Predigten und Gedanken aus der Thomaskirche auf dem Richtsberg in Marburg
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Sonntag, 29. November 2009
Und schwarz wird zu grau wird zu rot wird zu Licht - 29.11.09, 1. Advent, Reihe II
Liebe Gemeinde!
Zeit der Liebe, Zeit der Geschenke - jetzt fängt sie wieder an. Die Adventszeit. Die Zeit, in der ich als Pfarrer immer die mitfühlendsten Blicke und Bemerkungen bekomme. „Für sie beginnt ja jetzt die Hauptarbeitszeit. Da kommen sie doch zu kaum was anderem!“ So höre ich es oft. Ich finde es schön, dass es Menschen gibt, die versuchen, sich ein bisschen in mich hinein zu denken. Es gibt für mich als Pfarrer Zeiten, die ähnlich mit Arbeit voll gestopft sind. Trotzdem ist es schön, dass Menschen mich und meinen Beruf wahrnehmen. So ein bisschen fühle ich mich in die-sen Momenten, als bekäme ich etwas von dem, was hier im Römerbrief geschrieben steht: „Seid niemandem etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt.“ Was heißt das eigentlich, einander zu lieben? Nicht zuletzt doch auch: offene Augen für den Anderen zu haben. Anteil am Leben des Anderen zu nehmen und nicht zu denken: „Der ist mir doch grad egal!“ Adventszeit - Zeit der Liebe, Zeit der offenen Augen, Zeit der Geschenke. Zumindest Zeit der Gedanken rund um die Geschenke, die anderen gemacht werden sollen oder die ich mir von anderen wünsche. Adventszeit - nicht zuletzt auch Zeit gut gemeinter Ratschläge und erhobenen Zeigefinger. Gerade wenn’s um Geschenke geht. An Geschenken wird nicht gespart! Das war jetzt wie-der in einer Umfrage zu hören. Geschenke sind doch nicht das Wichtigste! Tausendmal gehört. Mit Liebe schenken. Ja doch. Schenk doch mal dich selbst, Zeitgutscheine, Gut-scheine für Spaziergänge, gemeinsame Kinobesuche, Kaffeenachmittage oder was auch immer. Es muss doch nicht viel kosten, Hauptsache du bist mit ganzem Herzen dabei. Dankeschön, kann ich da nur sagen. Wenn mir was Stress macht, dann ist es das Gefühl, meine Zeit noch mehr festlegen zu müssen. Im Namen der Liebe! Statt hilfreicher Tipps kriege ich ein schlechtes Gewissen. Es ist eben Advent. Zeit der Liebe? Zeit des schlechten Gewissens? „Bleibt niemandem etwas schuldig, außer, dass ihr einander liebt!“ Manchmal ist gerade in diesen Tagen die Angst die dunkle Schwester der Liebe. Mir wurde das deutlich bei einem Gespräch zwischen acht jungen Müttern, dass ich zuerst unfreiwillig wegen der Lautstärke, in der es geführt wurde, dann aber sehr interessiert in einer Pizzeria belauscht habe. Da ging es um die Weihnachtsgeschenke. Um die Angst, sich zu blamieren, wenn das ausgesuchte Geschenke nicht groß genug ist. Um die Angst der Großeltern mütterlicherseits, dass die Enkel sie weniger lieben, wenn ihr Geschenk billiger war als das der Großeltern väterlicherseits. Um die Angst davor, dass die Kinder denken könnten, man hätte sie nicht lieb, wenn sie beim Familientreffen am 1. oder 2. Weihnachtstag feststellen, dass die Cousins und Cousinen mehr Geschenke bekommen haben. Besserwisserisch und rechthaberisch kann man werden und sagen, wie pervers die Adventszeit doch geworden ist, wenn sie für viele Menschen anscheinend mit so viel Angst verbunden ist. Besserwisserisch und rechthaberisch kann man sagen: „Da sieht man mal, wie es ist, wenn die Adventszeit von allem christlichen Inhalt und Sinn entleert wird und es sich nur noch um Kaufen, Geschenke, Bräuche dreht!“ - Am besten sogar mit dem Nachsatz: „Gut, dass ich anders bin! Gut, dass bei mir weihnachtsmannfreie Zone ist und ich gar nichts oder Zeitgutscheine oder nur selbst Gebasteltes ver-schenke!“ Ich finde es schade. Gut gemeinte Ratschläge werden anderen lieblos um die Ohren gehauen. Gut, dass ich so schlau bin und weiß, was richtig bist. Du bist ja dumm. So kommen diese gut gemeinten Ratschläge manchmal an. Auch bei mir, obwohl ich kein so großer Geschenkefreak bin und mir diesen Schuh, glaube ich, eigentlich nicht anziehen muss. Aber Besserwisserei und Rechthaberei werden auch nicht durch einen christlichen oder kirchlichen Rahmen gut. Oft spricht nämlich aus ihnen nicht die Liebe für die, die in ihren vielleicht ja tatsächlich ganz falschen Vorstellungen und Gedanken gefangen sind. Oft spricht Verachtung und das Gefühl, durch Abgrenzung besser sein zu können oder zu wollen, aus solchen Ratschlägen. „Seid niemandem etwas schuldig, außer, dass ihr einander liebt!“ Ein guter Wegweiser. Nicht nur für die Adventszeit. Vielleicht zu allgemein? Kann sein. Aber Gott hat uns schließlich einen Kopf zum Denken gegeben, ein Herz zum Fühlen und Hände zum Handeln. Und von Liebe kann man auf der einen Seite nur ganz allgemein reden, weil sie sich auf der anderen Seite nur ganz persönlich mit Leben füllen lässt. Liebe ist immer abhängig von mir selbst. Als Mensch, der liebt. Als Mensch, der geliebt wird. Liebe braucht mich. Aber was ist das eigentlich? Was heißt das? Gerade in dieser Zeit? Paulus hat einen schönen Satz geschrieben, der vielleicht erst einmal verwirrend klingt. „Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts!“ Die Werke der Finsternis. Das ist für mich zuallererst die Angst. Die Angst, zu kurz zu kommen und deshalb egoistisch alles nehmen zu müssen, auch das, was mir nicht gehört. Die Angst, nicht geliebt zu werden und mir deshalb Liebe kaufen zu müssen. Durch teure Ge-schenke genauso wie durch gekaufte Liebe in jeder Form. Die Angst vor eigener Schwäche. Und deshalb den anderen mit Gewalt zeigen, wie stark ich bin oder durch möglichst viele Geliebte wie potent ich bin oder durch möglichst viele Liebhaber, wie attraktiv ich bin. Es ist kein böser Teufel, sondern viel zu oft die Angst, die Leben finster macht. Du musst deine Angst nicht leugnen, sie nicht verstecken und ihr dadurch erst so richtig Macht über dich geben. Du darfst sie ablegen und eintauschen gegen die Waffen des Lichts. Gegen die Liebe, die der Angst Grenzen setzt. Für mich ist das die Grundbotschaft, die Paulus nicht nur den Menschen in Rom vor langer Zeit geschrieben hat. Bis heute spielt die Angst eine viel zu große Rolle. Und leider ja auch in der Liebe. Denn selbst dann, wenn ich mich begeistert auf die Liebe, auf den Glauben und das Vertrauen stürze, bin ich nicht sicher vor dem Gefühl, nicht genug lieben zu können. Zu schwach zu sein, in meiner Liebe das falsche zu tun oder eben nicht so lieben zu können, wie es eigentlich nötig wäre. Ich spüre in der Liebe meine Grenzen und die machen mir auch wieder Angst. „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nicht mehr fern“, schreibt Paulus. Die Nacht ist vorge-rückt - und schwarz wird zu grau wird zu rot wird zu Licht. Vielleicht sind wir gerade da, wo es grau wird. Noch nicht wirklich Licht. Angst ist noch da. Im Alltag. In der Liebe. In der Adventszeit. Zu Weihnachten. Aber sie muss nicht mehr alles bestimmen. Da ist einer, der liebt mich wirklich. Der gibt mich nicht auf, auch wenn ich kurz davor bin, mich selbst aufzugeben. Da ist einer, der hat mir tatsächlich das ganz große Geschenk gemacht: Liebe, die auch Angst, Schuld und Versagen aushält. Weihnachten ist nicht mehr weit. Das Fest, an dem wir uns alle Jahre wieder versichern lassen dürfen und feiern dürfen, dass Gott durch den Menschen Jesus, sich selbst und seine Liebe in diese Welt gebracht hat. Das Fest, an dem wir feiern dürfen, dass das keine fromme Einbildung ist, sondern dass die Liebe greif-bar geworden ist. Weihnachten ist nicht mehr weit - Advent ist da. Die Zeit, in der wir uns im Blick auf diese Liebe un-seren Ängsten, der Finsternis stellen können, vielleicht auch müssen. In der Hoffnung, die Paulus beschreibt: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nicht mehr fern!“ Und schwarz wird zu grau wird zu rot wird zu Licht. Grau vielleicht im Moment, mit viel schwarz. Noch nicht Licht. Die Werke der Finsternis, die Angst und alles, was aus ihr kommt - die sind noch nicht ganz abgelegt. Aber die Waffen des Lichts, die Liebe, die die Angst besiegt, die stehen bereit. Zeit für Liebe, Zeit für offene Augen, Zeit, ohne Angst zu schenken und Geschenke anzunehmen - ich wünsche es uns allen.
Montag, 23. November 2009
Mit allem rechnen - Ewigkeitssonntag, 22.11.09, Reihe I
Liebe Gemeinde!
Ein Notfallkoffer, damit ich auf alles vorbereitet bin, was passieren kann. Vieles kann passieren. Straßenkarten sind drin, damit ich mich ohne Navi nicht verfahre. Handschuhe, falls ich jemand Krankes oder Blutendes anfassen muss. Taschenlampe und Ersatzbatterien. Spielzeug, falls Kinder-getröstet werden müssen. Bibel und Gebetbuch, falls mir eigene Worte fehlen. Kerzen und Kreuz, sogar Traubenzucker, falls die eigenen Energiereserven zur Neige gehen. Jetzt kann’s losgehen, jetzt bin ich auf alles vorbereitet. Ein Notfallkoffer. Was wäre eigentlich in eurem, in ihrem Notfallkoffer? --- Bilder von den Liebsten? Versicherungen? Geld? Egal. Vorbereitet sein ist wichtig. Man muss mit allem rechnen.
Wirklich? Muss man das? Kann man das? Seit Monaten liegt der Mann schwerstkrank im Bett. „Sie müssen mit dem Schlimmsten rechnen“ hat der Arzt gesagt. Gespräche mit-einander, Trauer, Angst, mal versteckt, mal offen voreinander gezeigt. Er wird sterben, klar. Gebete vorher, Gebete jetzt. Er stirbt. Und trotz aller Vorbereitung ist die Lücke so groß, dass Loch so tief, und Angst da, nie mehr rauszukommen. Vorbereitet sein? Der Unfall stellt das ganze Le-ben auf den Kopf. Alle Versicherungen, alle Vorsorgemaß-nahmen haben nicht davor bewahrt, dass das Leben völlig umgekrempelt wird. Vorbereitet sein? „Ich kriege keinen mehr ab! Alle haben einen Liebsten gefunden! Ich muss mich drauf einstellen, allein zu bleiben.“ Und dann kommt aus dem Nichts die Begegnung, die alles verändert. Es gibt wieder Grund zur Freude, und Liebe ist nichts, was in Büchern steht, worüber Filme gedreht werden und was immer nur anderen passiert, sondern Liebe wird Teil des eigenen Lebens.
„Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.“ Trotz Vorbereitung und Notfallkoffer stehe ich oft genug da und merke, dass ich alles, was ich gedacht habe, nicht brauchen kann. Trotz Vorbereitung und Vorwarnung tut Abschied nehmen weh und Liebe, meistens wenigstens, gut. Und wirklich vorbereiten kann man sich auf Beides nicht. Die Wirklichkeit ist anders als alle Träume und alle Ängste.
