gesehen haben, so nicht öffentlich benannt haben und gegen das Böse aufgestanden sind, konnte sich das so durchsetzen. Wenn wir uns nicht mehr auf die Suche nach der Wahrheit, nach dem Guten, nach dem, was Leben möglich macht und voran bringt, machen, wenn wir uns nicht mehr trauen, gut und böse zu unterscheiden, dann wird die Lüge, dann wird das Böse wirklich mächtig werden. Weil niemand sich traut, zu widersprechen. Jesus war anders. Er hat Klartext geredet. Es geht deshalb auch in dieser Rede von Jesus nicht darum, aus Vorsicht oder aus Angst nett und lieb zu allen zu sein. Es geht aber darum, in seinem Urteil nicht nur auf andere zu zeigen, sondern auch das eigene Versagen und die eigene Schuld wahrzunehmen. Es geht darum, keine endgültigen Urteile über Menschen zu fällen und sie nicht auf ihre Fehler und ihre Schuld festzunageln. Es geht um Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit und Großzügigkeit. Es geht darum, ein Stück weit zu lernen, den anderen Menschen mit Gottes Augen sehen zu lernen.
Ein gutes, weil leider viel zu oft alltägliches, Beispiel ist für mich der Umgang von manchen Erwachsenen mit Jugendlichen und umgekehrt. Manche Erwachsene sehen in Jugendlichen zuallererst Störenfriede, die die gewohnte Ordnung durcheinander bringen. „Sowas hätte es früher nicht gegeben! Die Jugend von heute! Die sollten mal so werden wie wir waren!“ Mal abgesehen von der Frage, ob man als Erwachsener früher wirklich immer anders war als Jugendliche heute, ist es auch zu einseitig, immer nur das Negative zu sehen und gar nicht dran zu denken, dass Leben heute auch anders ist und vor anderen Herausforderungen steht als vor 30 oder 50 oder 70 Jahren. Meinen Maßstab als Erwachsener setze ich als absolut richtig - und dem müssen alle genügen, sonst sind sie böse. Umgekehrt gibt es aber auch nicht gerade ganz wenige Jugendliche, die sehen in Erwachsenen nur die „Alten, die sowieso keine Ahnung haben“. Diejenigen, deren Leben bald vorbei ist und die nichts mehr können und kapieren. Alles, was nicht jugendlich, scheinbar modern und locker ist, zählt nicht. Das ist genauso falsch. Immer, wenn die eigenen Maßstäbe absolut gesetzt werden, wenn ich nichts neben mir sehen will und gelten lasse, dann werde ich zum Diktator und richte mich mit meiner Umbarmherzigkeit eigentlich selbst. Respekt und Toleranz, die keine leeren Floskeln sind, fangen da an, wo ich bereit bin, mich von anderen in Frage stellen zu lassen und wo ich andere in Frage stellen kann, ohne ihnen das Menschsein abzusprechen. Im konkreten Fall heißt das, dass ich mich als Erwachsener von Jugendlichen schon mal fragen lassen muss, ob ich nicht im Laufe meines Lebens zu bequem geworden bin, ob nicht meine scheinbare Ruhe und Erfahrung nur getarnte Bequemlichkeit sind. Und dass ich mich als Jugendlicher auch anfragen lassen muss, ob meine Freiheit, die ich mir nehme, in Wirklichkeit ganz einfach Ignoranz, Faulheit und Respektlosigkeit ist. Das, was ich von anderen fordere, muss ich auch bereit sein, andern zu geben. Nichts anders fordert Jesu hier. Aber nicht um den Preis der Vernichtung, des Besiegens und der Rechthaberei, sondern um den Preis des Zurechtbringens auf den Weg der Liebe, den Gott gezeigt hat.
Das ist doch sein großes Geschenk an uns. Die ganzen Hinweise und manchmal ja auch nötigen Ermahnungen, die Jesus hier gibt, die ergeben ja erst dadurch Sinn, dass Gott uns schon vorher genauso, nämlich mit überfließender Liebe und Vergebung, begegnet. Der entscheidende Satz, ohne den alles andere zusammenfällt, ist der, dass Gott uns ein überfließendes Maß, überreichlich schenken wird. Überreichlich viel Liebe und Vergebung. Gott rechnet nicht kleinlich auf, sondern er gibt im Voraus. Die Frage ist halt, wie wir mit diesem Geschenk umgehen. Ob wir sagen: „Natürlich stehen mir Geschenke zu. Natürlich ist es richtig, dass ich geliebt werde. Natürlich ist es richtig, dass man bei mir auch großzügig mit dem Vergeben ist, denn: „Nobody is perfect!“ Aber: andere haben mir gegenüber gefälligst ihre Schulden genau zu bezahlen und sie haben sich genau an die Regeln zu halten, die ich für richtig halte und wehe, da sind Abweichungen dabei“ oder ob wir sagen: „Die Liebe, die mir geschenkt ist, kann ich locker weitergeben. Ich muss nicht auf meinem guten Recht bestehen, ich kann verzeihen, auf andere zugehen, anderen zuhören, nicht großzügig über Fehler und Schuld hinwegsehen, sondern großzügig vergeben!“ Die Maßstäbe, die ich anlege, die Art, wie ich mit dem Geschenk der Liebe umgehe, spielen dann auch eine Rolle dafür, wie ich nicht nur von anderen, sondern auch von Gott wieder angeschaut werde. Der Knackpunkt, das wirklich Schwierige dabei ist, Großzügigkeit nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Gleichgültigkeit tötet die Liebe. Leider leben wir, so empfinde ich es oft, in einer Zeit, in der Respekt mit Angst und Großzügigkeit und Toleranz mit Gleichgültigkeit verwechselt werden. Freiheit, Klarheit und Liebe sind schwerer zu Leben als Gesetz, Härte und Strenge. Aber wenn wir Gott wirklich als die Liebe predigen und als Christen versuchen, ihn so eben auch durch unser Leben und unseren Umgang miteinander vor zu leben, können wir nicht auf den Weg der Härte und des Gesetzes zurück, ohne Glaubwürdigkeit zu verlieren. Aber wir dürfen eben auch nicht übersehen, dass der Grat zur Gleichgültigkeit schmal ist. Jesus sagt ja nicht: „Behalte den Balken in deinem Auge und lass dem anderen den Splitter in seinem Auge“ - und auch nicht: „Zieh den Balken aus deinem Auge, was beim anderen ist, geht dich nichts an!“, sondern: „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und hilf dann dem anderen, den Splitter aus seinem Auge zu entfernen!“ Fang bei dir an, räum weg, was der Liebe, der Toleranz, der Großzügigkeit im Weg steht - aber dann mach die Augen auf für den anderen und hilf ihm, Gottes Weg, den Weg der Liebe, des Respekts, der Toleranz und Großzügigkeit als den Weg zum guten, zum echten Leben zu sehen und zu gehen.

