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Mittwoch, 4. April 2012

Wir sind viele! -Gründonnerstag, 05.04.2012, Reihe IV

Text: 1. Korinther 10,16-17
Liebe Gemeinde!


Ein idealer Abend, um miteinander zu feiern. Für mich zumindest. Nicht, weil wir hier in der Kirche heute besonders viele wären oder weil der Gottesdienst schöner als so viele andere ist. Sondern weil heute Abend auf der ganzen Welt in Gottesdiensten Abendmahl gefeiert wird. In Erinnerung daran, dass Jesus am Abend vor seinem Tod mit seinen Jüngern das Passahfest gefeiert hat. Ein Dankessen als Erinnerung daran, dass Gott sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Gott befreit. Ein schöner Anlass, zu feiern. Und an diesem Abend vor seinem gewaltsamen Tod, bei diesem bis heute für die Menschen jüdischen Glaubens so wichtigen Fest hat Jesus den Kelch mit Wein, aus dem gemeinsam getrunken wird, und das Brot, das geteilt wird, neu gedeutet: als Zeichen seiner lebendigen Gegenwart über seinen gewaltsamen Tod hinaus. Auch wenn heute vielleicht weniger Menschen in der Thomaskirche mitfeiern als an einem durchschnittlichen Sonntagmorgen: für mich ein idealer Abend, um zu feiern.

Mir wird an diesem Abend noch einmal ganz deutlich, dass unser Glauben uns in eine Geschichte stellt. Der Glauben an Gott, der Menschen befreit und der sich in Jesus zu erkennen gegeben hat, ist mehr als ein persönliches Ergriffensein, das unabhängig von mir belanglos wäre.
Der Glauben stellt mich in die Geschichte Gottes mit den Menschen. Nimmt mich in ein Geschehen mit hinein, dass mir hilft, mich selbst nicht absolut setzen, sondern mich befragen zu lassen – aber auch, das, was vor mir war, zu befragen. Ich gehöre mit hinein in die Geschichte Gottes mit den Menschen – dazu gehört zuallererst die Geschichte Gottes mit seinem Volk, mit dem Volk Israel und unseren Geschwistern jüdischen Glaubens. Jesus ist Teil dieser Geschichte und sein Leben, sein Sterben, seine Auferstehung sind nur in dieser Geschichte und mit dieser Geschichte zu haben, nicht daran vorbei. Jesus hat das Fest der Befreiung ge-feiert – so wie Juden das bis heute tun. Gott ist ein Gott der Freiheit, ein Gott, der aus ausbeuterischen Verhältnissen, aus Unterdrückung befreit. eine Geschichte, in die ich, in die wir hineingehören. Nicht, weil wir Juden wären oder werden müssten, sondern weil Jesus uns mit hineingenommen hat. Gott als Gott, der frei macht. Auch das dürfen wir uns heute Abend ganz besonders sagen lassen. Viel zu oft, und auch das ist Teil unserer christlichen Geschichte, haben wir Gott und Jesus nicht als den Befreier erlebt oder als Kirche verkündet, sondern als den, der straft, der in Regeln gefangen hält und der sich gegen andere wendet. Als einen kleinkarierten Gott, der Christen gegen Juden ausspielen würde oder Evangelische gegen katholische oder. oder, oder. Unsere Geschichte hat nicht nur schöne Seiten. Aber gerade heute Abend wird noch einmal deutlich, dass Jesus nicht zufällig an dem Abend dieses besondere Mahl gefeiert hat, der an die befreienden Taten Gottes erinnert. Ich glaube, dass es uns bis heute gut tut, dass wir uns das immer wieder sagen dürfen: Gott will keine Sklaven, Gott will keine Unterdrückung, weder körperliche spürbare noch wirtschaftliche noch geistige, sondern da, wo Gott uns Mut macht, in die Freiheit aufzubrechen, da wird ein Stück der Geschichte Gottes mit seinen Menschen erfahrbar.