Mit allem rechnen, auf alles vorbereitet sein. Eine Ge-schichte aus der Bibel, aus dem Matthäusevangelium:
Mt 25,1-13
Wir denken heute besonders an die Menschen aus unserer Gemeinde, die im letzten Jahr gestorben sind. Manche sind heute hier, weil sie sich auch an Menschen erinnern, die schon länger in ihrem Leben fehlen. Und dann eine Geschichte von Jesus, in der er von einer Hochzeit, etwas ganz Fröhlichem redet. Die, die nicht ordentlich vorbereitet sind, dürfen erst gar nicht mitfeiern. Ein bisschen hart und grausam. Du kommst hier nicht rein! Ganz offensichtlich scheint es das zu geben. Leute, die von Jesus weggeschickt werden, die zu spät kommen, weil sie nicht mehr mit ihm gerechnet haben. Die Hoffnung auf ein besseres Leben bei Gott, die Hoffnung auf eine völlige Neugestaltung der Welt, auf ein Leben mit Gott als Fest ohne Tränen und Schmerzen wird zur Angst, da nicht dazugehören zu dürfen. Oder wenigstens: Sie kann zu dieser Angst werden. Bin ich einer von denen, die gut vorbereitet sind? War mein Mann, meine Mutter, mein Vater gut vorbereitet? Oder gehöre ich, gehören die, die mir lieb waren und sind, zu denen, die draußen bleiben müssen? Ich weiß es nicht. Gott sei Dank. Gott sei Dank bin ich nicht der Türsteher. Ich weiß, dass ich mich oft schwer damit tue, viel Hoffnung zu haben und damit zu rechnen, dass die Party bei Gott, die Hochzeit, das schöne und gute Leben bei ihm endlich losgehen. Ich kann die Frauen aus der Geschichte gut verstehen, die beim Warten auf das Fest müde geworden sind und einschlafen. Es gibt vieles, was müde macht. Auch heute, wenn Menschen darauf warten, dass es mit dem Himmelreich endlich losgeht. Heute, am Totensonntag, da denke ich zu-erst natürlich an die Macht, die der Tod immer noch hat. An Schmerzen und Trauer über Verluste. Ich denke an Menschen, die bei Unfällen sterben, an andere, die keinen Ausweg mehr sehen und sich selbst töten, an Kinder, die sterben. Die Bilder von sinnlosen Opfern bei Selbstmordattentaten kommen hoch und die schon fast vergessenen Bilder von Kindern und Erwachsenen, die sterben, weil sie nichts zu essen haben. Mich macht es müde, auf die Welt ohne Schmerz und Tränen zu warten, die Gott verspricht, weil ich immer wieder sehe, dass es trotz aller Gebete und aller Hilfsmaßnahmen sinnlose und vermeidbare Tote gibt. Ich glaube auch, dass ich eigentlich gar nichts mehr aufzählen muss, was Hoffnung schwer macht. Ich glaube, dass es nicht lang dauert, bis jedem von uns noch etwas einfällt, was die eigene Hoffnung darauf, dass die Welt einmal wirk-lich gut wird, müde werden lässt.
Jesus weiß das und leugnet es nicht. Mir macht das Mut und Hoffnung. Die zehn Jungfrauen, die sind ein Bild für alle, die gern glauben möchten, die gern mit Gott wirklich feiern möchten und auf das Gute warten. Und die werden müde. Weil die Zeit richtig lang werden kann. Der Glauben an Gott, die Hoffnung darauf, dass das, was er verspricht, wahr wird, ist kein Aufputschmittel, kein Ecstasy, mit dem ich mich schlagartig gut fühle, die Wirklichkeit nicht mehr wahrnehme und nur noch grinsend durchs Leben laufe. „Hipp hipp hurra, alles ist super, alles ist wunderbar!“ Nein. Jesus ist realistisch. Party, ja klar. Aber der Weg dahin - der kann schon müde machen. Glauben verdrängt nicht die Wirklichkeit, sondern er lebt in der Wirklichkeit. Und lässt die Party bei Gott, das Gute dann anfangen, wenn es soweit ist. Ohne Absturz, ohne Kater, ohne Nebenwirkungen.
Es geht in der Geschichte nicht um die Angst, die Party, das große Fest, das Gute zu verpassen und nicht dazuzugehören. Es geht darum, einen Notfallkoffer zu haben, wenn ich müde werde, wenn meine Hoffnung müde wird. Ein kleines Fünkchen Hoffnung, ein kleines Tröpfchen Öl. Das Warten wird ein Ende haben. Sicher nicht dann, wenn ich meine, dass es soweit sein müsste. Wir dürfen mit dem Besten rechnen. Auch wenn wir es ganz lange nicht im Blick haben. Für mich ist mein Notfallkoffer, dass Gott mir sagt: „Du darfst auch zwischendurch müde werden. Es ist nicht leicht!“ Ich muss nicht so tun, als wäre alles immer leicht, als müsste das Leben im Glauben immer eine Riesenparty sein. Ich darf traurig sein, verzweifelt, müde, vielleicht sogar denken, dass ich keine Hoffnung mehr habe. Komischerweise ist es genau das, was mir Hoffnung macht. Da ist keiner, der sagt: „Du musst wach bleiben und immer gut drauf sein.“ Nein. Da ist einer, der sagt: „Lebe, und wenn du zwischendurch müde wirst, dann komme ich trotzdem auch zu dir und weck dich wieder auf.“ Da ist einer, der nimmt mich ernst. Der fordert nichts Unmögliches von mir. Das ist mein Notfallkoffer, mein Tröpfchen Öl, von dem ich hoffe, dass es meine Lampe am Brennen hält, wenn das Fest losgeht. Nicht meine Planun-gen und Vorbereitungen sind entscheidend. Es kommt so-wieso anders und ich kann nie vorhersehen, wann ich wie-der das Gefühl habe, dass Leben gut ist. „Ich mach dir nichts vor. Ich verspreche dir nicht, dass es nur Gutes gibt. Aber ich verspreche dir, dass du was Richtiges zum Feiern erleben wirst. Die Müdigkeit wird nicht das Letzte sein.“ diese Zusage Gottes ist für mich besser als jeder von mir gepackte Notfallkoffer. Und was ist ihr Notfallkoffer?
Amen
Montag, 9. November 2009
Die Zeichen stehen auf... - Drittletzter Sonntag d. Kirchenjahres, 08.11.2009, Reihe I
Unruhig geht er hin und her. Immer wieder schaut er auf die Uhr. „Sie müsste doch schon längst zu Hause sein!“ denkt er immer wieder. „Ob was passiert ist?“ Sicher, die letzten Wochen waren alles andere als einfach. Da war so viel Streit. Über Kleinigkeiten. Die offen gelassene Zahnpasta-tube, die Hosen, die auf dem Fußboden gelandet sind. So viel nerviger Kleinkram. Ins Bett gehen - ohne Kuss, ohne freundliches Wort, einfach so. „Ich halt das nicht aus. Es geht alles kaputt.“ So hat er mehr als nur einmal gedacht. „Aber jetzt, wenn sie reinkommt, die Blumen sieht, lächelt, dann wird alles gut. Ja, wenn sie lächelt, dann ist es ein gu-tes Zeichen. Dann wird alles gut.“ Aber sie kommt nicht. Wieder ein Blick auf die Uhr. „Ob ihr was passiert ist? Oder macht sie sich einfach so aus dem Staub. Ohne Gruß, ohne Abschied. Sie hätte doch wenigstens anrufen können. Aber es ist doch ein gutes Zeichen, dass das Telefon nicht geklin-gelt hat. Wenn sie einen Unfall gehabt hätte, dann hätte sie angerufen. Wenn ihr was passiert wäre, dann hätte das Krankenhaus angerufen. Es ist ein gutes Zeichen. Oder nicht? Wenn ich von rechts die Scheinwerfer sehe, dann ist das ein gutes Zeichen, dann kommt sie. Direkt von der Ar-beit. Dann wird alles gut. Da ist Licht! Endlich. Das ist die falsche Seite. Mist! Das ist bestimmt die Polizei, die fahren so langsam. Die suchen bestimmt unsere Hausnummer. Und dann steigen sie aus und fangen an: Wir haben ihnen leider eine traurige Mitteilung zu machen… - Aaah, ein Glück, vorbei. Falscher Alarm. Da, jetzt, von rechts. Endlich! Der blöde Paketdienst. Wo bleibt sie denn? Wenn sie rein-kommt, lächelt, die Blumen sieht, die Tischdecke, die Kerzen, die Weingläser. Dann muss sie doch lächeln. Frauen stehen auf so was, hat Sven gesagt. Das klappt. Du wirst schon sehen. Du musst einfach die richtigen Zeichen setzen. Sven kennt sich aus. Seit acht Jahren glücklich verheiratet. Wenn der es nicht weiß… - Endlich! Das ist ihr Auto. Aber warum von links? Sie hat bestimmt einen anderen und war noch bei ihm. Warum passiert ausgerechnet mir immer so was? Aber wenn sie jetzt reinkommt und lächelt, wenn sie die Blumen sieht, den Tisch, den Wein…“. Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Die Tür geht auf. Die Tasche, der Mantel, einfach in die Ecke geschleudert. Er scheint Luft zu sein. Kein Lächeln, kein freundliches Wort. Blumen, Tisch - das existiert gar nicht. Sie wirft sich auf die Couch, dreht das Gesicht zur Wand. In diesem Moment scheint der sowieso schon schwarze Himmel völlig auf ihn einzustürzen und ihn zu Tode zu quetschen. Alle Zeichen stehen auf…
Aus dem Lukasevangelium im 17. Kapitel:
Lesen: Lk 17,20-24
Die Zeichen stehen auf… - Ja, auf was denn nun? Men-schen sind da, die Zeichen wollen. Pharisäer. Die wollen sehen, wo Gottes Reich ist. Die wollen Gott hier auf dieser Welt sehen. Die wollen eine gerechte Welt sehen, auf der sich jeder ganz selbstverständlich an das hält, was Gottes Willen ist. Gottes Reich. Einfach gut. Einfach schön. Das muss doch möglich sein! Das muss man doch sehen können. „Jesus, du erzählst doch davon! Zeige es uns!“ „Das Reich Gottes ist mitten unter Euch!“ Sagt Jesus. „Wenn ihr auf sichtbare Beweise wartet, wenn ihr hofft, euch absichern zu können, wenn ihr in mir nicht eure Hoffnung sehen könnt, werdet ihr das, was ihr euch erhofft, nie sehen können.“ Die Zukunft hat mit mir angefangen. Sagt Jesus.
Auf was stehen die Zeichen eigentlich? „Ihr werdet euch noch wünschen, wenigstens an einem Tag wieder zu sehen, dass ich Liebe, Gerechtigkeit, Gesundheit für Kranke, Ann-erkennung für Außenseiter und so viel mehr gebracht habe und immer noch bringe! Aber ihr erdet dann nichts sehen.“ Sagt Jesus zu denen, die eigentlich wirklich ihre Hoffnung auf ihn setzen. Fromme Wünsche haben die Jünger damals. Fromme Wünsche sind das heute erst recht.