Dienstag, 30. Juni 2009

Klartext! - 3. n. Tr. Reihe I, 28.06.09

Text: Lukas 15,11-32

Liebe Gemeinde!
Und wie geht es dann weiter, wenn die Kinder groß sind? Noch sind Amely und vor allem Noel in einem Alter, in dem sie zwar langsam einen eigenen Kopf und Willen entwickeln, aber trotzdem doch noch eine ganze Weile meistens das machen werden, was ihre Eltern ihnen sagen und als gut und richtig vorleben. Aber wie wird das sein, wenn sie im Alter von Feli oder Kata, von den Konfis sind, oder noch älter, 18, 22, 30? Werden sie dann immer noch machen, was gut und richtig ist? Werden sie immer noch auf einem Weg sein, den die Eltern gut finden oder werden sie ganz woanders landen?
Ich glaube, das schwierigste am Elternsein - und vielleicht auch am Pfarrersein, am Lehrersein, am Kirchengemeindesein - ist das Loslassen. Kinder, Jugendliche, manchmal ja auch Erwachsene loszulassen und sie einen Weg gehen zu lassen, mit dem man ganz und gar nicht einverstanden ist. Das tut weh, wenn man merkt, dass der Weg richtig schlecht ist. Deshalb habe ich jede Hochachtung vor dem Vater in der Geschichte, die wir gerade gehört haben. Er zickt nicht lange rum, er macht dem Sohn keine Vorwürfe und gibt keine gut gemeinten Ratschläge. Er lässt ihn seinen Weg gehen. Ich könnte das nicht. Die Geschichte ist ja auch ein Gleichnis, das Jesus erzählt, um den Menschen klar zu machen, wie Gott ist. Wenn der Vater also sozusagen für Gott steht, dann heißt das auch ganz klar: im Glauben darf kein Zwang sein. Ich kann niemanden dazu zwingen, an Gott zu glauben und ein Leben zu führen, in dem deutlich wird, dass er ein Christ ist. Ich muss damit leben, dass es Menschen gibt, denen meine Werte nicht wichtig sind.
Was jetzt in der Geschichte kommt, das könnte man missbrauchen. Ich könnte als Pfarrer, man könnte als Eltern oder Lehrer ganz einfach sagen: „Hör gut zu, das wird dir passieren, wenn du von Gott weggehst, aus der Gemeinde rausgehst, die guten Ratschläge der Eltern nicht befolgst!“ Aber Jesus erzählt das Gleichnis nicht als Moralkeule, mit der alle, die irgendwie abweichen, erschlagen werden sollen. Ihm geht es darum, eine Einladung für die auszusprechen, die sich verrannt haben und ganz unten sind. Das, was dem Sohn passiert, erzählt vom Leben. Von Freunden, die abhauen, wenn die Party vorbei ist. Von dem vergeblichen Versuch, sich mit Geld Liebe kaufen zu wollen. Mit Nutten bringt er das Geld durch. Sex kann man kaufen. Triebe kann man mit Geld befriedigen. Aber die tiefe Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit, Anerkennung die ist nicht käuflich. Das merkt er, als es zu spät ist. „Als Pfarrer dürfen sie doch so ein Wort wie Nutten nicht sagen“ hat jemand aus der Konfergruppe gesagt. Aber das Leben ist eben nicht immer ein schöner Ponyhof. Jesus redet Klartext. Und als Pfarrer oder Kirchengemeinde muss man auch klar von den harten und weniger schönen Seiten im Leben reden. Bei seinem Versuch, sich ein gutes Leben kaufen zu wollen, rutscht der jüngere Sohn noch unter die Schweine ab - man muss wissen, dass Schweine für Juden unreine Tiere sind und dass das wirklich die Extremform von Armut und Verletzung der Menschenwürde damals war. Tiefer kann man nicht sinken. Und da, ganz unten, passiert etwas. Er erinnert sich an seinen Vater und daran, wie gut der selbst zu seinen Arbeitern ist. Als Sohn traut er sich nicht zurück, aber vielleicht hat er als Arbeiter eine Chance. Er kommt zurück, wir kennen die Geschichte ja, der Vater ist total gerührt, macht eine Riesenparty für ihn, er darf wieder Sohn sein, Friede, Freude, Eierkuchen! Pustekuchen! So einfach geht’s nicht. Mindestens aus zwei Gründen. Erstens könnte man, wenn man es sich so einfach macht, ganz leicht auf die Idee kommen: „Egal was ich verbockt habe, egal wie viel wirklich schlechtes Zeug ich gemacht habe: Mein Vater, meine Mutter, Gott, egal wer, muss mir vergeben. Steht ja so in der Bibel.“ Wer so denkt hat nicht kapiert, was der Sohn kapiert hat. Es gibt keinen Anspruch auf Vergebung. Vergebung ist ein unverdientes Geschenk. Der Sohn stellt überhaupt keinen Anspruch und er zeigt echte Reue. „Ich habe gegen dich und gegen Gott gesündigt, ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Er steht nicht nur zu seinen Fehlern, sondern er weiß, dass er damit wirklich Grenzen überschritten hat. Die Sünde gegen Gott, die besteht nicht darin, dass er nicht auf den Vater gehört hat. Sie besteht darin, dass er nur sich selbst und seine Welt, seinen Willen sehen wollte. Jesus sagt an anderer Stelle mal: „Eigentlich gibt es nur zwei Gebote, die wirklich wichtig sind: Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Diese drei Pole der Liebe: Die Liebe zu Gott, die Nächstenliebe und die Liebe zu mir, die gehören zusammen. Ich kann nicht eins wegnehmen ohne dabei schuldig zu werden. Der Sohn steht zu seiner Schuld und verlangt nichts. Wir machen es uns zu einfach, wenn wir oft ganz schnell sagen: „Ich hab ja meine Fehler gebeichtet, jetzt muss aber wieder gut sein!“ Es muss halt gar nichts. Und hier kann es auch entlastend sein, sich noch mal klarzumachen, dass der Vater in der Geschichte auch für Gott steht. Gott kann vergeben. Er ist die Liebe. Aber wir Menschen sind nicht Gott. Es gibt Dinge, da können Menschen vielleicht nicht vergeben. Wenn ein Kind von seinem Vater vergewaltigt wird. Wenn jemand ein Kind umbringt. Ich kann nicht dem Vergewaltigungsopfer oder den Eltern befehlen: „Du musst vergeben“ nur weil sich der Vergewaltiger oder der Mörder eines besseren besonnnen hat und dazu steht, dass er mit seiner Tat wirklich Schuld auf sich geladen hat. Gott ist nicht überfordert mit Liebe und Vergebung. Menschen manchmal schon. Da ist dann auch der zweite Grund, warum es zu einfach ist, alles nur schön zu sehen. Der ältere Bruder. Er will Gerechtigkeit. Vergebung ist ungerecht. Immer. Weil sie drauf verzichtet, aufzurechnen und Schuld wirklich zu bezahlen. Wir suchen und wollen Gerechtigkeit. Aber wir brauchen Vergebung. Immer wieder. Wie kann man enttäuschtes und missbrauchtes Vertrauen wieder gut machen? Vieles kann man nicht wieder gut machen. Höchstens beim nächsten Mal besser oder anders. Ich finde es gut, dass Gott vergibt. Ich finde es gut, dass Liebe in Geschenk ist, das nicht gekauft werden kann. Und ich wünsche uns allen, dass wir das in unserem Leben erfahren. Amen.

