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Donnerstag, 9. April 2009

Dienstleistungsabend - Gründonnerstag 2009, Reihe I

Text: Johannes 13,1-15
Liebe Gemeinde!
Zeigt her eure Füße! Wenn ich sie jetzt bitten würde, ihre Schuhe und Strümpfe auszuziehen und ich mich hinknien würde, um ihnen die Füße zu waschen - wenn sie mich nicht gleich für verrückt halten würden, wären die meisten doch peinlich berührt. Dabei sagt Jesus doch ausdrücklich: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe“. Und in Rom wird der Papst heute in der Gründonnerstagsliturgie tatsächlich einigen ausgewählten Menschen die Füße waschen. Ich habe vor vielen Jahren mal versucht, mit Konfirmanden als wir das Thema Abendmahl hatten, eine Fußwaschung mit einzubauen - es ging grandios daneben. Mir zeigt diese Fußwaschung, wie schwer es ist, die Bibel einfach so eins zu eins wörtlich zu nehmen. Heute würde das, was zur Zeit Jesu zwar anstößig, aber Teil der Kultur war, vorwiegend Beklemmung und Kopfschütteln auslösen und den Blick auf das, was Jesus eigentlich will, verstellen.
Was Jesus hier tut, ist eigentlich ungeheuerlich. Dass ein guter Gastgeber dafür sorgt, dass den Gästen zur Erfrischung die Füße gewaschen werden, in einer staubigen Weltgegend, in der es heiß ist und die Menschen in einfachen Sandalen unterwegs waren, war nichts Ungewöhnliches. Wer etwas auf sich hielt als Gastgeber, hat den Gästen das zukommen lassen. Aber er hat es eben nicht selber gemacht. Es war eine typische Sklavenarbeit. Sie war, im wahrsten Sinn des Wortes, erniedrigend.
Und hier ist für mich der erste wichtige Punkt, an dem sich das letzte Abendmahl, von dem die anderen drei berichten, die Fußwaschung, von der Johannes erzählt, und unser Leben heute berühren. Jesus gibt sich ganz und gar hin. Seine Herrschaft erfüllt sich im Dienen. Nachfolge Jesu ist immer zuerst Dienstleistung. Als einzelner Christ, als einzelne Christin, als Gemeinde, als Kirche im Ganzen. Dienstleistung für den Nächsten. Natürlich geht es auch darum, die guten Dienste, die in der Nachfolge Jesu geleistet werden, bekannt zu machen. Aber wo Machterhalt und Machtgewinn, wo Einfluss und Bekanntheitsgrad von Spitzenpersonen Antriebsfeder oder Messlatte für die Qualität und den Erfolg kirchlicher Arbeit sind, läuft etwas gehörig schief.
Eine andere wichtige Gemeinsamkeit von letztem Abendmahl, Fußwaschung und Gemeinde in der Nachfolge Jesu 2009 ist, dass Jesus nicht in die Gemeinschaft der absolut Reinen und Vollkommenen beruft und die Gemeinschaft, die sich um Jesus schart, nicht die perfekte Gemeinschaft ist. Hier, bei der Fußwaschung, wird das in zwei Momenten deutlich: der Verräter wird nicht weggeschickt. Er behält seinen Platz. Jesus macht sich vor ihm genauso klein, er bückt sich vor ihm genauso wie vor allen anderen. Es ist nicht Jesus, der den Verräter ausschließt, sondern er schließt sich selbst aus. „Ihr seid rein, aber nicht alle“ - das liegt nicht daran, dass Jesus es ihm nicht gönnen würde oder ihn anders behandelt, sondern es liegt daran, dass Judas bereit ist, einen Verrat zu begehen. Gott lädt in Jesus wirklich jeden ein, zu ihm zu kommen, sich von ihm dienen zu lassen. Was Menschen aus dieser Einladung machen - das steht dann auf einem anderen Blatt. Aber gerade wenn es um das Abendmahl geht, dann machen mir dieser Gründonnerstag und das, was über ihn in der Bibel steht, noch einmal sehr deutlich, dass nicht wir Menschen die Einladenden sind. Kein Kirchenvorstand, kein Pfarrer, kein Bischof. Jesus lädt ein. Und kein Mensch, und sei er auch noch so hoch in kirchlichen Hierarchien aufgestiegen, hat das Recht, andere auszuladen. Wer darin eine Kritik an der katholischen Kirche hören will, hat Recht. So sehr ich die Ökumene liebe, so sehr leide ich auch darunter, dass die Einladung, die Gott uns in Jesus und diesem Mahl, in dem wir seine lebendige Gegenwart feiern, nicht an alle weitergegeben wird. Aber auch wir Evangelischen sollten hier die Nase nicht zu hoch tragen. Gerade im evangelischen Bereich gibt es eine lange und, wie ich finde, unrühmliche Geschichte der Kirchenzucht, in der Pfarrer oder Kirchenvorstände Menschen, die sie für unwürdig hielten, von der Teilnahme am Abendmahl ausschlossen. Wenn Jesus sogar seinen Verräter einlädt, weshalb sollten unsere Herzen dann so eng sein?