Stehen die Zeichen nicht schon längst drauf, dass die Welt zum Teufel geht? AIDS - es gibt genug, die sagen: „Das ist eine Strafe Gottes. Sex zum Spaß, Homosexuelle - Gott haut mit AIDS rein“, sagen sie, die glauben, dass sie wissen, was Gott will. Klimakatastrophe, Inselstaaten, die es viel-leicht bald nicht mehr geben wird, Dürren und Überflutun-gen, alles Gottes Strafe für den sorglosen Umgang mit sei-ner Schöpfung. Sicheres Zeichen für den Weltuntergang. Gottes Gericht. Sagen nicht wenige, die glauben, dass Gott ihnen seine Weisheit gegeben hat. Finanzkrise, Arbeitslo-sigkeit, Hungerkatastrophen. Sichere Zeichen, dass die Welt zum Teufel geht und nur die davon kommen, die als Frau lange Haare und Röcke tragen, die auf die richtige Art beten und nicht fernsehen, die Gesetze und Regeln befolgen, von denen behauptet wird: „Das ist Gottes endgültiger Wille!“
Jesus bleibt da ganz gelassen. „Lauft denen nicht nach, die euch erzählen wollen: Wir wissen, welche Zeichen Gott be-nutzt!“
Worauf die Zeichen stehen, was die Zeichen bedeuten, das weiß ich nicht. Aber das weiß niemand. Kein noch so frommer Christ, kein Moslem, kein Buddhist, kein Wis-senschaftler, kein Politiker. Für mich stehen die Zeichen nicht drauf, dass der Himmel einstürzt und die Welt zum Teufel geht und Gott anfängt, die zu vernichten, die seinem Willen irgendwie im Weg stehen. Benutzt euren Verstand, eure Möglichkeiten und fangt an das, was ihr verbockt habt, aufzuräumen. Darauf weisen für mich die Zeichen hin. nicht mehr. Das wär’ doch schon was.
Außerdem frage ich mich die ganze Zeit: „Warum suchen Menschen schon seit Jahrtausenden immer wieder in Ka-tastrophen und schlechten Dingen Anzeichen dafür, dass Gott endlich wiederkommt und die Welt zum Guten bringt?“ Ich finde keine Antwort auf diese Frage. Ich finde es doch viel logischer, bei dem Guten anzufangen. Gott ist die Liebe. Jesus hat Kranke gesund gemacht. Er ist zu den Opfern gegangen. Er hat Menschen vergeben, die sich selbst nicht vergeben konnten. Selbst der Tod war nicht das Ende. So viel Gutes und noch viel mehr. Und dann suchen Menschen im Bösen Zeichen dafür, dass die Welt besser wird? Versteh ich nicht.
Was ich verstehe, ist was anderes. Wir Menschen brauchen Zeichen. Wir sehnen uns nach Sicherheit. Und scheinbar geben uns Zeichen genau das. Wenn der Lehrer die Arbeit in der Mitte mit einem Lächeln zurückgibt, kann sie nicht schlecht gewesen sein. Wenn ich meinen Glücksschuh trage, schieße ich bestimmt ein Tor. Wenn meine Frau mein Lieblingsessen kocht, dann hat sie bestimmt gute Laune und ich kann ihr auch was Unangenehmes sagen. Moment mal! Hat sie vielleicht ein schlechtes Gewissen und will mir was beichten und mit dem Essen gut Wetter machen? Zeichen halt.
Wenn der Menschensohn kommt, wenn das, wofür Jesus steht, wenn das Gute, wenn die Liebe diese Welt endgültig und total verändern, dann ist das nicht vorhersehbar. Wie ein Blitz, der den ganzen Himmel hell macht. Plötzlich, oh-ne Vorhersage, werden wir das Gute, das neue Leben haben. Plötzlich, ohne Vorwarnung, werden wir eins sein mit Gott. Nicht durch die Zeichen, bei denen wir glauben, wir müss-ten ihnen irgendwie nachlaufen.
Liebe kann ich nicht planen. Liebe kann ich nicht vorherse-hen. Sie trifft mich, sie trifft die Welt wie ein Blitz. Oder gar nicht.
Wenn sie jetzt reinkommt und lächelt, wenn sie die Blumen sieht, den Tisch, den Wein…“. Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Die Tür geht auf. Die Tasche, der Mantel, einfach in die Ecke geschleudert. Er scheint Luft zu sein. Kein Lä-cheln, kein freundliches Wort. Blumen, Tisch - das existiert gar nicht. Sie wirft sich auf die Couch, dreht das Gesicht zur Wand. In diesem Moment scheint der sowieso schon schwarze Himmel völlig auf ihn einzustürzen und ihn zu Tode zu quetschen. Alle Zeichen stehen auf…
Wie von ganz weit weg hört er ihre Stimme. „Schatz, die letzten Wochen waren so blöd. Du weißt schon. Lass uns essen gehen. Ich hab keine Lust, zu kochen oder aufzu-waschen. Ich mach mich nur schnell frisch…“ Sie steht auf, nimmt ihn in den Arm, gibt ihm einen Kuss auf die Nase, lächelt, geht ins Bad. Und der Himmel…
Amen
Freitag, 30. Oktober 2009
Hohe Berge - Reformationstag 2009, Reihe I

Text: Mt 5,2-10
Liebe Gemeinde!
Wer ist eigentlich wirklich ein Christ? Bin ich überhaupt ein Christ? Wie komme ich zu Gott? Der ist doch weit weg, der interessiert sich doch nicht für mich! Das ist mir zu schwer, zu kompliziert, Christ zu sein! Ich glaube zwar an Gott, aber trotzdem lebe ich doch nicht christlich. Fragen, Aussagen von Zehntklässlern in einer Vertretungsstunde in der letzten Woche. Und nicht nur bei Zehntklässlern oder manchmal auch Konfirmanden, auch bei Taufeltern oder älteren Menschen, die ich bei Geburtstagsbesuchen kennen lerne, bei Angehörigen, die im Altenheim zu Besuchen dazu kommen tauchen genau die Fragen und Bemerkungen auf. Menschen, die nicht selbstverständlich regelmäßig in den Gottesdienst kommen, die nicht selbstverständlich in der Bibel lesen oder beten haben oft den Eindruck, dass es ganz schwer ist, Christ zu sein, an Gott zu glauben und auf ihn zu vertrauen. Und wenn ich mich selbst anschaue, dann merke ich, dass auch ich als Pfarrer manchmal ganz ähnliche frage oder denke: Was muss ich eigentlich machen, damit ich ein guter Christ bin? Schaffe ich das überhaupt? Ist das nicht in einer Welt wie heute, in der Leben so vielfältig und kompliziert geworden ist, nicht viel zu schwer?
Ich habe heute ein Bild verteilt. Der Mount Everest ist darauf zu sehen, der höchste Berg der Welt, fast 9000 Meter erhebt sich der Gipfel über den Meeresspiegel. Wer mich kennt und weiß, dass ich Berge mag, findet es vielleicht nicht ganz so merkwürdig, aber es hört sich trotzdem vielleicht komisch an: dieser Berg, der Predigttext von heute und die Erinnerung daran, dass wir heute auch den Reformationstag nachfeiern und uns an Martin Luther erinnern, haben mir dabei geholfen, bei den ganzen Fragen über die Schwierigkeiten, Christ zu sein und als Christ zu leben, etwas klarer zusehen. Zwei, drei Punke gibt es, bei denen ich glaube, dass der Berg, das Gebirge, manches wirklich anschaulich machen kann.
Da ist einmal die Frage: Wie komme ich da hoch? Auf den Mount Everst kommt nicht jeder. Da braucht es jahrelanges Training, Ausdauer, Geschick, und vor allem: viel, viel Geld. Ich muss die Anfahrt bezahlen, Bergführer bezahlen, die Ausrüstung bezahlen. Es ist schwer und teuer. Christsein als Frage des Geldes und der Anstrengung? Das hat schon Martin Luther beschäftigt. Es gab damals Menschen, Tetzel hieß einer von ihnen, die haben den Menschen erzählt, sie müssten nur für ihre Sünden bezahlen und schon hätte Gott sie wieder liebe. Und es gab Menschen, die haben erzählt, dass man sich nur genug Mühe geben müsste und genug gute Taten vollbringen müsste, möglichst perfekt werden müsste, und schon wäre man ein guter Christ und Gott nahe. Martin Luther hat erkannt, dass beides nicht stimmt. Weder Geld noch eigene Anstrengung bringen Menschen auf Dauer Gott nahe. Da bin ich wieder beim Berg, der ja in vielen Religionen als Wohnsitz der Götter angesehen wird und auch im Judentum, zum Beispiel bei den 10 Geboten, und im Christentum, unser Predigttext ist ja Teil der Bergpredigt, ein Bild dafür ist, Gott nahe zu sein. Ich kann mir noch so viel Mühe geben, mich noch so sehr anstrengen, noch so viel Geld ausgeben und noch so viel tun, um das Ziel, am Gipfel anzukommen, zu erreichen: ich werde nie am Gipfel bleiben. Am Ende stehe ich wieder unten. Vielleicht mit dem schönen Gefühl, es mal geschafft zu haben. Aber auf Dauer kann ich nicht oben bleiben. Auf Dauer bringt mich nichts, was ich tun kann, wirklich nahe zu Gott. Immer wieder gibt es im Leben auch Abstiege und die Erfahrung, dass Anstrengungen, gut zu sein, Gutes zu tun, nicht reichen, sondern dass sich auch immer wieder die andere, dunkle Seite im Menschen, das Aufgeben, nach unten gehen, bemerkbar macht. Wer aus der Bergpredigt den Schluss zieht, er müsse alle Anstrengungen unternehmen, um immer friedfertig, barmherzig, sanftmütig, reinen Herzens und gerecht zu sein, wird scheitern. Jesus sagt in der Bergpredigt nicht: Ihr müsst euch anstrengen, dass ihr sanftmütig, friedfertig, reinen Herzens seid und wenn ihr das geschafft habt, seid ihr selig, seid ihr besonders nahe bei Gott. Sondern er stellt ganz einfach fest: dort, wo das jetzt da ist, wo Menschen an Unrecht leiden, wo Menschen friedfertig sind und barmherzig sind, also vergebungsbereit und bereit, auf den eigenen Vorteil zu verzichten, da ist jetzt schon ein Stück Himmel auf der Erde. Die, von denen man vielleicht sagt: Das sind doch die Opfer, die am Boden liegen, das sind die, die eigentlich auf dem Gipfel stehen.
Und da bin ich beim zweiten Punkt, der mir diesen Berg für die Bergpredigt so wichtig gemacht hat. Das, was unten liegt, wird ins Licht gestellt und nach oben geholt. Die größten Berge der Welt sind so ähnlich entstanden. Da sind zwei Kontinente, zwei Welten aufeinander geprallt und das, was ganz unten, unsichtbar, war ist nicht nur ans Licht gekommen, sondern hat sich zu beeindruckenden, majestätischen Gebirgen aufgetürmt. Da stoßen zwei Wirklichkeiten zusammen. Die Welt, die Erfolge sehen und messen will. Die Welt, in der Opfer nichts gelten, die Opfer, Schwache braucht, damit andere oben stehen können. Die Welt, die das Unrecht feiert, weil der Stärkere es nutzen kann, um sich vom Schwächeren zu nehmen. Die Welt, in der nicht Barmherzigkeit, Vergebung, Verzicht auf den eigenen Vorteil, sondern das oft genug rücksichtslose Durchsetzen der eigenen Interessen, das Aufrechnen und Gegenrechnen von Schuld wichtig ist. Diese Welt stößt zusammen mit der Welt Gottes. In Jesus greifbar geworden. Mit der Welt Gottes, der auf der Seite der Opfer steht. Mit der Welt Gottes, der Liebe und Vergebung und nicht Rache und Gewalt will. Mit der Welt Gottes, in der Liebe stärker als der Tod ist. Da stoßen zwei Welten zusammen - und erstmal wird nichts vernichtet, aber eine neue Wirklichkeit wird sichtbar. Eine Wirklichkeit, die größer und schöner ist als das, was bisher für normal und richtig und unverrückbar gehalten wurde. Die Opfer der alten Welt kommen nicht nur ans Licht, sondern ihnen wird eine besondere Würde und Wertschätzung zugesprochen. Die alte Welt ist noch da. Aber die Zeichen für das neue, für die große Wirklichkeit der Liebe Gottes werden unübersehbar. Wie beim Entstehen der Gebirge geschieht dieses Auffalten der neuen Wirklichkeit nicht ohne Brüche und Schmerzen, nicht ohne Widerstände. Und so, wie die Gebirge auch heute noch wachsen, wächst die neue Wirklichkeit weiter. Sie ist noch nicht fertig. Aber wir können sie sehen und staunend davor stehen.