Dienstag, 16. Juni 2009

Ey, du kommst hier nicht rein - Himmel und Hölle, 1. n. Trinitatis, Reihe I

Text: Lk 16,19-31

Liebe Gemeinde!

Kata, wärst du bereit, auf dein Handy zu verzichten, es zu verschenken? Wärst du bereit, deine Lieblingsklamotten alle wegzugeben und nur noch altes, abgetragenes Zeug zu tragen? Würdest du freiwillig auf Taschengeld und Geschenke verzichten? Wie sieht’s mit ihnen aus, Herr… / Frau…? Wären sie bereit, auf ihre Rente zu verzichten, die Möbel zu verschenken? Und wie sieht’s bei dir aus, Ulrich Kling-Böhm? Wärst du bereit, auf das, was du dir als Altersvorsorge gespart hast, einfach zu verzichten, Würdest du das, was du jetzt machst, auch machen, wenn du kein Geld dafür bekommen würdest? Egal, wen ich frage, ob andere oder mich selbst: freiwillig auf alles verzichten, auf alles, was man sich erarbeitet oder geschenkt bekommen hat, auf alles, was das Leben irgendwie schön und angenehm und leicht macht, nein, das kommt wohl kaum in Frage. Kommen wir jetzt alle in die Hölle, weil wir was besitzen? Kommen nur die in den Himmel, die richtig arm sind, die richtig krank sind, denen es so dreckig geht, dass man ihnen das ansieht, die niemand anschauen will, die nach den Maßstäben der Mehrheit so richtig hässlich sind? Wenn man die Geschichte vom reichen Mann und vom armen Lazarus so liest, dann könnte man auf genau diese Idee kommen. Der, der was hat, der kommt in die Hölle - und kriegt als Begründung zu hören: dir ging’s doch in deinem Leben gut, da hast du deine Belohnung schon gehabt. Und dem, dem es so richtig schlecht ging, dem winkt das ewige Verwöhnprogramm im Himmel. Schlechte Aussichten für uns, oder? Selbst die Ausrede: „Aber andere haben doch viel mehr. Schau dir doch nur mal die Manager an, die Banken oder Konzerne in die Pleite führen, die Arbeitsplätze vernichten und dann noch Millionen haben wollen! Schau dir doch mal die völlig überbezahlten Sportprofis an oder dir Reichen, die uns in Pro 7, RTL oder anderswo vorgeführt werden, die mit ihrem Besitz angeben! Ich bin doch gar nicht so!“ Selbst diese Ausrede zeiht nicht wirklich! Im Vergleich zu Millionen Afrikanern ist selbst ein Hartz IV Empfänger in Deutschland sehr wohlhabend und es geht ihm im Vergleich zu den Menschen, die im Gaza-Streifen oder in Flüchtlingslagern fast ohne medizinische Versorgung und in ständiger Sorge um ihr nacktes Leben existieren müssen, gut.

Ich finde, das führt zu nichts. Für 99,999% der Weltbevölkerung ist es leicht, jemanden zu finden, der noch reicher ist, dem es noch besser geht - und mindestens 98 % der Bevölkerung in Europa kann man ohne Mühe jemanden zeigen, dem es auf der Welt noch viel, viel schlechter geht. Das, was Jesus hier erzählt, ist extrem radikal. Aber die Grundfrage ist nicht: Wie viel Besitz hast du und ab welcher Besitzmenge kommt man in die Hölle beziehungsweise wie arm muss man sein, damit man in den Himmel kommt? Die Grundfrage ist die: „Wie gehe ich mit Besitz um? Welche Rolle spielt Besitz in meinem Leben und für mein Leben?“ Für mich wird das zum Beispiel am Ende dieser Geschichte deutlich, wenn Abraham ablehnt, einen Boten zu schicken, der die Brüder warnt. Seine Antwort ist ganz einfach: sie brauchen das Jenseits nicht. Gott hat schon so viele Hinweise gegeben, was zu ihm führt und was von ihm wegführt, dass man aus dem genug sehen kann. Und in diesen Hinweisen, in den Worten der Propheten, in dem was im Neuen Testament von Jesus überliefert ist, steht zwar sehr wohl, dass Besitz immer wieder dazu verleitet, von Gott weg zu kommen. Aber es steht nicht drin, dass totale Armut was Tolles sei. Es steht nicht drin, dass es prima sei, wenn man krank ist und wenn alle einen verachten. Den Propheten geht es doch darum, dass die Armut beseitigt wird, Jesus geht es doch darum, dass Krankheit weggeht und Menschen wirklich genug zum Leben haben. Es geht in der Bibel, es geht für Gott, für Jesus, nicht um irgendwelche absoluten Zahlen, die einen berechnen lassen, was Gott mit einem vorhat. Vor dem Tod und nach dem Tod. Es geht vielmehr um zweierlei:

Erstens geht es darum, ohne wenn und aber deutlich zu machen, dass Gott auf der Seite der Menschen steht, die von anderen vergessen werden. Auf der Seite der Menschen, die leiden. Auf der Seite der Menschen, von denen andere sagen: „Mein Gott, sind die eklig“. Auf der Seite der Menschen, denen andere verweigern, ihnen das zum Leben Nötige zu geben. Auf der Seite der Menschen, die arm, dreckig und krank gemacht werden. Da ist Gott. Da ist Jesus. Ob wir das gern hören oder nicht. Das ist das Erste.