Der zweite Moment, in dem deutlich wird, wie gemischt die Gemeinschaft ist, die eingeladen ist, zeigt sich, als Jesus den übereifrigen Petrus zurechtweist. Petrus möchte mal wieder besser sein als alle anderen. „Nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt!“ So hätte er es gern. Die Übereifrigen, diejenigen, die immer noch mehr wollen und vielleicht auch brauchen - auch sie sind Teil der Gemeinschaft. Heil wirst du, heil wird dein Leben nicht durch die Masse der guten Dienstleistungen, die du vielleicht auch über dich ergehen lässt und für dich forderst. Heil wirst du dadurch, dass du die Liebe Gottes, die in Jesus Gestalt gewonnen hat, einfach geschehen lässt. Heil wird dein Leben dann, wenn du Liebe wirklich annehmen kannst. Das ist ja das Problem, das Petrus hatte. Er wollte die Liebe, die Jesus ihm zeigte, nicht annehmen und nicht geschehen lassen. Lieber wollte er selbst was tun. Und vielleicht ist Petrus da ja auch ganz modern. Etwas schaffen, etwas verdienen, damit können wir ganz leicht etwas anfangen. Aber Liebe einfach so anzunehmen, ohne Gegenleistung, einfach sich was Gutes tun zu lassen - das fällt oft nicht leicht. Ich meine nicht die manchmal zu weit verbreitete Haltung: Ich nehme, was ich kriegen kann, egal, ob es mir zusteht. Ich meine nicht das Schmarotzertum, das lügt und betrügt und sich alles irgendwie zusammenschnorrt. Um diese Haltung geht es hier nicht. Hier geht es um die Grundhaltung, dass ich glaube, mir Liebe verdienen zu müssen. Aber nur der, der Liebe erst einmal annehmen kann, wird fähig, selber zu lieben. Nur der, der Dienste annehmen kann, wird mit freiem Herzen, ohne Hintergedanken, dienen können. Nur wenn ich weiß, dass ich etwas wert bin, werde ich andere wirklich wertschätzen können. Das ist das Geschenk, das Jesus hier macht: die voraussetzungslose Liebe, der stärkende Dienst, die Freiheit, die aus der Grunderfahrung entsteht, dass ich geliebt und angenommen bin. Du musst nicht um dein Leben, um deinen Wert kämpfen. Du musst dich nicht groß machen, denn du bist schon längst etwas. Um dieses Geschenk Jesu geht es. Das ist das Vermächtnis, das er am Abend vor seiner Gefangennahme und Hinrichtung seinen Jüngern hinterlassen hat. Wir feiern gerade heute, am Gründonnerstag, die Liebe, die Gott uns in Jesus Christus geschenkt hat. Die lebendige Gegenwart dieser Liebe, die eben auch erträgt, dass die Gemeinschaft derer, die mitfeiern, nicht vollkommen ist. Die Liebe, die nicht ausgrenzt, sondern hereinholen will. Sowenig, wie wir heute ein richtiges Passahmahl feiern, so wenig waschen wir uns dabei auch untereinander die Füße. Entscheidend möge aber sein, dass wir die Worte Jesu nicht vergessen: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“ Es geht nicht darum, wortwörtlich Jesus abzubilden. Das könnten wir gar nicht. Es geht darum, seine Liebe weiterzutragen. Als dienende Liebe, die nicht den eigenen Vorteil sucht. Als offene Liebe, die auch die erträgt, die nach unseren Maßstäben der Liebe nicht wert sind. Als einladende Liebe, die Mut auch in schweren Zeiten macht. Aus dem Bewusstsein heraus, dass wir alle längst geliebt und wertvoll sind.
Amen

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