Und da ist das dritte, was mir am Bild des Berges wichtig geworden ist, das ist das, was ein Mensch sehen kann, wenn er tatsächlich vor einem Berg steht. Wenn ich hoch schaue, erkenne ich, wie klein ich eigentlich bin, wie schutzbedürftig, manchmal auch schwach, wie arm angesichts dieser Größe. „Selig sind, die geistlich arm sind“ - für mich heißt das nicht nur: Gott hat ein besonders Auge auf die, die mit nicht so viel Intelligenz ausgestattet sind, Gott hat ein Auge auf die in ihrem Geist und ihrer Seele Kranken, auf die mit geistigen Einschränkungen. Das heißt es für mich sicher auch. Aber es heißt auch, gerade im Blick auf die mit weniger solchen Einschränkungen: Gott ist denen besonders nahe, die sich ihrer eigenen Armut, ihrer eigenen Fehlbarkeit und ihrer eigenen Schwäche bewusst sind. Denen, die sich trauen, das ehrlich einzugestehen. Denen, die wissen, dass sie sich oft genug schwer tun mit dem Glauben, mit der Liebe, mit der Hoffnung, die aber nicht aufgeben wollen. Denen, die anderen keine geistige oder moralische Größe vormachen, die sich nicht aufblasen, sondern die als Arme und Bedürftige unter Armen und Bedürftigen leben. Für mich ist dieses Dastehen vor dem Berg aber nichts, was mich hoffnungslos macht. Als Christ muss ich weder mir noch anderen ständig sagen, wie schlecht die Welt im Ganzen ist und ich im Besonderen bin. Nein, ich darf staunend dastehen: obwohl ich so klein bin, so arm, ist diese große andere, neue Wirklichkeit auch Teil meiner Wirklichkeit. Ich darf mich am Berg, an der Güte Gottes freuen. Ich darf staunen, wie anders die Welt sein kann.
Lass mich nicht in Ruhe! - 17. n. Tr., 11.10.2009, Reihe I
Liebe Gemeinde!
„Lasst mich doch einfach mal in Ruhe!“ - Können Sie sich vorstellen, dass Jesus so gedacht hat? Jesus war doch mehr als nur ein guter Mann. Als Gottes Sohn war er rund um die Uhr im Einsatz für die Kranken, Armen, Bedürftigen, für die großen und kleinen Sorgen und Nöte der Menschen. Wahrer Gott eben. Nein, so einer wird nie müde, will nie Ruhe haben. Aber Jesus ist eben nicht nur wahrer Gott, er ist auch wahrer Mensch. Was für mich eigentlich das Schönste am christlichen Glauben ist, ist, dass Gott uns Menschen da abholt, wo wir sind. Durch Jesus und in ihm kommt uns Gott entgegen. Er sagt nicht: „Bevor ich irgendwie für euch da bin, müsst ihr viele tausend Regeln befolgen und Bedingungen erfüllen und mir eure Liebe und Verehrung beweisen.“ Er sagt: „Bevor ihr überhaupt wirklich lieben könnt, komme ich euch entgegen, hole ich euch da ab, wo ihr seid, kenne ich längst eure Nöte. Ich bin für euch da, bevor ihr für mich da sein könnt. Ich liebe euch. Und deshalb könnt ihr auch lieben.“ Jesus ist eben auch wahrer Mensch. Und deshalb kann er den Menschen, uns Menschen, wirklich helfen und uns wirklich nahe sein. Hier, in dieser Geschichte aus dem Neuen Testament, wird das für mich wieder sehr deutlich. „Lasst mich doch einfach mal in Ruhe!“ Dieses Gefühl: Ich brauche jetzt mal Abstand, das außer mir sicher auch noch andere hier kennen, das steht ganz am Anfang. Jesus zieht sich zurück in die Gegend von Sidon und Tyrus. So fängt die Geschichte an. Er geht weg von den Menschenmassen, in eine Gegend, in der die Menschen eine ganz andere Religion haben. In eine Gegend, in der ihn vermutlich keiner kennt und keiner was von ihm will. Vorher wird erzählt von großen Reden, die Jesus gehalten hat, von Heilungen, von vielen Menschen, denen er begegnet ist und die etwas von ihm wollten. Jetzt reicht es ihm scheinbar. Mit seinen engsten Freunden will er auftanken. Neue Kraft für neue gute Taten sammeln. Und ausgerechnet da, wo man gar nicht vermuten kann, dass ihn überhaupt jemand kennt und was von ihm will, ausgerechnet da belästigt ihn eine Frau. Eine mit einer fremden Religion, eine, für die er doch gar nicht zuständig ist. „Sorg doch dafür, dass sie endlich Ruhe gibt“ - die Jünger, die Freunde von Jesus, sie sind genervt. Und Jesus reagiert gar nicht. So kennen wir ihn gar nicht, oder? Jesus, einer von uns, einer wie wir? Genervt, Ruhebedürftig, schlecht gelaunt?
Oder ist die Frau eine wie wir? Eine, die verzweifelt ist. Ihre Tochter ist schwer krank. Keiner kann der Tochter helfen. In ihrer Not sind ihr der Anstand, die Sitten, die Bräuche, die Religion egal. Hauptsache, ihrer Tochter wird geholfen. Dass eine Frau einen Mann anspricht - damals undenkbar. Dass eine Heidin, eine Ungläubige, etwas von einem jüdischen Lehrer und Meister will - ging gar nicht. Und dass sie ihn dann auch noch mit den besonderen Ehrentiteln „Sohn Davids“ und „Herr“ anredet, dass darf sie doch eigentlich gar nicht, sie glaubt doch an andere Götter! Aber in ihrer Not weiß sie sich nicht anders zu helfen. Für ihre Tochter tut sie alles. Und wenn Jesus wirklich so ein Freund der Menschen ist, wie immer erzählt wird, dann muss er doch auch für sie da sein! Ja, ich hoffe, dass die Frau eine von uns ist. Ich hoffe, dass wir wie die Frau sind. Dass wir uns nicht abspeisen lassen und nicht schnell zufrieden geben, wenn es um das Leben von Menschen geht, die uns wichtig sind. Dass wir uns trauen Jesus, Gott, anzusprechen, ihn auf die Liebe, die er doch nicht nur sein will, sondern auch ist, festnageln und uns nicht damit zufrieden geben, dass er manchmal einfach schweigt. Im Konfirmandenunterricht haben wir in den vergangen Wochen auch über das Gebet geredet. Und mehrere Konfirmanden haben das gesagt, was doch jeder, der es einmal ernsthaft mit dem Beten versucht hat, wahrscheinlich nachvollziehen kann: „Aber Gott antwortet doch nicht. Er lässt auch sinnvolle Bitten unerfüllt, er spricht nicht direkt so, dass ich es verstehen könnte.“ Ich wünsche allen, die diese Erfahrung machen, die Kraft der Frau in der Geschichte, die sich vom Schweigen nicht irre machen lässt, die dagegen hält, als sie eine Antwort bekommt, die sie nicht versteht, ich wünsche allen, die diese Erfahrung machen, die Kraft, dranzubleiben, dagegenzuhalten, die Hoffnung nicht zu verlieren. Wir dürfen Gott mit unseren Anliegen wirklich ansprechen. Das macht die Geschichte deutlich. Glauben, der Zweifel und Zurückweisung überwindet, hat eine Hoffnung und eine Verheißung.
Mir ist diese Geschichte wichtig geworden. Nicht nur, weil Jesus hier auch menschlich begegnet, und ich so wissen darf, dass mich auch meine manchmal schwierigen Seiten, Gereiztheit, Ruhebedürftigkeit und manches andere mehr nicht von ihm trennen. Gott kennt mich und meine Schwächen. Und in dieses Leben kommt er. Nicht in ein ideales Leben. Mir ist die Geschichte nicht nur wichtig, weil sie von der Hoffnung erzählt, dass Gott zuhört, dass er Not wirklich wendet. Mir ist sie vor allem auch deshalb wichtig, weil er das so tut, dass er auch Grenzen, die Menschenziehen, überwindet. Dass er auch die Grenzen, die auf ihn zurückzuführen sind, die Grenzen der Religionen, überwindet. Gottes Liebe macht nicht dort Halt, wo der Glauben an ihn seine Grenze hat. Die durch Jesus sichtbare Menschlichkeit Gottes lässt Menschen die Menschenfreundlichkeit Gottes erkennen. Es ist menschlich, dass wir Grenzen brauchen. Wir wären von einer Forderung nach Grenzenlosigkeit überfordert. Grenzen geben auch Halt und Orientierung. Da, wo zum Beispiel auch in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen, Grenzen vorenthalten werden, wird Leben schnell unmenschlich. Wir brauchen Grenzen. Nicht als absolute Trennung, sondern zur Orientierung, als Einladung, daran zu wachsen, zu schauen, wo sie nötig oder überflüssig sind. Aber diese Grenzen von uns dürfen wir nicht zu Grenzen Gottes machen. Hilfe, Zuwendung, zuhören, reden nur für die, mit denen, die so sind, so denken, so glauben wie wir - das ist nicht Gottes Programm. Menschsein, Menschlichkeit - das hat keine Grenze, das darf keine Grenze haben. Der wahre Mensch Jesus hat Gottes Liebe, Gottes Kraft über die Grenzen hinaus getragen und so Wege zu Gott geöffnet, von denen die Menschen, die an Gott glaubten, dachten, dass es sie gar nicht gäbe. Wenn wir als Menschen Gottes Liebe einschränken wollen, anderen vielleicht auch Glauben absprechen wollen, dann müssen wir mehr als nur vorsichtig damit sein. Jesus ist für Überraschungen gut, Gottes Liebe ist für Überraschungen gut.
Aber bei allem, was für mich in dieser Geschichte schön und wichtig ist, eine Frage bleibt. Die Tochter wird gesund. Der große Glaube der Frau hat geholfen. Aber wie ist das bei den vielen Söhnen und Töchtern, die nicht gesund werden? Bei dem Sohn, der an Leukämie stirbt und nach dessen Tod die Familie zerbricht? Bei dem Mädchen, dass die Schrecken des Missbrauchs nie verkraftet hat und dessen Leben in eine tödliche Spirale aus Abhängigkeiten gerät? War dort, war bei viel zu vielen anderen Fällen der Glauben etwa nicht groß genug? Nicht jeder, der glaubt, erfährt wirklich diese Hilfe - oder, und da sind wir wieder bei den Schwierigkeiten, die nicht nur Konfirmandinnen und Konfirmanden mit dem Beten haben, er erfährt diese Hilfe nicht so, dass er sie als Hilfe auch erkennt und wahrnimmt. Auch wenn ich lange predigen und reden kann - manchmal bin ich auch sprachlos. Gerade wenn es um die Erfahrungen geht, die in der Geschichte auftauchen. Um Krankheit und erfolgreiche oder eben erfolglose Versuche, sie zu beseitigen. Glauben und Gesundheit - nein, einen automatischen und immer erkennbaren Zusammenhang kann ich nicht sehen. Ich wünsche mir dann, dass ich auch dann so sein kann wie die Frau - mit Durchhaltevermögen und dem Mut, auch kritische Fragen zu stellen. Und dass ich die Hoffnung auf eine Antwort, die ich verstehe, nicht verliere. Diese Hoffnung und diese Kraft wünsche ich uns allen. Damit wir mitten in diesem oft so fragwürdigen Leben Gottes Zuwendung und Nähe erfahren, die Liebe des Mensch gewordenen Gottes, der unsere Not kennt, der uns liebt, bevor wir überhaupt auf die Idee kommen, ihm irgendetwas zurückgeben zu müssen. Ich wünsche uns, dass wir die Hoffnung behalten, auch dann, wenn wir uns schwer tun. Damit wir unsere Grenzen aushalten und Gott zutrauen, dass er größer ist als unsere Grenzen. Auch wenn wir manchmal zu anderen sagen: „Lasst mich doch in Ruhe“ - Gott lässt uns nicht endgültig in Ruhe. Wir sind geliebt. Gott sei Dank.