Und das Zweite: Das ist für mich die Frage, was der Besitz, was das Besitzenwollen mit unserer Seele macht. Von klein auf wird uns oft beigebracht, dass das Besitzenwollen und das Haben das Leben besser und sicherer macht. Mit der richtigen Kleidung, mit dem richtigen Handy, mit dem richtigen Auto, mit der richtigen Altersvorsorge wird das Leben lebenswert und schön. Der reiche Mann in der Geschichte, der ruht sich auf seinem Besitz aus, der gibt an, der sieht nicht, dass Besitz auch Verpflichtung ist. Ich glaube nicht, dass er uns furchtbar fern und fremd ist. Besitzenwollen und damit angeben, sich darauf was einbilden - das ist sehr menschlich. Und wenn’s darum geht, die schönste Frau oder den tollsten Mann, die besten Kinder zu haben. Oder die schönste Kirche, den besten Pfarrer oder, oder, oder… Und selbst wenn jemand bereit ist, seinen ganzen materiellen besitz abzugeben und zu verzichten - dann heißt das noch nicht, ein Leben ohne Besitzansprüche zu führen. Jetzt habe ich mir das Himmelreich verdient, jetzt habe ich mir das Ansehen der Leute verdient, jetzt kann ich mich verdientermaßen einen guten Menschen nennen. Paulus sagt einen klugen Satz: „Auch wenn ich meinen ganzen Besitz den Armen geben würde, aber keine Liebe dabei hätte, wär’s völlig umsonst“. Die Seele wird leichter und Leben gelingt besser, wenn ich frei werde von dem Wunsch, immer mehr für mich zu besitzen, wenn ich frei werde von der falschen Überzeugung, mir Sicherheit selbst herstellen oder sogar kaufen zu können. Aber schaffe ich das? Ist das realistisch, ist das menschlich? Schaffe ich es, mich unabhängig von dem zu machen? Schaffe ich es, mich dem, was mir dauernd überall gesagt wird, dass ich mir was aufbauen muss, dass ich was haben muss, damit ich gut und sicher leben kann, etwas entgegenzusetzen? Keine Ahnung! Ich merke bei mir selbst, wie schwer das ist. Aber ich merke auch, dass es wichtig ist, so einen Stachel wie den Predigttext heute zu haben. Wie gesagt, es geht nicht darum, dass Armut toll ist. Es geht auch darum, den Armen, den Bedürftigen, den, der nichts gilt - mal ganz platt: den Assi, die Pickelfresse, wahrzunehmen und die eigenen Möglichkeiten auch für ihn einzusetzen. Und ihm zu zeigen, dass Gott auf seiner Seite ist. Und das auch für sich zu akzeptieren. Für mich ist es, und da muss ich ganz politisch werden, ein Skandal, dass das so genannte christliche Abendland alle Grenzen dicht macht und es viel zu vielen egal ist, was mit den Bootsflüchtlingen zum Beispiel aus Afrika passiert. Für mich ist es aber auch keine Lösung, einfach zu sagen: Kommt alle her, wir sind ja reich. Für mich ist die christliche Antwort auf die Herausforderung der Armut, den Menschen dort, wo sie sind, Möglichkeiten zu eröffnen, ein menschenwürdiges Leben, ein Leben, in dem nicht die Sorge um das Überleben das Bestimmende ist, möglich zu machen. Das zehrt auch an unserem Reichtum, weil wir dann zum Beispiel faire Preise für das, was wir anziehen oder verbrauchen zahlen müssten.

Mich macht der Predigttext heute wirklich unruhig. Weil er mir sehr deutlich zeigt, wie weit ich davon weg bin, Patentrezepte für ein gutes Leben zu haben. Wie weit ich doch gefangen bin in dem Wunsch, mich absichern zu wollen, wie froh ich über das bin, was ich habe.

Aber ich glaube, dass Unruhe gut ist. Weil sie mit dazu hilft, dass ich mich bewege, dass ich nicht bequem werde und sage: da kann ich ja nichts machen. Weil sie mir zeigt, dass ich eigentlich nichts von mir, aber alles von Gott erwarten und erhoffen muss - aber auch darf.

Amen.