Ein idealer Abend um zu feiern. Auch weil die Erinnerung an das letzte Mahl Jesu noch einmal deutlich macht, dass heute Abend nicht nur Christen in der Thomaskirche oder in Marburg oder in Deutschland, nicht nur evangelische Christen feiern, sondern dass weltweit Menschen feiern und sich in die Gemeinschaft mit Jesus hineinnehmen lassen. An diesem Abend wird mir persönlich das noch einmal viel deutlicher als an einem normalen Sonntag mit Abendmahl an dem wir zwar vielleicht in größerer Zahl in der Thomaskirche versammelt sind, aber eben doch der Blickpunkt oft auch auf unsere Kirche und unsere Gemeinschaft eingeengt bleibt. Ich finde es schön, dass in diesem Jahr zwei Verse von Paulus aus dem ersten Korintherbrief als Predigttext vorgesehen sind, die diese Einengung ganz deutlich aufheben: Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? Denn ein Brot ist's: So sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben.

Die Gemeinschaft ist groß. Zum einen ist die Feier eine Gemeinschaft mit Jesus. Indem wir es tun, indem wir das Dankgebet, und das ist hier mit „Segen“ gemeint, über dem Kelch sprechen, indem wir das Brot brechen und teilen, indem wir das tun und feiern ist Jesus einfach da. Wie das geschieht, da haben sich kluge Köpfe seit Jahrtausenden den Kopf zerbrochen, darüber sind dicke Bücher geschrieben worden, darüber haben sich Christen zerstritten und zerstreiten sich bis heute. Ist Jesus da, leiblich in Brot und Wein, wenn ein geweihter Priester in seiner Nachfolge die Einsetzungsworte spricht, wie es die katholische Lehre sagt? Ist Jesus im Moment der Feier gegenwärtig, wie es lutherische Lehre nahelegt oder doch nur symbolisch, wie die reformierte Theologie zu wissen glaubt? Es bleibt ein Geheimnis, Und das ist das Schöne. Wer Recht hat, lässt sich nicht beweisen. Paulus lässt die Frage auch völlig offen und entscheidet nichts. Die Gemeinschaft mit Leib und Blut Jesu – das heißt die Gemeinschaft mit dem Leidenden und dem Auferstandenen, mit dem, der das ganze Leben annimmt und verwandelt, geschieht dadurch, dass wir feiern.

die Gemeinschaft, das ist mir das Wichtigste, hängt nicht davon ab, mit welcher Ordnung gefiert wird. sie hängt nicht davon ab, zu welcher Kirche oder Konfession man gehört. sie hängt nicht davon ab, ob der Gottesdienst nach lutherischer, reformierter, katholischer, orthodoxer oder anderer Liturgie gefeiert wird. Auch nicht davon, ob der Priester prächtige Gewänder trägt und auch nicht davon, ob laut und schön oder kläglich gesungen wird. sie hängt nicht davon ab, ob Konfirmanden da sind, die aus Unsicherheit kichern und so ältere Menschen in ihrer Andacht stören oder ob ältere Menschen vielleicht unfreundlich zu Konfirmanden sind. Die Gemeinschaft hängt nicht an den Regeln, die wir Menschen aufstellen. Gott sei Dank. Sondern die Gemeinschaf ist da, weil Jesus es so will. Weil eine Gemeinschaft mit sich selbst schenkt. Weil er uns in unserer Unvollkommenheit ausgesucht hat, zeugen seiner Liebe und Größe zu sein und weil er gerade mit uns unvollkommenen, kichernden, mürrischen, rechthaberischen oder zu nachgiebigen Menschen Gemeinschaft haben will. Weil ausgerechnet wir in diese große Geschichte Gottes mit den Menschen hineingehören. Nicht, weil wir uns das so ausgedacht oder ausgesucht hätten, sondern wie er das so will.

ein ganz wichtiger Satz ist für mich: Denn ein Brot ist's: So sind wir viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben. Wir gehören zusammen, nicht, weil wir es uns ausgesucht haben, sondern weil uns das Feiern und Jesus verbindet. Er ist es, der für den Zusammenhalt sorgt. Ich finde das sehr entlastend. wir müssen keine künstliche Gemeinschaft herstellen. Wir dürfen auch unsere Fragen haben und vielleicht auch manches beim Anderen nicht verstehen. Das ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, dass Jesus uns trotzdem verbindet. wir sind eins. Verbunden mit den vielen, die Mitfeiern. An anderen Orten, mit anderen Riten, vielleicht auch manchmal so, dass es uns schwer fällt, ihr Mitfeiern zu akzeptieren. Aber nicht wir sind es, die die Gemeinschaft herstellen, sondern Christus. Gott sei Dank.

Amen.

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