Überflüssig!? - Erntedankfest 2009
Anspiel:
A: sehr habgieriger Mensch / B: macht bei A mit, wird dann von ihm im Stich gelassen, C, D: erstmal Opfer der Habgier von A (und B)
A: Ich bin froh, dass ich genug Kohle hab. Hartz IV und immer rechnen, das wär nichts für mich!
B: Ja, da müsste man immer in so Billigkram rumlaufen. Und iPod oder iPhone wären auch nicht drin, höchstens so’n blödes altes Zeug.
A: Klar, aber guck mal. Siehst du den da drüben? Der hat auch n krasses Handy. Das hat der doch echt nicht verdient. Wollen wir ihm das abziehen?
B: Verdient hat der’s nicht, das Opfer. Aber lass den ruhig mal in Ruhe. Wir haben doch unsere iPhones.
A: Na und? Der Trend geht klar zum Zweithandy. Und ich brauch jetzt noch eins. Ich will doch nicht jeden Tag mit dem Gleichen telefonieren!
C: Hallo!
A: Was quatscht du uns denn an? Wer hat dir das denn erlaubt?
C: Ich geh ja schon, schon gut!
B: Moment, so einfach kommst du hier nicht weg.
C: Lasst mich doch in Ruhe!
A: Das könnte dir so passen. Du hast was, was eigentlich uns zusteht!
C: Quatsch!
A: Du hast so ein Handy gar nicht verdient. Nen Blackberry könnte ich gut gebrauchen.
C: Aber du hast doch schon ein iPhone! Mein Patenonkel hat mir das geschenkt, sonst hätte ich es mir ja nie leisten können.
B: Siehst du, du hast es nicht verdient.
A: Und jetzt her damit. Du kennst doch Sascha und Kolja. Und wenn wir denen erzählen, was du neulich in der Schule über die gesagt hast und dass du damit dafür gesorgt hast, dass die jetzt fliegen…
C: Macht das nicht!
B: Dann her mit dem Blackberry!
A: Und zwar sofort. Und wehe, du sagst was! Du bist doch versichert. Erzähl doch, dass ein Laster drüber gefahren ist! Los, her damit und hau ab!
Kurz danach
B: Ich hab jetzt Hunger.
A: Ich auch. Guck mal, da kommt einer, der bestimmt Geld dabei hat.
B: Den kenn ich, der hat bestimmt nichts. Der geht nie auf Geburtstage, weil die es sich nicht leisten können, Geschenke zu kaufen.
A: Aber heute wird das Geld für die Klassenfahrt eingesammelt. Und ich weiß, dass der immer ein bisschen bezahlt, den Rest kriegt er vom Förderverein. Und das bisschen Geld hat er jetzt dabei. Reicht bestimmt für zweimal Subway!
B: Hey, komm mal her!
D: Ich?
A: Siehst du sonst noch jemanden? Wir haben Hunger!
D: Und?
A: Kohle her oder ich mach dir das Leben hier an der Schule so zur Hölle, dass du dir wünscht, nie geboren worden zu sein.
D: Aber ich brauch doch das Geld für die Klassenfahrt!
B: Quatsch, du erzählst halt, dass es diesmal gar nicht reicht und der Förderverein alles bezahlen muss. Und jetzt her damit und wehe du sagst was!
Einige Tage später
B: Hey, Glück muss man haben! Weißt du noch, das Preisausschreiben von neulich? Wir haben gewonnen! 5.000,-- Euro!
A: Ich weiß!
B: Woher denn? Die Mail hab ich doch gekriegt!
A: Bist du so blöd oder tust du nur so? Ich kenn doch dein Passwort. Meinst du, du kannst das an mir vorbei machen?
B: Wollte ich doch gar nicht! Du bist total fies!
A: Quatsch, ich geh nur gern auf Nummer sicher. Und deshalb habe ich denen auch schon meine Kontonummer gegeben. Und das Geld ist auch schon da.
B: Dann kannst du mir ja meinen Anteil überweisen. Aber fies ist das schon!
A: Wovon träumst du nachts? Du kriegst gar nichts! Wer so blöd ist wie du, hat es nicht besser verdient!
B: Und ich dachte, wir wären Freunde…
Liebe Gemeinde!
Freundschaft kann man nicht kaufen, nicht klauen, nicht erpressen. Für manche Menschen ist es das Wichtigste auf der ganzen Welt, möglichst viel für sich zu haben. Nicht viel Freundschaft, sondern viel Geld, viel Besitz, egal, wie es dazu kommt. Echte Freunde dabei zu finden, das geht gar nicht. Andere Menschen sind gut, solange sie einem dabei helfen, was für sich zu kriegen. Und sie sind lästig und im Weg, wenn man mit ihnen teilen muss. Das, was ich für mich habe, ist das einzige was zählt. Egal, mit welchen Mitteln und woher ich das kriege. So leben diese Menschen. Das ist schon ein bisschen anders, als es in der Geschichte aus der Bibel war, die wir vor dem Lied gehört haben. Der Bauer in der Geschichte hat seinen Reichtum ehrlich bekommen. Aber er hat auch gedacht, dass sein Besitz ihn von allen seinen Sorgen befreit und dass materieller Besitz das Wichtigste im Leben ist. Was gehört mir eigentlich im Leben? Was brauche ich? Was ist mir geschenkt? Wofür kann ich eigentlich wirklich „Danke“ sagen? Und kann ich das überhaupt noch? Oder habe ich das Gefühl, alles selbst nehmen oder machen zu müssen? Das Erntedankfest, das wir heute feiern, ist für mich ein Fest, in dem es nicht nur darum geht, was eigentlich im letzten Jahr auf dem Feld oder im Garten gewachsen ist, und wofür ich da dankbar sein soll oder kann. Erntedankfest ist für mich ein Fest, das die Chance bietet, mal drüber nachzudenken, welche Einstellung ich zum Leben, zum Besitz, zum Verdienen habe. Und vielleicht auch einen Ort zu finden, an dem die Seele wirklich Ruhe finden kann, einen Ort, der sicherer ist als volle Scheunen, volle Bankkonten, teure Handys oder scheinbare Freunde, die doch nur dazu gut sind, beim Ausnutzen von anderen zu helfen.
Etwas ganz anderes haben wir am Anfang vom Gottesdienst heute gesungen: Danke für alle guten Freunde, danke oh Herr für jedermann - für mich ist das der Beginn eines ErnteDANKfestes, wenn ich mich als Mensch unter Menschen begreifen kann. Der Beginn einer gesunden Seele, die sich nicht als Insel begreift, in der man sich gegen andere absichert, sondern einer Seele, die sich für das Leben, die Menschen und auch die Unsicherheiten öffnet. Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele schaden nimmt? so heißt es an anderer Stelle in der Bibel. Dadurch, dass ich mich als Mensch unter Menschen sehen kann, dass ich die Welt nicht als Eigentum, sondern als gute Leihgabe sehen kann, öffne ich mich, meine Seele, für Gottes Geschenk, für das Leben. Wenn ich mich abschließe von anderen, vom Leben, das manchmal auch Risiken hat, schließe ich mich damit auch von Gott ab. Das wollte der Bauer in der Geschichte. Und das wollte die eine, die zum Schluss übrig blieb, in der Geschichte der Konfis.
Mensch unter Menschen sein, das Leben mit seinen Möglichkeiten als Leihgabe und nicht als Eigentum sehen - geht das denn? Sind wir nicht doch eher Egoisten, Menschen die alles haben wollen? Sicher, perfekt sind wir nicht. Und ich glaube auch, dass es eine Überforderung wäre, wenn wir auf alles, was wir über das absolut Notwendige hinaus haben, verzichten müssten. Aber ich glaube auch, dass es gut ist, sich immer mal wieder darauf zu besinne, woher mein Leben eigentlich kommt, was ich eigentlich alles habe. Und wofür ich auch dankbar sein kann, was oft genug auch wirklich unverdient gut ist.
Hier vorn auf dem Altar gibt es zwei Teile: der eine Teil, den man vom Erntedankfest auch erwartet. Brot, Obst Gemüse, Blumen. Lauter eigentlich selbstverständliche Sachen. Ich will jetzt nicht mit dem Zeigefinger drohen und sagen: dafür müssten wir alle immer dankbar sein. Zu viele Menschen auf der Welt haben das nicht. Wer im Krieg oder in anderen Notzeiten froh war, wenn es überhaupt Brot gab und wenn das Wasser genießbar war, der weiß das zu schätzen. Meine Generation und erst recht die, die noch jünger sind, haben doch nur den zumindest relativen Überfluss erlebt. Ich will jetzt kein schlechtes Gewissen machen, nur weil Gott sei Dank vieles für uns selbstverständlich ist.
Auf dem anderen Teil des Altars sind andere Dinge zu sehen. Sekt. O-Saft. Exotische Lebensmittel. Computer. Schulheft. Ein Autoschlüssel, weil das Auto doch zu groß war. Zeichen für zumindest ein bisschen Luxus. Ich will jetzt kein schlechtes Gewissen machen und sagen: wir müssen lernen, auf so was zu verzichten, wir müssen uns auf die Natur und was Gott uns durch sie schenkt konzentrieren.
Nein. Ich bin dankbar, dass unser Leben meistens eben kein Kampf um das tägliche Überleben ist, sondern dass wir mehr haben. Ich bin dankbar, dass Kinder bei uns in die Schule gehen dürfen und nicht unter unwürdigen Bedingungen als Sklaven arbeiten müssen. Ich bin dankbar, dass ich nicht nur Wasser zu trinken habe und dass wir mobil sein können und dadurch andere Städte und Länder, andere Menschen und Ideen kennen lernen können. Dankbar, dass ich damit leichter als Mensch unter Menschen leben kann und nicht gegen andere um mein Dasein kämpfen muss. Dankbar, dass ich leben darf - und dass mit manches im Leben leichter fällt oder gemacht wird. Dankbar leben - das ist das Stichwort. Gott hat uns die Erde mit ihren Möglichkeiten gegeben, damit wir LEBEN - wer wie der Bauer oder die eine im Anspiel nur den Besitz sieht und glaubt, der würde Ruhe und Sinn verschaffen, der verpasst das Leben. Weil er sich an letztlich tote Dinge hängt. Weil er Hilfsmittel, Nebensächlichkeiten, zur Hauptsache werden lässt. Dankbar LEBEN - für mich heißt das, die Möglichkeiten erkennen und annehmen und, trotz allem, was dabei schief geht, etwas damit machen. Für andere und für sich. Andere zum Leben einzuladen, so wie Gott uns zum Leben einlädt. Immer wieder neu. Auch dann, wenn wir uns schwer mit dem Leben tun. Gott gibt uns nicht auf. Gebe Gott, dass wir daraus Kraft zum dankbaren Leben als Mensch unter Menschen ziehen. Amen
Sonntag, 20. September 2009
Wird alles gut? - 15. n. Trinitatis, 20.09.09, Reihe I
Liebe Gemeinde!