Montag, 8. Juni 2009

In den Spiegel schauen - 07.06.09, Begrüßung neue Konfirmanden

Text: 1. Kor 12,12-26

Liebe Gemeinde!
Was fällt euch, was fällt ihnen zuerst ein, wenn man fragt: „Was kannst du eigentlich gut?“ Fällt einem da zuerst das ein, was man wirklich gut kann? Oder fällt einem da erstmal das ein, was man alles nicht kann? Ich kann erstmal nur von mir reden. Meistens fällt mir erstmal alles ein, was ich nicht kann. Und ich glaube mal, dass es nicht nur mir so geht. Selbst wenn einem was einfällt, was man gern macht und gut kann: meistens traut man sich gar nicht, das laut und öffentlich zu sagen. Die meisten wollen ja nicht als Angeber dastehen. Und außerdem: selbst wenn man gern und gut Fußball spielt, gibt es viele, die es besser können. Selbst wenn man gut tanzt oder gut singt oder ein Instrument gut spielt: immer fallen einem viele ein, die es besser machen und können. Ob’s ums Backen oder Predigen, ums Zuhören und Ratschlag Geben oder ums Turnen, ums Rechnen oder ums Malen geht: den meisten fallen immer Leute ein, die das, was man selber kann, besser können. Die wenigsten trauen sich, so richtig zu dem zu stehen, was sie gut können. Aus Angst, als Angeber dazustehen. Aus Angst, von anderen ständig gesagt zu bekommen: aber der Marc oder die Jessica oder Herr Schulze oder Frau Müller können das doch viel besser. Manchmal auch ein bisschen aus Neid auf das, was andere können und man selbst gern können würde, aber nicht kann. Schade eigentlich. Schade, dass oft so viel Angst davor da ist, was zu sagen, zu machen und sich etwas zuzutrauen und zuzumuten. Schade, dass oft alle das Gleiche sein wollen oder machen wollen oder für wichtig halten.
Die Bibel ist ein ziemlich altes Buch. Und die Sprache hört sich auch nicht immer so ganz modern an. Manchmal traut man sich vielleicht gar nicht, in der Bibel zu lesen, weil man denkt, dass man das sowieso nicht versteht. Manchmal vergeht einem die Lust, weil die Sprache so kompliziert zu sein scheint. Schade, man verpasst was. Denn in diesem dicken, alten Buch stehen viele Gedanken, Geschichten und Ideen, die alles andere als unmodern sind. Zum Beispiel das, was ich eben vorgelesen habe und was in Konfer auch schon mal Thema war. Klar, heute spricht niemand mehr so wie Paulus geschrieben hat. Aber das, worum es geht, ist alles andere als unmodern. Paulus sagt eigentlich nichts anderes als „Lass dich nicht irre machen! Steh zu dem, was du bist und was du kannst. Versuche nicht, andere nachzumachen. Lass dir nicht einreden, dass das, was du kannst, weniger wert ist. Du bist wichtig. Mit dem, was du kannst.“
Ich finde das Bild, das Paulus hier benutzt, um klar zu machen, wie die Gemeinschaft, die durch Jesus geschenkt wird, funktioniert und ist, wirklich gut: ein Körper. Gemeinschaft durch Jesus ist etwas Lebendiges. Wie ein Körper halt. Das Entscheidende an dieser Gemeinschaft mit Gott, mit Jesus, ist nicht, dass sonntags der Pfarrer predigt und alle still sitzen und zuhören. Das ist vielleicht ein kleiner Teil davon, mehr nicht. Das Entscheidende ist auch nicht, dass andere so begeistert davon sind, dass Jesus sich um Kranke und Arme gekümmert hat und zum Beispiel nach Afrika oder Asien gehen und sich dort um Arme und Kranke kümmern. Das Entscheidende ist auch nicht, dass Menschen ihre kranken oder alten Nachbarn besuchen, weil sie so auch ihren Glauben ausdrücken oder dass sie handwerklich geschickt sind und sagen: „Mensch ich kann für die Gemeinschaft was Gutes tun und in der Kirche, in Kindergärten oder woanders Dinge reparieren!“. Das Entscheidende ist, dass eben nicht einer allein sein kann und einer allein alles machen muss, sondern dass sich erst durch die lebendige Vielfalt der verschiedenen Begabungen und Möglichkeiten so ein bisschen zeigt, was Gemeinschaft mit Jesus, was Glauben an Gott und Leben als Christ heißen kann. Weder die Thomaskirche noch die Elisabethkirche noch ein Kirche in Südafrika oder den USA, weder Ulrich Kling-Böhm noch Rainer Dorn oder Friedrich Leipi oder Feli oder Andreas aus der Konfergruppe sind für sich genommen das richtige Bild dafür und zeigen, was Christsein heißt. Erst da, wo alles zusammenkommen kann, wo Unterschiede bei den Einzelnen, bei den Gemeinden und Kirchen, sein dürfen und sein müssen, wo jeder seinen Platz findet, erst da fängt so etwas wie Gemeinschaft in und durch Christus an. Die Thomaskirche ist nicht die ideale Kirche. Aber ohne die Thomaskirche würde dieser Gemeinschaft was fehlen. Ich bin nicht der ideale Pfarrer. Aber ohne mich würde der Gemeinschaft was fehlen. Anna ist nicht die perfekte Konfirmandin. Aber ohne Anna würde nicht nur der Konfergruppe, sondern der Gemeinschaft was Wichtiges fehlen. Gemeinschaft mit Gott und durch Gott zu haben heißt nicht, dass alle gleich sein müssen oder gleich sein sollen, sondern dass alle gleich viel wert sind. Ich hoffe, dass sich das auch in unserer Gemeinde und in der Konfergruppe widerspiegelt.
Für mich ist das Bild vom Körper aber auch sonst ein gutes Bild: Wenn es nur wenige Körperteile geben würde, dann kämen ziemliche Monster heraus. Viele Augen, die zwar sehen und erkennen, was jetzt gerade wichtig ist, aber keine Hände, die das auch tun können. Viele Münder, die was Gutes und Richtiges sagen oder gut küssen können und so für die nötige Liebe sorgen, aber keine Füße, die einen vorwärts bringen. Und außerdem: erst dadurch, dass ich nicht von mir glaube, alles machen oder können oder für alles verantwortlich sein zu müssen, ist der Platz für andere da. Für andere, die anders sind, denken, reden handeln - und die gerade deshalb notwendig sind.

Das Bild vom Körper ist für mich so etwas wie ein gutes Mobbingvorbeugungsprogramm. Mobbing, das Schlechtmachen von anderen, das entsteht meistens dadurch, dass ich für mich zu wenig Selbstbewusstsein habe und neidisch auf das bin, was andere haben oder Angst davor habe, dass andere anders sind, weil ich nicht weiß, wie ich damit umgehen soll. Dass ich glaube, die anderen nehmen wir was weg. Oder dass ich bei denen etwas entdecke, was ich an mir nicht leiden kann und um das zu überspielen auf die anderen draufhaue, damit das niemand bei mir entdeckt. Gott hat MIR meinen Platz gegeben, um den muss ich nicht kämpfen. ICH bin wichtig. Mit dem, was ich kann - und das, was ich nicht kann, dafür sind dann andere da. Es ist gut, dass es Unterschiede gibt. Wenn ich das wirklich akzeptieren kann, ich glaube, dann wird es immer schwerer für Menschen, sich gegenseitig durch Mobbing das Leben schwer zu machen. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Auch in der Kirche, auch unter Christen, vermutlich auch unter Konfis.
Der Weg ist vielleicht aus deshalb weit, weil keiner von uns den Überblick hat. Das gehört zum Bild des Körpers mit dazu. Ich kann als Teil des Körpers mich nicht sozusagen verabschieden und mal schnell von außen schauen. Ich sehe immer nur einen Teil - und in diesem Teil sehe ich eben auch das besonders deutlich, was nicht schön ist, was mir an mir, an meinem teil nicht gefällt. Es ist wie mit einem Spiegel. Normalerweise sehe ich da nur einen Ausschnitt von mir. Und selbst wenn ich es durch raffinierte Konstruktionen schaffen würde, mich völlig von allen Seiten zu sehen: Alles würde ich nie erfassen. Meine Gefühle, die Art, wie ich auf andere wirke, das, was andere n an mir wichtig ist - das fehlt. Ich sehe immer nur Ausschnitte. Und da konzentriere ich mich manchmal zu sehr auf das, was mich stört. Ich nehme jetzt mal einen Spiegel. Wenn ich reinschaue: Die Nase ist nicht optimal. Ich hätte mich besser rasieren können. Pickel ist jetzt gerade keiner da. Wenn ich nach unten schaue: Abnehmen könnte ich eigentlich auch mal. Aber ich sehe eigentlich ganz freundlich aus. Immerhin. Wenn ihr jetzt Spiegel hättet - Was würdet ihr da sehen? Mit was seid ihr zufrieden? Mit was nicht?
Je nachdem, wie ihr den Spiegel haltet, und wie ihr gerade drauf seid, werdet ihr Sachen sehen, die euch gefallen und manches, was euch gar nicht passt. Nie den ganzen Menschen, immer nur einen Ausschnitt. Bei jedem Menschen gibt es mehr als man sieht. Und erst alles zusammen macht diesen Menschen aus. Jennifer oder Daniel, Calvin und Feli, Eduard oder Kata. Ich wünsche euch, den neuen Konfis, aber auch uns allen, dass ihr, dass wir in den Spiegel schauen können und zu dem, was uns da anschaut, Ja sagen können. Dass wir sehen, wo es in unserer Macht liegt, was zu verändern, und dass wir die Kraft haben, das auch zu tun. Und dass wir das, was wir nicht ändern können, aber auch anschauen und aushalten können. Nicht als perfekter Alleskönner, sondern als ein Teil, das seine Aufgabe hat, sind wir Teil der lebendigen Gemeinschaft, die Gott schenkt. Und ich wünsche euch und uns allen, dass der Blick in den Spiegel nicht selbstverliebt macht und man nur noch auf sich schaut, sondern dass der Spiegel immer klein genug ist, um über den Rand zu sehen und die anderen wahrzunehmen. Ich wünsche uns allen, dass wir unseren Platz finden und anderen ihren Platz gönnen und geben. In der einen Gemeinschaft, die Gott durch seine Liebe uns Menschen schenkt. In der es nicht nur Augen oder Ohren oder Münder gibt. In der es niemanden gibt, der unwichtig ist. Schaut in den Spiegel und schaut über den Rand. Zum Üben bekommt ihr gleich jede und jeder einen solchen Spiegel. Ich wünsche euch, den Konfis, viel Spaß bei dem, was ihr im Laufe des Konfijahres entdeckt. Bei euch und anderen. Und uns als Gemeinde und mir auch viel Spaß was ich, was wir mit euch entdecken. Ohne euch würde mir, würde uns allen etwas fehlen.
Amen