„Alles wird gut“ - Ich würde das Ihnen und Euch so gern versprechen. „Alles wird gut, macht euch keine Sorgen!“ Alles wird gut, für die Schülerinnen und Schüler, die Angst vor der nächsten Klassenarbeit haben. Die Angst davor haben, keinen vernünftigen Abschluss zu kriegen und keine Lehrstelle. Die Angst davor haben, dass auch an ihrer Schule mal jemand durchdreht und Amok läuft. Die Angst davor haben, schief angeschaut zu werden, wenn sie mit Kleidung aus der Kleiderkammer, von C&A oder takko, statt von H&M, New Yorker, Karl Kani und so weiter in die Schule kommen. Die Angst davor haben, von ihrer Clique ausgelacht zu werden, wenn sich herausstellt, dass sie in Wirklichkeit nicht so hart und cool sind, wie sie sich gern geben. Ich würde so gern sagen: „Alles wird gut, macht euch keine Sorgen!“ - Auch den Eltern, die Angst davor haben, dass ihr Kind an falschen Freunden, an Drogen, an schlimmen Erfahrungen zerbricht. Die Angst davor haben, dass ihr Kind vor ihnen stirbt. Die sich entscheiden müssen, ob sie es von dem Geld, das noch zur Verfügung ist, im Winter schön warm haben wollen oder ob sie sich und ihre Kinder gesund ernähren, weil für beides das Geld nicht reicht. „Alles wird gut, macht euch keine Sorgen“ - ich würde es den älteren Menschen gern versprechen. Denen, die Angst davor haben, am Ende allein zu sein. Denen, die Angst vor einem langen und elenden Sterben haben und denen, die Angst davor haben, in einer Welt, die sich immer schneller ändert, nicht mehr mitzukommen. Ich würde das so gern versprechen: „Alles wird gut, sorgt euch nicht, Gott gibt euch, was ihr braucht!“ Und dann fallen mir Gespräche mit Menschen ein, jungen und alten, die mich fragen, warum es sich lohnt, mit Gott im Gebet zu reden und mit ihm zu rechnen, wenn er doch trotz Gebet nicht dafür gesorgt hat, dass der Vater aufhört zu saufen und die Familie zu quälen. Wenn Gott nicht verhindert hat, dass das Kind sich regelmäßig betrinkt und kriminell wird, wenn er das qualvolle Sterben des Ehemanns nicht gemildert hat oder einem die Situation, sich zwischen Heizung und guter Ernährung zu entscheiden, nicht erspart. Man muss gar nicht bis in unterentwickelte Länder gehen, bis hin zu Kindern, die dort immer noch massenhaft verhungern und an vermeidbaren Krankheiten sterben, um Schwierigkeiten zu kriegen, dieses „Sorgt euch nicht, Gott weiß, dass ihr Nahrung, Kleidung und so weiter braucht“, zynisch zu finden. Man findet schon auf dem Richtsberg mehr als genug Gründe dafür, vorsichtig zu sein mit dem Versprechen: „Alles wird gut, sorgt euch nicht!“ „Sorgt euch nicht!“ - Wer das als einen Befehl Jesu versteht, immer fröhlich durchs Leben zu ziehen, wer daraus sogar schließt, dass jemand, der sich Sorgen macht, kein richtiger Christ ist und nicht gut und fest genug an Gott glaubt, der denkt und handelt unmenschlich. Es gibt, Gott sei es geklagt, jede Menge echter Gründe, sich Sorgen zumachen.
Die Frage, vor die uns das, was Jesus hier sagt, stellt, ist nicht die, ob wir als uns Christen Sorgen machen müssen oder dürfen. Die Frage ist vielmehr die, wie wir mit Sorgen und Nöten umgehen. Ob wir uns von ihnen vielleicht im wahrsten Sinn des Wortes auffressen lassen und langsam zugrunde gehen oder ob wir diesem Sog der Angst, der Not und der Sorge etwas entgegensetzen können. Es geht letztlich um die Frage: „Wem gebe ich Macht über mein Leben?“
Dass Jesus mit diesem „Sorgt euch nicht!“ nicht jede Angst und Sorge verbieten will, sondern dass er den Blick auf das lenken will, was Leben wirklich gut macht, zeigt schon der Zusammenhang der Verse. Direkt vor dieser Aufforderung, sich nicht um Kleidung oder Nahrung zu sorgen, steht die Aussage Jesu, dass niemand sowohl Gott als auch dem Mammon, dem Scheingott, dem Götzen des Geldes, dienen kann. Ordne ich mein Leben dem Geld unter? Geht es mir darum, mich durch das, was ich anhabe, besser als andere zu machen? Geht’s drum, mich durch meine Essgewohnheiten als besonders wichtig und wertvoll darzustellen? Weder Schampus, Kaviar und Austern noch der ausschließliche Genuss von Biogemüse, Bioeiern und Biofleisch machen einen zu einem guten Menschen. Weder der Anzug von Boss noch das T-Shirt von Ed Hardy, weder die goldene Uhr noch das schöne eigene Haus geben dem Leben wirklich Sinn. Wer nur nach diesen, manchmal vielleicht ja auch schönen und sinnvollen, Dingen schaut und sein Leben danach ausrichtet, möglichst viel davon für sich zu bekommen, wird wichtiges verpassen. Weil er vorletzten Dingen zu viel Macht einräumt. So verstehe ich Jesus hier. „Trachtet zuerst nach Gottes Reich und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen“. Nicht Schuld aufrechnen sondern Schuld vergeben, auch für mich selbst damit rechnen, dass mir vergeben werden kann und ich mir nicht alles verdienen muss, Liebe, neben den eigenen Bedürfnissen auch die der anderen wahrnehmen, ja, das kann eine Gelassenheit schaffen, die Freiheit eröffnet. Auch ein Stück Freiheit von der Sorge, zu wenig zu haben, zu kurz zu kommen, zu schlecht zu sein.
Aber für mich geht das, was Jesus will, noch tiefer. Es geht ihm nicht darum, Sorgen zu verbieten, sondern es geht Gott darum, ein Angebot zu machen, Sorgen erträglich werden zu lassen. Sich eben nicht auffressen zu lassen. Weder von den Sorgen um vielleicht manchmal zu wichtig genommene Äußerlichkeiten noch von den wirklich lebenswichtigen Sorgen. „Alle eure Sorgen werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ Das sagt nicht einer, der mit Mittelstandsbauch satt und zufrieden in die Welt schaut, da geht es nicht um eine Wunschmaschine und einen Zauberer, dem man seine Wünsche anvertrauen soll und der dann schon für Erfüllung sorgt. Sondern da macht einer ein Angebot, der weiß, wie es ist, unten zu sein. Der bespuckt und geschlagen wurde, der das Gefühl kannte, allein, sogar gottverlassen zu sein. Da macht einer ein Angebot, der nicht in höheren Sphären dem Ernst des Lebens und der Härte der Welt entzogen ist, sondern der bis zum letzten auf der Seite der Menschen steht, der Leidenden, der Armen, derer, die zu kurz kommen, derer, die Angst haben. Da ist einer, der weiß wirklich, wie’s mir geht, wenn’s mir schlecht geht, dem kann ich nichts vormachen und der macht mir nichts vor. Gott macht in Jesus nicht das Angebot, Sorgen einfach so wegzuzaubern. Sondern er macht das Angebot, mitzutragen, mitzugehen, nichts unter den Teppich zu kehren, sondern durch ehrliches Anschauen des Lebens Kraft und Hoffnung wachsen zu lassen und so Sorgen loszuwerden oder wenigstens erträglich werden zu lassen.
Es geht darum, Freiheit zum Leben zu gewinnen. Durch Loslassen. Von Sorgen, vielleicht auch manchmal von Menschen. Und auch durch Loslassen von Überforderungen. Manchmal entstehen die ja auch dadurch, dass ich glaube, für alles wirklich selbst verantwortlich sein und sorgen zu müssen. Und das „ich“ meine ich jetzt ganz und gar nicht rhetorisch. Loslassen, weil ich weiß, dass ich abgeben darf. Sorgen, Ängste, Überforderungen. Und dadurch die Freiheit gewinnen, das zu tun, was in meiner Macht steht und für das ich Verantwortung trage. Vielleicht hilft dazu nicht nur mir, sondern auch anderen, die dieses kennen, ein Gebet. „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und Gott, gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Amen.
Samstag, 12. September 2009
Danke für nichts!? - 14. n. Trinitatis, 13.09.2009, Reihe I
Predigttext: Lukas 17,11-19
Liebe Gemeinde!
Dienstag, 8. September, 16.55 Uhr. Seit einer Stunde liegen in Konfer sichtbar Süßigkeiten neben mir auf dem Tisch. Die Stunde geht zu Ende, ich sage den Konfis, warum sie da liegen, dass ich sie ihnen schenken möchte und dass sie sich jetzt was nehmen können. Es ist genug für alle da. Manche nehmen sich gleich zwei Teile, versuchen mit einem Grinsen noch ein drittes Teil zu kriegen. Wenn’s hoch kommt, hat die Hälfte der Konfis „Danke“ gesagt, ein paar weniger sind auf den Grund für das Geschenk eingegangen. Vielleicht hört sich das jetzt so an, als würde ich mich über die Konfis beschweren wollen und sagen: „Ja, ja, die Jugend von heute! Verwöhnte Gören! Früher hätte es das nicht gegeben!“ Aber ich glaube kaum, dass es sehr viel anders gelaufen wäre, wenn ich es mit einer beliebigen Gruppe Erwachsener gemacht hätte. Jugendliche benehmen sich in der Regel so, wie sie es vorgelebt bekommen. Und da leben wir in einer Zeit, in der ich den Eindruck habe, dass Dankbarkeit oft genug als Schwäche ausgelegt wird. „Ich nehme, was ich kriegen kann, steht mir doch irgendwie zu. Und wenn jemand so dumm ist, mir das umsonst oder zu billig zu geben, dann ist das doch sein Problem. Wer schlau ist sieht zu, dass er aus allem das Meiste rausholt!“ Es sind nicht Jugendliche, die zuerst genauso leben. Und es sind nicht nur arme Menschen, die so leben. Bei denen könnte man es ja noch verstehen. Trotz Wirtschaftskrise: Gier und Egoismus spielen immer noch eine große Rolle. Und Dankbarkeit hat in dieser Welt oft wenig Platz. Ich will mich jetzt nicht lang beschweren. Mit ungefähr 50% Dankbarkeit hatte ich im Vergleich zu Jesus ja eine Spitzenquote. Und ich hatte nur ein paar Süßigkeiten. Jesus hat in der Predigtgeschichte, die ich gerade vorgelesen habe, eine Dankbarkeitsquote von 10%. Und das, obwohl er Menschen, die unter einer schweren Krankheit litten, die wegen dieser Krankheit von ihren Familien, ihren Freunden und jeder Arbeitsmöglichkeit ausgeschlossen waren, geheilt und ins Leben zurückgeholt hat. Er hat nicht nur Schokolade verteilt, sondern den Menschen etwas wirklich Lebenswichtiges gegeben: Gesundheit und die Möglichkeit, am ganz normalen Leben teilzunehmen. Und trotzdem kommt nur einer von zehn zurück und sagt Danke. Und was macht Jesus? Er wünscht denen, die nicht zurückgekommen sind, nicht die Pest an den Hals und verflucht sie nicht und beschwert sich nicht lange. Er nimmt das Geschenk nicht zurück. Er lässt die neun ihren Weg gehen und beschäftigt sich mit dem Einen, der zurückgekommen ist.
Mir erzählt diese Geschichte eine Menge von Gott, über das Wesen des Gebens und Schenkens. Gott, der sich ja in Jesus zeigt, ist ein Gott, der Menschen die Möglichkeit zum Leben eröffnen will. In Würde, unabhängig von Almosen, die andere einem zuteilen, leben zu können: diese Möglichkeit bekommen die zehn Kranken durch Jesus geschenkt. Und dieses Geschenk wird eben nicht zurückgenommen. Jesus schenkt nicht, weil er geliebt oder bewundert werden will. Er schenkt nicht, damit sich sein Ruhm oder seine Anerkennung vermehren, sondern weil die Menschen, die ihm begegnen, hier die zehn Aussätzigen, das Geschenk brauchen. Niemand von uns hier im Gottesdienst ist Jesus. Aber im Blick auf dieses Wesen seines Schenkens sind mir mindestens zwei Beobachtungen bis heute wichtig.