Montag, 1. Juni 2009

Ansteckend leben - Pfinsgstsonntag 2009, Reihe I

Text: Johannes 14,23-27

Liebe Gemeinde!
Was für ein Typ sind sie? Sind sie eher jemand, der vor Energie sprüht, tausend gute Gedanken hat und gar nicht weiß, wie er sie alle umsetzen soll? Sind sie deshalb auch manchmal traurig und brauchen jemanden, der tröstet, weil nicht alles so geklappt hat, wie sie es wollten? Oder sind sie eher jemand, der oft nicht so genau weiß, was nun das Richtige ist, sich schwer entscheiden kann, jemand, der sich manchmal sich bequem vor Entscheidungen drückt oder sich oft genug nicht traut? Brauchen sie dann Aufmunterung, jemanden, der sie stark macht? Egal, welcher Typ sie sind: Sie sind ein klarer Fall für den Heiligen Geist. Heute feiern wir Pfingsten, das Fest des Heiligen Geistes - ihr Fest, unser Fest. Im Johannesevangelium, ich habe es eben vorgelesen, beschreibt Jesus den Heiligen Geist genau so: „der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ Jesus hat ja nicht deutsch gesprochen und das Neue Testament ist auch nicht in Deutsch aufgeschrieben worden. Das Wort, das im Griechischen für „Tröster“ da steht, das heißt noch viel mehr. Es heißt nicht nur „Tröster“ sondern auch „der, der einen aufmuntert, der einen antreibt, der einen stärkt“. Wenn ich es möglichst kurz sagen soll, dann würde ich sagen: „der, der zum Leben anstiftet“. Ich glaube, dass diese ganzen verschiedenen Bedeutungen eigentlich zusammengehören. Jeder von uns kennt, denke ich, Zeiten im Leben, in denen Trost wirklich nötig ist. Am auffälligsten ist das dann, wenn man sich allein und verlassen fühlt. Weil ein Mensch, den man liebt, gestorben ist. Weil ein Mensch, den man liebt, einen verlassen hat. Weil ein Mensch, dem man vertraut hat, einen enttäuscht hat. Natürlich fallen einem da in allererster Linie Menschen ein, die einen trösten. Vielleicht dadurch, dass sie gut zuhören oder einen guten Rat geben können, vielleicht aber auch, weil sie im richtigen Moment einfach mal den Mund halten können und einfach nur da sind. Klar, diese Menschen sind erstmal nicht Gottes Heiliger Geist. Aber vielleicht ist sich ja doch die Frage erlaubt, wer oder was diesen Menschen die Kraft gibt, im richtigen Moment das Richtige zu tun um zu trösten. Getröstete Menschen können sich wieder neu dem Leben widmen, nach vorne sehen und einen Weg finden. Für mich ist das auch eine Gabe, eine Wirkung des Geistes Gottes. Und das gilt nicht nur für Situationen, in denen man Trost braucht - oder vielleicht auch andere trösten kann - sondern auch dann, wenn man mal wieder einen Antrieb braucht, weil man denkt, dass sich sowieso alles nicht lohnt, eine Aufmunterung oder eine Stärkung, weil man glaubt, dass einem alles über den Kopf wächst und man gar nicht alles schafft, was jetzt nötig ist. Gottes Geist stiftet zum Leben an. Vielleicht gar nicht immer direkt, so dass ich sagen kann: „Ha, das war er jetzt, der gute Geist!“, sondern oft sicher auch so wie bei einem Billardspiel: da wird ein anderer angestoßen, der mich dann anstößt, so dass es mit mir und meinem Leben weitergeht. Aber nicht irgendwie und egal wohin, sondern Jesus sagt ja: über den Tröster, den Stärker, den Mutmacher: der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Je nachdem, wo man gerade im Leben steht, stellt man sich da vielleicht ganz verschiedene Möglichkeiten vor. Als Jugendlicher hört man da vielleicht zuerst die Spaßbremse, die einem alles verbieten will und dafür sorgen will, dass man ein langweiliges und angepasstes Leben führt. Da ist schon wieder einer, der einen in eine bestimmte Richtung drängen will. Kann man vielleicht gerade gar nicht gebrauchen. Oder vielleicht gerade doch. Weil man nicht so richtig weiß, wo’s langgeht, weil man sich zerrissen fühlt, weil man es niemandem Recht machen kann - da wäre es ja gut, wenn einer mal sagt, wo’s gut und richtig ist.
Auch als Erwachsener gibt es diese Spannung. Manchmal hat man das Gefühl, nichts hören zu wollen - man weiß doch selbst, was für einen am Besten ist, man hat alles schon hundert mal gehört und es ändert sich nichts. Aber manchmal braucht man auch Hilfe und Anregungen, um aus den eigenen Denkblockaden wieder hinaus zu kommen. Um wieder mal mehr sehen zu können, als nur sich und seine kleine Welt. Oder aber man braucht die Bestätigung, dass der eigene Weg gut und richtig ist.
Heiliger Geist, der Tröster, der Anstifter zum Leben - der ist weder Nervensäge noch Spaßbremse. Es geht wirklich drum, wieder klar sehen und denken zu könne und eine gute Richtung zu bekommen. Jesus steht dafür, dass der Tod nicht die letzte Macht über das Leben hat. Jesus steht dafür, dass Leben Spaß machen darf, aber nicht auf Kosten von anderen. Jesus steht dafür, dass auch die dunklen Seiten im Leben, Schuld und Versagen, angeschaut werden können und dass Vergebung möglich ist, Umkehr von falschen Wegen. Jesus steht dafür, dass wir nicht festgelegt und festgenagelt werden, sondern befreit leben können. Nicht gegeneinander, nicht auf Kosten der Schwachen, sondern füreinander.
Wo das geschieht, da wohnt Gott. Mitten in dieser Welt, mitten in diesem Leben. „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen.“ So drückt es Jesus aus. Gott wohnt nicht weit weg im Jenseits. Er ist obdachlos in dieser Welt - solange Menschen niedergemacht werden, so lange Menschen ausgebeutet werden, so lange Menschen die Augen vor ihrem eigenen Versagen zu machen und das nicht sehen wollen. So lange Menschen sich gegenseitig nicht Liebe, Respekt und Vergebung, sondern Neid, Missgunst und Rache schenken. Aber wie die Obdachlosen bleibt er da, Stein des Anstoßes, auch als Mahnmal dafür, dass es so nicht sein darf. Und dort, wo anders gelebt wird, wo Trost wächst, wo Menschen nicht niedergemacht, sondern stark gemacht werden, wo mit offenen Augen und Herzen gelebt wird, wo Vergebung keine leere Versprechung bleibt, findet Gott Heimat, Wohnung mitten im Leben. Für mich sind das die ersten und wichtigen Gaben und Auswirkungen von dem, was wir Heiliger Geist nennen.
Ich gebe es zu, dass ist nicht die große Show, von der die Bibel auch redet. Wir haben es eben gehört: Pfingsten, da soll konnten die Jünger plötzlich Fremdsprachen sprechen ohne sie lernen zu müssen - ein unerfüllter Traum von tausenden von Schülern, aber eine tolle Show. Und an anderen Stellen wird von wunderbaren Heilungen unheilbarer Krankheiten und anderen spektakulären Dingen erzählt. „Warum erzählt denn der Pfarrer nicht davon, von der großen Show? Wäre doch viel werbewirksamer.“ Wenn versprochen würde, Pfingsten heilt der Geist in unserer Kirche Krebskranke oder Rheumapatienten - die Bude wäre voll. Aber wenn der Geist wirklich Gottes Geist ist - wer bin ich denn, dass ich über ihn bestimmen könnte und ihm befehlen könnte, das zu tun, was mir gerade in den Kram passt. Und außerdem: ich denke, dass die größte Show überhaupt wäre, wenn das Wirklichkeit und spürbar wird, was Jesus sagt und was ich vorhin vorgelesen habe: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ Ohne Frieden - mit Gott, mit sich, in der Welt - bleibt alles andere zweitrangig. Man kann körperlich krank sein, aber trotzdem Frieden gefunden haben und dadurch andere begeistern und zum Guten anstecken. Man kann kerngesund sein und so unzufrieden, dass man nicht nur sich, sondern auch andern das Leben schwer macht. Von Neid, Ehrgeiz, Egoismus zerfressen. Die Welt gaukelt uns vor, dass wir Frieden finden, wenn wir reich sind oder Modelmaße haben oder stark und schön sind. Wenn Erfolg messbar oder sichtbar ist. Aber was heißt das schon? Ein Frieden, der darauf gründet, sich gegen andere abzugrenzen, ist bestenfalls ein Waffenstillstand. Der Geist gibt uns dagegen die Gewissheit, nicht um Liebe oder unseren Wert kämpfen zu müssen, sondern leben zu dürfen. Und in diesem Geist andere zum Leben zu ermutigen. Ein Frieden, der Unrecht und Ungerechtigkeit nicht um des lieben Friedens in Kauf nimmt, sondern der sich, im wahrsten sinn des Wortes begeistert, dran macht, die Wurzeln von Unrecht und Ungerechtigkeit anzugehen, damit wirklich Frieden wird. Dazu gebe uns Gottes Geist Mut, Kraft und Trost, wenn wir scheitern und auch schuldig an diesem Frieden werden. Damit wir nicht aufgeben, sondern Leben. Begeistert und begeisternd. Amen


Freitag, 22. Mai 2009

Unter den Wolken muss die Freiheit wohl... - Himmelfahrt 2009, Reihe I

Text: Lukas 24,50-53

Liebe Gemeinde!