Erstens: Wer schenkt, damit er geliebt oder verehrt wird, wer schenkt, um selbst gut da zu stehen, hat eigentlich schon verloren. Das, was Jesus vorlebt und was als gute Grundregel eigentlich in jeder Beziehung bis heute auch unabhängig vom Glauben gültig ist, drückt Joachim Ringelnatz in seinem Gedicht über das Schenken unter anderem so aus: Schenke herzlich und frei. Schenke mit Geist ohne List. Wer schenkt, um sich Liebe zu kaufen oder um gut da zu stehen, muss sich nicht wundern, wenn Dankbarkeit fehlt. Ein Geschenk ist dann ein Geschenk, wenn es nicht um mich, sondern um den anderen geht. Für mich wird das in dem Geschenk „Gesundheit“, das Jesus hier macht, sehr deutlich. Und in der Art und Weise, wie er mit dem nicht abgestatteten Dank umgeht.
Und da ist die zweite Beobachtung, jetzt mehr im Blick auf mich als Pfarrer, auf uns als christliche Gemeinde. Einer von zehn kommt zurück zu Jesus. Einer von zehn dankt Gott. Man gibt sich Mühe. Als Pfarrer. Als Gemeinde. Man möchte einladend und ansteckend sein. Menschen für Gott öffnen und begeistern. Zu Jesus selbst kommt einer von zehn. Und Jesus gibt trotzdem nicht auf. Und in ihm begegnet Gott den Menschen selbst. Wir tun manchmal so, als sei die große Zahl wichtig. Wir lassen uns verführen von anderen, die Erfolg in Massenbewegungen messen. Nicht die große Zahl ist wichtig. Der einzelne Mensch ist es, auf den es ankommt. Für mich ist gerade dieser Teil der Geschichte ein großes Geschenk. Gerade wenn Kirchenleitungen oder amerikanisch geprägte Freikirchen oder Zeitungen, Radio, Fernsehen, Internet nach Wachstumszahlen fragen und hören wollen, dass Gottesdienste immer besser besucht werden, immer mehr Jugendliche aktiv werden oder, oder, oder. Wir sehen dann, dass wir es nicht schaffen. Und vergessen vielleicht hin und wieder, dass nicht wir mit unseren beschränkten Mitteln, nicht wir, die wir auch manchmal daneben liegen und frustriert sind, das Entscheidende sind, sondern dass Martin Luther Recht hatte, wenn er dichtete: „Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren. Es streit für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.“ Nicht die Zahl macht’s, sondern der Mensch. Nicht wir müssen alles machen, sondern wir haben einen, der schon etwas für uns gemacht hat. Und dieser Jesus, auf den wir uns berufen dürfen, steht auch nicht für den 100%-Fetischismus mancher Öffentlichkeitsarbeiter und PR-Strategen.
In der Geschichte stecken noch viel mehr schöne Geschenke. Schon der Anfang ist so ein Geschenk. Und es begab sich, als Jesus nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. In Jesus begegnet Gott als einer, der auf Wanderschaft ist. Er begegnet Menschen unterwegs im Leben und ist keiner, der feste Sprechstunden, Orte und Zeiten hat. Gott kommt zu uns Menschen, lange bevor wir uns zu ihm aufmachen. Es ist ein Geschenk, das wahrnehmen zu dürfen.
Auch wenn ich mich oft genug schwer damit tue, dankbar zu sein, weil sich viel zu viel Schlechtes in den Vordergrund drängt. Auch wenn ich mich mit meinem Glauben schwer tue, weil Krankheiten oder erlebtes Unrecht oder tragische persönliche Erfahrungen Zweifel an einem guten Gott aufkommen lassen: obwohl oder vielleicht sogar weil das so ist, darf ich darauf hoffen und vertrauen, dass ich nicht erst alles ausräumen muss, damit ich Gott angenehm und wertvoll genug bin, sondern dass er kommt bevor ich aufgeräumt habe.
Ein weiteres mir wichtiges Geschenk zeigt sich erst auf den zweiten oder dritten Blick. Es ist der Weg, den Jesus hier zurücklegt. Sein Weg führt ihn durch Galiläa und Samarien, er geht auf der Grenze und überschreitet Grenzen. Galiläa galt zur Zeit Jesu als eine Art Bauernland. Da wohnte eben nicht die angesehene Elite, sondern die Hinterwäldler. Und Samarien, noch schlimmer, da wohnten die, deren Glauben ein bisschen anders war, die nicht nur in den Augen der Frommen ihrer Zeit wenig wert waren und denen man nichts Gutes zutraute. Jesus gibt sich mit den Grenzen, die Menschen ziehen, mit denen Menschen sich gegenseitig in Gut und Böse, Wertvoll und Nichtsnutzig einteilen, nicht zufrieden. Er überschreitet Grenzen. Er erregt dadurch Anstoß. Aber erst durch diese Grenzüberschreitung wird das Geschenk „Leben“ erst so richtig deutlich und wertvoll. Es ist eben nicht beschränkt auf die, die schon immer dazugehört haben, auf die, denen man es selbst gern gönnt. Ein Geschenk. Und eine Einladung an die, die im Sinne Jesu leben möchten, sich eben auch nicht mit Grenzen, die Menschen ziehen, zufrieden zu geben, anstößig zu sein und so Menschen zum Leben einzuladen und zu ermutigen.
In Würde gut leben zu können - das Geschenk, das durch Jesus hier gemacht wird. Was hindert daran, dankbar zu sein? Manchmal, Gott sei Dank, eigentlich gar nichts. Dafür ist die Taufe, die wir heute feiern dürfen, ein gutes Zeichen. Auch wenn im Vorfeld nicht alles einfach war und einfach ist: ich habe sie in allen Begegnungen so erlebt, dass nicht die Schwierigkeiten im Vordergrund standen, sondern dass die Dankbarkeit dafür, dass Amelie Teil ihres Lebens geworden ist, ganz oben steht. Und dass trotz aller Traurigkeit, dass ein Mensch, der wirklich wichtig ist, nicht mehr mitfeiern kann, die Gewissheit da ist, dass trotzdem eine Verbundenheit und eine Art mitfeiern da ist, die über das Sichtbare hinausgeht. Eine Gewissheit, dass eben durch die Liebe, die Gott in Jesus hat lebendig sein lassen, Leben mehr ist als das, was wir vor Augen haben. Dass Gott wirklich Leben schenkt, Leben, das unsere Grenzen sprengt. Danke, dass wir heute mit ihnen feiern dürfen.
Es ist der Fremde, der, von dem es keiner erwarten würde, der zurückkehrt und dankt. Ich wünsche uns, dass wir immer wieder zu solchen Fremden werden. Dass wir uns nicht in scheinbare Selbstverständlichkeiten hineinbegeben, sondern uns irritieren lassen. Von Jesus, von Gott, von seinem Geschenk des Lebens.
Amen
Samstag, 5. September 2009
Ran an die Wurzel! - 13. n. Tr., 6.9.09, Reihe I
Liebe Gemeinde!
Eine Woche später. Wie an jedem Donnerstag war der Samariter auf dieser Strecke unterwegs. Sein Beruf brachte das mit sich. Schon wieder fand er einen Verletzten, fast an der gleichen Stelle. Er wusste, was zu tun war, packte ihn auf sein Maultier, brachte ihn in die Herberge. Wieder eine Woche später, wieder am Donnerstag. Schon wieder lag ein Überfallener am Straßenrand, der Samariter versorgte ihn, brachte ihn in die ihm gut bekannte Herberge und zog weiter. Die darauf folgende Woche. Donnerstag. Verletzter, sich kümmern, in die Herberge bringen, weiter. Wie auch in der nächsten Woche. Diesmal war der Samariter schlau. Er handelte mit dem Herbergsbesitzer einen Geschäftskundenrabatt aus. So ging das über drei Monate weiter. Donnerstag. Verletzter. Herberge. Der Samariter war halt ein guter Mensch. Nach über drei Monaten hatte der Samariter aber genug. Er brachte den Verletzten zwar in die Herberge, ritt dann aber zurück nach Jericho, stellte eine Polizeitruppe zusammen, suchte mit ihnen den Unterschlupf der Straßenräuber, ließ sie festnehmen und verurteilen - und nie wieder hat der Samariter einen verletztes Überfallopfer donnerstags an der Straße zwischen Jerusalem und Jericho gefunden. Hätte ich doch nur früher an der Ursache des Übels angesetzt und nicht nur die Folgen behandelt, dachte er bei sich. Dann hätte ich mir doch schon längst einen neuen Mantel kaufen könne und den Ledersattel, von dem ich schon so lange träume.
Zugegeben, die Fortsetzung ist jetzt frei erfunden. Aber gerade, wenn einem eine Geschichte so vertraut ist wie die vom barmherzigen Samariter schadet es nichts, sie so ein bisschen mit anderen Augen zu sehen. Jesus erzählt hier eine Geschichte, die auch deshalb so bekannt ist, weil sie von einer scheinbaren Selbstverständlichkeit erzählt, die leider so selbstverständlich nicht ist. Ich glaube, Christen, Muslime, Juden, auch Buddhisten, Hindus, vermutlich auch Kommunisten oder Atheisten können sich darin wiederfinden. Wenn einer Hilfe braucht, muss ihm geholfen werden. Punkt. Ich muss nicht lange suchen, wo denn nun einer ist, dem ich helfen sollte und der mir interessant genug sein könnte. Auf meinem alltäglichen Weg durchs Leben habe ich die Chance, für einen anderen zum Nächsten zu werden und ihm zu helfen. Unabhängig von seiner und meiner Religion und Volkszugehörigkeit. Samariter waren für die Menschen im damaligen Israel unerwünschte, fast aussätzige Personen. Und ausgerechnet so einer, dem man nur Übles zutraut, zeigt sich als Mensch unter Menschen. Diejenigen, die ihre Vorstellungen von Gott und Reinheit und Gesetzen über den Mitmenschen stellen, so wie der Priester und der Levit, ein Diener im Tempel, die versagen. Gottes Wille ist die Mitmenschlichkeit, nicht die buchstabengetreue Verehrung. Man kann das heute politisch korrekt prima aktualisieren und betonen, dass Ayse aus der Türkei, Ivan aus Russland, Said aus Palästina oder Anja aus Polen in konkreten Situationen vielleicht eher helfen als Erwin, der Pfarrer oder Gerlinde, die Oberkirchenrätin, die doch fromm sein müssten aber in der Praxis… Praktische Beispiele für die Richtigkeit solcher Unterstellungen ließen sich, Gott sei es geklagt, sicher genügend finden. Und, Gott sei Dank, sicher auch Gegenbeispiele, wo Pfarrerinnen und Kirchenvorsteher, wo Bischöfe und Diakonissen leuchtende Beispiele praktizierter Nächstenliebe sind und Menschen, von denen alle nichts Gutes erwarten, tatsächlich auch nichts Gutes tun. Dieses Bombardement mit Beispielen finde ich langweilig. Liebe zu Gott ohne Liebe zum Nächsten bleibt leer. Und den Nächsten kann und muss ich mir nicht aussuchen, sondern er ist, manchmal buchstäblich, nahe liegend. Er oder sie ist da. Und dadurch, dass ich ihn und seine Anfrage an mich wahr- und ernstnehme, werde ich selbst Nächster. Mitmenschlichkeit macht mich menschlich. Spannender als 1000 Beispiele für die Richtigkeit dessen, was Jesus gesagt hat, zu finden und jedem, der an einem bettelnden Menschen vorbeigeht, ohne ihm was in den Plastikbecher zu legen, ein schlechtes Gewissen zu machen, finde ich die Frage, die die Fortsetzung der Geschichte vom barmherzigen Samariter aufwirft. Erstens: Wie helfe ich wirksam? Und zweitens: muss ich alles Geld für Bedürftige ausgeben oder darf ich auch was behalten und mir einfach was Schönes kaufen?
Zum ersten. Zwei ganz praktische Fragen. Soll ich jedes Mal, wenn Marco meine Hausaufgaben zum Abschreiben will, sie ihm auch geben und ihn bei jeder Arbeit abschreiben lassen? Soll ich jedes Mal, wenn einer der Besoffenen Hartz-IV Empfänger Geld für Brot haben will, weil er Hunger hat und kein Geld mehr, sich welches zu kaufen, ihm welches geben?
Auf die erste Frage würden alle Schüler vermutlich sofort sagen: Ja klar! Auf die zweite Frage würden sicher viele sagen: Nein, der ist doch selbst schuld, wenn er sein Geld versäuft. Wieso der Unterschied? In Not sind doch beide! Ich denke, wenn man, auch im Sinne Jesu, danach fragt: was braucht der andere tatsächlich zum Menschsein?, dann werden die Antworten gar nicht so verschieden sein. Klar, wenn die Gefahr da ist, dass der Abschreiber Ärger mit dem Lehrer kriegt und der es dann nach Hause meldet und zu Hause nicht nur Ärger, sondern Prügel wartet, dann würde ich sagen: Dieses eine Mal ja. Aber das nächste Mal sag vorher Bescheid, dann lernen wir zusammen oder machen die Hausaufgaben zusammen. Ich will dir helfen, dass du es SELBST schaffen kannst. Und wenn der Alkoholiker vor Hunger kurz vorm Zusammenklappen ist, dann kriegt er auch Brot. Aber nicht als Dauerhilfe, sondern ich muss gerade auch bei Suchtkranken NEIN sagen. Ich will dir helfen, von dem, was dich abhängig macht, loszukommen. Ich bin da, wenn du wirklich Hilfe willst und brauchst. Aber ich bin nicht dazu da, dich krank zu halten, weiter krank zu machen und deine Krankheit zu verfestigen. Die Menschlichkeit des anderen sehen und achten heißt auch, in aller Hilfsbedürftigkeit auch die Freiheit und Verantwortung des anderen zu stärken und zu respektieren. Und die eigene Menschlichkeit zu entdecken. Und auch zu den eigenen Grenzen zu stehen. Materielle Grenzen, sicher, Grenzen des Könnens, natürlich, aber auch seelische Grenzen. Wenn ich selbst kaputt gehe, kann ich anderen auch nicht helfen. Das soll keine billige Entschuldigung sein, zu früh zu sagen: das kann ich nicht, das schaff ich nicht. Aber der Samariter hat sich eben auch nur um den einen Verletzten am Wegesrand gekümmert. Und nicht gleichzeitig auch noch um die 150 Waisenkinder in Jericho und die 24 Aussätzigen in einem Dorf bei Bethanien, die 82 unversorgten Alten in einem Jerusalemer Stadtteil und so weiter, die auch an seiner Strecke lagen. Gerade in einer Zeit und in einer Welt, in der man praktisch in Echtzeit von Not rund um die Welt erfährt, ist es erstens wichtig, möglichst viel Not an der Wurzel zu lindern und Hilfe dort dann überflüssig werden zu lassen und sich zweitens nicht durch Allmachts- und Allzuständigkeitsphantasien zu lähmen - ich muss alles, ohne mich geht nichts - sondern sich in der unübersehbaren Fülle auf den einen oder die zwei zu konzentrieren, für die ich wirklich Mensch sein kann und nicht aus einem Überlastungsgefühl heraus letztlich nichts zu machen.
Und wo wir gerade bei den Grenzen sind, sind wir auch bei der zweiten Frage: darf ich mir was Schönes gönnen, wo ich doch auch mit dem Geld anderen helfen könnte? Gerade heute für unsere Gemeinde wichtig. Als Kirchengemeinde haben wir uns schöne neue Paramente, Tücher für Kanzel und Altar gekauft. Von dem Geld hätten bestimmt zwei Menschen in Afrika ein Jahr essen können oder man hätte einem in Bangladesh ein Ausbildungsstipendium geben können. Und gerade heute, bei dem Predigttext, legen wir sie zum ersten Mal auf. Ich mache das ohne schlechtes Gewissen. Liebe deinen Nächsten, sagt nicht nur Jesus, sondern das steht schon im Alten Testament, wie dich selbst. Für mich zeigen die neuen Paramente, dass kirchliche Gemeinschaft auch auf dem Richtsberg wertvoll ist und was Schönes verdient hat. Wir sind nicht weniger wert als die Elisabethkirche oder die Pfarrkirche, sondern wir sind auf unsere eigene Art wichtig und dürfen uns an Schönem freuen. Nur wer ein gesundes Selbstwertgefühl hat, kann beim Aufbau oder beim Wiederfinden eines eigenen Selbstwertgefühls helfen.
Jesus ermuntert uns dazu, das zu werden, was wir in Gottes Augen sind: Mensch für Menschen, Mensch durch Menschen, Mensch mit Menschen. Dazu gebe er uns Mut, Kraft und seinen Segen.
Amen
Sonntag, 23. August 2009
Erster! - Bolt's Arms - Weltmeister! - Vom Pharisäer und Zöllner, 11. n. Tr., 23.08.09, Reihe I
Text: Lk 18,9-14
Liebe Gemeinde!
Ich bin nicht der schnellste Mann der Welt. Ich war nicht der Beste bei den Prüfungen, die ich machen musste. Bei einem Schönheitswettbewerb würde ich nicht gewinnen. In meinem Leben habe ich nicht nur Sachen gemacht, auf die ich stolz sein kann, sondern auch manchmal was, was nicht in Ordnung war. Worauf kann ich stolz sein? Es ist ein tolles Gefühl, wenn man etwas besser kann als alle anderen, wenn man ganz vorne ist. Vielleicht ist ja heute auch jemand hier im Gottesdienst, der etwas besonders gut kann und in irgendwas ganz toll ist! Vielleicht traut er oder sie sich jetzt nicht, das zu sagen, um nicht als Angeber dazustehen. Ich glaube, dass es nicht nur heutzutage zwei hauptsächliche Typen von Menschen gibt. Die einen, die ziemlich schmerzfrei sind und mit allem, was sie haben, zeigen, wie toll sie sind. Und die anderen, die sich nicht trauen, auch mal zuzugeben, dass sie was können. Da wirkt der Satz, den Jesus am Ende von dem Gleichnis sagt, das wir gerade gehört haben, schon noch nach: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.“ Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund… - aus großer Höhe kann man tief stürzen! Lieber die Belohnung zum Schluss als am Ende unten liegen! Dabei ist es doch etwas ganz Schönes, wenn man etwas gut kann, wenn man etwas gut gemacht hat und sich darüber auch richtig freuen kann. Es ist doch toll, wenn man hart trainiert hat und dann einen Wettkampf gewinnt und wirklich Bester oder Beste ist. Es ist doch schön, wenn man in der Schule gut gearbeitet hat und dann ein Abschlusszeugnis hat, auf das man stolz sein kann. Und es ist doch prima, wenn andere sehen, dass man gut arbeitet und dann das Zutrauen haben, dass der einen tollen Posten verdient und ein guter Vorgesetzter sein kann. Ich glaube, dass der Pharisäer, der fromme Mann, von dem Jesus in seinem Gleichnis erzählt, tatsächlich ein guter Kerl war, der auf seine Art zu leben stolz sein konnte. Ich glaube, dass er viel Gutes getan hat und sich viel mehr als andere bemüht hat, im Glauben an Gott alles richtig zu machen. Das Einzige, was man ihm vorwerfen kann, ist aber auch dann schon das Entscheidende: der fromme Mann, der Pharisäer, hat sich nicht einfach daran gefreut, dass er gut ist, sondern er hat es als Waffe gegen andere benutzt. „Danke, dass ich besser bin als die anderen“ - vielleicht ist das wirklich eine Haltung, die tief menschlich ist. Es reicht nicht, einfach nur gut zu sein. So richtig toll ist es erst dann, wenn ich auf andere herabsehen kann. So richtig schön ist es erst, wenn ich im Vergleich mit anderen als Bester dastehe. Im Sport ist ja auch nichts dagegen zu sagen. Und nicht nur als Kind haben mir Spiele dann am meisten Spaß gemacht, wenn ich gewonnen habe. Falsch wird es aber dann, wenn ich aus der gemachten Erfahrung, dass ich irgendwo mal besser als andere bin, den Schluss ziehe, dass der andere ein schlechterer Mensch ist. Falsch wird es, wenn ich den andern klein und dumm und unten lassen will, damit ich besser dastehe. Falsch ist die Denkweise, die nicht nur der Pharisäer in dem Gleichnis von Jesus hat: weil ich so toll bin, muss Gott mich einfach lieber haben als die anderen. Ich will lieb gehabt werden - möglichst lieber als andere. Das ist sehr menschlich. Das fängt bei Geschwistern an. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass einen da schon manchmal die Frage bewegt: Wen hat mein Papa, wen hat meine Mama eigentlich lieber? Und manchmal macht man dann auch so einen Wettbewerb im „Liebsein“, damit man lieb gehabt wird. Das macht der Pharisäer hier auch. Und ich glaube nicht, dass er damit bis heute allein da steht. „Du musst mich doch lieb haben, weil ich alles für dich tue! Und du musst mich nicht nur lieb haben, sondern die, die das so nicht machen, darfst du nicht lieb haben!“ Vielleicht kann man das Gebet des Pharisäers auch so verstehen. Ich hab’s verdient - im Gegensatz zu anderen. Aber Liebe kann man nicht verdienen. Respekt kann man sich verdienen und erarbeiten. Achtung vielleicht. Aber nicht Liebe. Liebe heißt auch, sich verletzlich machen. Sich selbst, das eigene Leben dem anderen anzuvertrauen - im Vertrauen darauf, dass der andere das nicht ausnutzt. Liebe heißt, sich fallenlassen können, auf Sicherheiten verzichten.
Vielleicht ist das der große Unterschied zwischen dem Pharisäer und dem Zöllner. Der Pharisäer vertraut nicht auf die Liebe, er vertraut Gott nicht wirklich, sondern er traut in erster Linie sich selbst und seiner Leistung. Der Zöllner lässt sich fallen: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Er weiß, dass er nichts vorzuweisen hat. Er weiß, dass er jede Menge Dinge falsch gemacht und Schuld auf sich geladen hat. Er gibt sich ganz in Gottes Hand. Er vertraut darauf, dass Gott seine Schwäche nicht ausnutzt. Und so kann die Liebe ihren Platz bekommen. Er vergleicht sich nicht, er macht andere nicht schlecht, um besser da zu stehen. „Hier bin ich. So bin ich. Hilf mir. Nimm mich an.“ Liebe, Gnade, Vergebung, das ist kein Wettbewerb, sondern Ausdruck einer guten, einer lebendigen Beziehung.
Es geht in diesem Gleichnis, das Jesus erzählt, nicht darum, dass es schlecht wäre, sich an Regeln und Gebote zu halten. Es ist ein Missverständnis, wenn man die Geschichte so auslegen würde, dass derjenige, der sich an die Regeln hält, von Gott nicht geliebt wird und der, der alles oder zumindest viel falsch gemacht hat, von Gott mehr geliebt wird. Wenn ich weiß, dass etwas gut und richtig ist, dann muss ich das auch machen. Wenn ich etwas falsch gemacht habe und ich dazu stehe, aber nicht bereit bin, mich oder mein Verhalten zu ändern, dann hat das gar nichts mit Liebe zu tun. Es geht darum, vom Leistungsdenken in der Liebe und im Glauben weg zu kommen. Tolle Leistungen sind gut - aber sie machen einen nicht zu einem liebenswerteren, besseren Menschen. Was uns zu echten Menschen macht, ist die Fähigkeit, zu lieben, Liebe anzunehmen, nicht gegeneinander auf Kosten anderer, sondern miteinander zu leben. Uns gegenseitig zum Leben zu helfen und Gottes Hilfe anzunehmen. Seine Liebe, die uns wieder zurechtbringen will, wenn wir uns verrannt haben. Und auch in dieser Liebe keinen Wettbewerb zu sehen, den wir gewinne müssten, sondern eine Einladung, wirklich Mensch zu werden. Uns ehrlich anzuschauen - mit Gottes Augen. Als liebenswerte, aber eben nicht immer nur gute Geschöpfe. Amen