(Einen imaginären Luftballon „nach oben holen“ und „in den Händen“ halten“) Nach oben, in den Himmel steigen - bis heute ist das für ganz viele Menschen mit besonderen, mit schönen Gefühlen verbunden. Reinhard Mey sang vor vielen Jahren „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“. Und bis heute ist zum Beispiel Ballon fahren für viele ein grandioses Erlebnis. Und selbst so ein Luftballon hier, wie ich ihn in der Hand halte, regt Menschen an, über Freiheit und Freude am Leben nachzudenken. Bunt und leicht ist er. Für manche hängen Erinnerungen an unbeschwerte Kindertage an einem solchen Ballon. Und wenn man ihn fliegen lässt, dann ist es so, als würde er das ganze Schwere im Leben einfach mit wegnehmen. Wenn ich ihn loslasse, dann fliegt er hoch in eine Welt, die wir zwar erforscht haben und physikalisch beschreiben können, die uns aber doch ein Stück weit entzogen ist. Wenn ich den Ballon jetzt loslasse, dann geben sie ihm doch einfach ihre Gedanken, Wünsche und Sorgen mit auf dem Weg in die Freiheit über den Wolken. (So tun, als würde er losgelassen und hinterher schauen)
Der spinnt - manche haben das vielleicht eben gedacht. Der hat doch gar nichts in der Hand, da gab’s doch gar nichts zu sehen. Und trotzdem gehe ich jede Wette ein, dass gar nicht mal so wenige eben tatsächlich an einen Luftballon gedacht haben, der einfach wegfliegt. Was ist nun wirklich wahr? Das, was wir mit unseren Fingern begreifen können? Oder auch das, was wir fühlen, spüren und wahrnehmen können, ohne dass wir es festhalten? Da ist nichts zu sehen und trotzdem ist etwas da. Wirklichkeit und Wahrheit sind größer als die Welt, die sich begreifen lässt. Und das gibt Freiheit. Weil wir nicht nur an das gefesselt sind, was wir sehen, hören, fühlen und schmecken können, sondern weil wir die Freiheit haben, mehr zu erfahren im Leben.
Für mich ist Himmelfahrt in diesem Sinn ein Fest, das uns wirklich Freiheit schenkt. Nüchtern betrachtet, gibt es eigentlich nicht viel zu sehen. Lukas hält sich nicht mit langen Beschreibungen auf, wie die Himmelfahrt ausgesehen haben könnte. Das Entscheidende ist, dass die Jünger erleben: Jesus ist in keiner Art und Weise mehr körperlich anwesend. Schon von der Auferstehung erzählen Lukas, aber auch Johannes, ja so, dass Jesus nicht einfach so hereinspaziert kam, als wäre gar nichts gewesen. Die Emmausjünger, von denen Lukas erzählt, waren lange mit dem Auferstandenen unterwegs. Sie haben ihn gesehen, sich mit ihm unterhalten. Aber erkannt haben sie ihn nicht an irgendwelchen Äußerlichkeiten, sondern erst an seinem Handeln. Himmelfahrt macht endgültig deutlich, dass die Bilder losgelassen werden müssen, dass die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu sich nicht an irgendetwas Biologisches klammern können, sondern dass sie auf Glauben, Vertrauen, Hoffnung und Liebe allein angewiesen sind. Die Jünger verzweifeln nicht, weil sie nun nichts mehr zum Klammern haben, sondern sie gehen getrost zurück ins Leben. Sie loben Gott und strahlen große Freude aus.
Eigentlich komisch. Die Jünger haben Sicherheit verloren und sie freuen sich. Wenn wir Sicherheit verlieren, dann sind wir traurig, frustriert oder wir sehnen uns danach, Dinge aus der Vergangenheit irgendwie konservieren zu wollen. Himmelfahrt macht etwas anderes deutlich: Die Sicherheit liegt nicht im Festhalten, sondern im Loslassen, im Vertrauen und im Annehmen der Freiheit, die Gott uns schenkt. Die Jünger machen sich frei davon, Jesus so behalten zu wollen, wie sie ihn kannten, ihn ein für allemal festzulegen - und sie gewinnen dadurch Freude am Leben und Freude am Glauben. Gott, Jesus - das ist eben mehr, als wir fassen, beschreiben, begreifen können.
Glauben schafft Freiheit - leider haben auch Christen, hat auch die Kirche diese Botschaft allzu oft verdunkelt. Menschen, die anders glaubten, anders dachten, anders lebten und anders liebten wurden im Namen Gottes verfolgt, mundtot gemacht, diskriminiert, manchmal bis zum Tode. Glauben schafft Freiheit - Gott sei Dank immer wieder auch die Freiheit, zu dieser Schuld zu stehen und einen anderen, besseren Weg zu gehen. Dort, wo offen miteinander geredet und auch gestritten werden kann, dort kann Glauben wachsen. Es ist traurig, dass gerade heute aber im Namen einer Scheinfreiheit, die kritischen Einwänden gegenüber intolerant ist, Christen nicht nur in Marburg diffamiert und verleumdet werden. Man muss und kann auch in der Kirche nicht immer über alles einer Meinung sein. Aber zu der Freiheit, zu der uns Christus befreit, zu der Freiheit, die zum Menschsein gehört, gehört auch, im anderen immer zuerst den Menschen und nicht den Gegner zu sehen. Diese Freiheit, die Gott uns schenkt, die Freiheit, uns nicht an Bildern, Urteilen und Vorurteilen festhalten zu müssen, die muss uns hellhörig machen, wo durch Diffamierung Freiheit genommen werden soll. Gott ist ein Gott der Freiheit. Weil er unsere menschlichen und weltlichen Grenzen sprengt. So, wie Himmelfahrt die Grenzen unserer Welt endgültig sprengt. Nicht, weil Naturgesetze außer Kraft gesetzt würden oder weil wir im Glauben zur Weltflucht angehalten würden, sondern weil hier deutlich wird: Das, was größer als diese Welt ist, die Liebe, die alle Grenzen sprengt, hilft dir, in dieser Welt und für diese Welt mit Freude zu leben und dich nicht mit den Grenzen, die Menschen ziehen und mit den Grenzen, die unsere Verstehensmöglichkeiten ziehen, für immer zufrieden zu sein.
Himmelfahrt ist ein Fest der Weite der von Gott geschenkten Freiheit. Für mich ist auch dieser Gottesdienst, den wir miteinander feiern, so ein Zeichen dafür. Ganz unterschiedliche Gemeinden und Konfessionen feiern zusammen. Ein Stück Himmel auf Erden, dass die Grenzen, die mal da waren und manchmal noch da sind, dazu einladen, drüberzuschauen und Verbindung zu suchen. Und dass Gott im Himmel seinen Platz in dieser Welt hat. Die Feuerwehr kümmert sich darum, dass dieser Gottesdienst einen schönen Rahmen hat. Kirche ist nichts, was irgendwo abseits steht, jenseits von dem, was in diesem Leben wichtig ist, sondern Kirche, die Gemeinschaft der Christinnen und Christen, gehört mitten ins Leben. Keine Angst vor der Welt, keine Angst vor dem anderen, denn in Jesus Christus schenkt Gott uns Weite und Freiheit, die über das, was wir denken können, hinausgeht. Die Freiheit der geliebten Kinder Gottes. Ich wünsche uns, dass wir, wie die Jünger damals, diese Freiheit annehmen, loslassen und ins Leben gehen. voller Freude. Und so einladend und ansteckend werden. Und der Welt etwas von der Freiheit und Liebe Gottes schenken. Himmelfahrt entführt uns nicht aus der Wirklichkeit in den Himmel, sondern lässt ein Stück Himmel auf der Erde Wirklichkeit werden. Amen.